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Sexarbeitende empowern, nicht diskriminieren – zur Diskussion ums Nordische Modell

Teile dieses Blogposts liegen schon seit Monaten bei mir rum, jetzt versuche ich mal das zu Ende zu bringen. Anstoß kam durch eine Initiative innerhalb der Linken, das sogenannte Nordische Modell in unser Programm aufzunehmen. Das ist auch als Sexkaufverbot oder Freierbestrafung bekannt. Es geht darum, dass Prostitution verboten wird, allerdings nur der Kund*innenseite und die Sexarbeitenden werden nicht direkt verfolgt. Ich habe mich vor allem erstmal da umgeschaut, wo die Betroffenen selbst was dazu sagen, also die Verbände und Aktivist*innen aus den Reihen der Sexarbeitenden. Bin innerhalb des Kreisverbandes dafür hart angegangen worden. Jetzt will ich mal etwas tiefer schauen:

Also gut, es geht um Prostitution, also darum, dass Menschen sexuelle Dienstleistungen anbieten und sich also für Sex bezahlen lassen. Mensch spricht da gerne vom ältesten Gewerbe der Welt – was aus historischer Sicht wahrscheinlich so nicht haltbar sein kann – schließlich muss es schon die Idee des Gewerbes gegeben haben, die Idee von Bezahlung und deren Mittel, bevor Prostitution zum Gewerbe wurde – aber ich schweife ab. Sicherlich wird niemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass es Prostitution schon sehr lange gibt, und dass es sie immer auch gegen viele erschwerte Bedingungen gegeben hat. Das sollten wir im Hinterkopf behalten.

Wir sollten auch darüber nachdenken, dass Prostitution selbst und vor allem die, die dieses Gewerbe ausführen und ausgeführt haben, gesellschaftlich geächtet werden und wurden. Nicht umsonst ist die Silbenfolge „HuSo“ momentan eine beliebte Beleidigung. Bitte benutzt sie nicht! Das ist ein Problem, denn wir alle sind mit Vorurteilen aufgewachsen, haben Witze über „auf den Strich gehen“ und ähnliche Dinge gerissen. Jeder Mensch, der in die Diskussion einsteigt, hat diese Vorurteile im Hinterkopf und muss diese reflektieren, weil er sonst der Diskussion auch nicht gerecht werden kann.

Die erste Frage ist die nach einem politischen Ziel. Es ist ja nicht so, als ob es rund um die Prostitution keine Probleme gäbe. Bis heute gibt es da kriminelle Umtriebe, Menschen werden zur Prostitution gezwungen, Menschenhandel nimmt Würde und Freiheit. Das muss bekämpft werden. Jede sexuelle Dienstleistung, die nicht freiwillig erbracht wird, ist eine Vergewaltigung und muss als solche verfolgt werden. Da gibt es nicht den Hauch eines Zweifels. Und ich vermute, dass sich hier auch mehr oder weniger alle drauf einigen können.

Die Frage ist aber jetzt leider nicht nur, wie das erreicht werden kann, denn wenn das die Frage wäre, würde sicherlich deutlich entspannter diskutiert. Vor einigen Jahren wurde Sexarbeit auf rechtliche Füße gestellt, die den Sexarbeitenden ermöglichen sollten, Sexarbeit letztlich nicht viel anders zu betreiben, wie alle anderen ihre Berufe betreiben. Die Idee dahinter war, dass die Diskriminierung ausgeräumt werden sollte, dass Sexarbeitende die gleichen Rechte und auch Pflichten bekommen sollten, wie andere Gewerbetreibende und Arbeitende. Das ist an vielen Ecken noch nicht so gut gelungen, da sind wohl auch einige Gesetze unnötig bürokratisch und der Umgang mit den Sexarbeitenden ist da nicht der Beste. Aber von der Idee her, klang das eigentlich nicht falsch.

