Rezension zu „Die Götter müssen sterben“ von Nora Bendzko

Nora Bendzko gehört zu ein paar Autor*innen, die sich unter dem Banner der „Progressiven Phantastik“ versammeln, einem Begriff, den Fantasy- und Science Fiction-Autor James L. Sullivan ins Spiel gebracht hat und der zu mehr phantastischer Literatur führen soll, die inklusiv und divers ist, die den alten Klischees neue Ideen entgegensetzt.

Unter diesem Vorzeichen ist „Die Götter müssen sterben“ als Verlagsdebut von Nora Bendzko nun natürlich unter Beobachtung. Ist ihr Roman progressiv? Und auch noch gut? Schauen wir doch mal rein:

Wir tauchen richtig tief in die Sagen- und Mythenwelt der griechischen Antike ein. Die Heldinnen der Geschichte heißen Areto, Clete und Penthesilea und wir schauen den Amazonen bei ihrem Kampf gegen griechische Helden und die Götter selbst zu. Der Kampf um Troja, die erste Geschichte, die im europäischen Kulturraum aufgeschrieben wurde, das Fundament der europäischen Erzählkunst. Das Sujet ist auf jeden Fall groß gewählt.

Und das Genre ist Dark Fantasy und das bedeutet für Nora Bendzko eine große Palette von Magie, von Sex, von blutiger Gewalt – nein, dieser Roman ist nicht subtil. In seiner Fülle erinnert der vollmundige Stil an einen Michael Moorcock – ja, ich suche mir meine Beispiele immer im klassischeren Bereich der Phantastik, ich bin alt und kenne halt nichts anderes – , nur dass die durch Blut watenden Helden nicht Elric heißen, sondern Clete oder Penthesilea. Und es ist eine Menge Blut.

Areto hat einiges hinter sich, als wir sie kennenlernen. Als sie mit einer Hetäre im Bett erwischt wird, wird sie an einen älteren Mann verheiratet und von ihm zu ehelichem Verkehr gezwungen. Als die Amazonen Athen überfallen, um ihre Prinzessin Antiope zu retten, nutzt Areto die Gelegenheit, bringt ihren Mann um und geht mit den Amazonen mit.

Im Schutz von Königin Penthesilea und ihrer größten Jägerin Clete zieht Areto dann ihren Sohn Phileas auf, bis wir sie wiedersehen. Inzwischen tobt der Krieg um Troja und die Amazonen sind gespalten, ob sie sich beteiligen sollen. Penthesilea sagt ja, ihre Schwester Hippolyte ist allerdings dagegen – sehr zum Verdruss des Kriegsgottes Ares, der der Vater der beiden Königinnen ist – nun, eigentlich ist er auch ihr Großvater und überhaupt ihr einziger männlicher Vorfahre überhaupt. Bei Göttern gibt es wohl keine Inzuchtsprobleme.

Clete ist gerade zur größten Jägerin gekürt worden, und Areto ist ihre liebste Liebhaberin. Aber erst als Artemis erscheint und Areto auserwählt, ihr Auge zu tragen, werden die beiden ein festes Paar.

Bald führen Verwicklungen dazu, dass die Amazonen gen Troja ziehen. Und Areto und Clete müssen viel weiter. Sie müssen in die Unterwelt, und sie müssen heil daraus zurückkommen.

Nora Bendzko nimmt die blutrünstigen und magiestrotzenden griechischen Mythen ziemlich wörtlich. Lässt Götter in verschiedenen Formen ganz real den Sterblichen erscheinen, Amazonen brennen sich wirklich in Mädchenjahren die rechte Brust weg und es gibt hinter jedem Baum Satyrn, Nymphen und eine Flut von Halbgöttern. So liest sich „Die Götter müssen sterben“ selbst manchmal wie ein moderner Mythos und weniger wie der gewohnte psychologische Roman – und ja, in manchem Dialog fehlt mir persönlich die psychologische und emotionale Tiefe.

