Archiv der Kategorie: Bildungspolitik

Verbot heißer Höschen?

Bin eben über ein Interview in der Zeit gestolpert (hier). Habe mich geärgert, und zwar hart geärgert. Weil da wieder so ein Erziehungsexperte spricht, der ganz offenbar absolut antiemanzipatorisch denkt.

Also, worum geht es? Da werden spezielle Kleidungsstücke verboten, und es sind natürlich nur knappe Höschen und tiefe Ausschnitte für Mädchen und junge Frauen. Ich bezweifel hart, dass irgendwer problematisiert, wenn an Tagen wie dem heutigen bei 32 Grad im Schatten Jungen und junge Männer oben Ohne im Unterricht sitzen. Aber es sind Ausschnitte und Hotpants, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die gleich verboten werden. Von evangelikalen Privatschulen kennt man sowas – nun gut, dass eine solche Schule eigentlich in einem säkularen Staat nicht geduldet werden dürfte, sollte eh klar sein -, auf öffentlichen Schulen ist das eigentlich seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich.

Aber es geht ja hier nicht nur um einen Rückschritt, hier kann mensch doch wirklich mal kurz darüber sinnieren, was solche Verbote ausdrücken, und was sie anrichten. Die Aussage ist eindeutig. Der weibliche Körper ist anders als der männliche, unbedingt zu verhüllen, zumindest einige Teile, weil der Anblick dieser Teile beim anderen Geschlecht dazu führt, dass man abgelenkt ist, wahrscheinlich werden auch Blutstau und feuchte Tagträume befürchtet – und natürlich könnte es sein, dass sich irgendwelche männlichen Wesen nicht beherrschen können.  Kurz, ein solches Verbot ist nichts anderes als ein klarer Beweis für die vorhandene Rape Culture.

Was richten solche Verbote an? Natürlich verstärken sie schon ohne tatsächliche Anwendung das Slutshaming – Mädchen, die gerne ein bisschen mehr frische Luft haben, werden problematisiert, weibliche Körper werden problematisiert. Ich finde ja, das Problem sind die Kerle, die ihre Augen oder gar ihre Hände nicht bei sich halten können. Wird das Verbot dann wirklich angewendet, dann muss die Lehrerschaft entweder Schülerinnen dazu zwingen, mehr anzuziehen – was peinlich ist und auch ein Temperaturproblem darstellen kann – oder sie müssen sie nach Hause schicken – und das ist nicht nur peinlich, sondern auch kompliziert wegen Versicherung und so weiter, und es fährt kein Schulbus und Eltern müssen ihre Kinder abholen, sind aber eigentlich arbeiten, welche Freude. Schülerinnen werden gebrandmarkt und bloßgestellt – also lieber Herr Experte, ich könnte das aus pädagogischer Sicht nicht unterstützen, ich halte das für alle Lernenden schlecht, und wenn es sich dann noch auf ein Geschlecht konzentriert, dann ist es sogar noch sexistische Diskriminierung.

