Archiv des Autors: Hollarius

Die Kultur des Abbrechens

Habe heute morgen einen Kommentar gelesen, in dem behauptet wurde, es sei in der Welt der Bücher die ominöse Cancel Culture eingetroffen, die nun vor allem ältere Autor*innen dazu brächte, Haare raufend danach zu suchen, was sie denn wohl noch so schreiben können. Vermutlich nur eine neue Art zu sagen, O Tempora o Mores, oder? Oder vielleicht noch mehr? Ein Nachhaken nach ihrer Deutungshoheit, zum Beispiel?

Kurz mal eine Sache klar machen. „Cancel Culture“ ist ein rechter Kampfbegriff mit ungefähr so viel intellektueller Substanz wie der Hufeisen-Theorie und dem „großen Austausch“. Es ist schlicht Quatsch, und auch noch gefährlicher Quatsch. Eben ein rechter Kampfbegriff. Die Idee, die vermittelt werden soll, ist, dass es linke oder grüne oder queere Sprachpolizist*innen gäbe, die jedem vorschrieben, wie zu schreiben sei. Dass es heute nicht mehr möglich sei, ganz normale Dinge zu sagen, ohne dafür gecancelt zu werden. Also quasi zum Schweigen gebracht. Und das ist natürlich ein Ding, das immer von links ausgeht, und andersherum passiert das überhaupt nicht. So die Behauptung.

An dieser Stelle sollte es eigentlich reichen, wenn ich sage: so, jetzt schaut euch um, was passiert wirklich? Und damit ist es dann gegessen, denn wir wissen alle, dass das Unsinn ist. Aber gut, ich fange ganz schnell mit der deutschen Medienszene an:

– eine antidemokratische untergründige Vereinigung von Schauspieler*innen macht eine Videoserie namens … ich habe das schon wieder vergessen. Auf jeden Fall war Jan Josef Liefers deshalb nicht gecancelt, er war in einem Dutzend Talkshows. Und wofür? Dafür, dass er Panik geschürt hat, Dass er Impfgegnern und den rechtsradikalen Querdenkern das Wort geredet hat. Zwei seiner Kollegen – ich habe nicht viel davon gesehen, aber die zwei halt zufällig schon – haben superironisch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, Kinder zu schlagen. So ironisch, dass man die Ironie nicht mehr bemerkt. Gute Schauspieler und so. Tausende Kinder werden zu spüren bekommen, dass da kluge Leute in einem schicken Loft über so was reden. Ironie versendet sich. Wäre Cancel Culture ein Ding, dann wären jetzt 53 Karrieren ein für alle Mal zu Ende. Wir werden sehen.

– ein junger Comedian hat den Künstlernamen Chris Tall gewählt, damit er seine Shows damit eröffnen kann, dass er so was sagt wie „Heute machen wir hier richtig Chris Tall-Nacht“ – und er sagt so was wirklich! Was macht er so für Witze? Hauptsächlich rassistische, ableistische und er liebt Bodyshaming. Der perfekte Comedian für die AfD-Weihnachtsfeier. Ist der gecancelt worden? Warum muss man ihn denn dann auf jedem Sender ständig sehen?

– es gäbe noch eine Menge weiterer Beispiele. Gottschalk redet rassistischen Müll, Nuhr tritt ständig nach unten, agiert wissenschaftsfeindlich – the list goes on and on.

So, jetzt genug davon, wir wissen alle, dass es Cancel Culture nicht gibt, also, zumindest nicht von links.

So, und jetzt schauen wir mal in den Literaturbetrieb. In diese shiny Welt der deutschen Literatur. Oder auch der Belletristik, wie auch immer. Und jetzt zählen alle mal die Autorinnen auf, die sie im Deutschunterricht gelesen haben. Oh, das war eine kurze Auflistung. Türkische Autor*innen? Schwarze Autor*innen? Wie viele Bücher über offen homosexuelle Beziehungen? Helden mit körperlicher oder geistiger Behinderung? Trans Männer und Frauen, egal ob als Figuren oder Autor*innen? Und wie viel davon wird verlegt? Schaut doch mal bei Thalia oder wo auch immer vorbei, wie viel solche Literatur in den Auslagen liegt. (Na ja, oder wartet halt ab, bis mehr Leute geimpft sind, und ihr wieder in Buchläden gehen könnt.)

Da funktioniert Cancel Culture nämlich. In der Literatur, wie in jedem anderen Medium.

Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Nicht nur auf der Straße meint man, nicht kritisiert werden zu wollen, wenn man Meinungsfreiheit verlangt, von der es eine ganze Menge gibt. Speziell für Rassisten und Nazis. Genau das gleiche passiert auch in den Medien oder im künstlerischen Betrieb. Nein, vielleicht wird heute niemand mehr dafür gefeiert, dass er eine Vergewaltigung im Schlaf glorifiziert – nun, im NRW-Abitur müssen es aber immer noch alle Schüler*innen lesen -, vielleicht wäre Lolita auch heute nicht mehr so einfach durch ein Lektorat zu bekommen. Egal, was für feine Prosa du schreibst. Ich hoffe, es würde auch keine Filmförderung mehr einem neuen „Jud Süß“ Geld zuschießen. Wir sind in manchen Dingen halt doch ein bisschen reifer geworden. Oder zumindest hofft man das immer.

