Archiv des Autors: Hollarius

Gedanken zu #metoo

#metoo ist eine Anklage. Und diese Anklage wird zu Recht in die Welt geschrien.

#metoo baut Fronten auf. Das ist verständlich, wie auch unumgänglich. Und doch ist die vermutlich einzige Möglichkeit, dass #metoo wirklich etwas bewegt, eine, die diese Fronten überwindet.

#metoo ist eine Anklage, aber wir müssen diese Anklage zu einer Anklage an die ganze Gesellschaft machen. Es ist nicht eine Gruppe, es ist die ganze Gesellschaft.

Übergriffiges Verhalten ist erlerntes Verhalten. Wir lernen früh, dass übergriffiges Verhalten richtig ist, weil wir als Kinder alle übergriffig behandelt werden. Aus der Erfahrung heraus, so behandelt zu werden, werden wir selbst zu Tätern. Und das fast ohne Ausnahme.

#metoo, ja natürlich „ich auch“. Ja, ich wurde auch selbst übergriffig behandelt, ja, ich habe auch selbst übergriffig gehandelt. Ich habe es so gelernt. #metoo

Wir können aus dem Kreis heraus. Wir können reflektieren, verstehen, was anderen weh tut, wir können unterlassen, was anderen weh tut. Wir können uns wehren, wenn uns jemand weh tut, hoffentlich können wir das.

Aber vor allem müssen wir lehren, nicht zu übergreifen. Wir können jedem Menschen, und sei er noch so jung, zugestehen, dass sein Körper sein Körper ist, seine Sexualität seine Sexualität. Und das es immer sein Recht ist, „Nein“ zu sagen, und wir sollten auch jedem Menschen das Selbstvertrauen geben, ein klares Nein zu sagen, und auch ein klares Ja.

Besitzrechte dürfen nicht mehr romantisiert werden, denn es gibt keine. Missbrauch von Macht muss artikuliert werden, wo immer er auftritt.

#metoo  ist eine Anklage.

#metoo ist eine Aufforderung.

Wir müssen so viel ändern, damit irgendwann #metoo verstummen kann.

#metoo

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#wennGuteswenigerwird II

Da es schon einige Zeit her ist, dass ich über meine Abnahme gebloggt habe, sind es inzwischen auch schon ein paar Kilo mehr, die weg sind, heute Morgen waren es 22,9.

Am Ende der Zeit, in der ich das erste Mal über das Thema gebloggt habe, kam der erste Hammer. Zweieinhalb Wochen Plateau, keine Abnahme in Sicht. Ich habe den Sport erhöht, habe so weiter gegessen, wie zuvor, und es passierte nichts. Ein Phänomen, das glücklicherweise verbreitet ist und das man überall beschrieben sieht. Tun kann man daran nichts. Einfach weitermachen und winken, mehr ist nicht drin. Die Gründe für Plateaus sind vielfältig, Aber man muss gar keine Muskeln aufbauen oder sich viele Inkonsequenzen leisten, um solche Phasen zu haben. Wie mein Doc sagte, der Körper ist bei so einer massiven Abnahme stark damit beschäftigt, Hormone zu ändern und sich anzupassen, da kann vieles passieren.

Es gibt jede Menge Tipps im Internet, wie man aus den Plateau-Phasen wieder rauskommt. Sie sind ungefähr so hilfreich wie die Medikamente, mit denen Erkältungen nur eine Woche dauern, und wenn man sie nicht nimmt, sieben Tage. Der Körper nimmt sich diese Phasen, und man kann nur konsequent weitermachen, dann hören sie auch irgendwann auf. Ich habe es dann irgendwann mit dem Brecheisen versucht, habe zwei Tage lang mindestens eine Mahlzeit ausfallen lassen und mir auch sonst total auf die Finger geklopft, und plötzlich purzelten die Pfunde wieder. Ob die Ernährungsmaßnahme damit direkt zu tun hat, keine Ahnung. Seitdem sind knapp sieben Kilo weg und ich esse nicht anders, als während des Plateaus.

Recht schräg finde ich im Moment, dass es Menschen gibt, die mir sagen, dass ich sie irgendwie anrege, mehr Sport zu machen. Freunde, mit denen ich ein bis zweimal die Woche deren Hund ausführe, meinen, dass sie ohne mich weniger lang mit dem Hund gehen würden, ein Bekannter hat mich gefragt, ob wir uns mal zusammensetzen könnten, um über das Abnehmen zu sprechen, andere Freunde, bei denen ich momentan zweimal die Woche vorbeischaue, weil sie einen Folterkeller haben – ich dort also ein wenig Krafttraining machen kann – fühlen sich angesteckt und wir planen gemeinsame Walking-Runden. Wenn ich jetzt Menschen dazu inspiriere, mehr Sport zu machen oder abzunehmen, dann klingt das irgendwie paradox, ist aber auch irgendwie witzig.

Ich werde immer wieder darauf angesprochen, wie ich es schaffe, die ganze Sache durchzuhalten. Werde für meinen Enthusiasmus gelobt. Ganz ehrlich, ich wünschte mir, ich würde diesen Enthusiasmus auch öfter mal spüren. Ich erzähle schon jedem, den ich treffe, dass ich jetzt knapp 23 Kilo abgenommen habe – das beeindruckt so ziemlich jeden, ist cool. Warum erzähle ich es jedem? Weil ich von überall Zuspruch holen muss. Weil ich so oft keine Lust mehr habe. Weil mein Durchhaltevermögen eigentlich schon seit zwei Monaten aufgebraucht ist.

