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Dumplin‘ – Ein Glücksfilm

Ja, ich habe auf Netflix Dumplin geschaut. Ich gehe davon aus, dass ihr, liebe Lesende, den Film entweder auch gesehen habt oder euch Spoiler egal sind. Denn das, was ich dazu schreiben will, kann sich nicht um Spoiler herum schreiben.

Die Inhaltsangabe fällt mir interessanterweise schwer. Es geht um eine junge Frau mit dem hoffentlich seltenen Namen Willodean, die das schwere Los hat, eine leicht überkandidelte ehemalige Schönheitskönigin zur Mutter zu haben. Die geliebte Tante ist vor gar nicht langer Zeit gestorben – und Tante und Nichte einte das Schicksal, nicht schlank zu sein. Willowdean, kurz Will, hat damit ein bisschen Halt verloren, aber sie steht nicht völlig verzweifelt da. Sie hat Ellen, ihre beste Freundin seit Kindertagen, sie schwärmt für Bo, den – für einen Teenager extrem männlichen – Typen, der mit ihr in einem Diner jobbt, und das Verhältnis zu ihrer Mutter ist auch nicht schlechter, als das unzähliger anderer Teenager.

Dann aber gibt es zwei Gründe, warum sie bei der Misswahl, die ihre Mutter jedes Jahr organisiert, in diesem Jahr mitmachen wird. Der eine ist profan. Ihre Mutter, mit der Sensibilität, die Müttern von Teenagern oft eigen ist, nennt sie in der Öffentlichkeit Dumplin – Klöpschen. Und sie findet einen Hinweis darauf, dass ihre Tante Lucy bei dem gleichen Wettbewerb mitmachen wollte, den ihre Mutter dann gewann. Sie weiß nicht, warum Lucy das nicht durchgezogen hat, aber sie ist sich sicher, dass sie das durchziehen will. Und natürlich, dass sie damit ihrer Mutter etwas beweisen will.

Von ihr mitgezogen meldet sich nicht nur die hübsche und schlanke Ellen mit an, sondern auch die Rebellin Hannah – „Nieder mit dem Patriarchat!“ – und die wie Will nicht schlanke Millie, die aus sehr behütet christlichem Hause kommt und die Unterschrift der Mutter fälscht, um mitzumachen.

Während Ellen und Millie richtig Spaß an der Sache haben, und bei Hannah nie ganz klar wird, was sie eigentlich dabei will – außer vielleicht, für ein wenig Ärger sorgen -, ist Will nur mit halbem Herzen dabei, vor allem, da sie nicht damit umgehen kann, dass Bo sich auch für sie interessiert. Sie ist schlicht überfordert, als Bo sie küsst, rennt panisch weg.

Erst über Umwege und über eine wunderbare Redneck-Transvestitenbar mit Dolly Parton-Abend, in der Tante Lucy oft zu Gast war, und wo man sich liebevoll an sie erinnert, bekommt Will Motivation und Selbstvertrauen, so in die Misswahl zu starten, als ob sie sie gewinnen wollte.

Was hat bisher nicht gepasst? Was an dieser Inhaltsangabe ist so, wie es noch nie irgendwo war? Richtig, die Hauptfigur ist nicht schlank und will das auch gar nicht unbedingt ändern. Und trotzdem ist sie die Hauptfigur. Ich mein, es ist sonst ja schon fast zu viel verlangt, wenn es eine nicht schlanke Nebenfigur nicht ausschließlich für den Comic Relief zuständig ist, sich nicht, da nicht schlank, stets selbst demütigt.

