Schwarzes Herz – keine Rezension

Es ist schon ein paar Tage her, dass ich Schwarzes Herz von Jasmina Kuhnke zu Ende gehört habe. Ich wollte erst nichts dazu schreiben, aber es bleibt ja ein Thema und ich muss mal kurz auch ein paar Gedanken versammeln. Dabei schreibe ich keine Rezension, weil ich nicht bewerten will.

  • Literatur mag die geschliffene Worte, die tiefe Geistigkeit und die gepflegte Langeweile. Das gibt es alles bei Kuhnke nicht. Die Sprache ist rau, der Ton oft aggro, die Messages sind klar und geradezu grell herausgearbeitet. Schwarzes Herz hat einen Level an Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit, wie es selten erreicht wird. Und die Messages sind natürlich unbequem. Hier ist eine Erzählerin, eine Frau, die sagt, wie sie unter Mysogynie, Rassismus, unter Tradition und Maskulinität gelitten hat. Die anklagt. Das rüttelt auf, hält den Spiegel vor und muss sehr unangenehm für die sein, die diese so toxischen Ideen und Werte verteidigen.
  • Die Person Jasmina Kuhnke ist vielfach bedroht worden, musste unter Coronabedingungen umziehen, weil sie nicht mehr sicher war, weil wir in deutschland zwar mit viel Personal Nazidemonstrationen schützen, aber nicht ihre Opfer. Das hat in Verbindung damit, dass ein Naziverlag auf der Frankfuter Buchmesse direkt neben der Bühne einen Stand hatte, auf der Kuhnke ihr Buch vorstellen sollte, zu ihrer Absage geführt. Menschen müssen in Deutschland Angst um ihr Leben haben, weil sie schwarz sind, jüdisch, muslimisch, queer – das ist leider ein Fakt und man hätte dafür sorgen können, dass es auf der FBM anders ist. Aber daran hatte die Messe kein Interesse. Und leider gab es im deutschsprachigen Feuilleton kaum etwas wichtigeres, als auch hier wieder der schwarzen Frau zu sagen, dass sie falsch liegt und dass sie aushalten muss. Das ist natürlich Unsinn. Die FBM ist Hausherrin, sie könnte dafür sorgen, dass Nazis und ihre Freunde dort nicht ausstellen dürfen. Sie könnte Rückgrat zeigen. Sie könnte sagen, nein, wir wollen uns nicht von Nazis auf den Wohnzimmertisch kacken lassen und schmeißen sie raus. Aber sie werten lieber Nazihetze zu Meinungen auf, die man aushalten muss und werfen damit marginalisierte Menschen unter den Bus. Zum Kotzen.
  • Roman … Steht drauf, ist ein Roman. Aber andererseits, folgt man Jasmina Kuhnke auf Twitter, dann erkennt man die großen Parallelen zwischen der namenlosen Erzählerin – es hat niemand einen Namen in diesem Buch, ich sollte das auch mal probieren, ich hasse das Erfinden von Namen – und der Autorin. Die gleiche Abstammung, die gleiche Profession, die Kinder und man fragt sich, wie viel Fiktion ist das denn nun? Für Kuhnke würde ich mir wünschen, dass wenigstens ein paar der Dinge, die die Erzählerin erleidet, erfunden sind. Aber es wirkt die ganze Zeit so, als ob das ihre eigene Lebensgeschichte ist und da nur Roman drauf steht, dass sie sich bei Fragen immer darauf hinausreden kann, dass Schwarzes Herz eben ein Roman ist, ein fiktives Werk. Das ändert nichts an der Qualität. Bei dem großartigen Saša Stanišić hatte ich auch nie das Gefühl, sein Erzähler sei er nicht selbst. Ich gebe aber zu, ich hatte mehr zu lachen. Aber auch Herkunft ist ein Roman und ein Lebensbericht und niemand spricht ihm die Qualität ab. Trotzdem verunsichern mich diese Romane immer ein bisschen. Mein Kopf kann nicht ohne Spekulation und eigentlich sollte ich nicht spekulieren wollen, was nun Realität ist und was Fiktion – und ich mach jetzt noch nicht mal das Fass auf, wessen Realität!
  • Keine Rezension: Eine klassische Rezension, so wie ich sie durchaus schon mal in diesem Blog veröffentliche, ist eine kritische und wertende Artikelform. Gerade das Gefühl, dass dieser Roman auch sehr stark ein Lebensbericht ist und die Selbsterkenntnis, dass ich zwar durchaus die Arroganz des Kritikers habe, über das zu urteilen, woran Menschen Jahre ihres Lebens gearbeitet haben, aber nicht genug Arroganz, über das Leben von anderen Menschen zu urteilen, sagen mir, dass ich hier keine Wertung abgeben möchte. Kein: Diese buch ist gut oder schlecht. Aber dringend, dass dieses Buch wichtig ist und in die Diskussion gehört.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am November 4, 2021 in Gesellschaft, Literatur und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

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