Zu allen Zeiten aber hat sich die Kunst der Kritik stellen müssen. Das gilt auch für die Literatur. Und wenn ich heute weiße, heteronormative und patriarchale Literatur schreibe, dann werde ich das vermutlich immer noch ohne Probleme veröffentlicht bekommen, wenn ich gut genug schreibe. Da ist nichts gecancelt. Aber eventuell werde ich dafür kritisiert. Und wenn ich melodramatisch über Marginalisierte schriebe, ihr Anderssein postuliere, ohne auch nur einen Hauch von Empathie aufzubringen, ja selbst, wenn ich aus Nachlässigkeit rassistische Dinge schreibe, dann werde ich dafür nicht gecancelt werden, aber ich werde kritisiert werden. Und ja, vielleicht werden der Kritik Menschen zuhören, die nicht im letzten Jahrtausend hängen geblieben sind und vielleicht werde ich wirklich nicht so viel verkaufen. So what? Geschmäcker ändern sich glücklicherweise. Und Kritik gehört dazu.

Aber vielleicht geht es ja auch anders. Vielleicht schreibe ich einfach mal ein paar selbstverständlich diverse Charaktere in mein Buch rein. Vielleicht denke ich mal out of the box und stelle Frauen in den Mittelpunkt, oder queere Menschen? Vielleicht lasse ich dicke oder schwarzhaarige Menschen nicht als lustige Nebencharaktere mitlaufen, sondern nehme sie genauso ernst, wie alle anderen Charaktere auch. Ach ja, ich kann auch mal schauen, wie es ist, arm zu sein, und was daraus resultiert. Einfach mal out of the box. Das einzige Problem dabei könnte sein, dass ihr dafür von den Verlagen und der Branche gecancelt werdet. Passiert häufiger, als man glaubt.

Didaktik running wild

Obiges Bild habe ich mal fröhlich aus Twitter geklaut, sry an den Urheber.

Ich habe das auf Twitter ziemlich rüde kommentiert. Aber schauen wir mal kurz, was da passiert ist. Für den Laien ist das erstmal völlig unverständlich. 5*4 ist doch 20? Was ist denn jetzt daran falsch? Nun, das Lehrende hatte folgendes vor: Da sind vier Hände, sie haben jeweils fünf Finger (nein, eigentlich jeweils vier Finger und zwei Daumen, aber das Fass wollte ich gar nicht aufmachen), also rechnet man vier mal fünf Finger, und das soll dann auch so da stehen. Damit das Kind – wir sind hier in der Grundschule, so zweite Klasse? – sich einen Begriff von der Multiplikation machen kann. Darunter gibt es dann die Additionsaufgabe, die quasi die Multiplikation auseinandernimmt.

Nun sieht das Lehrende es also als falsch an, dass da 5*4 steht. Etwas, was von vielen Pädagog*innen auch vehement verteidigt wurde. Denn es sei ja wichtig, dass die Kinder die Struktur der Multiplikation verstehen würden. Und das ginge ja nur, wenn sie den Zusammenhang zwischen den vier Händen und den fünf Fingern in genau der Reihenfolge schreiben würden. Und hier möchte ich jetzt, hoffentlich unemotional – es geht ja um Mathematik, die weltgewordene Logik – widersprechen. Ich halte das „f“ hinter der Multiplikation für kontraproduktiv und mir zeigt das nur, dass das Lehrende einiges nicht verstanden hat – nicht unbedingt über Mathematik, aber auch.

Erstens sagt der Mathematiker in mir: Das „F“ ist furchtbar, weil es falsch ist. Ich kann nicht an eine richtige Rechnung dran schreiben, dass sie falsch ist. Hierzu kommt der Pädagoge, der sagt: Na ja, so richtig sinnvoll ist das ja nicht, dass man einem Kind einprägt, dass 5*4 nicht 20 ist. Aber schön, dass wir drüber geredet haben. Ein Häkchen und trotzdem die Korrektur über der Aufgabe wäre in jedem Fall die bessere Wahl gewesen.

Zweitens zeigt die Addition, dass das Kind die Aufgabe exakt richtig verstanden hat. Es sind vier Fünfen, die da addiert werden, oder? Das Kind hat also verstanden: Vier Hände, fünf Finger. Warum hat es denn jetzt trotzdem die Zahlen andersherum multipliziert? Da kann es sehr viele Gründe für geben. Zum Beispiel, dass es einen einfachen Zahlendreher gemacht hat, aus dem gleichen Grund, aus dem manche Menschen 57 schreiben, wenn sie 75 meinen. Aber viel wahrscheinlicher finde ich, dass es hier zuerst nach der Ausprägung geschaut hat: Aha, da sind fünf Finger, und die an vier Händen. Also 5*4. Das kann nicht sein? Haha, doch! Wir rechnen nämlich alle anders. Und das auch noch je nach Tagesform. Die Idee, dass wir Gruppen von je fünf Fingern erkennen und diese mit vier multiplizieren, mag naheliegend sein. Aber je nach mathematischer Entwicklung kommen Menschen auf sehr verschiedene Weise auf Lösungen. (Hier sind vielleicht nur aus einer Bequemlichkeit vier linke Hände abgebildet, aber vielleicht auch – und der Gedanke wäre nicht übel – weil bei abwechselnden linken und rechten Händen garantiert ein kleiner Prozentsatz der Kinder auf die Multiplikation 2*10 käme, und vielleicht auch auf 10*2. Aber die wären natürlich auch beide richtig.)

