Es ist ein Kulturkampf und wir können ihn verlieren

Der aktuelle Anlass für diesen Blogpost ist ein Artikel über die Ideen der AfD in Sachen Kulturpolitik. Die ist natürlich so rückwärtsgewandt, wie man es sich nur vorstellen kann, und ja, aus aufgeklärter Sicht sind sie strunzdoof und einfach lächerlich, und doch bin ich ins Grübeln gekommen.

Die AfD will in völkischer Tradition eine Form der Kultur, die das Deutsch-Sein befördert. Sie wollen am nationalen Kitsch der Romantik anschließen, sie wollen ein Theater, das gefällige Beispiele für deutsche Werte bringt, irgendwie sowas. Das ist alles hanebüchen. Natürlich. Die haben Brecht nicht verstanden. Natürlich. Die haben das absurde Theater nicht verstanden. Natürlich. – Nein, die wollen all das, was seit irgendwann im 19. Jahrhundert passiert ist, gar nicht verstehen.

Und da ist das Problem, dass die Kultur von heute so wehrlos macht. Da sind Millionen Menschen, die von der Hochkultur schon lange verlassen ist, und die dann, während Helene Fischer und Xavier Naidoo im Hintergrund laufen, davon sprechen, dass im Theater nur Nackte multikulti machen und in den Konzerthäusern vertontes Zahnweh geboten wird und in den Museen „irgendson Quatsch hängt, den ich dir auch in fünf Minuten besoffen auf die Leinwand huste!“ Und wenn dann die Theater und Museen große Plakate hängen, in denen sie sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären, dann sind die Fronten geklärt. Dann sagen diese Menschen: „Wir gegen die!“

Wenn sich Menschen von den Eliten abgehängt und unverstanden fühlen, dann trägt, so  traurig das ist, die Kulturkaste daran einen gar nicht so kleinen Anteil. Denn Kultur in Deutschland ist viel zu oft eine Sache für Besserverdienende, so bürgerlich und spießig, wie man es sich nur denken kann. Die ganze Kulturlandschaft wirkt viel zu oft wie ein ewiges Jazzkonzert, also wie musikalische Onanie, die keinem weh tut.

So, wie das Bildungssystem die Schotten dicht gemacht hat und heute nur noch Kinder von Akademikern problemlos Akademiker werden können, so hat die subventionierte Kultur vor die gleichen Schotts dicke Vorhängeschlösser gemacht. Der Prozentsatz von Menschen, die mit zweihundert Euronen und mehr subventionierte Opernkarten erwerben und keine Aktienpakete besitzen, ist verschwindend gering. Und viel anders sieht das in anderen Bereichen auch nicht aus. Gerade für die Hochkultur braucht man meistens auch einen hohen Kontostand – denn Kultur wird als Statussymbol gesehen. Und die Betuchten sehen sich dann auch gern mal eine kleine Kritik hier und da an ihrem Lebensstil an – man darf nicht vergessen, die allermeisten Künstler sind politisch schon irgendwo links – aber zu kritisch darf es nicht werden. Selbst ein Genie wie Schlingensief war in der Hochkultur nur geduldet. Und die Rezensenten der Zeitungen, die Opernpremieren beseprechen, haben sicherlich schon ein paar Textbausteine, die ausdrücken, dass das Publikum von der Musik begeistert war, aber traditionell die Regie ausbuhte. Es sind ja alles Rituale …

Ja, ich mecker ja nur, und ich habe noch nicht so recht klar gemacht, wie das mit der AfD jetzt zusammenhängt – ja, ich bin mir meiner Geschwätzigkeit bewusst. Aber man darf mein Gemecker nicht falsch verstehen. Ich bin kein Feind der Hochkultur, ich steh auf gut gemachtes modernes Theater, geh gern in die Oper oder auch mal ins Konzert. Ich kann mich sogar von moderner Kunst berühren lassen, auch wenn bildende Kunst für mich keine Herzensangelegenheit ist. Und ich bin davon überzeugt, dass man viel mehr Menschen mit dem, was man heute in der Hochkultur so macht, begeistern kann. Ja, ich bin überzeugt, dass man etwa achtzig Prozent der Menschen mit dem heutigen Theater, mit Musik mit zwölf Tönen, mit Choreographie oder moderner bildender Kunst erreichen kann – nur wenige mit allem davon, aber wir wollen ja ruhig mal klein anfangen. Ja, es gibt zwanzig Prozent Menschen ohne irgendeine Ader für Kunst. Es gibt Menschen, die jede Musik für Quatsch halten, ja, gibt es alle, aber die Reserve derer, die man erreichen könnte, ist unglaublich groß.

