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Es ist ein Kulturkampf und wir können ihn verlieren

Der aktuelle Anlass für diesen Blogpost ist ein Artikel über die Ideen der AfD in Sachen Kulturpolitik. Die ist natürlich so rückwärtsgewandt, wie man es sich nur vorstellen kann, und ja, aus aufgeklärter Sicht sind sie strunzdoof und einfach lächerlich, und doch bin ich ins Grübeln gekommen.

Die AfD will in völkischer Tradition eine Form der Kultur, die das Deutsch-Sein befördert. Sie wollen am nationalen Kitsch der Romantik anschließen, sie wollen ein Theater, das gefällige Beispiele für deutsche Werte bringt, irgendwie sowas. Das ist alles hanebüchen. Natürlich. Die haben Brecht nicht verstanden. Natürlich. Die haben das absurde Theater nicht verstanden. Natürlich. – Nein, die wollen all das, was seit irgendwann im 19. Jahrhundert passiert ist, gar nicht verstehen.

Und da ist das Problem, dass die Kultur von heute so wehrlos macht. Da sind Millionen Menschen, die von der Hochkultur schon lange verlassen ist, und die dann, während Helene Fischer und Xavier Naidoo im Hintergrund laufen, davon sprechen, dass im Theater nur Nackte multikulti machen und in den Konzerthäusern vertontes Zahnweh geboten wird und in den Museen „irgendson Quatsch hängt, den ich dir auch in fünf Minuten besoffen auf die Leinwand huste!“ Und wenn dann die Theater und Museen große Plakate hängen, in denen sie sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären, dann sind die Fronten geklärt. Dann sagen diese Menschen: „Wir gegen die!“

Wenn sich Menschen von den Eliten abgehängt und unverstanden fühlen, dann trägt, so  traurig das ist, die Kulturkaste daran einen gar nicht so kleinen Anteil. Denn Kultur in Deutschland ist viel zu oft eine Sache für Besserverdienende, so bürgerlich und spießig, wie man es sich nur denken kann. Die ganze Kulturlandschaft wirkt viel zu oft wie ein ewiges Jazzkonzert, also wie musikalische Onanie, die keinem weh tut.

So, wie das Bildungssystem die Schotten dicht gemacht hat und heute nur noch Kinder von Akademikern problemlos Akademiker werden können, so hat die subventionierte Kultur vor die gleichen Schotts dicke Vorhängeschlösser gemacht. Der Prozentsatz von Menschen, die mit zweihundert Euronen und mehr subventionierte Opernkarten erwerben und keine Aktienpakete besitzen, ist verschwindend gering. Und viel anders sieht das in anderen Bereichen auch nicht aus. Gerade für die Hochkultur braucht man meistens auch einen hohen Kontostand – denn Kultur wird als Statussymbol gesehen. Und die Betuchten sehen sich dann auch gern mal eine kleine Kritik hier und da an ihrem Lebensstil an – man darf nicht vergessen, die allermeisten Künstler sind politisch schon irgendwo links – aber zu kritisch darf es nicht werden. Selbst ein Genie wie Schlingensief war in der Hochkultur nur geduldet. Und die Rezensenten der Zeitungen, die Opernpremieren beseprechen, haben sicherlich schon ein paar Textbausteine, die ausdrücken, dass das Publikum von der Musik begeistert war, aber traditionell die Regie ausbuhte. Es sind ja alles Rituale …