Drittens haben wir ein ganz grundsätzliches Problem, wenn Didaktik nur auf Konformismus abzielt und nicht auf Verständnis. Wie oben ausgeführt, das Kind hat offensichtlich verstanden, was es verstehen soll, die zweite Zeile zeigt das. (Auch wenn eine zweite Zeile 4+4+4+4+4 kein „f“ verdienen würde. Ja, es mag weit hergeholt wirken, aber ja, es gibt Gehirne, die bei dem Bild der vier Hände andersherum zählen: Vier Daumen, vier Zeigefinger usw. Diese Kinder dafür bestrafen, dass sie auf ihre Weise richtig rechnen wäre auch sinnfrei.) Das „f“ hier hat also nur einen Sinn, nämlich Konformismus zu erzwingen. Und das ist in gewisser Weise verständlich. Denn natürlich ist es für alle Lehrenden einfacher, wenn die Lernenden brav das tun, was man ihnen sagt. Aber bei Bildung geht es nicht um die Bequemlichkeit der Lehrenden, sondern darum, den Lernenden grundlegende Fähigkeiten nahezubringen. Altmodisch hätte man Ertüchtigung gesagt, aber das Wort hat seltsame Konnotationen. Bildung für die Lernenden ermöglichen? Und Konformismus darf nice ein Bildungsziel sein, in keinem Fach, und in der Mathematik ist das auch noch fachimmanent.

Denn viertens gibt es ein paar wichtige Dinge in der Mathematik, die mit dem „f“ nicht vereinbar sind. Mathematik ist kein Einstudieren von regelhaften Abläufen, sondern kreatives Problemlösen. Das wusstet ihr nicht? Nun, daran erkennt ihr, wie schlecht euer Matheunterricht war. Und es gibt einen Grundsatz in der Mathematik, dass jeder nachvollziehbare und allgemein richtige Lösungsweg, der zu einem richtigen Ergebnis führt, mit jedem anderen solchen gleichwertig ist. Für die unter euch, die sich an die Mathematik der Mittelstufe zurückerinnern wollen: Habe ich in einem rechtwinkligen Dreieck eine Seite und einen zusätzlichen Winkel gegeben, sagen wir a und α (mit dem rechten Winkel bei C), dann kann ich mir aussuchen, ob ich zuerst mit dem Tangens b oder mit dem Sinus c ausrechnen will, vielleicht will ich auch lieber erst mit dem Innenwinkelsummensatz ß ausrechnen und dann c über den Cosinus von ß. Und habe ich zwei Seiten, will ich dann noch mal trigonometrisch vorgehen, oder nutze ich einfach den Pythagoras für die dritte Seite? Es ist schlicht egal, womit ich löse. Das interessiert niemanden, so lange meine Methode immer anwendbar ist. (Sonst könnte glückliches Raten auch eine Methode sein, ich möchte das nicht propagieren) Viele Schüler sind heute an der Stelle leicht überlastet, wenn es um die Trigonometrie geht. Sie kommen kaum gedanklich damit klar, dass es diverse Wege zum gleichen Ziel gibt. Die Vorstellung, dass es später in der Vektorrechnung unendliche viele Möglichkeiten gibt, die gleiche Gerade durch Vektoren darzustellen sprengt ihnen dann glatt das Hirn. Warum? Weil sie von klein auf gelernt haben, dass es nur einen Weg gibt. Dass Mathematik etwas konformistisches ist.

Und hier merkt man, dass eine sicherlich gut gemeinte Didaktik, die darauf aus ist, den Lernenden die Strukturen der Grundrechenarten begreifbar zu machen, eher dazu führt, dass den eigentlich lernbegierigen jungen Köpfen durch Konformismus die Mathematik verleidet wird. Das gehört zu den Auswüchsen der Didaktik, die den Lernenden alles vereinfachen will. Vereinfachung ist aber kein Vorteil. Gehe ich ins Fitnessstudio und stelle alle Geräte auf zehn Prozent der Gewichte, mit denen ich sonst trainiere, werden die Trainingseffekte nicht nur gering sein, ich werde auch wenig Spaß am Training haben.

