Archiv des Autors: Hollarius

Dune – so etwas wie eine Rezension

Ja, kaum ein Film wurde so heftig erwartet, in kaum einen film wurden so viele Hoffnungen gesteckt und jetzt ist es die große Frage, hält Dune das, was er verspricht?

Disclaimer: Ich habe den ersten Wüstenplanet-Roman mehrfach gelesen, bin aber nie weiter gekommen – was aber auch kein Problem sein sollte, denn der Film deckt nur etwa ein Drittel des ersten Romans ab. Und das bei 150 Minuten!

Schauen wir erst mal, was das eigentich für ein Universum ist, in dem die Geschichte spielt. Das Universum ist in eine neofeudale Herrschaftsform gefallen, intelligenten Maschinen wird so sehr misstraut, dass es quasi keine mehr gibt. Dafür gibt es Mentaten, die dafür ausgebildet sind, menschliche Computer zu sein, auch mit einem Hang zu der Logik von Computern. Außerdem gibt es die Gilde der Navigatoren, die die einzigen menschlichen Wesen sind, denen es möglich ist, Raumschiffe durch eine Art Hyperraum zu navigieren – dafür haben sie ihre Menschlichkeit wohl einigermaßen abgelegt, aber das wird hier im Film nicht thematisiert. Auch die Fähigkeiten von Mentaten wird nur angedeutet. Der Film bemüht sich sichtlich, für Nichtkenner des Buches verständlich zu sein und nichts zu überfrachten.

Es gibt neben den großen Familien noch einen Imperator, der über allen thront, aber kein absolutistischer Herrscher ist. Es gibt ein immer gefährdetes Machtgleichgewicht zwischen dem Imperator und den großen Familien.

Und dazu gibt es die Bene Gesserit, eine Schwesternschaft, die über ein paar quasi magische Fähigkeiten verfügen und durch ein komplexes Zuchtsystem unter den großen Familien auf einen übermenschlichen Messias hinarbeiten, den Kwisatz Haderach. Und vielleicht erreichen sie das ja sogar. *hüstel*

Das alles ist die Basis für diesen Film und wer das jetzt gelesen hat, sollte mit dem Rest im Film eigentlich ganz gut klar kommen. Eine Inhaltsangabe würde ich eigentlich gerne weglassen, macht ja jeder, aber machen wir es kurz:

Herzog Leto Atreides übernimmt den Wüstenplaneten Arrakis, weil der Imperator das so befiehlt. Er hat vor, dem Planeten Frieden zu bringen, befürchtet gleichzeitig eine Falle. Paul, der Sohn von Leto und dessen Bene-Gesserit-Konkubine Jessica, hat Visionen und träumt schon in der Heimat von Arrakis und den dortigen Einheimischen, den Fremen. Vor allem von einer jungen Frau dort. Bald stellt sich heraus, dass Arrakis wirklich eine Falle ist.

Regisseur Villeneuve bleibt in sienem Film erstaunlich eng am Buch, schafft es aber trotzdem Dinge, die in der Vorlage heute eher peinlich wirken, zumindest zu entschärfen. Denn natürlich ist die über fünfzig Jahre alte Vorlage ein Abbild des damaligen Rollenbildes. Frank Herbert, der Autor von Dune, ging davon aus, dass eine Gesellschaft im Jahr Zehntausendnochwas natürlich immer noch vollständig von Männern beherrscht wird und dass Frauen es halt durch clevere Arbeit in der Schwesternschaft der Bene Gesserit quasi durch den Seiteneingang zu einer gewissen Macht geschafft haben – die Wahrsagerin des Kaisers und ehemalige Lehrerin von Lady Jessica ist eine Macht, vor der auch der Feind der Atreides, der fiese Baron Harkonnen, ernsthaft Angst hat und mit der er sich nicht anlegen will – aber das war es dann halt auch mit der Emanzipation.

Und Villeneuve ändert da fast nichts dran, er lässt nur eine wichtige Nebenrolle, den planetaren Biologen, zu einer planetaren Biologin werden – und schon wissen wir, ach, so schlimm ist das ja alles nicht, es gibt immerhin eine wichtige Forscherin und Beamtin. Eine kleine aber effektvolle Änderung.

Trotzdem hat der Film etwas übermäßig viel Testosteron, es ist aber noch erträglich, so weit ich das beurteilen kann.