Aber was ist denn jetzt mit den großartigen Argumenten für das Verbot: Mitschüler werden abgelenkt, und männliche Lehrer auch. Zum Ersten: In der Pubertät werden alle Lernenden ständig abgelenkt. Das ist ja auch der Grund, warum Beschulung in der Mittelstufe oft eh schon relativ sinnlos ist. Und da machen dann auch ein paar Zentimeter mehr oder weniger Stoff nicht viel aus. Allerdings wird durch das Verbot die Sexualisierung von Mädchenkörpern natürlich gesteigert – will sagen, so ein Verbot betont noch mal, wie spannend es zum Beispiel ist, wenn männchen ein bisschen Slip oder einen BH-Träger zu sehen bekommt. Wenn man die Ablenkung minimieren wollte, würde man die Schüler einfach von frühester Jugend an ein paar Mal im Jahr ins FKK schicken, dann wäre das alles gar nicht mehr so spannend und man könnte mit deutlich weniger Ablenkung unterrichten. Zum Zweiten: Oh, ich bin gerade jetzt, wo es so warm ist, quasi täglich damit konfrontiert. Ich weiß also, wie ich mich als männlicher heterosexueller Lehrer fühle, wenn ich in Dekolletés oder auf knappe Höschen blicke. Und ja, manchmal sieht man, egal ob man das will oder nicht, Dinge, die eine erotische Wirkung haben – denn keine Professionalität der Welt macht jemanden zu einem nichtsexuellen Wesen -, und wo ist jetzt das Problem? Dann habe ich halt gerade was Anregendes gesehen, und? Jetzt kommen Professionalität und Anstand ins Spiel. Die Professionalität, die Beruf und Freizeit trennt, und der Anstand, der auch sonst meinen Trieb so weit beherrscht, dass ich nicht im Park über Frauen herfalle. Kurz, es ist nicht schlimm, dass Lernende sexuelle Wesen sind und das auch Lehrende sexuelle Wesen sind, es ist eine Tatsache und jeder muss einen Weg finden, damit umzugehen – das schaffen eigentlich auch alle. Ist nicht so schwer. Braucht es keine Verbote für. Die machen es nur schwerer.

Jetzt heißt es im Interview, dass Schülerinnen vor sich selbst geschützt werden sollen. Richtig, das Argument muss natürlich auch noch kommen. Es sagt, dass Kinder und Jugendliche ja so unmündig und dumm sind, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und sie brauchen ja immer unseren Schutz. Einen Scheiß brauchen die! Ja, es gibt diese Momente, in denen sich Pubertiere seltsam anziehen, sich Frisuren machen, die spektakulär hässlich sind und sich zu bunt anmalen. Deswegen sind sie ja Pubertiere. Die lernen daran. Das ist normal. Und richtig, es gibt im Leben von einigen Zwölfjährigen den Tag, an dem das neue Top doch luftiger ist, als gedacht und frau sich den ganzen Tag unwohl fühlt, weil sie darauf achten muss, dass ihr keiner von der Seite auf die Nippel sehen kann. Auch aus diesem Tag lernt frau, so vermute ich – auch wenn es sicherlich besser wäre, wenn weibliche Nippel die gleiche Beachtung und Aufregung verursachen würden, wie männliche Nippel, also keine. Junge Menschen lernen aus Fehlern, und auch wenn es für die Erziehenden und Lehrenden viel praktischer wäre, wenn sie sich nicht mit den Fehlern der jungen Menschen auseinandersetzen müssten, es geht hier nicht um Bequemlichkeit.

PS Lieber Herr Dehnert, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nazi-Shirts und einem tiefen Ausschnitt, sowas sollte man nicht der billigen Provokation wegen gleichsetzen.

Quick – Bildung digital

Die Bundesregierung will Geld für Computer in Schulen ausgeben, Lehrerverbände finden das doof. Jetzt finden wieder viele die Lehrerverbände doof. Wie kommen wir aus der Schleife raus?

Also erstmal würde ich ja begrüßen, dass überhaupt Geld für Bildung bereitgestellt wird. Das ist sehr selten und sehr nötig und wenn alle FDP-Wähler ihre Steuern zahlen würden und man davon die Bildungsetats endlich mal verdoppeln würde, dann wären wir schon ein bisschen weiter.

Dann müssen wir kurz zugeben, dass Computer nicht automatisch den Unterricht verbessern. Die schweineteuren Taschenrechner, die zum Beispiel für die Oberstufenschüler in NRW verpflichtend sind – und 120 Euronen kosten und nicht mehr können, als eine gute Handy-App für zehn Euro -, machen den Unterricht keineswegs besser, sondern Abiturienten zu mathematischen Analphabeten.

