Archiv der Kategorie: Fernsehen

Fantasy und das Dritte Reich

Es passiert immer mal wieder, dass die Urban Fantasy, die in der heutigen Zeit spielt und dementsprechend auch unsere Geschichte in ihre Universen integrieren muss, auch das Dritte Reich samt Hitler und Shoah und dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. In der bekanntesten Fantasyreihe aller Zeiten ist es Grindelwald, der von Albus Dumbledore ausgerechnet 1945 besiegt wurde – womit mehr oder weniger klar eine Verbindung eines Schwarzmagiers zu den Nazis geschaffen wird.

Noch deutlicher macht es die Fernsehserie Grimm, die ich momentan so ein bisschen binge. (ja, ich weiß, eher guilty pleasure als wirklich gut). Hier gibt es in der ersten Staffel eine Folge, in denen es um drei magische Münzen geht, die auch noch ein Hakenkreuz auf einer Seite zeigen. In den letzten Bildern der Folge sieht Grimm Hitler mit genau diesen bösen Münzen, die offenbar aus Menschen, oder noch genauer, aus Wesen, machtgierige Wahnsinnige machen. Und ganz kurz sieht man auch, dass Hitler selbst ein Blutbader war – eine Art Werwolf.

Mich fragt ja keiner, aber wenn ich Redakteur dieser Folge gewesen wäre, hätte ich dringend abgeraten. Mit Geschichte in solcher Art überhaupt herumzuspielen ist nicht ungefährlich, aber gerade bei Hitler finde ich es sehr problematisch. Hier steckt die Idee hinter, dass Nazis eine besonders fiese Art von Menschen ist, die in ihrer Zeit quasi gewaltsam die Macht an sich brachten und die Menschen zu den Verbrechen verführten, die einzigartig in der Geschichte stehen.

Und genau das ist halt wirklich Unsinn. Hitler war kein übernatürliches Monster, er war ein Mensch mit monströsen Ansichten und Ideen, und diese wurden von Millionen geteilt und ausgeführt. Alles keine übersinnlichen Monster, sondern unsere Vorfahren, die willentlich aus den gleichen Ideen heraus, aus denen gestern in Neuseeland ein Nazimörder 49 Menschen in Christchurch erschoss, Millionen Menschen erschossen und vergast haben. Nein, das waren keine Blutbader – auch wenn sich solche Wesen, wenn es sie gäbe, in Nazideutschland sicher sauwohl gefühlt hätten.

Es ist, wie es so oft mit dem Dritten Reich ist, man kann dieses Thema nicht einfach mal so bewegen, nicht einfach so zu Unterhaltung machen – es ist viel zu einfach Nazis zu verharmlosen, und wenn es auf dieser Welt eine Ideenwelt gibt, die wir nie verharmlosen sollten, dann die der Nazis.

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Themenabend Cyberirgendwas …

Gestern großes Thema in der ARD, Cybergrooming, Leute, die sich an junge Menschen ran machen, Machtausübung, Erpressung, Kindersex – alle Signalwörter versammelt? Es gab einen dramaturgisch völlig überfrachteten Film dazu und dann eine Diskussion bei Frau Maischberger.

Dort durfte eine Mutter darüber reden, wie ihre Teenager-Tochter mit einem vierzig Jahre älteren Mann verschwand, und gleich dabei verschweigen, dass ihre älteren Töchter darüber berichtet haben, dass die jüngere von der Mutter regelmäßig geschlagen wurde. (Kriegt man übrigens nach zwei Minuten Google-Recherche raus, ich habe mir das nicht ausgedacht)

Außerdem erzählte eine Mutter, wie sie ihren Kindern das Internet auf dreißig Minuten pro Tag reglementiert hat, und es deshalb keine Probleme gab. Andere Menschen erzählten, dass JEDES Kind irgendwann mal im Internet auf Leute trifft, die es sexuell missbrauchen wollen. Und natürlich gab es auch eine Lösung: Sobald das Kind ins Internet kommt, soll man ihm möglichst viel Angst machen, weil das Internet ja so fürchterlich gefährlich ist.

