Archiv für den Monat Oktober 2019

Einzeltäter? – Ein Essay

Hier ein Mord, da ein kleiner Massenmord, hier eine Mordreihe, und dann sind es natürlich Einzeltäter, oder eine kleine abgeschlossene Gruppe, klar der NSU, das waren drei Menschen. Der Täter von Halle, der Täter von Christchurch, der Täter von Utøya, alles Einzeltäter.

Aber diese Einzeltäter sind natürlich keine. Und das nicht nur, weil die Polizei und der Verfassungsschustz zum Beispiel in Sachen NSU mehr verschleiert als aufgeklärt haben. Weil Akten geschreddert werden, sobald wieder ein rechter Terrorakt passiert. An der Stelle zeigt sich halt nur, dass die Staatsgewalt vom rechten Mob allzu oft nicht zu unterscheiden ist.

Die Täter sind eben keine Einzeltäter, weil sie nur die aktive Spitze eines geifernden Eisbergs sind. Die, die nicht nur reden, sondern tun, was ihnen von rechten Vordenkern manchmal unverhohlen, noch öfter aber durch die Blume gesagt wird. Der durchschnittliche Nazi beleidigt anonym im Internet, oder keift unter seinem Atem Schmähungen, die die geschmähten nur dann hören sollen, wenn sie sich nicht wehren können. Die Gedankenwelt der Nazis ist aus Angst geboren. Ihr Hass ist ängstlich, sie marschieren, weil ihr Gleichtakt ihre Angstfürze übertönt. Sie suchen einen Führer, weil sie nicht selbst denken wollen, weil sie die Stärke, die ihnen selbst fehlt, bei anderen suchen. Es gibt keine mutigen Nazis.

Aber es gibt welche, bei denen der Hass so groß ist, dass sie kurzzeitig ihre Angst überwinden. Gut geplant, gut gerüstet, wie der Täter von Halle, der dann los geht, um Juden zu töten, oder halt Kanaken im Dönerladen, wenn er bei den Juden nicht reinkommt. Ist kein großer Unterschied fürs hasszersetzte Hirn. Sie sind anders. Sie bedrohen ihn einfach dadurch, dass sie da sind. Denn er hat ja Angst, er weiß darum, wie schwach er ist, welch erbärmlich kleines Menschlein, nur vom Hass getrieben, nur von Angst getrieben, so klein und schwach.

Seine Schwäche ist keine, die Mitleid verdient. Hilfe ja, hätte er darum gefragt, Mitleid nein. Niemand muss ein Nazi sein. Niemand muss seine Angst in Hass umschlagen lassen. Jeder entscheidet selbst, ob er Menschen verachtet, ob er sich von seiner Angst überwinden lässt. Aber Hilfe hätte er gebraucht. Menschen, die ihm zeigen, dass man kein Arschloch sein muss, und schon gar kein Mörder.

Aber sie sind keine Einzeltäter. Denn so viele haben mit dem Täter von Halle mitgemordet, mit dem Schützen von München, mit dem NSU. Sogenannte Politiker von NPD und AfD. Gauland hat zur Jagd aufgerufen, das Arschloch von Halle hat zugehört. Erika Steinbach hat gerufen und das Arschloch von Kassel griff zur Waffe. Mörderische Arschlöcher. Arschlöcher mit Auftraggebern.

Die Medien haben mitgemordet, die sich seit Jahren auf jeden rassistischen Furz stürzen und ihn klickgeil, zuschauergeil, zu einer Meinung adeln. Egal ob er von den Blaufaschisten der AfD kommt, oder von Vertretern von im Grunde demokratischen Parteien, von Seehofer, Sarrazin oder einem grünen Provinzbürgermeister, dessen Name mir gerade echt nicht wichtig genug ist.

Die Polizei mordet mit – nicht nur wörtlich gemeint, wenn mal wieder ein Flüchtling leider erschossen wird, oder in einer Zelle verbrennt, sondern auch damit, dass sie Nazis bei Demonstrationen nicht nur abschirmen, sondern auch brav zusehen, wie sie Händchen heben, wie sie Galgen tragen und Menschen mit Morden drohen. Nazis dürfen sich vermummen, dürfen Naziabzeichen tragen, dürfen Hitlergruß zeigen – nicht, weil es das Gesetz nicht verböte, sondern weil die Polizei nicht eingreift. Aber Kinder die sich fürs Klima auf die Straße setzen, die werden mit Schmerzgriffen gefoltert. Auch Polizisten sind halt selten mutig.

Besserer Schutz für Synagogen wird nun gefordert. Aber die sind schon ständig geschützt. Keine Synagoge ohne Sicherheitsmenschen, ohne Sicherheitsmaßnahmen, wir sind doch in Deutschland. Und jede Sicherheitsmaßnahme, die für jüdische Mitmenschen nötig ist, ist eine Schande für das Land der Mörder. Dafür,dass wir es nicht geschafft haben, unsere Gesellschaft auf eine neue Stufe zu stellen, den Hass auszutreiben, Solidarität zu einem Wert zu machen, Akzeptanz und Freundschaft.

