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Tag der Befreiung

Ich reblogge hier einen Text, den ich vor zwei Jahren mal einer marginalen Partei, deren Mitglied ich da noch war, zur Veröffentlichung übergab. Stand damals auf deren Bundesseite und brachte jede Menge Hasskommentare von Menschen ein, die diesen Text als antideutsche Stimmungsmache diskreditierten, damit sie nicht über ihr eigenes Verhältnis zum Faschismus nachdenken mussten. Ich habe den Text leicht überarbeitet, viel musste aber nicht angepasst werden, um heute genauso gültig zu sein, wie vor zwei Jahren.

Vor 71 Jahren wurde Deutschland, wurde Europa von der Naziherrschaft endgültig befreit. Ein Datum mit mehr Grund zu feiern, gibt es in der Geschichte kaum. Auch wenn unseren Vorfahren vor 71 Jahren vermutlich nur selten zum Feiern zumute war. Heute sollte dieser Tag ein Feiertag sein, der höchste Feiertag im Lande mit Partys in jeder Fußgängerzone.

Damals wird ein großer Teil der Menschen die Befreiung vom Krieg, das Nachlassen von Gefahr für Leib und Leben, schon irgendwie gefeiert haben. Das wird für viele eine gute Nachricht gewesen sein, aber für noch mehr eine Nachricht des Schreckens, denn jetzt musste man sich mit den Verbrechen beschäftigen, die man begangen hatte, gegen die man nichts getan hatte, mit den Geschichten, die man verdrängt hatte, mit den Schrecken, die man nicht wahrhaben wollte.

Für eine kleine Minderheit ging an diesem 8. Mai eine Sonne mehr auf. Für die Befreiten aus den KZs, für die Menschen im Untergrund, die Versteckten und Flüchtenden, die, die verfolgt worden waren, weil sie Juden oder Sinti und Roma waren, Kommunisten oder Sozialdemokraten, weil sie im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrheit ihre Religion ernst nahmen, oder weil sie einfach zu viel Freiheitsdrang für eine Diktatur gezeigt hatten. Menschen, die in innerer Emigration eine lange Zeit unglücklich gelebt hatten, konnten wieder zu ihren Meinungen stehen, ihre Musik hören oder zu ihren Göttern beten.

Die schweigende Mehrheit hatte mitgemacht, die Konservativen hatten die Nazis an die Macht gebracht und die Mitte, das Bürgertum hatte genauso politisch versagt wie das Militär und das Geld. Tausende politisch Andersdenkender waren ermordet worden, von den Kommunisten in den Moor-KZs der 30er bis zu den Edelweißpiraten in den Strafkompanien der letzten Kriegsjahre. Die fliehen konnten, waren geflohen, aber wer konnte schon fliehen.

Nach dem 8. Mai 1945 musste die Zivilisation wiederhergestellt werden, man ahndete zumindest die schlimmsten Verbrechen und man einigte sich in den darauffolgenden Jahren auf ein paar Formeln, die für lange Zeit gültig blieben. Darunter »Von deutschem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen.« Durch die Schrecken von zwei Weltkriegen war Deutschland irgendwie pazifistisch geworden, und wenn heute Gauck und Steinmeier an diesem Staatspazifismus immer weiter herumsägen, bis nichts mehr davon übrig bleibt, dann muss das erschrecken.

Aber die Schrecken der heutigen Zeit, die an die damaligen gemahnen, sind Legion. Wir können nicht mehr alles sagen, was wir wollen, denn die Geheimdienste hören uns ab. Und wieder versagt die politische Mitte, die meint, sie hätte ja nichts zu verbergen. Minderheiten müssen in diesem Land wieder Angst haben, denn Verfassungsschutz und Polizei sind auf dem rechten Auge so blind, wie sie es schon in der Weimarer Republik waren. Die Morde des NSU schreien uns das ins Gesicht, und die Tatsache, dass für dessen Morde und deren Vertuschung und Nichtaufklärung niemand politische Verantwortung übernommen hat, zeigt, dass sich daran auch nichts ändern wird. Pegida und der ganze völkische Rest an widerlicher Zurschaustellung wird von der Polizei geschützt, die antifaschistischen Gegendemos eingekesselt und kriminalisiert. AfD und Teile der CxU schüren nationalistischen und rassistischen Hass, der von den Medien euphemistisch in »Ressentiments« umgestaltet wird.