Jetzt will ich keinesfalls bestreiten, dass es viele Arschlöcher im Internet gibt, die solche Praktiken betreiben und schlechteste Absichten haben. Da werden ein paar der seltenen Pädophilen drunter sein, meistens wird es eher um Macht gehen, darum, mit dem eigenen geringen Selbstvertrauen irgendwie klar zu kommen – wie bei so vielen anderen Straftaten im Bereich der Sexualität.  Und manche derer, die da angesprochen werden, werden auch wirklich zu Opfern. Andere machen sich einen Spaß daraus, die alten geilen Böcke zu verarschen, oder sie blocken Leute, die ihnen komisch kommen einfach weg und gut ist.

Gibt es einen Grund für Panik? Es gibt fast nie einen Grund für Panik und Panik ist auch nie eine gute Idee. Muss man mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen? Klar. Aber nicht in dem man ihnen Angst vor dem Internet macht. Wer Angst hat, macht doch viel eher Fehler, und wenn Mama das Internet verbietet, ist es doch erst richtig spannend, was man da alles finden kann. Also völlig falscher Ansatz.

Der richtige Ansatz ist erstens ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern – die Tochter regelmäßig schlagen, gehört da übrigens nicht zu, Frau Meine-Tochter-ist-mit-einem-alten-Mann-weggelaufen -, und die Sicherheit, dass man als Kind auch mit jedem Mist, den man fabriziert hat, zu den Eltern kommen kann, und die einen trotzdem unterstützen. Zweitens müssen Kinder wissen, dass sie ihrem Instinkt vertrauen können, dass man großes Vertrauen in sie setzt und sie für sich selbst auch im Internet selbst verantwortlich sein können und müssen. Dann wissen sie auch, dass sie Menschen, die ihnen seltsam vorkommen, meiden können, dass sie nicht höflich sein müssen. Und wenn man dann drittens noch klar macht, dass sie selbstbewusst mit ihrer eigenen Sexualität umgehen dürfen, dann wissen sie auch instinktiv selbst, wem sie Nacktbilder schicken können und wem nicht. (Denn es ist ihre Sexualität, verbietet man ihnen die Nacktbilder, machen sie sie erst recht und schicken sie den falschen. Hey, sie können das selbst regeln. Man glaubt gar nicht, was Kinder und Jugendliche alles auf die Kette kriegen, wenn man es ihnen nur zutraut.)

Wir sind heute eine ängstliche Gesellschaft, die ihre Kinder zu noch mehr Angst erzieht, den Kindern nichts mehr zutraut und ihnen auch nichts mehr abfordert. Da passt so ein Themenabend natürlich zu. Verteufeln wir doch einfach das Internet, jagen den Menschen noch mehr Scheißangst ein, und letztlich, machen wir die Kinder, die das alles ausbaden müssen, noch viel einfacher zu Opfern. Manchmal kann man nicht so viel Essen ….

Gottschalk, Balder, Brüste

Gestern wurde Thomas Gottschalk 65 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch auch von hier – und auf RTL lief eine wohl recht halbgare Sendung zu diesem Anlasse. Ich bin mir jetzt nicht so sicher, ob das an Gottschalks Stelle auch meine Wahl gewesen wäre, aber das kann ja jeder selbst machen, wie er mag. Irgendwelche Redakteure hatten sich dazu ein Spiel einfallen lassen, dass sie dann aufgrund von recht öffentlichem Shitstorm dann doch gelassen haben: Hugo-Egon Balder, ebenfalls 65 – auch dazu hier meinen Glückwunsch – sollte mit Gottschalk ein kleines Spiel durchführen, bei dem er zuvor gecasteten Hostessen den BH zerschneiden sollte. Die Reihe der weiblichen Brüste sollte Fläche für Bilder sein, zu denen Gottschalk dann Quizfragen beantworten sollte. So in etwa, war es aus der Jobbeschreibung herauszulesen, die gestern über Twitter lief und den Shitstorm befeuerte.

