Archiv des Autors: Hollarius

Autobattler – Eine Einführung

Dota Auto Chess, Dota Underlords, Auto Chess, League of Legends TFT (TTK): In ziemlich kurzer Zeit ist da ein neues Genre von Multiplayerspielen aufgekommen, dass Millionen Spieler auf der ganzen Welt fasziniert.

Die Geschichte:

Wie einst Dota selbst – und daraus resultierend das Mobagenre – entstanden die Autobattler als Mods auf Basis von anderen Spielen. Den Durchbruch hatte die Mod Auto Chess eines chinesischen Entwicklers namens Drodo. Auf einmal spielte jeder Mensch im Internet Auto Chess, egal ob sie eigentlich Streamer für Lol, Hearthstone oder sonstwas waren.

Drodo entwickelte parallel ein Spiel fürs Handy, das im Moment schon absolut spielbar ist, entwickelt eine eigenständige PC-Variante, die sich an den vorher verwendeten Dota-Helden orientiert, sie aber anders nennt – klar, Dota hat da nicht einfach die Rechte an ihren Figuren abgegeben.

Währenddessen hat Valve, das Studio von Dota 2 eine eigene Version geschaffen, die Dota Underlords heißt, vom Dota2 Client unabhängig ist und bei Steam einfach runtergeladen werden kann – alle Versionen sind im Moment free 2 play.

Und wie sich einst das viel erfolgreichere League of Legends aus Dota herausentwickelte, hat Riot sich auch bei den Autobattlern eingemischt und mit TFT (Team Fight Tactics) eine eigene Version geschaffen, die im Moment nochmal deutlich mehr abgeht, als das vorher mit den Dota-Varianten schon passierte. TFT ist im LoL-Client beheimatet und hat den wochenlang quasi lahmgelegt, weil der Andrang auf TFT wirklich wahnsinnig war. Es wird gefühlt auch nicht weniger.

Wie funktionieren Autobattler?

Ich führe hier erst mal auf, was alle Spiele gemeinsam haben. Autobattler sind rundenbasiert, erinnern hierin an manche Towerdefense-Varianten. Und gerade in den ersten Runden ist die Ähnlichkeit groß. In Runde 1 kann ich eine Einheit aufstellen, in Runde 2 zwei und in Runde 3 drei – das ist ja einfach. Vorher muss ich sie kaufen (das ist bei der ersten Einheit in TFT etwas anders, aber dazu später), und das mache ich mit Mana/Gold. In den ersten drei Runden treten meine Einheiten gegen Creeps, also Einheiten des Computers an, auch danach gibt es in Runde 10 und von da aus jeder fünften Runde eine, in der mein Team gegen Creeps antreten muss. In den Creeprunden lassen diese manchmal Gegenstände fallen, die ich meinen Einheiten mitgeben kann, manche davon kann man kombinieren – bei TFT sogar alle.

Die Einheiten sind übrigens bei Auto Chess Dota Helden, bei TFT entsprechend LoL-Champions – keine Sorge, nicht alle, sondern eine ausgewählte Zahl. Ich kaufe jede Runde Einheiten aus einem Pool von fünf, die ich jede Runde neu angeboten bekomme. Ich kann auch zum gleichen Preis diese Einheiten wieder verkaufen. Es tut also prinzipiell nicht weh, ein paar Einheiten mehr zu kaufen, ich mache da keinen Verlust – allerdings habe ich auch nur eine beschränkte Anzahl an Plätzen auf der Ersatzbank. Und ich kann so viele Einheiten auf das Feld stellen, die der Höhe meines Levels entspricht. Geld/Mana kann ich übrigens auch ausgeben, um meinen Level künstlich zu erhöhen, oder um meine Auswahl an angebotenen Einheiten zu erneuern. Und beim Geld muss ich auch noch darauf achten, dass ich je volle zehn Gold/Mana, die ich habe, pro Runde ein Gold/Mana extra bekomme – allerdings nur höchstens fünf, mehr als fünfzig Gold/Mana anzuhäufen, macht also keinen Sinn. Oh, fast vergessen, Habe ich eine Siegesserie, oder aber – siehe da! – eine Niederlagenserie, so bekomme ich pro Runde Extrakohle. Ja, das Geldmanagement ist in den Autobattlern ein eigenen Post wert.

Zurück zum Spielablauf: In den normalen Runden treten meine Einheiten gegen die von einem der sieben Gegenspieler an. Hoffentlich hauen sie alle platt, denn sonst bekommt meine Spielfigur auf die Omme. Im Original ist das ein Dota-Kurier, bei TFT sind es die kleinen Legenden, also quasi Kuscheltiere, mit denen ich fröhlich über die Karte laufen kann – aber außer, dass ich damit Gegenstände aufnehme, sind sie eher Dekoration. Anfangs hat die Spielfigur hundert Lebenspunkte. Und jedes Mal, wenn das eigene Team verliert, wird abhängig davon, wie viele Gegner noch stehen, dieses Punktekonto geschröpft.