Sich an Geschichte zu erinnern, und möglichst auch daraus zu lernen, muss zu einer verantwortungsvollen Politik gehören. Und die Geschichtsvergessenen, die seit Jahrzehnten endlich Schlussstriche ziehen wollen, müssen bekämpft werden. Das ist keine politisch akzeptable Haltung. Wir dürfen auch nicht alles einen »Godwin« nennen, was daran erinnert, dass es auch heute noch Nazis gibt – dass es auch heute noch die Konservativen gibt, die damals den Nazis den Steigbügel hielten. Die Geschichte lehrt es uns, wenn wir ihr zuhören, wenn wir es uns nicht einfach machen und lieber Verschwörungstheorien und einfachen Lösungen zu glauben.

Der Tag der Befreiung ist ein ungemein politischer Tag. Ohne ihn gäbe es kein Grundgesetz und nicht die darin hoch angelegte Messlatte der Menschenrechte. Wir werden von Menschen regiert, die reihenweise mit ihren Gesetzen am Verfassungsgericht scheitern, dessen Aufgabe es ist, das Grundgesetz zu schützen. Der Tag der Befreiung ist eine Aufforderung, politisch zu sein, für Menschenrechte zu streiten, gegen Überwachung und Polizeistaat, gegen Faschismus in all seinen Verkleidungen.

Niemals vergessen – Bahnhof Sternschanze, Hamburg, und ELDE-Haus, Köln

Kleine Geschichten aus kalter Zeit: In den Zeiten der Nazi-Verbrechen, von denen unsere Vorfahren so wenig gewusst haben wollen, gab es sehr öffentliche Plätze, an denen genau diese Verbrechen begangen wurden.

In Hamburg zum Beispiel wurden tausende Juden vom Bahnhof Sternschanze aus in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Der Bahnhof Sternschanze liegt in einem durchaus bevölkerten Stadtteil Hamburgs. Im Prinzip müssen die großen Deportationen allen Hamburgern bekannt gewesen sein. Hamburger Ordnungspolizisten begleiteten die Deportationszüge. Während die Zivilbevölkerung vielleicht nur ahnte, dass die Deportierten vollzählig ermordet werden würden, so wussten es die Polizisten mit Sicherheit.
(Quelle: „Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen“ von Christopher R. Browning)

Die Kölner Gestapo-Zentrale war im ELDE-Haus beheimatet, am Appellhofplatz ziemlich in der Mitte Kölns. Im Keller des Gebäudes wurden politisch Unbequeme, Zwangsarbeiter und viele mehr eingesperrt.  Die Zellen kann man heute noch besichtigen.  Kleine Räume, in denen dreißig und mehr Gefangene untergebracht waren. Kein Platz um sich hinzulegen oder auch nur zu sitzen. Allein der Gestank muss schon erschreckend gewesen sein – und natürlich auf der Straße vor dem Haus zu riechen
Im Hinterhof des Gebäudes wurden Menschen erschossen, immer wieder, natürlich ohne Gerichtsverhandlung. Die Schüsse muss Köln gehört haben. In den Räumen im ersten und zweiten Stock wurden Menschen misshandelt, geschlagen, gefoltert. Auch im Keller wurde gefoltert. Wer am Haus vorbei kam, der wusste, dass da Verbrechen passierten. Das heilige Köln schwieg. Der Erzbischof schwieg. Köln wusste Bescheid und schwieg.