Disclaimer: Ich mag weibliche Brüste. Ich mag sie wirklich. Und wenn sie mir zur Liebkosung auf freiwilliger Basis bereitgestellt werden, bin ich durchaus begeistert. Auch nutze ich hier und da die Möglichkeiten, zur Betrachtung freigegebene Brüste eingängiger zu studieren. Ja, es passiert mir sogar hier und da, dass ich das eine oder andere Dekolleté so genau studiere, dass es an die Grenzen des Höflichen geht. Das tut mir meistens auch leid. Ihr kennt das Problem: Das Fleisch ist willig und so wird der Geist ganz schwach.

Jetzt find ich es gar nicht problematisch, dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Brust entblößen. Tun Männer auch, warum sollte das für das eine Geschlecht in Ordnung sein, für das andere aber nicht. Ist doch Unsinn. Es ist auch nicht schlimm, dass Frauen das in diesem Fall für Geld getan hätten. Es ist Showbiz. Wer ein Problem damit hat, etwas von sich zu zeigen, der ist in diesem Bereich nicht so gut aufgehoben. Und sollten mir Schauspielende oder andere professionell Auftretende sagen wollen, sie würden sich aber nicht prostituieren wollen, so würde ich zurückfragen, was noch mal ihr Job sei? Wer auf Bühnen sein Innerstes nach außen dreht, sollte mit der Veröffentlichung von Geschlechtsteilen auch nur noch bedingt Schwierigkeiten haben.

Noch mal in kurz: Keine Frau, die da mit gemacht hätte, hätte einen Grund gehabt, sich wegen der Haut zu schämen, die sie zeigt. Wäre es in Ordnung gewesen, die Show mitzumachen? Ethisch vielleicht problematisch, aber es füllt den Kühlschrank. So ist Showbiz. Aber es dürfen sich ruhig Leute schämen. Im Speziellen die Redakteure, die auf so eine bescheuerte Idee kommen.

Denn natürlich geht diese Nummer nicht.  Alte Männer haben das Recht, die BHs der Damen durchzuschneiden und ihre Brüste zu veröffentlichen, während die lächelnd da stehen und alles über sich ergehen lassen? Was ist denn das für eine dekadente Darstellung des männlichen Privilegs? Die Nummer ist widerlich, und ganz nebenbei auch noch unoriginell und dumm. Schlechtes Fernsehen halt. So, wie das Fernsehen jeden Tag ist. Schön, dass ein bisschen Empörung dagegen geholfen hat. Ist doch immerhin mal etwas.

Von absoluten Mehrheiten und der Show als solcher

Am Sonntag gehörte ich zu den Piraten, die sich aufgemacht hatten, um Herrn Raab und seine „Absolute Mehrheit“ zu sehen, und natürlich für Cornelia Otto zu jubeln, das ist ja Ehrensache, denn es ist ja nicht falsch, zu jubeln, wen jemand etwas Gutes sagt.

Nun gut, also die üblichen Fernsehshow-Präliminarien über sich ergehen lassen, so mit Abtasten so, und mit kein Handy bei sich haben – was für Piraten wirklich schwierig ist, wir hätten natürlich gerne von der Tribüne aus getwittert. Und dann kommt das Aufwärmen mit Stefan Raab, und der macht ein paar Mätzchen, hat Spaß, und vor allem, er bringt das Publikum, egal aus welchem Bereich es jetzt kommt, auf seine Seite. Er spielt mit seinem Image, zeigt, dass er ja eigentlich harmlos ist und nur spielen will, und es wirkt auch noch so, als ob er das meint – was eigentlich ein ganz gutes Zeichen ist. Als er dann wirklich mit der Show beginnt ist der Applaus ziemlich ehrlich.

Nun gut, wer ist alles dabei, ein Sportreporter, den ich nicht kenne, dessen Stimme mir auch nicht bekannt ist. Er wird im Verlauf der Sendung ein bis drei Mal ganz kluge Sachen sagen, aber er fällt natürlich gleich raus. Nicht vergessen, wir haben hier einen Wettbewerb. Dann sitzt da NRW-Innenminister Duin, der später beim Thema BGE in panische Schnappatmung verfallen wird – wenigstens merkt man, wovor die Etablierten so richtig Angst haben. Auch er wird bald rausfallen, nach Runde zwei ist er nicht mehr im Rennen. Dann Lasse Becker von den JuLis. Offenbar das privilegierte Bürschchen, was man sich bei der FDP so vorstellt, aber in Teilen geistig satisfaktionsfähiger als man das auf Anhieb erwarten würde.

