Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Verbot heißer Höschen?

Bin eben über ein Interview in der Zeit gestolpert (hier). Habe mich geärgert, und zwar hart geärgert. Weil da wieder so ein Erziehungsexperte spricht, der ganz offenbar absolut antiemanzipatorisch denkt.

Also, worum geht es? Da werden spezielle Kleidungsstücke verboten, und es sind natürlich nur knappe Höschen und tiefe Ausschnitte für Mädchen und junge Frauen. Ich bezweifel hart, dass irgendwer problematisiert, wenn an Tagen wie dem heutigen bei 32 Grad im Schatten Jungen und junge Männer oben Ohne im Unterricht sitzen. Aber es sind Ausschnitte und Hotpants, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die gleich verboten werden. Von evangelikalen Privatschulen kennt man sowas – nun gut, dass eine solche Schule eigentlich in einem säkularen Staat nicht geduldet werden dürfte, sollte eh klar sein -, auf öffentlichen Schulen ist das eigentlich seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich.

Aber es geht ja hier nicht nur um einen Rückschritt, hier kann mensch doch wirklich mal kurz darüber sinnieren, was solche Verbote ausdrücken, und was sie anrichten. Die Aussage ist eindeutig. Der weibliche Körper ist anders als der männliche, unbedingt zu verhüllen, zumindest einige Teile, weil der Anblick dieser Teile beim anderen Geschlecht dazu führt, dass man abgelenkt ist, wahrscheinlich werden auch Blutstau und feuchte Tagträume befürchtet – und natürlich könnte es sein, dass sich irgendwelche männlichen Wesen nicht beherrschen können.  Kurz, ein solches Verbot ist nichts anderes als ein klarer Beweis für die vorhandene Rape Culture.

Was richten solche Verbote an? Natürlich verstärken sie schon ohne tatsächliche Anwendung das Slutshaming – Mädchen, die gerne ein bisschen mehr frische Luft haben, werden problematisiert, weibliche Körper werden problematisiert. Ich finde ja, das Problem sind die Kerle, die ihre Augen oder gar ihre Hände nicht bei sich halten können. Wird das Verbot dann wirklich angewendet, dann muss die Lehrerschaft entweder Schülerinnen dazu zwingen, mehr anzuziehen – was peinlich ist und auch ein Temperaturproblem darstellen kann – oder sie müssen sie nach Hause schicken – und das ist nicht nur peinlich, sondern auch kompliziert wegen Versicherung und so weiter, und es fährt kein Schulbus und Eltern müssen ihre Kinder abholen, sind aber eigentlich arbeiten, welche Freude. Schülerinnen werden gebrandmarkt und bloßgestellt – also lieber Herr Experte, ich könnte das aus pädagogischer Sicht nicht unterstützen, ich halte das für alle Lernenden schlecht, und wenn es sich dann noch auf ein Geschlecht konzentriert, dann ist es sogar noch sexistische Diskriminierung.

Aber was ist denn jetzt mit den großartigen Argumenten für das Verbot: Mitschüler werden abgelenkt, und männliche Lehrer auch. Zum Ersten: In der Pubertät werden alle Lernenden ständig abgelenkt. Das ist ja auch der Grund, warum Beschulung in der Mittelstufe oft eh schon relativ sinnlos ist. Und da machen dann auch ein paar Zentimeter mehr oder weniger Stoff nicht viel aus. Allerdings wird durch das Verbot die Sexualisierung von Mädchenkörpern natürlich gesteigert – will sagen, so ein Verbot betont noch mal, wie spannend es zum Beispiel ist, wenn männchen ein bisschen Slip oder einen BH-Träger zu sehen bekommt. Wenn man die Ablenkung minimieren wollte, würde man die Schüler einfach von frühester Jugend an ein paar Mal im Jahr ins FKK schicken, dann wäre das alles gar nicht mehr so spannend und man könnte mit deutlich weniger Ablenkung unterrichten. Zum Zweiten: Oh, ich bin gerade jetzt, wo es so warm ist, quasi täglich damit konfrontiert. Ich weiß also, wie ich mich als männlicher heterosexueller Lehrer fühle, wenn ich in Dekolletés oder auf knappe Höschen blicke. Und ja, manchmal sieht man, egal ob man das will oder nicht, Dinge, die eine erotische Wirkung haben – denn keine Professionalität der Welt macht jemanden zu einem nichtsexuellen Wesen -, und wo ist jetzt das Problem? Dann habe ich halt gerade was Anregendes gesehen, und? Jetzt kommen Professionalität und Anstand ins Spiel. Die Professionalität, die Beruf und Freizeit trennt, und der Anstand, der auch sonst meinen Trieb so weit beherrscht, dass ich nicht im Park über Frauen herfalle. Kurz, es ist nicht schlimm, dass Lernende sexuelle Wesen sind und das auch Lehrende sexuelle Wesen sind, es ist eine Tatsache und jeder muss einen Weg finden, damit umzugehen – das schaffen eigentlich auch alle. Ist nicht so schwer. Braucht es keine Verbote für. Die machen es nur schwerer.

