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Warum ist der Film „Ronja Räubertochter“ so gut und warum wäre er heute nicht mehr möglich?

Ich stolperte heute Morgen über diesen YT-Clip und verdrückte ein Tränchen, weil es so schön ist, weil dieser Chor so großartig ist, weil die Dirigentin so eine Power hat und vor allem natürlich, weil da einer meiner Lieblingsfilme abgefeiert wird. Ja, Lieblingsfilm, seltsam, nicht? Ich werde in wenigen Tagen vierzig und gebe einen Kinderfilm als einen meiner Lieblingsfilme an. Vermutlich ist das sogar verdächtig.

Als ich dem lieben @ThoroughT per Chat den Link schickte, kamen wir ins Gespräch und ich meinte: „ich könnte dir viel erzählen, warum gerade der so gut ist, und warum man heute diesen Film nicht mehr so drehen würde^^“ Dann dachte ich mir, och, das kannste doch auch gleich bloggen. Mach ich doch mal. (Nebenbei, über das Buch habe ich schon mal kurz gebloggt, ist ein paar Jahre her, war auch eher oberflächlich – ich wollte es nur gesagt haben, falls jemand denkt, hey, da war doch was, das hat er doch schon mal geschrieben. Wird er langsam senil? – Ja!)

Nicht vergessen – Spoilerwarnung – aber wieso eigentlich, hat irgendwer diesen Film nicht gesehen? Und wenn dem so ist, WARUM?

Warum ist Ronja Räubertochter so gut? Na, erstmal ist die Grundlage großartig. Das alte Märchenmotiv der Räuberbande in den Wäldern hat Astrid Lindgren schlicht ernstgenommen und es mitsamt der Mattisburg als Sujet für ihre Geschichte genutzt. Hier geht es auch nicht um Robin Hood, Mattis und auch sein Erzfeind Borka sind zwar kindgerecht wenig brutal, aber dennoch echte Räuber, die von ihren Überfällen leben. Dazu kommen ein paar Fabelwesen, der Mattiswald ist nicht immer ungefährlich und ein bisschen verwunschen ist er auch.

Dann steckt da dramaturgisch ja das klassische Romeo-und-Julia-Motiv hinter. Ronja und Birk kommen quasi aus verfeindeten Familien, und auch wenn sie sich nur als Geschwister sehen, steckt in ihrer Beziehung natürlich der Keim einer auch späteren Zweisamkeit. Hier ist ein sehr starkes Geschichtenmotiv, dass aber auch ganz neu gedacht wird, denn hier ist es nicht der Kern für echte Tragödie, sondern eher ein zusätzlicher Grund, warum sich die Geschichte entwickeln kann. Käme Birk aus befreundetem Haus, wäre die ganze Nummer einfach nicht dramatisch genug.

Kurz zur Umsetzung: Die Tricks sind der damaligen Zeit angemessen, die Rumpelwichte niedlich, die Grausedruden grausig, die Musik toll und schauspielerisch ist da keine Niete bei. Schwedische Landschaften gehen ja irgendwie auch immer und fotografiert ist der gesamt Film auch gut.

Die Themen des Films sind der nächste Punkt. Es gibt gleich mehrere Themen, und sie haben alle genug Platz in diesem Film. Freundschaft ist das eine. Birk und Ronja sind nicht sofort wie Bruder und Schwester, sie müssen sich erst gegenseitig das Leben retten, um zu merken, dass der jeweils andere doch kein Hosenschisser ist, und dass man sich mag. Und auch wenn das klar ist, dann wird ihre Freundschaft mehrfach auf die Probe gestellt, denn Freundschaft klappt halt auch nicht immer unbelastet.