Und dann vom Zuschauer aus auf der linken Seite von Raab sitzen Cornelia Otto, unsere Spitzenkandidatin auf der Berliner Liste für den Bundestag und der ehemalige Vorsitzende der Linken Klaus Ernst. Letzterer hätte den Abend offenbar gerne allein bestritten und ja, auch als Pirat kann ich oftmals nur feiern, wenn er die Idiotien der FDP und SPD mit scharfer Zunge geißelt – der Mann ist ein Wadenbeißer, der hat für diese Sendung trainiert, der weiß, wie man sich das Wort ergaunert – ein Alphamännchen, der sich Duin als Gegner aussucht und ihn dann auch nach allen Regeln der Kunst filettiert. Ja, der Mann kann Show und er hat sich für diesen Abend etwas vorgenommen – und gibt Cornelia Otto allemal die Möglichkeit, sich als Stimme der Vernunft zu etablieren, schließlich wirkt Ernst zwischendurch so, als müsste er in der Werbepause ins Sauerstoffzelt.

Nun, wie schlägt sich Cornelia Otto, die im Netz auch als Tikkachu bekannt ist? In der ersten Runde, als es um Fußball geht, kommt sie ins Stottern, als Raab ihr die relativ blöde Frage stellt, welchem Bundesligaverein die Piraten ähneln. Die ehrliche Antwort, dass sie sich nicht so mit Fußball auskennt, ist völlig in Ordnung. Ja, man hätte hier lustige Antworten finden können, so was wie: „Kennen Sie einen Bundesligaverein, bei dem jeder mitspielen darf? Oder der seine Taktik öffentlich im Internet diskutiert?“ aber das ist schon okay. Sie punktet mit dem Ansatz, dass es in der Politik auch cool wäre, wenn jeder seine Sponsoren offen auf der Kleidung tragen würde. Aber vermutlich müsste Fipsi Rösler dann noch ein Schild mit Sponsorennamen hinterhergetragen werden, weil er einfach nicht genug Fläche gibt.

Und nach diesem vielversprechenden Anfang wurde es dann leider schwächer.  Und das bei Themen, die uns doch so sehr liegen. Das BGE und die Politikverdrossenheit, und da kam dann so wenig. Selbst Klaus Ernst als Gegner des BGE hat einen Hauch klarer machen können, warum BGE sinnvoll ist, als Cornelia, die sich verteidigte, statt anzugreifen. Warum? Mit dem Thema BGE sollte man angreifen. Man sollte einfach einem Lasse Becker um die Ohren hauen, dass das BGE eine urliberale Forderung ist, die Befreiung von der Geldherrschaft. Was könnte denn liberaler sein? Was könnte denn weniger Herrschaft versprechen als das? Und das ist doch die Idee hinter liberal, dass es weniger Herrschaft gibt, das hat der junge Liberale doch sicherlich auch noch nie bedacht. Oder wenn der Duin dauernd davon faselt, dass das ja alles unbezahlbar ist, warum dann verteidigen? Warum nicht abspeisen damit, dass es natürlich finanzierbar ist, dass sogar Börsengurus sagen, dass es natürlich bezahlbar ist, und dann sagen: Wir kommen damit aus der Demutsspirale heraus, die die SPD mit ihrer verfickten Hartz-Gesetzgebung angefangen hat. Wir hören auf, Leute zu stigmatisieren, wir nehmen ihnen das Gewicht von den Schultern, dass sie zu kleinen Leuten macht. Wir machen das mit der Menschenwürde, die ja eigentlich im GG steht, wovor die etablierten Parteien aber gerne die Augen verschließen.

