Jeden Tag schreiben?

Gestern schrieb ein Twitteraccount mit guten Ratschlägen für Schreibende, dass nur die, die jeden Tag schreiben, Autor:innen sind. Und natürlich gab es Gegenwind, und den speziell auch von Menschen, denen man das Autor:in sein kaum absprechen kann – schließlich zeigen Veröffentlichungen diesen Status recht gut an. Daraufhin habe ich mir das für mich überlegt.

Wie ich auch schon mal auf diesem völlig vernachlässigten Blog erzählt habe, bin ich im letzten Jahr das Schreiben noch mal mit einer neuen Ernsthaftigkeit angegangen. Und ich bin produktiv, habe zweieinhalb Drehbücher und einen (zugegeben eher kurzen) Roman seit letztem Juni geschrieben. Das klingt mehr, als es in Wörtern ist, aber das wichtigste daran: ich habe drei Dinge beendet, vom neuen Drehbuch ist der Zerodraft, also eine Art Entwurf, auch schon fertig. Ich arbeite das gerade in Ruhe aus, jeden Tag kommt eine Szene hinzu, manchmal sogar zwei.

Bin ich Autor? Ähm, nun, ich habe keine offizielle Veröffentlichung seit Juni, Dinge, die ich früher mal bei Amazon selbst veröffentlich habe, halte ich auch nur für eher wenig aussagekräftig, aber trotzdem: Ja, ich bin Autor. Und dieses Selbstverständnis nehme ich mir erstens aus der Arroganz, zu der ich als männlich gelesener Mensch erzogen wurde – wieso sollte ich ernsthaft an meiner Wichtigkeit zweifeln, so bin ich nun mal sozialisiert – und die ich auch weiblich gelesenen Menschen anrate, wenn es um Kunst geht. Nennt euch Künstler:innen, Autor:innen, Musiker:innen, wenn ihr die Leidenschaft dafür habt. Zweifel sind da nicht angebracht! Und zweitens habe ich das Selbstverständnis, weil ich Dinge zu Ende geschrieben habe. Ich habe ein Drehbuch, dass von meiner Seite fertig ist, dass so gut ist, wie ich es alleine – und mit der Hilfe von sehr lieben Testleser:innen – hinbekomme, ein weiteres, von dem ich gerade langsam aber sicher einen Rewrite mache, weil es sehr verquast ist und halt der erste Versuch in einem neuen Betätigungsfeld, und einen Roman von knapp 60 Tausend Wörtern, der in einer virtuellen Schublade herumliegt und darauf wartet, dass ich ihn mal irgendwann lese und anfange, ihn zu überarbeiten.

Das alles hat gar nichts damit zu tun, dass ich jeden Tag schreibe. Ja, ich mach das. Ich habe seit letztem Juni an zwei Tagen nicht geschrieben. Ansonsten habe ich jeden Tag geschrieben. Nicht jeden Tag viel, es gibt Tage, da schreibe ich weniger, als dieser Blogpost an Wörtern zählen wird. Und es gibt keine Tage, wo ich ausgesprochen viel schreibe. Manche hauen an einem Tag 5K raus, und das über längere Zeiträume, gestern las ich von 50 K an drei Tagen. Heilige Scheiße, für meinen Roman von knapp 60 K habe ich etwas über zwei Monate gebraucht. Aber das ist ein ganz wichtiger Punkt: Jedes Schreibende muss sich selbst überlegen, wie die eigene Methode ist.

Melanie Raabe plädiert in ihrem Buch „Kreativität“ für Deadlines, die man sich selbst setzt. Funktioniert für mich nicht. Mag für andere super sein. Ich würde bei einer Deadline in einem Monat die nächsten drei Wochen nichts machen und dann in einer Woche sehr viel – und vermutlich würde es nicht ganz so gut sein, wie das, was ich in meinem Tempo schaffen kann. So funktioniert mein Hirn.

Ich plane zwar durchaus, was ich im nächsten Monat schaffen will, und das klappt manchmal und manchmal schieß ich auch kilometerweit dran vorbei. Aber ich weiß, dass ich weiterkommen werde, ich weiß das, weil ich weiß, dass ich brav weiterschreiben werde. An guten Tagen was mehr, an schlechten weniger. Aber ich werde schreiben. Ohne die Entscheidung, da eine Regelmäßigkeit aufzubauen, hätte ich im letzten Jahr hier und da mal ein bisschen was geschrieben. Vielleicht hätte mich sogar der Roman so überfallen, wie er mich überfallen hat, aber die Tage Anfang Dezember, als er fertig wurde, die waren wirklich schwer. Ich mochte nicht, dass am Ende nicht alles gut ausgeht. Und ich habe herausgezögert, das Ende zu schreiben. Aber ich schreibe halt jeden Tag und irgendwann gab es keine Ausreden mehr und dann wurde das Ding halt fertig.

Ich habe keinen Verlag und keine Agentur, die auf das wartet, was ich schreibe. Sollte ich den Punkt mal irgendwann erreichen, mag das alles noch mal anders sein. Ich befürchte, man muss seine Arbeitsweisen immer ein bisschen den Verhältnissen anpassen. Für mich passt Regelmäßigkeit im Moment super – ohne, dass ich eine klare Routine hätte, ich schreibe irgendwann am Tag, wo ich es halt einbauen kann. Für manche macht Regelmäßigkeit einen unangenehmen Druck, mir nimmt sie den Druck weg, weil ich ja weiß, dass ich schreibe und dadurch irgendwann auch fertig werde. (Abgesehen davon ist Durck ja sowohl etwas Gutes, wie auch der absolute Kreativitätskiller. Auch das ist eine Frage der Persönlichkeit. Ein bisschen druck mag ich, 50 K im November ist mir ein bisschen viel.)

Also wann darf ich mich Autor;in nennen? Wenn ich entscheide, dass mir das wichtig ist. Die Tatsache, dass man etwas zu Ende geschrieben hat, unterstützt das aber sehr schön. Wie man schreibt, wie der Prozess ist, das ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was dabei herauskommt.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Februar 24, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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