Ein weiters Erbe des Buches ist ein nicht immer einfacher Umgang mit muslimischer Kultur, also jetzt nicht in Form von AfD-nahme Islamhass, sondern eher als cultural appropriation. Das kann ich aber nicht wirklich bewerten und das sollen bitte Menschen tun, die sich damit auskennen.

Und ein Hang zu Esoterik. Den gibt es im Buch auch – Esoterik ist in gewissen Zeiten eine häufige Zugabe in der Phantastik gewesen und es ist natürlich auch nicht immer einfach, wenn man Wahrträume, eine Art psychischer Magie und ähnliche Bestandteile einbauen will. Der Film erbt die esoterischen Momente der Träume des jungen Paul Atreides, in der es dann in nebulöse Bilder geht, die für mich an die Grenzen dessen gehen, was ich mir gern anschaue. Aber ich habe vor einem Jahr das Hörbuch zum Roman gehört und hatte daher schlimmere Befürchtungen für den Film. Für Hardcore-Fans des Buches mag das sogar ein wirklich positives Element sein.

Ein letztes eher unangenehmes Erbe des Buches ist, dass Baron Harkonnen, der fiese Antagonist einen Teil seiner Fiesigkeit daher bekommt, dass er fett ist. Also richtig heftig fett. So sehr, dass er sich Antigravaggregate in den Körper eingebaut hat. Was natürlich so optisch interessant ist, dass keine Regisseur*in der Welt sich das hätte entgehen lassen können. Er muss deswegen fett bleiben. Ich fände aber schön, wenn das Trope des fetten Antagonisten irgendwann aussterben würde.

Wie erzählt der Film sonst seine Geschichte? Ziemlich gut. Er nimmt sich viel Zeit, zerschneidet seine Actionszenen nicht zu Stroboskopbildern, beherrscht die Totale und das Close-Up und … ach, überhaupt, die Optik ist tricktechnisch ohne Fehl, ist kompositorisch wunderschön und beeindruckend. Dieser Film ist so absolut Kino, wie ich das selten gesehen habe. Wirkt so echt und tief wie einst der Herr der Ringe.

Aber – kleiner Dämpfer – die großen Häuser mögen offensichtlich keine Gemütlichkeit, keine Wohnlichkeit, das ist schon alles viel zu groß und pompös und kalt. Und das nicht nur bei Harkonnens, aber da natürlich um so mehr. Und keine Frage, Villeneuve hat seinen Triumph des Willens schon gesehen und ein bisschen Riefenstahl steckt in vielen Bildern.

Der zweite Punkt, warum man diesen Film im Kino sehen sollte? Weil man ihn im Kino hören und spüren sollte. Selten habe ich erlebt, dass ein Film so häufig in den Magen hinein grollt und das trotzdem nie unangenehm oder aufgesetzt wirkt. Das Sounddesign und die ungewohnten musikalischen Klänge von Hans Zimmer sind manchmal schwer zu ertragen, aber immer passend und unterstützen den Film massiv.

Villeneuve wird nicht selten mit seinem Kollegen Nolan verglichen, mit dem er die optischen Imposanz absolut teilt. Aber er hat einen großen Vorteil: er interessiert sich deutlich mehr für seine Charaktere. Der emotionale Zugang zu seiner Version von Dune ist viel weniger durch Verkopftheit verstellt, als meinetwegen bei Inception oder Interstellar.

Und natürlich helfen ihm seine sehr starken Darsteller*innen dabei ganz großartig. Da fällt niemand raus. Da sitzt im Spiel einfach alles, niemand muss dabei wirklich außergewöhnlich sein, es ist ja nun nicht unbedingt Shakespeare, aber da ist ein Ensemble, in dem alle ihr Handwerk beherrschen.

Von Villeneuve wird das Zitat kolportiert, Dune sei Star Wars für Erwachsene. Ich würde kontern: Dune ist Game of Thrones im Weltraum – und ich bin mir recht sicher, dass GRR Martin die Dune-Bücher kannte, als er mit Game of Thrones anfing. Nein, mit Star Wars hat Dune keine Verbindung, außer dass beide wohl zu dem weiten Feld der Space Operas gehören. Aber während Star Wars humorvoll und märchenhaft ist, ist Dune Grimdark, eine Verbindung von Realismus, Düsterkeit und Phantastik.

Dune ist ein Film, dem ich zutraue, stilbildend zu sein. Dem ich durchaus eine Menge Erfolg wünsche, weil ich die nächsten Teile sehen will. Ist er ein Meisterwerk? Vorsichtiges ja.