Aber digitalisieren müssten wir den Unterricht natürlich, wenn wir auch nur irgendwie Schüler für dieses Zeitalter fit machen wollten. Aber eben digitalisieren mit Köpfchen. Denn es gibt eine Menge Sachen, über die wir heute bescheid wissen sollten. Zum Beispiel darüber, wie Programme funktionieren, was Suchalgorithmen sind – ja, überhaupt, was Algorithmen sind -, wie Vernetzung funktioniert und warum mir Google Anzeigen für das Hörbuch zeigt, dass ich gerade bei Audible erworben hab. Und ja, wir müssen mit der Arbeit mit digitalen Geräten schon in der Grundschule anfangen, und wir sollten dringend Menschen, die wirklich was von Digitalisierung verstehen – und das werden kaum Lehrer sein -, fragen, was Lernende für Fähigkeiten braucht und was sie verstehen sollten, damit sie zu Menschen werden, die mitreden, die selbstbewusst mit allen Möglichkeiten der digitalen Welt umgehen, die Maschinen wertfrei als Werkzeug nutzen können. Menschen können lernen, sinnvoll und selbstverantwortlich mit Technik umzugehen. Technik zu verteufeln bringt dabei gar nichts.

Aber neben den digitalen Fertigkeiten brauchen Lernende auch viele andere Fertigkeiten. Handschrift mag nicht mehr so oft gebraucht werden wie früher, bleibt aber eine hervorragende Übung der Feinmotorik. Kopfrechnen ist genauso wenig böse und ja, einfach Gleichungen darf man auch weiterhin rechnen können dürfen. So mit Stift und Papier. Digitalisierung muss ja nicht heißen, dass kein Unterricht mehr ohne digitale Geräte machbar ist.

Die Investition in Geräte ist gut, die Investition in die Frage, was wir damit wollen, ist auch wichtig. Und nicht zuletzt – vielleicht zeigt mal jemand den greisen Lehrervertretern, was heute alles mit Technik möglich ist.

Themenabend Cyberirgendwas …

Gestern großes Thema in der ARD, Cybergrooming, Leute, die sich an junge Menschen ran machen, Machtausübung, Erpressung, Kindersex – alle Signalwörter versammelt? Es gab einen dramaturgisch völlig überfrachteten Film dazu und dann eine Diskussion bei Frau Maischberger.

Dort durfte eine Mutter darüber reden, wie ihre Teenager-Tochter mit einem vierzig Jahre älteren Mann verschwand, und gleich dabei verschweigen, dass ihre älteren Töchter darüber berichtet haben, dass die jüngere von der Mutter regelmäßig geschlagen wurde. (Kriegt man übrigens nach zwei Minuten Google-Recherche raus, ich habe mir das nicht ausgedacht)

Außerdem erzählte eine Mutter, wie sie ihren Kindern das Internet auf dreißig Minuten pro Tag reglementiert hat, und es deshalb keine Probleme gab. Andere Menschen erzählten, dass JEDES Kind irgendwann mal im Internet auf Leute trifft, die es sexuell missbrauchen wollen. Und natürlich gab es auch eine Lösung: Sobald das Kind ins Internet kommt, soll man ihm möglichst viel Angst machen, weil das Internet ja so fürchterlich gefährlich ist.

Jetzt will ich keinesfalls bestreiten, dass es viele Arschlöcher im Internet gibt, die solche Praktiken betreiben und schlechteste Absichten haben. Da werden ein paar der seltenen Pädophilen drunter sein, meistens wird es eher um Macht gehen, darum, mit dem eigenen geringen Selbstvertrauen irgendwie klar zu kommen – wie bei so vielen anderen Straftaten im Bereich der Sexualität.  Und manche derer, die da angesprochen werden, werden auch wirklich zu Opfern. Andere machen sich einen Spaß daraus, die alten geilen Böcke zu verarschen, oder sie blocken Leute, die ihnen komisch kommen einfach weg und gut ist.