Jetzt heißt es im Interview, dass Schülerinnen vor sich selbst geschützt werden sollen. Richtig, das Argument muss natürlich auch noch kommen. Es sagt, dass Kinder und Jugendliche ja so unmündig und dumm sind, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und sie brauchen ja immer unseren Schutz. Einen Scheiß brauchen die! Ja, es gibt diese Momente, in denen sich Pubertiere seltsam anziehen, sich Frisuren machen, die spektakulär hässlich sind und sich zu bunt anmalen. Deswegen sind sie ja Pubertiere. Die lernen daran. Das ist normal. Und richtig, es gibt im Leben von einigen Zwölfjährigen den Tag, an dem das neue Top doch luftiger ist, als gedacht und frau sich den ganzen Tag unwohl fühlt, weil sie darauf achten muss, dass ihr keiner von der Seite auf die Nippel sehen kann. Auch aus diesem Tag lernt frau, so vermute ich – auch wenn es sicherlich besser wäre, wenn weibliche Nippel die gleiche Beachtung und Aufregung verursachen würden, wie männliche Nippel, also keine. Junge Menschen lernen aus Fehlern, und auch wenn es für die Erziehenden und Lehrenden viel praktischer wäre, wenn sie sich nicht mit den Fehlern der jungen Menschen auseinandersetzen müssten, es geht hier nicht um Bequemlichkeit.

PS Lieber Herr Dehnert, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nazi-Shirts und einem tiefen Ausschnitt, sowas sollte man nicht der billigen Provokation wegen gleichsetzen.

Quick – Das Narrativ „Silvester in Köln“

Warum lassen wir uns eigentlich dieses Narrativ von „nordafrikanischen jungen Männern, die sich organisiert nach Köln begeben, um deutsche Frauen anzufallen“ aufschwatzen? Warum reflektieren wir sowas nicht?

Silvester 2015: Menschen feiern in Köln, sie sprechen diverse Sprachen, eine davon ist arabisch und vermutlich schlägt hier Feierlaune irgendwann in eine Stimmung aus Aggressivität und Machotum um. Das ist kacke, liegt natürlich auch daran, dass vielen der Beteiligten durch ihre Religion – also in diesem Fall der Islam – das Frauenbild der CSU eingeimpft wurde. Gruppendynamiken entwickeln sich und es passiert in etwas größerem Ausmaß, was wir von deutschen jungen Männern auf dem Oktoberfest, dem örtlichen Schützenfest und ähnlichen Situationen zu Genüge kennen. Frauen werden blöd angemacht, angefasst, Dinge passieren, von denen wahrscheinlich annähernd jede Frau das eine oder andere Liedchen singen kann.

Dass das kacke ist, darüber stellt sich keine Frage. Im Nachhinein werden einige der Mitmacher die Nummer cool gefunden haben, viele werden auch verschämt in die Gegend geschaut haben, weil sie wussten, dass sie da in Gruppe Dinge getan haben, die sie allein nie tun würden – Gruppenzwang ist ein Arschloch, kann jeder bestätigen, der mal beim Bund war. Aber natürlich war das, was da abging, widerlich. Allein, es hatte nicht so viel damit zu tun, dass die jungen Männer etwas dunklere Hautfarbe hatten, als in diesem Land die Norm ist, es hatte viele Gründe, die mit Hormonen und Gruppe in erster Linie zusammenhingen.