Kreative politische Aktionen – ein paar Gedanken

Immer mal wieder gibt es Gruppierungen, die Politik mit Kunst mischen. Die Aktionen gestalten, die provokative Happenings sind, Performances, die mit Dingen spielen, die manchmal auch über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus gehen.

Ich pick mir mal drei Beispiele raus.

Inzwischen scheint die Femen-Bewegung nicht mehr so richtig aktiv zu sein, zumindest habe ich schon seit langer Zeit von keinen Aktionen mehr gehört. Femen haben teilweise einfach darüber für Furore gesorgt, dass sie ihre Brüste entblößt und mit Parolen beschriftet haben. Mit der Zeit wurden ihre Aktionen aber noch spektakulärer und sie mischten aktionskünstlerische Methoden ein.

Immer mal wieder sorgt das Zentrum für politische Schönheit für große Aufregung. So wollten sie vor dem Reichstag symbolische Gräber für ertrunkene Geflüchtete anlegen und spielten mit der frage, ob sie wirklich Leichen dabei hätten. Sie haben auch angebliche Asche von Opfern der Shoah in eine Säule eingebracht und in Berlin aufgestellt. Ihre Aktionen sind immer wieder so hart am Nerv, dass sie Kritik aus allen Richtungen bekommen.

Extinction Rebellion, kurz XR, sind der leicht radikalere Arm der FFF-Bewegung. Neben Blockaden nutzen sie immer wieder „kreative Protestformen“, zu denen auch Trauermärsche und scheinbare Hinrichtungen gehören, um darauf aufmerksam zu machen, wie den nachfolgenden Generationen eine bewohnbare Erde weggenommen wird.

Ich stehe keiner dieser Organisationen nahe und ich weiß, dass es bei allen dreien Diskussionen gibt oder gab, die sich um ihre Organisation oder um einzelne Mitwirkende dreh(t)en. Wie berechtigt oder nicht berechtigt diese Diskussionen sind, weiß ich nicht. Ich will auch nicht mitdiskutieren. Mir geht es um die Aktionen.

Ich habe ja schon ein bisschen beschrieben, wie die Aktionen aussehen und teilweise auch, warum sie funktionieren, aber hier möchte ich ein bisschen genauer drauf schauen:

Femen haben ziemlich grundsätzlich mit Tabus gebrochen, vor allem natürlich mit dem, die weibliche Brust zu zeigen. Dass das ein Tabu ist, ist sicherlich rational kaum zu erklären und es gibt immer wieder Bewegungen, die sich gegen dieses Tabu richten. Das war aber wohl nie die Richtung der Femen. In einer Welt, in der Frauen (und weiblich gelesene Menschen) genauso normal und unproblematisch ihre Brust entblößen können wie Männer, hätte es die Aktionen der Femen so nicht gegeben, oder sie hätten schlicht keinerlei Aufmerksamkeit gebracht. Durch den Bruch des Tabus konnten ein, zwei oder drei Aktivistinnen in etwa so viel Aufsehen erregen, wie sonst ein paar hundert oder mehr Demonstrant*innen. Das ist extrem effektiv.

Neben linker Kritik an einigen Zielen der Femen, gab es aber aus dieser Richtung oft auch große Kritik an der Form der Aktionen. Im Kölner Dom auf den Altar springen, bei Lanz auf die Bühne klettern, das entsprach nicht dem Stil, den man sich wünschte. Und dann haben sie ja auch noch ihre Brüste gezeigt.

Inhaltlich habe ich auch einiges zu kritisieren, die Aktionen fand ich aber eigentlich immer folgerichtig und in ihrer Effektivität genial. Ja, die Femen sind Menschen auf die Nerven gegangen, haben jede Menge Misogynie herausgefordert und entlarvt – auch in linken Lagern -, aber ich würde erstens niemandem vorschrieben wollen, wie sie sich anzuziehen, oder auszuziehen, haben, und zweitens finde ich es auch völlig okay, an Orten zu erscheinen, wo man nicht gewünscht ist. Wenn Greenpeace früher irgendwelche Schornsteine erkletterte, hatte ich damit auch nie größere Probleme.

Zum Zentrum für politische Schönheit habe ich die wichtigsten Sachen schon geschrieben. Hier ist das Mittel der Wahl wiederum häufig ein Spiel mit Tabus. Mehrfach schon mit dem Tabu der Totenruhe. Vermutlich, weil es kaum härtere Tabus gibt, speziell in unserer heutigen Welt, in der der Tod scheinbar nicht mehr zum Leben dazu gehört, sondern ausgesperrt wird. In manchem erinnert das, was Politicalbeauty macht, an Schlingensief und seine wilderen Aktionen. Der ist ja nun mal nicht mehr da und irgendwer muss den Job ja machen.

