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Sexarbeitende empowern, nicht diskriminieren – zur Diskussion ums Nordische Modell

Teile dieses Blogposts liegen schon seit Monaten bei mir rum, jetzt versuche ich mal das zu Ende zu bringen. Anstoß kam durch eine Initiative innerhalb der Linken, das sogenannte Nordische Modell in unser Programm aufzunehmen. Das ist auch als Sexkaufverbot oder Freierbestrafung bekannt. Es geht darum, dass Prostitution verboten wird, allerdings nur der Kund*innenseite und die Sexarbeitenden werden nicht direkt verfolgt. Ich habe mich vor allem erstmal da umgeschaut, wo die Betroffenen selbst was dazu sagen, also die Verbände und Aktivist*innen aus den Reihen der Sexarbeitenden. Bin innerhalb des Kreisverbandes dafür hart angegangen worden. Jetzt will ich mal etwas tiefer schauen:

Also gut, es geht um Prostitution, also darum, dass Menschen sexuelle Dienstleistungen anbieten und sich also für Sex bezahlen lassen. Mensch spricht da gerne vom ältesten Gewerbe der Welt – was aus historischer Sicht wahrscheinlich so nicht haltbar sein kann – schließlich muss es schon die Idee des Gewerbes gegeben haben, die Idee von Bezahlung und deren Mittel, bevor Prostitution zum Gewerbe wurde – aber ich schweife ab. Sicherlich wird niemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass es Prostitution schon sehr lange gibt, und dass es sie immer auch gegen viele erschwerte Bedingungen gegeben hat. Das sollten wir im Hinterkopf behalten.

Wir sollten auch darüber nachdenken, dass Prostitution selbst und vor allem die, die dieses Gewerbe ausführen und ausgeführt haben, gesellschaftlich geächtet werden und wurden. Nicht umsonst ist die Silbenfolge „HuSo“ momentan eine beliebte Beleidigung. Bitte benutzt sie nicht! Das ist ein Problem, denn wir alle sind mit Vorurteilen aufgewachsen, haben Witze über „auf den Strich gehen“ und ähnliche Dinge gerissen. Jeder Mensch, der in die Diskussion einsteigt, hat diese Vorurteile im Hinterkopf und muss diese reflektieren, weil er sonst der Diskussion auch nicht gerecht werden kann.

Die erste Frage ist die nach einem politischen Ziel. Es ist ja nicht so, als ob es rund um die Prostitution keine Probleme gäbe. Bis heute gibt es da kriminelle Umtriebe, Menschen werden zur Prostitution gezwungen, Menschenhandel nimmt Würde und Freiheit. Das muss bekämpft werden. Jede sexuelle Dienstleistung, die nicht freiwillig erbracht wird, ist eine Vergewaltigung und muss als solche verfolgt werden. Da gibt es nicht den Hauch eines Zweifels. Und ich vermute, dass sich hier auch mehr oder weniger alle drauf einigen können.

Die Frage ist aber jetzt leider nicht nur, wie das erreicht werden kann, denn wenn das die Frage wäre, würde sicherlich deutlich entspannter diskutiert. Vor einigen Jahren wurde Sexarbeit auf rechtliche Füße gestellt, die den Sexarbeitenden ermöglichen sollten, Sexarbeit letztlich nicht viel anders zu betreiben, wie alle anderen ihre Berufe betreiben. Die Idee dahinter war, dass die Diskriminierung ausgeräumt werden sollte, dass Sexarbeitende die gleichen Rechte und auch Pflichten bekommen sollten, wie andere Gewerbetreibende und Arbeitende. Das ist an vielen Ecken noch nicht so gut gelungen, da sind wohl auch einige Gesetze unnötig bürokratisch und der Umgang mit den Sexarbeitenden ist da nicht der Beste. Aber von der Idee her, klang das eigentlich nicht falsch.

Auf dem Markt der Ideen kam nun das Nordische Modell hinzu. Die Idee ist, dass die Käufer*innen von sexuellen Dienstleistungen ganz prinzipiell kriminalisiert werden. Die Sexarbeitenden hingegen sollen nicht kriminalisiert werden. Es soll Aufklärungsarbeit geben, um Jugendlichen vor Augen zu führen, dass Sexkauf eine problematische Sache ist, und Aussteigern aus dem Gewerbe sollen Hilfen gewährt werden – das ist in etwa das schwedische Modell. In anderen Ländern gibt es auch Sexkaufverbote, da aber teilweise anders durchgeführt und deutlich sexarbeitendenfeindlicher.