Und da war noch was. Ja, Bo, der hübsche maskuline Bo verliebt sich in Willowdean. Einfach so. Er muss nicht umworben werden, er braucht keine große Epiphanie, in der er erkennt, dass „das dicke Mädchen ein Herz aus Gold“ hat, oder wie das passende Klischee gerade heißt. Er verliebt sich einfach in diese tolle junge Frau. Fertig. Braucht es mehr? Aber wie besonders ist das? Es klingt eigentlich völlig normal, dass es dazu nicht mehr braucht, als passende Charaktere, Menschen, die sich voneinander angezogen fühlen. Aber weil Will nicht schlank ist, erwartet man die ganze Zeit ein „ABER“, das nicht kommt. Weil mensch noch nie gesehen hat, dass das auch geht. Dass sich ein schlanker hübscher Mensch in einen nicht schlanken Menschen verliebt, ohne ein Aber, ohne Hintergedanken, ohne doch mindestens von diesem das Leben gerettet bekommen zu haben. Und ohne von diesem mit aller Macht umworben worden zu sein. Ja, das passiert sonst auch immer wieder in Filmen, aber eben nie, wenn da ein Mensch bei ist, der nicht schlank ist.

Warum ist jetzt dieser gar nicht so sehr mit Handlung gefüllte und eigentlich ein bisschen zu freundliche Film ein solches Must see? Also zumindest für Menschen, die nicht schlank sind? Ja, weil er eben ein Glücksfilm ist. Wie stark jedes nicht schlanke Mensch diskrimiert wird, fällt eben unglaublich stark auf, wenn es dann mal einen Film gibt, der das nicht macht. Und das könnte natürlich zum Gegenteil führen. Denn eigentlich wäre es ja auch absolut richtig, Wut und Rebellion gegen diese Diskriminierung aufzubauen und das ist ja auch da, aber während mensch diesen Film sieht, laufen halt wirklich ohne Scheiß Tränen des Glücks übers Gesicht. Meine Fresse, was tut dieser Film gut.

Und das mag einigermaßen bescheuert klingen, aber dadurch habe ich erst verstanden, was Filme mit schwarzen oder homosexuellen Hauptdarstellern bewirken, warum Frauen weibliche Actionheldinnen so sehr brauchen. Ich habe das vorher immer irgendwie verstanden, aber Dumplin lässt mich das nicht intellektuell verstehen, sondern emotional.

Wir brauchen mehr solche Filme, Filme, die auf so schlichte Art mit Diskriminierungen aufräumen, die Menschen Kraft und Glück schenken, weil sie einfach unsichtbare Menschen sichtbar machen. Bitte mehr davon, bitte.

Quick – BUCH vs. FILM – Was ist wirklich besser?

Der sehr unterhaltende Youtube-Filmkritiker @dieserDopo hat hier eine Frage gestellt, die ich nicht in seinen Kommentaren beantworten kann. Deswegen gibt es einen kurzen Blogpost:

Erstmal finde ich die Fragestellung spannend, weil sie meistens nur in Bezug auf spezielle Filme gestellt wird, und eigentlich nie allgemein. Ich lese viel, ich habe noch viel mehr früher gelesen, und natürlich habe ich oft in Filmen das Gefühl gehabt, das hier beschrieben wird: Ey, das ist im Buch anders! Hallo!? Aber ich glaube nicht, dass es wirklich darum geht, dass etwas anders ist, als im Buch, meistens ist es die frage, ob Drehbuch und Inszenierung noch etwas mit dem Buch zu tun haben, ob die Atmosphäre, der Geist des Buches getroffen wird. Ein paar Beispiele:

Ich kenne Puristen, die hassen die Filme aus der Herr der Ringe-Reihe. Ich war vor allem beim ersten Film völlig begeistert. Ja, ich hatte mehrfach die Bücher gelesen, aber ich klebte nicht an den mehrjäghrigen Vorbereitungen von Frodos Fahrt, ich brauchte keine Grabunholde und fand auch in Ordnung, dass Arwen ihren Bruder als Frodos Retter ablöste. Vor allem brauchte ich keinen Tom Bombadil – eine zwar originelle und liebenswerte Figur, aber dramaturgisch völlig sinnlos, hätte kein Zuschauer verstanden, der das Buch nicht kannte. Kurz, Peter Jackson und seine Mitstreiter haben eine Menge unsinnigen Ballast aus den Büchern geworfen – den sie dann teilweise in den Hobbitfilmen wieder reingeholt haben – und das war in Bezug auf den Herrn der Ringe auch genau richtig so. Liegt auch daran, dass die Bücher eigentlich überhaupt keine Meisterwerke sind, sondern nur – haha, was heißt hier nur – die Neugründung der Fantasy als Genre. Tolkien war ein wunderbarer Weltenbauer, aber gar kein so großartiger Geschichtenerzähler. Peter Jackson hat nicht nur die Geschichte besser erzählt, er hat auch die Details unglaublich liebevoll ausgefeilt, er hat optisch Maßstäbe gesetzt und sich überall, wo es ging, extrem dicht an die Vorlage gehalten, also überall dort, wo Tolkien sich nicht in altmodischem Erzählen und unwichtigen Details verlief. So muss eine Filmadaption sein.