Gibt es einen Grund für Panik? Es gibt fast nie einen Grund für Panik und Panik ist auch nie eine gute Idee. Muss man mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen? Klar. Aber nicht in dem man ihnen Angst vor dem Internet macht. Wer Angst hat, macht doch viel eher Fehler, und wenn Mama das Internet verbietet, ist es doch erst richtig spannend, was man da alles finden kann. Also völlig falscher Ansatz.

Der richtige Ansatz ist erstens ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern – die Tochter regelmäßig schlagen, gehört da übrigens nicht zu, Frau Meine-Tochter-ist-mit-einem-alten-Mann-weggelaufen -, und die Sicherheit, dass man als Kind auch mit jedem Mist, den man fabriziert hat, zu den Eltern kommen kann, und die einen trotzdem unterstützen. Zweitens müssen Kinder wissen, dass sie ihrem Instinkt vertrauen können, dass man großes Vertrauen in sie setzt und sie für sich selbst auch im Internet selbst verantwortlich sein können und müssen. Dann wissen sie auch, dass sie Menschen, die ihnen seltsam vorkommen, meiden können, dass sie nicht höflich sein müssen. Und wenn man dann drittens noch klar macht, dass sie selbstbewusst mit ihrer eigenen Sexualität umgehen dürfen, dann wissen sie auch instinktiv selbst, wem sie Nacktbilder schicken können und wem nicht. (Denn es ist ihre Sexualität, verbietet man ihnen die Nacktbilder, machen sie sie erst recht und schicken sie den falschen. Hey, sie können das selbst regeln. Man glaubt gar nicht, was Kinder und Jugendliche alles auf die Kette kriegen, wenn man es ihnen nur zutraut.)

Wir sind heute eine ängstliche Gesellschaft, die ihre Kinder zu noch mehr Angst erzieht, den Kindern nichts mehr zutraut und ihnen auch nichts mehr abfordert. Da passt so ein Themenabend natürlich zu. Verteufeln wir doch einfach das Internet, jagen den Menschen noch mehr Scheißangst ein, und letztlich, machen wir die Kinder, die das alles ausbaden müssen, noch viel einfacher zu Opfern. Manchmal kann man nicht so viel Essen ….

Die Waldorfschule – viel Licht und Dunkel

Sie polarisiert, die Waldorfschule. Für den Mainstream ist sie ein Pointenlieferant, für ihre AnhängerInnen die einzig mögliche Schulform und für SkeptikerInnen der esoterische Graus. Ich versuch das mal ein bisschen differenzierter zu betrachten.

Erst mal vorweg: Ich bin kein Anthroposoph, und natürlich Skeptiker genug, die esoterischen Ideen Rudolph Steiners bescheuert zu finden. Steiner war aber nicht nur Spinner, er war auch harter Antisemit und in einigen Bereichen seiner AnhängerInnen ist auch dieser Teil seines Denkens durchaus noch vorhanden, wie man immer mal wieder lesen kann. Über diesen Aspekt gibt es keine Diskussion, Antisemitismus ist mit widerwärtig absolut neutral umschrieben. Dem Allem zu Trotze machen einige Waldorfschulen sehr gute Arbeit und es gibt einige Aspekte, in denen die Waldorfschulen den Regelschulen massiv überlegen sind.

Werken und Gartenarbeit – praktisches Können

Werken und Gartenarbeit sind Beispiele dafür, dass auf Waldorfschulen ein breites Fundament gelegt wird. Das wirkt sich bei Absolventen auch oft aus, denn die meisten sind in vielem durchaus keine versponnenen Baumküsser, sondern praktisch denkende Menschen. Und praktisch handelnde Menschen – in diversen Gruppen habe ich mit Jugendlichen verschiedener Schulen gearbeitet. Und wenn es um praktische Sachen ging, waren es oft die Waldis, die vor Aufgaben nicht wegliefen, sich selbst Lösungen für Probleme einfallen ließen, oder zumindest nie davor zurückschreckten, irgendwo anzufassen.

