Archiv für den Monat Januar 2022

Anne McCaffrey – Die Welt der Drachen (1968) – Klassische Phantastik

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Lessa ist eigentlich eine Ruatha, sollte eigentlich die Baronin sein, aber der räuberische Emporkömmling Fax hält ihre Burg wie auch sechs andere. Ein Verbrechen gegen die Traditionen, denn auf Pern darf eigentlich je ein Baron, eine Baronin nur eine Burg halten und muss dafür sorgen, dass dort kein Grünzeug wächst. So sagen es die Traditionen.

Alles ändert sich, als eine Suche beginnt. Die Drachenreiter des Weyr Benden, des einzigen Weyrs, der noch bewohnt ist, suchen nach einer Partnerin für die bald schlüpfende Drachenkönigin.

Bronzereiter F’ler kommt mit seinem Geschwader und auf seinem Bronzedrachen Mnementh nach Ruatha und er entdeckt Lessa – und sie schafft es, Fax so zu provozieren, dass F’ler sich mit ihm duellieren muss – und der Drachenreiter siegt. Aber Lessa bekommt Ruatha nicht. Sie muss mit nach Benden und wird dort die neue Weyrherrin, denn Ramoth schlüpft und bindet sich an Lessa, es gibt eine neue goldene Drachenkönigin.

Das wird aber auch Zeit, denn der rote Wanderer ist zurück. Ein Himmelskörper, der nahe an Pern vorbei zieht und mörderische Sporen aussendet. Und nur Drachen können Pern vor den Sporen retten. Aber nur ein Weyr ist zu wenig. Lessa und F’ler müssen sich etwas einfallen lassen.

Also, eigentlich klingt alles an dieser Geschichte nach Fantasy, oder? Eine feudale Gesellschaft, Drachenreiter – aber auf der anderen Seite, wo ist die Magie und warum wissen die Menschen von Pern, dass sie auf einem Planeten leben und das ein anderer Himmelskörper für die Sporen verantwortlich ist? Da muss es doch mal großes Wissen gegeben haben. Andererseits, eine Gesellschaft, die über einigermaßen intelligente fliegende Reittiere von Elefantengröße verfügen, die auch durch das Dazwischen reisen können – was quasi einer Teleportation gleich kommt – kann sich den Planeten ja durchaus aus großer Höhe anschauen.

Aber ganz im Vertrauen, eigentlich ist der Pern-Zyklus Science Fiction, denn die Menschen von Pern sind die Nachkommen einer vergessenen Kolonisierung. Ist jetzt ein kleiner Spoiler, aber andererseits, das hier vorgestellte Buch ist über fünfzig Jahre alt.

Der Roman ist dementsprechend auch einigermaßen altmodisch erzählt. Anne McCaffrey lässt in einzelnen Szenen, die oft weite Zeitsprünge zwischen sich haben, stärker die Ereignisse Revue passieren, als dass sie uns wirklich an die Figuren bindet. Trotzdem sind die Hauptfiguren Lessa und F’ler schon interessante und sympathische Charaktere. Aber der Grund, warum man dieses Buch liest, ist der Weltenbau, der eine große Tiefe hat. Ein kompliziertes Gesellschaftssystem. Ein Überbau an Traditionen, Lehrgesängen und ein starkes Spannungsfeld zwischen Figuren, die mit Traditionen brechen und denen, die sie bewahren – und auf beiden Seiten gibt es Unsympathen und Held*innen. Usurpator Fax bricht mit den Traditionen und ist auf jeden Fall ein Arschloch, der ursprüngliche Weyrherr R’gul ist auch nicht besonders sympathisch, hält aber wenn möglich an allen Traditionen fest.

Der Roman besteht aus ursprünglich zwei längeren Erzählungen und das ist auch spürbar. Die zwei Geschichten sind in insgesamt vier Teile unterteils, der zweite endet damit, dass Lessas Königin Ramoth zum Paarungsflug abhebt und F’lers Drache Mnementh sie einholt und für den vielfarbigen Nachwuchs sorgt – wodurch F’ler Weyrherr wird. Ja, das ist eine recht zufällige Form der Qualifikation. Der zweite Teil handelt dann davon, wie der rote Wanderer näher kommt und die Drachen zum ersten Mal nach knapp fünfhundert Jahren wieder in den Einsatz müssen.

Wie sieht es hier mit Gleichberechtigung … ach, das ist wirklich schwer. Immerhin schafft der Roman so knapp den Bechdeltest, aber das ist bei einer weiblichen Hauptfigur ja machbar. Aber außer der goldenen Königin verbinden sich Drachen nur mit Kerlen, normalerweise fliegen Weyrherrinnen noch nicht mal – Lessa natürlich schon und das gegen den Willen von R’gul – und die Gilden, die auch einen Stellenwert haben, bestehen eigentlich auch nur aus Kerlen. Na ja, und Beziehungen gibt es natürlich auch nur hetero – tja.