Das politische Ziel ist hier offenbar, Prostitution in jeglicher Form abzuschaffen. Um das zu begründen, muss mensch aber eine Prämisse gedanklich haben, und da wird es dann schwierig. Die Prämisse ist, dass es keine freiwillige Sexarbeit gibt. Das wird von Befürworter*innen des Sexkaufverbotes dann auch vehement vorgebracht. Denn wenn diese Prämisse nicht stimmen würde, würde mensch ja anderen verbieten, was sie mit ihren Körpern machen und womit sie ihr Geld verdienen. Das ist mit einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft wohl kaum zu verbinden.

Aber kriminalisiert werden doch nur Freier? Ja, nee, das ist leider Quatsch, denn in dem Moment, in dem die dann noch stattfindende Sexarbeit ein rechtsfreier Raum würde – und das ist ja automatisch der Fall, wenn der eine Teil der Menschen, die da wie auch immer zusammenkommen, begeht ja eh eine Straftat. Und wenn Menschen eh eine Straftat in Kauf nehmen, dann ist der Schritt zur Gewalt gegen die Sexarbeitenden sehr viel kürzer und die Opfer dieser Gewalt müssen sich ja erst mal outen und welche Hilfe werden sie dann von der Polizei bekommen?

Zurück zu der Prämisse, dass Sexarbeit nie freiwillig ist. Das Netz ist voll von Menschen, die sich offiziell und ohne Scham als Sexarbeitende bezeichnen und sagen, dass eben das nun mal ihr Job ist, den sie vollständig freiwillig gewählt haben. Die Befürworter der Nordischen Lösung müssen jetzt also entweder schlicht ignorieren, dass es diese Stimmen gibt, oder sie entmündigen. Beides wird getan. „Prostitution ist immer Gewalt“ ist ein beliebtes Mantra. Argumentation, die auf Entmündigung von Betroffenen basiert, ist mir aber zu billig. Alle, die diesem Weg folgen, sollten noch mal an den Anfang zurück: Sexarbeitende werden seit schon immer in unserer Kultur verachtet und ausgeschlossen. Es ist doch bitte keine linke Position, diese Verachtung und Ausgrenzung weiterzubetreiben, oder?

Aber, so höre ich, die Sexarbeitenden machen es doch nur, weil sie von finanzieller Not dazu gezwungen werden! Jetzt könnte ich nach Gegenbeispielen suchen, Menschen, die das finanziell nicht nötig hätten und trotzdem anschaffen. Oder ich könnte einfach sagen: Ja, richtig, und ich arbeite auch hauptsächlich, weil mich finanzielle Not dazu zwingt. Und ich befürchte, dass ein wirklich großer Teil der Menschen aus dem gleichen Grund arbeitet. Und nein, das ist nichts anderes. Es gibt eine Menge Berufe, die ich nicht machen könnte, Schlachter, Soldat, Investmentbanker – könnte ich alles nicht. Vor den Arbeiten als Schlachter würde ich mich ekeln, bei den anderen würde meine persönliche Moral querschießen. Ich möchte keine ethisch nicht zu vertretende Arbeit machen. Und jeder Mensch hat andere Berufe, die ihm nicht passen, aus der einen oder anderen Motivation heraus. Und niemand hat das Recht, anderen zu vorzuschreiben, was für sie der Beruf ist, der nicht geht. Kurz, wenn Menschen den Beruf der Sexarbeitenden ergreifen, hat niemand das Recht, ihnen zu sagen, dass sie sicher einen anderen Beruf lieber machen würden. Was ist denn das für eine Anmaßung?

Wer nicht will, dass Menschen aus finanziellen Gründen Berufe ergreifen müssen, der soll dafür sorgen, dass es ein brauchbares BGE gibt. Stattdessen in ihre Berufswahl und ihre Sexualität einzugreifen ist hart übergriffig. Und mit Sicherheit weder eine feministische noch eine linke Haltung.

Und da müssen wir jetzt auch gar nicht weiter über Auswirkungen und Ergebnisse sprechen, über politische Ziele und Bekämpfung von Verbrechen. Jedes Sexkaufverbot ist erstmal ein so brutaler und übergriffiger Akt gegenüber den Sexarbeitenden, dass hier ganz klar deren Menschenrechte mit Füße getreten werden.