Speziell beim ersten Harry Potter habe ich mich fast ins Kino übergeben. Und dabei hält der sich in der Geschichte doch – bis auf ein paar wenige notwendige Kürzungen – wunderbar ans Buch, oder? Nein, diese filmische Katastrophe bügelt alles glatt, was Joanne K. Rowling an Kanten in ihrem Buch hat, und damit tötet er die Magie. Sämtliche Details mit dem typischen anarchistischen Witz Rowlings sind raus. Ein paar Treppen schwingen wild durch ein riesiges Treppenhaus, wenn der eigentliche Witz doch ist, dass man Wege geht, die auf einmal woanders enden. Dumbledore salbadert Hollywoodzeilen zur Begrüßung, wenn er im Buch sagt: „Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen: Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quick!“ Hier haben sich Regie und Drehbuch einen Scheiß für das Buch, das sie verfilmen, interessiert. So ist der Film leider Schrott und allein dieser erste Film – der zweite ist auch nicht gut – ist ein guter Grund, Hary Potter bitte bald noch mal zu verfilmen.

Diese beiden Beispiele zeigend as Grundproblem, während beim Herrn der Ringe Regie und Drehbuch offensichtlich alles in ihrer Macht stehende tun, um der Vorlage zu dienen und gleichzeitig einen guten Film zu machen, wurde beim ersten Harry Potter die Vorlage nur in Plotpunkte aufgeteilt und weder Geist noch Atmosphäre weiter bedacht. Das geht nicht, wenn man eine wirklich gute Umsetzung hinbekommen will.

Manchmal geht es nicht um eine wirklich gute Umsetzung, und das ist auch okay. Ich bin großer Verehrer von Stephen King, ich halte ihn für einen der besten Erzähler, die wir heute haben – allerdings schreibt er gute und schlechte Bücher und so sind dann auch die Verfilmungen manchmal besser und manchmal schlechter. Im Fall von „The Shining“ gibt es ein Meisterwerk von Kubrick – so sagt man. Ich persönlich kann mit Kubrick allgemein nicht viel anfangen, der ist mir zu seelenlos, er interessiert sich für meinen Geschmack viel zu wenig für die Figuren – aus dem gleichen Grund bin ich auch kein Fan von Nolan, beides handwerklich brillante Regisseure, die sich nicht für ihre Figuren interessieren. Ich schweife ab. Nun ist „The Shining“ als Buch kein Meisterwerk. Es ist ein fiebriger Alptraum, drogenumnebelt und pessimistisch. Eine Orgie des Wahns und der Zerstörung, geschrieben von einem Stephen King, der schwer alkoholabhängig war, und seine Sucht damit verarbeitete, über einen anderen Süchtigen, nämlich Jack Torrance zu schreiben. Das Zentrum seines Buches ist aber sein Sohn Danny und dessen übersinnliche Begabung, die man das Shining nennt, und natürlich das Overlook-Hotel. Gefühlt kommt im Film das Shining, so namensgebend es ist, nicht so recht vor, auch ist Danny keineswegs die Hauptfigur, denn die ist  Jack Torrance. Und da wo Kings Buch verstörend gefühlvoll ist, spielt Kubrick mit seinen cleanen wunderschönen Bildern, mit Blutwellen, die durch Korridore rauschen. Die fiebrige Stimmung des Buches hat der Film nicht. Der Film mag für manche ein Meisterwerk sein, und das ist okay, er trifft meinen Geschmack nicht, aber ich sehe natürlich, dass Kubrick und vor allem auch Jack Nickolson das große Dinge tun. Das Buch ist für viele der Inbegriff eines King-Schockers, aber da diese Qualität nicht mein Hauptinteresse bei King ist, gehört es für mich nur zu den guten Kings, nicht zu den sehr guten. Film und Buch haben wenig miteinander zu tun, auch wenn da Figuren spielen, die gleich heißen und ähnliche Dinge tun. Kubrick hat auf einem Buch, dass ihn scheinbar nicht so rasend interessierte, seine eigene Geschichte aufgebaut, und das ist wohl auch in Ordnung. King hasst den Film wohl, und auch das ist in Ordnung.