(Quelle: Zwei Besuche, eine mit Führung, im ELDE-Haus. Ist weiterzuempfehlen)

Am Tage der Erinnerung …

… an die Opfer des Holocaust darf man sich ruhig fragen, ob wir gelernt haben? Wissen wir es heute wirklich besser? Ist die Ablehnung der Denkweisen der Nazis heute so umfassend, wie wir uns das gerne vormachen und vormachen lassen?
Mit Betroffenheit sehen wir, dass eine gar nicht so kleine Gruppe in Deutschland Zuwanderung als das größte politische Problem sieht. Angestachelt wird dies durch rassistische Kampagnen, die den alten nie ausgeräumten Hass gegen Sinti und Roma anstacheln – denn das ist gemeint, wenn sie „Bulgaren“ oder „Rumänen“ sagen. Die Nazis haben Sinti und Roma in die KZs verschleppt und umgebracht. Wir gedenken der Opfer.
Mit Beklemmung sehen wir, dass wir keine Geheimnisse mehr haben. Informationen werden erhoben, die Niemanden was angehen, unser Menschenrecht auf Intimsphäre wird mit Füßen getreten. Als die Nazis den Staat an sich rissen, war die GeStaPo das wichtigste Mittel, um eine sichere Herrschaft zu etablieren. Sie nutzten Informationen aus, um Menschen gefügig zu machen, nutzten alte Informationen – Stichwort „Rosa Listen“ – aus, um Homosexuelle zu verfolgen und zu ermorden.  Politische Gegner, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, wurden kaltgestellt, und wenn das nicht reichte, ermordet. Wir gedenken der Opfer.
Mit Unverständnis sehen wir die Bilder der Gewalt gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz, aber auch in Frankfurt oder Hamburg. Eine Atmosphäre der Gewalt wird erzeugt, man muss befürchten, bei friedlichen Demonstrationen mit Wasserwerfern Bekanntschaft zu machen, oder auch mit Tränengas. Man kann sich nicht sicher sein, ob man nicht in einem Kessel landet oder von Polizisten mit dem Schlagstock angegriffen wird. Die Nazis nutzten für ähnliche Zwecke erst SA, dann SS und Polizei. Wer politisch aufbegehrte, wurde verprügelt und konnte sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Wir suchen eine Atmosphäre der Freiheit.
Mit Erschrecken sehen wir die zig Morde, die Nazis in den letzten Jahren begangen haben. Morde und Hetzjagden, die von der Polizei nicht verhindert werden, brutale Anschläge gegen Leib und Leben, bei denen „Fremdenfeindliche Hintergründe nicht ausgeschlossen werden können“. Das Relativieren, das Aufrechnen von zersplitterten Schaufensterscheiben mit Toten, die wegen der falschen Hautfarbe ihr Leben verloren. Bevor die Nazis an die Macht kamen, von Konservativen an die Macht gebracht wurden, wurden sie auch verharmlost, ihre Verbrechen mit dem halb geschlossenen rechten Auge übersehen. Am Ende davon stand Ausschwitz, waren Millionen Juden industriell ermordet. Wehret den Anfängen.
Erinnerung schmerzt. Aber sie ist so nötig. Der Kampf gegen Faschismus ist nicht vorbei, der gegen Rassismus und Nationalismus muss immer im eigenen Kopf anfangen. Auch das ist schmerzhaft, aber nötig. Wir müssen aus der Geschichte lernen, wir wollen nicht, dass diese Geschichte sich wiederholt.