Aber damit das auch klar ist: Das Nordische Modell beendet nicht Sexarbeit, es treibt die Sexarbeit in die Illegalität, wirkt wie eine Prohibition, stärkt also die Mafias, stärkt die Menschenhändler, macht aber für Sexarbeitende die Arbeit und das Leben viel gefährlicher, wird auch dazu führen, dass Sexarbeitende von Polizei gegängelt werden – und liebe Feminist*innen, wen betrifft das wieder am meisten? Richtig, die Frauen, die WoC und die Sexarbeiter*innen, die trans sind – also die, die eh schon am stärksten diskriminiert werden.

Die Lösung liegt in einer anderen Richtung. Wir müssen einerseits die Sexarbeitenden empowern, ihnen zuhören, wie sie die Sexarbeit so geregelt haben wollen, dass Sexarbeit für die, die es machen wollen, sicherer und einfacher zu betreiben ist, und andererseits es dem organisierten Verbrechen so schwer wie möglich machen, Menschenhandel wirkungsvoll bekämpfen und auch hier die Opfer des Menschenhandels stärken und ihnen weitgehenden Opferschutz bieten. Dann können wir die Probleme, die es rund um den Bereich der Sexarbeit gibt, bekämpfen, und nicht Menschen, die diese Arbeit betreiben.

Das ist dann meiner Meinung nach eine linke Haltung zu dem Problemfeld. Eine, die nicht Mafia und Polizeigewalt bestärkt, sondern die, die seit schon immer diskriminiert werden.

Jojo Rabbit – Rezension

(Disclaimer: Das ist hier keine Spoilerkritik, aber manche Dinge lassen sich nicht erklären, ohne zumindest Dinge anzudeuten, die für die Handlung wichtig sind.)

Wie schade, wenn das eigene Filmerleben sich nicht ganz mit dem Nachdenken über den Film kombinieren möchte. „Jojo Rabbit“ von Regisseur Taika Waititi ist grotesk witzig und wunderbar, aber auch sehr amerikanisch, einigermaßen geschichtsklitternd und spielt mit ein paar Klischees, die im Zusammenhang mit dem Thema das Films dann doch eben schwierig sind. Aber worum geht es eigentlich?

Johannes, genannt Jojo, Betzler ist ein kleiner deutscher Junge in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Er ist fanatischer Nazi, steht total auf Hakenkreuze und sein imaginärer Freund ist eine durchgeknallte Version des Führers selbst. Seine Mutter allerdings versteckt eine jüdische Freundin seiner verstorbenen großen Schwester Inge in einer versteckten Kammer. Was Jojo irgendwann herausfindet. Was er nicht herausfinden sollte, weil die Mutter vermutet, dass er Elsa verraten könnte.

Was, wenn man den imaginären Hitler beiseite lässt, nach einem klassischen NS-Drama klingt, ist über weite Teile eine Satire mit vielen absurden, manchmal sogar grotesken Ideen und Gags, ein Film, der wirklich Spaß macht, sich über Nazis und ihre Ideologie lustig macht, und dabei mit Jojo und Elsa zwei starke junge Charaktere in den Mittelpunkt stellt, die nicht nur von Anfang an eine starke Chemie haben, sondern wirklich eine menschliche Tragik und Wärme in den Film bringen, sodass die Handlung nie unter die Räder der Absurditäten kommt. Das fein geschriebene Drehbuch wechselt mutig zwischen leisen und sanften Tönen und durchgeknallten Gags – das hätte extrem schief gehen können, funktioniert aber geradezu unverschämt gut.

Die Seele des Films ist Elsa, gespielt von der jungen Thomasin McKenzie, die wie Waititi aus Neuseeland stammt. Ihre verhärmte Stärke, ihre Verletzlichkeit und ihre warme Ausstrahlung geben die Tiefe, die zu frühe Erfahrung von Flucht und Verstecken, von Trauer und Verzweiflung und einem unbändigen Verlangen nach Leben. Der junge Roman Griffin Davies kann als Jojo vielleicht nicht vollständig mithalten, ist aber ein gut geführter Jungdarsteller, der nie enttäuscht. Und Scarlett Johansson als Jojos Mutter Rosie ist charmant und unkonventionell und toll, ist halt Scarlet Johansson, sie ist hier immer auf sicherem Terrain.
Etwas knallchargig wirken dagegen Taika Waititi selbst als imaginierter Hitler und Rebel Wilson als Fräulein Rahm. Sie sind nur im letzten Drittel des Films etwas dunkler gezeichnet und zeigen durchaus hier und da die ganze Menschenfeindlichkeit, die Nazis nun mal zu Eigen ist. Wichtig ist noch Sam Rockwell als Hauptmann Klenzendorf, der den Volkssturm anführen soll und ein wichtiges Tier in der örtlichen Nazihierarchie ist.