Es gibt andere Beispiele, um das noch eben zu erwähnen, wenn es um King und die Verfilmungen seiner Werke geht. Fernsehadaptionen wie „Es“ und „The Stand“ mühen sich redlich, können aber die sehr starken Bücher nicht fassen – und das bei „Es“ trotz der sehr guten Performance von Tim Curry. Das eher schwache Buch „Sie“/“Misery“ wurde in der Kinoadaption ein ziemlich guter Thriller, das etwas ausschweifende „Green Mile“ ein wirklich guter Film. Meisterwerke wurden aufgrund der sehr guten Novellen aus der Sammlung „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ gedreht: „Die Verurteilten“ und „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“. Speziell die frühen Bücher haben ansonsten meist schwache Filme.

Achso, ein Fazit, bevor ich mich völlig verzettel: Wenn es um Bücher geht, die sehr geliebt werden, die eine große Fanschaft haben, dann ist es klug, diese Vorlagen nur zu verfilmen, wenn man sie genauso liebt, wie die Fans. Dabei sollte man aber nie aus den Augen verlieren, dass der Film auch allein für sich stehen können muss. Filme sollten die Tiefe haben, auf vieles hinzudeuten, was im Buch genauer beschrieben ist. Szenen, die man aber nur verstehen kann, wenn man das Buch gelesen hat, sind ein absolutes No-Go, der Film muss immer auch ohne das Buch funktionieren. Bücher, die man eigentlich gar nicht so großartig findet, zu verfilmen, funktioniert nur, wenn man eine echte eigene Vision entwickelt. Dann hasst einen vielleicht Autor und Fanschaft, aber dafür gibt es neue Fans.

Quick – Mad Max: Fury Road – ein politischer Film?

ACHTUNG SPOILERGEFAHR!

Zwei Wochen nach Kinostart habe ich es dann auch mal in den neuen Mad Max-Film geschafft. Und es hat einem schon den Atem verschlagen. So eine Action-Kanonade hab ich selten gesehen. Es ist dann auch fast nur Action, und ein bisschen wenig Handlung, aber darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen. Schließlich steht in der Überschrift eine Fragestellung.

Wie ich darauf komme, ist keine große Sache: Irgendein spinnerter amerikanischer Männerrechtler hat seine Anhänger dazu aufgerufen, diesen Film zu boykottieren, weil er feministische Propaganda in harter Action verpackt sei. Und wir wissen ja, dass Actionfilme nur von Männern gesehen werden … äh ja … egal. Das hat mich schon ein bisschen erwartungsvoll gemacht, als ich das Kino meines Vertrauens aufsuchte.

Und was soll man sagen: Naja, ein feministischer Film ist es wohl nicht gerade. Feministisch bewegte werden sich letztlich an der Mütterverehrung des Films stören. Und natürlich an den jungen Frauen, die quasi nackelig als Eyecandy in die Wüste gestellt werden. Wird letztlich ein extrem frauenfeindliches Patriarchat durch ein Matriarchat ersetzt? Ist das eine feministische Traumvorstellung? Weiß ich alles nicht. Der Schluss ist auch nicht der eigentliche Grund, weshalb ich die oben gestellte Frage bejahen möchte. (Übrigens auch nicht die Endzeitfilm-typische Sozialkritik)

