Anarchie Déco – Eine Rezension

Eigentlich konnte das für mich nichts werden. Ich mag keine Krimis, aber Anarchie Déco ist zumindest teilweise einer. Und Urban Fantasy ist jetzt auch nicht der Punkt, wieso ich zu Büchern greife. Ich mag meine Fantasy in der anderen Welt. Aber geschichtliche Urban Fantasy? Nun ja, das finde ich von der Idee her schon recht spannend und … ach, ich fang einfach mal an:

Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ein Melting Pot, Ort von Kunst und Sex und allem dazwischen an jeder Ecke, aber auch Ort von Straßenschlachten zwischen Nazis und Monarchisten auf der einen und Kommunisten und Anarchisten auf der anderen Seite. Und wir fangen damit an, dass wir Nike Wehner kennenlernen, die in einer neuen Art der Physik involviert ist. Einer Art Magie. Wie sie dazu gekommen ist? Das wird elegant ausgeklammert.

Aber klar ist, man braucht Wissenschaft und Kunst, Mann und Frau, um gemeinsam Effekte auszulösen, die, na ja, eben magisch sind.

Nike ist Doktorandin und wird von ihrem Prof verpflichtet, neben ihren theoretischen Arbeiten über die Magie auch der Polizei zu helfen. Hier kommt der kurz vor der Pension stehende Kommissar Seidel ins Spiel. Und man braucht ja zu zaubern noch einen Künstler, und den findet der Prof. in Prag, von da kommt Sandor Černý, ein junger Bildhauer und polizeibekannter Anarchist. Glücklicherweise ist er nur der Prager Polizei als solcher bekannt.

Und jetzt brauchen wir noch ein paar weitere Magie ausübende Paare, unter anderem eines von der SA, und eine superreiche Architektin, eine versteinerte Vermieterin und einen in flüssigem Marmor ertrunkenen Kommunisten und schon haben wir eine ziemlich bunte Welt zusammen. Ach ja, und ein paar Leichen, also auf und die magischen Verbrechen aufklären, was?

Ich gehe gern mal auf die Barrikaden, wenn Protagonist*innen eher passiv sind. Man kann mich aber davon abhalten, in dem man den Weltenbau besonders spannend betreibt. Und der ist hier wirklich hervorragend. Eine Magie, die aus beschleunigten Elektronen und frisch gegossenen Bronzen besteht, ist schon echt faszinierend, oder? Und Charaktere mit einer Menge Facetten sind auch nicht übel. Nike, Halbägypterin und nicht ganz sicher, ob sie mit der Frauenrolle etwas anfangen kann, Sandor, der nichts anbrennen lässt und vermutlich bisexuell ist, dazu eine trans Frau, die Nike in Sachen Magie und Sexualität ein bisschen Beine macht. Ja, Diversität gibt es hier mit der ganzen Breitseite, aber nie so, dass man das Gefühl hat, es wäre gezwungen, es gibt keine Token, also diverse Charaktere die da sind, weil man halt Diversität braucht. Elegant stellen sich ja die Fragen über Sexualität und Gender, wenn das Magiesystem auf Dualität der Geschlechter basiert.

Dazu kommt natürlich diese Stadt Berlin, die eine wichtige Hauptrolle übernimmt. Und das auch nie nur in Sachen Namedropping – ich persönlich kenne mich in Berlin nicht aus, war nur einmal da und die namen sagen mir nur teilweise was -, es geht vor allem um die tolerante und weltoffene Komponente, um diesen kleinen Funken Freiheit in einer sehr unfreien Zeit. Der aber natürlich immer mit den sonstigen Verhältnissen im Land kontrastiert – und auch mit den Lebenswelten der Arbeiter, der Behörden und mit den zugewinnenden rechten Kräften. Und all das passiert. Die Zeit ist massiv antisemitisch und es gibt ein lebendiges jüdisches Leben. Die großen Köpfe der Zeit in Berlin sind größtenteils jüdisch. An diesem Sittenbild, wie man es leicht altmodisch, aber halt auch zur Zeit passend, nennen kann, gibt es nichts zu meckern, und wie schön kann man an einer ganzen Menge filmischer und anderer Erzählungen zum Thema anknüpfen. (Für mich sang öfter mal jemand „Willkommen, bienvennue, welcome!“ im Hintergrund)

Ja, Nike und Sandor sind teilweise recht passiv, insbesondere Nike. Und ja, das trübt es für mich ein bisschen, aber es wird immer wieder aufgefangen – durch tolle Charakterzeichnungen, einige wirklich witzige Momente und immer wieder durch die Faszination dieser MAgie. Für mich ist Fantasy immer dann am stärksten, wenn man eingeladen wird, daran zu glauben, sich vorzustellen, dass es manche Dinge wirklich gibt und was damit möglich wäre. Und das gelingt bei Anarchie Déco dem Autor*innenpaar J.C. Vogt. Sie gestalten eine Magie, die es bisher noch nicht gab, die ihre Wurzeln in Physik/Mathematik und der Kunst haben, die erlernbar ist, verstehbar, und doch eine weiche Magie, wie Sanderson sagen würde, weil die Regeln dieser Magie nicht klar werden – schlicht, weil die Magietreibenden selbst noch gar nicht so richtig wissen, wie dieses neue Ding funktioniert. Und damit schaffen sie etwas, was die Urban Fantasy mit ihren Werwölfen, Vampiren und was auch immer für seltsamen magischen Wesen sonst quasi nie schafft: Eine wiedererkennbare Welt, die sich auch absolut für zukünftige Abenteuer lohnt. (Der Vergleich zu Babylon Berlin wird gerne gezogen, es ist die gleiche Zeit. Ich fände eine Verfilmung spannend und ziemlich machbar.)

So richtig viel zu meckern gibt es nicht. Ein paar Perspektivsprünge waren mir speziell im Hörbuch zu abrupt, der zweite Prota Sandor hätte hier und da ein bisschen überzeugter von dem sein können, wofür er schon öfter Probleme mit der Polizei hatte. Heißt, der Teil mit der Anarchie hätte ein bisschen stärker durchleuchtet werden können. Nun, und ja, am Ende deusexmachiniert es ein bisschen. Nicht hart, aber doch spürbar.

Insgesamt ein sehr überzeugender Roman, tolle Charaktere, faszinierendes Worldbuilding, ach ja, und Einstein kommt auch drin vor. (So ein bisschen Namedropping musste halt doch sein.) Und da die Vögte ja eine der treibenden Kräfte in Sachen progressive Phantastik sind: Das hier ist, wie ich mir progressive Phantastik vorstelle. Diversität, aber nicht um ihrer selbst Willen. Politik, weil es nun mal eine sehr politische Zeit ist. Kein Zeigefinger, kein Holzpfahl, aber ein guter Roman.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 18, 2021, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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