Themenabend Cyberirgendwas …

Gestern großes Thema in der ARD, Cybergrooming, Leute, die sich an junge Menschen ran machen, Machtausübung, Erpressung, Kindersex – alle Signalwörter versammelt? Es gab einen dramaturgisch völlig überfrachteten Film dazu und dann eine Diskussion bei Frau Maischberger.

Dort durfte eine Mutter darüber reden, wie ihre Teenager-Tochter mit einem vierzig Jahre älteren Mann verschwand, und gleich dabei verschweigen, dass ihre älteren Töchter darüber berichtet haben, dass die jüngere von der Mutter regelmäßig geschlagen wurde. (Kriegt man übrigens nach zwei Minuten Google-Recherche raus, ich habe mir das nicht ausgedacht)

Außerdem erzählte eine Mutter, wie sie ihren Kindern das Internet auf dreißig Minuten pro Tag reglementiert hat, und es deshalb keine Probleme gab. Andere Menschen erzählten, dass JEDES Kind irgendwann mal im Internet auf Leute trifft, die es sexuell missbrauchen wollen. Und natürlich gab es auch eine Lösung: Sobald das Kind ins Internet kommt, soll man ihm möglichst viel Angst machen, weil das Internet ja so fürchterlich gefährlich ist.

Jetzt will ich keinesfalls bestreiten, dass es viele Arschlöcher im Internet gibt, die solche Praktiken betreiben und schlechteste Absichten haben. Da werden ein paar der seltenen Pädophilen drunter sein, meistens wird es eher um Macht gehen, darum, mit dem eigenen geringen Selbstvertrauen irgendwie klar zu kommen – wie bei so vielen anderen Straftaten im Bereich der Sexualität.  Und manche derer, die da angesprochen werden, werden auch wirklich zu Opfern. Andere machen sich einen Spaß daraus, die alten geilen Böcke zu verarschen, oder sie blocken Leute, die ihnen komisch kommen einfach weg und gut ist.

Gibt es einen Grund für Panik? Es gibt fast nie einen Grund für Panik und Panik ist auch nie eine gute Idee. Muss man mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen? Klar. Aber nicht in dem man ihnen Angst vor dem Internet macht. Wer Angst hat, macht doch viel eher Fehler, und wenn Mama das Internet verbietet, ist es doch erst richtig spannend, was man da alles finden kann. Also völlig falscher Ansatz.

Der richtige Ansatz ist erstens ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern – die Tochter regelmäßig schlagen, gehört da übrigens nicht zu, Frau Meine-Tochter-ist-mit-einem-alten-Mann-weggelaufen -, und die Sicherheit, dass man als Kind auch mit jedem Mist, den man fabriziert hat, zu den Eltern kommen kann, und die einen trotzdem unterstützen. Zweitens müssen Kinder wissen, dass sie ihrem Instinkt vertrauen können, dass man großes Vertrauen in sie setzt und sie für sich selbst auch im Internet selbst verantwortlich sein können und müssen. Dann wissen sie auch, dass sie Menschen, die ihnen seltsam vorkommen, meiden können, dass sie nicht höflich sein müssen. Und wenn man dann drittens noch klar macht, dass sie selbstbewusst mit ihrer eigenen Sexualität umgehen dürfen, dann wissen sie auch instinktiv selbst, wem sie Nacktbilder schicken können und wem nicht. (Denn es ist ihre Sexualität, verbietet man ihnen die Nacktbilder, machen sie sie erst recht und schicken sie den falschen. Hey, sie können das selbst regeln. Man glaubt gar nicht, was Kinder und Jugendliche alles auf die Kette kriegen, wenn man es ihnen nur zutraut.)

Wir sind heute eine ängstliche Gesellschaft, die ihre Kinder zu noch mehr Angst erzieht, den Kindern nichts mehr zutraut und ihnen auch nichts mehr abfordert. Da passt so ein Themenabend natürlich zu. Verteufeln wir doch einfach das Internet, jagen den Menschen noch mehr Scheißangst ein, und letztlich, machen wir die Kinder, die das alles ausbaden müssen, noch viel einfacher zu Opfern. Manchmal kann man nicht so viel Essen ….

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 29, 2016, in Bildungspolitik, Fernsehen, Gesellschaft. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Puh, schwieriges Thema. Und ich bin fast vollständig damit einverstanden, was Du schreibst. Aber nur fast.

    Kinder machen Fehler und lernen daraus. Das ist so lange super, bis die Konsequenzen der Fehler zu schlimm werden. Der etwas platte Spruch „Was einen nicht umbringt, macht einen hart.“ geht da zwar zu weit, hat aber einen wahren Kern, vielleicht „Was einem nicht dauerhaft schadet, hilft einem zu lernen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass es Dinge gibt, die man lehren muss, und Fehler, vor denen man ein Kind nach Kräften bewahren muss – manchmal eben auch mit Verboten.

    Ein Verbot ohne Erklärung und Grund ist fast immer sinnlos. Das beachtend sind Verbote aber auch ein sinnvoller Teil der Erziehung. Bevor meine Kinder nicht gelernt haben, sicher die Straße zu überqueren, dürfen sie nicht alleine raus. Und bis sie gelernt haben, bei der Straßenüberquerung zügig und zielstrebig zu gehen, muss meine Jüngste an der Hand über die Straße.

    Die Erklärung folgt dann kindgerecht und so gut ich es kann – im Zweifelsfall aber auch vereinfachend und die Details übergehend, darauf vertrauend, das mein Kind mir vertraut, wenn ich ehrlich sage, dass ich nicht weiß, wie ich eine bestimmte Thematik erklären soll.

    • Ja, kann ich alles gut nachvollziehen. Es geht aber bei der Thematik Internet vor allem um Kinder und Jugendliche, bei denen das Alter zweistellig ist. Verbote, die bei jüngeren Kindern auch nicht die Regel sein sollten, sondern der Notbehelf, weil Kinder eben für manche Erklärungen auch arg jung sind, werden, je älter die Kinder werden, nicht nur unnötiger, sondern auch schädlicher.
      Trotzdem verbiete ich meinen Schülern, durch Null zu teilen. Manchmal geht es eben nicht anders 😉

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