Auf dem Markt der Ideen kam nun das Nordische Modell hinzu. Die Idee ist, dass die Käufer*innen von sexuellen Dienstleistungen ganz prinzipiell kriminalisiert werden. Die Sexarbeitenden hingegen sollen nicht kriminalisiert werden. Es soll Aufklärungsarbeit geben, um Jugendlichen vor Augen zu führen, dass Sexkauf eine problematische Sache ist, und Aussteigern aus dem Gewerbe sollen Hilfen gewährt werden – das ist in etwa das schwedische Modell. In anderen Ländern gibt es auch Sexkaufverbote, da aber teilweise anders durchgeführt und deutlich sexarbeitendenfeindlicher.

Das politische Ziel ist hier offenbar, Prostitution in jeglicher Form abzuschaffen. Um das zu begründen, muss mensch aber eine Prämisse gedanklich haben, und da wird es dann schwierig. Die Prämisse ist, dass es keine freiwillige Sexarbeit gibt. Das wird von Befürworter*innen des Sexkaufverbotes dann auch vehement vorgebracht. Denn wenn diese Prämisse nicht stimmen würde, würde mensch ja anderen verbieten, was sie mit ihren Körpern machen und womit sie ihr Geld verdienen. Das ist mit einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft wohl kaum zu verbinden.

Aber kriminalisiert werden doch nur Freier? Ja, nee, das ist leider Quatsch, denn in dem Moment, in dem die dann noch stattfindende Sexarbeit ein rechtsfreier Raum würde – und das ist ja automatisch der Fall, wenn der eine Teil der Menschen, die da wie auch immer zusammenkommen, begeht ja eh eine Straftat. Und wenn Menschen eh eine Straftat in Kauf nehmen, dann ist der Schritt zur Gewalt gegen die Sexarbeitenden sehr viel kürzer und die Opfer dieser Gewalt müssen sich ja erst mal outen und welche Hilfe werden sie dann von der Polizei bekommen?

Zurück zu der Prämisse, dass Sexarbeit nie freiwillig ist. Das Netz ist voll von Menschen, die sich offiziell und ohne Scham als Sexarbeitende bezeichnen und sagen, dass eben das nun mal ihr Job ist, den sie vollständig freiwillig gewählt haben. Die Befürworter der Nordischen Lösung müssen jetzt also entweder schlicht ignorieren, dass es diese Stimmen gibt, oder sie entmündigen. Beides wird getan. „Prostitution ist immer Gewalt“ ist ein beliebtes Mantra. Argumentation, die auf Entmündigung von Betroffenen basiert, ist mir aber zu billig. Alle, die diesem Weg folgen, sollten noch mal an den Anfang zurück: Sexarbeitende werden seit schon immer in unserer Kultur verachtet und ausgeschlossen. Es ist doch bitte keine linke Position, diese Verachtung und Ausgrenzung weiterzubetreiben, oder?

Aber, so höre ich, die Sexarbeitenden machen es doch nur, weil sie von finanzieller Not dazu gezwungen werden! Jetzt könnte ich nach Gegenbeispielen suchen, Menschen, die das finanziell nicht nötig hätten und trotzdem anschaffen. Oder ich könnte einfach sagen: Ja, richtig, und ich arbeite auch hauptsächlich, weil mich finanzielle Not dazu zwingt. Und ich befürchte, dass ein wirklich großer Teil der Menschen aus dem gleichen Grund arbeitet. Und nein, das ist nichts anderes. Es gibt eine Menge Berufe, die ich nicht machen könnte, Schlachter, Soldat, Investmentbanker – könnte ich alles nicht. Vor den Arbeiten als Schlachter würde ich mich ekeln, bei den anderen würde meine persönliche Moral querschießen. Ich möchte keine ethisch nicht zu vertretende Arbeit machen. Und jeder Mensch hat andere Berufe, die ihm nicht passen, aus der einen oder anderen Motivation heraus. Und niemand hat das Recht, anderen zu vorzuschreiben, was für sie der Beruf ist, der nicht geht. Kurz, wenn Menschen den Beruf der Sexarbeitenden ergreifen, hat niemand das Recht, ihnen zu sagen, dass sie sicher einen anderen Beruf lieber machen würden. Was ist denn das für eine Anmaßung?

Wer nicht will, dass Menschen aus finanziellen Gründen Berufe ergreifen müssen, der soll dafür sorgen, dass es ein brauchbares BGE gibt. Stattdessen in ihre Berufswahl und ihre Sexualität einzugreifen ist hart übergriffig. Und mit Sicherheit weder eine feministische noch eine linke Haltung.