Die Einheiten gibt es zu verschiedenen Kosten. Die preiswertesten kosten ein Mana oder Gold, die teuersten fünf. Und ja, die machen auch jeweils mehr Aua und halten mehr aus. Aber ganz so geradlinig ist es nicht. Habe ich nämlich von einer Einheit drei Stück, so kann ich sie kombinieren, aus den Ein-Stern-Einheiten werden so Zwei-Sterne-Einheiten, die deutlich stärker sind. Eine Zwei-Sterne-Einheit die zum Preissegment von einem Gold gehört, ist ähnlich stark, wie eine Ein-Stern-Einheit, die vier Gold kostet. Hat man drei Zwei-Sterne-Einheiten, können auch die wieder zu einer dann Drei-Sterne-Einheit gemerged werden. Und sind dann geradezu absurd stark. Und natürlich sind Zwei-Sterne-Einheiten von beispielsweise 4-Gold-Einheiten wesentlich stärker als die, deren Grundeinheiten nur ein oder zwei Gold kosten.

Jede Einheit hat zwei Eigenschaften und eine Fertigkeit. Die erste Eigenschaft ist ihre Abstammung, wo gehört sie hin. Im Original erinnern die stark daran, dass ja Dota 2 auch von Warcraft abstammt. Da gibt es Trolle, Menschen, Elfen, sogar Drachen. Bei TFT sind es dann eben Yordles, Dämonen, Nobles und so weiter. Jede Abstammung hat eine Kombowirkung. Habe ich genug Elfen oder Yordles, neigen die dazu, sehr vielen einfachen Angriffen zu auszuweichen. Oder spiele ich bei Auto Chess einige verschiedene Menscheneinheiten, so haben sie eine ordentliche Chance darauf, gegnerische Einheiten zu entwaffnen. Bei TFT nehmen Drachen keinerlei magischen Schaden, wenn ich beide möglichen Drachen im Spiel habe. Und so weiter. Jede Abstammung bringt Effekte, die bei einer gewissen Zahl an verschiedenen Einheiten dieser Art ins Spiel kommen.

Dazu kommt die zweite Eigenschaft, die Klasse der Einheit. Diese Klassen erinnern bei Auto Chess auch wieder an selige WoW-Zeiten, springen dort doch Jäger, Hexer und Druiden herum. Bei TFT gibt es im Prinzip sehr ähnliche Klassen, die hier auch meistens nur ein bisschen andere Namen haben. Hier gibt es zum Beispiel Revolverhelden und Gestaltwandler. Auch hier gilt, wie bei der Abstammung, dass zum Beispiel zwei beziehungsweise vier verschiedene Ranger in der Kombination gewisse Boni bekommen, bei anderen Klassen können es auch mal drei verschiedene von einer Klasse sein, die ich brauche, um diese Boni zu bekommen.

Und jetzt noch die Fähigkeiten. Jede Spielfigur macht mit automatischen Attacken Schaden, die sie aus verschiedenen Entfernungen anbringt, dadurch wird Mana aufgebaut, und hat sie genug Mana zusammen, löst sie eine Fähigkeit aus, die dann irgendwas macht. Meistens in irgendeiner Weise Schaden oder CC – also Crowd control – Gegner werden gestunnt oder in die Luft geworfen. Diese Fähigkeiten sind dann natürlich auch noch mal kombinierbar und so langsam könnte man darauf kommen, dass die Auto Battler eine Eigenschaft haben, die für ein gutes Spiel grundlegend wichtig ist: Einfach zu lernen und schwer zu meistern. Denn es gibt eine ganze Menge Konzepte, die dazu führen, dass das Spiel mehr oder weniger häufig gewonnen wird. Hierzu werde ich in weiteren Blogposts ein bisschen was erklären.

Was sind die Unterschiede und wieso spielen jetzt alle TFT?

Fangen wir mit den beiden Auto Chess Spielen an, die mit Dota zu tun haben. Der Mod und das Drodo-Auto Chess sind das Original. Ich spiele hin und wieder noch das Handyspiel von Drodo, am PC gibt es für mich nur noch TFT. Aber das Drodo-Spiel hat ja durchaus auch viel Charme. Der Unterschied zwischen Auto Chess und Dota Underlords besteht bis auf ein paar wenige verschiedene Einheiten nur im Gegenstandsmanagement. Während in Auto Chess die Gegenstände sehr zufällig fallen, bekomme ich in jeder Creeprunde in Underlords nicht nur einen Gegenstand, ich kann ihn sogar aus drei Gegenständen selbst aussuchen. Eigentlich eine hervorragende Idee – trotzdem setzt sich Underlords vermutlich nicht durch. Es ist so nahe am Original, sieht nichts besonders gut aus und ist bei den Gegenständen auch nicht total logisch.