Quick – ELDE-Haus

Da ich gerade mein Stück „Eisblumen“ über Widerstand im Dritten Reich neuinszeniere, war ich heute mit meinem Schülerensemble in Köln und habe eine Stadtteilführung geordert, die vom NS-Dokumentationszentrum im titelgebenden ELDE-Haus angeboten wurde.
Ein netter und kundiger Herumführer erzählte viele interessante Geschichten aus der Geschichte, wir haben gesehen, wo der Bunker war, an dem sich die Edelweißpiraten trafen, haben die Stelle gesehen, wo der Galgen stand, die Bilder und die Bronzetafel, die an die Jugendlichen erinnern, die auf offender Straße in Köln-Ehrenfeld gehenkt wurden. Wir haben ein bisschen vom Leben vor siebzig Jahren imaginieren können, und das ist schon wichtig, wenn man die Menschen von damals spielen will.
Und dann das ELDE-Haus, das Gestapo-Hauptquartier in Köln. Und dann steht man da im Keller schaut in die winzigen Zellen, in denen man kaum zu zweit sein möchte, und in denen bis zu zwanzig standen, dicht gedrängt, ohne Möglichkeit sich zu setzen, legen oder was auch immer. In dem es als Toilette nur einen Eimer gab. Und langsam werden alle still und ein bisschen bleich. Und es geht ein Fenster zur Straße raus, jeder in Köln-Zenrtum hat die Schreie hören können – und man fragt sich ein bisschen, ob man Köln immer noch so mag.
Es kommt wieder mal der Moment, in dem man fassungslos davor steht, dass das Nazi-Regime ja nicht irgendwo war, sondern direkt hier bei uns. Dass es unsere Vorfahren waren, die so unmenschlich waren, dass man schreien könnte, wenn man es sich nur kurzzeitig vor Augen hält. Das man jetzt einfach so eine Straße entlang geht, wo vor zwei Generationen noch Jugendliche aufgehängt wurden, wo man einen Teil der Bevölkerung in Gaskammern trieb.
Und wir haben nichts daraus gelernt. Die Rassisten ersetzen einfach Juden durch Muslime und fangen genauso an, die Nachfolger der Nazis reden davon, dass Links und Rechts gleich schlimm sind – und es fehlt einfach an den Beate Klarsfelds dieser Welt, die alle Ohrfeigen könnten, die auf diese Art so gedankenlos den Holocaust verharmlosen.
Wir müssen uns langsam aber sicher darüber klar werden, dass Leute wie Marcel Reich-Ranicki nicht mehr lange da sein werden, um so richtig zu dem Thema zu sprechen, wie er es gerade getan hat. Wir haben bald niemanden mehr, der dabei war. Wir müssen jetzt selbst den Arsch hoch kriegen und das Vergessen bekämpfen. Wenn wir es nicht tun, dann haben wir nichts gelernt, dann sind wir verantwortlich für die Taten unserer Kinder.

Die DDR – das Mauerjubiläum

Der Bau der Berliner Mauer jährt sich gerade zum fünfzigsten Mal und die Presse überbietet sich geradezu dabei, den Schrecken der Mauer und der heutigen Linkspartei immer gemeinsam zu beschwören. Da ich Pauschalisierungen nicht mag, versuch ich mal, mir da eigene Gedanken zu zu machen.

Ich bin ein gutes Jahrzehnt nach dem Mauerbau geboren, bin mit dieser Mauer aufgewachsen, und hatte auch persönlich keine Probleme damit. Wir hatten sehr ferne Verwandtschaft „drüben“, Oma und Opa bekamen immer leckeren Baumkuchen geschickt, wenn sie mal wieder ein Paket mit Kaffee und ähnlichem hingeschickt hatten – und das war alles, ich weiß noch nicht mal, wie die Leute dort mit uns verwandt waren. Ansonsten gab es das seltsame Gemisch an Gedanken, mit dem man so aufwächst. Das eigene sehr frühe Positionieren auf der linken Seite der Macht brachte einem schon mal ein „Dann geh doch nach drüben, wenn du groß bist!“ ein, aber in dem Moment, in dem man verstand, was denn Sozialismus hieß, was Kommunismus hieß, wusste man auch, dass der Zustand in der DDR damit relativ wenig zu tun hatte. Beide Denkmodelle sind für mich nicht mit Diktatur denkbar, das ist kontraproduktiv, und deswegen gab es für mich auch mit Sicherheit keinen Wunsch, mit dem dortigen Regime irgendwas zu tun zu haben.