Und da müssen wir jetzt auch gar nicht weiter über Auswirkungen und Ergebnisse sprechen, über politische Ziele und Bekämpfung von Verbrechen. Jedes Sexkaufverbot ist erstmal ein so brutaler und übergriffiger Akt gegenüber den Sexarbeitenden, dass hier ganz klar deren Menschenrechte mit Füße getreten werden.

Aber damit das auch klar ist: Das Nordische Modell beendet nicht Sexarbeit, es treibt die Sexarbeit in die Illegalität, wirkt wie eine Prohibition, stärkt also die Mafias, stärkt die Menschenhändler, macht aber für Sexarbeitende die Arbeit und das Leben viel gefährlicher, wird auch dazu führen, dass Sexarbeitende von Polizei gegängelt werden – und liebe Feminist*innen, wen betrifft das wieder am meisten? Richtig, die Frauen, die WoC und die Sexarbeiter*innen, die trans sind – also die, die eh schon am stärksten diskriminiert werden.

Die Lösung liegt in einer anderen Richtung. Wir müssen einerseits die Sexarbeitenden empowern, ihnen zuhören, wie sie die Sexarbeit so geregelt haben wollen, dass Sexarbeit für die, die es machen wollen, sicherer und einfacher zu betreiben ist, und andererseits es dem organisierten Verbrechen so schwer wie möglich machen, Menschenhandel wirkungsvoll bekämpfen und auch hier die Opfer des Menschenhandels stärken und ihnen weitgehenden Opferschutz bieten. Dann können wir die Probleme, die es rund um den Bereich der Sexarbeit gibt, bekämpfen, und nicht Menschen, die diese Arbeit betreiben.

Das ist dann meiner Meinung nach eine linke Haltung zu dem Problemfeld. Eine, die nicht Mafia und Polizeigewalt bestärkt, sondern die, die seit schon immer diskriminiert werden.

Eine ehrliche Neujahrsansprache

Liebe Menschen da draußen,

wir als deutsche Politik sehen uns jetzt, am Anfang eines neuen Jahres, je nach Rechnung auch am Anfang eines neuen Jahrzehnts, großen Herausforderungen gegenüber.

Sehen wir mit offenen Augen ins Land hinaus, so fallen natürlich die katastrophal zu Grunde gesparten öffentlichen Systeme ins Auge, egal ob Bildung, Pflege oder Gesundheit, Deutschland zehrt von seiner Substanz, wir behandeln die Beschäftigten in diesen Systemen wie Dreck, wir kriechen seit Jahren in allen Bereichen am Rande eines Kollapses entlang.

Wir müssen eingestehen, dass wir gegenüber rechter Gewalt und rechtem Terrorismus wehrlos sind. Faschisten sind in Parlamenten, Nazis bringen Menschen um, und weder Polizei noch Verfassungsschutz sind willens und in der Lage, mit der Härte einer wehrhaften Demokratie gegen unser aller Feinde vorzugehen. Im Gegenteil, immer wieder finden sich in diesen Behörden rechte Sympathisanten, rechte Täter, Aktenschredderer und -schwärzer. Aufgeklärt wird in diesem Land nichts mehr und das dürfen wir uns als Politik nicht mehr gefallen lassen.

Die Zeiten, in denen Deutschland Vorreiter war, technologisches Spitzenland, sind lange vorbei. Die Digitalisierung ist verschlafen, Internet finden Sie in quasi jedem anderen Land in Europa besser als bei uns, Expertise in Sachen Solartechnik haben wir absichtlich zerstört, der Transrapid ist verrostet. Wir können noch nicht mal mehr einen Flughafen bauen.

Aber das größte Versagen, unser größtes Versagen als deutsche Politk ist die Frage des Klimas. Wir ignorieren die katastrophale Klimaerhitzung, anstatt Verantwortung zu übernehmen, erzählen wir Märchen von der Verantwortung des Einzelnen, statt anzupacken und etwas zu bewegen, verweisen wir auf Innovationen, die schon irgendwie kommen werden. Wir vertrauen halt lieber auf einen Gott oder eine unsichtbare Hand, statt selbst Dinge zu tun, die vielleicht auch mal unpopulär sind. Und dann machen wir einfach die Augen zu und hoffen, dass wir schon tot sind, bevor uns kommende Generationen zur Rechenschaft ziehen.