Ich zehre schon lange nicht mehr von dem Enthusiasmus des Anfangs, von meinem Durchhaltevermögen, und selbst die Erfolge – die nicht zu leugnen sind – oder der Zuspruch von allen Seiten kann mich wirklich durch die vielen blöden Momente bringen. Und es gibt wirklich viele. (Hey, ich bin zuckersüchtig, und es ist recht kompliziert, den Suchtstoff ganz zu vermeiden.) Das einzige, was mich wirklich dran bleiben lässt, ist eine Entscheidung. Die Entscheidung zu leben. Ich kann nicht aufhören, bevor ich fünfzig Kilo abgenommen habe, ich sollte nicht aufhören, bevor ich mindestens 65 Kilo abgenommen habe – und selbst dann werde ich noch als übergewichtig gelten. Wollte ich gut ins Normalgewicht kommen, müsste ich mein Anfangsgewicht glatt halbieren. Daran bin ich nicht interessiert. Wenn ich es schaffe, unter die Adipositas-Schwelle zu kommen, dann wäre ich schon mehr als zufrieden und von mir selbst überrascht.

Warum will ich nicht normalgewichtig werden, oder vielleicht sogar idealgewichtig? Weil es nicht zu meinem Selbstbild passt, weil es nicht zu meiner Persönlichkeit passt. Dann eher möglichst viel Gewicht in Muskeln umbauen, zu spargelig möchte ich gar nicht werden. Mir geht es darum, gesünder zu werden. Aber die Gesundheit muss auch mit Zufriedenheit zusammen kommen. Ein Leben mit dauerhaft 1500 Kalorien pro Tag, das ist eher nicht spannend, auch nicht so richtig glücksverheißend, zumindest für mich. Ich mag mich heute nicht, an Tagen, an denen es nur 1500 Kalorien sind, ich möchte so nicht mein ganzes Leben essen. Askese interessiert mich nicht.

23,1 kg Abnahme

Ich bin auf einem kleinen Plateau gefangen, aber das war eigentlich klar. Immer, wenn man den Sport intensiviert, bleibt die Abnahme erstmal stehen. Warum? Wegen Muskelaufbau und zusätzlichem Wassereinlagern der Muskeln. Nebenbei ist es im Moment auch noch recht warm, auch das bringt ja zusätzliche Wassereinlagerung. Wenn ich also im Moment nicht vorwärts komme, so ist das kein Zufall.

Ja, warum denn jetzt auch noch Krafttraining? Reicht denn das Nordic Walking nicht mehr? Naja, es ist einerseits einfach die Einseitigkeit des Nordic Walkings, die ich auffangen will, und andererseits hat Ausdauersport ja eh den Nachteil, dass er Muskeln eher wegtrainiert. Also spiele ich ein bisschen mit Gewichten herum. Und ja, das ist schon recht anstrengend, aber auch spannend. Beim ersten Mal gab es natürlich brutale Muskelkatzenangriffe. Aber inzwischen komme ich einigermaßen klar. Es war ja auch gar nicht anders zu erwarten. Wenn Muskeln angesprochen werden, die man sonst kaum mal nutzt, dann führt das auch zu Schmerzen. Und es ist schön, wenn es zwischendurch mal Übungen gibt, die einem dann doch gar nicht so viel ausmachen.

Abnahme 25,1 kg

Jawohl, das Minimalziel für dieses Jahr ist erreicht, nach 134 Tagen ist es erreicht. (Dabei ist das noch nicht mal der genaue Wert, es sind 134 Tage seit dem Wiegen im Krankenhaus, von dem ich aus rechne, meine Ernährung habe ich allerdings erst etwa zehn Tage später umgestellt. Es dauerte aber danach noch ein paar Tage, bis ich eine Waage hatte, die mich aushält.)

Als ich das Minimalziel für dieses Jahr auf 25 Kilogramm setzte, hörte sich das für mich extrem ehrgeizig an. Klar kann man innerhalb weniger Wochen mal zehn Kilo abnehmen, aber das ist was anderes, als konstant und gesund größere Mengen abzunehmen. 25 Kilogramm waren als Zahl einfach recht massiv. Andererseits habe ich von Anfang an gesagt, wenn es mehr wird, umso besser.

Wie geht es jetzt weiter? Naja, fast genauso wie bisher. Allerdings mit ein wenig gelockerter Diätdisziplin. Groß will ich gar nichts ändern, hier und da eine Ausnahme mehr, aber dann ist es auch gut. Aber ich muss mich im nächsten Semester etwas mehr um mein Fernstudium kümmern, und wenn es geht, ein bisschen aufholen, was ich dieses Semester so alles nicht geschafft habe. Das kann ich nicht mit dem bisherigen Kaloriendefizit. Außerdem ist mir klar, dass ich die bisherige Sportdichte nicht halten kann. Da wird schlicht das Wetter vor sein.