Ja, ich mecker ja nur, und ich habe noch nicht so recht klar gemacht, wie das mit der AfD jetzt zusammenhängt – ja, ich bin mir meiner Geschwätzigkeit bewusst. Aber man darf mein Gemecker nicht falsch verstehen. Ich bin kein Feind der Hochkultur, ich steh auf gut gemachtes modernes Theater, geh gern in die Oper oder auch mal ins Konzert. Ich kann mich sogar von moderner Kunst berühren lassen, auch wenn bildende Kunst für mich keine Herzensangelegenheit ist. Und ich bin davon überzeugt, dass man viel mehr Menschen mit dem, was man heute in der Hochkultur so macht, begeistern kann. Ja, ich bin überzeugt, dass man etwa achtzig Prozent der Menschen mit dem heutigen Theater, mit Musik mit zwölf Tönen, mit Choreographie oder moderner bildender Kunst erreichen kann – nur wenige mit allem davon, aber wir wollen ja ruhig mal klein anfangen. Ja, es gibt zwanzig Prozent Menschen ohne irgendeine Ader für Kunst. Es gibt Menschen, die jede Musik für Quatsch halten, ja, gibt es alle, aber die Reserve derer, die man erreichen könnte, ist unglaublich groß.

Was mein Problem ist: Es wird viel zu wenig versucht. Es gibt hier und da diese Leuchtturmprojekte, wo ChoreographInnen Menschen in Massen zum Tanzen bringen, es gibt TheaterpädagogInnen, die mit Hauptschülern Shakespeare spielen, es gibt Ansätze. Meistens übrigens aus der freien Szene, meistens von Menschen, die sich schrecklich selbst ausbeuten und verdammt selten von Seiten der hochsubventionierten Häuser. Solche Projekte sind auch nicht besonders interessant für Sponsoren, denn sie sind ja gern ein bisschen rau und eckig, keine professionelle Perfektion. Aber sie sind, was wir brauchen.

Wir brauchen Kultur von unten. Ernsthaftes künstlerisches Arbeiten mit Schülern und Senioren, mit Arbeitslosen und Geflüchteten, mit Menschen, die sonst nicht ins Theater, Museum oder die Oper kommen. Kein Selbsterfahrungskitsch, keine VHS-Aquarellkurse – ja, ist auch alles schön – sondern wirklich Kunst, wirklich Auseinandersetzung, wirklich Experiment – und vor allem auch wirklich für Publikum. Kein Wohlfühljazz, der keinem weh tut, sondern künstlerische Auseinandersetzung mit einem neuen Jahrtausend.

Warum? Na, ganz einfach, wer künstlerisch jemals tätig war, wer auf Bühnen gestanden, gesungen und getanzt hat, wer offen mit dem Neuen umgegangen ist, das die Kunst jeden Tag künstlerischer Arbeit für uns bereit hält, der ist für Faschismus nicht mehr wirklich leicht empfänglich. Allein wenn Menschen Harry Potter gelesen haben, wählen sie doch nicht AfD – ich mein, das sind Todesser, ist doch offensichtlich. Wie viel mehr wirkt es, wenn man selbst künstlerisch tätig ist. Das kann man nämlich kaum, wenn man keine Offenheit für Andere und Anderes hat. Und ganz nebenbei: Wer selbst hier und da auf einer Bühne gestanden hat, schaut sich auch andere Menschen auf Bühnen an, wer mit Farbe und Leinwand experimentiert hat, geht in Museen, es wäre auch eine Win-Win-Situation für alle subventionierten Häuser, wenn sie sich um ein breiteres Publikum bemühen würden.

Natürlich ist eine Kultur für die Breite nicht machbar. Dafür gibt es viel zu viele Politiker, die nicht neben Ali oder Kevin in der Oper sitzen wollen. Und es ginge nur mit Politik. Wer sonst soll entweder die subventionierten Häuser dazu zwingen, Kultur in die Breite zu bringen, oder selbst Kulturkontributoren bezahlen, die dorthin gehen, wo man noch nichts von Hochkultur gehört hat, und dort für Rabatz sorgen. Das geht nur über eine Politik, die vor der Kunst nicht zurück schreckt und das macht, was Politik und Staat immer tun sollten: Ermöglichen!