Die Debatte um rechten Terror und um das Klima haben einen großen gemeinsamen Nenner. Das völlige Versagen der Politik. Jedes Jahr werden Menschen von Nazis ermordet. Nazis ermorden mehr Menschen, als je an der Mauer gestorben sind, als je die RAF erschoss oder in die Luft sprengte. Und die Politik macht viel zu wenig. Kein Politiker, der irgendeine Verantwortung übernimmt, keine umfassende Umstrukturierung in den Sicherheitsbehörden die mit oder ohne Absicht in Sachen rechtem Terror ständig versagen.

Wenn Politik wirklich regieren würde, und nicht nur aussitzen, dann hätte es nicht nur schon lange viel mehr Bewegung fürs Klima gegeben, dann hätte die Polizei schon lange rechte Netzwerke zerschlagen, eine Menge Beamter und Soldaten wären keine mehr. Nie vergessen, es gibt keine mutigen Nazis. Bei genug Gegenwehr verkriechen sie sich und sind keine Gefahr. Aber die Politik bewegt sich nicht, bewegt nichts, schaut nur zu und zeigt sich dann und wann betroffen von rechten Morden. Als ob dagegen nichts zu tun wäre. Es wäre so viel zu tun, es macht halt nur keiner. Die Verantwortung liegt bei der Politik.

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Quick: Greta Thunbergs Körpersprache

Menschen reden über Greta Thunberg, und darüber, dass sie immer so aggressiv rüberkommt. Aber auch verschlossen, unsicher, alles mögliche …

Jetzt kenne ich mich ein bisschen mit Körpersprache aus, und es wäre hier an der Zeit, das ein bisschen aufzuklären. Aber erstmal müssen wir ein bisschen was über Körpersprache im Allgemeinen wissen.

Körpersprache lügt nicht. der Körper verrät immer das Gefühl, die Stimmung des Menschen. Es gibt allerdings die Möglichkeit, den Körper nahezu verstummen zu lassen. In gewisser Weise lernen wir das alle. Irgendwann in der Pubertät werden in unendlichen Hackordnungskämpfen fast alle Menschen ihren Körper so weit in den Griff bekommen, dass sie nicht maximal angreifbar und manchmal auch maximal unhöflich werden. Zumindest bei den Neurotypischen klappt das ziemlich gut. Das heißt immer noch nicht, dass die Körpersprache lügt, aber sie wird unterdrückt. Wir nehmen Haltungen ein, die wir trotz emotionaler Regungen gut durchhalten können. Wenn ihr ein besonders prominentes Beispiel für eine solche Haltung wissen wollt: Bundeskanzlerin Merkel und ihre Raute. Die eingeübte Handhaltung unterbindet verräterische Handbewegungen und hält den ganzen Körper ruhig. Ob sie diese Handhaltung selbst entwickelt hat, oder ob sie daraufhin gecoached wurde, wäre eine spannende Frage – aber ich glaube, Angela Merkel ist in Sachen Körpersprache eh ein interessantes Studienobjekt. In ähnlicher Weise wie Greta Thunberg.

Bei Neurodivergenten sieht das alles anders aus. Menschen aus dem autistischen Spektrum zum Beispiel haben oft kleinere und größere Problem, die Signale überhaupt zu entschlüsseln. Also ist die Kontrolle der eigenen Körpersprache für sie deutlich weniger wichtig. Große Emotionen werden bei ihnen vermutlich eher durchkommen – was ganz sicher auch noch eine Frage der Verortung im Spektrum sein wird.

Noch eine Sache ist interessant: Diverse Seminare, in denen ich Menschen über Körpersprache und Auftreten unterrichtet habe, zeigten immer wieder, dass weiblich gelesene Menschen anders wahrgenommen werden, wenn sie die gleichen körperlichen Ausdrücke annahmen. Was bei männlich gelesenen Menschen als stark und souverän wahrgenommen wird, wirkt auf der anderen Seite schnell als aggressiv und arrogant. Die gleichen Haltungen!

So, jetzt schauen wir mal auf Greta Thunberg. Eine junge neurodivergente Frau mit hochfunktionalem Asperger – was sich ungefähr so übersetzen lässt: Thunberg denkt anders als neurotypische Menschen, ist aber absolut in der Lage, quasi „normal“ – was immer das auch heißen mag – in der Gesellschaft zu leben. Wie viele Menschen ihres Spektrums ist sie hochintelligent, wirkt aber nach außen hin etwas ungewöhnlich. (Das „hochintelligent“ beziehe ich auf die Fähigkeiten, die sie zeigt. Zum Beispiel darauf, in US-Talkshows aufzutreten und sich dort schlagfertig in einer Fremdsprache mit dem Host zu unterhalten. Reden könnten von anderen geschrieben sein, aber wie sie sich in Interviews zeigt, spricht eigentlich auch schon eine sehr deutliche Sprache.)

