Archiv für den Monat Juni 2017

Verbot heißer Höschen?

Bin eben über ein Interview in der Zeit gestolpert (hier). Habe mich geärgert, und zwar hart geärgert. Weil da wieder so ein Erziehungsexperte spricht, der ganz offenbar absolut antiemanzipatorisch denkt.

Also, worum geht es? Da werden spezielle Kleidungsstücke verboten, und es sind natürlich nur knappe Höschen und tiefe Ausschnitte für Mädchen und junge Frauen. Ich bezweifel hart, dass irgendwer problematisiert, wenn an Tagen wie dem heutigen bei 32 Grad im Schatten Jungen und junge Männer oben Ohne im Unterricht sitzen. Aber es sind Ausschnitte und Hotpants, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die gleich verboten werden. Von evangelikalen Privatschulen kennt man sowas – nun gut, dass eine solche Schule eigentlich in einem säkularen Staat nicht geduldet werden dürfte, sollte eh klar sein -, auf öffentlichen Schulen ist das eigentlich seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich.

Aber es geht ja hier nicht nur um einen Rückschritt, hier kann mensch doch wirklich mal kurz darüber sinnieren, was solche Verbote ausdrücken, und was sie anrichten. Die Aussage ist eindeutig. Der weibliche Körper ist anders als der männliche, unbedingt zu verhüllen, zumindest einige Teile, weil der Anblick dieser Teile beim anderen Geschlecht dazu führt, dass man abgelenkt ist, wahrscheinlich werden auch Blutstau und feuchte Tagträume befürchtet – und natürlich könnte es sein, dass sich irgendwelche männlichen Wesen nicht beherrschen können.  Kurz, ein solches Verbot ist nichts anderes als ein klarer Beweis für die vorhandene Rape Culture.

Was richten solche Verbote an? Natürlich verstärken sie schon ohne tatsächliche Anwendung das Slutshaming – Mädchen, die gerne ein bisschen mehr frische Luft haben, werden problematisiert, weibliche Körper werden problematisiert. Ich finde ja, das Problem sind die Kerle, die ihre Augen oder gar ihre Hände nicht bei sich halten können. Wird das Verbot dann wirklich angewendet, dann muss die Lehrerschaft entweder Schülerinnen dazu zwingen, mehr anzuziehen – was peinlich ist und auch ein Temperaturproblem darstellen kann – oder sie müssen sie nach Hause schicken – und das ist nicht nur peinlich, sondern auch kompliziert wegen Versicherung und so weiter, und es fährt kein Schulbus und Eltern müssen ihre Kinder abholen, sind aber eigentlich arbeiten, welche Freude. Schülerinnen werden gebrandmarkt und bloßgestellt – also lieber Herr Experte, ich könnte das aus pädagogischer Sicht nicht unterstützen, ich halte das für alle Lernenden schlecht, und wenn es sich dann noch auf ein Geschlecht konzentriert, dann ist es sogar noch sexistische Diskriminierung.

Aber was ist denn jetzt mit den großartigen Argumenten für das Verbot: Mitschüler werden abgelenkt, und männliche Lehrer auch. Zum Ersten: In der Pubertät werden alle Lernenden ständig abgelenkt. Das ist ja auch der Grund, warum Beschulung in der Mittelstufe oft eh schon relativ sinnlos ist. Und da machen dann auch ein paar Zentimeter mehr oder weniger Stoff nicht viel aus. Allerdings wird durch das Verbot die Sexualisierung von Mädchenkörpern natürlich gesteigert – will sagen, so ein Verbot betont noch mal, wie spannend es zum Beispiel ist, wenn männchen ein bisschen Slip oder einen BH-Träger zu sehen bekommt. Wenn man die Ablenkung minimieren wollte, würde man die Schüler einfach von frühester Jugend an ein paar Mal im Jahr ins FKK schicken, dann wäre das alles gar nicht mehr so spannend und man könnte mit deutlich weniger Ablenkung unterrichten. Zum Zweiten: Oh, ich bin gerade jetzt, wo es so warm ist, quasi täglich damit konfrontiert. Ich weiß also, wie ich mich als männlicher heterosexueller Lehrer fühle, wenn ich in Dekolletés oder auf knappe Höschen blicke. Und ja, manchmal sieht man, egal ob man das will oder nicht, Dinge, die eine erotische Wirkung haben – denn keine Professionalität der Welt macht jemanden zu einem nichtsexuellen Wesen -, und wo ist jetzt das Problem? Dann habe ich halt gerade was Anregendes gesehen, und? Jetzt kommen Professionalität und Anstand ins Spiel. Die Professionalität, die Beruf und Freizeit trennt, und der Anstand, der auch sonst meinen Trieb so weit beherrscht, dass ich nicht im Park über Frauen herfalle. Kurz, es ist nicht schlimm, dass Lernende sexuelle Wesen sind und das auch Lehrende sexuelle Wesen sind, es ist eine Tatsache und jeder muss einen Weg finden, damit umzugehen – das schaffen eigentlich auch alle. Ist nicht so schwer. Braucht es keine Verbote für. Die machen es nur schwerer.