Als vor weit über achtzig Jahren die Faschisten in Deutschland die Macht übernahmen, war der Staat und die Politik schutzlos – und leider konnte auch die Kultur nicht gegenhalten. Und das, obwohl die 20er Jahre eine Kultur in Deutschland gesehen hatten, die Weltrang hatte – das letzte Mal übrigens. Aber schon damals war die Kultur in sich relativ abgeschlossen und wenig kämpferisch. Die großen Akteure der 20er retteten ihre Haut und emigrierten. (Auch ein Grund, heute Flüchtende aufzunehmen. Wir brauchen dringend neue kulturelle Impulse.) Und natürlich war es richtig, dass sie emigrierten – schließlich wurden viele umgebracht, die nicht fliehen konnten. Allerdings werden die Länder zum Flüchten langsam selten. Wir sollten lieber den Kampf aufnehmen. Mit allen Mitteln der Kunst gegen Faschismus, gegen Rassismus, gegen Supremacy an sich. Wir müssen allerdings dafür ein bisschen Bequemlichkeit aufgeben.

Quick – Die Toten kommen

Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) hat in dieser Woche eine Aktion gestartet, die zumindest einen kleinen Medienaufruhr geschafft hat. Die Aktion „Die Toten kommen“ ist hier beschrieben. 

Nun ist das Echo durchaus verschieden. Einige sehr wohlwollende Meinungen stehen auch einigen sehr kritischen Meinungen gegenüber. Die Kritik von Rechts ist so gewiss wie belanglos. Wenn Menschen sich für eine bessere Welt einsetzen, ist das immer rechten Ideen diametral. Aber es gibt auch ernstzunehmende Menschen, die die Aktion irgendwie problematisch finden. Ist die Aktion zu populistisch, ist sie Leichenfledderei, ist sie pietätlos?

Mit Toten Kunst zu machen, ist seit den Körperwelten offenbar einigermaßen akzeptiert, sonst hätte man diese Schau nie irgendwo zeigen dürfen. Ich gehe also davon aus, dass das vom Künstlerischen her in Ordnung ist. Die Frage, die noch bleibt, ist, ob man mit Toten Politik machen darf? Auf der einen Seite wird mit Toten ständig Politik gemacht. Wer nach Charlie Hebdo auf die Vorratsdatenspeicherung – die ja den Anschlag von Paris seltsamerweise nicht verhindert hat – fordert, macht schamlos mit Toten Politik. Also ist auch das offenbar so Usus.

Nun kann man einwenden, dass das Mittel der Konservativen und Rechten sind, und man nicht auf deren Niveau herab sollte. Ja, da ist ja prinzipiell was dran, aber dann muss man halt noch ein bisschen genauer schauen. Die vom ZPS feierlich Begrabenen waren vorher in Massengräbern verscharrt oder in Lagerhäusern in Plastiksäcken gelagert. Natürlich kann man sagen, dass es ihnen ja nicht mehr weh tut, aber dann ist es ihnen auch egal, was das ZPS mit ihnen macht. Der eigentlich Skandal bleibt natürlich, dass Europa sich abschottet und diese vielen Toten produziert, der zweite ist, wie dieses Europa mit den großen christlichen Werten – die sämtlichen Regierungen natürlich am Allerwertesten meilenweit vorbeigehen – mit diesen Toten umgeht. Wenn das ZPS also die Leichname der Flüchtenden und von der EU so kaltherzig dem Tod anheim Gegebenen nutzt, um auf deren Schicksal hinzuweisen, dann hat das einen großen qualitativen Unterschied. Sonst haben die Toten, die für Politik instrumentalisiert werden, nämlich zu 95 Prozent nichts mit den politischen Zielen zu tun, für die sie (mis- oder) gebraucht werden. Jeder Sarg mit einer Flagge drauf, der von Politikern besucht wird, ist übrigens auch eine Instrumentalisierung. Warum sollte man das nicht mal in ein andere Form bringen.

