Dune – so etwas wie eine Rezension

Ja, kaum ein Film wurde so heftig erwartet, in kaum einen film wurden so viele Hoffnungen gesteckt und jetzt ist es die große Frage, hält Dune das, was er verspricht?

Disclaimer: Ich habe den ersten Wüstenplanet-Roman mehrfach gelesen, bin aber nie weiter gekommen – was aber auch kein Problem sein sollte, denn der Film deckt nur etwa ein Drittel des ersten Romans ab. Und das bei 150 Minuten!

Schauen wir erst mal, was das eigentich für ein Universum ist, in dem die Geschichte spielt. Das Universum ist in eine neofeudale Herrschaftsform gefallen, intelligenten Maschinen wird so sehr misstraut, dass es quasi keine mehr gibt. Dafür gibt es Mentaten, die dafür ausgebildet sind, menschliche Computer zu sein, auch mit einem Hang zu der Logik von Computern. Außerdem gibt es die Gilde der Navigatoren, die die einzigen menschlichen Wesen sind, denen es möglich ist, Raumschiffe durch eine Art Hyperraum zu navigieren – dafür haben sie ihre Menschlichkeit wohl einigermaßen abgelegt, aber das wird hier im Film nicht thematisiert. Auch die Fähigkeiten von Mentaten wird nur angedeutet. Der Film bemüht sich sichtlich, für Nichtkenner des Buches verständlich zu sein und nichts zu überfrachten.

Es gibt neben den großen Familien noch einen Imperator, der über allen thront, aber kein absolutistischer Herrscher ist. Es gibt ein immer gefährdetes Machtgleichgewicht zwischen dem Imperator und den großen Familien.

Und dazu gibt es die Bene Gesserit, eine Schwesternschaft, die über ein paar quasi magische Fähigkeiten verfügen und durch ein komplexes Zuchtsystem unter den großen Familien auf einen übermenschlichen Messias hinarbeiten, den Kwisatz Haderach. Und vielleicht erreichen sie das ja sogar. *hüstel*

Das alles ist die Basis für diesen Film und wer das jetzt gelesen hat, sollte mit dem Rest im Film eigentlich ganz gut klar kommen. Eine Inhaltsangabe würde ich eigentlich gerne weglassen, macht ja jeder, aber machen wir es kurz:

Herzog Leto Atreides übernimmt den Wüstenplaneten Arrakis, weil der Imperator das so befiehlt. Er hat vor, dem Planeten Frieden zu bringen, befürchtet gleichzeitig eine Falle. Paul, der Sohn von Leto und dessen Bene-Gesserit-Konkubine Jessica, hat Visionen und träumt schon in der Heimat von Arrakis und den dortigen Einheimischen, den Fremen. Vor allem von einer jungen Frau dort. Bald stellt sich heraus, dass Arrakis wirklich eine Falle ist.

Regisseur Villeneuve bleibt in sienem Film erstaunlich eng am Buch, schafft es aber trotzdem Dinge, die in der Vorlage heute eher peinlich wirken, zumindest zu entschärfen. Denn natürlich ist die über fünfzig Jahre alte Vorlage ein Abbild des damaligen Rollenbildes. Frank Herbert, der Autor von Dune, ging davon aus, dass eine Gesellschaft im Jahr Zehntausendnochwas natürlich immer noch vollständig von Männern beherrscht wird und dass Frauen es halt durch clevere Arbeit in der Schwesternschaft der Bene Gesserit quasi durch den Seiteneingang zu einer gewissen Macht geschafft haben – die Wahrsagerin des Kaisers und ehemalige Lehrerin von Lady Jessica ist eine Macht, vor der auch der Feind der Atreides, der fiese Baron Harkonnen, ernsthaft Angst hat und mit der er sich nicht anlegen will – aber das war es dann halt auch mit der Emanzipation.

Und Villeneuve ändert da fast nichts dran, er lässt nur eine wichtige Nebenrolle, den planetaren Biologen, zu einer planetaren Biologin werden – und schon wissen wir, ach, so schlimm ist das ja alles nicht, es gibt immerhin eine wichtige Forscherin und Beamtin. Eine kleine aber effektvolle Änderung.

Trotzdem hat der Film etwas übermäßig viel Testosteron, es ist aber noch erträglich, so weit ich das beurteilen kann.

