Unter der Drachenwand – Eine Rezension

Die Drachenwand, eine stolze Felswand in den Salzburger Alpen gibt einem Roman den Namen, der mit 480 Seiten im Taschenbuch noch kein Hochgebirge ist, aber doch eine Klippe für die Lernenden, die ihn jetzt als Lektüre lesen müssen.

Der Inhalt ist erstaunlich schnell erzählt. Wir haben 1943 und Veit Kolbe kommt schwer verletzt aus einem saarländischen Lazarett zurück nach Hause nach Wien. Vom ersten Tag an war er im Krieg und er hat einiges mitgemacht. Neben körperlichen Schäden hat er auch PTBS und davon nicht zu wenig. Bei den Eltern hält er es nicht lange aus. Erbittet den Onkel, einem Gendarmen, ihm einen Platz am Mondsee zu vermitteln. Und so fährt Kolbe zum Auskurieren unter die Drachenwand.

Dort lernt er ein paar interessante Menschen kennen, sieht ein kleines pubertäres Liebesdrama mit an, geht selbst eine Beziehung zu seiner Nachbarin Margot ein und freundet sich mit einem weiteren Nachbarn an, den man den Brasilianer nennt, weil er lange Zeit dort gelebt hat. Und der Brasilianer hat was gegen Führer und Naziland und beeinflusst damit auch Kolbe.

Na ja, und so richtig viel passiert sonst nicht. Es ist halt Krieg und Bomber fliegen und das Leben geht irgendwie weiter, das Lieben auch und Menschen werden älter. Die Handlungskurve dieses Romans zuckt allenfalls hier und da mal nach oben, hat aber auch viel von einer Nulllinie. Ein Sog ist das eigentlich nicht gerade. Trotzdem vermag Arno Geiger die Lesenden am Ball zu behalten. Und das vor allem, weil er einfach einen Ton findet, der einerseits der Zeit absolut entspricht, und der andererseits vielen Dingen Bedeutung gibt. Und unter allem liegt die Bedrohlichkeit von Krieg und Nazidiktatur. Ein Leben ist nichts wert, im Krieg eh nicht, aber unter Nazis noch viel weniger.

Irgendwie sind alle Anwesenden verloren, dem Tod geweiht und mich hätte es nicht gewundert, wenn im Nachwort erklärt gewesen wäre, wie alle, mit denen wir je mitgefiebert hätten, vor dem baldigen Ende des Krieges noch umgekommen seien.

Sicherlich hilft die Perspektive dem Ganzen. Veit Kolbe ist zum größten Teil der Ich-Erzähler, der seine Erfahrungen in langen Tagebucheinträgen aufschreibt. Dazwischen gibt es Briefe, teilweise von Menschen, deren Schicksale mit Kolbe verbunden sind, in einem Fall aber auch von einem jüdischen Wiener, der Veit eigentlich unbekannt ist. Diese Briefe sind gewöhnungsbedürftig, aber ohne Frage meisterlich geschrieben. Margots Mutter schreibt und bei ihr ist alles zwischen einem schwieriger werdenden Alltag und den elementaren Erkenntnissen des Krieges enthalten. Kurt Riedler, Verehrer eines Mädchens, das Veit kennenlernt und das dann verschwindet, schreibt einen wunderbar naiven und doch gebildeten Stil eines jungen Gymnasiasten dieser Zeit, voller Schwärmerei und ohne Zukunft. Der dritte Briefeschreiber ist Oskar Meyer, ein jüdischer Zahntechniker, der zu spät flieht und irgendwann seine Frau und den jüngeren Sohn verliert und nicht weiß wo sie sind – dabei haben sie schon lange in Auschwitz ihre Mörder getroffen. Sein Schicksal – bedrückend und erschreckend – ist ein Fremdkörper. Zu sehr klingt es so, als ob dringend auch ein jüdisches Schicksal mit in einem solchen Buch vorkommen, egal, wie wenig Verbindung es gibt. Zu sehr wirkt es wie ein Alibi, ein Token.