Ein weiteres Thema sind die Bindungen zu Vater und Mutter. Dieses Problem bezieht sich fast vollständig auf die Titelheldin, Birks Beziehung zu seinen Eltern wird nur nebenbei beleuchtet und ist nicht so gut, wie das von Ronja zu Mattis und Lovis – kommt nur nebenbei vor, wird aber auch nicht ausgeklammert. Ronja hat mit Lovis eine resolute Mutter, wie man sie nur erträumen kann. Sie lässt Ronja nämlich viel Platz und unterstützt ihren Freiheitsdrang. Mattis ist eher besorgt um Ronja und einmal rettet er sie auch, ist der wunderbare Heldenvater, der die Graugnome verscheucht, die Ronja umzingelt haben. Aber er kann natürlich nicht akzeptieren, dass sie mit Birk, dem Sohn seines Erzfeindes befreundet ist. Und als er sie daraufhin verstößt, leiden Vater wie Tochter sehr daran. Mattis ist ein Vulkan, ein Emotionsbündel, aus dem alles sofort rausfließt, der seinen Kummer irgendwann eben auch nicht mehr aushält, und letztlich – wie wunderbar – seine Tochter um Verzeihung bittet.

Und der Tod, dieses gemeine Arschloch, kommt auch im Film vor. Denn Glatzen-Peer, der alte Räuber, den man unbedingt lieben muss, überlebt den Film nicht. Und seltener Segen für Räuber, er stirbt im Bett. Die Trauer, die Mattis natürlich herausschreit, kommt garantiert auch bei den Zuschauern an, auch bei den kleinen, und warum sollten die eben nicht auch mit diesem Thema konfrontiert werden?

„Ronja Räubertochter“ nimmt seine Zuschauer ernst, egal wie alt sie sind. Das ist der eigentliche Kern, warum dieser Film so gut ist. Bei allen niedlichen Rumpelwichten, bei allen Graugnomen und Grausedruden, dieses Märchen ist auch eine so positive Utopie. Aber niemals lügt der Film da, wo es wichtig ist. Ja, er klammert Gewalt größtenteils aus. Als Mattis und Borka sich darum prügeln, wer von beiden der Hauptmann einer gemeinsamen Räuberbande wird, dann ist das ein eher lustiger Showkampf – der manchmal recht kindlich wirkt -, der für blaue Augen sorgt und für Kreuzschmerzen, aber es fließt kein Blut. (Gilt nicht für den ganzen Film. Es fließt das Blut eines Wildpferdchens, das von einem Bären verwundet wurde.) Aber dieses Umgehen mit Gewalt ist die einzige „Lüge“, die dieser Film erzählt. Der Film lässt Angst und Schmerz zu, Trauer und natürlich eine Menge Gelächter.

Ganz nebenbei, Astrid Lindgren hat da rollentechnisch etwas gebaut, was schlicht klasse ist. Ohne Frage sind die beiden Elternfamilien eher traditionell in ihren Rollen. Mattis und Borka sind die Räuberhauptmänner, ihre Frauen machen den Haushalt. Beide Frauen, Lovis und Undis, sind allerdings alles andere als brave Hausweibchen, beide haben nicht unbeträchtliche Macht über und durch ihre Männer. Aber trotz diesem traditionellen Familienbild wird Ronja im gesamten Film nicht anders behandelt, weil sie ein Mädchen ist. Sie läuft frei durch den Wald, unbeschützt und selbstbewusst. Und natürlich ist der Plan, dass sie einmal Räuberhauptmann wird – was sie aber nicht will, weil die Leute wütend werden oder weinen, wenn man ihnen Sachen wegnimmt, und das ist jetzt auch keine Haltung weiblicher Schwäche, Birk sieht das genauso. Vielleicht ist die Art, in der Ronja aufwächst, ohne hübsch sein zu müssen, ohne schwach oder nett sein zu müssen, der märchenhafteste Zug des Films. Hier werden Kinder einfach als Kinder begriffen, nicht als Mädchen oder Jungs. Es wird über Erbschaft und Nachfolge gesprochen, ohne das unsägliche Stammhalter-Motiv auszupacken.