Von der Eigenverantwortung

Ja, ein Hohelied der Eigenverantwortung ich singen will! Was ist sie für ein wunderbares Werkzeug dabei, Kindern dabei zu helfen, mit der Welt klar zu kommen. Kleine Kinder fordern das ein: „Ich will selbst!“ Und das ist wirklich wichtig. Gebt Kindern mehr Verantwortung für sich selbst, vertraut ihnen und kommuniziert dieses Vertrauen auch – bitte nicht per Kontrollanrufen a la „Ich wollte dir nur sagen, wie sehr ich dir vertraue, mein Kind!“ Kinder durchschauen den Bluff.

Aber was den meisten Eltern vermutlich klar ist, es gibt Grenzen der Selbstverantwortung und man sollte sie in kleinen Schritten einüben. Natürlich könnte man einem Kind das gesamte Taschengeld eines Jahres in die Hand drücken und ihm sagen: „Bitte, dein Taschengeld, heute in einem Jahr gibt es das nächste.“ Und es gäbe, je nachdem wie gut das eingeübt ist, schon Zwölfjährige, die damit umgehen könnten. Aber die meisten Sechzehnjährigen hätten noch Schwierigkeiten – ja verdammt, es könnte für viele Erwachsene ein echtes Problem sein, wenn sie auf solche Art ihr Einkommen bekämen. Gebe ich einer unvorbereiteten Achtjährigen ihr Jahrestaschengeld, mache ich damit ziemlich sicher nur einen Ramsch- oder Süßigkeitenhändler sehr glücklich und das Kind sehr unglücklich.

Die Grenze der Eigenverantwortung ist nämlich da, wo das Kind selbst überschauen kann, was es tut. Sag einem Sechsjährigen, das mit dem eigenen Meerschweinchen geht in Ordnung, wenn er sich drum kümmert, so ist jedes „Ja klar!“ ziemlich wertlos. Der Sechsjährige schaut halt nicht weiter als bis nächsten Samstag. Der Samstag in anderthalb Jahren, an dem das Vieh immer noch was zu fressen braucht und neue Streu, der existiert einfach nicht.

Also kurz und gut: Eigenverantwortung ist überall da gut, wo ein Mensch überschauen kann, was es bewirkt.

Aber es gibt auch Dinge, bei denen Eigenverantwortung nicht wirklich funktioniert. Das sind meistens Dinge, bei denen es um Konsequenzen geht, die man nicht selbst zu tragen hat. Oder Dinge, deren Probleme sie nicht aus eigener Anschauung verstehen können.

In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es aus heutiger Sicht unfassbar viele Verkehrstote. Mehr als das fünffache der heutigen Zahlen. Das hat ganz sicher mit der Technik zu tun. Kein Sicherheitsgurt, von Airbags ganz zu schweigen, passive Sicherheit war noch nicht so richtig erfunden. Daneben wurden aber Geschwindigkeitsbegrenzungen innerorts erst 1957, die außerorts Anfang der 70er eingeführt. Die Gurtpflicht Anfang der 80er.

Das hat alles sehr viel geholfen. Und warum? Weil Menschen für Risiken blind sind. Und weil sie die Risiken des Autofahrens meistens erst verstehen, wenn es zu spät ist, weil schon etwas passiert ist. Selbst gefährliche Situationen geben so lange sogar den Reiz ab, so lange man jedes Mal unbeschadet überlebt. Fragt mal Extremsportler.

Letztere gefährden sich aber hauptsächlich selbst, und da kommt die zweite Komponente ins Spiel. Geschwindigkeit musste gedrosselt werden, weil meistens nicht nur der Raser stirbt. Übrigens sind über dreitausend Tote in einem durchschnittlichen Jahr immer noch ein Grund, über die Sicherheit im Straßenverkehr nachzudenken. Und vermutlich gäbe es jedes Jahr eine signifikant niedrigere Zahl von Verkehrstoten, wenn man die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 120 Stundenkilometer beschränken würde. Aber ich schweife ab.

Es gibt Dinge, da macht Eigenverantwortung schlicht keinen Sinn. Wenn das Kind einen giftigen Pilz in der Hand hat und da reinbeißen will, sag ich nicht: „Lass das mal, das ist keine gute Idee, aber letztlich ist es deine eigene Verantwortung!“ Stattdessen verhindere ich, notfalls auch mit Zwang, dass es happa happa macht.

Und politisch ist es die gleiche Geschichte. sprechen wir kurz über den Dickhäuter, der den Raum einnimmt:

In einer Pandemie funktioniert Eigenverantwortung nicht. Erstens, weil es wissenschaftsferne Menschen gibt, die Yotube und Telegram glauben, aber niemandem, der Ahnung hat. Auch diese Menschen haben ein Recht darauf, dass man ihr Leben rettet. Selbst wenn sie mit dem Giftpilz da stehen und happa happa machen wollen. Die muss man auch dazu zwingen, eine Maske zu tragen, sich impfen zu lassen und auf Partys zu verzichten. Zu ihrem Schutz und zum Schutz der Gesellschaft.