Ist das populistisch? Aber sicher! Zumindest wenn das Wort bedeutet, dass man mit drastischen Mitteln Menschen für ein politisches Ziel gewinnen will.  Es ist nicht populistisch in dem Sinne, dass man dem Volke nach dem Maule spricht – für die, die mit meiner altmodischen Formulierung nichts anfangen können, gemeint ist: „Dass man sich wie CSU und AfD für die Förderung mieser Ressentiments einsetzt“ -, denn so richtig behaglich ist das ja nicht, oder? „Die Toten kommen“ ist eine Aktion, die weh tut, die keinen Spaß macht, die noch nicht mal ein „Das geschieht dem politischen Gegner recht!“ zulässt. Die Toten, die da kommen, gehen uns alle an. Und wir sind alle dafür mitverantwortlich, dass sie ihr Leben verloren haben. Das hört keiner gern, ich auch nicht. Es nimmt mich mit, es macht mich traurig und manchmal verzweifelt. Aber es ist ja nie so richtig schön, darauf gestoßen zu werden, was so richtig scheiße läuft, oder? Und den Job muss nun mal irgendwer tun. Ich für meinen Teil kann mich beim ZPS nur bedanken.

Eine letzte Frage wäre noch zu beantworten: Ist das eigentlich Kunst? Oder doch nur einfach eine andere Art von Demonstration? Wenn früher Umweltaktivisten Schornsteine besetzt haben, war das ja auch keine Kunst, oder? Nun, erstens ist Kunst das, was jemand zu Kunst erklärt. „Alles ist Kunst“, hat das nicht Herr Beuys gesagt? Natürlich sind wir hier in einem Gebiet, das nicht klar abgegrenzt ist. Die Aktion hat starke politische Inhalte, aber unpolitische Kunst gibt es ja auch nicht so wirklich. Und was wir ja eigentlich auch nicht wissen – vielleicht ist es ja nur ein großes Theater. Vielleicht waren alle Särge leer? Denn dann wäre die gesamte Aktion doch eine provokante Performance, oder? Dann gäbe es auch keine Frage, ob es hier um Kunst geht. Wenn die Künstler und Künstlerinnen vom ZPS klug sind – wovon ich stark ausgehe -, werden sie das nie verraten. Schrödingers Leichen. Sie sind gleichzeitig drin, aber auch wieder nicht. Allein das ist Kunst. Natürlich ist die Aktion Kunst. Und sogar gute.

