Regieren, nicht Reagieren

Wir sehen in Italien, wie sich die Corona-Pandemie auswirkt, wenn zu spät gehandelt wird. Und weil wir in Deutschland ja auf keinen Fall in den Ruf kommen wollen, von den Fehlern anderer lernen zu wollen, wird es in hier also in drei Wochen genauso aussehen. Italien ist inzwischen bei über tausend Toten, und die Zahlen steigen. Ach ja, und Italien hat weniger Einwohner als Deutschland, wir können also auch von höheren Zahlen in ungefähr drei Wochen rechnen.

Ich habe mir gestern angehört (als Besucher des Kreisausschusses), wie der hiesige Landrat davon gesprochen hat, was gerade alles getan wird. Und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass er und seine Mitarbeiter gerade meinen, die Krise so gut anzugehen, wie es ihnen möglich ist. Noch weniger zweifele ich daran, dass wirklich viel Arbeitszeit investiert wird. Der Landrat und seine Mitarbeiter sind unter großem Druck, sie sind sichtlich mitgenommen und ich zweifel auch nicht daran, dass sie die Situation ernst nehmen. Keiner sagte „flatten the curve“, aber sie zeigten, dass sie genau dieses Konzept immerhin auch verstanden haben.

Aber natürlich stehen ihnen ihre Prioritäten im Weg. Denn ihre Priorität ist, das Leben in normalen Bahnen weiter laufen zu lassen. Sie reagieren mit der gleichen Engstirnigkeit, aus der heraus sie mit der Klimaerhitzung nicht klar kommen. Sie denken nicht darüber nach, was man tun muss, um die Katastrophe wirklich zu bekämpfen, sie überlegen nur, was man tun kann, ohne die Wirtschaft zu belasten, oder die öffentliche Meinung zu sehr gegen sich aufzubringen. Sie denken also nicht vom Problem her, sondern von daher, wie man eventuell das Problem mit ihren normalen Prioritäten bestmöglich vereinbaren kann.

Und genau das geht nicht. Weder bei Corona, noch bei der Klimaerhitzung. Das Denken „out of the box“, eine Phrase, die zumindest mal geläufig war, ist heute absolut nicht gefragt, und deswegen kann das auch niemand mehr. Das Wort „Notstand“, von vielen politischen Diskussionen vergiftet, ist dann halt auch irgendwann vergessen worden. Es gab ja seit Jahrzehnten keinen wirklichen Notstand mehr und jetzt weiß halt auch niemand mehr, wie man sich in einem solchen verhält.

Sinnvoll wäre es, sowohl in Sachen Corona, als auch in Sachen Klima, klar den Willen zum Regieren zu zeigen und das zu tun, was die Wissenschaft vorschlägt. Das kann ja gerne mit Erfahrungen und Ideen kombiniert werden, aber was nicht funktioniert, ist das Rückzugsgefecht, denn das wird immer dazu führen, dass die wichtigen Maßnahmen immer zu spät kommen. Eine Zeit des Notstands ist kein Zeitpunkt für Kompromisse, sondern für konsequente und mutige Entscheidungen. Die werden wir nicht bekommen, oder wir bekommen sie zu spät.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 13, 2020, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Stimme hier, anders als sonst meistens, nicht zu.

    Klar kann man „hinterher“ immer leicht sagen, dass man früher etwas hätte anders machen können. Und der Fairness halber: Dein Beitrag ist von Freitag um halb zwei.

    Aber da war z.B. in NRW die Pressekonferenz schon angekündigt. Die Vorbereitung für eine Schulschließung liefen auf Hochtouren und realisierten sich dann auch mit einem aus meiner Sicht gelungenem Kompromiss zwischen der notwendigen Isolation und der Flexibilität, die Betreuung der Kinder für alle erstmal zu organisieren (Montag und Dienstag noch Betreuung für alle, falls nötig) und ab Mittwoch nur noch für einige Berufsgruppen. Eine Schulleiterin erzählte mir, die Betreuung werde ab Montag, soweit wie möglich, in kleinstmöglichen Gruppen stattfinden. Sie sprach von maximal drei Kindern, wobei das natürlich davon abhängt, wie viele Kinder am Ende kommen.

    Auch weitere Notfallmaßnahmen wurden beschlossen: „Amüsierbetriebe“ sind geschlossen, ab Dienstag auch Fitnesstudios, Schwimmbäder, Saunen usw., Sportvereine, VHS, Musikschulen usw. sind alle ab Dienstag zu, selbst der Zutritt zu Einrichtungshäusern und Einkaufszentren ist nur noch „zur Deckung des dringenden Bedarfs unter strengen Auflagen“ erlaubt.

    Aus meiner Sicht ist das ein angemessenes und auch noch frühes und konsequentes Handeln. Immerhin sind die Fallzahlen derzeit noch sehr, sehr gering im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten.

    Auch Wissenschaftler haben, bei aller Kritik an einzelnen Maßnahmen oder dem Ausbleiben davon, zuletzt der Bundesregierung sinnvolles Handeln bescheinigt.

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