Ein Buchenwald

Es ist Oktober und es ist kalt, fünf Grad vielleicht. Als ich aus dem Auto steige, mich nach einigen Stunden Fahrt strecke, spüre ich schon, dass ein bisschen Kälte auch in mein Inneres strömt. Es ist die strenge Architektur der SS-Häuser. Aus welcher Zeit diese Häuser stammen, ist nicht zu übersehen.

Ich stehe vor der Gedenkstätte des KZ Buchenwald. ich schließe mich einer Gruppe an. Ein rüstiger Mittachtziger versammelt einige Besucher um sich, präsentiert Fakten, Dimensionen erstehen. Der alte Mann erzählt, dass er die Häftlinge als Kind selbst durch die Orte ziehen sah, ja, natürlich wusste jeder in Weimar bescheid. Wie hätten sie es übersehen können.

Die Struktur wird klarer. Ja, das meiste weiß ich, aber wissen ist nicht gleich wissen. Ich gehe den Weg, den sie rennen mussten. Sie, die vielen tausend Häftlinge, die hier eingesperrt wurden, und von denen so viele hier ihr Grab in den Lüften fanden. Mehr Tote als Einwohner in meiner Heimatstadt, zweimal, dreimal. Und wir reden nicht über die Züge, die von hier nach Auschwitz fuhren.Es ist so kalt.

Das Tor. Jedem das Seine. Jedem. Das. Seine. ich mache Fotos, die ich mir hinterher nicht mehr anschaue. Fotos, um mich abzulenken. Um irgendwie klar zu kommen. Und dann durchs Tor hindurch und dort stehen, wo sie standen, stundenlang im Appell, kaum bekleidet. Der Wind zieht hier brutal. Ich friere in meiner Winterjacke. Nordhang, wohl dem, der winddichte Kleidung hat. Also wohl mir. Wie lange hätte ich das ausgehalten? wie schnell wäre ich durch den Schornstein gegangen, der von hier aus schon zu sehen ist?

Momente des Gedenkens, ja, klar, irgendwie schon, aber mehr des Begreifens. Die Weimarer spazierten fünfzig Meter von hier vorbei, während hier Menschen verhungerten, erfroren, zu Tode gequält wurden. Ein Schornstein, der nie ohne Rauch war. Und was muss Lager samt Schornstein für einen Gestank über Weimar hinziehen lassen haben? Hätte ich noch irgendwelche Illusionen gehabt, hier würde ich sie verlieren. Der alte Herr schneidet sie mit seinen Fakten aus den Menschen heraus. Mein tief empfundener Dank!

Das Krematorium. Der Hof, den man von Bildern mit Leichenbergen kennt. Ich gehe darüber hin, ich gehe in das Gebäude und stehe vor einem solchen Foto. Vergrößert, eine ganze Wand. Das ist da, wo ich eben noch stand, Boden, über den ich eben ging. Mein Inneres gefriert. Dann Öfen, so viel deutsche Wertarbeit. Vielleicht wäre es gut, wenn man sich erbrechen könnte, seinem Abscheu Ausdruck geben. Die Treppe die in den Leichenkeller geht. Und ich stehe davor und ich will nicht mehr. Ich will nicht noch mehr spüren, begreifen, nachfühlen. Ich bleibe oben.

Die nachgebaute Ermordungsanlage dann, fast eine Wohltat, denn die ist nicht so echt. Und sie macht wieder mehr wütend, weniger fassungslos. Wie tiefgreifend böse. Wie zynisch. Und alle Worte reichen nie so ganz. Ein Text muss hier immer mager bleiben. Verdünnt.

Es dauert vier Monate, bis ich das hier in Worte fasse. Weil der 27. Januar ist. Weil die Befreiung von Auschwitz ein Moment ist, in dem ich mich dazu zwingen kann. wenigstens diese dürftigen Worte zu suchen. Die Kälte steckt noch in mir. Die Kälte und die kalte Wut.

Ich spüre keine Scham und keine Schuld, ich weiß, auf welcher Seite des Zauns ich gestanden hätte.

Ich spüre kalte Wut auf jeden, der den Buchenwald vergessen will, auf jeden, der seine jämmerliche Identität auf Blut und Abstammung gründet, auf jeden, der sein Leben wichtiger erachtet als das der Anderen.

Alerta!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Januar 27, 2017, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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