Und bei der Politikverdrossenheit, wo war da das „Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen?“ Wo war die Richtigstellung, dass es gefälligst Politikerverdrossenheit zu heißen hat. Noch nicht mal die Vorlage wurde genutzt mit den leeren Parlamenten. Denn man schaue zum Beispiel mal, was los ist, wenn im NRW-Landtag Plenum ist, unter 15 von 20 Piraten habe ich da bisher eigentlich nie gesehen. Wenn man das will, dann geht das. Ist eine Sache von Prioritäten. Und die liegt bei den Etablierten spürbar nicht bei Politik. Und hier hätte man übrigens auch mal den Klaus Ernst an seinen kräftigen Hörnern fassen können, und mal ganz klar sagen, wie wenig demokratische Strukturen seine Partei hat, und dass auch das ein Grund sein könnte, dass die Linke eben nicht mehr Stimmen bekommt, obwohl ihre Themen alle angehen und die Etablierten doch jeden Tag aufs Neue demonstrieren, dass soziale Themen für sie völlig irrelevant sind.

Insgesamt war Cornelias Auftritt charmant, aber zu defensiv. Wir wollen ja nicht die netteste Partei sein, wir wollen unsere Ideen verbreiten. Das geht nur mit ein bisschen mehr Attacke. Aber aus diesem Auftritt kann man eine Menge lernen, hoffentlich passiert das, und damit meine ich bei weitem nicht nur Cornelia.

Piratige Außenwirkung – Müssen wir uns professionalisieren?

Liest man in der Presse, schaut man Fernsehen, dann ist der zweithäufigste Vorwurf, neben  – ich kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören! – unserer Programmlosigkeit, die Art wie wir auftreten. Es gibt zwar durchaus ein paar Lieblinge der Medien bei uns, aber es gibt auch einige, die schon mal mit nicht so cleveren Auftritten aufgefallen sind, es gibt viele, die sich offenbar vor Kameras eher unwohl fühlen.

Jetzt versteh ich von Berufs wegen ein bisschen was vom Auftreten und überlege mir, wie man diese Situation verbessern kann, speziell, weil es ja immer mehr werden, die ihre Nase in die eine oder andere Kamera halten,  eine Entwicklung, die prinzipiell zu begrüßen ist. Jetzt ist kaum jemand ein rhetorisches Wunderkind, und trotzdem müssen Reden gehalten werden, auch ist nicht jeder total schlagfertig und souverän und kann sich problemlos der Jauchs und Lanz‘ dieser Welt erwehren.

Die etablierten Parteien begegnen solchen Aufgaben mit Schulungen, da wird in eine brave Kluft gesteckt, und das nicht nur in Sachen Kleidung. Hört man fünf jungen Politikern der Unionsparteien zu, so wird man sich bald kaum noch daran erinnern können, wer wer war und wer was gesagt hat, so einförmig ist das – und bei den anderen Parteien sieht es nicht viel anders aus. Außer vielleicht bei den Linken, da sieht man keine jungen Politiker.

Sollte man auch Piraten schulen? Viele werden jetzt sagen: Nein, lass mal, wir sind einfach wir selbst und die anderen müssen damit klar kommen. Das hat auch viel Gutes für sich, ich sehe allerdings einen großen Nachteil. Wir brauchen viel Personal, das in die Parlamente geht, wir brauchen auch in Zukunft Vorstände und Amtsträger, und ja, wir brauchen auch eine Außendarstellung, und viele werden sich das gar nicht trauen. Und ganz ehrlich, ich möchte nicht nur die Leute, die sich einfach so trauen, ich möchte nicht nur die Leute, die es eh gewohnt sind, vor vielen Leuten zu reden, ich möchte auch die Leute in Ämtern sehen, die viel Qualität mitbringen, sich aber nicht ständig in die erste Reihe stellen. Ich möchte auch gerne gute Leute überreden, sich mit in die erste Reihe zu stellen – es gibt mir eigentlich immer zu viele, die es sich zutrauen, denen es aber sonst keiner zutraut. Zu viele Selbstdarsteller – auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht gerne so negativ konnotiert haben möchte.

Ich schau mir mal ein paar Beispiele von Piraten in den Medien an.  Aus Lokalpatriotismus fange ich mit Joachim Paul an, der kurz nach seiner Aufstellung zum Spitzenkandidaten der NRW-Liste noch nichts von dieser Rolle wissen wollte. Und dann war er im ganzen Wahlkampf der nicht nur führende Kopf, sondern auch der Sympathieträger, der viel für uns getan hat.

