Tage, an denen man sich erinnert …

Ich muss hier gerade mal etwas in die Tastatur heulen. Ist ja eigentlich nicht meine Art, aber ich habe gestern Abend eine Mail bekommen, die mich stolz, traurig und eigentlich sogar total fertig macht. Ich mein, es ist toll, aber ich halte es kaum aus. Die Mail liest sich so:

Wollte mich kurz melden und mich einfach bedanken für deine Unterstützung und Inspiration. Sollte jetzt 8 Jahre her sein das ich dich kennen gelernt habe und ich hätte nie gedacht das für mich die ganze Schauspiel Geschichte mal ernst wird. Letztendlich hab ich’s einfach versucht, Recht spontan bei ner privaten Schauspielschule in Köln vorgesprochen, Glück gehabt und diese Woche den Ausbildungsvertrag unterschrieben. Also, danke das du mich in gewisser Weise dahin gebracht hast !“

Lieber F. es ist eher zehn Jahre her, du warst in der vierten Klasse, ein Clown und absolut bezaubernd. Und du machst das jetzt richtig, ziehst das durch. Meine Fresse, ist das gut.

Für die Leser, die hier einfach nur so reingeschlittert sind, ich habe etwa zehn Jahre lang Theater gemacht, mit Kindern und Jugendlichen und natürlich auch Erwachsenen. Das ist jetzt sechs Jahre her. Und es fehlt mir jeden Tag. Jeden verdammten Tag. Vor sechs Jahren hatte ich das Unglück, dass sich eine minderjährigen Schülerin in mich verliebte, und ich zu doof und zu geschmeichelt und auch ein bisschen zurückverliebt war, und auch wenn nichts passierte, und ich mir nur vorzuwerfen habe, mich nicht zurückgezogen zu haben – irgendwann, als ich ihr eine Rolle nicht geben wollte in einem Stück, dass ich schreiben wollte, erzählte sie dann Geschichten, die ein bisschen Wahrheit und viel Fantasie enthielten, ihre Eltern zeigten mich an. Die Sache verlief, wie sie verlaufen musste, die Staatsanwaltschaft stellte die Sache ein. Für Juristen die klarste Form eines Freispruchs, aber es half mir nichts.

Wo ich vorher eine kleine Schauspielschule quasi allein aufgebaut hatte, durfte ich nicht mehr arbeiten. Menschen, die ich als Freunde betrachtet hatte, schafften es nicht, zu mir zu stehen. Mir zu helfen, mich zurückzuholen, gegen die Geschichten, die kursierten, dafür hätte es auch von deren Seite Kraft gebraucht, und Mut, und das kann man ja auch irgendwie nicht von anderen erwarten, oder?

Naja, ich bin Autodidakt. Womit kann ich mich irgendwo bewerben? Ich weiß, wie schwer es ist, von Null aufzubauen, denn ich habe es gemacht. Jetzt, nach der ganzen Sache von Depressionen und Panikattacken ganz klein, habe ich diese Kraft nicht mehr. Also kann ich auch nicht einfach woanders hingehen und alles noch mal durchmachen, mit zwei jungen Menschen anfangen, und zehn Jahre später mehr als dreißig Darsteller in drei Kursen haben. Ja klar, versucht habe ich das. Aber wo kommst du mit so einem Ding mal eben so an? Und den Beruf zum Hobby machen?Einfach mal so neben der Arbeit (ja, ich arbeite auch heute hauptsächlich mit Jugendlichen, ich gebe Nachhilfe. Nein, das ist nicht, was ich tun will, aber irgendwovon muss man ja leben) sich im Amateurtheater engagieren, wo ich vor knapp zwanzig Jahren die erste Regie führte? Ja, ich denke immer mal wieder drüber nach. Aber es fehlt so sehr die Kraft.

F. ist nicht der erste, von meinen ganzen SchauspielerInnen, der das beruflich machen will. Eine studiert in Frankfurt, wenn mich nicht alles irrt, eine anderen, eine der ersten, ist heute Theaterpädagogin, und im Gegensatz zu mir ist sie das sogar ausgebildet. Liebe R., auch das macht mich stolz – auch wenn ich mir manchmal denke, du hast das angefangen, weil du es besser machen wolltest, als ich.

Das Herz, das vor Stolz bersten will, das bricht vorher. Und es bricht eigentlich jedes Mal, wenn das Theater mich berührt. Ich hatte da keinen Beruf gefunden, sondern eine Berufung, ja, manchmal muss es eben das Klischee sein, wenn es nun mal stimmt.

Hey F. Du hast das hier mal geschrieben: „Mit zitternden Händen schreibe ich diese Zeilen und muss und die alten Zeiten denken,wo mein liebstes Hobby,Theater spielen,noch mit dir war…Ich hab das gerade gelesen und heule wieder, wie ich damals geheult habe, als ich das las. Eine andere – Hallo J.! – schrieb damals: “Ich hoffe du kommst bald wieder und bringst diesen besonderen Zauber mit, sonst gehen wir alle noch ein!!“ Kann ich mich damit irgendwo bewerben? Mit meinem Zauber?

Es gibt Tage, die sind echt schwer zu ertragen … vor allem die, an denen man sich erinnert …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 12, 2018, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Hey Holger! Ein paar warme Gedanken aus Bonn in Deine Richtung!

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