Wir wissen, was wir tun müssten. Klar, aber es passt uns halt nicht in den Kram und wir brauchen schließlich auch unsere Spenden.

Ja, wir müssten einen wirklich guten Nahverkehr aufbauen. Wir müssten Güter auf die Schiene zwingen, Bahnreisen so preiswert machen, dass Auto oder Flugzeug teurer wären. Wir müssten überhaupt mal anfangen, Flugverkehr ordentlich zu besteuern.

Wir müssten Nachhaltigkeit verordnen. Warum dürfen Dinge verkauft werden, die sich nicht zu mindestens achtzig Prozent recyclen lassen? Da gibt es doch gar keinen Grund für – außer der Bequemlichkeit.

Wir müssen in Sachen erneuerbare Energien ernst machen. Her mit Windkraftanlagen, mit Solarkraftwerken und -anlagen, und richtig an der Stelle investieren, wo das am Nötigsten ist, wir brauchen Energiespeicher.

Und wir müssen Ihnen da draußen die Wahrheit sagen: Wir müssen sehr viel tun, und das wird nicht immer schön und gut und bequem sein. Wir brauchen eine Kultur der Entschleunigung, wir brauchen einen system change. Der Kapitalismus in der reinen Form, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten eingerichtet haben, hat die Menschheit an den Rand ihrer Zerstörung gebracht. Lassen Sie uns zusammen in eine Zukunft mit mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität und aller Anstrengung für den Erhalt unserer lebensfreundlichen Umwelt gehen.

Wir müssen jetzt die Verantwortung annehmen, wir müssen endlich regieren, und Sie müssen uns da jeden Tag dran erinnern, sonst werden wir das nicht tun.

Nehmen wir 2020 als Herausforderung. Auf ein gutes neues Jahr!

Klimanotstand und was wirklich passieren muss

Vor ein paar Tagen war in Köln das große Feuerwerk „Kölner Lichter“ zu bewundern. Auf Twitter war mehrfach zu lesen, dass das ja wohl kaum damit zusammenpassen würde, dass die Stadt Köln Tage zuvor den Klimanotstand ausgerufen hat. An dieser Stelle können wir ein paar Irrtümer über die heutige politische Lage ausräumen.

Erstens: Die Ausrufung des Klimanotstandes bringt kurzfristig etwas. Nein, kurzfristig passiert hier gar nichts. Wir sind gefangen in einer extrem langsam arbeitenden Demokratie. Und je kommunaler es wird, desto langsamer wird es – oftmals auch einfach, weil hier gar nicht genug Manpower in den Behörden sitzt, um wirklich schnell irgendetwas zu ändern. Wer also glaubt, dass die Ausrufung des Klimanotstandes heißt, dass das Kölner Ordnungsamt sofort alle Genehmigungen von Großveranstaltungen der nächsten zwei Jahre auf Klimaschädlichkeit untersucht und gegebenenfalls die Genehmigungen einkassiert, der die das überschätzt erstens die politische Macht des Rates,der den Klimanotstand ausgerufen hat, und zweitens die Geschwindigkeit, in der eine Stadtverwaltung handeln kann oder auch nur will. Nicht vergessen, Politik muss immer gegen die Verwaltungen durchgesetzt werden, denn die ändern nichts, wenn sie es nicht müssen.

(Ich werde hier übrigens nicht diskutieren, ob die Veranstaltung ein Problem ist. Das ist nicht der Punkt.)

Zweitens: Die Ausrufung des Klimanotstandes ist wirklich als ein Notstand gedacht. Nein, das ist nicht der Fall. Klimanotstand klingt gut, und in den Augen der Klimaschützer, die dieses Mittel zuerst vorgeschlagen haben, ist das ganz sicher auch viel ernster gemeint gewesen, als von irgendeinem Rat, der den Notstand erklärt. Die politische Konsequenz ist nämlich nur, dass alle zukünftigen Entscheidungen auch unter Klimagesichtspunkten betrachtet und abgewägt werden sollen. Klingt jetzt nicht nach einem großen Wurf? Ja richtig, ist es auch nicht.