Was sie allerdings nicht wirklich ist, ist beherrscht. Fast ständig wirkt ihr Körper sehr expressiv bei ihren Auftritten mit. Deutlich zeigt sie Anspannung bis hin zu Angst, wenn sie in großen Menschenmengen – also zum Beispiel in Demonstrationen, unterwegs ist. Ähnlich wirkt sie oft auch bei ihren Reden, speziell, wenn sie vor einem erwachsenen, ihr nicht unbedingt gewogenen Publikum steht. Bei ihrer „Wutrede“, der „How dare you“-Rede, zeigt sie etwas anderes. Und es ist eigentlich gar nicht so sehr Wut, es ist Verzweiflung. Verzweiflung offenbar darüber, dass sie die größte Protestaktion des Planeten angestoßen hat, die immer noch zum allergrößten Teil der Politik völlig ignoriert wird. Ja, da steckt auch Wut drin, aber sie kämpft offensichtlich gegen Tränen an, kämpft gegen Überforderung und Verzweiflung, und legt damit eine ikonische Rede hin.

Das, was in einer Medienwelt, die durch Instagram und Youtube dominiert wird – ja, ich rede um die Medienwelt der unter 30jährigen -, das absolut Wichtigste ist, nämlich Authentizität, das zeigt diese Rede besser, als es jede gut einstudierte Rede eines gut schauspielenden Menschen je könnte. Und das werden die meisten Menschen über 30 gar nicht verstehen. Die Konservativen eh nicht. Vergleicht mal Rezo und den Typen von CSYOU, und ihr wisst, was Authentizität ist und was heute auf Youtube zählt.

Habt ihr Greta Thunberg schon mal lächeln gesehen? Wir bringen Kindern von klein auf bei, dass sie auf Fotos zu lächeln haben, und Thunberg lächelt fast nie. Wir bringen speziell Mädchen bei, doch viel zu lächeln. Thunberg lächelt nicht. Das wirkt ungewohnt, damit fällt sie aus der Reihe. (Es gibt übrigens durchaus Fotos, auf denen sie lächelt. aber das sind nie Fotos in größerem sozialen Umfeld. Auf dem Segelschiff, oder zusammen mit Tieren, da lächelt sie, da ist sie entspannt.) So lange alle Beteiligten noch Lächeln, so lange die Höflichkeiten noch gewahrt werden, so lange sind auch alle in Sicherheit. Thunberg lächelt nicht, denn bei ihr ist niemand in Sicherheit. Wir sollen ja auch Panik bekommen, weil das nun mal die Wissenschaft sagt. Und wenn wir keine Panik aufbringen können, dann liegt das daran, dass wir noch nicht um unser Leben kämpfen, aber das wird schon noch kommen.

Das Greta Thunberg nicht lächelt, passt dazu, dass sie sich zum Beispiel nicht mit Trump trifft. Warum Zeit an einen Idioten verschwenden, der die Wissenschaft ignoriert? Sie kuscht nicht vor der Macht. Sie kuscht auch nicht vor den Regeln der Medien. Sie lächelt nicht, oder allenfalls sehr gequält, wenn man ihr das sagt. Sie lächelt, wenn sie entspannt ist. Und wie soll sie in Gesellschaft entspannen? Umgeben von Menschen, die darauf warten, dass sie etwas macht, was gegen sie verwendet werden kann?

In vielen Büchern steht, dass die Macht am besten in den Händen derer ist, die es hassen, diese Macht zu besitzen. Könnte sein, dass Greta Thunberg deshalb genau die richtige ist, um die Medienmacht zu haben, die sie inzwischen hat.

 

Kleiner Nachtrag: Während ich über Merkels Raute und ihr früheres, weniger trainierteres Auftreten nachgedacht habe – und auch darüber, wie häufig früher über sie gewitzelt wurde, weil sie irgendwie falsch gesellschaftlich agiert hat – kam mir die Frage, ob Angela Merkel nicht auf eine ähnliche Weise neurodivergent sein könnte, wie Greta Thunberg. Bilder von Merkel und Trump werden ja nicht umsonst zu Memes, weil jeder Mensch sehen kann, wie sehr Merkel Trump verabscheut. Sie kann ihre Körpersprache trotz Training und Raute nicht gut unterbinden. Und früher lächelte sie auch sehr selten. Allein, da wo es Greta Thunberg ziemlich sicher nur um ihr Ziel einer Zukunft für die Menschheit geht, so ging es Merkel immer nur um die Macht – beide wirken darin recht effizient.