Praktika

Hier kann man direkt anschließen. Die Fülle von Praktika, die WaldorfschülerInnen absolvieren, im sozialen Bereich, in der Landwirtschaft, ja sogar Vermessungspraktika, lassen GymnasiastInnen neben ihnen fast immer sehr unselbständig wirken. Man hat das Gefühl, dass sie sich einfach etwas besser in der Welt auskennen, mehr verschiedene Erfahrungen gemacht haben.

Alles Musische

Schaut man sich an, was NeurowissenschaftlerInnen so übers Lernen sagen, dann kommt immer wieder die von Schulpolitikern so gern überhörte Nachricht: Beschäftigung mit Musik, bildender Kunst oder Theater ist reinstes Hirndoping. Es ist auch Selbstbewusstseinsboost, Kreativitätsventil, Ausgleich und ein Weg, die Welt besser zu begreifen. Und genau da legt die Waldorfpädagogik ein großes Augenmerk drauf, und das ist gut. Jeder Waldorfschüler steht mehrfach auf einer Bühne, stellt Werke aus, singt und musiziert vor Publikum – denn ohne Publikum bleibt Kunst ja immer auf halber Strecke stecken. Ein gutes Mittel, jungen Menschen Selbstbewusstsein zu geben.

Jahresarbeit

Der Titel ist leicht übertrieben, aber über mehr als ein halbes Jahr beschäftigt sich jedes Waldi mit einem selbstgewählten Thema, mit einer Frage, die nicht mal eben auf Wikipedia nachzuschauen ist. Der eine renoviert ein Boot, die andere schaut sich Geschwisterkonstellationen an und manche bauen auch Hängebrücken. So intensiv beschäftigt man sich natürlich nur Sachen, die einen auch interessieren. Hat was mit guter Pädagogik zu tun, dass man Menschen etwas machen lässt, was sie interessiert und wo sie gut drin sind.

Bis hierhin verzeihe man mir die Euphorie. Diese Punkte sind Beispiele dafür, dass da einiges besser läuft, als die Regelschule und unser verkommenes Bildungssystem so vorstellen kann. Schauen wir uns doch mal die kritischeren Punkte an.

Epochenunterricht

Auf Waldorfschulen lernt man in Epochen. Das bedeutet, dass man sich immer ein paar Wochen zwei Stunden jeden Tages mit dem gleichen Thema beschäftigt. Das führt zu einem kuriosen Stundenplan und zu intensivem Auseinandersetzen mit einem Fach. Das ist vom Prinzip her nicht unbedingt schlecht. Ein projektorientierter Unterricht ist eine gute Sache. Die Epochen öffnen aber auch große Lücken, in denen sich die Lernenden mit einem Fach gar nicht beschäftigt. Verpassen kranke Menschen einen größeren Teil einer Epoche, ist das schwieriger aufzuholen. Den größten Nachteil sehe ich in der starren Struktur. Aber die Struktur ist in den Regelschulen ja keineswegs weniger starr. Die zeitlich strikte Zuordnung von Lernstoff an exakte Daten ist verwaltungstechnisch praktisch – aber pädagogisch unsinnig. Man sollte Dinge dann unterrichten, wenn die Lernenden dazu bereit sind.

Eurythmie

Ja, tanzen wir unsere Namen! Nein, das ist natürlich Quatsch und wird der Kunstform Eurythmie nicht gerecht. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, eine Art Tanztheater mit philosophisch-esoterischer Überhöhung. Würde man diese ganze Esoterik rausnehmen, bliebe eine Art Ausdruckstanz übrig. Und das wäre großartig, denn Eurythmie hat durchaus gute Ergebnisse. WaldorfschülerInnen haben meistens ein durchaus gutes Körpergefühl. Tanzen ist ein sehr praktischer Sport, der auch noch richtig Spaß macht. Ist für Kinder super. Sollte man überall machen – nur halt nicht dieser esoterische Quatsch dabei.