Und das liegt jetzt woran? Kölns Rat hat mit breiter Mehrheit zugestimmt, die wollen doch was bewegen, oder nicht? Ja und nein. Erstmal ist das Signal wichtig, so wird man sich gedacht haben, und ja, man möchte ja auch ganz prinzipiell etwas langsam aber sicher ändern. Aber mit einem echten Notstand hat es halt nichts zu tun.

So, jetzt lösen wir uns mal von Köln. Denn natürlich ist Köln nur ein Symptom. Es ist nicht mit einem Notstand zu machen. Es ist nicht mit ein oder zwei Entscheidungen zu machen. Es ist eine ganze politische Kultur, die sich ändern muss. Es ist letztlich ein System, das nicht so bleiben kann, wie es gerade in den letzten Jahrzehnten geworden ist.

Der Ist-Zustand ist doch folgender. Politik übernimmt seit Jahren keine Verantwortung mehr, der schlanke Staat ist in Mode gekommen, weil er der Wirtschaft nützt, und weil es keinen Feind mehr gab, der harte Anstrengungen vom Staat abgefordert hätte. Im Kalten Krieg unterhielt die BRD nicht nur eine für die damalige Zeit deutlich bessere Infrastruktur als heute, man gab auch große Teile des Bundeshaushaltes für die Bundeswehr aus. 1963 über fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und bis weit in die 80er Jahre waren es noch über drei Prozent. Zahlen, die wir uns heute zu Recht kaum noch vorstellen können. Zahlen, die mit dem heutigen Steueraufkommen auch nicht mehr machbar wären. Man hat das damals auf sich genommen, weil man sich existenziell bedroht fühlte. (Auch hier möchte ich nicht über Sinn und Zweck diskutieren, ich stelle nur fest, dass das damals als nötig begriffen wurde.)

Heute gibt es den Feind nicht mehr, und anstatt nach Ende des Kalten Krieges mit der gleichen Vehemenz den damals schon erkennbaren Klimawandel zu bekämpfen, ist voll auf die Wirtschaft gesetzt worden, die wurde auch losgelassen und anstatt den Menschen eine Friedensdividende zu gönnen, wie das durchaus diskutiert wurde, hat man das ganze Geld an einige wenige Menschen gegeben – Milliardäre haben sich die Friedensdividende in vollen Zügen einverleibt. Und weil die Lobbyisten das sinnvoll fanden, wurde auch noch jede Menge Infrastruktur privatisiert – was niemals hätte passieren dürfen, damit die Politik an der Stelle jederzeit eingreifen kann, wenn das wichtig wird. Deswegen haben wir heute auch in Deutschland an vielen Stellen die Infrastruktur, für die wir von vielen deutlich ärmeren Ländern nur bemitleidet werden können. Besonders radikal ist das im Verkehrsbereich zu sehen. Die Deutsche Bahn ist unglaublich rückschrittig, der Transrapid wurde nie gebaut, und nur die alten ICEs können noch hohe Geschwindigkeiten erreichen. Ein Trauerspiel. Ein typisches Beispiel dafür, dass schon Teilprivatisierung zu eine Verödung und zu einer Schwächung des Systems führt. ÖPNV ist zumindest im ländlichen Bereich mindestens genauso ein Trauerfall.

Diese verfallende Infrastruktur ist ein Symptom für eine politische Mentalität, die vor jedem Problem kapituliert. Politiker trauen sich heute nichts mehr. Das Vertagen und Verschieben ist heute ein wichtiger Politikinhalt, die Expertenkommission wird das schon machen. Denn haben die Experten – selten Expertinnen – vorentschieden, dann ist es für die Politik gleich viel einfacher, sich anzuschließen. Dass die Experten üblicherweise Lobbyisten sind, die für ihre Vorentscheidungen gut bezahlt werden – geschenkt. Aber das ist noch nicht mal das größte Problem. Das größte Problem ist die Zukunftslosigkeit der Politik. Alle denken nur bis zum Schluss der Legislatur. Alle schauen nur, was gerade populär ist, alle schauen auf Zustimmungsraten, an denen die eigenen Lebensplanungen hängen. Und keiner traut sich mehr, wirklich Schritte zu machen, die die Gesellschaft weiterbringen. Unter anderem, weil in diesem Land Visionen verteufelt werden, weil Stabilität ein Fetisch nicht nur der Konservativen, sondern auch sämtlicher anderen Parteien und der Medien ist.

