Die Kultur des Abbrechens

Habe heute morgen einen Kommentar gelesen, in dem behauptet wurde, es sei in der Welt der Bücher die ominöse Cancel Culture eingetroffen, die nun vor allem ältere Autor*innen dazu brächte, Haare raufend danach zu suchen, was sie denn wohl noch so schreiben können. Vermutlich nur eine neue Art zu sagen, O Tempora o Mores, oder? Oder vielleicht noch mehr? Ein Nachhaken nach ihrer Deutungshoheit, zum Beispiel?

Kurz mal eine Sache klar machen. „Cancel Culture“ ist ein rechter Kampfbegriff mit ungefähr so viel intellektueller Substanz wie der Hufeisen-Theorie und dem „großen Austausch“. Es ist schlicht Quatsch, und auch noch gefährlicher Quatsch. Eben ein rechter Kampfbegriff. Die Idee, die vermittelt werden soll, ist, dass es linke oder grüne oder queere Sprachpolizist*innen gäbe, die jedem vorschrieben, wie zu schreiben sei. Dass es heute nicht mehr möglich sei, ganz normale Dinge zu sagen, ohne dafür gecancelt zu werden. Also quasi zum Schweigen gebracht. Und das ist natürlich ein Ding, das immer von links ausgeht, und andersherum passiert das überhaupt nicht. So die Behauptung.

An dieser Stelle sollte es eigentlich reichen, wenn ich sage: so, jetzt schaut euch um, was passiert wirklich? Und damit ist es dann gegessen, denn wir wissen alle, dass das Unsinn ist. Aber gut, ich fange ganz schnell mit der deutschen Medienszene an:

– eine antidemokratische untergründige Vereinigung von Schauspieler*innen macht eine Videoserie namens … ich habe das schon wieder vergessen. Auf jeden Fall war Jan Josef Liefers deshalb nicht gecancelt, er war in einem Dutzend Talkshows. Und wofür? Dafür, dass er Panik geschürt hat, Dass er Impfgegnern und den rechtsradikalen Querdenkern das Wort geredet hat. Zwei seiner Kollegen – ich habe nicht viel davon gesehen, aber die zwei halt zufällig schon – haben superironisch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Kinder zu schlagen. So ironisch, dass man die Ironie nicht mehr bemerkt. Gute Schauspieler und so. Tausende Kinder werden zu spüren bekommen, dass da kluge Leute in einem schicken Loft über so was reden. Ironie versendet sich. Wäre Cancel Culture ein Ding, dann wären jetzt 53 Karrieren ein für alle Mal zu Ende. Wir werden sehen.

– ein junger Comedian hat den Künstlernamen Chris Tall gewählt, damit er seine Shows damit eröffnen kann, dass er so was sagt wie „Heute machen wir hier richtig Chris Tall-Nacht“ – und er sagt so was wirklich! Was macht er so für Witze? Hauptsächlich rassistische, ableistische und er liebt Bodyshaming. Der perfekte Comedian für die AfD-Weihnachtsfeier. Ist der gecancelt worden? Warum muss man ihn denn dann auf jedem Sender ständig sehen?

– es gäbe noch eine Menge weiterer Beispiele. Gottschalk redet rassistischen Müll, Nuhr tritt ständig nach unten, agiert wissenschaftsfeindlich – the list goes on and on.

So, jetzt genug davon, wir wissen alle, dass es Cancel Culture nicht gibt, also, zumindest nicht von links.

So, und jetzt schauen wir mal in den Literaturbetrieb. In diese shiny Welt der deutschen Literatur. Oder auch der Belletristik, wie auch immer. Und jetzt zählen alle mal die Autorinnen auf, die sie im Deutschunterricht gelesen haben. Oh, das war eine kurze Auflistung. Türkische Autor*innen? Schwarze Autor*innen? Wie viele Bücher über offen homosexuelle Beziehungen? Helden mit körperlicher oder geistiger Behinderung? Trans Männer und Frauen, egal ob als Figuren oder Autor*innen? Und wie viel davon wird verlegt? Schaut doch mal bei Thalia oder wo auch immer vorbei, wie viel solche Literatur in den Auslagen liegt. (Na ja, oder wartet halt ab, bis mehr Leute geimpft sind, und ihr wieder in Buchläden gehen könnt.)

Da funktioniert Cancel Culture nämlich. In der Literatur, wie in jedem anderen Medium.

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Nicht nur auf der Straße meint man, nicht kritisiert werden zu wollen, wenn man Meinungsfreiheit verlangt, von der es eine ganze Menge gibt. Speziell für Rassisten und Nazis. Genau das gleiche passiert auch in den Medien oder im künstlerischen Betrieb. Nein, vielleicht wird heute niemand mehr dafür gefeiert, dass er eine Vergewaltigung im Schlaf glorifiziert – nun, im NRW-Abitur müssen es aber immer noch alle Schüler*innen lesen -, vielleicht wäre Lolita auch heute nicht mehr so einfach durch ein Lektorat zu bekommen. Egal, was für feine Prosa du schreibst. Ich hoffe, es würde auch keine Filmförderung mehr einem neuen „Jud Süß“ Geld zuschießen. Wir sind in manchen Dingen halt doch ein bisschen reifer geworden. Oder zumindest hofft man das immer.

Zu allen Zeiten aber hat sich die Kunst der Kritik stellen müssen. Das gilt auch für die Literatur. Und wenn ich heute weiße, heteronormative und patriarchale Literatur schreibe, dann werde ich das vermutlich immer noch ohne Probleme veröffentlicht bekommen, wenn ich gut genug schreibe. Da ist nichts gecancelt. Aber eventuell werde ich dafür kritisiert. Und wenn ich melodramatisch über Marginalisierte schriebe, ihr Anderssein postuliere, ohne auch nur einen Hauch von Empathie aufzubringen, ja selbst, wenn ich aus Nachlässigkeit rassistische Dinge schreibe, dann werde ich dafür nicht gecancelt werden, aber ich werde kritisiert werden. Und ja, vielleicht werden der Kritik Menschen zuhören, die nicht im letzten Jahrtausend hängen geblieben sind und vielleicht werde ich wirklich nicht so viel verkaufen. So what? Geschmäcker ändern sich glücklicherweise. Und Kritik gehört dazu.

Aber vielleicht geht es ja auch anders. Vielleicht schreibe ich einfach mal ein paar selbstverständlich diverse Charaktere in mein Buch rein. Vielleicht denke ich mal out of the box und stelle Frauen in den Mittelpunkt, oder queere Menschen? Vielleicht lasse ich dicke oder schwarzhaarige Menschen nicht als lustige Nebencharaktere mitlaufen, sondern nehme sie genauso ernst, wie alle anderen Charaktere auch. Ach ja, ich kann auch mal schauen, wie es ist, arm zu sein, und was daraus resultiert. Einfach mal out of the box. Das einzige Problem dabei könnte sein, dass ihr dafür von den Verlagen und der Branche gecancelt werdet. Passiert häufiger, als man glaubt.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 6, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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