Kate Wilhelm – Hier sangen früher Vögel (1976) – Klassische Phantastik

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich meistens irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen. Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Es gibt einige klassische Dystopien, die allgemein großen Ruf haben, allen voran vermutlich Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, Schöne neue Welt von Aldous Huxley und Der Bericht der Magd von Margaret Atwood hat spätestens mit der dazugehörigen Serie auch einen gewissen Status erreicht. Aber auch Kate Wilhelm hat einst den HUGO mit einer großen Dystopie gewonnen und Hier sangen früher Vögel ist einer der Romane, die einen grausigen Sog entwickeln und die Lesenden in Düsternis tauchen.

Alles auf der Welt geht den Bach runter, und das bedeutet 1976 noch, dass Strahlung und Umweltverschmutzung gewinnen und die Menschen und Tiere unfruchtbar machen und eine Eiszeit vor der Tür steht. Wir sehen heute das Gegenteil vor der Tür stehen, aber schöner ist das ja auch nicht. Im ländlichen Amerika gibt es eine Großfamilie, die großen Besitz und viele Experten aus verschiedensten Bereichen hervorgebracht hat – der Patriarch steckt all sein Geld in eine Klinik mit eigener Stromversorgung auf eigenem Land und hier soll die Familie durch die schwierigen kommenden Zeiten kommen. Aber erst als der junge Arzt David die Idee hat, mit Klonen über die Unfruchtbarkeit der Menschen hinweg zu kommen, sieht es danach aus, als ob zumindest ein paar Menschen überleben werden. Aber sie sind anders, diese Klone. Haben eine leichte telepathische Verbindung, haben andere Prioritäten und wollen eigentlich die normalen Menschen nur noch los werden. Die Zukunft der Menschen sind also Klone?

Das Buch springt durch die Zeit, David geht irgendwann aus dem Bild heraus und Jahre, vermutlich einige Jahrzehnte später sind wir bei Molly, die ihre Klonschwestern verlassen muss, um bei einer Expedition dabei zu sein – und dann eine vollständige eigene Identität entwickelt – etwas, was die Klone schon lange nicht mehr tun. Sie wird zur Künstlerin, malt immer wieder einsame Menschen in großen Landschaften und schockiert damit die Klone, die nichts so sehr fürchten, wie die Isolation von ihren exakten Ebenbildern.

Sie hat irgendwann ein Kind, dass sie vor den Klonen geheim hält und irgendwann geht auch sie aus der Geschichte, damit ihr Sohn Mark die Hauptrolle übernehmen kann. Er ist ein Einzelkind, von ihm gibt es keine Klone, wie von sonst jedem geschlechtlich gezeugten Kind, von denen immer gleich fünf bis zwanzig Kopien hergestellt werden. Mark fehlt die Verbindung zu den anderen, aber er hat Individualität und er hat keine Angst vor dem Wald.

Und er nimmt sich vor, einen anderen Weg zu gehen.

Zwei Vögel, ach, singen in meiner Brust – und ja, das ist sehr schmerzhaft. Einerseits hat dieser Roman eine wunderbar dunkle Stimmung, fesselt trotz Wechsel der Protagonist:innen und auch wenn uns heute eine ganz andere Umweltkatastrophe trifft, fühlt sich der Roman erstaunlich zeitgemäß an. Andererseits … Hier sangen früher Vögel ist ein ziemlich patriarchaler Roman und Frauenfiguren werden ziemlich an den Rand gedrängt. Auch ist das Ziel recht rückwärtsgewandt. Ja, die Menschheit überlebt, aber halt irgendwie als eine quasi-mittelalterliche Gesellschaft. Ja, das kann man sicherlich vertreten und konnte man in der Entstehungszeit des Buches erst recht, aber aus einer modernen Sicht heraus, finde ich das rückschrittig. Die Ideen von David mit dem Klonen sind es letztlich, die die Menschheit retten, aber Klone sind unheimliche Wesen, keine richtigen Menschen und ein Irrweg, ohne den die Menschheit halt nur ausgestorben wäre. Das finde ich als Message irgendwie inkonsequent.

So bleibt ein ambivalentes Gefühl trotz regelrechter Begeisterung für die Konsequenz von Kate Wilhelms Ton und ihrem Sog durch ein wunderbar dunkles Buch. Und trotzdem eine klare Leseempfehlung.

Noch kurz ein Blick in die Ismen: Das Buch ist Mitte der 70er Jahre geschrieben, Kate Wilhelm war da auch keine zwanzig mehr, da stecken schon sehr alte Wertevorstellungen drin. Das bezieht sich vor allem auf die patriarchale Form der Ursprungsgroßfamilie und ihre Idealisierung.

Unter den Klonen herrscht Promiskuität und im Speziellen haben die Klongeschwister untereinander Sex, also die einzelnen gleichen Kopien eines Individuums. Da kann man schon drüber nachdenken, ob das dann Inzest, ganz normaler homosexueller Verkehr oder gar eine Form von erweiterter Masturbation ist. Darüber urteilt der Roman nie und er wirkt auch sonst eher sexpositiv, allerdings öffnet er ganz neues Nachdenken über Sexualmoral bei Klonen und – nun ja, es sind halt die Klone, die so viel Sex haben. Da kann man schon nachfragen, ob hier Sex auch dazu genutzt werden sollte, um die Klone als moralisch verwerflich darzustellen.

Ach ja, das Buch ist sehr weiß und wenn die Überlebenden im Tal die einzigen sind, dann gibt es nur noch weiße Menschen am Ende des Buches. Also in dieser Hinsicht mit Vorsicht zu genießen.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Februar 2, 2022, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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