Eine wirklich problematische Sache wurde Silvester 2015, weil die Polizei nicht eingriff. Reihenweise bekam die Polizei Meldungen, dass es ein nicht zu unterschätzendes Problem gab. Menschen wollten den Schutz der Freunde und Helfer – aber die Polizei blieb untätig. Beherztes Eingreifen hätte 2015 sicherlich geholfen, aber offenbar hatten die Beamten vor Ort nicht den Mumm etwas zu tun, Verstärkung fand sich auch nicht, eine hochnotpeinliche Nummer, die unbedingt in andere Richtung hätte interpretiert werden müssen. Hier ging es nicht um einen „Sexmob“, wie die rassistischen Teile der Presse schrieben, hier ging es um die Polizei, die eine gar nicht so unübliche Situation nicht in den Griff bekam, oder genauer, die noch nicht mal versuchte, die Sicherheit der Feiernden zu garantieren.

Silvester 2016: Menschen wollen in Köln Silvester feiern. Und wie diese Stadt bunt ist, und wie so viele Sprachen am Rhein gesprochen werden, sind auch wieder viele Menschen dabei, deren Hautfarbe dunkler ist, als zum Beispiel jetzt meine. Dieses Jahr möchte die Polizei allerdings ihr Versagen aus dem Vorjahr wieder gut machen. Aber weil man das mit dem beherzten Eingreifen ja immer noch nicht kann, wird nicht einfach die Personalstärke etwas erhöht und Präsenz gezeigt, was sicherlich ausgereicht hätte, um zu signalisieren: „feiert liebe Leute, aber macht keinen Scheiß, wir sind da und unterbinden das.“

Stattdessen wurden Menschen abgefangen, und die männlichen mit schwarzen Haaren dunklem Teint wurden raussortiert und eingekesselt. Also jetzt nicht die Leute, die sich aggressiv verhalten haben, oder die Leute, von denen man aus dem Vorjahr wusste, dass sie gerne ihre Hände dahin ausstrecken, wo sie wirklich nur auf ausdrückliche Einladung hindürften, sondern alle, die ein gewisses Aussehen hatten. Diese Menschen wurden eingeschüchtert und ihnen wurde die Feier verdorben. Warum? Weil sie eben phänotypische Ähnlichkeiten mit Leuten hatten, an die sich die Polizei im Vorjahr nicht herangetraut hatte.

Das Problem bei beiden Silvestern heißt Polizei. Wenn 2015 nur ein paar Streifenwagenbesatzungen klar eingeschritten wären, notfalls auch mit Gewalt, dann hätten wir uns ganz viel rassistische Äußerungen weniger anhören müssen. Und Silvester 2016 wäre viel weniger Menschen, die an der Gewalt von 2015 keinerlei Anteil hatten, der Spaß verdorben worden, wäre der Polizei ein bisschen Mut gewachsen.

Quick – Was ist an „Nafris“ denn so schlimm? – Oder: Warum Racial Profiling kacke ist!

Nein, „Nafris“ als interner polizeilicher Begriff geht nicht. Nein, es geht auch nicht, dass Menschen wegen ihres Aussehens gekesselt und in Gewahrsam genommen werden. Letzteres verstößt ganz einfach massiv gegen das Grundgesetz, und wem der Begriff „Rechtsstaat“ irgendwie wichtig ist, der sollte hier aber mal dringend die Lauscher aufsperren. Racial Profiling ist eine diskriminierende rassistische Praxis. Das kann und darf in einem Rechtsstaat, der sich auch nur irgendwie den Menschenrechten verpflichtet fühlt, nicht passieren. Unser Staat hat sich ein Grundgesetz gegeben, dass hier eindeutig ist. Das, was die Polizei am Silvesterabend 2016 in Köln abgezogen hat, verstößt vehement gegen die Artikel 1 und 3 des GG.

Der Begriff „Nafri“, der durch einen selbstentlarvenden Tweet der Polizei in die Öffentlichkeit gelangt ist, ist noch ein größeres Problem. Denn hier zeigt sich, dass die Polizei intern einen Begriff für Menschen aus einer bestimmten Ecke der Welt geprägt hat und damit arbeitet. Menschen auf diese Art in Schubladen zu stecken ist aber eben schon vom Kern her rassistisch. Will sagen: das ganze Denken hinter einem solchen Begriff ist rassistisch. Nebenbei gibt es hier auch noch eine klassische Entrechtung oder gar Entmenschlichung, denn für jeden Begriff braucht es ja einen Gegenbegriff. Und wie heißt der dann? Bürger? Oder gleich Menschen?

