Archiv der Kategorie: Horror

Reading King – Der Nebel / The Mist

Ich wollte meine kleine King-Serie mal fortsetzen und vermutlich kommen jetzt einige Blogposts flott hintereinander weg, denn es ist Zeit für eine Kurzgeschichtensammlung. Ich lese „Skeleton Crew“, die Sammlung, die ursprünglich in drei Büchern in Deutschland veröffentlicht wurde. Heute bekommt man sie unter dem selten dämlichen Namen „Blut“ als Gesamtausgabe.

Der Nebel ist die längste Geschichte, kommt von der Länge her annähernd an die Novellen der Jahreszeitensammlung heran, wurde von Frank Darabont genial verfilmt und ich weiß, dass ich beim erstens Lesen, das allerdings auch mehr als 25 Jahre zurückliegt, völlig gefesselt und gepackt war.

Die Geschichte ist eigentlich nicht sehr schwer zu erzählen. Nach einem heftigen Sturm ist der Strom ausgefallen und jede Menge Bäume umgestürzt. David, der mit Frau und Sohn am Ufer eines Sees wohnt, beseitigt erst einiges an Holz, das unter anderem sein Bootshaus völlig zerstört hat, dann fährt er mit dem fünfjährigen Billy einkaufen, nimmt auch noch den nervigen Nachbarn Brenton mit. Bevor sie fahren, sehen sie über dem See einen ungewöhnlich dichten Nebel, der irgendwie unnatürlich aussieht.

Im Supermarkt holt der Nebel sie dann ein. Es wird dunkel und jemand stürzt blutend in den Laden und ist voller Entsetzen. Nun will niemand mehr hinaus und es kommt auch niemand mehr herein. Bald wird deutlich, dass es im Nebel sehr unheimliche und immer tödliche Kreaturen gibt. Kreaturen, die teilweise wirken, als wären sie aus prähistorischer Zeit übrig geblieben, oft aber auch Wesen, die es nie auf der Erde gegeben haben kann. Ein Teenager,d er versucht, das Abgasrohr des Notstromaggregats wieder frei zu bekommen, wird von einem unheimlichen Tentakel geschnappt und sehr wirkungsvoll umgebracht. Als Nachbar Brenton mit vier Mitstreitern versucht, aus dem Supermarkt zu entkommen, kommt er keine hundert Meter weit. Die Wäscheleine, mit der David einen der Mitstreiter ausgerüstet hat, ist am Ende ausgerissen und blutverschmiert, als er sie wieder einzieht.

Allerdings ist es im Supermarkt auch bald nicht mehr sicher, denn eine fanatische Ladenbesitzerin aus der Nachbarschaft sammelt eine religiöse Gefolgschaft, die ausgerechnet Billy als Blutopfer ihrem Gott darbringen wollen. Also fliehen ein paar halbwegs geistig gesunde rund um David aus dem Supermarkt. Aber ein hoffnungsfrohes Ende gibt es nicht. Fünf Menschen sind in einem Allradler unterwegs, von den Bestien meistens unbelästigt, aber der Nebel ist überall.

King sagt immer wieder, dass seine Hauptmethode beim Schreiben das „was wäre wenn?“ ist. Der Nebel ist eine Geschichte, die das par excellence durchexerziert. Was wäre wenn die Forschungen der  Army zu einem Loch im Gefüge der Dimensionen führen und eine andere Dimension wie ein Nebel in unsere Welt vordringt? Die Eingeschlossenheit und die völlig die geistige Gesundheit zerstörende Bedrohungslage im Supermarkt ist eine der extremsten Lagen, in die King seine Protagonisten jemals schickt. Diese kleine Geschichte ist in dieser Hinsicht eine seiner radikalsten.

Seine große Skepsis gegenüber diversen staatlichen Einrichtungen, die King in vielen Romanen und Geschichten auch gerne mal feiert, wird hier einerseits fast en passant bedient, andererseits sind die Folgen so gravierend, wie sonst nur in The Stand. Hier gibt es keine öffentliche Hand, die noch irgendwas regeln kann, die einzigen zwei Soldaten, die zufällig mit im Supermarkt gefangen sind, begehen schnell Selbstmord – und selten war Suizid so sehr Ausdruck von Schuldeingeständnis. Die Menschen im Supermarkt sind auf sich selbst angewiesen, und nein, es gibt keine große amerikanische Gemeinschaftsanstrengung, die man vielleicht erwarten würde, vielmehr eskaliert hier die menschliche Natur, und die Tünche der Zivilisation bröckelt im Angesicht von tödlichen Monstern erschreckend schnell ab.