Zweitens gibt es Menschen, und da gehören sehr viele von uns zu, die die Gefahren nicht überschauen können. Seien wir ehrlich, wie gut verstehen wir die Ansteckungswege? Wie oft denken wir, wir hätten die Masken richtig aufgesetzt, uns an alles gehalten und Hygieneprofis machen uns die Augen auf? Und wie sehr verstehen wir die Wahrscheinlichkeitsrechnung und das exponentielle Wachstum der Chance der Ansteckung mit jedem Kontakt mehr den wir haben? (letzteres kann ich gerne erklären) – Wir sind also fast alle absolute Laien. Wir können es nicht wirklich selbst verstehen. Und deswegen braucht es Experten, die uns sagen, was wir machen müssen, und eine Politik, die das klar und manchmal auch schmerzhaft durchsetzt.

Und drittens gibt es die Menschen, denen andere schlicht egal sind. Zum Beispiel jeder Unternehmer, der seine Mitarbeitenden in Werkshallen und Büros zusammen kommen lässt, dabei keine Luftfilter verbaut hat, nicht auf Maskenpflicht pocht und Tests verweigert. Und natürlich Homeoffice nicht ermöglicht, wenn es eigentlich geht. Ach ja, das gleiche gilt für Verantwortliche für Schulen und Kitas. Aber das Wort Politikversagen ist ja für diese Menschen wie geschaffen.

Eigenverantwortung ist toll, funktioniert aber bei einer Pandemie nicht. Und auch wenn ich manchmal denke – jo, da gibt es wieder einen großen Ausbruch in einer fanatischen Sekte, sind ja selbst schuld – dann reflektiere ich das kurz und hau mir selbst auf die Finger. Denn auch dort gibt es Kinder und Abhängige, die nicht einfach gehen können und die nicht selbst schuld sind, sondern geschützt werden müssen. Und ganz nebenbei, diese Menschen können offenbar nicht rational mit der Situation umgehen.

Ein anderer Punkt, an dem Eigenverantwortung keinen Sinn macht, ist alles, was mit Umwelt und Klima zu tun hat. Hier ein kurzer Blick in die Geschichte.

Ich wohne in einem prinzipiell waldreichen Gebiet, man bekommt hier sehr lebendig mit, wie wenig Eigenverantwortung funktioniert. Hier in der Gegend sah man noch vor zwanzig Jahren kaum Landschaft, weil alles mit hohen dunklen Fichten vollgestellt waren. Ich habe schon vor dreißig Jahren in der Schule gelenrt, dass Fichten hier eigentlich nicht hingehören, dass sie den Boden versauern, und für höhere Temperaturen nicht geeignet sind. Außerdem sind sie Flachwurzler und kippen in Stürmen schneller um. Ach ja, und schon in den 80er Jahren gab es große Probleme mit Borkenkäfern.

Seit über dreißig Jahren haben alle, die da was von verstanden, gesagt, wir müssen die Fichtenwälder so schnell wie möglich in Mischwälder umbauen. Seit spätestens vor ungefähr zwanzig Jahren wussten wir alle, dass sich das Klima erhitzt, und Fichten eine noch miesere Idee waren, als vorher.

In den 2010ern kamen dann Stürme, die riesige Schneisen in die hiesigen Fichten schlugen. Ganze Parzellen verwandelten sich in Mikadospiele. Kranke Bäume, die ein übler Orkan erwischt hat. Und natürlich wurden an vielen Stellen diese Parzellen wieder mit Fichten aufgeforstet. Weil man hat nicht lernt und Fichten den schnellsten Gewinn erwarten lassen.

Und dann kam vor gerade mal zwei Jahren der Borkenkäfer und heute gibt es keine nennenswerten Fichtenparzellen mehr. Das trockene Jahr 2018 und die nicht viel feuchteren Jahre 19 und 20 haben dazu geführt, dass die hiesigen Wälder – oder genauer Holzplantagen – verstorben sind. und das nicht nur so ein bisschen. wenn noch fünf Prozent der Fichten da sind, die hier vor fünf Jahren standen, dann würde mich das wundern. (Also noch da sind und noch Nadeln haben, es stehen eine Menge Skelette herum)

Die Waldbesitzer haben also dreißig Jahre lang nicht reagiert und sich nicht darum gekümmert, ihre Parzellen umzubauen. Sie haben sogar auf die Orkane noch vielfach völlig unsinnig reagiert. Das ist es, was bei Eigenverantwortung heraus kommt. Und wenn ich eh schon so eine lange Geschichte erzähle, kann ich nicht vergessen, dass ein Sprecher der hiesigen Waldbauern letztens in einem Brief an die Zeitung (oder einem Interview?) sich darüber echauffierte, dass es zwar Zuschüsse vom Staat fürs Aufforsten gäbe, die aber zurückgezahlt werden müssten, wenn man nicht die Bäume setzen würde, die der Staat vorgibt. Die Waldbauern haben viel Geld aufgrund ihrer völligen Untätigkeit verloren, aufgrund ihrer Unverantwortlichkeit. Und jetzt ist die Gesellschaft so freundlich, ihnen nicht den Grundbesitz zu enteignen, wie es aufgrund der Unverantwortlichkeit absolut sinnvoll wäre, sondern knüpft nur eine Bedingung an Hilfen, die die Waldbauern definitiv nicht verdient haben. Und dann heult man noch rum, weil man mit dem geschenkten Geld nicht machen kann, was man will.