Gerade an dieser Stelle macht TFT alles besser. Selbst wenn die Gegenstände zufällig fallen und Runden, in denen es statt Gegenständen nur ein paar läppische Münzen gibt, mich natürlich höchst unglücklich machen. Aber die Gegenstände sind einfach in ihrer Art so großartig, dass die originaleren Spiele einfach ins Hintertreffen geraten müssen. Es gibt exakt acht verschiedene Grundgegenstände, und man kann sie mit jedem anderen Grundgegenstand kombinieren – wir kommen hier also nach kurzer Rechnung auf 36 verschiedene kombinierte Gegenstände, die alle verschiedene Wirkungen haben. Das ist absolut einfach und eine solche Menge an Kombinationen, dass es dem Spiel eine wahnsinnige Tiefe gibt. Schließlich kann man auch noch bis zu drei Gegenstände auf einer Einheit versammeln.

Die weitere Verbesserung ist die immer wiederkehrende Karussellrunde, in der ich mir mithilfe meiner Spielfigur eine Einheit schnappen kann, die mir mitsamt einem Gegenstand geschenkt wird. Und ich darf erst los, wenn andere Spieler, deren Spielfiguren schon weniger Lebenspunkte als ich haben, an der Reihe waren. Sehr gute Idee, um ein weiteres Element ins Spiel zu kommen, mit dem ich, wenn ich nicht so gut stehe, ins Spiel zurückkommen kann.

Der letzte Punkt ist natürlich, dass TFT im Universum von LoL eingebunden ist, dem bekanntesten und meistgespieltesten Moba-Spiel, dass den E-Sport der letzten Jahre absolut dominiert hat. Millionen von Spielern kennen sich hier aus, haben den Client auf dem PC und können in ihrem „Zuhause“ einen Autobattler spielen.

Ich habe prinzipiell vor, aus diesem Post eine kleine Reihe zu machen, in der ich einige Spielkonzepte und so weiter vorstelle – das wird sich dann aber nur noch auf TFT beziehen – die Spiele sind relativ lang, ich habe keine Zeit, um bei den anderen Spielen so richtig auf dem Laufenden zu bleiben.

Ach so, letzte Bemerkung: Die Autobattler machen süchtig. Sie kombinieren Taktik mit Zufall auf eine ähnliche Weise, wie das Hearthstone oder Magic machen,aber ich muss nicht erst Karten sammeln, ich habe von Anfang an die gleichen Chancen wie ein Gegner, der schon viele Stunden gespielt hat. Und ich spiele nicht gegen einen Gegner, sondern in jedem Spiel gegen sieben. Dass macht die wahrscheinlichkeit, schlimm zu verlieren deutlich geringer. Werde ich fünfter, habe ich zwar verloren, aber immerhin gab es drei, die früher als ich draußen waren – ein großer psychologischer Vorteil. Ach ja, es gibt auch wenig Micromanagment, mit dem ich, als nicht mehr 15jähriger, gegenüber schnelleren Spielern in größerem Nachteil gegenüber stehen würde. Also nochmal: Vorsicht, macht süchtig.

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Klimanotstand und was wirklich passieren muss

Vor ein paar Tagen war in Köln das große Feuerwerk „Kölner Lichter“ zu bewundern. Auf Twitter war mehrfach zu lesen, dass das ja wohl kaum damit zusammenpassen würde, dass die Stadt Köln Tage zuvor den Klimanotstand ausgerufen hat. An dieser Stelle können wir ein paar Irrtümer über die heutige politische Lage ausräumen.

Erstens: Die Ausrufung des Klimanotstandes bringt kurzfristig etwas. Nein, kurzfristig passiert hier gar nichts. Wir sind gefangen in einer extrem langsam arbeitenden Demokratie. Und je kommunaler es wird, desto langsamer wird es – oftmals auch einfach, weil hier gar nicht genug Manpower in den Behörden sitzt, um wirklich schnell irgendetwas zu ändern. Wer also glaubt, dass die Ausrufung des Klimanotstandes heißt, dass das Kölner Ordnungsamt sofort alle Genehmigungen von Großveranstaltungen der nächsten zwei Jahre auf Klimaschädlichkeit untersucht und gegebenenfalls die Genehmigungen einkassiert, der die das überschätzt erstens die politische Macht des Rates,der den Klimanotstand ausgerufen hat, und zweitens die Geschwindigkeit, in der eine Stadtverwaltung handeln kann oder auch nur will. Nicht vergessen, Politik muss immer gegen die Verwaltungen durchgesetzt werden, denn die ändern nichts, wenn sie es nicht müssen.

(Ich werde hier übrigens nicht diskutieren, ob die Veranstaltung ein Problem ist. Das ist nicht der Punkt.)

Zweitens: Die Ausrufung des Klimanotstandes ist wirklich als ein Notstand gedacht. Nein, das ist nicht der Fall. Klimanotstand klingt gut, und in den Augen der Klimaschützer, die dieses Mittel zuerst vorgeschlagen haben, ist das ganz sicher auch viel ernster gemeint gewesen, als von irgendeinem Rat, der den Notstand erklärt. Die politische Konsequenz ist nämlich nur, dass alle zukünftigen Entscheidungen auch unter Klimagesichtspunkten betrachtet und abgewägt werden sollen. Klingt jetzt nicht nach einem großen Wurf? Ja richtig, ist es auch nicht.