Hab heute meine Statistik des letzten Monats in einen Tweet gepackt:“ Statistik August: 158km, 40h Sport, 4000 Höhenmeter, 24000 Kalorien. Abnahme (1.8.-3.9.) 6,9 kg, Gesamtabnahme 25,1 kg #wennGuteswenigerwird“ Wenn ich in den Herbst- und Wintermonaten so 100 bis 120 Kilometer schaffe, dazu noch zweimal die Woche Krafttraining einlege, dann wäre ich damit auch zufrieden. 40 Stunden Sport sind eine ziemliche Menge, diese Stunden fehlen halt auch häufig bei anderen Dingen. Auch die fast sieben Kilo in einem Monat, die ich im August geschafft habe, sind ein schönes Ergebnis, aber nichts, was ich jetzt auf Teufel komm raus auch in den nächsten Monaten jedes Mal schaffen muss.

Und hier ist der Weg natürlich nicht besonders breit. Ein paar mehr Ausnahmen, etwas weniger Sport, wie weit ist der Weg zur Stagnation? Wie weit zu Rückschritten? Gar zum Rückfallen in alte Muster? Aber ich hoffe einfach, dass so lange ich das reflektiere, das nicht unbedingt zu einem Problem wird. Bisher konnte ich kleine Ausfälle immer wieder kompensieren, beziehungsweise zur Disziplin zurückkehren.

Zum ersten Mal seit vermutlich vielen Jahren unter drei Zentner schwer …

Wieder so ein kleiner Triumph, und er nächste steht schon vor der Tür, ein Kilo weiter und ich habe 15 Prozent meines Ausgangsgewichtes abgenommen. Einerseits wird man natürlich ein bisschen süchtig nach diesen kleinen Triumphen, so ähnlich wie beim Krafttraining, wo man sich auch freut, dass heute fünf Kilo mehr gehen, als letzte Woche noch. Aber wie schon wahrscheinlich mehrfach gesagt, man muss sich ja auch seine Motivationen überall zusammenkratzen, wo man sie findet. Im Prinzip befinde ich mich in einer inzwischen 120tägigen Trainingsphase. Es wird einem mit der Zeit doch was lang …

Ein paar Wochen später, 28,6 kg Abnahme bisher.

Der September ist nun vorbei, und er war nicht so erquicklich, was die Fortschritte angeht. Gerade mal dreieihalb Kilo mehr abgenommen, das ist nach dem sehr erfolgreichen August natürlich eher so meh. Andererseits sagen mir Menschen, wie sehr ich mich verändert habe, mein Hausarzt fängt fast an zu tanzen, wenn ich ihm mein neues Gewicht nenne. Und ich bräuchte die nächsten Tage mal wieder ein neues Loch im Gürtel, ich habe mich daran gewöhnt, dass ich die Lochzange zumindest alle zwei Wochen hervorkramen muss.

Noch mal an das von oben angeknüpft: Mir wird gesagt, es sei bewunderungswürdig, was ich mache. Ich halte das für Unsinn. Das geht in eine ähnliche Ecke wie „Wie mutig sie ihr Leben angehen“ an jemanden im Rollstuhl, die Rückfrage ist doch immer: „Wie denn sonst?“ Ja, klar, ich kann auf Zeit spielen, ich kann auf mein Glück hoffen, ich kann auch sagen, wenn ich in nem Jahr morgens nicht mehr aufwache ist mir das egal. Isses aber nicht, also versuche ich das Problem zu lösen. Weil es eben nicht anders geht. Weil die Alternative eben gefährlich für mein Leben wäre.

Das heißt natürlich nicht, dass ich verurteilen will, wer in einer ähnlichen Situation anders entscheidet. Wir alle haben unterschiedlich viel Wille zu leben, wir alle haben unterschiedlich viel Kraft – und glaubt mir, meine ist so oft nicht mehr da und ich mach nur weiter, weil ich echt stur sein kann – wir alle haben unterschiedliche Arten mit Risiko umzugehen. Abgesehen davon – für manche stellt sich die Frage nicht, die sind auch bei hohem Übergewicht ziemlich gesund, und nicht zuletzt: Niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie ihren Körper fördern oder schädigen. Ich halte es für verrückt und gesundheitlich sehr schädigend, siebzig und mehr Stunden pro Woche zu arbeiten, und ich schädige meinen Körper weder mit Alkohol noch mit Nikotin, aber wer solche Dinge tun will, darf das gerne tun, hier entlang geht es zur Kreuzigung, jeder nur sein Kreuz.

Noch eine Kleinigkeit: Ich habe inzwischen annähernd meine gesamte Kleidung der Größe 5XL aussortiert. Wenn jemand was davon braucht, ich hätte da jede Menge Shirts und Hemden, einige Cardigans. Es ist echt seltsam, diesen Punkt zu erreichen. Aber die Sachen, die zum größten Teil vor fünf Monaten eng an meinem Körper anlagen, sind mir inzwischen grotesk zu groß. Ich kann fast wieder in normalen Abteilungen Klamotten kaufen, Hosen gehen schon, bei Shirts und Jacken brauche ich noch 3XL, was es meistens nur in den Übergrößenabteilungen gibt. Außerdem werde ich diesen Winter einige Pullover tragen, die schon seit mindestens zehn Jahren aus der Mode sind … ich schmeiße selten was weg.

Der Fall Bivsi

Ich will gar nicht viel erklären, wer das nicht mitverfolgt hat, kann hier mal schauen. Oder mal googlen, geht ja.

Also, Bivsi ist wieder in ihrer Heimat, in Deutschland, wo sie geboren wurde. Das ist toll. Und der Fall ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie bigott unsere Medien, und durchaus auch unsere Gesellschaft, sind, oder auch ist. Denn dieser Fall zeigt ja eigentlich, wie unser Rechtsstaat langsam aber konsequent arbeitet.