Was mein Problem ist: Es wird viel zu wenig versucht. Es gibt hier und da diese Leuchtturmprojekte, wo ChoreographInnen Menschen in Massen zum Tanzen bringen, es gibt TheaterpädagogInnen, die mit Hauptschülern Shakespeare spielen, es gibt Ansätze. Meistens übrigens aus der freien Szene, meistens von Menschen, die sich schrecklich selbst ausbeuten und verdammt selten von Seiten der hochsubventionierten Häuser. Solche Projekte sind auch nicht besonders interessant für Sponsoren, denn sie sind ja gern ein bisschen rau und eckig, keine professionelle Perfektion. Aber sie sind, was wir brauchen.

Wir brauchen Kultur von unten. Ernsthaftes künstlerisches Arbeiten mit Schülern und Senioren, mit Arbeitslosen und Geflüchteten, mit Menschen, die sonst nicht ins Theater, Museum oder die Oper kommen. Kein Selbsterfahrungskitsch, keine VHS-Aquarellkurse – ja, ist auch alles schön – sondern wirklich Kunst, wirklich Auseinandersetzung, wirklich Experiment – und vor allem auch wirklich für Publikum. Kein Wohlfühljazz, der keinem weh tut, sondern künstlerische Auseinandersetzung mit einem neuen Jahrtausend.

Warum? Na, ganz einfach, wer künstlerisch jemals tätig war, wer auf Bühnen gestanden, gesungen und getanzt hat, wer offen mit dem Neuen umgegangen ist, das die Kunst jeden Tag künstlerischer Arbeit für uns bereit hält, der ist für Faschismus nicht mehr wirklich leicht empfänglich. Allein wenn Menschen Harry Potter gelesen haben, wählen sie doch nicht AfD – ich mein, das sind Todesser, ist doch offensichtlich. Wie viel mehr wirkt es, wenn man selbst künstlerisch tätig ist. Das kann man nämlich kaum, wenn man keine Offenheit für Andere und Anderes hat. Und ganz nebenbei: Wer selbst hier und da auf einer Bühne gestanden hat, schaut sich auch andere Menschen auf Bühnen an, wer mit Farbe und Leinwand experimentiert hat, geht in Museen, es wäre auch eine Win-Win-Situation für alle subventionierten Häuser, wenn sie sich um ein breiteres Publikum bemühen würden.

Natürlich ist eine Kultur für die Breite nicht machbar. Dafür gibt es viel zu viele Politiker, die nicht neben Ali oder Kevin in der Oper sitzen wollen. Und es ginge nur mit Politik. Wer sonst soll entweder die subventionierten Häuser dazu zwingen, Kultur in die Breite zu bringen, oder selbst Kulturkontributoren bezahlen, die dorthin gehen, wo man noch nichts von Hochkultur gehört hat, und dort für Rabatz sorgen. Das geht nur über eine Politik, die vor der Kunst nicht zurück schreckt und das macht, was Politik und Staat immer tun sollten: Ermöglichen!

Als vor weit über achtzig Jahren die Faschisten in Deutschland die Macht übernahmen, war der Staat und die Politik schutzlos – und leider konnte auch die Kultur nicht gegenhalten. Und das, obwohl die 20er Jahre eine Kultur in Deutschland gesehen hatten, die Weltrang hatte – das letzte Mal übrigens. Aber schon damals war die Kultur in sich relativ abgeschlossen und wenig kämpferisch. Die großen Akteure der 20er retteten ihre Haut und emigrierten. (Auch ein Grund, heute Flüchtende aufzunehmen. Wir brauchen dringend neue kulturelle Impulse.) Und natürlich war es richtig, dass sie emigrierten – schließlich wurden viele umgebracht, die nicht fliehen konnten. Allerdings werden die Länder zum Flüchten langsam selten. Wir sollten lieber den Kampf aufnehmen. Mit allen Mitteln der Kunst gegen Faschismus, gegen Rassismus, gegen Supremacy an sich. Wir müssen allerdings dafür ein bisschen Bequemlichkeit aufgeben.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 25, 2016, in Gesellschaft, Kultur, Kunst, Nicht kategorisiert, Oper, Theater. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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