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Urheberrecht / freie Kunst

Ich bin Pirat, erst seit einer Woche, aber ja, ich bekenne, ich bin Pirat, und ganz prinzipiell bin ich auch der Meinung, in der richtigen Partei zu sein. Wenn man als Kreativer allerdings in die Piratenpartei geht, bekommt man erst mal Gegenwind aus den eigenen Reihen. Also nicht den eigenen Parteireihen, sondern dem kreativen Freundeskreis. „Die wollen uns das Urheberrecht nehmen, die kann man doch nicht unterstützen!“

Nun gibt es wirklich einige Piraten, die der Meinung sind, dass man begründet den Urhebern das Recht auf ihre Urheberschaft – auf das Copyright, auf die Nutzungsrechte – nach zehn Jahren abnehmen darf. Bevor ich in den Kommentaren unendlich getrollt werde, erkläre ich, was gemeint ist. Es gibt da die abstruse Meinung, dass es vollkommen ausreichen würde, wenn die Urheber kreativer Werke nach zehn Jahren kein weiteres Recht auf die exklusive Vermarktung ihrer Werke haben.  Wenn ich im Folgenden nicht immer juristisch richtig mit den Begriffen Urheberschaft und Urheberrecht umgehe, liegt das an meiner fehlenden juristischen Kenntnis, aber ich denke, wer verstehen will, was ich schreibe, der wird das problemlos tun.

Das klingt seltsam, ist es auch. Schreibt man also ein Buch, dann darf man zehn Jahre lang versuchen, damit Geld zu verdienen, danach ist es quasi gemeinfrei, jeder kann es nachdrucken und damit viel Geld verdienen. Man fragt sich berechtigt, wieviel die Verlage diesen Piraten für ihre Meinung bezahlt haben, denn natürlich wären die Verwerter, die jetzt schon oft alles versuchen, Urheber zu übervorteilen, die Nutznießer dieser Idee. Ja, man könnte die Inhalte auch frei tauschen. Aber es gibt eben auch Märkte, wo über viele Jahre Geld mit den Werken gemacht werden kann, und dann freuen sich natürlich die Verwerter. Von der Gefahr, dass viele Verlage Bücher ablehnen würden, um sie dann zehn Jahre später aus der Schublade zu holen, ganz zu schweigen. Man könnte als Autor ja nicht mal mehr Manuskripte zu Verlagen schicken, weil es keine Sicherheit gäbe, dass die Bücher nicht nach Ablauf der Schutzzeit doch noch veröffentlicht würden.

Was hier breit verneint wird, ist die Investition, die der Urheber tätigt. Wenn jemand ein Haus baut, dann wird ihm niemand seine Rechte auf dieses Haus absprechen.  Das Haus, das der Urheber baut, ist ein geistiges. Es steckt Arbeit und Leidenschaft hinein. Er steckt viel Zeit hinein, in der er auch anderweitig Geld verdienen könnte. Also muss diese Investition von Zeit, Kraft und Geld auch bei ihm bleiben.

Ich frage mich immer, was die, die am liebsten gar keinen Schutz der Urheberrechte hätten, machen würden, wenn man sie versklaven würde.  Denn darauf läuft es hinaus. Man bemächtigt sich einfach der Arbeitskraft von anderen. Und mit Künstlern ist das auch noch total praktisch: Die lieben was sie tun. Die müssen weitermachen, die können einfach gar nicht anders. (ich versuch das mal so zu erklären: Ich bin schon aus Konzerten rausgegangen, weil ich eine Idee aufschreiben musste, und jeder Schriftsteller, egal, ob er davon leben kann oder nicht, kennt die Situation, dass man am nächsten Morgen früh raus muss, und trotzdem bis drei Uhr an irgendwas arbeitet, was einem gerade einfach keine Ruhe lässt.) So etwas kann man natürlich sehr schön ausnutzen. Das tun eigentlich schon die Verwerter – ja, es gibt auch Verlage die fair sind, reine Verwerterschelte will ich auch nicht ablassen, aber wenn ein landläufiger Autor von einem Taschenbuch für 6,80 Euro nur fünfzig Cent bekommt – hab ich die Tage gelesen –  dann ist das schon verdammt wenig. Und jeder, der sich aus dem Netz alle möglichen Inhalte saugt und dabei kein schlechtes Gewissen hat, der ist eben auch so ein Blutsauger, der es in Ordnung findet, wenn andere umsonst für ihn arbeiten.