Bivsi wurde zwar in Deutschland geboren, aber der Asylantrag ihrer Eltern wurde abgelehnt, und geht man nur nach dem, was so viele ständig hochhalten, müsste der Fall Bivsi eigentlich ein Skandal sein. Denn man hat doch jetzt alles Mögliche in Bewegung gesetzt, damit das Mädchen wieder zurück konnte. Da gehen Behörden, die sie und ihre Eltern fröhlich abgeschoben haben, her und suchen proaktiv Umwege, über die sie zurück kann. Und alle so yeah!

Man verstehe mich nicht falsch ich auch so yeah, ich freue mich für die Familie, alles gut. Aber hier wird ein Einzelfall groß gefeiert, Politiker gebärden sich als Wohltäter. Die Medien freuen sich. Die gleichen Medien, die sonst über Abschiebezahlen berichten, ohne dass ihnen dabei schlecht wird. Ein Mädchen samt ihren Eltern darf zurück. Von den  Geflüchteten, die nach Afghanistan in die Fänge der Taliban abgeschoben werden, berichtet niemand. Oder von denen, die zu Hunderten im Mittelmeer ertrinken, mit der ausdrücklichen Zustimmung unserer Regierung.

Der Fall Bivsi beruhigt jetzt die Gemüter – bis auf vielleicht die Gemüter von ein paar Nazis, die schäumen, aber die schäumen ja eh immer. Aber wir sollten nicht beruhigt sein, denn es ist schlicht nicht in Ordnung, dass wir das Menschenrecht auf Asyl mit Füßen treten. Die ganze Diskussion ist so vergiftet und krank, Rassisten und rassistische Politik werden gefeiert, und die Medien überschlagen sich ständig, solche Leute zu hoffieren und ihnen Plattformen ohne Ende zu geben. Da dürfen wir uns von so einem Fall Bivsi einfach nicht beruhigen lassen.

Noch zwei Dinge wären zu überlegen. Erstens: Wäre der Fall Bivsi für die Medien genauso schön gewesen, wenn ihre Eltern nicht Nepalesen, sondern Nigerianer gewesen wären? Allgemein ist der Rassismus gegenüber Asiaten weniger ausgeprägt als gegenüber Schwarzen. Zweitens: Man kann sich denken, was die Konsequenz aus diesem Fall ist. Nicht, dass Menschen weniger abgeschoben werden, nicht, dass auch nur die Menschen nicht abgeschoben werden, die gut integriert sind – und warum zum Teufel soll das ein Grund sein, Menschen eher ihre Menschenrechte zuzugestehen, als anderen? – die Konsequenz wird sein, dass niemand mehr so dumm ist, Schüler aus ihrer Klasse heraus abzuschieben. Die Behörden kommen dann halt nicht mehr um elf, sondern morgens um halb fünf. Mit solchen Zeiten hat man in Deutschland viel Erfahrung.

#wennGuteswenigerwird – I – Abenteuer abnehmen

Dieser Text entstand über einen Zeitraum von etwa drei Wochen, das sei nur vorausgeschickt, falls die eine oder andere Zahl im Text verwundert.

Wenn man den großartigen Jochen Malmsheimer darauf anspricht, dass er zugenommen habe, antwortet er laut seinem Bühnenprogramm mit „Wenn Gutes mehr wird, kann ich da nichts Schlimmes dran finden.“ Die Wahl meines Hashtags möchte ich weniger als Arroganz – die da eh ironisiert wird – verstanden wissen, sondern als Hommage.

Ich nehme nun also ab. Inzwischen seit gut zwei Monaten und heute, da ich den ersten Teil dieses Blogsposts schreibe, stehe ich bei 12,3 kg weniger, als an dem Morgen, an dem ich im Krankenhaus gewogen wurde. Der Wert, den die Krankenschwester ablas, erschreckte mich – ich war mir sicher gewesen, dass mein Gewicht nicht gar so hoch sein würde, aber eine Waage hatte ich sicher über ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Die Zahl, die ich da hörte, ist der erste Grund, weshalb ich abnehmen wollte, der zweite ist natürlich der Grund, weshalb ich im Krankenhaus war. Eine eigentlich eher harmlose Herzrhythmusstörung, „unangenehm, aber nicht gefährlich“, wie die Stationsärztin meinte. Ich habe gute Blutwerte, mein Blutdruck ist trotz eines Gewichtes weit jenseits der drei Zentner geradezu vorbildlich, die Arterien sind frei.

Dennoch gab es einen Satz meines Hausarztes, der mich endgültig antrieb, was zu ändern. Er sagte was von Goggo-Motor und S-Klasse-Chassis, ich denke, man kann verstehen, was er meinte. Er befürchtete eine beginnende Herzinsuffizienz, und meinte auch, dass sowas dazu führen kann, dass man morgens aufwacht und nicht mehr lebt. Ich habe dann etwa eine Stunde darüber nachgedacht, ob es das ist, was ich will – es gab in den letzten Jahren durchaus einige Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob ich noch länger verweilen möchte – und dann habe ich mich zu leben entschieden.