Hier sieht man wunderbar, dass Eigenverantwortung immer dann völlig nutzlos ist, wo auf der anderen Seite die Gier steht. Wir brauchen übrigens alle ganz dringend mehr Wald. Jeder Baum, der gesetzt wird, ist jetzt wichtig. Das ist eine Mammutaufgabe, die wir keinesfalls den döseligen Waldbesitzern überlassen dürfen.

Klima schützen geht nicht mit Eigenverantwortung. Niemand sieht nämlich, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Und das ist ein erster wichtiger Punkt. Zweitens geht es darum, was mit den Menschen der Zukunft ist. Und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen ihren Kindern Enkeln und sonstigen Nachkommen prinzipiell das Beste wünschen, so sind Konsequenzen, die mich schon allein aus Altersgründen nicht betreffen, jetzt nicht so nah an meinem Leben. Und die Probleme werden natürlich zuerst in den eh schon armen Ländern größer sein, warum sollte man sie hier darum kümmern? Und ich kann allein doch eh nichts ändern mit meinem Verhalten, oder? Genau deswegen hilft Eigenverantwortung nichts, man macht allenfalls Menschen ein schlechtes Gewissen, weil sie kaum eine Chance haben, sich so zu verhalten, dass sie nicht zur Klimaerhitzung beitragen.

Die Menschen der dritten Kategorie, die Menschen, die den größten CO2-Abdruck haben und sich eh nicht um andere Menschen kümmern, kurz die Reichen, haben eh keinen Grund, ihren Verbrauch einzuschränken. Und ein Gewissen haben die auch nicht. Sonst wären sie ja nicht so reich.

Ja, es gibt auch in der Politik Bereiche, in denen Eigenverantwortung eine sinnvolle Sache ist. Eine Drogenpolitik zum Beispiel, die auf Information und Eigenverantwortung basiert, würde durchaus Sinn machen. Und eine empowernde Politik in Sachen Sexwork, die Sexworker*innen schützt und sie ihren Beruf eigenverantwortlich ausüben lässt, das klingt nach einer ganz guten Idee.

Aber Macht und Geld funktioniert nie eigenverantwortlich, da muss kontrolliert werden. Und in Eigenverantwortung zerstören wir die Lebensbereiche unserer Nachfahren, und in Eigenverantwortung bringen wir jede Menge Menschen um. Da braucht es keine Eigenverantwortung mehr, da braucht es verantwortliche Politik.

Das Problem mit den Talkshows

Seit locker fünf Jahren, vielleicht auch schon länger, sind die politischen Talkshows ein echtes Problem. Und nicht nur so ein kleines Ärgernis, oder so, sondern ein echtes Problem für unsere Demokratie. Sie sind gefährlich.

Prinzipiell sollte das anders sein. Journalismus sollte immer gefährlich für unfähige und korrupte Regierungen sein, aber nie für die Demokratie selbst. Aber gerade die Talkshows sind in Richtung Korruption und Unfähigkeit – wovon wir im Moment ja wirklich genug sehen – zahnlos, aber auf der anderen Seite demokratiegefährdend.

Das fing in meinem Empfinden damit an, dass 2015, als wir eine Humanitätskrise hatten, als wir ein paar Menschen aufnahmen, die in Not waren, plötzlich in jeder Sendung Rassisten und Faschisten von der AfD saßen. Deren Unsinn, deren Menschenfeindlichkeit und deren Demokratiefeindlichkeit wurden und werden bis heute wie ganz normale Meinungsäußerungen behandelt, von den journalistischen Kräften im Raum nicht eingeordnet und zurückgewiesen.

Als dann Corona kam, saßen plötzlich Menschen wie Kekulé und Streeck in den Talkshows und sorgten für eine Menge Desinformation und zeigten wiederum ein sehr problematisches, nämlich ein sozialdarwinistisches Menschenbild. Dass Mediziner:innen um jedes Leben kämpfen sollten, war und ist den Herren nicht bekannt. Sie halten eine Durchseuchung für okay und nehmen damit hunderttausende Tote in Kauf. Dass die aber alle noch gar nicht sterben wollen, das kommt schon gar nicht mehr vor.

Ja, es sitzen immer wieder auch Menschen in Talkshows, die auf dem Boden der Wissenschaft unterwegs sind. Keine Frage. Aber die müssen halt immer gegen so einen Dummschwätzer diskutieren, oder gegen Schlimmeres. Gegen irgendwelche Esos, Impfverweigerer und sonstige Schwurbler. Und genau da liegen die Probleme.

Die Talkshows haben da zwei Stück von. Das eine heißt „Kontroverse“, das andere „Hufeisentheorie“.