Dann kamen der Mauerfall und die Euphorie, auch für mich, keine Frage. Da hatten sich Leute die Freiheit erkämpft, ich war Freidenker – ich hoffe, ich bin es noch – und für mich ist die Freiheit ein großer Wert – nur leider kam dann auch der schnelle Aufkauf, die Annektierung der DDR durch die BRD – wie viele Linke habe ich damals auf eine wirklich demokratische Republik im Osten gehofft, einen Staat, der einen Neuanfang macht. Wo etwas so großes, wie diese friedliche Revolution geglückt war, da könnten doch auch neue Ideen entstehen, das Beste aus beiden deutschen Ländern gemeinsam aufgebaut werden, und dann hätte man sich mal für 2010 oder so eine Wiedervereinigung in Aussicht stellen können. Das habe ich damals gedacht und gehofft – aber es kam anders. Die BRD schwappte wie die Sintflut in die DDR hinein, hier wurden keine neuen Ideen verwirklicht, sondern ein System, dass schon im Westen die Schere zwischen Arm und Reich immer größer aufklaffen ließ, einem Staat aufoktroyiert, der das nicht verdient hatte. Mit der augenscheinlichen Lüge von blühenden Landschaften wurde Kohl für noch weitere acht Jahre Bundeskanzler, die ethische Stagnation ging weiter, die Zügellosigkeit der Wirtschaft wurde schlimmer, und die Menschen im Osten als Ossis zu Witzfiguren gemacht.

Wenn die Zeitungen heute auf den Mauerbau zurückschauen, dann haben sie natürlich Recht, wenn sie sagen, dass die Mauer Unrecht war. Natürlich war jeder Mauertote zu viel, und es ist nicht in Ordnung, Leute nicht reisen zu lassen – andererseits, wie sieht es mit der Reisefreiheit denn heute so aus? Klar, wir können überall hin, aber die Reisefreiheit von Nordafrikanern beschneidet Europa sehr gern, und wenn hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil es da keine Reisefreiheit gibt, dann ist das für die gleichen Zeitungen, die heute noch jeden Mauertoten beweinen, kaum mal eine Meldung wert. Und wenn die Linkspartei ständig daran erinnert wird, dass man sich gefälligst andauernd vom alten DDR-Regime zu distanzieren habe, dann drückt das zweierlei aus, Siegermentalität vor allem, und natürlich auch ein Ausnützen einer Daumenschraube, die man fröhlich drehen kann – eine schöne Sache, wenn der politische Gegner sowas mitbringt.

Wie ich heute Morgen las, sei es ein Skandal, dass die SPD mit der Linken koaliert – ich halte es eher für Demokratie. Und wie schrecklich es sei, dass dreißig Prozent der Ostdeutschen die Mauer zurücksehnen. Ich denke, das ist recht einfach zu erklären. Es gibt mehrere Faktoren.  Erstens Pragmatismus – aus dem heraus haben vermutlich lockere fünfzig Prozent der DDR-Bürger sich in der damaligen Zeit gar nicht so eingesperrt gefühlt, waren froh, dass sie gut leben konnten – auch wenn sie keine Bananen hatten. Viele Menschen kümmern sich gar nicht so sehr darum, wer sie regiert, für sie ist Freiheit gar kein so großer Wert. Und die hatten viel, dass ihnen heute fehlt. Sie waren akzeptiert, waren auf ihre Arbeit stolz und mochten ihr Leben, sie hatten wirtschaftliche Sicherheit, wussten wo sie dran waren. Und dann kamen die Wessis und sagten ihnen, dass sie ja vierzig Jahre lang nicht gearbeitet haben, dass sie bankrott waren – sind wir übrigens heute auch, und die USA ist bei weitem schlimmer dran, als es der DDR je ging -, dass ihre Lebenserfahrung nichts mehr wert war, und der Druck wurde höher. Es gab plötzlich Arbeitslosigkeit, und wie wertlos muss man sich vorkommen, wenn man zig Jahre in einem Betrieb gearbeitet hat, und der zugemacht wird, weil er sich ja nicht lohnt. Jeder dieser Menschen, der heute meint, dass er es damals besser hatte, dem kann man nur zustimmen – denn auch wenn ich persönlich Freiheit recht wichtig finde, warum sollten sie sie genauso wichtig finden? Wie arrogant man sein kann.