Ja, dieser Mad Max ist ein politischer Film. Aber nicht wegen der Handlung oder dem Ende, sondern wegen des Umgangs mit den weiblichen Figuren des Films. Furiosa ist eine weibliche Actionheldin, die trotz verlorenem Unterarm eigentlich nie wirklich schwächer als Mad Max selbst dargestellt wird. Neben körperlicher Ebenbürtigkeit hat sie die Attribute Intelligenz und Entscheidungsfreudigkeit. Sie ist die Anführerin und alles hört auf ihr Kommando. Ist ja schon mal was.  Die Mütter sind ältere Damen, die schon länger in der Wüste mit allen Tricks und auch mit Treffsicherheit überleben. Sieht man eher selten, die Schauspielerinnen, die da auf Motorrädern unterwegs sind, werden wahrscheinlich sonst eher als nette Omis gecastet, und nicht als Scharfschützinnen, die reihenweise Warboys ausschalten. Und die verwöhnten Mädchen, die Furiosa aus dem Harem des selbsternannten Erlösers befreit? Ja, die sind erstmal wenig angezogen und „mädchenhaft“ ängstlich und zwischendurch will auch eine wieder zurück in ihren goldenen Käfig – aber am Ende sind auch diese ehemaligen Barbiepüppchen bereit und in der Lage, Waffen abzufeuern und sich am Kampf zu beteiligen – ohne, dass diese Verwandlung besonders betont wird. Sie haben einfach gute Vorbilder und lernen schnell.

Ich kann mich an keinen Film erinnern, in dem so viele Frauen aktiv in einem Actionfilmunterwegs waren. Nicht als Ausnahme wie sonst, sondern selbstverständlich. Es ist nicht unbedingt ein feministischer Film, aber ein Actionfilm, in dem Frauen als Aktivposten Normalität sind.

Warum ist der Film „Ronja Räubertochter“ so gut und warum wäre er heute nicht mehr möglich?

Ich stolperte heute Morgen über diesen YT-Clip und verdrückte ein Tränchen, weil es so schön ist, weil dieser Chor so großartig ist, weil die Dirigentin so eine Power hat und vor allem natürlich, weil da einer meiner Lieblingsfilme abgefeiert wird. Ja, Lieblingsfilm, seltsam, nicht? Ich werde in wenigen Tagen vierzig und gebe einen Kinderfilm als einen meiner Lieblingsfilme an. Vermutlich ist das sogar verdächtig.

Als ich dem lieben @ThoroughT per Chat den Link schickte, kamen wir ins Gespräch und ich meinte: „ich könnte dir viel erzählen, warum gerade der so gut ist, und warum man heute diesen Film nicht mehr so drehen würde^^“ Dann dachte ich mir, och, das kannste doch auch gleich bloggen. Mach ich doch mal. (Nebenbei, über das Buch habe ich schon mal kurz gebloggt, ist ein paar Jahre her, war auch eher oberflächlich – ich wollte es nur gesagt haben, falls jemand denkt, hey, da war doch was, das hat er doch schon mal geschrieben. Wird er langsam senil? – Ja!)

Nicht vergessen – Spoilerwarnung – aber wieso eigentlich, hat irgendwer diesen Film nicht gesehen? Und wenn dem so ist, WARUM?

Warum ist Ronja Räubertochter so gut? Na, erstmal ist die Grundlage großartig. Das alte Märchenmotiv der Räuberbande in den Wäldern hat Astrid Lindgren schlicht ernstgenommen und es mitsamt der Mattisburg als Sujet für ihre Geschichte genutzt. Hier geht es auch nicht um Robin Hood, Mattis und auch sein Erzfeind Borka sind zwar kindgerecht wenig brutal, aber dennoch echte Räuber, die von ihren Überfällen leben. Dazu kommen ein paar Fabelwesen, der Mattiswald ist nicht immer ungefährlich und ein bisschen verwunschen ist er auch.