Ein weiters Erbe des Buches ist ein nicht immer einfacher Umgang mit muslimischer Kultur, also jetzt nicht in Form von AfD-nahme Islamhass, sondern eher als cultural appropriation. Das kann ich aber nicht wirklich bewerten und das sollen bitte Menschen tun, die sich damit auskennen.

Und ein Hang zu Esoterik. Den gibt es im Buch auch – Esoterik ist in gewissen Zeiten eine häufige Zugabe in der Phantastik gewesen und es ist natürlich auch nicht immer einfach, wenn man Wahrträume, eine Art psychischer Magie und ähnliche Bestandteile einbauen will. Der Film erbt die esoterischen Momente der Träume des jungen Paul Atreides, in der es dann in nebulöse Bilder geht, die für mich an die Grenzen dessen gehen, was ich mir gern anschaue. Aber ich habe vor einem Jahr das Hörbuch zum Roman gehört und hatte daher schlimmere Befürchtungen für den Film. Für Hardcore-Fans des Buches mag das sogar ein wirklich positives Element sein.

Ein letztes eher unangenehmes Erbe des Buches ist, dass Baron Harkonnen, der fiese Antagonist einen Teil seiner Fiesigkeit daher bekommt, dass er fett ist. Also richtig heftig fett. So sehr, dass er sich Antigravaggregate in den Körper eingebaut hat. Was natürlich so optisch interessant ist, dass keine Regisseur*in der Welt sich das hätte entgehen lassen können. Er muss deswegen fett bleiben. Ich fände aber schön, wenn das Trope des fetten Antagonisten irgendwann aussterben würde.

Wie erzählt der Film sonst seine Geschichte? Ziemlich gut. Er nimmt sich viel Zeit, zerschneidet seine Actionszenen nicht zu Stroboskopbildern, beherrscht die Totale und das Close-Up und … ach, überhaupt, die Optik ist tricktechnisch ohne Fehl, ist kompositorisch wunderschön und beeindruckend. Dieser Film ist so absolut Kino, wie ich das selten gesehen habe. Wirkt so echt und tief wie einst der Herr der Ringe.

Aber – kleiner Dämpfer – die großen Häuser mögen offensichtlich keine Gemütlichkeit, keine Wohnlichkeit, das ist schon alles viel zu groß und pompös und kalt. Und das nicht nur bei Harkonnens, aber da natürlich um so mehr. Und keine Frage, Villeneuve hat seinen Triumph des Willens schon gesehen und ein bisschen Riefenstahl steckt in vielen Bildern.

Der zweite Punkt, warum man diesen Film im Kino sehen sollte? Weil man ihn im Kino hören und spüren sollte. Selten habe ich erlebt, dass ein Film so häufig in den Magen hinein grollt und das trotzdem nie unangenehm oder aufgesetzt wirkt. Das Sounddesign und die ungewohnten musikalischen Klänge von Hans Zimmer sind manchmal schwer zu ertragen, aber immer passend und unterstützen den Film massiv.

Villeneuve wird nicht selten mit seinem Kollegen Nolan verglichen, mit dem er die optischen Imposanz absolut teilt. Aber er hat einen großen Vorteil: er interessiert sich deutlich mehr für seine Charaktere. Der emotionale Zugang zu seiner Version von Dune ist viel weniger durch Verkopftheit verstellt, als meinetwegen bei Inception oder Interstellar.

Und natürlich helfen ihm seine sehr starken Darsteller*innen dabei ganz großartig. Da fällt niemand raus. Da sitzt im Spiel einfach alles, niemand muss dabei wirklich außergewöhnlich sein, es ist ja nun nicht unbedingt Shakespeare, aber da ist ein Ensemble, in dem alle ihr Handwerk beherrschen.

Von Villeneuve wird das Zitat kolportiert, Dune sei Star Wars für Erwachsene. Ich würde kontern: Dune ist Game of Thrones im Weltraum – und ich bin mir recht sicher, dass GRR Martin die Dune-Bücher kannte, als er mit Game of Thrones anfing. Nein, mit Star Wars hat Dune keine Verbindung, außer dass beide wohl zu dem weiten Feld der Space Operas gehören. Aber während Star Wars humorvoll und märchenhaft ist, ist Dune Grimdark, eine Verbindung von Realismus, Düsterkeit und Phantastik.

Dune ist ein Film, dem ich zutraue, stilbildend zu sein. Dem ich durchaus eine Menge Erfolg wünsche, weil ich die nächsten Teile sehen will. Ist er ein Meisterwerk? Vorsichtiges ja.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 16, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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