Ist auch so eine Sache, wo man sich dann gerade als Mitglied einer Fortschrittspartei wie den Piraten positionieren möchte. Zurück ins Mittelalter, der Künstler muss sich einen Mäzen suchen? Durch die Urheberrechte hat zumindest ein kleiner Teil der Künstler ein unsubventioniertes Auskommen, ist doch auch mal nett.

Aber es muss wirklich eine Reform der Urheberrechte geben, das sehe ich durchaus auch so. Ich seh den Ansatz nur woanders. Zum Beispiel finde ich es in Ordnung, wenn die Urheberschaft mit dem Leben endet. Man spricht vom Tod ja so gern vom Ender aller Dinge. Ich finde auch Erbschaft so eine Sache.  Wer Geld hat, der profitiert gerade bei uns schon durch eine bessere Ausbildung, muss er dann auch noch nach dem Tode der Eltern deren Vermögen erben? Von daher finde ich auch das Nutzen der Urheberrechte durch die Nachkommen – was man heute auf siebzig Jahre nach dem Tod festgeschrieben hat – für überarbeitenswert.

Vor allem finde ich aber ein typisches Piratenargument sehr wichtig: Um die Breite der künstlerischen Möglichkeiten zu fördern, muss es einfacher werden, zu zitieren, Werke anderer zu verarbeiten, quasi zu remixen – aber eben nicht nur in der Musik. In der Kunst geht es ja häufig um die Verarbeitung anderer Werke, anderer Ideen, und das wird teilweise extrem erschwert. Wenn jemand einen Roman liest, den toll findet, und daraus einen Film, ein Theaterstück oder meinetwegen auch ein interaktives Songprojekt machen will, dann soll er das meiner Meinung nach tun dürfen. Einfach so. Natürlich muss er dranschreiben, worauf es basiert und natürlich muss er auch einen Anteil an seinen Einnahmen abgeben, aber man darf es ihm nicht verweigern – denn das behindert ja die freie Kunst, und die finde ich schon sehr wichtig. (Es sollte allerdings die Möglichkeit geben, dass man auf seine Namensnennung verzichtet. Wenn ich mir vorstelle, dass aus einem Kinderstück von mir jemand einen Pornofilm dreht, dann möchte ich nicht mit meinem Namen drunter stehen.)

Das würde auch bedeuten, dass einem Regisseur niemand verbieten könnte, ein spezielles Stück zu spielen, dass Comickünstler aus Filmen und Romanen Graphic Novels machen könnten, dass also Stoffe oft aus ganz anderen Perspektiven beleuchtet werden. Dass da ganz viele Hürden abgebaut würden, und alle Urheber für diese Vorteile natürlich auch die Kröte schlucken müssten, dass sie plötzlich aus Trivialisierungen ihrer Werke Tantiemen bekämen. Aber zwei Medaillen gibt es ja immer. – Ich weiß übrigens dass es hier noch ein weiteres Problem gibt, nämlich die Frage, wie viel man denn abgeben muss. Darauf habe ich auch noch keine ganz genaue Antwort, im Moment denke ich über feste Anteile an den Einnahmen nach – das wäre wohl am fairsten, wäre aber auch oft schwierig nachzuvollziehen.

Vielleicht wäre das auch eine Möglichkeit, mit der man die wirklich unfaire Verhandlungssituation der Künstler gegenüber den Verwertern verbessern könnte. Wenn man feste Anteile vorschreibt – ja, das ist nicht gerade libertär gedacht – dann kann man auch auf alle Exklusivrechte für Verlage verzichten, auf jegliche Form des Buy-Out-Vertrages. Warum soll ein Buch nicht bei drei Verlagen erscheinen, wenn sie es alle drucken wollen? Man müsste ja sogar klar eine Veräußerung von Verarbeitungsrechten ausschließen – das ist einerseits ein Problem, denn der Künstler bekommt dann keine Vorschüsse mehr, andererseits kann man aber auch nicht mit ein paar wenigen Euronen abgespeist werden, wenn der Verlag oder Publisher dann hinterher jede Menge Kohle macht.