Dann steckt da dramaturgisch ja das klassische Romeo-und-Julia-Motiv hinter. Ronja und Birk kommen quasi aus verfeindeten Familien, und auch wenn sie sich nur als Geschwister sehen, steckt in ihrer Beziehung natürlich der Keim einer auch späteren Zweisamkeit. Hier ist ein sehr starkes Geschichtenmotiv, dass aber auch ganz neu gedacht wird, denn hier ist es nicht der Kern für echte Tragödie, sondern eher ein zusätzlicher Grund, warum sich die Geschichte entwickeln kann. Käme Birk aus befreundetem Haus, wäre die ganze Nummer einfach nicht dramatisch genug.

Kurz zur Umsetzung: Die Tricks sind der damaligen Zeit angemessen, die Rumpelwichte niedlich, die Grausedruden grausig, die Musik toll und schauspielerisch ist da keine Niete bei. Schwedische Landschaften gehen ja irgendwie auch immer und fotografiert ist der gesamt Film auch gut.

Die Themen des Films sind der nächste Punkt. Es gibt gleich mehrere Themen, und sie haben alle genug Platz in diesem Film. Freundschaft ist das eine. Birk und Ronja sind nicht sofort wie Bruder und Schwester, sie müssen sich erst gegenseitig das Leben retten, um zu merken, dass der jeweils andere doch kein Hosenschisser ist, und dass man sich mag. Und auch wenn das klar ist, dann wird ihre Freundschaft mehrfach auf die Probe gestellt, denn Freundschaft klappt halt auch nicht immer unbelastet.

Ein weiteres Thema sind die Bindungen zu Vater und Mutter. Dieses Problem bezieht sich fast vollständig auf die Titelheldin, Birks Beziehung zu seinen Eltern wird nur nebenbei beleuchtet und ist nicht so gut, wie das von Ronja zu Mattis und Lovis – kommt nur nebenbei vor, wird aber auch nicht ausgeklammert. Ronja hat mit Lovis eine resolute Mutter, wie man sie nur erträumen kann. Sie lässt Ronja nämlich viel Platz und unterstützt ihren Freiheitsdrang. Mattis ist eher besorgt um Ronja und einmal rettet er sie auch, ist der wunderbare Heldenvater, der die Graugnome verscheucht, die Ronja umzingelt haben. Aber er kann natürlich nicht akzeptieren, dass sie mit Birk, dem Sohn seines Erzfeindes befreundet ist. Und als er sie daraufhin verstößt, leiden Vater wie Tochter sehr daran. Mattis ist ein Vulkan, ein Emotionsbündel, aus dem alles sofort rausfließt, der seinen Kummer irgendwann eben auch nicht mehr aushält, und letztlich – wie wunderbar – seine Tochter um Verzeihung bittet.

Und der Tod, dieses gemeine Arschloch, kommt auch im Film vor. Denn Glatzen-Peer, der alte Räuber, den man unbedingt lieben muss, überlebt den Film nicht. Und seltener Segen für Räuber, er stirbt im Bett. Die Trauer, die Mattis natürlich herausschreit, kommt garantiert auch bei den Zuschauern an, auch bei den kleinen, und warum sollten die eben nicht auch mit diesem Thema konfrontiert werden?

„Ronja Räubertochter“ nimmt seine Zuschauer ernst, egal wie alt sie sind. Das ist der eigentliche Kern, warum dieser Film so gut ist. Bei allen niedlichen Rumpelwichten, bei allen Graugnomen und Grausedruden, dieses Märchen ist auch eine so positive Utopie. Aber niemals lügt der Film da, wo es wichtig ist. Ja, er klammert Gewalt größtenteils aus. Als Mattis und Borka sich darum prügeln, wer von beiden der Hauptmann einer gemeinsamen Räuberbande wird, dann ist das ein eher lustiger Showkampf – der manchmal recht kindlich wirkt -, der für blaue Augen sorgt und für Kreuzschmerzen, aber es fließt kein Blut. (Gilt nicht für den ganzen Film. Es fließt das Blut eines Wildpferdchens, das von einem Bären verwundet wurde.) Aber dieses Umgehen mit Gewalt ist die einzige „Lüge“, die dieser Film erzählt. Der Film lässt Angst und Schmerz zu, Trauer und natürlich eine Menge Gelächter.