Motive, die stark an Remarque und seinen Klassiker „Im Westen nichts Neues“ erinnern, ziehen sich durch den Geiger-Roman. Die Kriegsbegeisterung der Väter, das Unverständnis der Heimatfront, das Gefühl, das junge Leben im Krieg auch dann zu verlieren, wenn man überlebt. Arno Geiger muss den Krieg nicht ausdrücklich zu zeigen, um seine Schrecken zu schildern. Sein Erzähler Kolbe lässt immer wieder Brocken von Dingen fallen, an die er sich lieber nicht erinnern würde. Brocken nicht nur von Gefahren, sondern auch von Untaten, deren Zeuge er wurde. Von Gerüchten und Geschichten, die er gehört hat. Von Massenerschießungen und ähnlichen Untaten.

Das funktioniert so weit ganz gut, und ja, Geiger schafft es, seine Briefeschreiber und seinen Ich-Erzähler sehr authentisch nach dieser Zeit klingen zu lassen.

Aber letztlich gibt es auch Schwierigkeiten. Kolbe könnte sich ruhig genauer erinnern. Er war vier Jahre an der Ostfront, er war damit nicht auf Gerüchte angewiesen. Und auch sonst scheint niemand zu wissen oder darüber zu reden, was mit den Juden passiert. Und damit bedient Geiger ein Narrativ, das schlicht falsch ist. Das war durchaus weitgehend bekannt, man wollte es nur nicht wissen, also nach dem Krieg. Und klar, alle sympathischen Charaktere sind zumindest keine überzeugten Nazis. Nur die Arschlöcher, ja, die sind alle überzeugte Nazis. Und das ist einfach eine Verzerrung, das ist ein bisschen zu viel Märchen an einer Stelle, an der es eigentlich kein Märchen geben sollte.

Ich habe das Buch als Hörbuch rezipiert und kann das über weite Teile wirklich empfehlen. Die Sprecher*innen sind ausgezeichnet. Jeder findet seinen eigenen Sound, sein Tempo, und auch wenn die Briefe zuerst seltsam wirken und ihren Charme recht langsam entwickeln, so sind sie doch ein Mittel, der Geschichte viel mehr Tiefe zu geben. Und da haben die Sprechenden großen Anteil.

Sprachlich und atmosphärisch ein wunderbares Buch, in Sachen Spannungsbogen eher schwach und in manchen Lösungen sehr unbefriedigend. Und Geiger macht nicht klar, wie verbreitet NS-Ideologie und das Wissen über die Shoah war, und bedient damit das Narrativ von unwissender einfacher Bevölkerung. Also insgesamt viel Ambivalenz.

Exkurs:

„Unter der Drachenwand“ ist in NRW Thema für den Deutsch-Leistungskurs ab dem Abitur 2023. Da möchte ich auch noch was zu sagen:

Erstens, ja, man hätte ein Buch auswählen können, das schlicht eine bessere Geschichte erzählt, oder vielleicht besser, dass überhaupt darauf aus ist, eine Geschichte zu erzählen und nicht nur Ereignisse. Es hat seine Qualität, keine Frage, aber auch so deutliche Schwächen, dass ich mich da schon wundere.

Zweitens, der Schwierigkeitsgrad ist völlig okay, ich glaube, die meisten Lernenden aus den LKs sollten hier keine Probleme mit haben.

Drittens, der Zauber des Buches ist, dass es eine Illusion des Authentischen entwickelt, die wirklich ungewöhnlich ist. Junge Menschen, die nicht mehr von ihren Vorfahren hören, wie Krieg denn so ist, kriegen es hier erklärt. Was prinzipiell eine gute Sache ist.

Viertens, wiederhole ich eine Kritik, die ich schon am Roman hatte, den die Grundkurse lesen müssen – „Der Trafikant“ von Robert Seethaler -: Man entscheidet sich endlich, moderne Literatur zu lesen, und sucht sich dann Bücher aus, die klingen, als ob sie vor mindestens siebzig Jahren geschrieben worden wären – wobei der Trafikant zwar in den Dreißigern spielt aber stark nach noch früherem 20. Jahrhundert klingt. Warum keine moderne Literatur, die auch modern ist?

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 27, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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