Ein guter Cast mit großer Spielfreude, und er brennt ein Feuerwerk ab. Der Film ist wirklich witzig, der Film geht wirklich ans Herz und lässt das Publikum hochgestimmt zurück.

Und wenn dann das Nachdenken beginnt, ist dieser sehr gute Film dann nicht ganz ohne Probleme. Das Kino brüllt vor Lachen, wenn Hitler als Synchronschwimmer im Hallenbad unterwegs ist, und die Frage, ob man über einen der größten vorstellbaren Verbrecher der Menschheitsgeschichte lachen darf, bleibt eine, über die trefflich gestritten werden kann. Mich hat der Film sehr schnell entwaffnet und ich habe viel gelacht, aber ob das auch so für Menschen gilt, die durch Shoah und Porajmos ihre Vorfahren verloren, kann ich nicht beurteilen.

Problematischer ist aber, dass Nazis in diesem Film nur selten als nüchterne Mörder gezeigt werden, sondern eher als halb wahnsinnige oder schlicht dumme Menschen, die vor allem einer großen Verblendung hinterherlaufen. Bei dem zehnjährigen Jojo ist das verständlich – auch wenn vermutlich schon Zehnjährige fanatische Nazis einiges von der zerstörerischen Charakterformung des Nationalsozialismus abbekommen haben mussten und Jojo hauptsächlich ein niedlicher Knirps ist -, dass der ganze Nazirest eine gewisse Trotteligkeit und Dummheit mitbringt, durchaus bei gehöriger Fiesheit, ist zumindest schwierig. Wir wissen heute, dass Nazis sehr normal waren, geistig zumeist durchaus gesund und genau deshalb in der Lage das größte aller Menschheitsverbrechen zu begehen.

By the way: gegen Ende des Films verüben die amerikanischen Soldaten, die erwartungsgemäß siegen, ganz offenbar ein Kriegsverbrechen. Warum? Um die Härten des Krieges zu zeigen? Oder weil es gut ist, Nazis zu töten?

Hauptmann Klenzendorf stellt sich am Ende sogar als sehr nahe an dem Klischee des guten Nazis heraus. Was wohl hauptsächlich daran liegt, dass er eigentlich eine Figur des amerikanischen Westerns ist, ein an John Wayne erinnernder verbitterter Veteran, der aber ein heimlicher Held ist. Wobei er von vornherein eher alter Soldat ist, als echter Nazi.

Taika Waititi, selbst jüdischer Abstammung, hat sicherlich nicht vorgehabt, Nazis zu verniedlichen. Aber seine Taktik, über sie zu lachen, weil ihre Ideologie so widersinnig und dumm erscheint, geht im Kampf gegen den Faschismus eigentlich selten auf.

Ein guter Film? Auf jeden Fall. Absurd witzig, melancholisch wunderbar. Aber nicht unproblematisch und sicherlich keine gute Geschichtsstunde.

Eine ehrliche Neujahrsansprache

Liebe Menschen da draußen,

wir als deutsche Politik sehen uns jetzt, am Anfang eines neuen Jahres, je nach Rechnung auch am Anfang eines neuen Jahrzehnts, großen Herausforderungen gegenüber.

Sehen wir mit offenen Augen ins Land hinaus, so fallen natürlich die katastrophal zu Grunde gesparten öffentlichen Systeme ins Auge, egal ob Bildung, Pflege oder Gesundheit, Deutschland zehrt von seiner Substanz, wir behandeln die Beschäftigten in diesen Systemen wie Dreck, wir kriechen seit Jahren in allen Bereichen am Rande eines Kollapses entlang.