Was ist denn nun Kultur? – Nachklapp

Kleiner Nachtrag für meinen letzten Artikel, es gibt da einerseits diese blöde Teekesselchen Sache, ich meine nicht die Kultur als unsere Kultur gegen andere Kulturen, nicht die Festschreibung von Formen, von Denkweisen, die man auch Kultur nennen kann. Mir geht es um Kultur als künstlerische Betätigung im weitesten Sinn, um „art“ – das Problem im Deutschen ist es, dass „Kunst“ eher nur im Bezug auf bildende Kunst genutzt wird, während die performativen Künste zum Beispiel irgendwo unter Kultur verortet wird. Man darf gerne überall da, wo ich Kultur sage, Kunst einsetzen, wenn man es nicht ausschließend versteht.. Ich versuche mich auch an einer Definietion:
Kultur im engeren Sinne ist eine künstlerisch motivierte Hervorbringung die für eine rezipierende Öffentlichkeit geschaffen werden,
Es braucht also zweierlei, einerseits den oder die Künstler, die einzeln oder gemeinsam etwas erzeugen, das keinen nderen Sinn hat, als für Rezipienten erfahrbar zu sein. Hat es nebenbei auch einen anderen Sinn, dann kommen wir sofort in eine Grauzone, zum Beispiel bei Design und Architektur, bei Gebrauchsmusik und Werbesprüchen. Im engeren Sinne zähle ich das hier nicht zur Kultur. Es ist eher kulturähnlich.
Wann fängt also Kultur, Kunst an? Machen wir ein Beispiel, das für viele in der Piratenpartei einfach zu verstehen sein wird ;):
Jemand hat eine tolle Idee, verschwindet für ein paar Wochen an seinen PC und baut in Minecraft eine faszinierende Mischung aus Burg, Raumschiff und Pueblo. Das Ding ist nicht nur riesig , sondern auch noch mit vielen Details und Anspielungen auf Filme, Bücher und bekannte Gemälde ausgestattet, der Baumeister ist euphorisiert, hatte eine Menge Spaß und damit ist es gut – bis hierhin ist noch keine Kunst passiert, sofern der Erbauer nie vor hatte, das virtuelle Gebäude jemandem vorzuführen, oder nur dem Lebenspartner und vielleicht noch zwei Freunden, die schon mal mit auf dem Server herumbasteln.
Jetzt wird aus dem Baumeister aber ganz schnell ein Künstler: Er hat das Gefühl, dass muss man mehr Leuten zugänglich machen. Er nutzt ein Mod, mit dem sein Werk unzerstörbar wird, weil er nicht möchte, dass andere etwas verändern, und lässt umsonst oder gegen Spenden Leute auf seinen Server, die dann durch das faszinierende Ding hindurchlaufen. Oder er möchte, dass es sich weiterentwickelt, und lässt andere weiterbauen, weiterentwickeln – wichtig ist nur, er macht es öffentlich. Er verbreitet die Adresse zu seinem Server, läd Rezipienten ein. Oder er filmt alles und stellt den Film auf Youtube, er macht auf jeden Fall sein Werk öffentlich zugänglich (was nicht heißt, dass er das umsonst machen muss, wenn er vernünftig ist, will er für seine künstlerische Arbeit auch Geld haben) – und dann ist es Kunst.
Oder, etwas anders, jemand schriebt ein Rollenspielabenteuer für seine Gruppe, arbeitet die Sachen schick aus, zeichnet ein paar neue Monster und natürlich den hübschen Widersacher, und spielt das Abenteuer mit seiner Gruppe. Bei aller Arbeit, hier geht es noch um den Gebrauch, es gibt zwar Rezipienten, aber keine Öffentlichkeit. Erst, wenn er die Unterlagen veröffentlicht, wird daraus Kunst und Kultur.
Kultur und Kunst sind weit gestreut, sind nicht so einfach zu fassen, aber wenn man auf der einen Seite davon spricht, dass es keinen eindeutigen Nutzen gibt – außer so unklaren Begriffen wie Genuss, Unterhaltung oder ähnlichem, es also kein weiteres Interesse gibt – und einer Adressierung an die Öffentlichkeit, dann sollte man zumindest einigermaßen einen Begriff entwickeln können.

Piraten und Kultur – Der Versuch eines piratigen Kulturbegriffs

Hatte vor kurzem eine kleine Mumblesitzung mit anderen Kreativpiraten, die es durchaus gibt, auch wenn sie sicherlich nicht im Mittelpunkt der Piraten stehen. Dabei kam die Frage auf, ob die Piraten gegenwärtig einen eigenen Kulturbegriff haben.

Nun, wir sind eine Partei, unser Denken ist also politisch, und so muss der Begriff von Kultur auch politisch sein. Speziell muss er sich an unseren politischen Kernzielen orientieren. Zum Beispiel an unserer libertären Einstellung: Kunst und Kultur sind frei, eine Einmischung durch Staat, Religionen, Parteien und Wirtschaft ist auszuschließen. Ich hab das mal fett gedruckt, weil, ist wichtig – ganz im Gegensatz zu richtiger Grammatik. Vielleicht fällt ja noch jemandem etwas ein, was sich auch nicht einmischen darf?

Piraten glauben an Gleichheit, daran, dass niemand diskriminiert werden darf. Das muss für Kultur genauso gelten: Geschmäcker sind verschieden, aber aus politischer Sicht ist jede Kultur gleich viel wert. Kein Werk ist besser oder schlechter zu behandeln, weil es  subventioniert wurde, oder eben nicht, weil es eine spezielle Veröffentlichungsform einhält oder nicht, weil es gesellschaftliche Tabus bricht oder nicht, weil es von Amateuren oder Profis geschöpft wurde. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn eindeutig gegen die Verfassung gearbeitet wird.

Das bedeutet natürlich, dass Schranken im Kopf beseitigt werden müssen. Willkürliche Unterteilungen in E- und U-Kultur sind überholt und sollten unbedingt der Vergangenheit angehören, aus der sie überdauern.  Davon könnten übrigens auch Kulturjournalisten lernen, die diese Schranken in großer Zahl immer wieder flicken und ausbessern, aber das wirklich nur nebenbei.