An eine Polizei, die auf das Grundgesetz schwört, müssen hohe Ansprüche gestellt werden. Die Aktionen vom Samstagabend könnte man prinzipiell mit Übereifer erklären, nachdem man im Vorjahr schlicht versagt hatte – denn da gab es eine echte Gefahrenlage und die vorhandene Polizei blieb untätig, obwohl es eine Menge Anzeigen gab – und Übereifer kann passieren. Aber der interne Begriff der „Nafris“ zeigt deutlich rassistisches Denken auf, und das darf nicht passieren, damit muss schnellstens aufgeräumt werden, und vor allem darf es jetzt nicht von der Politik und den Medien verharmlost und entschuldigt werden.

Es ist ein Kulturkampf und wir können ihn verlieren

Der aktuelle Anlass für diesen Blogpost ist ein Artikel über die Ideen der AfD in Sachen Kulturpolitik. Die ist natürlich so rückwärtsgewandt, wie man es sich nur vorstellen kann, und ja, aus aufgeklärter Sicht sind sie strunzdoof und einfach lächerlich, und doch bin ich ins Grübeln gekommen.

Die AfD will in völkischer Tradition eine Form der Kultur, die das Deutsch-Sein befördert. Sie wollen am nationalen Kitsch der Romantik anschließen, sie wollen ein Theater, das gefällige Beispiele für deutsche Werte bringt, irgendwie sowas. Das ist alles hanebüchen. Natürlich. Die haben Brecht nicht verstanden. Natürlich. Die haben das absurde Theater nicht verstanden. Natürlich. – Nein, die wollen all das, was seit irgendwann im 19. Jahrhundert passiert ist, gar nicht verstehen.

Und da ist das Problem, dass die Kultur von heute so wehrlos macht. Da sind Millionen Menschen, die von der Hochkultur schon lange verlassen ist, und die dann, während Helene Fischer und Xavier Naidoo im Hintergrund laufen, davon sprechen, dass im Theater nur Nackte multikulti machen und in den Konzerthäusern vertontes Zahnweh geboten wird und in den Museen „irgendson Quatsch hängt, den ich dir auch in fünf Minuten besoffen auf die Leinwand huste!“ Und wenn dann die Theater und Museen große Plakate hängen, in denen sie sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären, dann sind die Fronten geklärt. Dann sagen diese Menschen: „Wir gegen die!“

Wenn sich Menschen von den Eliten abgehängt und unverstanden fühlen, dann trägt, so  traurig das ist, die Kulturkaste daran einen gar nicht so kleinen Anteil. Denn Kultur in Deutschland ist viel zu oft eine Sache für Besserverdienende, so bürgerlich und spießig, wie man es sich nur denken kann. Die ganze Kulturlandschaft wirkt viel zu oft wie ein ewiges Jazzkonzert, also wie musikalische Onanie, die keinem weh tut.

So, wie das Bildungssystem die Schotten dicht gemacht hat und heute nur noch Kinder von Akademikern problemlos Akademiker werden können, so hat die subventionierte Kultur vor die gleichen Schotts dicke Vorhängeschlösser gemacht. Der Prozentsatz von Menschen, die mit zweihundert Euronen und mehr subventionierte Opernkarten erwerben und keine Aktienpakete besitzen, ist verschwindend gering. Und viel anders sieht das in anderen Bereichen auch nicht aus. Gerade für die Hochkultur braucht man meistens auch einen hohen Kontostand – denn Kultur wird als Statussymbol gesehen. Und die Betuchten sehen sich dann auch gern mal eine kleine Kritik hier und da an ihrem Lebensstil an – man darf nicht vergessen, die allermeisten Künstler sind politisch schon irgendwo links – aber zu kritisch darf es nicht werden. Selbst ein Genie wie Schlingensief war in der Hochkultur nur geduldet. Und die Rezensenten der Zeitungen, die Opernpremieren beseprechen, haben sicherlich schon ein paar Textbausteine, die ausdrücken, dass das Publikum von der Musik begeistert war, aber traditionell die Regie ausbuhte. Es sind ja alles Rituale …

Ja, ich mecker ja nur, und ich habe noch nicht so recht klar gemacht, wie das mit der AfD jetzt zusammenhängt – ja, ich bin mir meiner Geschwätzigkeit bewusst. Aber man darf mein Gemecker nicht falsch verstehen. Ich bin kein Feind der Hochkultur, ich steh auf gut gemachtes modernes Theater, geh gern in die Oper oder auch mal ins Konzert. Ich kann mich sogar von moderner Kunst berühren lassen, auch wenn bildende Kunst für mich keine Herzensangelegenheit ist. Und ich bin davon überzeugt, dass man viel mehr Menschen mit dem, was man heute in der Hochkultur so macht, begeistern kann. Ja, ich bin überzeugt, dass man etwa achtzig Prozent der Menschen mit dem heutigen Theater, mit Musik mit zwölf Tönen, mit Choreographie oder moderner bildender Kunst erreichen kann – nur wenige mit allem davon, aber wir wollen ja ruhig mal klein anfangen. Ja, es gibt zwanzig Prozent Menschen ohne irgendeine Ader für Kunst. Es gibt Menschen, die jede Musik für Quatsch halten, ja, gibt es alle, aber die Reserve derer, die man erreichen könnte, ist unglaublich groß.