Und da kommen wir jetzt endlich auf die Sache mit der Klimaerwärmung zurück. Hier fliegt uns gerade etwas um die Ohren. Beim nächsten Unwetter kann man das wörtlich nehmen. Oder schaut mal kurz in die Weltnachrichten und wie häufig da Meldungen kommen, die mit dem Klima zu tun haben. Zu leugnen war die menschengemachte Klimaerwärmung ja schon seit Jahrzehnten nur für sehr irrationale Menschen, die mit der Wissenschaft auf Kriegsfuß stehen, aber selbst die sollten langsam merken, dass sie warme, und je nach dem, wie nahe sie dem Meer wohnen, auch nasse Füße bekommen.

Da jetzt Millionen junger Menschen auf der ganzen Welt anfangen, sich gegen diesen Stillstand der Politik zu wehren, ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Aber es muss schnell gehen, und darauf ist unsere Politik gar nicht vorbereitet. Man sollte nicht meinen, dass unsere PolitikerInnen zu faul wären. Ist nicht mein Vorwurf. Gearbeitet wird da, keine Frage, aber halt nicht zielführend. Wir brauchen jetzt einen Politikwechsel, der weit über die Fragen von Parteien hinausgeht. Wie gesagt, die politische Kultur muss sich ändern – naja, und das Steueraufkommen auch. Der Staat braucht deutlich mehr Geld, wenn er handlungsfähig gegen die Klimaerwärmung sein will.

Wir brauchen PolitikerInnen mit Visionen. Entscheidungsstark und mit dem Willen, vielen Menschen auch mal ernsthaft auf die Füße zu treten. Denn je mehr Einschränkungen es heute gibt, desto kleiner werden die Einschränkungen insgesamt. Wäre ja eigentlich logisch, oder? Hätte man vor dreißig Jahren angefangen, mit dem Kampf gegen die Klimaerwärmung ernst zu machen, hätte es damals kleine Einschränkungen gegeben, die deutlich weniger spürbar gewesen wären, als das, was jetzt kommen muss.

Und das ist auch eine wichtige Erkenntnis: Wir müssen uns als Gesellschaft einschränken. Weniger mobil sein. Weniger Ressourcen verschwenden. Weniger Lebensmittel wegwerfen. Weniger arbeiten. Entschleunigen. Alles das, was wir schon vor Jahrzehnten hätten tun sollen. Und wer nicht bekennt, dass das nötig ist, der ist unwählbar.

Und diese Erkenntnis widerspricht vielem, was wir in unserem Leben von allen Seiten gesagt bekommen haben. Denn Konsum ist gut, Kapitalismus ist gut. Die Märkte regeln alles. Das ist nicht nur neoliberale Propaganda, sondern auch ganz tief in uns geprägte Gesellschaftsmeinung. Mehr ist besser, oder nicht? Wir müssen mehr tun, wenn wir Probleme beseitigen wollen, oder? Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen. BGE wäre eine Belohnung für Faule. Das hört man doch so von der SPD, das steckt auch einem Teil der Linken in der gewerkschaftlichen DNA, und die Grünen glauben doch auch an E-Autos und gute Geldanlagen.

Kapitalismus regiert. Die soziale Marktwirtschaft wurde von SPD und Grünen mit der Agenda 2010 in Rente geschickt, und Klimaziele, wer hat denn an Klimaziele gedacht, als die Grünen an der Macht waren? Immerhin gab es einen Dosenpfand. Gut für Flaschensammler.

