Archiv für den Monat Februar 2022

Mary Robinette Kowal – „Die Berechnung der Sterne“ – Rezension

Science Fiction, die in der Vergangenheit spielt, ist meistens etwas älter, datiert auf Jahreszahlen zurück, als die beschriebenen Zeiten weit in der Zukunft lagen. Es gibt aber auch die Alternate History, in der sich die Zeitlinie etwas anders entwickelt hat, gerne durch ein größeres Ereignis. Auf genau diese Weise kommen wir in „Die Berechnung der Sterne“ in ein manchmal beklemmendes Panorama der 50er Jahre in den USA, wie sie auch hätten sein können.

Elma und Nathanael York sind mit ihrer Cessna zu einem Liebeswochenende ins Landesinnere geflogen, als eine Weltkatastrophe passiert, wie sie alle paar Millionen Jahre vorkommt. Ein Meteor hat die USA getroffen – und zwar ausgerechnet kurz vor Washington DC – und damit nicht nur einen mehrjährigen Winter ausgelöst, sondern durch ungeheure Mengen von Wasserdampf in der Atmosphäre auch einen beschleunigten Treibhauseffekt ausgelöst, der die Menschheit in wenigen Jahrzehnten ausrotten kann.

Da kommt Elma drauf, als sie ein paar Berechnungen anstellt – sie ist ein menschlicher Computer, hat den Doktor in Mathematik und Physik und rechnet im Kopf Dinge, die kaum jemand auf Papier rechnen kann – und elektronische Computer gibt es noch nicht. Nathanael ist der Chefingenieur des in dieser alternativen Zeitlinie etwas beschleunigten Raketenprogramms der USA, rechnet mühevoll die Zahlen seiner Frau nach und zusammen überzeugen sie den ehemaligen Landwirtschaftsminister, der als einziger Überlebender aus der US-Regierung zum Präsidenten aufgestiegen ist, dass die einzige Möglichkeit, die Menschheit zu erhalten, darin besteht, den Mond und den Mars zu besiedeln. Und nun beginnt die Eroberung des Weltraums.

Wenige Jahre später schicken sie mit Stetson Parker den ersten Mann ins Weltall, nicht innerhalb der Nasa, sondern einer internationalen Raumfahrtagentur, die sich gebildet hat, weil allgemein anerkannt wird, dass man auf die bald einsetzende Klimaerhitzung mit Raumfahrt reagieren muss. Leider ist Stetson Parker nicht nur ein ziemlicher Macho, sondern auch noch so etwas wie ein Erzfeind von Elma, denn im Zweiten Weltkrieg – als sie als eine WASP für die Streitkräfte Flugzeuge überführte – hat sie Parker wegen Belästigung angezeigt.

Elma will selbst Astronautin werden, und Stetson Parker schwört, dass er dafür sorgen wird, dass das nie passiert. Aber das ist für Dr. Elma York, die bald als Lady Astronaut durch eine Kinderfernsehsendung bekannt wird, eher noch ein Ansporn.

Elma ist die Ich-Erzählerin der Geschichte mit einigen wunderbare Marotten – sie beruhigt sich beispielsweise dadurch, dass sie Stellen von Pi oder die Fibonacci-Zahlenreihe aufzählt – verloren gehen. Sie ist eine großartig gezeichnete Figur, eine junge jüdische Frau mit Sinnlichkeit und gleichzeitiger damenhafter Prüderie – „was sollen denn die Leute denken?“ – , humorvoll und lebenslustig und so allein in der Welt, in der sie nur noch ihren Mann und den in Kalifornien lebenden Bruder hat – die restliche Verwandtschaft nahm erst die Shoah und dann der Meteor. So klug und schnell sie ist, so fragil kann sie auch sein – und hin und wieder trifft sie auch das eine oder andere Fettnäpfchen und dann auch mit Anlauf.

Wer Weltraumaction erwartet, liegt naturgemäß falsch – so richtig actionreich war ja auch die reale Weltraumfahrt bisher eher selten. „The Calculating Stars“, so der Originaltitel, ist eine Auseinandersetzung mit einer für uns recht ferne Vergangenheit, eine Geschichte von Misogynie und Rassismus, die viele ernste Momente hat – und nebenbei oft saukomisch ist. (Manchmal auch fast pubertär albern, was mich erst irritierte. Als ob Frauen das nicht sein dürften.) Kapitel werden von fiktiven Zeitungsartikeln eingeleitet, die oft auf realen Artikeln aus den 50er Jahren basieren. Deren Wording bringt fast jedes Mal Fremdscham ohne Ende und oft irres Kichern.