Warum sind ihre Aktionen wirksam? Weil sie Emotionen erregen, weil sie Dinge überspitzen, nicht auf kabarettistisch-witzige Art – na ja, manchmal schon – sondern auf eine emotional-radikale Art.

Jetzt wird Philipp Ruch, der als Kopf von Politicalbeauty gilt, gerne mal Größenwahn vorgeworfen, aber nun ja, das ist etwas, das bei mir nicht verfängt. Erfolgreiche Künstler*innen aus so ziemlich jedem Bereich sind immer größenwahnsinnig und narzisstisch, ich mein, warum sonst sollte man das machen? (Viele übrigens nur sehr wenig und gut kontrolliert, aber Menschen ohne Geltungsdrang kommen künstlerisch vermutlich nie so wirklich groß raus)

Politicalbeauty treten auf die Füße, natürlich treten sie auch auf Füße von Menschen, die nicht wirklich was dafür können. Als sie vorgegeben haben, dass sie wirklich Asche von Holocaust-Opfern ausgegraben haben, war das natürlich eine Provokation sondergleichen – bei der ich allerdings ruhig geblieben bin, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass sie wirklich so weit gehen.

Sie behaupten Dinge, und die sind manchmal sehr geschmacklos. Meine Probleme damit sind wiederum überschaubar. In der Kunst ist nun mal nicht alles geschmackvoll und schön und ja, Provokationen haben oft auch Opfer, die sie nicht haben sollten. Ich bin trotzdem der MEinung, dass Kunst provozieren darf und manchmal auch soll. Ich finde es auch völlig in Ordnung, Politicalbeauty zu ignorieren, wenn sie mal wieder einen Coup ankündigen. Denn es ist nun mal Kunst und die muss nicht allen gefallen. Im Gegensatz zu den Femen habe ich inhaltlich wenig echte Probleme und finde manche Aktionen recht gut. Es gab sogar ein paar Momente, in denen ich emotionalisiert wurde, Respekt.

Auch hier gibt es viel linke Kritik, die fundamental ist. Politicalbeauty ist für manche auch nicht besser als die AfD. Und das verstehe ich nicht so recht.

XR ist auch so ein Ding. Hier steht kein gestandenes Künstler*innenkollektiv hinter Aktionen, sondern hauptsächlich junge Menschen, die etwas aggressiver auftreten wollen, als Fridays for Future das machen. Und weil hier eine gewisse Radikalität und Jugend sich mit der Idee der politischen Kunst mischt, gerät auch manches Bild ein wenig schief. Aufgebaute Galgen sind ein radikales und unangenehmes Bild. Und ein harter Trigger für manche Menschen. Menschen, die scheinbare Leichen abgeben und irgendwo in einem Flashmob herumliegen, sind das auch.

Auch hier werden Tabus gebrochen, auch hier wird provoziert – und das oft auch nicht sehr gekonnt. Kunst kommt nun mal nicht von Wollen, nicht wahr?

Hier bin ich einigermaßen gespalten. Manchmal denke ich mir, hey, überlasst das doch Leuten, die sich damit auskennen, aber dann halte ich mich wieder für arrogant und besserwisserisch und das hilft ja nun mal keinem weiter. Und die Galgen, die „Leichen“ … tja … ich habe im Theater auch schon eine Menge Blut vergossen, manchmal gehört das halt dazu.

Insgesamt habe ich manchmal das Gefühl, dass von einer politischen Kunst erwartet wird, dass sie immer und überall ausdifferenziert und konstruktiv sein muss. Das sehe ich nicht. Natürlich kann man manches kritisieren, aber die Kritik wächst sich allzu oft zu einer seltsamen Art des Tone Policings aus. Ja, macht meinetwegen politische Kunst, aber tut damit keinem weh! Ja, geht halt nicht immer.

Speziell bei XR neige ich zu Nachsicht. Und ich verstehe, dass es in der Klimabewegung immer mehr Menschen gibt, die radikaler sein wollen. Absolut verständlich, denn es passiert ja nichts. Selbst eine von den Grünen geführte Regierung wird vermutlich so wenig tun, dass es innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Art Klima-RAF geben wird. Was soll man auch machen, wenn man jung und noch nit abgestumpft ist?