Und noch was. Es gibt keinen Erwachsenen in diesem Film – doch, Birks unsympathische Mutter Undis hier und da -, der die Kinder nicht als quasi gleichberechtigt behandelt. Wenn die miteinander sprechen, reden die einfach wie Menschen. Keine erwachsene Überheblichkeit, keine Überbesorgtheit, kein Herabsetzen, weil Kinder ja Kinder sind und man sie nicht ernst nehmen muss. Und so, wie die Erwachsenen hier mit den Kindern umgehen, so geht der Film mit seinem kindlichen Publikum um, und das ist groß.

Und warum ist der Film heute so nicht mehr möglich? Vielleicht ist es ja nur eine Spekulation von mir, aber ich sehe die heutige Art, wie man mit Kinderkultur umgeht, als recht problematisch. Ich glaube nicht, dass man heute mit einer Geschichte, in der es unter anderem um den Tod geht, freundliche Produzenten fände. Ich glaube, dass ein so emanzipatorischer Ansatz heute nicht gewünscht ist, in einer Zeit, in der in jedem siebten Mädchen-Überraschungs-Ei eine Fee sitzt. Aber vor allem sehe ich nicht, dass es heute modern ist, Kinder und Jugendliche überhaupt ernst zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film, in dem eine Zehnjährige allein durch den Wald läuft, mit ihrem gleichaltrigen Freund den kurzen Schwedensommer lang ohne Erwachsene in einer Bärenhöhle wohnt und auch noch mit ihm nackig baden geht, heute gedreht werden könnte. Vor dreißig Jahren ging das.

Ich glaube, dass Astrid Lindgren eine der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts war und für immer unter den Großen der Kinderliteratur bleiben wird. Dass wieder Bücher und Filme gemacht werden, die Kinder auf diese Art ernst nahmen, wie Lindgren es getan hat, ist mein Wunsch.

Eisblumen – Vom Widerstand in kalter Zeit

Nach langer Zeit habe ich wieder mal ein altes Theaterstück von mir auf archive.org hochgeladen. ich hatte das ja mal mit allen Stücken vor, bin aber in dieser Hinsicht stark gehemmt, da ich grundsätzlich recht depressiv werden, wenn ich im Moment über das Thema Theater nachdenke.

Eisblumen, das man jetzt als pdf runterladen kann, ist nun schon bald acht Jahre alt und wurde einmal stark überarbeitet, weil ich es vor zwei Jahren noch mal neu inszeniert habe. Trotzdem ist es immer noch eine eher kurze Theatercollage, deren Formatierung grausig ist und das an vielen Ecken merken lässt, dass ich damals eine sehr knappe und fragmentarische Arbeitsweise hatte. Ich habe mich seitdem einige Mal verändert, würde heute sicher einiges anders machen, aber trotzdem halte ich es nicht für Unfug, die Collage öffentlich zu machen.

Es stecken einige spannende kleine Szenen drin, es gibt ein bisschen was unterhaltendes, bevor ich gegen Ende den Vorschlaghammer nehme und auf jede Tränendrüse einschlage, die ich finden kann. Der damalige Hauptdarsteller, mit dem ich heute zusammen podcaste, sagt da immer, dass ich ja ein alter Schaubudenbesitzer bin, der da gerne mal mit der Keule kommt.

Eisblumen ist übrigens kein Geschichtsstück, dass die Betroffenheitsnummer durchziehen will, mich interessierten die Geschichten derjenigen, die damals gegen den Faschismus gekämpft haben, und ich erzähle Geschichte gerne mit Geschichten. Also gute Unterhaltung beim Lesen … und vielleicht mag es ja auch noch mal jemand aufführen. Dann bitte bescheid sagen, die Aufführungsrechte sind in der CC-Lizenz nicht drin .

Steinbruch – Ich mache mich wieder ins Theater auf

In gewisser Weise geht es mir im Moment besser als seit anderthalb Jahren. Ich arbeite wieder daran, Theater zu machen.  Zur Erinnerung. Ich habe das sehr lange schon gemacht, vor etwa zehn Jahren habe ich damit angefangen, habe mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Theater gemacht, und so, dass Leute, die mal bei mir angefangen haben, Wege und Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben, auch weiter zu machen, wenn sie nicht mehr im beschaulichen Oberbergischen wohnten. So, dass ich in zehn Jahren aus zwei regelmäßigen Teilnehmern etwa dreißig gemacht habe, so, dass ich mit vielen Darstellern auch gut befreundet war.