Also habe ich angefangen, mit leichtem Training dafür zu sorgen, dass der Motor etwas kräftiger wird, und auch angefangen, erstmal den ganzen Kram aus dem Kofferraum rauszuwerfen. Die Untergrenzen, die ich mir gesetzt habe, sind 25 kg in diesem und genauso viel im nächsten Jahr – wenn ich in dem gleichen Tempo weiter abnehmen würde, in dem ich das gerade tu, würde ich diese fünfzig Kilo fast schon in diesem Jahr abnehmen können, aber mir ist klar, dass die Geschwindigkeit, in der ich momentan schmelze, sicher nicht über mehr als ein halbes Jahr zu halten ist.

Über lange Zeit war ich bei recht hohem Gewicht relativ leistungsfähig. Spielte manchmal Fußball mit Kollegen, war häufiger mal zu Fuß unterwegs und weil ich viel mit Theater machte und jede Woche einige Male Gruppen aufwärmte, blieb ich in brauchbarer Balance. Doch Dinge änderten sich, es gab existenzielle Niederschläge, die mit meiner Psyche einiges machten, was ich nie erfahren wollte – und aus Frust wurde mehr Gewicht und weniger Bewegung. Wenn ich früher Sport gemacht hatte, war es mir immer darum gegangen, meinen Fitnesslevel zu verbessern – über mein Gewicht hatte ich nie ernsthaft nachgedacht. Ich fand es nicht schlimm, fett zu sein, ich finde es auch heute nicht schlimm. Und das Letzte, was mich interessiert, ist mein Aussehen – es gibt daher von mir auch keine Vorher-Nachher-Bilder.

Aber jetzt habe ich die Aufgabe, ernsthaft abzunehmen, und als jemand, dessen Problemlösung eigentlich bis auf emotionale Beziehungsmomente, immer sehr rational und mathematisch strukturiert funktioniert, habe ich mich an diese Aufgabe gemacht.

Ein paar Tage später, 14,4 kg Abnahme bisher.

Ich habe mit dem Entschluss, die Aufgabe anzugehen, zwei Dinge für mich festgelegt. Ich habe unnötige Süßigkeiten aus dem Plan verbannt und festgelegt, dass ich abends keine Kohlenhydrate mehr zu mir nehme. Und damit habe ich schon die erste Krücke erwähnt, die mir hilft, so einigermaßen im Plan zu bleiben. Abends keine Kohlenhydrate bedeutet nicht, dass ich ein großer Fan von Low Carb bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich sonst total auf Kohlenhydrate verzichte – gerade Frühstück ist bei mir immer eher süß – aber es bedeute, dass ich mir sehr genau überlegen muss, was abends geht, und dass alles, was man aus Langeweile isst, schon mal raus ist. Abends keine Schokolade, keine Gummibärchen, keine Chips – und mal ganz ehrlich, abends isst man doch genau davon am meisten, oder?

Aber Snacks habe ich mir gerade am Anfang immer viele für den Abend gemacht. Ein Teller voll kleinen Tomaten, Paprika-und Kohlrabistreifen, Gurken und Zwiebeln, teilweise ein bisschen Frischkäsedipp dazu, manchmal in einen Salat verwandelt. Dazu hin und wieder ein paar Nüsse oder ein paar Brocken Käse. Ich habe mir vorgenommen, abzunehmen und dabei satt zu sein, denn wenn ich irgendwas nicht will, dann ist das Heißhunger – und bisher habe ich den fast vollständig vermeiden können. Und wenn ich an den Kühlschrank gehe, dann für eine Scheibe Schinken oder mageren Bratenaufschnitt – nein, Vegetarier werde ich mit der Ernährungsumstellung auch nicht. Ich schaffe es in einem Bereich von 1500 bis 1800 Kalorien zu bleiben, annähernd jeden Tag. In den gut siebzig Tagen seit der Umstellung, habe ich an exakt vier Abenden überhaupt Kohlenhydrate zu mir genommen – also außer den kleinen Mengen, die auch in den Lebensmitteln drin sind, die ich so abends esse, aber die sind nicht der Rede wert. Zweimal war das ein kleines Eis im Kino, zweimal Einladungen zum Essen. Und da ich mich extrem bemühe, nicht in den hirnverbrannten Kategorien des Christentums zu denken – diese Kohlenhydrate also keine Sünden waren -, ist das auch kein Problem. Erstens hat sich mein Magen langsam daran gewöhnt, dass er nicht mehr so viel bekommt, was dazu führt, dass ich deutlich weniger auch bei Einladungen esse, als ich das vor gut zwei Monaten getan hätte, andererseits weiß ich ja was ich tu, ich kann dann halt auch mal ein Mittagessen ausfallen lassen. Abgesehen davon – mein andauerndes Kaloriendefizit ist so hoch, dass ich ein gutes Abendessen nicht fürchten muss.

Wenn man einmal so ein wenig hinter die Kulissen des Stoffwechsels geschaut hat, wird mir zumindest ein bisschen schwummrig bei der Überlegung, was ich alles gegessen haben muss, um überhaupt so schwer zu werden. Selbst an Tagen, an denen ich wenig körperliche Anstrengung auf mich nehme, habe ich weit über einen Kalorienverbrauch von weit über dreitausend, mit Sport schaffe ich immer die viertausend. Also laut der App, die meine Schritte zählt und die mein genaues Gewicht kennt. Mein Eindruck war, dass diese Zahl viel zu hoch sein muss, die App muss spinnen. Ich fragte eine Freundin, die zufällig ihres Zeichens Internistin ist, und die findet die Zahlen der App nicht unrealistisch.