Das in den Titeln jeweils was mit Rechnen steht, ist übrigens absolut ernst gemeint. Dieser Roman ist eine Verneigung vor der Mathematik, vor dem Spiel mit Zahlen, vor den unglaublichen Leistungen, zu denen Menschen mit Zahlen fähig sind. Elma rechnet halt Differentialgleichungen im Kopf, und? Unmöglich? Keineswegs, wenn auch nicht einfach. Die Beiläufigkeit, mit der Mathematik hier passiert und die positive Einstellung, die der Roman vermittelt, sind ein wirklich angenehmer Kontrast zu der Mathematikfeindlichkeit und der Verächtlichkeit, mit der heute oft über dieses Fach gesprochen wird. Ohne Mathematik wären wir noch in der Steinzeit und es ist chic, kein Mathe zu können. Okay, ich sollte zum Thema zurück. (Nicht, dass ich noch darüber rante, dass es auch chic ist, nicht zu lesen …)

Ungewöhnlich, aber wohltuend, keine der Figuren wird einfach in gut und böse eingeteilt und muss dann für immer dort bleiben. Ja, Stetson Parker ist der Bad Guy des Romans, aber auch er darf ein geduldiger Lehrer sein, ein guter Pilot und jemand, der für die gemeinsame Sache brennt. Menschen ins All bringen. Was für ein großartiger Plan. Und viel zu wichtig, um zu einem beiläufigen Spiel von viel zu reichen Menschen zu werden – ach, ich schweife schon wieder ab.

Mary Robinette Kowal bringt ihre Lesenden in eine prüde und patriarchale Gesellschaft, in vielen Regeln und Traditionen gefangen – aber auch in eine Zeit der Fortschrittsgläubigkeit und eine Zeit, in der man der Wissenschaft vertraut – durchaus auch in übertriebenem Maße. (In den realen 50ern trug man schon mal Armbanduhren, die im Dunklen leuchteten, weil ziemlich radioaktive Stoffe verarbeitet waren, und ja, diese Armbanduhren brachten vor allem ihre Erbauer gerne mal um.) Natürlich kämpft man auch mit unwissenden Senatoren und es gibt auch bibeltreue Wirrköpfe, die mit Gewalt gegen Raketen vorgehen wollen. Aber insgesamt sieht man den Weltraum als ein großartiges Projekt – und wer das Problem versteht – auch als einzige Chance einer zum Tode verurteilten Menschheit.

Und ganz nebenbei ist „Die Berechnung der Sterne“ ein wahrlich aktuelle Geschichte. Elma hat als jüdische Frau zwei Gründe um diskriminiert zu werden – und über ganz lange Zeit trifft sie keinerlei Antisemitismus, nur um gegen Ende einmal die grobe Kelle abzubekommen – hauptsächlich muss sie darum kämpfen, als Frau überhaupt ernst genommen zu werden. Aber im Moment der Not hilft ein schwarzes Ehepaar ihr und Nathanael und sie freunden sich an – und hier lernt Elma die andere Seite von Diskriminierung zu verstehen, denn natürlich ist sie als Weiße überprivilegiert, also im Vergleich zu den schwarzen Freunden.

Hier werden die Strukturen von systemischer und oft auch internalisierter Diskriminierung offen gelegt, und das nie plakativ. Alles atmet diese drögen 50er Jahre, alles atmet Fassade und Status und gesellschaftliche Kontrolle – insbesondere natürlich über weiblich gelesene Körper. Und trotzdem sind viele der Figuren absolut glaubhaft und durchaus liebenswert und ein bisschen wohlfühlig ist vieles auch, denn Elma hat einen liebenden Mann, einen toll gezeichneten Bruder und echte Freund*innen, die ihr auch mal aufhelfen dürfen, wenn sie mal wieder an sich selbst scheitern möchte, an dem Bild, dass sie von sich selbst hat.

Eine andere Aktualität ist natürlich die Klimaerhitzung, die wir auch ganz ohne Meteoreinschlag über die Kipppunkte bringen, weil unsere Politik versagt. Und wir forschen noch nicht mal mehr ernsthaft an Mond- oder Marsflügen. So unangenehm diese 50er Jahre sicher oft waren, und das schimmert in diesem Roman nicht nur durch, so ist es eine Zeit der Hoffnung und die alternative Zeitlinie der Lady Astronaut ist eine Zeit, in der große Probleme von Regierungen nicht in Kompromissen erstickt, sondern schlicht angegangen werden. Kowal nennt das Buch punchcard punk – Lochkartenpunk – es ist aber auf eine verquere Art – weil die Geschichte ja in einer Vergangenheit spielt – auch echter Hopepunk.

Für mich ein klarer Anwärter auf das Buch des Jahres. Selten so viel Spaß mit einem Buch gehabt. Absolute Leseempfehlung.

Kate Wilhelm – Hier sangen früher Vögel (1976) – Klassische Phantastik

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich meistens irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen. Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Es gibt einige klassische Dystopien, die allgemein großen Ruf haben, allen voran vermutlich Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, Schöne neue Welt von Aldous Huxley und Der Bericht der Magd von Margaret Atwood hat spätestens mit der dazugehörigen Serie auch einen gewissen Status erreicht. Aber auch Kate Wilhelm hat einst den HUGO mit einer großen Dystopie gewonnen und Hier sangen früher Vögel ist einer der Romane, die einen grausigen Sog entwickeln und die Lesenden in Düsternis tauchen.