Was passiert, wenn man sämtliche journalistischen Grundsätze über Bord wirft, weil die einzige Währung Kontroverse ist? Man lädt Menschen so ein, dass man möglichst immer Kontroverse bekommt. Was ist denn einfacher, um zu Emotionen zu kommen, als wenn ich Menschen einlade, die anderen Menschen den Tod wünschen und dafür arbeiten? Und auf der anderen Seite Menschen habe, die davon betroffen sind, oder die ehrlich dagegen arbeiten? Menschen, die davon sprechen, dass sie Demokraten jagen wollen wie Herr Gauland, werden eingeladen. Oder wie Frau von Storch, die auf Geflüchtete schießen lassen wollte. Natürlich gibt das Kontroverse im Studio, falls auch nur ein Mensch dazu eingeladen wird, der nicht Vollfaschist ist.

Menschen, deren journalistischer Kompass noch funktioniert, würden sagen: Okay, die AfD hat wieder was faschistisches gesagt, und wir müssen da auch drüber reden: Gut dann laden wir Menschen ein, die das einordnen, die sagen, was man gegen die Faschisten machen kann und vor allem lassen wir Betroffene zu Wort kommen. Wen wir selbstverständlich nicht einladen, sind die Faschisten selbst. Das wäre überall auf der Welt die sinnvolle Art, damit umzugehen. In Deutschland ist das nicht nur sinnvoll, sondern aus Verantwortung alternativlos. (ja, es gibt gute Momente für das Wort. Allerdings nur für Menschen mit Prinzipien.)

Warum ist die Hufeisentheorie auch so ein Problem? Nun ja, dieses Konstrukt, dass davon ausgeht, dass auf den rechten und linken Seiten des politischen Spektrums ungefähr die gleichen Potentiale gibt, die Verfassung zu überwerfen, ist zwar wissenschaftlich nicht haltbar und vielfach zurückgewiesen, bestimmt aber immer noch das politische Weltbild.

(Linkes Denken hat ein kommunistisch-versponnenes Ideal zum Ziel, rechtes Denken Auschwitz – wer zum Fick kann diesen Hufeisenquatsch eigentlich ernsthaft vertreten? Hufeisentheorie ist immer NS-Verharmlosung – ich bin so müde …)

Ach ja, zum Thema zurück: die Hufeisentheorie zusammen mit dem Laissez-faire-Liberalismus führen dazu, dass die Redaktionen offenbar intellektuell gegen Demokratiefeindlichkeit, Wissenschaftsfeindlichkeit und Menschenfeindlichkeit absolut wehrlos sind. Progressiv denkende Menschen, die ein linkes Label haben, werden nur seltenst in Talkshows eingeladen, weil sie ja genauso schlimm wie Faschisten sind, die man ständig einlädt. Und wenn sie eingeladen werden, sitzt auf der anderen Seite halt eine geballte Ladung rechter Demagogen, Scheinjournalisten und Hetzer.

Und dieses Problem, dass die Redaktionen offenbar mit substanziell linken Positionen haben, führt nicht nur zu sehr wenigen Einladungen und zu oft sehr aggressiven Fragen – weil sogar ein Lanz glaubt, er müsse zum Journalisten mutieren, wenn da jemand mit linken Ideen sitzt – sondern auch dazu, dass Menschen aus den linken Parteien hochgejazzt werden, die möglichst wenig links sind. SPD-Mitglied und Hardcore-Rassist Sarrazin wurde so berühmt, Grünen-Rechtsausleger Palmer auch und die linksnationale und viel zu oft querfontlerischeWagenknecht wird auch viel häufiger eingeladen als Katja Kipping oder andere Linkenpolitiker:innen.

Ist das alles Absicht? Wollen die Redaktionen faschistische Ideen nach vorne bringen? Über Corona desinformieren?

Nicht direkt. Ich vermute, sie sind einerseits halt intellektuell wehrlos, haben Null Rückgrat und schon gar keine eigene politische Haltung. Und dann kommt der Wunsch nach Kontroverse hinzu. Der ist so wichtig, dass Schäden an der Demokratie und Desinformation einfach hingenommen werden. Weil Einschaltquoten wichtig sind, und Folgen egal.

Jeden Tag schreiben?

Gestern schrieb ein Twitteraccount mit guten Ratschlägen für Schreibende, dass nur die, die jeden Tag schreiben, Autor:innen sind. Und natürlich gab es Gegenwind, und den speziell auch von Menschen, denen man das Autor:in sein kaum absprechen kann – schließlich zeigen Veröffentlichungen diesen Status recht gut an. Daraufhin habe ich mir das für mich überlegt.

Wie ich auch schon mal auf diesem völlig vernachlässigten Blog erzählt habe, bin ich im letzten Jahr das Schreiben noch mal mit einer neuen Ernsthaftigkeit angegangen. Und ich bin produktiv, habe zweieinhalb Drehbücher und einen (zugegeben eher kurzen) Roman seit letztem Juni geschrieben. Das klingt mehr, als es in Wörtern ist, aber das wichtigste daran: ich habe drei Dinge beendet, vom neuen Drehbuch ist der Zerodraft, also eine Art Entwurf, auch schon fertig. Ich arbeite das gerade in Ruhe aus, jeden Tag kommt eine Szene hinzu, manchmal sogar zwei.