Und mit diesem Kapitalismus können wir kein einziges Klimaziel erreichen. Wir müssen viel grundlegendere Dinge ändern, als das, was mit einer CO2-Steuer oder einem Energieablasshandel lösbar ist. Das Klima ist mit Kapitalismus nicht zu retten. Das Klima ist ohne eine neue politische Kultur der Entscheidungsstärke und einer gewissen Kompromisslosigkeit nicht zu retten. Wir müssen um das Überleben der Menschheit kämpfen. Dazu braucht es schnelle teilweise harsche Änderungen und Entscheidungen. Dazu müssen sich Mentalitäten ändern. Dazu muss sich unsere Gesellschaft ändern. Die gute Nachricht ist: Das ist machbar. Die schlechte Nachricht ist: Wir müssen alle daran arbeiten.

Und die letzte Bemerkung heißt nicht: Wir müssen uns heute alle selbst so weit wie möglich einschränken. Das sollten wir zwar durchaus jeder für sich versuchen, aber ich glaube schon lange nicht mehr an eine echte Graswurzelbewegung, die peu a peu etwas von unten her ändert. Wir brauchen Politik, die Verantwortung übernimmt. Und Medien und Gesellschaft, die positiv und konstruktiv daran arbeiten, Mentalitäten zu ändern. Wir müssen alle daran arbeiten. Damit es einfach wird, sich selbst zu ändern. Damit der Druck entsteht, nicht mehr zu fliegen, weniger oder kein Fleisch mehr zu essen, weniger Ressourcen zu verbrauchen. Gemeinsam kann man so viel ändern. Aber Lächeln und Winken ist nicht mehr.

Fantasy und das Dritte Reich

Es passiert immer mal wieder, dass die Urban Fantasy, die in der heutigen Zeit spielt und dementsprechend auch unsere Geschichte in ihre Universen integrieren muss, auch das Dritte Reich samt Hitler und Shoah und dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. In der bekanntesten Fantasyreihe aller Zeiten ist es Grindelwald, der von Albus Dumbledore ausgerechnet 1945 besiegt wurde – womit mehr oder weniger klar eine Verbindung eines Schwarzmagiers zu den Nazis geschaffen wird.

Noch deutlicher macht es die Fernsehserie Grimm, die ich momentan so ein bisschen binge. (ja, ich weiß, eher guilty pleasure als wirklich gut). Hier gibt es in der ersten Staffel eine Folge, in denen es um drei magische Münzen geht, die auch noch ein Hakenkreuz auf einer Seite zeigen. In den letzten Bildern der Folge sieht Grimm Hitler mit genau diesen bösen Münzen, die offenbar aus Menschen, oder noch genauer, aus Wesen, machtgierige Wahnsinnige machen. Und ganz kurz sieht man auch, dass Hitler selbst ein Blutbader war – eine Art Werwolf.

Mich fragt ja keiner, aber wenn ich Redakteur dieser Folge gewesen wäre, hätte ich dringend abgeraten. Mit Geschichte in solcher Art überhaupt herumzuspielen ist nicht ungefährlich, aber gerade bei Hitler finde ich es sehr problematisch. Hier steckt die Idee hinter, dass Nazis eine besonders fiese Art von Menschen ist, die in ihrer Zeit quasi gewaltsam die Macht an sich brachten und die Menschen zu den Verbrechen verführten, die einzigartig in der Geschichte stehen.

Und genau das ist halt wirklich Unsinn. Hitler war kein übernatürliches Monster, er war ein Mensch mit monströsen Ansichten und Ideen, und diese wurden von Millionen geteilt und ausgeführt. Alles keine übersinnlichen Monster, sondern unsere Vorfahren, die willentlich aus den gleichen Ideen heraus, aus denen gestern in Neuseeland ein Nazimörder 49 Menschen in Christchurch erschoss, Millionen Menschen erschossen und vergast haben. Nein, das waren keine Blutbader – auch wenn sich solche Wesen, wenn es sie gäbe, in Nazideutschland sicher sauwohl gefühlt hätten.

Es ist, wie es so oft mit dem Dritten Reich ist, man kann dieses Thema nicht einfach mal so bewegen, nicht einfach so zu Unterhaltung machen – es ist viel zu einfach Nazis zu verharmlosen, und wenn es auf dieser Welt eine Ideenwelt gibt, die wir nie verharmlosen sollten, dann die der Nazis.