Wir müssen eingestehen, dass wir gegenüber rechter Gewalt und rechtem Terrorismus wehrlos sind. Faschisten sind in Parlamenten, Nazis bringen Menschen um, und weder Polizei noch Verfassungsschutz sind willens und in der Lage, mit der Härte einer wehrhaften Demokratie gegen unser aller Feinde vorzugehen. Im Gegenteil, immer wieder finden sich in diesen Behörden rechte Sympathisanten, rechte Täter, Aktenschredderer und -schwärzer. Aufgeklärt wird in diesem Land nichts mehr und das dürfen wir uns als Politik nicht mehr gefallen lassen.

Die Zeiten, in denen Deutschland Vorreiter war, technologisches Spitzenland, sind lange vorbei. Die Digitalisierung ist verschlafen, Internet finden Sie in quasi jedem anderen Land in Europa besser als bei uns, Expertise in Sachen Solartechnik haben wir absichtlich zerstört, der Transrapid ist verrostet. Wir können noch nicht mal mehr einen Flughafen bauen.

Aber das größte Versagen, unser größtes Versagen als deutsche Politk ist die Frage des Klimas. Wir ignorieren die katastrophale Klimaerhitzung, anstatt Verantwortung zu übernehmen, erzählen wir Märchen von der Verantwortung des Einzelnen, statt anzupacken und etwas zu bewegen, verweisen wir auf Innovationen, die schon irgendwie kommen werden. Wir vertrauen halt lieber auf einen Gott oder eine unsichtbare Hand, statt selbst Dinge zu tun, die vielleicht auch mal unpopulär sind. Und dann machen wir einfach die Augen zu und hoffen, dass wir schon tot sind, bevor uns kommende Generationen zur Rechenschaft ziehen.

Wir wissen, was wir tun müssten. Klar, aber es passt uns halt nicht in den Kram und wir brauchen schließlich auch unsere Spenden.

Ja, wir müssten einen wirklich guten Nahverkehr aufbauen. Wir müssten Güter auf die Schiene zwingen, Bahnreisen so preiswert machen, dass Auto oder Flugzeug teurer wären. Wir müssten überhaupt mal anfangen, Flugverkehr ordentlich zu besteuern.

Wir müssten Nachhaltigkeit verordnen. Warum dürfen Dinge verkauft werden, die sich nicht zu mindestens achtzig Prozent recyclen lassen? Da gibt es doch gar keinen Grund für – außer der Bequemlichkeit.

Wir müssen in Sachen erneuerbare Energien ernst machen. Her mit Windkraftanlagen, mit Solarkraftwerken und -anlagen, und richtig an der Stelle investieren, wo das am Nötigsten ist, wir brauchen Energiespeicher.

Und wir müssen Ihnen da draußen die Wahrheit sagen: Wir müssen sehr viel tun, und das wird nicht immer schön und gut und bequem sein. Wir brauchen eine Kultur der Entschleunigung, wir brauchen einen system change. Der Kapitalismus in der reinen Form, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten eingerichtet haben, hat die Menschheit an den Rand ihrer Zerstörung gebracht. Lassen Sie uns zusammen in eine Zukunft mit mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität und aller Anstrengung für den Erhalt unserer lebensfreundlichen Umwelt gehen.

Wir müssen jetzt die Verantwortung annehmen, wir müssen endlich regieren, und Sie müssen uns da jeden Tag dran erinnern, sonst werden wir das nicht tun.

Nehmen wir 2020 als Herausforderung. Auf ein gutes neues Jahr!

#NoTannenbaum

Jedes Jahr werden knapp 30 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland verkauft. Im Jahr 2000 waren es noch etwa 24 Millionen. Dabei überwiegt schon lange die Nordmanntanne, die vor gut 30 Jahren ins Geschäft kam.

Weihnachtsbäume werden zum größten Teil in Plantagen gezogen, die Nordmanntanne ist hier nämlich nicht heimisch, sondern in Georgien. Dort kommen jährlich Menschen beim Ernten der Zapfen von diesen Tannen um, weil Nordmanntannensamen in Deutschland gut bezahlt werden.

Der Platz, den diese Plantagen verbrauchen, würde eigentlich für Wald gebraucht, für Bäume, die höher als zwei Meter werden dürfen und ohne Pestizide auskommen. Nordmanntannen wachsen nur dann so hübsch und kräftig, wenn da einiges an Dünger und Pestiziden zugegeben wird.
Kurz, Weihnachtsbäume sind in dieser Form des Anbaus ein Umweltproblem. Aber da kann man natürlich nichts machen, oder?