Bin ich Autor? Ähm, nun, ich habe keine offizielle Veröffentlichung seit Juni, Dinge, die ich früher mal bei Amazon selbst veröffentlich habe, halte ich auch nur für eher wenig aussagekräftig, aber trotzdem: Ja, ich bin Autor. Und dieses Selbstverständnis nehme ich mir erstens aus der Arroganz, zu der ich als männlich gelesener Mensch erzogen wurde – wieso sollte ich ernsthaft an meiner Wichtigkeit zweifeln, so bin ich nun mal sozialisiert – und die ich auch weiblich gelesenen Menschen anrate, wenn es um Kunst geht. Nennt euch Künstler:innen, Autor:innen, Musiker:innen, wenn ihr die Leidenschaft dafür habt. Zweifel sind da nicht angebracht! Und zweitens habe ich das Selbstverständnis, weil ich Dinge zu Ende geschrieben habe. Ich habe ein Drehbuch, dass von meiner Seite fertig ist, dass so gut ist, wie ich es alleine – und mit der Hilfe von sehr lieben Testleser:innen – hinbekomme, ein weiteres, von dem ich gerade langsam aber sicher einen Rewrite mache, weil es sehr verquast ist und halt der erste Versuch in einem neuen Betätigungsfeld, und einen Roman von knapp 60 Tausend Wörtern, der in einer virtuellen Schublade herumliegt und darauf wartet, dass ich ihn mal irgendwann lese und anfange, ihn zu überarbeiten.

Das alles hat gar nichts damit zu tun, dass ich jeden Tag schreibe. Ja, ich mach das. Ich habe seit letztem Juni an zwei Tagen nicht geschrieben. Ansonsten habe ich jeden Tag geschrieben. Nicht jeden Tag viel, es gibt Tage, da schreibe ich weniger, als dieser Blogpost an Wörtern zählen wird. Und es gibt keine Tage, wo ich ausgesprochen viel schreibe. Manche hauen an einem Tag 5K raus, und das über längere Zeiträume, gestern las ich von 50 K an drei Tagen. Heilige Scheiße, für meinen Roman von knapp 60 K habe ich etwas über zwei Monate gebraucht. Aber das ist ein ganz wichtiger Punkt: Jedes Schreibende muss sich selbst überlegen, wie die eigene Methode ist.

Melanie Raabe plädiert in ihrem Buch „Kreativität“ für Deadlines, die man sich selbst setzt. Funktioniert für mich nicht. Mag für andere super sein. Ich würde bei einer Deadline in einem Monat die nächsten drei Wochen nichts machen und dann in einer Woche sehr viel – und vermutlich würde es nicht ganz so gut sein, wie das, was ich in meinem Tempo schaffen kann. So funktioniert mein Hirn.

Ich plane zwar durchaus, was ich im nächsten Monat schaffen will, und das klappt manchmal und manchmal schieß ich auch kilometerweit dran vorbei. Aber ich weiß, dass ich weiterkommen werde, ich weiß das, weil ich weiß, dass ich brav weiterschreiben werde. An guten Tagen was mehr, an schlechten weniger. Aber ich werde schreiben. Ohne die Entscheidung, da eine Regelmäßigkeit aufzubauen, hätte ich im letzten Jahr hier und da mal ein bisschen was geschrieben. Vielleicht hätte mich sogar der Roman so überfallen, wie er mich überfallen hat, aber die Tage Anfang Dezember, als er fertig wurde, die waren wirklich schwer. Ich mochte nicht, dass am Ende nicht alles gut ausgeht. Und ich habe herausgezögert, das Ende zu schreiben. Aber ich schreibe halt jeden Tag und irgendwann gab es keine Ausreden mehr und dann wurde das Ding halt fertig.

Ich habe keinen Verlag und keine Agentur, die auf das wartet, was ich schreibe. Sollte ich den Punkt mal irgendwann erreichen, mag das alles noch mal anders sein. Ich befürchte, man muss seine Arbeitsweisen immer ein bisschen den Verhältnissen anpassen. Für mich passt Regelmäßigkeit im Moment super – ohne, dass ich eine klare Routine hätte, ich schreibe irgendwann am Tag, wo ich es halt einbauen kann. Für manche macht Regelmäßigkeit einen unangenehmen Druck, mir nimmt sie den Druck weg, weil ich ja weiß, dass ich schreibe und dadurch irgendwann auch fertig werde. (Abgesehen davon ist Durck ja sowohl etwas Gutes, wie auch der absolute Kreativitätskiller. Auch das ist eine Frage der Persönlichkeit. Ein bisschen druck mag ich, 50 K im November ist mir ein bisschen viel.)

Also wann darf ich mich Autor;in nennen? Wenn ich entscheide, dass mir das wichtig ist. Die Tatsache, dass man etwas zu Ende geschrieben hat, unterstützt das aber sehr schön. Wie man schreibt, wie der Prozess ist, das ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was dabei herauskommt.