Jetzt heißt es im Interview, dass Schülerinnen vor sich selbst geschützt werden sollen. Richtig, das Argument muss natürlich auch noch kommen. Es sagt, dass Kinder und Jugendliche ja so unmündig und dumm sind, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und sie brauchen ja immer unseren Schutz. Einen Scheiß brauchen die! Ja, es gibt diese Momente, in denen sich Pubertiere seltsam anziehen, sich Frisuren machen, die spektakulär hässlich sind und sich zu bunt anmalen. Deswegen sind sie ja Pubertiere. Die lernen daran. Das ist normal. Und richtig, es gibt im Leben von einigen Zwölfjährigen den Tag, an dem das neue Top doch luftiger ist, als gedacht und frau sich den ganzen Tag unwohl fühlt, weil sie darauf achten muss, dass ihr keiner von der Seite auf die Nippel sehen kann. Auch aus diesem Tag lernt frau, so vermute ich – auch wenn es sicherlich besser wäre, wenn weibliche Nippel die gleiche Beachtung und Aufregung verursachen würden, wie männliche Nippel, also keine. Junge Menschen lernen aus Fehlern, und auch wenn es für die Erziehenden und Lehrenden viel praktischer wäre, wenn sie sich nicht mit den Fehlern der jungen Menschen auseinandersetzen müssten, es geht hier nicht um Bequemlichkeit.

PS Lieber Herr Dehnert, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nazi-Shirts und einem tiefen Ausschnitt, sowas sollte man nicht der billigen Provokation wegen gleichsetzen.

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Zehn Dinge, die eine linke Partei sagen müsste, damit wir sie ernst nehmen können

  1. Wir koalieren nicht mit Konservativen, Neoliberalen und schon gar nicht mit Faschisten.
  2. Links ist die Zukunft. Wir fragen neue Fragen und beantworten sie nicht mit alten Antworten. Die Gesellschaft verändert sich, und nur mit linker Politik verändert sie sich zum Guten.
  3. Jeder Mensch braucht ein Einkommen, von dem sich leben lässt. Die menschenverachtende Praxis von Hartz 4 und Agenda 2010 muss abgeschafft werden.
  4. Der Kapitalismus hat gezeigt, dass er außer Destruktion nicht viele Talente hat. Selbstverständlich diskutieren wir, wie das momentane Wirtschaftssystem reformiert und letztlich überwunden werden kann.
  5. Links ist international. Wir wollen bessere Politik nicht nur für das Land, in dem wir leben, sondern für die ganze Welt.
  6. Wenn das Klima für nachfolgende Generationen noch lebenswert und überlebbar sein soll, dann müssen wir jetzt radikal umschwenken. Da darf es keine Kompromisse und keine Rücksicht geben.
  7. Wir müssen aufhören, Kinder und Jugendliche zu braven Konsumenten auszubilden, wir brauchen große Investitionen in eine echte Bildung, in der nicht Geschwindigkeit und Scheinkompetenz zählt, sondern die Fähigkeit zu kritischem und kreativen Denken, damit sie mit den Fehlern unserer Generationen erfolgreich umgehen können.
  8. Von uns geht Frieden aus. Bewaffnete Einsätze der Bundeswehr müssen die absolute Ausnahme sein, humanitäre Einsätze ohne Waffen sind unsere Pflicht. Nur wenn wieder ein Auschwitz oder Treblinka zu verhindern ist, müssen Waffen sprechen. Ansonsten darf die Bundeswehr nur Verteidigungsarmee sein.
  9. Vielfalt ist unsere Stärke. Woher ein Mensch stammt, sagt nichts über ihn aus. Wir treten dem Hass entgegen, wir treten der Angst entgegen, beteiligen uns nicht an Abschiebungen und Schikanen gegen Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Wir wollen den Asylparagrafen im Grundgesetz wieder so umfassend gültig machen, wie er einst war.
  10. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber allen, die unsere Vorfahren so barbarisch verfolgten und ermordeten. Egal ob Juden, ob Sinti oder Roma, wenn wir als deutsche Gesellschaft etwas tun können, damit die Nachfahren derer, an denen unsere Vorfahren so schreckliche Verbrechen begangen, heute weniger Leid erfahren, dann ist das unsere Pflicht.