Anthroposophie

„Zu Dir, o Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.“

Argh, was für ein Quark, Entschuldigung, dass ich mich hinreißen ließ, einen Teil aus einem Morgenspruch Steiners hier rein zu kopieren. Okay, das Zitat ist natürlich Blödsinn. Wer will schon, dass Kinder und Jugendliche so einen Mist mitzusprechen. Übrigens ist im Grundgesetz festgeschrieben, dass Religionsunterricht erteilt wird. Ich erinnere mich auch an regelmäßige Schulgottesdienste. Ist natürlich der gleiche Quark. Gehört natürlich abgeschafft.

Die Waldorfschule macht auf der Basis einer kruden religionsähnlichen Ideologie pädagogisch erstaunlich viel richtig. Würde man den ganze Steiner-Quatsch da rausnehmen, wäre die Waldorfschule ohne Frage die beste Schule, die man relativ flächendeckend finden kann – wenn man Kinder von zu Hause aus mit einem kräftigen Schuss Skeptizismus impft, ist sie das auch heute schon. Auch wenn es da sicherlich einige Unterschiede gibt.

Einiges ist natürlich kaum zu ertragen. Trifft man auf die Antisemiten unter den Waldorfanhängern, gehören keine Kinderund Jugendliche in deren Hände – oh, meine Klassenlehrerin in der Mittelstufe eines Gymnasiums war übrigens auch eine entschiedene Antisemitin, aber das tut ja auch nicht viel zur Sache. Unter den AnhängerInnen der Waldorfpädagogik findet man Impfgegner und Strahlungsparanoiker. Das ist anstrengend. So ähnlich, wie bei den Grünen und in der evangelischen Kirche. Hätte ich Kinder, würde ich trotzdem ins Grübeln kommen. Wie gesagt, pädagogisch hat da vieles wirklich Hand und Fuß.

Zwei Meldungen, eine Richtung: Die Schere geht auf!

Die erste Meldung heute Morgen in der Zeitung: Die NRW-Regierung halbiert das Geld für Vertretungsstunden. Zweite Meldung später im Radio: Trend zu privat gesicherten Siedlungen für Reiche.

Und wo ist da jetzt die Verbindung? Nun, es geht um Privatisierung, das, was die FDP so leicht bis zur Ekstase erregt. An der Bildung wird – man möchte sagen: wie immer! – mal wieder kräftig gespart. Das ist eine stetige Entwicklung seit vielen Jahren. Und weil die Bildung immer schlechter wird, weil immer mehr eingespart wird auf Kosten von Lernenden und Lehrenden, prosperieren Nachhilfeunternehmen. Wer es sich leisten kann, wird von gut ausgebildeten und prekär bezahlten Lehrkräften zum Abschluss gebracht.

Für Polizei ist auch nur noch Geld da, wenn sie eingesetzt werden kann, um Demonstranten zu verprügeln und unter Pfefferspray zu setzen. Rufe ich hier auf dem Land bei der Polizei an, weil ich verdächtige Geräusche gehört habe, kommt der Streifenwagen vermutlich pünktlich, um dem Bestatter zuzusehen, wie er mich mit den Füßen zuerst … ihr wisst schon, was ich meine. So soll es natürlich den Leuten, die wichtig sind, da sie Geld haben, nicht ergehen. Die kaufen sich also ihren eigenen Sicherheitsdienst, quasi ihre eigene Polizei. Das ist gleich mehrfach sinnvoll. Nicht nur ist das billiger, als genug Steuern zu bezahlen, dass mehr in Bildung und Polizei investiert werden kann,  man kann die Privatpolizei auch wunderbar nutzen, um bettelnde Unterschichtler zu vertreiben, oder gar Leute, die gegen solche Siedlungen protestieren.

Die Schere wird immer weiter geöffnet, das ist das Ergebnis aller Politik der letzten Jahrzehnte. Unser Ziel muss es sein, die regierende allzu große Koalition der etablierten Parteien unter fünfzig Prozent zu bringen. Sonst wird sich die Schere immer nur noch weiter öffnen.