Was mein Problem ist: Es wird viel zu wenig versucht. Es gibt hier und da diese Leuchtturmprojekte, wo ChoreographInnen Menschen in Massen zum Tanzen bringen, es gibt TheaterpädagogInnen, die mit Hauptschülern Shakespeare spielen, es gibt Ansätze. Meistens übrigens aus der freien Szene, meistens von Menschen, die sich schrecklich selbst ausbeuten und verdammt selten von Seiten der hochsubventionierten Häuser. Solche Projekte sind auch nicht besonders interessant für Sponsoren, denn sie sind ja gern ein bisschen rau und eckig, keine professionelle Perfektion. Aber sie sind, was wir brauchen.

Wir brauchen Kultur von unten. Ernsthaftes künstlerisches Arbeiten mit Schülern und Senioren, mit Arbeitslosen und Geflüchteten, mit Menschen, die sonst nicht ins Theater, Museum oder die Oper kommen. Kein Selbsterfahrungskitsch, keine VHS-Aquarellkurse – ja, ist auch alles schön – sondern wirklich Kunst, wirklich Auseinandersetzung, wirklich Experiment – und vor allem auch wirklich für Publikum. Kein Wohlfühljazz, der keinem weh tut, sondern künstlerische Auseinandersetzung mit einem neuen Jahrtausend.

Warum? Na, ganz einfach, wer künstlerisch jemals tätig war, wer auf Bühnen gestanden, gesungen und getanzt hat, wer offen mit dem Neuen umgegangen ist, das die Kunst jeden Tag künstlerischer Arbeit für uns bereit hält, der ist für Faschismus nicht mehr wirklich leicht empfänglich. Allein wenn Menschen Harry Potter gelesen haben, wählen sie doch nicht AfD – ich mein, das sind Todesser, ist doch offensichtlich. Wie viel mehr wirkt es, wenn man selbst künstlerisch tätig ist. Das kann man nämlich kaum, wenn man keine Offenheit für Andere und Anderes hat. Und ganz nebenbei: Wer selbst hier und da auf einer Bühne gestanden hat, schaut sich auch andere Menschen auf Bühnen an, wer mit Farbe und Leinwand experimentiert hat, geht in Museen, es wäre auch eine Win-Win-Situation für alle subventionierten Häuser, wenn sie sich um ein breiteres Publikum bemühen würden.

Natürlich ist eine Kultur für die Breite nicht machbar. Dafür gibt es viel zu viele Politiker, die nicht neben Ali oder Kevin in der Oper sitzen wollen. Und es ginge nur mit Politik. Wer sonst soll entweder die subventionierten Häuser dazu zwingen, Kultur in die Breite zu bringen, oder selbst Kulturkontributoren bezahlen, die dorthin gehen, wo man noch nichts von Hochkultur gehört hat, und dort für Rabatz sorgen. Das geht nur über eine Politik, die vor der Kunst nicht zurück schreckt und das macht, was Politik und Staat immer tun sollten: Ermöglichen!

Als vor weit über achtzig Jahren die Faschisten in Deutschland die Macht übernahmen, war der Staat und die Politik schutzlos – und leider konnte auch die Kultur nicht gegenhalten. Und das, obwohl die 20er Jahre eine Kultur in Deutschland gesehen hatten, die Weltrang hatte – das letzte Mal übrigens. Aber schon damals war die Kultur in sich relativ abgeschlossen und wenig kämpferisch. Die großen Akteure der 20er retteten ihre Haut und emigrierten. (Auch ein Grund, heute Flüchtende aufzunehmen. Wir brauchen dringend neue kulturelle Impulse.) Und natürlich war es richtig, dass sie emigrierten – schließlich wurden viele umgebracht, die nicht fliehen konnten. Allerdings werden die Länder zum Flüchten langsam selten. Wir sollten lieber den Kampf aufnehmen. Mit allen Mitteln der Kunst gegen Faschismus, gegen Rassismus, gegen Supremacy an sich. Wir müssen allerdings dafür ein bisschen Bequemlichkeit aufgeben.