Und das liegt jetzt woran? Kölns Rat hat mit breiter Mehrheit zugestimmt, die wollen doch was bewegen, oder nicht? Ja und nein. Erstmal ist das Signal wichtig, so wird man sich gedacht haben, und ja, man möchte ja auch ganz prinzipiell etwas langsam aber sicher ändern. Aber mit einem echten Notstand hat es halt nichts zu tun.

So, jetzt lösen wir uns mal von Köln. Denn natürlich ist Köln nur ein Symptom. Es ist nicht mit einem Notstand zu machen. Es ist nicht mit ein oder zwei Entscheidungen zu machen. Es ist eine ganze politische Kultur, die sich ändern muss. Es ist letztlich ein System, das nicht so bleiben kann, wie es gerade in den letzten Jahrzehnten geworden ist.

Der Ist-Zustand ist doch folgender. Politik übernimmt seit Jahren keine Verantwortung mehr, der schlanke Staat ist in Mode gekommen, weil er der Wirtschaft nützt, und weil es keinen Feind mehr gab, der harte Anstrengungen vom Staat abgefordert hätte. Im Kalten Krieg unterhielt die BRD nicht nur eine für die damalige Zeit deutlich bessere Infrastruktur als heute, man gab auch große Teile des Bundeshaushaltes für die Bundeswehr aus. 1963 über fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und bis weit in die 80er Jahre waren es noch über drei Prozent. Zahlen, die wir uns heute zu Recht kaum noch vorstellen können. Zahlen, die mit dem heutigen Steueraufkommen auch nicht mehr machbar wären. Man hat das damals auf sich genommen, weil man sich existenziell bedroht fühlte. (Auch hier möchte ich nicht über Sinn und Zweck diskutieren, ich stelle nur fest, dass das damals als nötig begriffen wurde.)

Heute gibt es den Feind nicht mehr, und anstatt nach Ende des Kalten Krieges mit der gleichen Vehemenz den damals schon erkennbaren Klimawandel zu bekämpfen, ist voll auf die Wirtschaft gesetzt worden, die wurde auch losgelassen und anstatt den Menschen eine Friedensdividende zu gönnen, wie das durchaus diskutiert wurde, hat man das ganze Geld an einige wenige Menschen gegeben – Milliardäre haben sich die Friedensdividende in vollen Zügen einverleibt. Und weil die Lobbyisten das sinnvoll fanden, wurde auch noch jede Menge Infrastruktur privatisiert – was niemals hätte passieren dürfen, damit die Politik an der Stelle jederzeit eingreifen kann, wenn das wichtig wird. Deswegen haben wir heute auch in Deutschland an vielen Stellen die Infrastruktur, für die wir von vielen deutlich ärmeren Ländern nur bemitleidet werden können. Besonders radikal ist das im Verkehrsbereich zu sehen. Die Deutsche Bahn ist unglaublich rückschrittig, der Transrapid wurde nie gebaut, und nur die alten ICEs können noch hohe Geschwindigkeiten erreichen. Ein Trauerspiel. Ein typisches Beispiel dafür, dass schon Teilprivatisierung zu eine Verödung und zu einer Schwächung des Systems führt. ÖPNV ist zumindest im ländlichen Bereich mindestens genauso ein Trauerfall.

Diese verfallende Infrastruktur ist ein Symptom für eine politische Mentalität, die vor jedem Problem kapituliert. Politiker trauen sich heute nichts mehr. Das Vertagen und Verschieben ist heute ein wichtiger Politikinhalt, die Expertenkommission wird das schon machen. Denn haben die Experten – selten Expertinnen – vorentschieden, dann ist es für die Politik gleich viel einfacher, sich anzuschließen. Dass die Experten üblicherweise Lobbyisten sind, die für ihre Vorentscheidungen gut bezahlt werden – geschenkt. Aber das ist noch nicht mal das größte Problem. Das größte Problem ist die Zukunftslosigkeit der Politik. Alle denken nur bis zum Schluss der Legislatur. Alle schauen nur, was gerade populär ist, alle schauen auf Zustimmungsraten, an denen die eigenen Lebensplanungen hängen. Und keiner traut sich mehr, wirklich Schritte zu machen, die die Gesellschaft weiterbringen. Unter anderem, weil in diesem Land Visionen verteufelt werden, weil Stabilität ein Fetisch nicht nur der Konservativen, sondern auch sämtlicher anderen Parteien und der Medien ist.