Freie Kunst ja, unbedingt, und bitte viel freier, als sie heute ist, aber bitte nicht die Investitionen des Künstlers einfach enteignen – jeder möchte doch die Früchte seiner Arbeit genießen können. Freie Kunst, freie Künstler, freie Piraten, keine Sklavenhändler!

Mehr Clowns in die Politik!

Ein wenig talentierter Politiker der CDU namens Mißfelder hat in der „Welt“ ein Interview gegeben, und dabei zu dem Vorschlag eines Parteikollegen, man sollte Persönlichkeiten zum Beispiel aus der Kunst in die Gremien schicken, gesagt: „Bürger, die sich in Vereinen engagieren, sind geborene Kandidaten für öffentliche Ämter. Aber Künstler? Vielleicht sollten wir es einmal mit einem Clown versuchen …“
Um ehrlich zu sein, ich finde, es gibt schon genug Clowns, wie zum Beispiel Philipp Mißfelder, in der Politik. Ich glaube auch nicht, dass sich viele Künstler auf das Niveau der CDU herunterbegeben wollen, von daher halte ich diese Möglichkeit eh nicht so realistisch.
Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass ein Zivilversager wie Mißfelder keine Ahnung hat, was Clowns so tun, und dass jeder, der einen guten Clown geben kann, sicherlich mehr Grips haben muss, als man für eine Karriere bei der CDU braucht – man kann sich also sicher sein, dass Clowns hier ignoranterweise abwertend gemeint sind. Die ganze Aussage ist also schon von vornherein ungeheuer selbstdisqualifizierend … aber was mich erst so richtig ankotzt, ist die unglaubliche Arroganz gegenüber der Kunst, die dieser Mißfelder sich erlaubt.
Vieles in mir sagt: Wie war noch mal der Spruch? Was kümmert es den Baum, welche Sau sich an seiner Borke schubbert? – Aber nein, es geht mir auf den Keks! Künstler kümmern sich, Künstler sind das Gewissen der Welt, die Leute, die anderen Leuten das Leben lebenswert machen – nebenbei sind sie auch noch quasi durchgängig Geschäftsleute, müssen mehr organisieren, als solch ein Politiker so vorstellen kann. Der einzige Grund, weshalb Künstler sich nicht um Politik kümmern können, hat mit der Fähigkeit nichts zu tun. Sie haben dafür keine Zeit! Sie müssen sich um Wichtigeres kümmern!

Avantgarde und populäre Kunst

So, ein neues Jahr beginnt, und ich denke mal wieder nach, schließlich heißt mein Blog so. Also, es geht um Avantgarde und populäre Kunst – es gibt noch einen dritten Teil der Kultur, leider den oft erfolgreichen Bereich des schlechten Unterhaltungsmists, des schlechten Kitschs und der verdummenden Geistesleere, die sich glücklicherweise eigentlich auch nie Kunst schimpft, aber eben erfolgreicher ist, als es für die Zivilisation gut ist.

Schauen wir doch erst mal, was ich mit Avantgarde meine,  Begriffsklärung ist angesagt. Avantgarde ist der Teil der Kunst und Kultur, der sich dadurch legitimiert, dass er immer etwas Neues macht. Manche meinen, dass Avantgarde heute eigentlich gar nicht mehr machbar ist, weil seit irgendwann in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts alles schon ausprobiert wurde. In der Musik gab es Stille, und auf der anderen Seite Krach in so ziemlich jeglicher Variation. Im Theater wurde alles zerlegt, neu strukturiert, gar nichts strukturiert, alle Grenzen niedergerissen, alle möglichen Medien ins Spiel eingebaut, das Publikum beschimpft, Fäkalien und Sex vorgeführt – in den anderen Künsten sieht es größtenteils genauso aus, allenfalls im Film ist die Avantgarde immer recht brav geblieben, wahrscheinlich weil diese Kunst ja die jüngste ist. Und doch, immer wieder gibt es Künstler, die völlig neue Ideen entwickeln, immer weiter experimentieren, sicherlich oft im Dunkeln tappen und nur sehr selten große Kunst schaffen, aber immer wieder Momente erreichen, die wirklich neu sind, und nicht nur neu scheinen.

