Wie historische Romane nicht sein sollten – Mac P. Lornes „Robin Hood“

Im englischen gibt es die schöne Redewendung „I’m a sucker for“, die ich mal frei mit „Wenn ich davon höre, werde ich zum Trottel“ übersetzen möchte. Mir geht es so, wenn ich Robin Hood höre. Ah, die Kinderbuchversion von Pyles Klassiker habe ich so viele Male gelesen, dass ich sie quasi mitsprechen konnte, die Robin of Sherwood-Fernsehserie bleibt so eine große nostalgische Liebe. Und als ich bei Audible über die Robin Hood-Bücher von Mac P. Lorne stolperte, wurde ich wieder zum Trottel und musste sie mir unbedingt besorgen. Jetzt bin ich mit dem zweiten fast durch und weiß, mehr davon brauche ich auch wirklich nicht. Ja, es ist Robin Hood und ich will mehr … nein, nicht so.

Denn diese Robin Hood-Bücher sind eine Beleidigung fürs Hirn und ich ärgere mich quasi über jeden Moment, in dem sie mich unterhalten – das tun sie nämlich durchaus. Und vielleicht schreibe ich auch nur deswegen darüber, weil sie mich auch durchaus unterhalten. Und ganz sicher, weil ich sie so gern gut gefunden hätte.

Auf der einen Seite schreibt Lorne ja eigentlich ganz brauchbares Handwerk. Ja, ein bisschen durchschaubar ist es hier und da, aber in dieser Hinsicht erwarte ich kein Meisterwerk. Stilistisch ist das alles ein bisschen dröge für ein Erscheinungsjahr 2011 – vom Stil her hätte es auch 1961 sein können – aber bis auf die häufige Verwendung des Relativpronomens „welches“, welche ich immer affektiert finde, ist das halt schon in Ordnung. Es ist genügend spannend, es ist hier und da auch witzig und die Figurenzeichnung ist konsistent. Das einzige, was handwerklich wirklich unfassbar schlecht ist, sind alle Sexszenen. Ich höre meine Hörbücher häufig im Auto und bei den Sexszenen ist immer die Frage, ob ich gleich ins Lenkrad beiße, oder es vor fremdschämenden Lachen verreiße. Meine Fresse, erstens klingen die hart danach, als ob sie aus Softpornos der 70er abgeschrieben seien, zweitens klingen sie immer gleich und drittens bin ich ja der Meinung, dass Sexszenen zumindest minimal für den Plot auch eine Grundwichtigkeit haben sollten, also zumindest in homöopathischen Dosen, aber ich finde die hier nie. Ich sehe die Sexszenen kommen und grause mich schon die Minuten davor sehr.

Sind es diese Sexszenen, die ich wirklich schlimm finde? Nein, die sind zwar definitiv eine Sünde gegen die Literatur, aber eine lässliche Sünde. Aber zwei Dinge bringen mich wirklich in Rage. Das erste ist natürlich die Diskriminierung. Gerade darin, wie Lorne versucht, Marian als eine für ihre Zeit emanzipierte Frau darzustellen, bringt so viele üble Klischees mit sich, dass es schmerzt. Die positiv dargestellten Frauen in diesen Büchern sind immer heilkundig und umsorgen die verletzten Herren der Schöpfung und eine Königin verliert sogar vor Schock ihr Kind, als sie ein Massaker sieht, dass ihr Mann befohlen hat. Frauen sind halt so feinsinnig und zart. Die besseren Menschen sowieso, aber man muss den Jungs alles verzeihen, denn Boys will be Boys.

Und damit ist es noch lange nicht genug. Auf dem Kreuzzug – ja, natürlich geht Robin Hood mit Richard Löwenherz auf Kreuzzug, aber hallo! – sind alle Südländer undiszipliniert und hinterlistig – noch nicht mal Saladin kommt so richtig gut weg, dabei ist der doch üblicherweise ein „edler Wilder“. Nein, Lorne ist nie offensiv antimuslimisch, es kommt immer durch die Blume und quasi nebenbei. Es gibt halt keinen auch nur halbwegs vernünftigen Menschen unter den Muslimen.