Will heißen, dass ich um die zweitausend Kalorien weniger zu mir nehme, als ich verbrauche. Die habe ich früher zum größten Teil durch Süßkram aufgefüllt. Und wenn man jetzt völlig zu Recht fragt, ob ich das vermisse … nun, jein. Ich vermisse auf jeden Fall die Freude beim Einkaufen, wenn man sich ein paar schöne Dinge in den Wagen legt, ich vermisse immer mal wieder den einen oder anderen Geschmack. Aber wenn man ehrlich ist, vieles, was man so inhaliert, schmeckt man doch gar nicht wirklich. Vielleicht bei den ersten zwei Hand voll Gummibärchen, aber danach? Dafür habe ich ja auch kein Sodbrennen mehr. Hübsch oder? Der Körper schreit einen immer wieder an, dass man übertreibt, und die Reaktion ist eine Tablette, die das Sodbrennen mindert. Ja, es gibt Aspekte, über die man ruhig früher mal hätte nachdenken können.

Nein, die Masse an Süßkram vermisse ich nicht, und die kleinen Momente, wo es einfach Schoki sein muss? Oder die Chips total locken? Die sind auch kein Problem. Erstens, weil ich mir eine Tafel Schokolade pro Woche leiste, meistens herbe, die auch jetzt gerade vor mir im Schreibtisch liegt. Meistens reicht die sogar für mehr als eine Woche. Ich denke nicht jeden Tag daran, dass die da liegt. Und ich erlaube mir zweitens so jeden zweiten oder dritten Tag eine Kleinigkeit, die nicht auf der Liste für diätische Lebensmittel steht. Eine Cola (höchsten 0,5 Liter), oder ein Eis, einmal habe ich mir auch eine Packung Chips gekauft, diese vier mal 50-Gramm-Packung, sowas ist wunderbar. Weil eine 50-Gramm-Tüte so um die dreihundert Kalorien liegt (uh, habe ich das noch richtig im Kopf, es war auf jeden Fall nicht viel mehr) und gerade Chips dieses Problem haben, dass es extrem schwierig ist, aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat. Also öffne ich einmal alle paar Tage so ein Chipstütchen und vertilge den gesamten Inhalt und habe meine Lust auf Chips erstmal befriedigt. Das ist viel besser, als die üblichen Tüten mit mindestens zweihundert Gramm.

Überhaupt sind die Packungen echt so ein Problem, dreihundert Gramm Haribo-Zeugs, große Schokoladentafeln von zwei- oder dreihundert Gramm, dieser ganze Kram, der in Familienpackungen angeboten wird, und den du dann alleine frisst. Ich vertage mal und schreibe bald weiter.

Wieder ein paar Tage später, 15,2 Kilogramm Abnahme bisher.

Um den Gedanken zu Ende zu führen. Das Problem beim Süßkram sind die billigen Mengen, die aus dem leckeren Happen zwischendurch eine riesige Kalorienmenge machen. Und der Trick, mit dem ich abnehme, ist nun mal der, dass ich deutlich weniger zu mir nehme, als ich verbrauche – also muss ich von wirklich großen Kalorienmengen fern halten. Ich weiß, das klingt viel einfacher, als es dann wirklich ist. Kleine Mengen gibt es aber nur an der Kasse als Quengelware, also zumindest in Discountern, denn da geht es ja immer um die Menge. Die kleinen Packungen sind auch im Verhältnis deutlich teurer.

Überhaupt macht das Einkaufen einfach keinen Spaß mehr. Also speziell in Geschäften, bei denen man automatisch durch die Süßigkeitenregale geschleust wird. Seit ich meine Ernährung umgestellt habe, kann ich noch besser verstehen, welche Probleme es trockenen Alkoholikern macht, dass man in jedem Supermarkt, und speziell an der Kasse, harten Alkohol in allen möglichen Mengen angeboten bekommt. Warum eigentlich? Haben wir zu wenige Alkoholtote pro Jahr?

Back to topic: Ich persönlich nehme keine Drogen, also trinke und rauche ich nicht, und zu dem Rest bin ich auch nie gekommen. Meine einzige Droge, und das habe ich auch schon immer so artikuliert, ist Zucker. Ich bin jetzt auf Entzug. (also mal mehr und mal weniger) Ich umgehe größere Zuckermengen. Nehme Kohlenhydrate möglichst nicht in ihrer puren raffinierten Form zu mir – ja, das halte ich nicht immer durch – aber vor allem halte ich die Menge gering. Und man glaubt gar nicht, wie geil der Inhalt einer Dose Cola schmeckt, wenn man seit Tagen kaum etwas wirklich Süßes zu sich genommen hat. Aber eben auch hier die Menge! Die Menge ist so wichtig. Ja, diese Flaschen mit 1,5 Litern sind total praktisch. Aber nicht, wenn du die allein wegschlürfst. Die Angebote, die du in jedem Supermarkt hinterhergeworfen kriegst, sagen: Hier, noch mal tausend Kalorien für nen Euro, du willst doch billige Kalorien, oder? ODER? – ja, eigentlich will ich schon, oder zumindest ein Teil von mir will das.

Ein paar Tage später, 16,4 Kilogramm.