Die populäre Kunst, die ich der Avantgarde ein wenig gegenüberstellen möchte, hat viel mit Unterhaltung zu tun, denn natürlich ist die Avantgarde nur selten wirklich unterhaltend, und mehr eine Kunst für Künstler, als eine Kunst für alle Menschen. Die populäre Kunst muss einen bestimmten Schritt schaffen, den Schritt wirklich gut zu unterhalten und dabei einen großen künstlerischen Anspruch zu behalten. Viele, der  wirklich erfolgreichen Filme, Songs und was alles noch dazu gehört, schaffen diesen Schritt. Natürlich  sind erfolgreiche Regisseure wie Steven Spielberg und James Cameron nur selten wirkliche Neuerer des Films, aber sie verbinden große handwerkliche Fertigkeit mit einem klaren künstlerischen Anspruch – also meistens. Und auch Tänzer und Musiker schaffen es selten, Michael Jackson – kurzer Gedächtnisseufzer – seine künstlerische Qualität abzusprechen. Worauf will ich hinaus? Was ist denn jetzt populäre Kunst – ich wusste schon, bevor ich diesen Artikel angefangen habe, dass es nicht so einfach sein wird – eigentlich? Populäre Kunst verbindet den ganzen Werkzeugkasten der Kunst mit dem Anspruch, das Publikum auch intellektuell, aber vor allem emotional zu fordern. Sie muss den künstlerischen Anspruch haben, wichtige Themen immer wieder neu zu bearbeiten, und darf nie zum Selbstzweck verkommen, muss dem Rezipienten immer eine wichtige Stellung in der Kunst einräumen.

Beide Formen der Kunst und ihre vielen Mischformen haben eine große Wichtigkeit für die Gesamtkultur. Beide Seiten können sich wunderbar ergänzen und befruchten – letztlich sollte sich jeder Künstler zumindest als Rezipient hin und wieder der Avantgarde widmen, man darf ja nie aus den Augen verlieren, dass man auch immer Inspiration braucht. Letztlich werden viele Werkzeuge der Kunst nun mal in der Avantgarde entwickelt, Sachen, die vor dreißig Jahren noch neu waren, müssen heute zum ganz normalen Handwerk gehören, wer darauf verzichtet, macht sich arm, wer nur die Avantgarde der Vergangenheit nachahmt ist arm.

Aber es gibt auch eine Menge Probleme. Da wäre einerseits der Unterhaltungsmist. Der ist natürlich ein großes Problem. Ich denke, es ist nicht nötig, sich über die Qualität des Fernsehens auszulassen, darüber zu reden, dass auf einer Kompilation von Apres-Ski-Hits vermutlich keine Kunst zu finden ist, ich denke, es ist zu verstehen, worauf ich hinaus will. Die geistige Leere ist ein Problem, diese Formen der Kunstimitate sind deswegen ein Problem, weil sie die Menschen dumm halten, weil sie die Gehirne verkleben. Vermutlich wird kaum jemand, der diesen Blog liest, ja, der so weit in diesen Artikel vorgedrungen ist, für diesen ganzen Mist besonders anfällig sein. Andererseits finde ich es bedenklich, wenn auch gebildete Menschen die Biographie von Frau Katzenberger aufzählen können, man kann da nicht vorsichtig genug sein.

Aber auch in der Kunst gibt es Probleme, natürlich. Alle Unterteilungen in E- und U-Kunst sind ein Problem. Alle Verurteilungen populärer Kunst sind ein Problem, die vielen krampfhaften Versuche Avantgarde sein zu wollen, ohne dass man eine fundierte Basis hat, die gewollten Provokationen, die einfach keine künstlerische Grundlage mehr haben. Vielleicht, aber das ist eine wirklich haarige Sache und nicht so einfach im Vorübergehen zu beurteilen, ist hier und da auch die Übersubventionierung einiger Künste in Europa ein Problem. Vielfach wirkt es so, als ob Künstler ihre Honorare durch scheinbare Avantgarde rechtfertigen wollen, aber doch eigentlich nur die Avantgarde von früher nachhecheln.

Nein, jetzt bitte kein Fazit verlangen, aber wer eines hat, darf es gerne in die Kommentare schreiben. Ich würde mich selbst „natürlich“ der populären Kunst zuordnen, das ist, was ich erreichen will, daran lass ich mich messen.  Nein, ich habe immer noch keinen guten Schluss, muss so reichen.