Der Zugang zu Kultur sollte jedem möglich sein. Ja, das kann immer nur ein Ziel sein, so lange wir uns nicht in einer idealen Gesellschaftsform befinden, die ohne Geld auskommt. Ansonsten wird immer das Problem bestehen, dass Kultur Geld kostet. Kultur hat zwar einen Unkrautcharakter, sie ist kaum auszurotten, aber das darf nicht weiter ausgenutzt werden – in den letzten Jahrzehnten wurde die Kultur immer weiter heruntergespart, Gagen sind nur für die Stars in erträglicher Höhe, alle anderen leben am Existenzminimum, es wird schlicht und einfach ausgenutzt, dass Künstler ihre Arbeit tun, weil sie gar nicht anders können, weil sie in anderen Berufen unglücklich werden. Diese Ausbeutung muss aufhören. Auf der anderen Seite dürfen die finanziellen Zugangsschranken auch nicht zu weit erhöht werden – weshalb eine gewisse Kultursubvention wohl unausweichlich ist. Hier ist die Einschränkung, dass jede Kunst ihre Rezipienten für diese Kunstform begeistern muss. Können das gewisse Formen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt, werden sie von anderen Formen verdrängt werden. Das ist ein natürlicher Prozess, und der darf in einer Demokratie auch nicht durch übermäßige Subvention in eine bestimmte Richtung künstlich aufgehalten werden.

Der Zugang zur Kultur muss immer in aktiver und passiver Form gleichermaßen jedem möglich sein. Nein, nicht jeder ist ein Künstler, da gehört schon etwas zu, Leidenschaft und Liebe zum Beispiel, auch Talent oder Ausbildung sind nicht zu verachten. Die wichtigste Kulturförderung ist die Ermöglichung eigenen künstlerischen Ausdrucks. Wenn Städte, Kreise oder Schulen Kulturpädagogen der verschiedensten Richtungen einstellen würden, und ihnen Projekte ermöglichen, die möglichst viele Kinder und Jugendliche mit Kultur ganz praktisch in Kontakt bringen, dann könnte Kultur keine soziale Unterscheidung mehr sein. Subventionierte Kultureinrichtungen sollten auf jeden Fall einen Teil ihrer Subventionen für diese Form der Jugendarbeit reservieren. Gerne auch für eine Form der Sozial- und Altenarbeit, das muss ja nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt sein, auch wenn es da natürlich den größten Hebelpunkt hat.

Politik muss Kultur ermöglichen, darf ihr keine Barrikaden in den Weg legen! Ein bisschen weniger Bürokratie da, wo Kultur sich einen Weg bahnen will, das wäre noch ein schönes Ziel. Behörden, die Festivals ermöglichen wollen und es nicht möglichst unmöglich machen. Hier und da einfach ein bisschen mehr Service-Gedanken bei Behörden, ach ja, das wäre auch schön.

An dieser Stelle kommt nur noch eine Bitte um Diskussion. Dieser Artikel ist nur ein Anfang. Wir brauchen einen piratigen Kulturbegriff, wer sollte denn mehr Kultur mitbringen, als wir? Also freue ich mich über jede Diskussion!

Kultursubventionen / ein piratiger Blick

Vor ein paar Monaten hatte ich hier (https://hollarius.wordpress.com/2011/06/30/die-kultur-und-das-liebe-subventionierte-geld/) schon mal über Kultursubventionen geschrieben, aus einer Diskussion heraus, aus meiner persönlichen Sicht als Künstler heraus. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen bei den Piraten und finde in der für Neupiraten sehr verwirrenden Takelage aus Pads, Wiki, diversen Seiten, Forum und Mailinglisten zu dem Thema eher Unpräzises. Alle sollen irgendwie an Kultur teilnehmen können, freier Eintritt in Museen wird gefordert – aber das ist alles sehr ungefähr. Es ist ja auch ein Nischenthema, und außerdem ein Lokalthema, was die Bundespartei natürlich nicht so sehr interessiert. Aber auch Lokalpolitik muss ja besetzt werden, ist im Moment ja auch der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können, schließlich ist Berlin nicht nur ein Bundesland, sondern auch eine Stadt mit viel Kultur, wo das Thema wichtig ist.