Und da kommen wir jetzt endlich auf die Sache mit der Klimaerwärmung zurück. Hier fliegt uns gerade etwas um die Ohren. Beim nächsten Unwetter kann man das wörtlich nehmen. Oder schaut mal kurz in die Weltnachrichten und wie häufig da Meldungen kommen, die mit dem Klima zu tun haben. Zu leugnen war die menschengemachte Klimaerwärmung ja schon seit Jahrzehnten nur für sehr irrationale Menschen, die mit der Wissenschaft auf Kriegsfuß stehen, aber selbst die sollten langsam merken, dass sie warme, und je nach dem, wie nahe sie dem Meer wohnen, auch nasse Füße bekommen.

Da jetzt Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt anfangen, sich gegen diesen Stillstand der Politik zu wehren, ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Aber es muss schnell gehen, und darauf ist unsere Politik gar nicht vorbereitet. Man sollte nicht meinen, dass unsere PolitikerInnen zu faul wären. Ist nicht mein Vorwurf. Gearbeitet wird da, keine Frage, aber halt nicht zielführend. Wir brauchen jetzt einen Politikwechsel, der weit über die Fragen von Parteien hinausgeht. Wie gesagt, die politische Kultur muss sich ändern – naja, und das Steueraufkommen auch. Der Staat braucht deutlich mehr Geld, wenn er handlungsfähig gegen die Klimaerwärmung sein will.

Wir brauchen PolitikerInnen mit Visionen. Entscheidungsstark und mit dem Willen, vielen Menschen auch mal ernsthaft auf die Füße zu treten. Denn je mehr Einschränkungen es heute gibt, desto kleiner werden die Einschränkungen insgesamt. Wäre ja eigentlich logisch, oder? Hätte man vor dreißig Jahren angefangen, mit dem Kampf gegen die Klimaerwärmung ernst zu machen, hätte es damals kleine Einschränkungen gegeben, die deutlich weniger spürbar gewesen wären, als das, was jetzt kommen muss.

Und das ist auch eine wichtige Erkenntnis: Wir müssen uns als Gesellschaft einschränken. Weniger mobil sein. Weniger Ressourcen verschwenden. Weniger Lebensmittel wegwerfen. Weniger arbeiten. Entschleunigen. Alles das, was wir schon vor Jahrzehnten hätten tun sollen. Und wer nicht bekennt, dass das nötig ist, der ist unwählbar.

Und diese Erkenntnis widerspricht vielem, was wir in unserem Leben von allen Seiten gesagt bekommen haben. Denn Konsum ist gut, Kapitalismus ist gut. Die Märkte regeln alles. Das ist nicht nur neoliberale Propaganda, sondern auch ganz tief in uns geprägte Gesellschaftsmeinung. Mehr ist besser, oder nicht? Wir müssen mehr tun, wenn wir Probleme beseitigen wollen, oder? Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen. BGE wäre eine Belohnung für Faule. Das hört man doch so von der SPD, das steckt auch einem Teil der Linken in der gewerkschaftlichen DNA, und die Grünen glauben doch auch an E-Autos und gute Geldanlagen.

Kapitalismus regiert. Die soziale Marktwirtschaft wurde von SPD und Grünen mit der Agenda 2010 in Rente geschickt, und Klimaziele, wer hat denn an Klimaziele gedacht, als die Grünen an der Macht waren? Immerhin gab es einen Dosenpfand. Gut für Flaschensammler.

Und mit diesem Kapitalismus können wir kein einziges Klimaziel erreichen. Wir müssen viel grundlegendere Dinge ändern, als das, was mit einer CO2-Steuer oder einem Energieablasshandel lösbar ist. Das Klima ist mit Kapitalismus nicht zu retten. Das Klima ist ohne eine neue politische Kultur der Entscheidungsstärke und einer gewissen Kompromisslosigkeit nicht zu retten. Wir müssen um das Überleben der Menschheit kämpfen. Dazu braucht es schnelle teilweise harsche Änderungen und Entscheidungen. Dazu müssen sich Mentalitäten ändern. Dazu muss sich unsere Gesellschaft ändern. Die gute Nachricht ist: Das ist machbar. Die schlechte Nachricht ist: Wir müssen alle daran arbeiten.

Und die letzte Bemerkung heißt nicht: Wir müssen uns heute alle selbst so weit wie möglich einschränken. Das sollten wir zwar durchaus jeder für sich versuchen, aber ich glaube schon lange nicht mehr an eine echte Graswurzelbewegung, die peu a peu etwas von unten her ändert. Wir brauchen Politik, die Verantwortung übernimmt. Und Medien und Gesellschaft, die positiv und konstruktiv daran arbeiten, Mentalitäten zu ändern. Wir müssen alle daran arbeiten. Damit es einfach wird, sich selbst zu ändern. Damit der Druck entsteht, nicht mehr zu fliegen, weniger oder kein Fleisch mehr zu essen, weniger Ressourcen zu verbrauchen. Gemeinsam kann man so viel ändern. Aber Lächeln und Winken ist nicht mehr.