Ich möchte keiner vorschreiben, ob sie mit Galgen für ein radikales Bild sorgen darf. Klar kann das triggern. Aber ich gehöre zu den Generationen, die den jungen Menschen die Zukunft zerstört haben. Ich kann denen keine Vorschrift machen, ohne mich in Grund und Boden zu schämen.

Und ich habe noch was im Hinterkopf. Nämlich eine gewisse Feindschaft der Kunst gegenüber, die es immer wieder in linken Kreisen gibt. Künstlerische Aktionen klingen eben nicht nach Klassenkampf. Und hey, natürlich musst du Kunst für lau und unkommerziell machen, sonst ist es doch keine Kunst, oder? (Kleiner Tipp: einen Scheiß müssen Künstler*innen!)

Eine Ode dem Allohol? – Der Rausch – Keine Rezension

Spoilerwarnung! Wenn du nicht wissen willst, was passiert, dann schau den Film halt erst!

Es gab eine Menge Lobeshymnen für diesen dänischen Film , der seinen deutschen Titel so bekommen hat, um in einer Reihe mit „Das Fest“ und „Die Jagd“ zu stehen. Klingt schmissig. Und deutlich kompromissloser als der englische Titel „Another Round“ – der Originaltitel „Druk“ meint wohl so was wie einen Alkoholexzess, Komasaufen, Druckbetankung, und ist damit noch kompromissloser.

Worum geht es? Um Lehrer, gleich vier Stück, die alle eher unzufrieden mit sich und ihrem Leben sind und ein Experiment machen. Sie werden bei der Arbeit trinken, schön einen Pegel von 0,5 Promille halten und schauen, was passiert. Und yay, sie unterrichten besser und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Der Rausch ist ein wirklich guter Film, keine Frage. Die Schauspielenden machen ihre Sache alle gut, es gibt einige sehr witzige und einige sehr tragische Momente, und einen überbordenden Schluss, der so mitreißend ist, wie man das selten sieht. Der Rausch funktioniert, berührt und lässt einen Nachdenken. Ich habe gehört, dann kann ein Film ja nicht so schlecht sein. Merkt man mir ein Aber an? Nun gut:

Aber er kratzt dann letztlich doch nur an einer Oberfläche. Ich hörte aus mehreren Quellen, es ginge hauptsächlich darum, dass das Lehrerschicksal jeden Tag die eigene Sterblichkeit vorgeführt zu bekommen, weil man selbst altert und die Menschen da vor einem nie altern und immer so jung und schön und so weiter sind. Ja, ist total tragisch. Und so belastend. Muss man doch trinken, oder? Ich verstehe das Argument nicht. Und ich bin in der gleichen Situation, meine Schüler*innen werden auch nie älter. Und ich trinke nicht. (Vielleicht bin ich allerdings als Abstinenzler auch insgesamt der falsche Rezipient?)

Thomas Vinterberg wollte mit dem Film auch eine Kritik an den Trinkgewohnheiten seiner Landleute üben. Was ihm manchmal auch gelingt, also, bis auf den Schluss, wo dann doch alles wieder gut im Suff zu ertragen ist? Ist der Kastenlauf, ein Spektakel bei dem Mannschaften beim Lauf um einen See einen Bierkasten leeren müssen, jetzt ein Problem? Das Rauschexperiment fordert anderthalb Beziehungen und ein Menschenleben, so als kleines Seitenproblem. Und trotzdem gibt es kein Lernen, kein Nachdenken und einen hübschen ausgelassenen Tanz von Mikkelsen am Ende. Yay?

Ich kann nachvollziehen, dass Unterricht mit leichtem Alkoholeinfluss leichter fällt. Man weniger Hemmungen hat, man weniger auf seine Fassade achtet und sich auf guten Unterricht konzentrieren kann. Nun ja, der Hemmungslöser bringt einen aber auch um, könnte das vielleicht mit in die Rechnung integriert werden? Ach ja, und er macht süchtig. Schade.

Natürlich muss Vinterberg dafür keine Lösung anbieten, es ist absolut ausreichend, dass er Dinge aufzeigt. Und das macht er ja. Und niemand möchte doch einen Film mit einer altmodischen Moral, oder?

