Der Trafikant von Robert Seethaler – Rezension

In NRW gibt es neue Deutschlektüren für die Oberstufe und sie sind ausnahmsweise mal nicht zweihundert Jahre alt. Na, da schau ich mir die doch mal an.

Den Anfang macht Der Trafikant von Robert Seethaler, ein Roman aus dem Jahr 2012. Er spielt allerdings rund um das Jahr 1938 in Wien – und Österreich bringt uns dann auch schon mal dem Titel näher, denn eine Trafik ist das, was auf Hochdeutsch ein Kiosk ist, ein Zeitungs- und Raucherbedarfladen.

Franz hatte bisher ein gutes Leben, da seine Mutter die Geliebte des reichsten Mannes im Salzkammergut war. Der wurde aber gerade vom Blitz erschlagen und jetzt braucht Franz einen Job. So schickt ihn die Frau Mama nach Wien zu ihrem alten Freund Otto Trsnjek, der als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg eine Trafik führt. Dort soll Franz der Lehrbub werden.

In Wien angekommen, macht Franz unter anderem die Bekanntschaft von Siegmund Freud, der, inzwischen schon über achtzig Jahre alt, immer noch in Wien praktiziert, und der ein Kunde der Trafik ist. Und er ist nicht der einzige Jude, der Stammkunde bei Otto Trnsjek ist, was kurz vor der Annektion Österreichs durch das deutsche Nazireich so ein Problem für sich ist.

Aber Franz sucht erst mal nach einem Mädchen, weil der Herr Professor Freud ihm dazu geraten hat. Und so findet er die junge Tchechin Anezka, die ihm das eine oder andere Mal das Herz brechen wird.

Wie schon in der Inhaltsangabe zu merken ist – weil ich mich etwas der Sprache des Romans angepasst habe, was ich den Schüler*innen in ihren Klausuren nicht empfehlen würde – klingt dieser Roman von 2012 eher wie ein Roman von 1920 und dann auch noch recht österreichisch. Titel und Umständlichkeiten und hier und da ein bisschen Schmäh, Der Trafikant atmet eine kaiserzeitliche Gemütlichkeit, die dann mit der verrohten Sprache der Nazis kollidiert, wenn das gerade passt. Das hat durchaus Charme, aber einen eher nostalgischen.

Dabei ist Franz eine dieser Figuren, wie man sie in der deutschsprachigen Literatur gerne mal trifft. Naiv und gutherzig und im Notfall sogar ein bisschen pfiffig. Gemischt mit der Sprache, in der ja sogar Anezkas böhmischer Akzent auftaucht, klingt da durchaus der brave Soldat Schwejk durch. Und natürlich bringt der unbedarfte Franz auch hier und da Freud mal auf eine andere Idee. Auch so ein Trope, dass nicht gerade neu ist. Ist das eigentlich schon mal als Forrest-Gump-Trope bezeichnet worden? Ich schweife ab.

Dabei ist Franz natürlich schon sympathisch und natürlich leiden Lesende mit ihm mit. Und freuen sich hier und da, wenn er zum Beispiel dann auch mal eine richtig schöne Nacht mit Anezka verbringt. Aber natürlich ist er auch eifersüchtig und denkt in sehr schmalen Bahnen.

Die eigentlich interessanteren Figuren bleiben leider immer am Rand. Die Mutter zum Beispiel, die moralisch interessante Entscheidungen getroffen hat, um alleinerziehend den Sohn ins Leben zu bringen. Oder der einbeinige Trafikant, der den Nazinachbarn zuerst noch aufrecht zur Sau macht und dann immer kleiner wird, weil die Gewalt immer näher kommt. Oder Anezka, die nebenbei in der Kleinkunst unterwegs ist. Die sind schon spannender als Franz, der sicherlich Coming-of-Age-mäßig noch viel lernen muss, aber ziemlich eindimensional bleibt.

Zu der Behäbigkeit der Erzählung und dem stark nostalgischem Einschlag passt irgendwie ein unkritischer Umgang mit kolonialer Sprache – mit einem völlig unmotivierten Nutzen des N-Wortes – und eine sehr männliche Erzählhaltung. Ja, die Mutter und Anezka und auch Freuds Tochter Anna sind Figuren, die auftauchen und hin und wieder für Franz wichtig sind, aber letztlich lebt Franz in einer sehr männlichen Welt und aktiv werden hier nur Männer.

Das Ende ist übrigens sehr offen. Eigentlich ja schon ein wichtiges literarisches Mittel. Aber es wirkt in diesem Fall schlicht bemüht. Geben wir der Sache noch ein bisschen mehr Geheimnis. Aber hier wäre es viel eher wichtig gewesen, zu zeigen, was Franz noch zu erdulden hatte. Hier fehlt ein bisschen die Wahrheit, der sich Schriftsteller*innen eigentlich verbunden fühlen sollten.

Der Trafikant ist ein gut geschriebener, aber sehr altmodischer Roman, die Auseinandersetzung mit dem übernehmenden Faschismus ist da, aber auch da gibt es nichts Neues zu sagen. Ein Roman von 2012, der genau so auch schon 1960 hätte geschrieben werden können, und da schon altmodisch gewesen wäre. Und die Leidenschaft dafür, in fiktiven Texten historische Persönlichkeiten auftauchen zu lassen, ist mir recht fern. Klar, wenn Freud die Hauptfigur wäre, aber hier ist Freud der Mentor, der leider keine wirklich neue Dimension bringt, sondern eigentlich nur Dinge sagt, die jeder andere Mentor auch sagen könnte – bis auf die schmückende Kleinigkeit, dass Franz irgendwann seine Träume aufschreibt und an die Tür der Trafik klebt. Ja, nett. Traumdeutung und so, haben wir verstanden.

Noch ein Wort zu der Wahl dieses Romans als Schullektüre. So gut ich es finde, dass nicht mehr die Marquis von O. gelesen wird, deren Moral, dass Frau einfach ihren Vergewaltiger heiraten kann, mehr als fragwürdig ist – ich weiß auch, dass ich da verkürzt habe -, so sehr habe ich das Gefühl, dass hier eine Chance verpasst wurde. Ich meine, wenn man einen modernen Roman als Lektüre aussucht, warum dann einen so altmodischen und nostalgischen? Die Schüler*innen können vermutlich mit der ganzen Betulichkeit wenig anfangen, verstehen Anspielungen seltener und müssen erst mal Siegmund Freud googlen. Hätte man da nichts finden können, was eine zeitgemäße Sprache spricht, vielleicht sogar mal von einer Frau geschrieben? Oder war es so wichtig, irgendwas mit Nazis zu finden, was aber trotzdem nicht weh tut? (Immerhin werden hier nicht die Taten von KZ-Wärter*innen relativiert wie beim Vorleser, man muss ja auch mal für die Kleinigkeiten dankbar sein.) Tja, schade …

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 27, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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