Ganz nebenbei, Astrid Lindgren hat da rollentechnisch etwas gebaut, was schlicht klasse ist. Ohne Frage sind die beiden Elternfamilien eher traditionell in ihren Rollen. Mattis und Borka sind die Räuberhauptmänner, ihre Frauen machen den Haushalt. Beide Frauen, Lovis und Undis, sind allerdings alles andere als brave Hausweibchen, beide haben nicht unbeträchtliche Macht über und durch ihre Männer. Aber trotz diesem traditionellen Familienbild wird Ronja im gesamten Film nicht anders behandelt, weil sie ein Mädchen ist. Sie läuft frei durch den Wald, unbeschützt und selbstbewusst. Und natürlich ist der Plan, dass sie einmal Räuberhauptmann wird – was sie aber nicht will, weil die Leute wütend werden oder weinen, wenn man ihnen Sachen wegnimmt, und das ist jetzt auch keine Haltung weiblicher Schwäche, Birk sieht das genauso. Vielleicht ist die Art, in der Ronja aufwächst, ohne hübsch sein zu müssen, ohne schwach oder nett sein zu müssen, der märchenhafteste Zug des Films. Hier werden Kinder einfach als Kinder begriffen, nicht als Mädchen oder Jungs. Es wird über Erbschaft und Nachfolge gesprochen, ohne das unsägliche Stammhalter-Motiv auszupacken.

Und noch was. Es gibt keinen Erwachsenen in diesem Film – doch, Birks unsympathische Mutter Undis hier und da -, der die Kinder nicht als quasi gleichberechtigt behandelt. Wenn die miteinander sprechen, reden die einfach wie Menschen. Keine erwachsene Überheblichkeit, keine Überbesorgtheit, kein Herabsetzen, weil Kinder ja Kinder sind und man sie nicht ernst nehmen muss. Und so, wie die Erwachsenen hier mit den Kindern umgehen, so geht der Film mit seinem kindlichen Publikum um, und das ist groß.

Und warum ist der Film heute so nicht mehr möglich? Vielleicht ist es ja nur eine Spekulation von mir, aber ich sehe die heutige Art, wie man mit Kinderkultur umgeht, als recht problematisch. Ich glaube nicht, dass man heute mit einer Geschichte, in der es unter anderem um den Tod geht, freundliche Produzenten fände. Ich glaube, dass ein so emanzipatorischer Ansatz heute nicht gewünscht ist, in einer Zeit, in der in jedem siebten Mädchen-Überraschungs-Ei eine Fee sitzt. Aber vor allem sehe ich nicht, dass es heute modern ist, Kinder und Jugendliche überhaupt ernst zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film, in dem eine Zehnjährige allein durch den Wald läuft, mit ihrem gleichaltrigen Freund den kurzen Schwedensommer lang ohne Erwachsene in einer Bärenhöhle wohnt und auch noch mit ihm nackig baden geht, heute gedreht werden könnte. Vor dreißig Jahren ging das.

Ich glaube, dass Astrid Lindgren eine der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts war und für immer unter den Großen der Kinderliteratur bleiben wird. Dass wieder Bücher und Filme gemacht werden, die Kinder auf diese Art ernst nahmen, wie Lindgren es getan hat, ist mein Wunsch.

Les Miserables – Film

Irgendwie konnte und vor allem wollte ich diesen Film nicht verpassen. Dafür bin ich zu sehr von Kind an von Musicals und dem Musiktheater an sich begeistert, und dafür ist mir dieses epische und wuchtige Musical mit seinen großen Bildern (nicht nur im Film, sondern auch auf der Bühne) und der oft einigermaßen dramatischen Geschichte zu sehr ans Herz gewachsen. (Spoilerwarnung, wer den Film noch nicht kennt, sollte sich sehr genau überlegen, ob er oder sie weiterlesen will!)