Von Courage … und vom Wrestling …

Lassen Sie uns kurz über Courage reden, Mut,oder wie immer man das auch sagen will, dass man irgendwie so durchs Leben geht, dass man sich nicht duckt, wenn es wichtig ist, sondern den Kopf irgendwie oben hält.

Mein Schreibanlass ist ein seltsamer, nächste Woche ist Wrestlemania, das ist der größte Event im Plan einer Showkampf-Organisation namens WWE. Und da ich von dem Quatsch nicht loskomme, werde ich am nächsten Wochenende wieder mal unzurechnungsfähig sein – wie, nur am nächsten Wochenende? Schnauze!.

Vor Wrestlemania werden wieder Menschen in die Hall of Fame eingeführt und bei dieser Zeremonie, die hauptsächlich von alternden Sportentertainern bevölkert ist, die erzählen, wie sie sich auf die Omme gehauen haben, und wie sie gefeiert und gesoffen haben und das sie früher einfach eine geile Zeit hatten, wird auch der Warrior-Award an ein Kind übergeben, dass sich gegen Krebs oder eine andere furchtbare Krankheit wehrt, gewehrt hat, und manchmal auch an Kinder, die es nicht geschafft haben.

Und da haben wir den ersten Schreibanlass. Courage im Angesicht einer Krankheit, nicht aufgeben, alles tun, was möglich ist. Ich denke, Courage ist hier eine Frage einer Entscheidung. Der Entscheidung, ob man leben will, oder ob man aufgibt. Kinder, die eine solche Krankheit haben, wachsen, so schrecklich das ist, mit dieser Krankheit auf, für sie ist die Krankheit Alltag. Ob Courage das richtige Wort dafür ist, sich ans Leben zu klammern? Aber es wirkt oft wie Courage, wenn man einfach nur nicht sterben will, also ist ein Award an solche Kinder auf jeden Fall eine schöne Geste. Und von einer Firma, die ihre Shows zu einem guten Teil ja für Kinder und Jugendliche macht, könnten schlechtere Gesten kommen.

Das Problem mit diesem Award ist der Namensgeber. Man hängt sich damit nämlich an den recht früh verstorbenen Ultimate Warrior. Einen populären Steroid-Bomber, der in den 80er und 90er Jahren aktiv, und nicht unumstritten war. Von seinem offenbaren Dopingdrogenproblem abgesehen, und davon, dass er seinen Nachnamen in Warrior änderte – wtf? -, es gibt von ihm auch einige wirklich widerliche homophobe Äußerungen.

Und jetzt ist das diese Frage, wie das mit Courage und dem Hass ist? Und natürlich mit der Meinungsfreiheit, denn es kommen natürlich immer wieder Leute an, die meinen, es sei ja nicht schlimm, wenn der Typ halt seine Meinung gesagt hat, Meinungsfreiheit ftw und tut ja keinem weh und so. Das stimmt nicht. Rassistisches und homophobes und sonstwie faschistoides Gehetz schadet ganz aktiv Menschen. Nämlich denen, die davon betroffen sind. Wie geht es denn einem jungen Wrestlingfan, der nun mal zufällig schwul ist, und der dann von seinem Idol, dem Ultimate Warrior, so eine Scheiße hört? Hetze ist verbale Gewalt.

Und kann man couragiert sein und gegen Schwule? Nein, kann man nicht. Wer gegen Minderheiten hetzt, hat keine Courage, sondern ist ein feiger Gesell, der schwächere herumschubst. Da auch alle Ausprägungen der Supremacy wie Homophobie, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus usw. auf einem Weltbild beruhen, dass völlig angstbasiert ist („die nehmen uns die Arbeit und die Frauen weg, und die verschwulen die Gesellschaft“ und so weiter und so weiter, halt die ganze typische AfD-Winselei). Couragiert ist das Gegenteil von homophob, wer Courage hat, hätte niemals Angst davor, dass andere einander auf ihre Art lieben.

Es gibt keine mutigen Nazis, es gibt keine mutigen Faschisten, mutige Menschen hassen nicht.