Ohne Sport geht es übrigens aus zwei Gründen für mich nicht. Ich habe im letzten Monat ein paar Tage nicht viel gemacht, weil es mörderisch warm war und weil meine Schulter das eine oder andere Desaster auslöst. Ja, ich habe in der Zeit auch abgenommen, und gar nicht mal so unfassbar langsamer. Aber mit Sport ist es besser, erstens weil es schneller geht, zweitens weil ich mein Herz trainieren will, drittens weil ich nicht zu viel Muskelmasse mit weghungern will. Ich bin mit meinem Gewicht ja immer einigermaßen gut klar gekommen. Dafür braucht es auch nicht unbeträchtliche Muskeln, die ich gerne auch dann erhalten möchte, wenn sie nicht mehr so viel Gewicht bewegen müssen.

Momentan bin ich allerdings sehr einseitig, ich mach Nordic Walking, oder wie mal jemand witzelte, Betreutes Gehen. Da ich es meinen Gelenken kaum zumuten kann, wieder zu joggen – was ich früher durchaus gemacht habe, wie oben schon geschrieben, ich habe immer wieder mal relativ regelmäßig Sport gemacht, um meine Fitness auf einen brauchbaren Level zu bringen – bin ich auf die Stöcke angewiesen, um einerseits auch etwas längere Strecken angehen zu können, und damit ich nicht gar so langsam unterwegs bin. Mit Nordic Walking komme ich kaum aus der Puste – was mir auch annähernd verboten ist – aber ich komme zumindest ab leichten Steigungen so einigermaßen an die anaerobe Grenze heran, grüße sie wenigstens von Weitem, was fürs Herz halt ganz gut ist. Jetzt, nach gut zwei Monaten Training, steige ich Treppen, wie seit wahrscheinlich zehn Jahren nicht mehr, mein Schritt hat sich auch beim normalen Gehen deutlich vergrößert, und Strecken über fünf Kilometer Länge können mich im Moment nicht schrecken. Dabei bin ich noch dabei, Streckenlängen und Geschwindigkeiten zu erhöhen, ich weiß, dass letzteres beim Nordic Walking irgendwann schwierig wird, aber noch habe ich vor allem am Berg gute Ausbaumöglichkeiten.

Ja, die Steigungen. Ich wohne im Bergischen, hier gibt es kaum Strecken ohne ordentlich Höhenmeter, und um mal ein paar Zahlen in den Raum zu werfen, in den letzten elf Tagen bin ich knapp vierzig Kilometer unterwegs gewesen, habe dafür gut neun Stunden gebraucht und bin 920 Höhenmeter bergauf gelaufen. Dazu gehören neben einigen Einheiten Nordic Walking auch ein paar Spaziergänge, ich tracke jede Strecke von mehr als einem Kilometer, wenn ich daran denke. Noch ein paar weitere Zahlen, für 6,5 Kilometer mit 150 Höhenmetern habe ich heute Morgen eine Stunde und 23 Minuten gebraucht – mein Doc meint, sowas wäre in meiner Gewichtsklasse ziemlich gut. Ich möchte ja gerne im nächsten Jahr die Fitness erreicht haben, um mal wieder ne richtige Bergwanderung angehen zu können. Mal schauen, ob das was wird.

Und wie fühle ich mich so? Eigentlich nicht viel anders als vorher auch. Ja, ist jetzt unspektakulär, aber auch wenn ich im Moment etwas andere Prioritäten als sonst pflege, hat sich mein Leben nicht sehr stark geändert. Ich brauche relativ viel Zeit für Sport und ich investiere auch mehr in die Zubereitung von den Speisen, die ich dann doch esse. Ach so, ja eine Kleidungsgröße habe ich auch eingebüßt – das ist ganz nett, ich kann wieder Sachen tragen, die eigentlich schon ausrangiert waren. Und der Gürtel hat drei neue Löcher, braucht bald ein viertes. Aber so wirklich verändert hat sich nicht viel. Ich bin halt auch nach über 16 Kilo Abnahme noch fett. Da helfen ein paar Punkte weniger im BMI auch nicht. Vielleicht sieht das anders aus, wenn da noch ein paar Punkte mehr weg sind, vielleicht braucht es die 20 Kilo, vielleicht die 30, bis ich weniger das Gefühl habe, dass ich nur eine Version meiner selbst bin, die etwas fitter ist.

Momentan hadere ich eher damit, dass ich mich mit Medikamenten und dem ständigen Kaloriendefizit geistig auf jeden Fall weniger leistungsfähig bin. Oft müde, nicht sehr konzentrationsfähig – und nebenbei kommen natürlich die Wehwehchen, die damit zusammenhängen, dass ich vier bis fünfmal in der Woche Sport mache – was ja leicht ungewohnt ist. Ich kann also gar nicht sagen, dass ich mich im Moment sagenhaft besser fühle, als meinetwegen vor einem halben Jahr. Was aber an der Absicht, dass recht lange durchzuziehen, ja meine Ernährung im Großen und Ganzen so für immer weiterzuführen, nichts ändert. Ich brauche deswegen wahrscheinlich länger für mein Fernstudium, gleich mehrfach Selbstdisziplin zu zeigen ist halt auch besonders schwierig. Aber Gesundheit geht an dieser Stelle auch einfach vor, also ist das okay so.

G20 – Wieviel ist inszeniert, welche Bilder sind gewünscht?