Vielleicht doch: Wie wäre es, wenn wir #NoTannenbaum trenden lassen würden. Wenn wir selbst auf den Weihnachtsbaum in diesem Jahr verzichten? Wenn wir Freunde und Freundinnen, Familie und Bekannte überzeugen, ebenfalls auf Weihnachtsbäume zu verzichten?
Stellt euch vor, wir schaffen es, dass 2019 zwei Millionen Weihnachtsbäume weniger verkauft werden? Stellt euch vor, es gibt einen Einbruch in den Verkäufen von mehr als sechs Prozent! Klingt nicht viel? Ist aber spürbar. Ist ein Trend!

Also weitersagen und fröhlich verzichten! Kreativ werden, Weihnachtsbäume müssen nicht aus dem Wald kommen. Wer baut den witzigsten #NoTannenbaum?

 

Hier noch ein paar Links: Der hier ist von Springer, ihhhh.  Und der hier von der SZ. Und schaut gerne auch in meinen letzten Beitrag!

 

 

Disclaimer: Liebe Weihnachtsfanatiker, nein, niemand bedroht euch, niemand wird euch angreifen, weil ihr einen Weihnachtsbaum aufstellt. Deutschland wird auch durch den Verzicht nicht islamischer und das Abendland geht nicht unter.

How dare we – warum ich mir drei Worte habe tätowieren lassen

Ich wollte schon seit langer Zeit ganz gern ein Tattoo, aber irgendwie war das Geld nicht da, ich hatte Angst vor dem Schmerz, ich habe mich nicht getraut. Gestern habe ich mein erstes Tattoo gestochen bekommen. Es sieht aus, als ob ich einen Edding genommen hätte, und „How dare we“ in meiner wenig attraktiven Handschrift auf meinen linken Innenarm geschrieben hätte. (Nun gut, ein Edding hätte wenigstens weniger weh getan.)

Auf der Haut verewigt, so sagt mensch. Geht nie wieder weg. Ganz ehrlich, im Moment ist as noch ein ziemlich wilder Gedanke, aber es ist auch absolut okay. Als es gestern fertig war, habe ich das Tattoo fotografiert und auf Twitter schlicht „All in“ dazu geschrieben. All in, ich setze meine Haut darauf.

Warum „How dare we“? Weil ich Mitte vierzig bin, mich seit einigen Jahren politisch engagiere und erst vor einem halben Jahr angefangen habe, Anträge zu schreiben, die helfen sollen, das Klima zu retten. (Ich arbeite politisch kommunal in einer kleinen Kreistagsfraktion der Linken, und das ist das, was ich kann, also politisch arbeiten. Ich bin kein Aktivist, demonstrieren ist nicht mein Ding, weil ich nicht so gut unter vielen Menschen sein kann – aber ich bin kreativ und kann mit Worten umgehen, das sind Dinge, mit denen mensch Politik machen kann.) Ich habe mich erst nachdem Fridays for Future ein Ding wurde, wirklich mit dem Klima beschäftigt. Vorher war es immer so ein Thema, das mir schon bewusst war, aber das ich lieber verdrängte, denn das ist nun mal bequemer. Es war schon ein Thema, als ich sechzehn war. Ich habe also keine Entschuldigung. „How dare you?“ – „Was erdreistet ihr euch?“ Das kann ich nicht sagen, ohne ein Heuchler zu sein. Also „How dare we“!

Greta Thunberg und die vielen anderen haben Recht, was fällt uns Erwachsenen eigentlich ein? Mit welchem Recht tun wir nichts? Mit welchem Recht verdrängen wir dieses Thema? Mit welchem Recht haben wir so vielen Menschen die Zukunft erschwert und genommen? Könnten wir endlich mal erwachsen werden, und das tun, was vernünftig und verantwortungsvoll wäre?

Deswegen habe ich mir diese drei Worte tätowieren lassen. Weil ich nicht vergessen will, worum ich mich zu kümmern habe. Ich will weiterhin Politik machen. Ich will das,was ich kann, nutzen, um dazu beizutragen, die Klimaerwärmung zumindest teilweise aufzuhalten. Ich bin ein bequemer Mensch. Ich brauche eine Erinnerung, die ich täglich sehe, damit ich das nicht vergesse. Damit ich mich nicht mehr zurücklehne und meine, ich könnte ja eh nichts tun.

How dare we?!