Dumplin‘ – Ein Glücksfilm

Ja, ich habe auf Netflix Dumplin geschaut. Ich gehe davon aus, dass ihr, liebe Lesende, den Film entweder auch gesehen habt oder euch Spoiler egal sind. Denn das, was ich dazu schreiben will, kann sich nicht um Spoiler herum schreiben.

Die Inhaltsangabe fällt mir interessanterweise schwer. Es geht um eine junge Frau mit dem hoffentlich seltenen Namen Willodean, die das schwere Los hat, eine leicht überkandidelte ehemalige Schönheitskönigin zur Mutter zu haben. Die geliebte Tante ist vor gar nicht langer Zeit gestorben – und Tante und Nichte einte das Schicksal, nicht schlank zu sein. Willowdean, kurz Will, hat damit ein bisschen Halt verloren, aber sie steht nicht völlig verzweifelt da. Sie hat Ellen, ihre beste Freundin seit Kindertagen, sie schwärmt für Bo, den – für einen Teenager extrem männlichen – Typen, der mit ihr in einem Diner jobbt, und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist auch nicht schlechter, als das unzähliger anderer Teenager.

Dann aber gibt es zwei Gründe, warum sie bei der Misswahl, die ihre Mutter jedes Jahr organisiert, in diesem Jahr mitmachen wird. Der eine ist profan. Ihre Mutter, mit der Sensibilität, die Müttern von Teenagern oft eigen ist, nennt sie in der Öffentlichkeit Dumplin – Klöpschen. Und sie findet einen Hinweis darauf, dass ihre Tante Lucy bei dem gleichen Wettbewerb mitmachen wollte, den ihre Mutter dann gewann. Sie weiß nicht, warum Lucy das nicht durchgezogen hat, aber sie ist sich sicher, dass sie das durchziehen will. Und natürlich, dass sie damit ihrer Mutter etwas beweisen will.

Von ihr mitgezogen meldet sich nicht nur die hübsche und schlanke Ellen mit an, sondern auch die Rebellin Hannah – „Nieder mit dem Patriarchat!“ – und die wie Will nicht schlanke Millie, die aus sehr behütet christlichem Hause kommt und die Unterschrift der Mutter fälscht, um mitzumachen.

Während Ellen und Millie richtig Spaß an der Sache haben, und bei Hannah nie ganz klar wird, was sie eigentlich dabei will – außer vielleicht, für ein wenig Ärger sorgen -, ist Will nur mit halbem Herzen dabei, vor allem, da sie nicht damit umgehen kann, dass Bo sich auch für sie interessiert. Sie ist schlicht überfordert, als Bo sie küsst, rennt panisch weg.

Erst über Umwege und über eine wunderbare Redneck-Transvestitenbar mit Dolly Parton-Abend, in der Tante Lucy oft zu Gast war, und wo man sich liebevoll an sie erinnert, bekommt Will Motivation und Selbstvertrauen, so in die Misswahl zu starten, als ob sie sie gewinnen wollte.

Was hat bisher nicht gepasst? Was an dieser Inhaltsangabe ist so, wie es noch nie irgendwo war? Richtig, die Hauptfigur ist nicht schlank und will das auch gar nicht unbedingt ändern. Und trotzdem ist sie die Hauptfigur. Ich mein, es ist sonst ja schon fast zu viel verlangt, wenn es eine nicht schlanke Nebenfigur nicht ausschließlich für den Comic Relief zuständig ist, sich nicht, da nicht schlank, stets selbst demütigt.

Und da war noch was. Ja, Bo, der hübsche maskuline Bo verliebt sich in Willowdean. Einfach so. Er muss nicht umworben werden, er braucht keine große Epiphanie, in der er erkennt, dass „das dicke Mädchen ein Herz aus Gold“ hat, oder wie das passende Klischee gerade heißt. Er verliebt sich einfach in diese tolle junge Frau. Fertig. Braucht es mehr? Aber wie besonders ist das? Es klingt eigentlich völlig normal, dass es dazu nicht mehr braucht, als passende Charaktere, Menschen, die sich voneinander angezogen fühlen. Aber weil Will nicht schlank ist, erwartet man die ganze Zeit ein „ABER“, das nicht kommt. Weil mensch noch nie gesehen hat, dass das auch geht. Dass sich ein schlanker hübscher Mensch in einen nicht schlanken Menschen verliebt, ohne ein Aber, ohne Hintergedanken, ohne doch mindestens von diesem das Leben gerettet bekommen zu haben. Und ohne von diesem mit aller Macht umworben worden zu sein. Ja, das passiert sonst auch immer wieder in Filmen, aber eben nie, wenn da ein Mensch bei ist, der nicht schlank ist.

Warum ist jetzt dieser gar nicht so sehr mit Handlung gefüllte und eigentlich ein bisschen zu freundliche Film ein solches Must see? Also zumindest für Menschen, die nicht schlank sind? Ja, weil er eben ein Glücksfilm ist. Wie stark jedes nicht schlanke Mensch diskrimiert wird, fällt eben unglaublich stark auf, wenn es dann mal einen Film gibt, der das nicht macht. Und das könnte natürlich zum Gegenteil führen. Denn eigentlich wäre es ja auch absolut richtig, Wut und Rebellion gegen diese Diskriminierung aufzubauen und das ist ja auch da, aber während mensch diesen Film sieht, laufen halt wirklich ohne Scheiß Tränen des Glücks übers Gesicht. Meine Fresse, was tut dieser Film gut.