Nun also Les Miserables im Kino, und gleich die Eröffnungsszene ist ein optischer Wahnsinn. Hunderte Sträflinge ziehen ein großes Kriegsschiff mit Muskelkraft in ein Trockendock. Kurzzeitig fragt sich meine Logikabteilung, ob es solche Docks für Schiffe mit mehreren Kanonendecks wirklich gab, aber gut, das Bild ist groß!

Und solcherlei Bilder schafft der Film immer wieder. Javert am Abgrund, die Barrikade, Valjean, noch fast am Anfang, an einer Klippe an der Friedhofsmauer. Große Bilder. Und reden wir nicht von dem Schlussbild, das ist natürlich over the top, aber einfach gut.

Aber es geht auch um andere Bilder, und die finde ich teilweise deutlich weniger gelungen. Regisseur Tom Hooper stand natürlich vor dem Problem, dass jeder Regisseur von Musiktheater hat. Was mache ich denn, wenn die Arie kommt, also der große Einzelsong, wir sind ja beim Musical. Und Hooper fällt da selten mehr ein, als den Opernregisseuren, die ihre Sänger immer noch an die Rampe schicken und da ihre Töne absondern lassen.

Die filmische Entsprechung ist die ungeheure Vergrößerung einer Briefmarke. Wie bei einer Briefmarke gibt es nämlich bei mehreren Arien ein Portrait mit unscharfem und vernachlässgbarem Hintergrund. Das ist nicht nur langweilig und einfallslos, es lenkt auch viel zu viel Aufmerksamkeit darauf, dass Schauspiel sich gerne mal mit erlernter Gesangstechnik beißt. Man kann zwar sehr schön Studien betreiben, über wie viel Technik die diversen Castmitglieder verfügen, aber das ist doch wohl eher nur ein Spaß für Gesangslehrer und Logopäden. Ich persönlich möchte nicht jedes Zucken eines Mundwinkels sehen.

Es verstärkt auch den Eindruck der Künstlichkeit, weil ich eben nicht volltönend singe, wenn ich gerade versterbe, oder wenn ich verzweifelt bin, oder … ach, Ihr habt den Punkt vermutlich verstanden. Also kurz, bitte keine Großaufnahmen bei der Tonproduktion. Da ist es oft auch einfach gut, dass man bei den Bühnenversionen so weit weg sitzt, dass so genaue Einblicke gar nicht gegeben sind.

Ich könnte noch wegen ein paar anderer Sachen meckern, natürlich kommt das Musical mit einem Gesellschaftsbild daher, dass Jahrhunderte alt ist. Natürlich ist das Ganze ein christliches Schicksalsmärchen, was man auch ein bisschen weniger hätte herausarbeiten können. Geschenkt. Ich erwarte bei einem Musical auch eher selten fortschrittliches – auch und gerade nicht bei einem über dreißig Jahre altem Musical nach einer Vorlage von Anno Dunnemals. Ist ja auch alles in Ordnung.

Aber ich finde es viel interessanter, zu schauen, wo eine Bühnenversion stärker ist, als der Film. Zum Beispiel bei dem Eherpaar Thenardier, das schon verdammt cool besetzt ist mit Sacha Baron Cohen und der großartigen Helena Bonham Carter – deren toller und witziger Song „Master oft he House“ bleibt aber hinter diversen Bühnenversionen weit zurück. Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Ich vermute, weil es sich eingebürgert hat, dass auf der Bühne ganz klar das Publikum angesprochen wird. Und direkte Ansprache hat halt doch seine Vorteile. Oder „Empty Charis at empty Tables“ – Marius besingt seine toten Freunde, und in der üblichen Bühnenregie tauchen die geisterhaft im Hintergrund auf – mit nettem Gruseleffekt, sehr klassisch. Was fällt da dem Herrn Hooper ein? Richtig! Briefmarke … schade …

Nun gut, Fans des Musicals kommen auf ihre Kosten. Es gab mehrere Momente, die ich großartig fand. Aber ein bisschen ist das auch eine vertane Chance, nochmal schade.