Das alles endete als ich von den Eltern einer Schülerin angezeigt wurde. Die Vorwürfe, die mir nachgesagt wurden, gingen bis Kindesmissbrauch – auch wenn dieser Straftatbestand juristisch gar nicht zutreffen konnte – und letztlich, nach vielen bürokratischen Verzögerungen stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, Freispruch, es gab keinen Missbrauch.

Das bedeutete auf der einen Seite, dass ich wieder als Nachhilfelehrer arbeitete, sogar schon, bevor die Staatsanwaltschaft endlich die ersehnte Nachricht schickte, aber für das Haus, in dem ich vorher Theater gemacht habe, war dieser Freispruch offenbar uninteressant. Mir wurde in einem persönlichen Gespräch eine Menge vorgeworfen, es ging so weit, dass angedeutet wurde, was ich alles mit der Schülerin wohl getan hätte. Da wurde absichtlich ein Tischtuch durchgeschnitten, es war einfach nicht mehr opportun, jemanden arbeiten zu lassen, der in zehn Jahren eine kleine lokale Schauspielschule allein aufgebaut hatte. Nein, genauer, es war einfach nicht opportun, jemanden arbeiten zu lassen, dem einmal solche Vorwürfe gemacht worden waren – egal, was die Staatsanwaltschaft davon hielt – und nebenbei war es ja auch ganz praktisch, einem aktiven und manchmal auch lautstarken Piraten die Existenz zu verhageln.

Unter anderem wurden mir abstruse Dinge vorgeworfen. Zum Beispiel die Tatsache, dass ehemalige Schüler mich unbedingt zurück haben wollten. Ich hätte Schüler auf mich geprägt, statt aufs Theater. Ich hätte lachen sollen, aber es war mir gerade nicht nach Lachen zu Mute. Ich hatte sie auf gutes Theater geprägt, und nicht auf den Laienspielkram, den meine Nachfolgerin mit ihnen unternahm. Das war alles. Ich sagte damals, dass, wenn Schüler auf mich zu kämen, ich wieder eine Gruppe aufmachen würde, dass ich niemandem versprechen würde, keine Konkurrenzveranstaltung zu dem anzugehen, was ja eh mein Werk gewesen war.

Jetzt kamen in den letzten Wochen mehrere ehemalige Schülerinnen auf mich zu – wohlgemerkt: Schülerinnen -, und fragten mich, ob ich nicht wieder mit ihnen arbeiten möchte. Sie haben alle aufgehört, von den dreißig jungen Darstellern, die vor anderthalb Jahren noch da waren, sind heute gerade mal eine Hand voll noch aktiv. Die Arbeit von zehn Jahren …  Aber sie haben ja nicht aufgehört, weil sie plötzlich keinen Bock mehr auf Theater hatten. Die Anfragen kamen quasi zeitgleich aus mehreren Richtungen, eine Schülerin hat an ihrer Schule nach einem Raum gefragt, und jetzt bin ich fast wieder im Einsatz. Der erste Termin steht schon fest. Ich mache mir schon Notizen für das erste neue Stück. Und ich bin ja Pirat, einen Blog dafür habe ich auch schon aufgesetzt.

Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt ganz und gar zuversichtlich bin. Gerade, dass ich hierüber blogge, die ganze Sache öffentlich mache, bedeutet ja auch, dass ich mich wieder angreifbar mache. Wer weiß, wer versucht, irgendwo Druck auszuüben, damit ich keinesfalls wieder arbeiten darf. Ich muss auch zugeben, ich habe Respekt vor einer Aufgabe, die ich mir vor anderthalb Jahren noch im Schlaf zugetraut hätte. Eine neue Gruppe aufbauen, kein Problem.