Seit anderthalb Tagen gibt es Bilder aus Hamburg, die um die Welt gehen. Das waren zuerst vor allem Bilder von einer enthemmten Polizei, von der übereinstimmend wirklich alle Medien sagten, dass alle Gewalt von ihr ausging. Dann gestern brennende Autos, geplünderte Supermärkte und Polizisten mit automatischen Gewehren. Die ersten Kommentatoren sprachen von Bürgerkrieg und relativierten damit alles, was in Syrien vor sich geht, und alles ist nun sauer auf die „linken Chaoten“. Es funktioniert also alles so, wie die Polizeitaktik es ganz offenbar wollte.
Die Indizien sind ja eigentlich eindeutig. Die Demo „Welcome to hell“ vom Donnerstagabend wurde mit fast keinen Auflagen genehmigt, und schon vorher sagten viele, dass es dafür nur einen Grund geben konnte, diese Demo sollte niemals losmarschieren. So kam es auch. Man konnte lesen, dass sich die Organisatoren mit der Polizei abgesprochen hatte, dass Sonnenbrillen und Mützen erlaubt seien, nur die Mundpartie nicht verhüllt werden dürfe, alles wegen des Vermummungsverbotes, das seit Mitte der 80er das Grundrecht der Versammlungsfreiheit stark relativiert. Der überwiegende Teil der Demonstranten legte nun also Schals und Tücher ab, und ohne jede Verhältnismäßigkeit zu wahren, ging die Polizei trotzdem in den Nahkampf. Das Vermummungsverbot ist nichts anderes als ein Feigenblatt, mit der von staatlicher Seite jegliche Eskalationsstrategie begründet werden kann.
Nun hat man also die friedliche Demonstration der Menschen, von denen man weiß, dass sie durchaus auch unfriedlichen Demonstrationen nicht abgeneigt sind, mit brutaler Gewalt auseinandergetrieben. Mit Wasserwerfern, mit chemischen Kampfstoffen, mit Schlagstöcken – und ich weiß nicht wie viele Videos ich gesehen habe, wo Polizisten auf wehrlose, unbewaffnete Menschen einschlagen, die ihre Hände zum Zeichen der Gewaltlosigkeit erhoben haben, es waren auf jeden Fall einige. Die Gewalt der Polizei, unprovoziert und nicht zu rechtfertigen, erzeugte Gegengewalt. Natürlich waren die, die nicht nur am Demonstrieren gehindert worden waren, sondern auch noch oftmals verletzt und mit gereizten Atemwegen geschlagen, nun wütend. Das entschuldigt nichts, was dann passierte, war aber folgerichtig und sicherlich auch von der Einsatzleitung so zumindest einkalkuliert.
Die brennenden Autos sind ein Zeichen, aber nicht für eine völlig enthemmte Demonstrantenschar, sondern dafür, dass die Polizei Bilder wollte. Die Menschen aus dem schwarzen Block, die aus ganz Europa angereist waren, um zu demonstrieren und damit gegen das System zu kämpfen, sind für eine gewisse Gewaltaffinität bekannt und obwohl man ihnen nicht erlaubt hatte, auch nur fünf Meter weit friedlich demonstrierend zu ziehen, war es offenbar für die Polizei völlig in Ordnung, sie randalieren und Autos anzünden zu lassen. Über Stunden waren da Menschen unterwegs, die Spaß daran hatten, Sachen anzuzünden und zu zerstören, und die Polizei, die mit vielen tausend Einsatzkräften in der Stadt ist, interessierte sich dafür offenbar einen Scheiß – naja, entweder das, oder das muss der hoffnungslos inkompetenteste Haufen der Polizeigeschichte sein.

Hier hat ein Hamburger Gamingyoutuber ein Video gemacht, in dem man sieht, wie der Straßenverkehr Slalom durch brennende Autos fährt. Da ist kein gefährlicher schwarzer Block in der Nähe, da würde niemand Einsatzkräfte daran hindern, die Brände schlicht zu löschen – aber nichts passiert. Das Bild ist offenbar zu gut, um es zu beseitigen. Die Gefahr für den Straßenverkehr? Aber es brennt doch gerade so schön …
Die Wirkung ist kalkulierbar und natürlich werden am Anfang nächster Woche die ewiggestrigen Politiker noch mehr Einschnitte in die Grundrechte fordern. Heute gab es schon Forderungen, autonome Zentren wie die Rote Flora zu schließen. Dort wurden übrigens gestern verletzte Demonstranten behandelt, davon gab es ja genug. Versuche, das Grundrecht auf Versammlungs- und Demonstrationsrecht weiter zu kastrieren, werden kommen, Menschen-und Bürgerrechte sind nach brennenden Autos immer in Gefahr. Diese Angriffe gegen Sachen – so doof sie sind – werden jetzt schon vielfach höher gehängt, als die tausendfachen Angriffe auf die Gesundheit friedlicher Demonstranten in den letzten beiden Tagen durch die Polizei. Und irgendwas sagt in meinem Hinterkopf immer noch, dass Sachschäden weniger schwer wiegen, als verletzte Menschen. Aber schlimmer noch, die brennenden Autos werden medial mehr ausgeschlachtet werden, als NSU-Morde und brennende Heime für Geflüchtete. Weil es schon immer so war.
Von daher ist zumindest bisher, die politische Strategie der Polizei voll aufgegangen. Ich hoffe, das heute noch bessere Bilder die Proteste gegen G20 in ein vernünftiges Licht rücken.