Joachim Paul ist sehr gerne als untypischer Vertreter unserer Partei bezeichnet worden – was ich irgendwie nicht so nachvollziehen konnte und kann, einen typischen Vertreter der Partei findet man nur selten, und fast nie in der ersten Reihe – also wenn ich jetzt an die vielbeschworenen Nerds denke. Typisch für uns sind unsere Werte, aber ein spezielles Auftreten?

Zurück zum Thema: Joachim ist im Fernsehen genauso, wie auf dem Parteitag oder der Sitzung vom Arbeitskreis Bildung. Mit sonorer Stimme und klaren Worten, man merkt ihm große Lebenserfahrung an, und eine Souveränität die offenbar aus Kompetenz erwächst. Kein Wunder, dass er in der Spitzenkandidatenrunde viele sehr gute Noten bekam. Was mir auffällt: Seine Souveränität und Autorität kommt nicht mit der Alphamännchenattitüde daher, die man zum Beispiel bei Siegmar Gabriel studieren kann.  Joachim hat das nicht nötig, der kann poltern, aber dann, wenn er von irgendwas tief bewegt ist, nicht aus Arroganz heraus.

Schauen wir mal weiter, zum Beispiel bei Johannes Ponader, unserem neuen politischen Geschäftsführer im Bund. Den habe ich nun zweimal im Fernsehen erlebt, und auch der ist souverän, wirkt fast buddhistisch ausgeglichen. Bei seinem fast schon legendären Auftritt bei Jauch wirkte er erst mal ähnlich wie andere Piraten als zu defensiv. Erinnert man sich an andere Auftritte in Talkshows zurück, hatte man oft das Gefühl, dass die Piraten gar nicht zu Wort kommen – Talkshow ist Stehgreiftheater und Hühnerhof in einem, es geht darum, wer das große Wort führen darf, man plustert sich auf, hackt die Hierarchie aus, und dabei haben Piraten schon mehrfach nicht gut ausgesehen. Johannes ließ es dabei aber nicht bewenden. Er beantwortete nicht nur Fragen, er mischte sich auch ein, und das im Gegensatz zu den anderen Politikern in der Runde eigentlich kaum polemisch und mit enorm viel Inhalt.

Viel ist über seine Kleidung geschrieben und gesprochen worden, er ist auch angegriffen worden, weil er ALG II bezieht. Beides finde ich zum Kotzen. Was man wo trägt, ist meines Wissens nach Privatsache. Und Johannes wirkte absolut authentisch, man hatte das Gefühl, dass er sich in seinen Klamotten wohl fühlte, und er wirkte einfach nicht so dämlich uniformiert, wie die Anzugträger um ihn herum. Die Sache mit den Sozialleistungen, meine Fresse, soll jeder froh sein, der solche nie in Anspruch nehmen musste. Wenn du dich in der Kunst nicht verbiegen willst, kann das passieren – viele auch durchaus nicht unbekannte Schauspieler sind schon auf dem Arbeitsamt gesehen worden, und für Regisseure und Theaterpädagogen gilt durchaus Ähnliches. Aber Künstlerbashing ist ja nichts Neues – auch in der Piratenpartei übrigens, in mancher Urheberrechtsdebatte wird auf Künstler eingeprügelt wie nichts Gutes. Egal, ich bin froh, dass Johannes im Moment sechzig Stunden die Woche für die Demokratie arbeitet.

Kommen wir zu den ersten Medienstars unserer Partei. Zum Beispiel Christopher Lauer: Dessen Reden im Berliner Abgeordnetenhaus sind vielfach unterhaltsamer als das Wochenprogramm von RTL, auch in Talkshows macht er eine oft rechtgute Figur – allerdings auf andere Art, als die beiden Erstgenannten. Souveränität und Ruhe ist sein Ding nicht. Er ist hibbelig und laut, wirft mit Ironie um sich – er ist schon ein wenig der Klassenclown der Piratenpartei. Aber das auf durch und durch positive Art. Er spielt mit den Klischees, er spielt mit dem politischen Gegner – Kurt Beck wird ihn auf jeden Fall nicht vergessen – und er ist einfach unglaublich schnell. Er irritiert auch, die Lauerfaces sind ja auf ihre Art auch schon legendär. Er grimassiert, egal, ob er gerade im Bild ist, oder nicht, man sieht, was in ihm rumort. Das würde man einem Kollegen der FDP aber schnell aberziehen. Aber auch hier kommt wieder ein Wort ins Hinterköpfchen, das auch bei den anderen beiden durchaus zu passen schien: Er ist er selbst, er ist natürlich.