Natürlich gab es auch Menschen, die vom System profitierten. Zu einem gar nicht so kleinen Teil sogar auf unethische Art und Weise – aber das war wohl wenigstens ein bisschen ehrlicher geordnet. Wer damals bekanntermaßen Parteibonze und/oder Stasimitarbeiter war, von dem wusste man wenigstens, dass er ein Arschloch war und was man von ihm zu erwarten hatte. Nach der Wende kamen Versicherungsverkäufer und Vermögensberater, die sahen respektabel aus, und machten die Not größer – und ein Bundeskanzler log einen an, und trotzdem jubelten alle, da musste viel Naivität abgebaut werden, da kannte man sich in seiner Welt nicht mehr aus, ging Schmarotzern auf den Leim. Und natürlich auch Rattenfängern. Nazis gibt es da, wo es keine Ausländer gibt, in reichen Scharen, hier wo man mit den Ausländern zusammenlebt, weiß man ja schließlich, dass das auch Menschen sind, und gar nicht so unterschiedlich – dort konnte man wunderbar Ressentiments schüren und auf den durchaus nationalistischen Gedanken des alten Regimes aufbauen. Und wenn man heute sieht, was die CDU-Regierung in Sachsen und ihre Polizei so machen, dann weiß man, wo die Stasiseilschaften gelandet sind.

Von der Linken zu fordern, sich von der DDR zu distanzieren ist scheinheilig, und auch perfide. Würde sie es tun, dann würde man denen ins Gesicht schlagen, die schon so oft geschlagen worden sind, dann würde man sich in der Linkspartei der Siegermentalität anschließen, und das wäre auch nicht in Ordnung. Wie schon oben geschrieben, natürlich war die Mauer, die Grenze in der Form Unrecht, und es ist immer eine Frage, in wieweit man Unrecht relativieren kann, und jede Relativierung muss den Opfern wehtun, keine Frage. Aber wie war das in diesem Sagenbuch: „Wer von euch frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ – und von daher darf kaum eine politische Partei da das Maul aufreißen, am wenigsten die Union, und das nicht nur wegen schwarzer Kassen und verbrecherischer Ehrenworte, sondern vor allem auch wegen einem sehr hohen Nazidurchsatz nach dem zweiten Weltkrieg. Wenn die Linke, als Nachfolgepartei einer Nachfolgepartei sich von dem distanzieren soll, was die alten Kader damals getan haben, von denen schon langen keiner mehr eine große Rolle in der Partei spielt, dann muss sich die CDU auch entschieden von den Nazis in ihrer eigenen Geschichte distanzieren. Dann muss man sich auch endlich von Schwarzgeld-Schäuble trennen und  jede Menge Korruption endlich offen legen. So lange das nicht passiert, sollte man auch anderen Parteien nicht sagen, was die zu tun haben.

Man soll aus der Geschichte lernen. Das könnte man endlich mal tun. Und wenn diese Mauer in Berlin uns irgendwas beibringen könnte, dann wäre es, dass wir niemanden durch Mauern aussperren sollten. Das gilt für die Festung Europa, das gilt für die Mauer, die die US-Amerikaner in Richtung Mexiko gebaut haben und noch bauen – da sind die Berliner Mauern von heute – lernt daraus!