Alles auf der Welt geht den Bach runter, und das bedeutet 1976 noch, dass Strahlung und Umweltverschmutzung gewinnen und die Menschen und Tiere unfruchtbar machen und eine Eiszeit vor der Tür steht. Wir sehen heute das Gegenteil vor der Tür stehen, aber schöner ist das ja auch nicht. Im ländlichen Amerika gibt es eine Großfamilie, die großen Besitz und viele Experten aus verschiedensten Bereichen hervorgebracht hat – der Patriarch steckt all sein Geld in eine Klinik mit eigener Stromversorgung auf eigenem Land und hier soll die Familie durch die schwierigen kommenden Zeiten kommen. Aber erst als der junge Arzt David die Idee hat, mit Klonen über die Unfruchtbarkeit der Menschen hinweg zu kommen, sieht es danach aus, als ob zumindest ein paar Menschen überleben werden. Aber sie sind anders, diese Klone. Haben eine leichte telepathische Verbindung, haben andere Prioritäten und wollen eigentlich die normalen Menschen nur noch los werden. Die Zukunft der Menschen sind also Klone?

Das Buch springt durch die Zeit, David geht irgendwann aus dem Bild heraus und Jahre, vermutlich einige Jahrzehnte später sind wir bei Molly, die ihre Klonschwestern verlassen muss, um bei einer Expedition dabei zu sein – und dann eine vollständige eigene Identität entwickelt – etwas, was die Klone schon lange nicht mehr tun. Sie wird zur Künstlerin, malt immer wieder einsame Menschen in großen Landschaften und schockiert damit die Klone, die nichts so sehr fürchten, wie die Isolation von ihren exakten Ebenbildern.

Sie hat irgendwann ein Kind, dass sie vor den Klonen geheim hält und irgendwann geht auch sie aus der Geschichte, damit ihr Sohn Mark die Hauptrolle übernehmen kann. Er ist ein Einzelkind, von ihm gibt es keine Klone, wie von sonst jedem geschlechtlich gezeugten Kind, von denen immer gleich fünf bis zwanzig Kopien hergestellt werden. Mark fehlt die Verbindung zu den anderen, aber er hat Individualität und er hat keine Angst vor dem Wald.

Und er nimmt sich vor, einen anderen Weg zu gehen.

Zwei Vögel, ach, singen in meiner Brust – und ja, das ist sehr schmerzhaft. Einerseits hat dieser Roman eine wunderbar dunkle Stimmung, fesselt trotz Wechsel der Protagonist:innen und auch wenn uns heute eine ganz andere Umweltkatastrophe trifft, fühlt sich der Roman erstaunlich zeitgemäß an. Andererseits … Hier sangen früher Vögel ist ein ziemlich patriarchaler Roman und Frauenfiguren werden ziemlich an den Rand gedrängt. Auch ist das Ziel recht rückwärtsgewandt. Ja, die Menschheit überlebt, aber halt irgendwie als eine quasi-mittelalterliche Gesellschaft. Ja, das kann man sicherlich vertreten und konnte man in der Entstehungszeit des Buches erst recht, aber aus einer modernen Sicht heraus, finde ich das rückschrittig. Die Ideen von David mit dem Klonen sind es letztlich, die die Menschheit retten, aber Klone sind unheimliche Wesen, keine richtigen Menschen und ein Irrweg, ohne den die Menschheit halt nur ausgestorben wäre. Das finde ich als Message irgendwie inkonsequent.

So bleibt ein ambivalentes Gefühl trotz regelrechter Begeisterung für die Konsequenz von Kate Wilhelms Ton und ihrem Sog durch ein wunderbar dunkles Buch. Und trotzdem eine klare Leseempfehlung.

Noch kurz ein Blick in die Ismen: Das Buch ist Mitte der 70er Jahre geschrieben, Kate Wilhelm war da auch keine zwanzig mehr, da stecken schon sehr alte Wertevorstellungen drin. Das bezieht sich vor allem auf die patriarchale Form der Ursprungsgroßfamilie und ihre Idealisierung.

Unter den Klonen herrscht Promiskuität und im Speziellen haben die Klongeschwister untereinander Sex, also die einzelnen gleichen Kopien eines Individuums. Da kann man schon drüber nachdenken, ob das dann Inzest, ganz normaler homosexueller Verkehr oder gar eine Form von erweiterter Masturbation ist. Darüber urteilt der Roman nie und er wirkt auch sonst eher sexpositiv, allerdings öffnet er ganz neues Nachdenken über Sexualmoral bei Klonen und – nun ja, es sind halt die Klone, die so viel Sex haben. Da kann man schon nachfragen, ob hier Sex auch dazu genutzt werden sollte, um die Klone als moralisch verwerflich darzustellen.

Ach ja, das Buch ist sehr weiß und wenn die Überlebenden im Tal die einzigen sind, dann gibt es nur noch weiße Menschen am Ende des Buches. Also in dieser Hinsicht mit Vorsicht zu genießen.