Zum Schluss Marina Weisband, die Vorgängerin von Johannes Ponader, und über Monate das Gesicht der Partei. Bei Marina hat man oft das Gefühl gehabt, dass sie gerade lernt, ein neues Spiel zu spielen. Sie hat hier und da das Risiko in Kauf genommen, auch mal zu verlieren und hat dabei die Regeln des Talkshow-Geschäftes schnell gelernt, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, sie hätte sich sehr verbogen. Marina ist eine Vordenkerin der Piraten, speziell was die neue piratige Art, Politik zu machen, angeht. Diese Eigenschaft macht sie Schlagfertig und führte dazu, dass sie überall, wo es um das Update ging, das wir dem System angedeihen lassen wollen, sehr weise Worte gesagt hat. Bei konkreten Inhalten war sie oft nicht ganz so stark, aber sie musste von Null auf Tausend, das wird auch nicht so einfach sein.

Da haben wir nun vier Beispiele von Piraten, die sich offenbar gut geschlagen haben, ja, den Zuschauern der Talkshows und Politsendungen teilweise sogar richtig was Neues vorgesetzt haben.

Es gab auch andere Beispiele, das prominenteste wäre Sebastian Nerz, der immer blass blieb, und oft ziemlich stereotyp antwortete – vor allem, weil er ständig dieses Schild vor sich her trug: „Wir haben dazu noch keine Meinung!“ Dieses Schild ist ein fundamentaler Fehler, wir haben zu manchen Themen eher noch viel zu viele Meinungen, die Sachen sind nicht ausdiskutiert.  Insgesamt habe ich bei Sebastian immer das Gefühl, dass er zu sehr wie ein richtiger Politiker sein will, irgendwie in seiner CDU-Vergangenheit gefangen ist, kein piratiges Selbstbild entwickelt hat.

So, was schließen wir denn jetzt daraus? Der positive Aspekt ist doch eigentlich durchgängig, dass Piraten in den Medien so schön normal sind. Einfache Menschen, die einen guten Job machen wollen, eine größere Ehrlichkeit in die Politik bringen. Wie kann man denn Menschen dabei helfen, ehrlich zu sein? Sollten wir Piraten uns schulen, werden wir doch auch mehr Show machen, oder? Und mehr Show heißt doch, weniger Ehrlichkeit, oder?

Fragen über Fragen, aber ja, Show gehört durchaus auch zur Politik dazu. Es gibt keine Politik ohne Medien, man muss, das, was man zu sagen hat – und davon haben wir eine Menge – auch ans Wahlvolk bringen. Das muss aber nicht heißen, weniger Ehrlichkeit. Es wäre geradezu tragisch, wenn das passieren würde. Aber es ist klar, nicht jeder, der gute Sachen denkt und politisch ein wichtiger Mitstreiter sein kann, ist auch Medienprofi und weiß, wie man Reden hält. Aber da kann man schon ansetzen. Denn mit Sprache umzugehen, das kann man lernen, mit Lampenfieber auch, und dann gibt es noch etwas sehr wichtiges: Schauspieler lernen, sich verschiedene Sachen bewusst zu machen, die wissen, was ihre Hände gerade tun, und wie es wirkt, wenn sie den Kopf gerade jetzt heben – Politiker sollten keine Schauspieler sein, einstudierte Gesten sind furchtbar, aber wenn man über seine Wirkung Bescheid weiß, wenn man auch die Körpersprache der anderen zu lesen weiß, dann kann man auch viel einfacher zu dem finden, was jeder in den Medien braucht, ein Selbstbild, eine Persönlichkeit, so ehrlich, wie möglich – aber nicht schutzlos.