Archiv für den Monat November 2018

Von Therapeuten und Kampagnen …

Es war einmal ein Therapeut, oder besser, ein junger Mann, der sich einen Twitteraccount klickte und ihn „@deinTherapeut“ nannte. Bisschen große Fresse vielleicht, aber ich kenne Twitteraccounts, die vorgeben, sie wären Dr.s oder Prinzessinnen, also alles wie immer. Irgendwann folgte ich dem jungen Mann, denn er neigt dazu, immer mal wieder Fragen zu stellen, die zum Reflektieren einladen. Ich find Reflektieren ziemlich supi und mag es, wenn mich Menschen dazu einladen. Außerdem gibt es ein paar meist jüngere Menschen, denen ich folge, die mit Norman – ich habe keinen Bock, jedes Mal vom Therapeuten zu schreiben, also nutzen wir den Vornamen doch einfach, ist so gut wie jeder andere – hin und wieder interagierten.

Ansonsten verfolgte ich den Account auch nicht weiter. Klar, ich las irgendwann von der Geschichte mit seinem Vater – wer hat die nicht gelesen – und wie gesagt, ich beachtete das nicht weiter. Immer wieder stolperte ich aber auch über Accounts, die gegen Norman diverse Dinge vorbrachten, und da ist ja auch teilweise was dran. Da ist offenbar ein junger Mann, der eine narzisstische Ader hat. Gerne sehr hübsche Fotos von sich ins Internet stellt – er ist aber auch ein hübscher Kerl, oder? Als Hete kann man sowas ja nicht soo gut einschätzen, aber … egal btt. – gerne über sich und seine Gefühle und Probleme und so weiter spricht. Hier und da mit ein paar guten Einsichten, öfter auch eher so kalenderspruchmäßig, aber gut, wenn du richtig viel raushauen willst, ist auch manches Füllmaterial.

Es gab auch immer wieder das Argument, dass Norman ja doch ein Scharlatan sei, da er sich als Therapeuten bezeichnete und seinen Discordserver „Gruppentherapie“ nannte. Aber ich folgte ihm ja, und wenn man ihm folgt, bekommt man ja auch immer mal mit, dass er nie behauptet, ein echter Therapeut zu sein, Menschen auch immer wieder dazu auffordert, sich professionelle Hilfe zu suchen, solche Dinge. Klar, wenn man die Sache nur von außen betrachtet, mag das alles wichtiger klingen, als es ist, aber mir kam das bisher nie als problematisch vor.

Einen gewissen moralischen Pluspunkt bekam Norman dann, als ich sah, wie Sifftwitter und irgendwelche rechten Arschlöcher immer wieder verbal auf ihn losgingen. Ein junger homosexueller Mann, der sich bemüht, junge Menschen zu empowern, das ist für die Reaktion natürlich ein echtes Problem. Aber die Kampagne der Rechten wird sich ja sicherlich nicht in meine Blase fortsetzen, so dachte ich … und jetzt stehe ich da …

Grob gesehen teilt sich meine TL nämlich in Menschen unter 30 auf, die Norman eher positiv gegenüberstehen, und denen über 30, die plötzlich mit großer Vehemenz gegen ihn schießen. Das bringt mich natürlich ins Grübeln, ich bin deutlich ü30, ich weiß also, wo ich mich hin zu orientieren habe, aber ich mag mir durchaus auch selbst ein Bild machen.

Erstens kam heraus, dass Norman ein Buch über die Geschichte mit seinem wohnungslosen Dad schreibt. Das wird ihm natürlich als gierig und so weiter ausgelegt. Du darfst nämlich in Deutschland nicht einfach so Geld mit deiner Geschichte oder so verdienen, du musst dich ganz normal lohnarbeitsmäßig prostituieren, wie wir das alle machen. Ja, jeder würde sich überlegen, ob er das Buch nicht schreiben würde, aber wir haben diese Chance ja alle nicht und sind nicht mehr relativ mittellose 25 und deswegen würden wir das ja niemals tun. Habe solche Argumente schon mehrfach vorher gehört, ich war schließlich mal bei Piratens.

Okay, schauen wir mal weiter. Dann kam ein Account, gestern entstanden, wo jemand behauptete, dass der Vater nix von einem Buch wüsste und seinem Sohn verbieten wollte, Fotos von ihm zu veröffentlichen. Um die Sache zu belegen tat dieser Account erstmal was? Richtig, er veröffentlichte Bilder von Normans Vater. Was mich irritierte. Mich irritierte auch, dass dieser völlig neue Account gleich mit harten Bemerkungen einstieg, gar nicht mit Fragen oder irgendwas einstieg, sondern mit Forderungen. Gut, wenn ich jetzt Normans Vater getroffen hätte, und der mir erzählt hätte, dass er mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, und ob ich helfen könnte, dass sein Sohn ihn nicht für irgendwas ausnutzt, dann hätte ich mir sicherlich nicht einen neuen Twitteraccount gemacht und auch die Öffentlichkeit gesucht, um den Vater noch mal vorzuführen, ich hätte versucht, Norman selbst zu erreichen und wenn das nicht geholfen hätte, wäre ich mit dem Mann entweder zu einem Anwalt oder, um es dann auch richtig zu machen, zur Presse. So ein halbgarer Angriff auf Twitter klingt für mich hart nach Kampagne. Schon eine, bei der sich jemand eine gewisse Mühe macht, aber immer noch Kampagne.