Ich hätte eine neumodische Moral cool gefunden. So Menschen, die miteinander reden, einander Mut machen, eine neue Schulkultur etablieren, in der man menschlich und respektvoll miteinander umgeht. Das hätte mir Spaß gemacht. Aber vielleicht sollte ich einfach mal was trinken, soll entspannen …

Im Großen wie im Kleinen – Klima und Fluten

Seit gut vierzig Jahren kündigen Wissenschaftler sehr ernsthaft an, dass wir in Sachen Klima mehr als nur Probleme bekommen, wenn wir nichts tun. Seit Jahrzehnten fordern Umweltschützer und Progressive, dass nun endlich mal was gegen die Klimaerhitzung gemacht werden muss, weil wir sonst schlicht gesprochen am Arsch sind.

Und wenn dann so eine kleine Flutkatastrophe passiert, wie wir sie gerade in NRW und Rheinlandpfalz erlebt haben, wie sie gerade auch die Alpen und die sächsische Schweiz trifft, dann können wir sehen, wie die Politik im Kleinen genauso unfähig hinter der Katastrophe herläuft, wie sie es im Großen bei der Klimaerhitzung schon lange tut.

Disclaimer: Wenn ich von der Katastrophe gerade als „klein“ spreche, dann will ich damit keinesfalls kleinreden, was sie für die Betroffenen bedeutet. Mein Beilied ist denen sicher, die Angehörige verloren haben und ich will mir gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn das eigene Haus weggeschwemmt wird. Das „klein“ bezieht sich auf den Unterschied zur Klimaerhitzung, die eine Katastrophe auf nicht abzusehende Zeit und von globalem Ausmaß ist.

Ab dem 10. Juli wurde nun also sehr ernsthaft vor den Regenfällen gewarnt, die da am 14. kommen sollten. Und die Meteorologen haben das sehr klar gesagt: Da kommt extrem viel Wasser runter, das wird eine gefährliche Nummer, da herrscht Lebensgefahr. Am 10.! Es waren also vier Tage Vorlauf. Genug Zeit, in der eine funktionierende Verwaltung hätte sagen können: Okay, welche Bundesländer sind vermutlich am Stärksten betroffen? NRW, RLP und Vielleicht Baden-Würtemberg. Nun, dann bilden wir doch schnellstmöglich einen länderübergreifenden Krisenstab, bereiten vorsichtshalber in allen Regionen, die potentiell betroffen sein könnten, Evakuierungsmöglichkeiten vor, bitten Nachbarbundesländer um eine Einsatzreserve und geben den eigenen Kräften höchste Alarmbereitschaft. Am Tag des vorher bekannten Unglücks sind wir dann gut vorbereitet, ab 80 Liter pro Quadratmeter wird die Bevölkerung in besonders gefährdeten Gebieten aufgefordert, sich wenn möglich in andere Gebiete zu begeben, ab 150 wird großflächig evakuiert. Vielleicht wird es nicht so schlimm, aber in sichere Bereiche Evakuierte ertrinken halt viel seltener.

Die Realität? Es gab am 14. noch nicht mal landesweite Krisenstäbe. Man hat einfach die Gemeinden allein gelassen, man hat sie absaufen lassen und das wörtlich. Ein bis zwei Tage später fuhren riesige Konvois von Einsatzfahrzeugen über die Autobahnen, warum waren die nicht schon am 14. unterwegs? Man hat sehenden Auges die Katastrophe auf sich zukommen lassen, hat es der Bevölkerung nur halbherzig kommuniziert und hat nichts dagegen getan. Dann, als schon zig Leute ertrunken oder in zerstörten Häusern umgekommen waren, war der Schrecken groß und man hat letztlich nur noch versucht, zu retten, was noch zu retten ist.

Ach ja, vorher hat man den Katastrophenschutz in Grund und Boden gespart – was auch bei einer Pandemie, die inzwischen ja auch niemand mehr ernst nimmt, auch schon ein Problem war. Wir hatten so lange einen funktioneirenden Katastrophenschutz, wie wir Angst vor der Sowjetunion hatten, tja, und danach gab es ja keine Katastrophen mehr, richtig?

So wiederholt sich dann, was im Großen so brutal an die Wand gefahren wurde. (Übrigens von der gesamten Politik, da haben SPD, FDP und Grüne auch kräftig dran mitgebaut.) Wir wissen seit vierzig Jahren, dass wir unsere Emissionen radikal herunterfahren müssen. Es ist aber schlicht nicht passiert. Es war noch nicht mal irgendwo ein echter politischer Wille spürbar.

Dass die Politik dann die immer häufiger werdenden Extremwetterereignisse nicht ernst nehmen und die Bevölkerung nicht vor den Katastrophen schützen, ist dann auch nur folgerichtig.