Nur so nebenbei und dazwischen geschoben. Mac P. Lorne ist trotz des irgendwie englisch-gälisch anmutenden Pseudonyms ein deutscher Autor. Ich wusste das nicht und war lange Zeit verwirrt über Dinge, die ich einer wirklich schlechten Übersetzung anlastete. Unter anderem beschimpfen die Muslime die Christen ständig als „Ghiaur“, ein Wort, dass ich nur aus dem Werk von Karl May kenne – ein kurzes googlen sagt, dass ich das auch fast nur von May her kennen kann, da es eine Eindeutschung eines türkischen Begriffes ist, die es sonst eigentlich auch nirgends gibt. Auch sonst gibt es einige deutsche Begriffe, die ich in einer Übersetzung nicht erwartet hatte – und das oben schon geschilderte Problem, des ständig genutzten „welches“ – insgesamt muss ich mich wirklich bei der Übersetzenden-Zunft entschuldigen, dass ich ihnen so etwas zugetraut habe.

Zurück zu den Diskriminierungen: Ich bin ja schwerstmehrfachprivilegiert und deswegen merke ich ja bei weitem nicht jede Sauerei. Aber wenn der Dickenhass zündet, dann merke ich das inzwischen ganz gut – bin ich doch selbst mehrgewichtig. Mac P. Lorne schreibt im ersten Band über einen gewichtigen Bischof, und so ziemlich alles, was da steht, ist brutales Fatshaming. Für Lorne sind Mehrgewichtige offenbar noch nicht mal wirklich Menschen, so hämisch und widerlich äußert er sich über diesen Bischof und weidet sich an seinem Spott. Die Stelle hat mich verletzt und wütend gemacht. Das war in seiner Gemeinheit so bodenlos, dass Lorne sich schämen sollte. Und es ist ein Grund, warum ich gar kein schlechtes Gewissen habe, hier diese Romane zu sezieren. Wer so etwas schreibt, hat es nicht anders verdient. Immerhin verdient der Mann damit Geld, dass er sich über Menschen mit mehr Gewicht lustig macht.

Okay, das ist jetzt raus, einmal tief durchatmen. Ich habe ja geschrieben, dass es noch eine Sache gibt, die mich aufregt. Was könnte das – Anachronismen! Und damit meine ich nicht mal wirklich die historischen Fehler. Also, dass Königinmutter Eleonore der bezaubernden Marian Brillantschmuck schenkt. Sowas ist schon heavy. Der Brillantschliff wurde erst 1910 entwickelt – „Bares für Rares“ bildet! – und bis zum 14. Jahrhundert wurden Diamanten gar nicht bearbeitet, aber irgendwer kam mit der Zeitmaschine vorbei und – ach ja, das ist zwar nicht sehr clever, aber kann ja passieren.

Dass allerdings vor den Katharerkreuzzügen von Ketzern gesprochen wird? Dass im 12. Jahrhundert von Scheiterhaufen als Strafe für diese Ketzerei als üblicher Bestrafung in England gesprochen wird? Na ja, und dass Richard Löwenherz ein paar hundert Langbogenschützen dabei hatte, verschiebt den Einsatz dieser Waffen auch einen ganzen Haufen Jahrzehnte nach hinten. Das ist schon alles für sich so eine Sache. Das finde ich einfach schwach recherchiert und mit Gewalt herum gebogen.

Aber wirklich problematisch finde ich etwas anderes: Das anachronistische Denken der Figuren. Denn die haben ganz offensichtlich schon eine Art der Aufklärung hinter sich, so wie sie alle Religion entweder gar nicht ernst nehmen oder nur als Mittel zum Zweck nutzen. Das sind keine mittelalterlichen Figuren. Genauso der Nationalismus der Geschichte, der selbstverständlich in der Pyle’schen Fassung noch viel stärker war. Nationalistisches Denken, hier der Gegensatz von Angelsachsen und Normannen, ist aber nicht mittelalterlich. Das ist eine Entwicklung viel späterer Jahrhunderte. Das ist wirklich anstrengend.

Irgendwie erscheint das zu oft wie ein schlechtes LARP, moderne Menschen in Gewandung, die sich nur so halb mit dem Mittelalter auseinandergesetzt haben und die Geschichte von Robin Hood nachspielen. Die meisten Reeanctement-Gruppen würden sich schämen.

Ach, ich mag Robin Hood ja so sehr. Aber ich kann nicht mehr, ich werde weitere Romane – es gibt ja noch drei – mir nicht mehr antun. Vielleicht bin ich ja ein Sucker, aber alles hat Grenzen.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 7, 2022, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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