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich zu viel vertraut habe. Natürlich habe ich auch einfach Angst davor, dass sich Gerüchte halten, dass irgendwann wieder jemand meint, mehr Aufmerksamkeit durch das Erzählen spannender Geschichten zu bekommen. Und ich habe einiges durch, ich weiß jetzt, was Panikattacken sind, tiefe depressive Phasen und Suizidgedanken.

Wie locker und authentisch kann ich jetzt sein? Wie sehr vertrauen? Ich meine, das ist kein Erklären von binomischen Formeln, Theaterpädagogik hat so viel mit Gefühl zu tun, mit der eigenen Persönlichkeit, ist letztlich immer wieder Pädagogik am offenen Herzen. Das muss man sich auch einfach trauen, wenn man es gut machen will.

Ich bin gespannt, ich freue mich wie doof, und ich habe Angst, mehr als Lampenfieber. Uh, es kribbelt so, ich mach wieder Theater …

Niemand wird in der Schule besser durch kein Theater

Ich bin einigermaßen frustriert. Ich inszeniere gerade Woyzeck, eine semiprofessionelle Produktion, und weil ich eigentlich ziemlich begeistert bin, was für Jugendliche ich gerade in der entsprechenden Gruppe habe, habe ich einige junge Menschen angefragt, ob sie nicht kleine Rollen übernehmen können. Weil es zehn Vorstellungen an vier Wochenenden sind, und weil ich weiß, dass alle in vielen Terminen gebunden sind, habe ich diese Rollen noch mal geteilt, lasse jeweils zwei die gleiche Rolle lernen, so kommt man dann einzeln nur auf fünf Aufführungen an zwei Wochenenden, die dann im Mai und Juni verteilt sind.
Nun haben mir inzwischen schon drei Jugendliche, beziehungsweise ihre Eltern abgesagt, eine frühzeitig, die anderen beiden in den letzten Tage, eine Woche bevor es probentechnisch spannend wird, und natürlich so kurzfristig, dass es ernsthaft schwierig wird, noch Ersatz zu finden. Wie bei vielen, kenne ich die Eltern alle auch persönlich, komme mit allen auch gut aus. Und so ist es natürlich umso frustrierender, wenn diese doch so netten und aufgeschlossenen Eltern ihren Sprösslingen die Teilnahme untersagen. Die Gründe: „Es wird zu viel! Zu viele Termine, die Schule leidet.“
Ich frag mich eigentlich immer, wenn Leute mit dem Theater aufhören und mir sagen, es ist zu viel, ich krieg das mit der Schule nicht mehr hin, was da falsch läuft. Es hat sich natürlich seit der Einführung von G8 an unseren Gymnasien stark verschärft. Und ich kann auch ein wenig verstehen, dass das ein Problem ist – das Gymnasium ist auf funktionieren gedrillt. Interessanterweise sagen Lehrer, Schüler und Eltern übereinstimmend, dass die Situation mit G8 nahezu unerträglich geworden ist, niemand nutzt dieses Wissen – es gibt Schulen, die einem das Abitur ermöglichen, und auch die Zeit, seinen Hobbies nachzugehen. Wie kommt man denn da auf die Idee, dass es das Gymnasium sein muss?
Jetzt mal ernsthaft. Wenn es irgendetwas bringen würde, dass die Jugendlichen eine solche Produktion nicht machen, ich hätte deutlich mehr Verständnis. Sie holen sich in einer solchen Produktion nicht nur neues Selbstvertrauen, spielen mit ein paar der besten Amateure und Semiprofis zusammen, die ich kenne, und die unsere Arbeit hervorgebracht hat. Werden auf eine Art mit Büchner konfrontiert, die kein Deutschleistungskurs bieten kann. Sie reifen auch als Persönlichkeiten, haben Spaß und spüren das Glück des Applauses – aber sie sind besser in der Schule, wenn sie das nicht machen? Wie sagt eine Freundin gerne: Wollt ihr mich flachsen?
Und selbst wenn es stimmte, wenn kurzfristig hier und da noch eine Note verbessert werden kann – sie werden merken, wie ihre Kollegen davon profitieren, sie werden spüren, was ihnen verloren geht. Es ist wirklich kaum zu verstehen. Wäre ich in der Situation gewesen, als ich 13 oder 14 war, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dabei zu sein. Weil die Gelegenheit einfach faszinierend gut ist, weil es nicht die Produktion mit der zugegeben guten Gruppe ist, sondern mit guten Erwachsenen, mit Leuten, von denen man unglaublich viel lernen kann – solche Möglichkeiten gibt es alle zwei bis drei Jahre mal. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich damit umgehe, ob ich in Zukunft solche Gelegenheit überhaupt noch ermögliche, ob ich mir die Blöße gebe, oder nicht einfach auf Sicherheit gehe, die Leute aus den jüngeren Gruppen einfach im eigenen Saft schmoren lasse – ich muss das ja nicht tun, es ist ja nur Zusatz. Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich laufe ich auch in Zukunft wieder ins offene Messer. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr wieder hier sitzen und meinen Frust herunter bloggen. Immer dann, wenn die hochfliegenden Pläne durch das Denken an das kleine Heute gegen die eine oder andere Wand gehauen werden.