Wenn man sich übrigens die Kommunikation von NRW-Trump Armin Laschet anschaut, sieht man auch, dass er genauso weiter machen wird. Er spricht von einem „Jahrhunderthochwasser“. Meine Fresse, ich bin jetzt Mitte Vierzig, ich habe mindestens schon acht bis zehn Jahrhunderthochwasser miterlebt. Und nebenbei noch ein paar Jahrhundertsommer und -dürren. Wenn man die Vorsilbe aber vor eine Katastrophe packt, ist damit gemeint: So etwas kommt nur einmal in einem Jahrhundert vor, sonst macht das keinen Sinn. Laschet sagt damit: Ja, das war jetzt Pech, einen Zusammenhang mit der Klimaerhitzung sehe ich gar nicht erst und mit mir wird es auch keine bessere Klimapolitik geben. Und er lügt natürlich auch frech, wenn er davon spricht: „Als noch die Sonne schien, und niemand erahnte, dass etwas passieren konnte…“ – Die Landesregierung war gewarnt. Sie hat halt nur nicht gehandelt. Katastrophenschutz obliegt den Kreisen und Gemeinden, die seit Jahrzehnten von Ländern und Bund in Sachen Finanzierung missbraucht und ausgesaugt wurden. Da ist man ja wirklich schnell und gut raus aus der Verantwortung. Tja, warum haben die Kommunen halt nicht gehandelt? Weil sie es finanziell nicht können und weil so katastrophale Regenmengen wie am 14. ja auch gar keine lokale Sache ist, sondern zumindest eine regionale. Wenn es halt nur Politiker*innen gäbe, die dafür die Verantwortung hätten, was?

Wir gehen sehenden Auges in die Katastrophe. Mit einem Weiter so wird nichts besser. Wir brauchen jetzt Tatkraft und Entscheidungen. Und keine Wissenschaftsfeindlichkeit und bräsig-arrogante Witze hinter dem Rücken des Bundespräsidenten.

Der Trafikant von Robert Seethaler – Rezension

In NRW gibt es neue Deutschlektüren für die Oberstufe und sie sind ausnahmsweise mal nicht zweihundert Jahre alt. Na, da schau ich mir die doch mal an.

Den Anfang macht Der Trafikant von Robert Seethaler, ein Roman aus dem Jahr 2012. Er spielt allerdings rund um das Jahr 1938 in Wien – und Österreich bringt uns dann auch schon mal dem Titel näher, denn eine Trafik ist das, was auf Hochdeutsch ein Kiosk ist, ein Zeitungs- und Raucherbedarfladen.

Franz hatte bisher ein gutes Leben, da seine Mutter die Geliebte des reichsten Mannes im Salzkammergut war. Der wurde aber gerade vom Blitz erschlagen und jetzt braucht Franz einen Job. So schickt ihn die Frau Mama nach Wien zu ihrem alten Freund Otto Trsnjek, der als Kriegsversehrter aus dem Ersten Weltkrieg eine Trafik führt. Dort soll Franz der Lehrbub werden.

In Wien angekommen, macht Franz unter anderem die Bekanntschaft von Siegmund Freud, der, inzwischen schon über achtzig Jahre alt, immer noch in Wien praktiziert, und der ein Kunde der Trafik ist. Und er ist nicht der einzige Jude, der Stammkunde bei Otto Trnsjek ist, was kurz vor der Annektion Österreichs durch das deutsche Nazireich so ein Problem für sich ist.

Aber Franz sucht erst mal nach einem Mädchen, weil der Herr Professor Freud ihm dazu geraten hat. Und so findet er die junge Tchechin Anezka, die ihm das eine oder andere Mal das Herz brechen wird.

Wie schon in der Inhaltsangabe zu merken ist – weil ich mich etwas der Sprache des Romans angepasst habe, was ich den Schüler*innen in ihren Klausuren nicht empfehlen würde – klingt dieser Roman von 2012 eher wie ein Roman von 1920 und dann auch noch recht österreichisch. Titel und Umständlichkeiten und hier und da ein bisschen Schmäh, Der Trafikant atmet eine kaiserzeitliche Gemütlichkeit, die dann mit der verrohten Sprache der Nazis kollidiert, wenn das gerade passt. Das hat durchaus Charme, aber einen eher nostalgischen.