Dann wurde behauptet, dass Norman wieder in Frankfurt wohnen würde und auch sonst alles erlogen sei, weil jemand die Autoreninfo bei seinem Verlag erfolgreich gefunden hatte. Aber in einer Info für ein Buch, das erst in einem halben Jahr erscheint, ist die Info natürlich auch so geschrieben, dass sie für das Veröffentlichungsdatum gilt. Also so würde ich das machen, wenn ich der veröffentlichende Verlag wäre, so kenne ich das auch von Verlagsinfos, aber für ein bisschen Aufregung auf Twitter reicht es, oder?

Und dann kamen Behauptungen über den Discordserver, der quasi im nächsten Moment verschwand. Da wurden jede Menge schlimmer Dinge verbreitet, ein erwachsener Mod namens „Daddy“, vermutlich ein Pädosexueller, der da auf Raubzug geht – bis mehrere Menschen aus der Community übereinstimmend sagten, der ist Supporter, kein Mod, und außerdem 16 Jahre alt, und heißt so, weil es sich durch einen Gag so entwickelt hat. Jo, ich wurde auch mal „Frog“ genannt, und ich bin noch nie ein Frosch gewesen, sowas gibt es. Und dann gäbe es da Nacktbilder von jugendlichen Usern. Jo, wenn du in einigen Gamerforen gewesen bist, dann weißt du ja schon mal, dass es in jeder Community, die einen gewissen Anteil an jungen Menschen hat, Nacktbilder gibt. Die Community meldete zurück, dass die Regeln eigene Bilder untersagten und da der übliche Tumblr-Kram gepostet wurde. Jo, Internet ist halt für Porn, ist ja jetzt nix essentiell Neues, oder?

Aber natürlich macht das Verschwinden des Discordservers die ganze Sache verdächtig.

I get it, ein solcher Server, auf dem sich ständig junge Menschen treffen, die oftmals gewisse psychische Probleme haben, ist ein zweischneidiges Schwert. Die Triggergefahr ist groß, noch gefährlicher ist es, dass da skrupellose Menschen reingehen und junge Menschen knallhart für Dinge ausnutzen, und die Community das nicht verhindern kann. Und natürlich gibt es eine Menge Menschen, die davon ausgehen, dass Norman diese Community genau dafür aufgebaut hat, und hey, ich habe mal ein Stück über Charles Manson geschrieben, es ist echt hart, was Menschen tun können, wenn sie andere von sich erstmal abhängig gemacht haben. Ich bin aber auch jemand mit einem positiven Menschenbild und ich geh erstmal nicht davon aus, dass Norman ein zweiter Charles Manson ist. Ja, so ein Server kann gefährlich sein, aber auch einer dieser Freiräume, wie ihn Menschen brauchen. Eine Community, in der man auf einander aufpasst, in der junge Menschen, die sonst nirgends Verständnis finden, plötzlich bei anderen mit ähnlichen Problemen nun doch mal Verständnis finden, klingt für mich nach einer guten Sache.

Wäre das nicht besser, wenn da jemand drauf aufpassen würde, der sich damit auskennt? Keine Ahnung, ich bin nur Pädagoge, kein Psychologe. Aber ich kenn die Geschichten, die mir Menschen erzählen, die mit Anorexie in Therapie waren. Die davon erzählen, wie gut Gruppen funktionieren, die von vorne bis hinten kontrolliert werden und die froh sind, wenn sie ihre Probleme trotz der Therapie überlebt haben. Ich glaube nicht an Kontrolle, ich glaube an Vertrauen. Ich weiß, dass ich da einer unpopulären pädagogischen Richtung angehöre, wir sind schließlich in einem von Preußen geprägten Deutschland, aber ich glaube an Vertrauen.

Ich sehe aber die Gefahr, dass wir älteren hier in sehr alte Denkfallen reintappen. Ist auch ein erstaunlich antifeministischer Zug feministischer Politik, wenn ich das mal so unverschämt erwähnen darf: Wir haben nämlich ein „Weißer Ritter“-Syndrom. Wo immer man sich vorstellt, dass junge Menschen und vor allem junge Mädchen irgendwo in Gefahr sein könnten, rüsten wir uns in weißer Platte, steigen auf Streiteinhorn und kommen zur Rettung. Natürlich sind alle, die dieser „Norman-Community“ angehören, arme sanfte Hascherl, die wir jetzt vor dem bösen Mann retten müssen – der ist ja auch noch homosexuell, und Homosexuellen sagt man ja schon immer Kindesmissbrauch nach, richtig?