Warum ich Theater mache …

Durch die Mitgliedschaft bei den Piraten ist in meinem Blog ein bisschen zu kurz gekommen, was in meinem Leben noch ein bisschen wichtiger ist. Mein Leben, das Theater. (Und ich spreche hier absichtlich nicht von Beruf, ja, das Theater ist auch mein Beruf, aber auch viel mehr.)

Langsam bin ich alt genug für eine Midlifecrisis, ich sollte mir also langsam mal überlegen, warum ich das alles mache, und mich fragen, ob ich schon mal die Krise ausrufen soll. Ich mein, es gehört doch irgendwie dazu, wenn man auf die VIERZIG zugeht – nur noch drei Jahre … *schluck*

Als ich vor ein paar Jahren damit angefangen habe, mit Jugendlichen Theater zu machen, da war das neben dem Journalismus, da habe ich recht viel Nachhilfe gegeben, heute lebe ich fast vollständig davon, dass ich inszeniere, schreibe und Schauspielerei lehre. Ich habe das nie gelernt, also nie offiziell. Und wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, dann sage ich gern Theatermacher, und wenn es offiziell sein muss, dann Theaterpädagoge, weil es am Nächsten dran an dem, was ich mache, ist. Die Frage, ob man davon leben kann, beantworte ich mit einem wissenden Lächeln – nein, so richtig kann man das kaum.

Aber so richtig Theaterpädagoge bin ich nicht. Also so richtig Pädagoge. Natürlich habe ich ein bisschen was mitbekommen, als ich auf Lehramt studiert habe – das meiste allerdings nicht in Vorlesungen und Seminaren, sondern in den Praktika. Die theoretischen Erziehungswissenschaften waren mir immer ein bisschen suspekt. Neben Deutsch und Philosophie habe ich auch Mathematik studiert. Deren Klarheit war für mich immer der Inbegriff von Wissenschaft. Liest man erziehungswissenschaftliche Texte, dann ist es mit jeglicher Klarheit vorbei. Die Wissenschaft, die sich darum kümmern will, wie man anderen etwas beibringt, verbirgt sich ständig hinter pseudowissenschaftlichem Wortgeklingel. Das hat mir das Vorurteil eingepflanzt, dass Pädagogik keine Wissenschaft ist, sondern nur eine sein will – die Inhalte, die man hinter dem Wortgeklingel findet, sind nämlich allzu oft in sich recht einleuchtende Dinge, die man aber viel einfacher formulieren könnte.