Dabei ist Franz eine dieser Figuren, wie man sie in der deutschsprachigen Literatur gerne mal trifft. Naiv und gutherzig und im Notfall sogar ein bisschen pfiffig. Gemischt mit der Sprache, in der ja sogar Anezkas böhmischer Akzent auftaucht, klingt da durchaus der brave Soldat Schwejk durch. Und natürlich bringt der unbedarfte Franz auch hier und da Freud mal auf eine andere Idee. Auch so ein Trope, dass nicht gerade neu ist. Ist das eigentlich schon mal als Forrest-Gump-Trope bezeichnet worden? Ich schweife ab.

Dabei ist Franz natürlich schon sympathisch und natürlich leiden Lesende mit ihm mit. Und freuen sich hier und da, wenn er zum Beispiel dann auch mal eine richtig schöne Nacht mit Anezka verbringt. Aber natürlich ist er auch eifersüchtig und denkt in sehr schmalen Bahnen.

Die eigentlich interessanteren Figuren bleiben leider immer am Rand. Die Mutter zum Beispiel, die moralisch interessante Entscheidungen getroffen hat, um alleinerziehend den Sohn ins Leben zu bringen. Oder der einbeinige Trafikant, der den Nazinachbarn zuerst noch aufrecht zur Sau macht und dann immer kleiner wird, weil die Gewalt immer näher kommt. Oder Anezka, die nebenbei in der Kleinkunst unterwegs ist. Die sind schon spannender als Franz, der sicherlich Coming-of-Age-mäßig noch viel lernen muss, aber ziemlich eindimensional bleibt.

Zu der Behäbigkeit der Erzählung und dem stark nostalgischem Einschlag passt irgendwie ein unkritischer Umgang mit kolonialer Sprache – mit einem völlig unmotivierten Nutzen des N-Wortes – und eine sehr männliche Erzählhaltung. Ja, die Mutter und Anezka und auch Freuds Tochter Anna sind Figuren, die auftauchen und hin und wieder für Franz wichtig sind, aber letztlich lebt Franz in einer sehr männlichen Welt und aktiv werden hier nur Männer.

Das Ende ist übrigens sehr offen. Eigentlich ja schon ein wichtiges literarisches Mittel. Aber es wirkt in diesem Fall schlicht bemüht. Geben wir der Sache noch ein bisschen mehr Geheimnis. Aber hier wäre es viel eher wichtig gewesen, zu zeigen, was Franz noch zu erdulden hatte. Hier fehlt ein bisschen die Wahrheit, der sich Schriftsteller*innen eigentlich verbunden fühlen sollten.

Der Trafikant ist ein gut geschriebener, aber sehr altmodischer Roman, die Auseinandersetzung mit dem übernehmenden Faschismus ist da, aber auch da gibt es nichts Neues zu sagen. Ein Roman von 2012, der genau so auch schon 1960 hätte geschrieben werden können, und da schon altmodisch gewesen wäre. Und die Leidenschaft dafür, in fiktiven Texten historische Persönlichkeiten auftauchen zu lassen, ist mir recht fern. Klar, wenn Freud die Hauptfigur wäre, aber hier ist Freud der Mentor, der leider keine wirklich neue Dimension bringt, sondern eigentlich nur Dinge sagt, die jeder andere Mentor auch sagen könnte – bis auf die schmückende Kleinigkeit, dass Franz irgendwann seine Träume aufschreibt und an die Tür der Trafik klebt. Ja, nett. Traumdeutung und so, haben wir verstanden.

Noch ein Wort zu der Wahl dieses Romans als Schullektüre. So gut ich es finde, dass nicht mehr die Marquis von O. gelesen wird, deren Moral, dass Frau einfach ihren Vergewaltiger heiraten kann, mehr als fragwürdig ist – ich weiß auch, dass ich da verkürzt habe -, so sehr habe ich das Gefühl, dass hier eine Chance verpasst wurde. Ich meine, wenn man einen modernen Roman als Lektüre aussucht, warum dann einen so altmodischen und nostalgischen? Die Schüler*innen können vermutlich mit der ganzen Betulichkeit wenig anfangen, verstehen Anspielungen seltener und müssen erst mal Siegmund Freud googlen. Hätte man da nichts finden können, was eine zeitgemäße Sprache spricht, vielleicht sogar mal von einer Frau geschrieben? Oder war es so wichtig, irgendwas mit Nazis zu finden, was aber trotzdem nicht weh tut? (Immerhin werden hier nicht die Taten von KZ-Wärter*innen relativiert wie beim Vorleser, man muss ja auch mal für die Kleinigkeiten dankbar sein.) Tja, schade …