Genau hier ist der Unterschied zu einem ebenfalls in seiner Zeit sehr politischen Roman, der sich ebenfalls um diese Zeit dreht. Marion Zimmer Bradley erzählte 1987 in „Die Feuer von Troja“ die Geschichte von Königstochter Kassandra, die bei den Amazonen das Kämpfen lernt. Auch hier – und vermutlich zum ersten Mal – wurde der trojanische Krieg aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Aber während MZB eine realistische moderne Geschichte erzählt, in der es durchaus Magie gibt, aber der Realismus und die innere Physik der Geschichte sehr wichtig sind, feiert Bendzko mit Wucht die Kraft der Mythen. Sie lässt kampfgestählte Amazonen miteinander streiten und prügeln, zeigt sie nicht nur im Kampf, sondern auch im Sex hungrig und sinnlich. Bricht weibliche Rollenklischees auf und zerbröselt sie lächelnd. Und das ohne Figuren zu idealisieren. Da gibt es keine nur guten Charaktere und keine nur bösen – auch wenn ein paar Götter nicht wirklich gut dabei wegkommen. Aber die müssen ja auch sterben.

Ja, hier und da wirkt es so, als ob jede Form der Diversität noch irgendwie mit eingebracht werden muss. Körperliche Behinderungen, nichtbinäre Charaktere – hier „Vielselige“genannt, was auf jeden Fall Klasse hat -, Depression, Missbrauch und sehr vieles mehr, ja, das ist manchmal ein bisschen viel. Aber es ist ein Debüt, es soll natürlich ein großer Wurf sein und es ist so ambitioniert, dass diese Ambition eben auch manchmal aus dem Text herausschaut.

Das gilt auch für die vielen Erzählperspektiven, die sogar die von der Göttin Artemis einschließt. Das kann schon mal verwirren und es braucht ein paar Seiten, so richtig in die Geschichte reinzukommen. Auch ein großer Zeitsprung … – ach, ich bin einfach kein großer Fan von langen Prologen. Andererseits ist es nie eine Qual und es gibt so viel zu entdecken, dass man sich hier und da atemlos umschaut, aber nie gelangweilt.

Bewunderswert, wie Bendzko sich radikal in jeden Aspekt wirft. Kampf, ja klar, aber wenn schon, dann auch mit blutigem Gore und der Hässlichkeit des Krieges, Sex, ja auch, aber dann bitte gleich ziemlich explizit und nie verschämt, Magie und Mythik, jede Menge, und nicht von Regelwerk gebändigt, sondern fast psychedelisch bunt und weltumfassend. So kraftstrotzend, wie ihre Amazonen streiten, schreibt Bendzko, so lebenshungrig und nicht von ihrem Ziel abzubringen. Das ist die Qualität dieses Buches, seine Farbigkeit, die vielen Facetten und die Üppigkeit.

„Die Götter müssen sterben“ ist kein Meisterwerk, aber es ist ein radikales Werk. Eine Kampfansage an die etablierte Phantastik, an vertrocknete Tropes und ewig gleiche Sujets. Wie heißt es in „Amadeus“ von Peter Shaffer, all die alten Götter und Helden klängen so erhaben, „als würden sie Marmor scheißen“. Nora Bendzko schafft es, dieses älteste marmorne Sujet der europäischen Kultur gegen den Strich zu bürsten und mit diverser und feministischer Energie aufzuladen. Wütend wie ihre Amazonen, schreit sie dagegen an, dass so viele Menschen von der Kunst und Literatur vergessen werden, dass diverse Stimmen nicht gehört werden, dass auch in der Literatur – wie so oft in der Gesellschaft – die Macht bei alten weißen Männern liegt. Nicht nur die Götter müssen also sterben – oder sich zumindest schwerverletzt auf den Olymp zurückziehen -, sondern auch die alten weißen Männer der Literatur.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 14, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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