Kultur und Schule – die Basisworkshops

Da ich ja in diesem Jahr zum ersten Mal ein „Kultur und Schule“-Projekt mache – in der Grundschule, in der ich schon seit anderthalb Jahren als Schauspiellehrer arbeite – musste ich die letzten beiden Tag nach Neuss ins Rheinische Landestheater, um dort das Grundsätzliche zu lernen, was man so über die Projekte wissen muss. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hatte vorher ein unbehagliches Gefühl. Das einzige Mal, dass ich vorher mit irgendwelchen Institutionen zu tun hatte, die Theaterpädagogen ausbilden, war ich auf große Arroganz getroffen, hatte selbst dann sicherlich auch etwas arrogant reagiert – es war kein gutes Gespräch. (um es zu erklären: alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hatte, war völlig uninteressant für die Person gegenüber, das Curriculum, dass diese mir auf der anderen Seite verkündete, war für mich völlig uninteressant, weil ich das alles schon in der einen oder anderen Weise gemacht hatte)

Nun befürchtete ich zwei Sachen – erstens, dass man mir Sachen erzählen würde, die gegen meine tiefen Überzeugungen verstoßen (meine Leser haben hier ja schon einiges über meine Gedanken und Ideen zum Thema Theater und Theaterpädagogik lesen können), zweitens, dass ich als Autodidakt unter den gelernten Schauspielern und Theaterpädagogen mit ähnlicher Arroganz behandelt würde, wie damals. Und dann wurden diese beiden Tage zu zweien der besten, die ich seit langer Zeit hatte.

Da ich die beiden Seminare in der falschen Reihenfolge bestritt, war gestern erst mal Basisworkshop II dran. Mit einem recht simplen Trick schaffte es die eine Hälfte des Dozententeams uns sehr schnell mit dem größeren Teil der Gesellschaft sehr schnell in Kontakt zu bringen, und man war auch gleich im Fachsimpeln, erzählte mit dieser typischen Mischung aus Frust („… ich hab da diesen Jungen, der die ganze Zeit …“) und Lust („… und dann wacht die auf einmal auf, wird richtig selbstbewusst …“) aus dem Alltag der Theaterverrückten – und sehr schnell war man ziemlich warm mit dem größten Teil der Truppe. Thematisch ging es hauptsächlich darum, wie man mit Störungen umgeht – ganz sicher ein Thema, zu dem ich noch viel lernen kann – und ich brauche keinen Kommentar, der mich darin bestätigt – und da war es dann die andere Hälfte des Gespannes, die uns wirklich weiterhelfen konnte, uns einige Prinzipien an die Hand gab.

Aber neben einigen wirklich interessanten Gedanken waren es vor allem zwei Zeiten, an die ich mich von gestern noch einige Zeit erinnern werde. Das Mittagessen, bei dem so viel erzählt und geblödelt wurde, das man das Gefühl hatte, man wäre unter alten Freunden – so viel zu lachen hatte ich seit Wochen nicht mehr, und ich lache oft – aber dieses Mittagessen wurde noch getoppt. Zum Abschluss haben wir Spiele und Übungen aus unserem Unterrichtsalltag mit den Kollegen gespielt. Es gab dabei etwa drei eher ernste Theaterspiele und –übungen, der Rest führte extrem ausdauernd zu seeeehr guter Laune. Mörderspiele, Huddeliihuddelli, Schnickschnackschnuck-Evolution und jede Menge seltsamer Sachen mehr, die müde aber absolut glücklich machten. Und aus den angepeilten 45 wurden gut 90 Minuten wilder Spiele, jedem fiel noch etwas ein, so viel Energie habe ich selten gefühlt. Natürlich ist zu befürchten, dass diese Spiele mit den Schülern dann nicht so einfach und gut funktionieren – alle Beteiligten haben mit aller Kraft mitgemacht, haben sich sofort auch in die seltsamsten Ideen gefügt. Aber gut, wenn so eine Gesellschaft nicht locker und offen für alles ist, welche dann? (allerdings unterhielt ich mich heute Morgen mit den Dozenten und die meinten, so sei es absolut nicht jedes Mal, es wäre eine außergewöhnliche Einheit gewesen)