Der Nebel wirkt ein wenig wie eine Fingerübung für einen noch recht jungen Stephen King, der eine kleine radikale Geschichte erzählt. Er opfert verschwenderisch Figuren der Geschichte, er spielt zu einem dreckigen kleinen Apokalypso auf. Hier und da wirkt er ein wenig ungeschliffen und dramaturgisch gibt das alles eher wenig her. Aber dieser Nebel ist kraftvoll und zieht immer noch in seinen Bann. Die nächste Nebelschwade wird mir wahrscheinlich ein flaues Gefühl im Magen bescheren.

They call it „Wahn“ – Über Stephen King und sein neues Buch

Ich steh auf Stephen King, ich lese ihn seit ich zwölf war und habe fast alles gelesen, was er je geschrieben hat. Dann ist es natürlich immer eine Freude, wenn es einen neuen King gibt – und den neuesten, der den seltsamen und sinnlosen Namen „Wahn“ trägt, habe ich inzwischen gelesen, und ganz nebenbei auch rezensiert: http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8486. Von hier ab werde ich das Buch „Duma Key“ nennen, also den Originaltitel verwenden. Allerdings werde ich weniger zum Buch selbst sagen, denn dafür kann man problemlos die Rezension lesen, als eine dieser kleinen schönen Entdeckungen erzählen, die man in diesem Buch machen kann.

Wie das durchaus nicht selten zu lesen ist, gibt es auch bei diesem Roman ein vorangestelltes Zitat. In diesem Fall von einer Band namens Shark Puppy, die im Jahre 1986 ein Lied veröffentlichten, ein Lied mit dem Titel „Dig“, geschrieben von W. Denbrough und R. Tozier. Shark Puppy gibt es allerdings nicht, und hat es auch nie gegeben. Die Herren Denbrough und Tozier sind Figuren aus dem King-Klassiker „Es“, und da William „Stotter-Bill“ Denbrough Schriftsteller ist, und  Richie „Vierauge“ Tozier DJ passt das sogar irgendwie. Der schöne Gag für den erfahrenen King-Leser ist allerdings nicht nur die höchst offiziell aussehende Urheberrechtsvermerk, es gibt noch eine kleine weitere Verbidung, allerdings zu einem anderen Roman. Im anderen ganz großen Werk von King, nämlich „The Stand“, hat Larry Underwood einen kleinen Hit bevor Captain Trips alle Hitparaden beendet, und dieses Lied heißt „Baby can you dig your man?“ – man kann da von Zufall reden, ich mach das mal nicht.

King ist bekannt für seine Querverbindungen, die oft gar nicht so sehr motiviert scheinen, aber einfach für viele King-Leser auch das Salz in der Suppe. Ein paar Beispiele gefällig?

Dick Hallorann, der Koch aus „The Shining“, kommt auch in einer Nebenepisode aus „Es“ vor. Ds Städtchen Castle Rock, nicht weit von Derry („Es“/“Schlaflos“/“Dreamcatcher“) gelegen, ist Ort von etwa zehn weiteren Romanen und Geschichten, unter anderem vom wunderbar bösen „Needful Things“ und „The Body“, dessen meisterhafte Verfilmung von Rob Reiner unter dem Titel „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“ bekannt wurde. Natürlich kommt auch der ewige Feind Randall Flagg in mehreren Romanen vor, alles nette Beispiele.

Und in „Duma Key“? – Na ja, die üblichen wiederkehrenden Charaktere und Orte sind erst mal weit weg, denn Duma Key ist eine Insel vor Florida, und der Großteil von Kings Geschichten spielt sonst in Maine, was leicht nördlich liegt. Aber schau an, der Hauptcharakter heißt Freemantle, genau wie Mutter Abagail aus „The Stand“. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, wenn er sich einen „Revolvermann der Kunst“ nennt – das deutet ja fast gar nicht auf den „Dark Tower“-Zyklus hin.

Stephen King sorgt mal mehr und mal weniger dafür, dass seine Romane miteinander verbunden sind. Und für den langjährigen Leser sind diese Verbindungen oft nichts anderes als zufällige – na ja, so zufällig ja jetzt eigentlich nicht – Begegnungen mit guten alten Freunden. Natürlich sucht man auch danach, freut sich über jeden Fund. Auf der anderen Seite ist das natürlich ein Nebenschauplatz, die Geschichte ist wichtig, und man kann sagen was man will, King gehört zu den Autoren, die meisterhaft ihren Geschichten dienen. Die Querverbindungen dienen den Geschichten nicht, sondern den Lesern – ist ja auch nicht das Schlechteste.

Zu Stephen King ist noch lange nicht alles geschrieben, ein weiteres Häppchen bald hier.