Wie ein Kaninchen vor der Schlange …

… sitzen wir hier in Europa und schauen auf Trump. Und schauen auf andere Faschisten, auf Orban und Erdogan, auf Autokraten wie Putin und auf die blaugefärbten Nazis von der AfD. Und wir reden und twittern und schreiben Blogposts – ja, ich weiß. Aber was müsste denn passieren, um diese Entwicklung nicht weiter zu befeuern?

Dafür muss man halt kurz mal schauen, warum die denn alle gewählt werden, warum die so einen Zulauf haben. Und wenn man dann genau schaut, dann sind da natürlich die ganzen widerlichen Supremacy-Einstellungen, von denen wir schon immer wussten, und gegen die wir als Gesellschaft nur halbherzig vorgehen. Und das Gefühl so vieler, abgehängt zu sein, zukunftslos zu sein, die Angst vor ALG II und Sanktionen, die Angst davor, die Welt nicht mehr zu verstehen.

Trump steht dafür ein, gegen das Establishment anzutreten – und die Demokraten waren so dämlich, ihm eine Kandidatin entgegen zu stellen, die quasi die Verkörperung dieses Establishments war. Ehemalige Außenministerin, ehemalige First Lady, da kann man ja wirklich Neuerungen erwarten, oder?

Zu Recht haben gestern viele gewarnt und davon gesprochen, dass wir uns nicht zu sehr über dämliche Amerikaner lustig machen sollten, weil die Bundestagswahl im nächsten Jahr durchaus bedeuten kann, dass die AfD mit über zwanzig Prozent in den Bundestag einzieht, und wie man die Konservativen kennt, werden sie keine Skrupel haben, die AfD mit ins Boot zu holen. Und dann sitzen wir hier wieder geschockt und haben Angst und sind wieder dieses verdammte Kaninchen.

Die Verantwortung liegt jetzt bei den Parteien, um eine Wende hinzubekommen. Wir leben in einer Parteiendemokratie, die Verantwortung liegt bei den Repräsentanten – aber natürlich auch bei jedem von uns, dass wir die Parteien in ihre Hinterteile treten. Von der CxU können wir nichts erwarten. Die CSU tönt ind er gleichen Liga herum, wie die AfD, da ist kaum noch ein Unterschied zu sehen, und die CDU zeigt sich als das Establishment pur – natürlich auch mit dem einen oder anderen rassistischen Ausbruch hier und da, und absolut menschenfeindlicher Politik, wo immer es geht.

Von SPD und Grünen nichts zu erwarten, hieße aufzugeben. Das habe ich noch nicht vor. Aber wenn die sich jetzt hinter einem Kanzlerkandidaten Gabriel versammeln, der eben auch Establishment pur ist, wenn die weiter die Agenda 2010 und den Neoliberalismus feiern, dann haben wir schon verloren. Gerade diese Parteien sind es jetzt, die umdenken müssen. Die sich auf alte Ideale und neue Ideen berufen müssen, die das Risiko eingehen müssen, endlich das Ruder rumzureißen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen. Liebe SPD, liebe Grüne, ihr habt nur eine Alternative dazu: Das endgültige Siechtum und das Aufwachen in einem von der AfD mitregierten Land.

Und die Linke muss natürlich auch mal ihren Arsch hochbekommen. Denn die hat sich so nett in ihrer Opposition eingerichtet, dass sie der AfD auch nichts entgegensetzt. Die muss auch mal aufhören, alten Marxismus wiederzukäuen und muss ihre Ideen weiterentwickeln und an die heutige Zeit anpassen. Und natürlich auch willens sein, Verantwortung zu übernehmen und Politik zu machen. Kämpferisch und bestimmt.

Und wenn diese drei Parteien das angehen, sich mit voller Kraft und mit vollem Risiko für eine offene und gerechte Welt einsetzen. Ihren Antifaschismus endlich ernst nehmen und den Neoliberalismus dahin packen, wohin er gehört – nämlich auf den Müllhaufen der Geschichte für misslungene politische Ideen -, dann werden wir kein Trump-Land, dann werden die armseligen Würstchen von der AfD schnell zeigen, dass sie argumentativ nichts entgegen setzen können. Dafür müssen wir Mungos sein, keine Kaninchen. (ja, ihr dürft jetzt Mungos googlen.)