Und das mag einigermaßen bescheuert klingen, aber dadurch habe ich erst verstanden, was Filme mit schwarzen oder homosexuellen Hauptdarstellern bewirken, warum Frauen weibliche Actionheldinnen so sehr brauchen. Ich habe das vorher immer irgendwie verstanden, aber Dumplin lässt mich das nicht intellektuell verstehen, sondern emotional.

Wir brauchen mehr solche Filme, Filme, die auf so schlichte Art mit Diskriminierungen aufräumen, die Menschen Kraft und Glück schenken, weil sie einfach unsichtbare Menschen sichtbar machen. Bitte mehr davon, bitte.

Wahlnachlese – Die Linke hat verloren

Die Europawahl ist nun Vergangenheit, Union und SPD wurden für ihre katastrophale Umweltpolitik hart abgestraft – nicht so hart, wie wir uns das wünschen würden, aber immerhin. Die Grünen haben profitiert, die Linken nicht. Das mag teilweise daran liegen, dass die Grünen halt schon die Umweltpolitik im Namen haben, oder daran, dass sie als Vertreter des neoliberalen Mainstreams – denn seien wir mal ehrlich, die Grünen sind schon lange nicht mehr links – deutlich weniger medialen Gegenwind und weit mehr Beachtung finden als wir Linken.

Aber was uns eigentlich klar sein muss, und was wir halt auch mal klar machen müssen: Der Klimawandel ist ein Ergebnis des Kapitalismus und ohne einen gesunden Antikapitalismus wird eine Wende in Sachen Klima schlicht unmöglich. Wer wissen will, wie wirkungsvoll die Grünen für das Klima sind, sollte nicht vergessen, dass bis vor recht kurzer Zeit die Grünen mit in der NRW-Regierung waren und ziemlich exakt nichts gegen die Braunkohle getan haben.

Also braucht es linke Politik so dringend wie nie, und Die Linke hat mit dieser Vorlage sogar noch Prozente verloren. Warum ist das so? Warum sind wir bei den Erstwählern nur einen Prozentpunkt vor der SPD, was läuft da schief?

Weil wir ungefähr genauso modern und progressiv wie Union und SPD daher kommen. Weil wir nicht im neuen Jahrtausend angekommen sind und es wichtiger ist, alle Konzepte der Vergangenheit noch mal hervorzukramen, anstatt endlich Visionen zu haben und zu leben. Linke Visionen, linke Ideen.

Im Heute ankommen.

Wir sind zu großen Teilen noch nicht in der digitalen Welt angekommen. Und das ist kein Vorwurf an die, die selbst nicht in der digitalen Welt aufgewachsen sind, oder auch selbst nicht darin leben. Das ist absolut okay. Aber dann muss die Partei auf die hören, die es sind. Dass das Internet ein Kern des heutigen Lebens ist, darf nicht unterschätzt werden – was passiert, wenn man das tut … ach, googelt einfach mal „Rezo“, falls ihr noch nichts davon gehört habt.Die Digitalisierung stellt alles in Frage, und wir sollten die Antworten geben.

Also keine Angst vor Technik, keine Scheu, sondern immer weiter denken, wie wir neue Techniken nutzen können, um die Welt besser zu machen, und wie wir es den reichen verleiden können, durch diese Technik noch reicher zu werden.

Mythos Arbeit

Wir sind immer noch so in die gute alte Arbeit verliebt, dass wir die heutige Lebenswelt oft nicht verstehen. Vor dreißig Jahren haben linke Gewerkschaften noch von der 30-Stunden-Woche geträumt, haben von Maschinensteuer gesprochen und davon, dass Arbeit halt immer weniger wird, wenn viele Dinge, die früher viel Anstrengung gekostet haben, so oft von Maschinen übernommen werden können. Heute hört man auch aus linken Kreisen immer wieder dass dieser und jener Arbeitsplatz erhalten werden muss. Nein, nicht die Arbeit ist das Wichtige, sondern dass Menschen gut versorgt sind, dass Menschen in Würde und ohne existenzielle Ängste leben können. Heißt das BGE? Ja klar, ist das überhaupt noch eine Frage?

Völker hört die Signale

Richtig, da steht nicht: Deutsches Volk, hör das Signal. Und könnten wir jetzt mit Nationen, Grenzen und dem ganzen Quark endlich mal aufhören? Es gibt immer noch Menschen in der Linken, die es sinnvoll finden, von Obergrenzen zu sprechen und Angst vor Menschen zu schüren, die zufällig woanders geboren wurden. Könnten wir jetzt endgültig damit aufhören, könnten wir die Begriffe bitte der AfD überlassen, da gehören sie hin. Links ist international.