Es gibt eigentlich zwei Blicke auf die Kultur, wenn man mit den Augen des Piraten sieht. Einerseits ist der freie Zugang natürlich von basaler Wichtigkeit. Freier Zugang ist das, was die Piraten zusammenhält. Also sollte es auch freien Zugang zu Theater und Oper, zu Museen und Konzertsälen geben, oder?

Andererseits soll sich der Staat ja nicht in alles einmischen, und dass jede Karte in der Oper mit durchschnittlich zweihundert Euro vom  Staat gesponsert wird, ist für mich persönlich, der ich zwei bis dreimal im Jahr die eine oder andere Oper besuche, eine tolle Sache,  aber eigentlich kaum zu rechtfertigen.  Warum wird eine Einrichtung, die nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht wird, so hoch subventioniert?

Alles umsonst, das ist eine hübsche Idee, aber auch nicht zu bezahlen. Die Städte sind eh mehr oder weniger pleite. Ein Streichen der Subventionen würde aber in die andere Richtung gehen, angloamerikanische Verhältnisse sind nicht die, die wir suchen. Dort ist die Hochkultur eine absolute Mangelware, und/oder von Mäzenen nicht nur bezahlt, sondern auch gesteuert. Also schauen wir mal etwas genauer an, was heute bezahlt wird.

Da gibt es sehr unterschiedliche Konzepte.  Die größte Ausgabe der großen Städte geht an Opern und Schauspielhäuser. Hier sind viele Menschen angestellt, hier werden Stars eingekauft, die für wenige Tage eingeflogen werden.  Relativ gesehen, werden Eintrittskarten fürs Museum sogar noch mehr subventioniert. Da wird auch sehr viel sehr gute Arbeit geleistet, da gibt es immer wieder sehr neue Inszenierungen, da gibt es Orchester auf höchstem Niveau, Künstler, die unglaublich intelligente und provokante Werke schaffen – es gibt aber auch viel Mittelmaß, man findet sogar recht häufig Mist, der gut bezahlt wird. Der festangestellte Künstler neigt zum Stillstand. Noch problematischer ist es allerdings, dass es erstens quasi eine Vollkasko gibt, dass es geradezu egal ist, was man macht, und wie viel Publikum man erreicht, und auf der anderen Seite steckt da ja auch eine Denkart hinter, die mit Kunstförderung gar nichts zu tun hat: Es geht hier eindeutig auch um Gallionsfiguren, um Aushängeschilder, in deren Rettung sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen.

Auch in der freien Szene gibt es eine Menge Subventionen, die auf verschiedenste Art ausgeschüttet werden – im Vergleich aber zu den Aushängeschildern, geht hier nur relativ wenig Geld hin. Das bewirkt trotzdem recht viel. Warum? Naja, weil es immer eine anteilige Finanzierung ist. Man stößt Projekte mit Geld an, man finanziert sie nicht vollständig. Oftmals heißt erfolgreiche Kulturförderung auch vor allem das Bereitstellen von Räumen, sowohl für die künstlerische Arbeit, als auch für Auftritte.

Soweit grob gesehen der Ist-Zustand. Wie kann man denn nun den freien Zugang damit kombinieren, dass eine Vollsubvention der Kunst nicht nur finanziell utopisch ist, sondern auch noch, ähnlich wie die Konzepte für eine Kulturflatrate,  daran kranken würden, dass es so schwierig zu entscheiden ist, was denn Kultur ist, und wer denn nun subventioniert werden muss.