Der Pern-Zyklus besteht wie die meisten Zyklen dieser Zeit aus Einzelromanen, die in der gleichen Welt spielen aber unterschiedliche Protagonist*innen haben. Die Welt der Drachen ist bei weitem nicht der stärkste dieser Romane, sondern der Erstling, der uns in diese Welt katapultiert, die gut ausgedacht und gezeichnet ist. Die symbiotische und telepathische Verbindung zwischen Drachen und ihren Reiter*innen hat Christopher Paolini sehr hübsch für Eragon kopiert – allerdings eher aus einem der späteren Romane. Der Pern-Zyklus ist heute leider einigermaßen vergessen, war aber einflussreich und ist gehört zu den modernen Klassikern der Phantastik.

Sterling E. Lanier – Hieros Reise (1973) – Klassische Phantastik I

Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Die Erde fünftausend Jahre nach dem heißen Tod aka Drittem Weltkrieg. Per Hiero Desteen ist Vollkämpfer und Priester der Universalkirche der Ottwah-Liga in Kanda aus der Republik Metz und ist von seinem Abt auf eine Queste geschickt worden. Zusammen mit seinem treuen Reittier Klootz – einem vier Meter hohen Ellk-Stier – und bald auch dem jungen Abgesandten einer intelligenten Bärenrasse namens Gorm kämpft er gegen die unheimlichen Unreinen mit ihren Verbündeten, den Lemut – eine Verballhornung von lethale Mutationen.

Das ist zwar eigentlich SF – mehr Post von der Apokalypse geht ja kaum – ist aber die abgedrehteste Fantasy, die man sich damals vorstellen konnte. Das Buch ist von 1973. Jede Menge wildester Mutationen, eine Menge davon von unfassbarer Größe – bärgroße Frösche, hausgroße Schwäne und vieles mehr – dazu noch Psi-Kräfte und eine Geschichte, die gar nicht so weit weg von James Bond ist. Schließlich ist Hiero in geheimer Mission unterwegs und ja, hin und wieder muss er auch Gewalt anwenden.

Dafür ist er von einer Heldenreise – trotz der Reise – recht weit weg. Als wir ihn treffen, ist er schon unterwegs und ganz nebenbei ist er auch fast ein Superheld. Geschulter Kämpfer, hervorragend seine Geisteskräfte nutzend und darin sogar ziemlich erfinderisch – ihm gelingt schon das meiste, was er sich vornimmt – andererseits schafft er es trotzdem, sich so weit in Schwierigektien zu bringen, dass es sogar an einer Stelle einen kleinen Gott aus der Maschine braucht, dass Hiero gut aus einer Klemme wieder herauskommt.

Also ist es gar nicht so richtig spannend? Nun, es gibt sicher viele Bücher mit einem besseren, clevereren Plot. Aber kaum eines mit so viel Phantasie. Natürlich basiert das alles auf den Horrorfilmen der Sechziger, in dem ständig irgendein Tier mutierte und dadurch zur Gefahr wurde – Lanier treibt es viel wilder, lässt schrecklich und gefährliche Mutationen nicht aus, spielt aber auch mit grandiosen Wundern der Natur, die eben auch durch die Mutationen ins Spiel der Welt gekommen sind. Wir sind ja auch fünftausend Jahre weiter, da kann ja auch viel passieren.

Lanier war in einigen Bereichen durchaus fortschrittlich. Hiero kommt aus einer Republik, das Zölibat ist lange abgeschafft, die Metz sind Nachkommen von sogenannten „Mestiken“ und die einzigen Weißen, die im Buch vorkommen, gehören zu einem Stamm von barbarischen Wilden.

Love Interest Lucare kommt dafür aus einem neofeudalistischen Kleinstaat, in dem etwas rückständige Christen in Harmonie mit den „Davids“ und den „Mumanen“ leben – und alle Einwohner sind schwarz.

Wichtig sind auch die „Elfer“, eine Art ökologischer Bruderschaft, die das elfte Gebot, nämlich die Erde und allem Leben auf ihr zu dienen, mit großer Konsequenz durchsetzen wollen.

Aber das alles ist ziemlich heteronormativ und sehr männlich. Es gibt quasi nur eine weibliche Figur und die ist der Love Interest. Der Bechdeltest geht hier richtig schief. Selbst die tierischen Begleiter sind alles Kerle.

Hieros Reise ist übrigens der erste Band einer Duologie, die als Trilogie geplant war. Es hatte mal eine gewisse Prominenz – schade eigentlich, dass es damals niemanden gab, der das Buch hätte verfilmen können und heute kennt es kaum noch jemand. Ich würde ja gerne mal sehen, wie ein Ellk durch eine Horde von bösartigen intelligenten Froschwesen pflügt.