Ich hasse das. Können wir nicht auch mal das mit Empowerment versuchen? Uns darum bemühen, jungen Menschen Freiheiten und Sicherheiten zu geben, aber sie nicht ständig durch Rettungsversuche und Kontrolle klein zu machen?

Zurück zum Discordserver – ich muss kurz einwerfen, ich bin relativ stark erkältet, ich kriege das mit dem stringenten Text nur so halb hin, sorry dafür -, der ja verschwunden ist, was vermutlich daher kommt, dass da schlimme Dinge passiert sind. Richtig?

Aber auch hier könnte es eine andere Sichtweise geben. Ich habe keine Ahnung, wie Discord so genau funktioniert, aber ich vermute, dass man so einen Server auf privat stellen kann, ihn aus dem normalen Bereich herausnehmen. Gestern passierte aus Sicht von Norman und seinen Mods – denn der muss ja doch ein paar Leute haben, die mit ihm diesen Server verwalten, schließlich sind da sicher die meisten online, wenn Norman arbeitet, Zeitverschiebung und so – folgendes: Wir werden von einer Kampagne angegriffen, der sich halb Twitter anschließt. Dann kommen plötzlich Tweets, die von schlimmen Dingen auf dem Discordserver berichten. Im nächsten Moment poppen 500 neue Menschen auf dem Server auf. Die natürlich alle in die Ecke mit den Nacktfotos rennen. Auf einem Server, der von seiner Community als ein Safespace verstanden wird. Wo extrem private Dinge reingeschrieben werden, denn viele in der Community sind sehr jung und gern auch ein Stück naiv und es geht die große Öffentlichkeit auch wirklich einen Scheiß an, was da so steht. Jo, da stell ich das Ding auch ab, oder auf privat oder wie auch immer, richtige Entscheidung. Jetzt ist der Server ganz weg, oder man hat sich anders organisiert, Norman hat auf jeden Fall den Server aus seiner Twitterbio gelöscht, klar sieht das verdächtig aus, kann aber auch einfach Selbst-

und Communityschutz sein.

Jo, jetzt kann es natürlich sein, dass ich total naiv bin, jetzt kann es natürlich sein, dass Norman wirklich eine Sekte aufbaut und es kann auch sein, dass ich einfach dadurch, dass ich Norman seit ein paar Monaten folge, schon selbst ganz hirngewaschen bin – ich gehe da  überall nicht von aus, aber klar, was weiß denn ich.

Aber trotzdem verstehe ich nicht, wie man sich als Linke und als Antifaschisten einer Sifftwitterkampagne anschließt und ohne wirklichen Einblick, ja ohne Einblick zu suchen, Norman und seine Community so verurteilt und angreift. Ich verstehe vor allem nicht, wieso man immer so verdammt arrogant ist, nur weil man ein paar Jahre länger auf diesem Planeten herumläuft und meint, man wüsste grundsätzlich alles besser und müsste junge Menschen vor sich selbst beschützen und den ganzen Scheiß. Vielleicht ist das ja einfach das Ambivalent von unseren Jugendclubs, von unseren Foren, von unseren Antifagruppen oder was auch immer. Vielleicht ist das einfach gerade ein neues Ding, für das wir eh zu alt sind. Vielleicht gibt es Dinge, bei denen wir qua Alter einfach mal die Fresse halten können und nicht in irgendeine wilde Hysterie ausbrechen müssen, weil wir so misstrauisch geworden sind, weil es ja heute eh nichts Gutes mehr gibt usw. Ich geh davon aus, dass sich alles aufklären wird, vielleicht in die eine, vielleicht in die andere Richtung. Ich geh auch davon aus, dass das Projekt “Gruppentherapie” sich ein wenig vom Normans Namen ablösen muss, damit man die verschiedenen Dinge nicht zu sehr miteinander vermischt. Aber wenn das eine lebendige Community ist, und das ist sie, wenn man ihren Mitgliedern glauben darf, dann kann sie für viele, die es brauchen, ein warmer Ort sein – ich meine, die gibt es schon länger, sie haben schon länger mit irgendwelchen rechten Arschlöchern zu tun, die sie immer wieder von ihrem Server gekickt haben, die wissen wohl, wie sie einigermaßen save klar kommen. Die haben auch nichts mit einem Buch und der Geschichte zwischen Norman und seinem Vater zu tun. Also wäre es ja auch eigentlich nett, sie nicht da reinzuziehen. Ich weiß auch nicht, ob Norman das richtig macht, dass er seine Geschichte so öffentlich hält, ich war mir bei der Frage nach Post Privacy oder nicht, noch nie ganz sicher, und ich denke, klar, es gibt sicherlich Dinge, die man kritisieren kann, wenn man da tieferen Einblick hat. Aber ohne diesen Einblick zu haben, sollte man sich doch hier und da mal ein Urteil verkneifen und sich nicht zu den Bütteln der Sifftwitterarschlöcher machen.

Advertisements