Ich habe meine eigenen Gedanken zu vielen pädagogischen Themen, und die haben meistens damit zu tun, dass ich meine Schüler ernst nehmen will, egal ob sie fünf sind oder zwanzig. Dass es manchmal mit den Fünfjährigen einfacher ist als … ein guter Freund hat mir geraten, an dieser Stelle nicht weiterzuschreiben. Es ist so einfach, über Kinder und Jugendliche hinwegzugehen, ihre Anliegen zu relativieren, ihre Gefühle als Flausen zu bezeichnen – man ist ja als Erwachsener so viel reifer, hat alles schon gesehen, und natürlich weiß man, was für die jüngeren Menschen richtig ist: Alles Unsinn! Einen Scheiß weiß ich. Ich muss Kindern und Jugendlichen genauso zuhören, wie ich Freunden zuhöre, die mir ihre Probleme erzählen. Und ihre Probleme mögen für mich unerheblich klingen, sie sind aber deren Probleme, real und sauwichtig. Wer wäre ich, dass ich meine Probleme für wichtiger halten würde.

Viel zu viele „Pädagogen“ wollen Kindern und Jugendlichen das Leben einfacher machen. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Fast im Gegenteil. Meine Stücke kommen seltenst mit so viel Niedlichkeit daher, dass man allein deswegen klatschen würde. Ich mach auch mit Grundschülern richtiges Theater – Komödien vielleicht, aber mit Hintersinn, mit allen Tricks, denen man sich auf der Bühne bedienen kann – ich brauche keine Ausstattung, keine Kostüme, mir reicht Fantasie. Und das ist schwerer zu spielen, als die Märchenstücke und kitschigen Klassiker, die man allzu oft im Kinder- und Jugendtheater sieht. Ich sehe auch die jüngsten Schauspieler als genau solche: als Schauspieler, nicht als Kinder, nicht als Jugendliche, nicht als Wesen, die ich vor dem Leben behüten muss – ich werfe sie rein! Ich lasse ihnen die Angst vor der Bühne, den Respekt vor dem Versprecher – und damit gebe ich ihnen die Freude beim Applaus, die einfach grenzenlos sein darf. Und was ich immer wieder sage:

„Leute, Applaus bekommt ihr auf alle Fälle. Niemand, der im Publikum sitzt, ist gegen euch. Alle werden höflich ihre Händchen zusammenpappen – aber das reicht nicht. Wenn alle es nur schön und nett finden, dann habt ihr noch nichts geschafft, dass sagen sie nämlich immer! Ich will nicht, dass sie ein bisschen klatschen, sie sollen sich die Hände wund klatschen, sie sollen überrascht sein, was ihr schafft, sie sollen berührt sein!“

Das ist das Wichtigste, Menschen berühren. Ich mag Tränen beim Publikum, ich mag sie vor Rührung und Trauer, aber auch vor Lachen. Ich bemühe mich gerne um beides. Die Voraussetzungen sind gegeben. Das Theater ist das Medium, in dem es so einfach ist, wie sonst kaum irgendwo. Nirgends ist man so nah bei der Kunst, nirgends ist sie so lebendig, so immer wieder neu. Mit meiner Kunst kann ich Menschen berühren, und nicht nur die im Publikum. Natürlich auch ganz besonders die, die auf der Bühne stehen.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein paar Sachen glaube ich doch. Zum Beispiel, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Kinder mindestens einmal im Leben auf der Bühne gestanden hätten und stehen würden. Und dabei ist erst mal egal, ob mit dem Instrument, ob singend, ob spielend, ob tanzend. Sie dürfen auch gerne ihre Werke ausstellen oder vorlesen – Kunst ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Applaus mach stark, Applaus macht groß. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle ein bisschen größer wären?

Alles gute Gründe, die Arbeit zu machen, die ich mache. Gute Gründe dafür, auf Urlaube zu verzichten, auf das gute Gehalt und die sichere Zukunft. Ich mach Theater, weil ich damit glücklich bin, weil die Momente da sind, in denen Menschen mir sagen, wie sehr das Theater sie geprägt hat, mir einfach „Danke“ sagen. Ich mach Theater, weil ich nirgends mehr zu lachen habe, weil ich nirgends auf spannendere Menschen treffe. Ich mach Theater, weil es etwas Besonderes ist, ein magischer Ort. Ich mach Theater, weil da immer Vollmond ist … was für eine Nacht!