Es gibt zwei wichtige Ansätze:

Erstens der freie Zugang dazu, Kunst betreiben zu können. Jeder soll die Möglichkeit haben, selbst tätig zu werden. Deswegen sollten Subventionen mehr in die Breite gehen, als in die Leuchttürme der Hochkultur.  Ein Instrument zu lernen, ist schon ein kleiner Luxus, auch andere kulturpädagogische Angebote müssen meistens recht teuer sein, weil die Kulturpädagogen – unter denen ich jetzt mal die Klavierlehrer, Kunst- und Theaterpädagogen und alle anderen subsummiere, die anderen Menschen etwas beibringen, dass ihnen ermöglicht, an der Schaffung von Kultur teilzunehmen. Hier sollte investiert werden, und natürlich braucht diese Kunst von unten auch Proben- und Aufführungsräume.  Hier einen freien Zugang zu schaffen, wäre ein Ideal. Wenigstens ernsthaft die zu unterstützen, die es sich nicht selbst finanzieren können, wäre das erste kleine Ziel. (Habe letztens selbst mit einer H4-Mutter gesprochen, die sagte, dass es einfach nicht drin wäre, ihrem Sohn Gitarrenunterricht zu bezahlen. Die H4-Gutscheine eines Jahres würden für zwei Monate reichen. Der Junge übt stundenlang ohne Unterricht – eine Schande, wo so viele, die es sich leisten können, nur unter Druck ihr Instrument anfassen …)

Aber nicht nur freier Unterricht wäre anzustreben, sondern eben auch eine Unterstützung von freien Gruppen. Probenräume und Aufführungsorte müssen für örtliche Gruppen kostenlos sein, die Amateure, die Liebhaber müssen unterstützt werden. Es braucht Möglichkeiten für junge Bands, sich vor Publikum zu zeigen, und je professioneller Bühne und Technik dafür ist, desto mehr kann der Nachwuchs davon profitieren. Subventionen, die Projekte anschieben, die der halbprofessionellen und professionellen lokalen Szene helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, sind viel besser, als das Einkaufen von fremdem Mittelmaß. Etabliert sich eine starke lokale Szene, dann wird das Interesse an guten fremden Kräften auch von selbst wachsen. Auch Veranstalter können auf einem solchen Fundament gut aufbauen und die Szene wiederum bereichern.

Zweitens sollen die hochsubventionierten Häuser, die Museen und Opern, die Konzertsäle immer auch eine Bringschuld haben. Wenn es darum geht, wie die Subventionen weiterfließen, muss jedes dieser Häuser zeigen, wie man sich darum bemüht, einen Zugang zu schaffen. Und dabei geht es nicht darum, dass man seinen Abonnenten irgendwelche Rabatte gewährt, es geht darum, dass Kulturferne an die Kultur herangebracht werden. Das können Kooperationen mit Stadtteilprojekten sein, dass können freie öffentliche Generalproben sein, für die Karten in Schulen verteilt werden. Das können Kunstprojekte sein, in die Menschen aus den – ich sags mal provokant – Slums eingebunden werden. Die Theater haben Dramaturgen, die Museen Kuratoren,  und denen wird vieles einfallen, ebensolche Projekte anzukurbeln, die Menschen an die Kultur heranbringen. Man muss sie nur dazu zwingen, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen. Es geht nicht darum, in die künstlerische Freiheit einzugreifen, es geht auch nicht darum, pädagogische Arbeit den Künstlern aufzuzwingen. Aber wenn diese Häuser viele Millionen im Jahr verschlingen, dann sollen sie sich auch darum kümmern, dass sie das nicht nur für einen winzigen Teil der Gesellschaft tun. Es geht hier darum, dass Menschen an die Hand genommen werden müssen – die glauben nämlich, RTL2 würde ihnen reichen, sie wissen es nicht besser, es hat ihnen noch keiner gezeigt. Wenn die Opernhäuser und Stadttheater das nicht leisten können, die Orchester und Ensembles, dann sind die Subventionen offenkundig falsch angelegt.

Mehr Subventionen in den künstlerischen Breitensport, mehr Öffnung der subventionierten Kulturtempel, das wären doch schon mal zwei schöne piratige Forderungen, oder?