Natürlich machen wir Politik hier, aber das heißt nicht, dass wir irgendein Leben bei uns irgendeinem Menschen anderswo auf der Erde vorziehen können. Und wenn wir uns dem Pazifismus verschreiben, dann müssen wir auch die ersten sein, die Geflüchteten ohne Wenn und Aber die Tür öffnen, denn warum fliehen Menschen? Wegen deutschen Waffen, wegen den großen Firmen, die fast immer auch in Deutschland Geld verdienen, wegen Naturkatastrophen, die wir mitzuverantworten haben. Du kannst „Refugees Welcome“ nicht unterschreiben, nun ja, aber warum nennst du dich dann links?

Linke und Umwelt

Die Linke und Politik für die Umwelt passt ganz ausgezeichnet zusammen. Natürlich müssen wir immer darauf dringen, dass wir durch Umweltpolitik nicht neue finanzielle Barrieren aufbauen, aber etwas anderes als eine konsequente Klimapolitik ist schlicht und einfach nicht mehr begründbar. Wir müssen jetzt was radikal ändern – und hey, wir werden so oft radikal genannt, dass wir da doch eigentlich die Experten für sein sollten -, damit die Menschheit überhaupt noch eine längere Verweildauer auf diesem Planeten hat. Und das sollte durchaus unser Ziel sein. Nach uns die Sintflut kann keine linke Einstellung sein, auch wenn viele unserer Mitglieder die wirklich schlimmen Folgen des Klimawandels nicht mehr selbst erleben werden.

Radikale Nachhaltigkeit, radikaler Umweltschutz, radikale soziale Gerechtigkeit – wenn wir das vertreten und wir es dann auch noch schaffen, dass einer breiten Öffentlichkeit zu erzählen, dann werden nicht mehr nur die Grünen von dem verdienten Niedergang der GroKo profitieren. Aber das müssen wir auch wollen.

Kurzer Rant: Wir schauen auf die falsche Seite!

Könnte sein, dass ich gerade in Rantlaune gerate, aber manchmal muss das auch. Also, der Auslöser.: Ein Journalist einer großen Zeitung hat anderthalb Jahre lang einen Faschisten begleitet und mit ihm gesoffen und daraus ein fühliges Portrait gemacht. Das tat wohl Not.

Rantanfang

Ich habe es nicht gelesen. Ich weigere mich einfach. Ich kann es nicht mehr ab. Ich kotze jedes Mal, wenn einer von diesen Faschos bei Illner oder Plasberg auf der Couch sitzt, ich sehe es nicht mehr ein, dass wir immer auf die falsche Seite schauen.

Mensch könnte ja auch einfach mal eine alleinerziehende Frau mit behindertem Kind, die von Hartz 4 lebt, weil es nun mal nicht anders geht, anderthalb Jahre lang begleiten. Genug zu schrieben gibt das bestimmt für ein ganzes Jahr. Oder Menschen begleiten, die in unserer Gesellschaft an jeder Ecke aushelfen und gegen den ganzen menschenfeindlichen Wahnsinn, der von AfD und Konsorten beschworen wird, arbeiten, kämpfen und leiden.

Ja, aber wir machen ja auch Reportagen über Greta! Der Einwand wird kommen, aber das ist mir egal. Wenn Menschen wie Greta Thunberg porträtiert werden, sind die Medien nur darauf aus, ihre Fehler zu sehen – von denen sie, da menschlich, sicherlich welche hat. Aber bei Faschisten sieht man erstmal supergroßzügig über deren größten Fehler hinweg – nämlich dass sie menschenfeindliche Arschlöcher sind.Ihre Vorgänger, ja, unsere Vorfahren, haben Millionen Menschen vergast. Ich habe am Samstag noch in Esther Bejarano eine der letzten Überlebenden gesehen, die noch davon berichten kann. Wie muss sich diese alte Dame, die mit 94 noch auf der Bühne steht, um gegen Nazis aufzuklären und immer wieder ihre Geschichte zu erzählen, fühlen, wenn eine große Zeitung davon schreibt, wie es ist, mit einem Typen zu saufen, dessen Denken wieder nach Auschwitz führt?

Wir schauen einfach lieber auf die Täter als auf die Opfer, ich mein, ist klar, schließlich sind wir ja das Tätervolk, ist scheinbar bei uns so drin. Jeden Sonntag Tatort, schauen, wie es nur um die Täter geht. Und in History geht es um Hitlers Helfer, natürlich immer mit ein bisschen faszinierter Abscheu, nie um Hitlers Opfer oder Hilters Gegner. Hitlers Gegner, also Antifaschisten, sind in diesem Land halt Nestbeschmutzer und immer ein bisschen suspekt, richtig?

Opfer sind uns halt egal. Ist so ein Traditionsding, vermute ich mal. In dieser Gesellschaft sind wir einfach traditionell scheiße.

Rantende.