Und heute Morgen dachte ich dann, gut, gestern war wohl ein Glücksfall, die Dozenten meinten ja schon, dass es heute nicht ganz so lebendig zugehen würde – und als ich dann die Gruppe sah, hatte ich wirklich wieder so ein bisschen Angst, dass es kein so intensiver Tag werden würde – und dann wurde es kaum weniger spannend und intensiv. Natürlich musste einiges an bürokratischem Kram geklärt werden, das ist klar, und das war vielleicht nicht besonders spannend, aber nötig. Aber wir wurden eben auch wieder in die Position versetzt, die sonst unsere Schüler einnehmen und da wurde schon das eine oder andere Auge geöffnet – nebenbei waren wir so kreativ und selbstbewusst, dass wir ein wenig die Dozentin an die Grenzen ihrer Geduld brachten, hat schon auch Spaß gemacht. Aber wichtig war einfach zu sehen, wie viele Gefühle geweckt werden, was man in der Lehrsituation öfter vergisst.

Und dann ging es um ein paar Sachen, die ich einfach nur unterschreiben wollte: Schüler müssen wahr und ernst genommen werden, man muss sich für Menschen und ihre Gefühle interessieren. Man muss ehrlich in seinen Gefühlen sein – ja, alles richtig, Manche Sachen habe ich sehr ähnlich in meinen Überlegungen zur Theaterpädagogik hier im Blog sehr ähnlich geschrieben – yeah, hat mir das gut getan. Volle Bestätigung! Davon hätte ich gern noch mehr gehabt, also noch mehr Tage, noch mehr vertiefende Diskussionen, mehr von dieser Energie.

Bei Facebook wurde nun eine Gruppe gegründet, wo man mit den Kollegen in Kontakt bleiben kann. Und ich war gestern wirklich so euphorisiert, dass ich, der ich mich dem immer verweigert habe, nun bei Facebook angemeldet bin. Na, das sagt doch alles …


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Für ein populäres Theater!? – ein paar Gedanken …

Dankenswerterweise wurde mir dieser Artikel in die Hand gegeben: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=712&Itemid=84. Sehr lesenswert. Autor Stefan Keim bringt das Theater endlich mal auf eine intellektuelle Ebene mit den anderen dramatischen Künsten, mit dem Fernsehfilm, mit dem Kino. Jetzt könnte man natürlich sagen, er bringt es auf eine niedrigere Ebene, aber was heißt das eigentlich?

Keim spricht von dem Contergan-Fernsehfilm, und warum sich das Theater nicht einem solchen Thema auf eine ähnliche Art und Weise annähern kann, wie der Film – ja, niemand in den Feuilletons käme laut Keim darauf, ein solches Thema im Theater zu vermuten. Das Theater ist nicht mehr in der Mitte der Kultur, sondern nur noch eine Randerscheinung – eine relativ eindeutige Einordnung, wenn Keim sie auch nicht gerade schonungslos vorbringt. Natürlich hat er Recht, das Theater hat sich genauso von seinem Publikum entfernt, wie es die E-Musik getan hat, die Bildende Kunst und viele andere mehr. Und wenn Keim anklingen lässt, dass die Länder, in denen das Theater wenige bis keine Subventionen bekommen, ein spannenderes Theater machen, als das in Deutschland geschieht, dann stimmt auch das ohne Zweifel – unter dieser Prämisse könnte die schwarz-gelbe Regierungszeit eine unfreiwillige Qualitätssteigerung im Theater herbeiführen. Woran liegt das? Warum ist das Theater in Deutschland verkopft, und so weit außerhalb der Gesellschaft, wenn doch der einstige kleine Bruder Film immer noch und trotz weitläufigem weiteren Medienangebot die Nummer 1 ist? – Wenn auch mehr auf Bildschirmen als im Kino – aber auch Kinos gibt es ja und es geht ihnen trotz vieler Klagen ziemlich gut.

Dem Theater geht es ja eigentlich auch gut, schließlich leben da immer noch viele Menschen von, und es gibt ja auch immer wieder Sachen, zu denen die Zuschauer strömen – aber im Großen und Ganzen ist einfach der Kontakt vom Theater zur Wirklichkeit abgerissen. Und wenn Stefan Keim ein populäres Theater fordert, dann hat er recht, ganz einfach und schlicht recht. Es gibt so großartige Filmstoffe, die auch wunderbare Theaterstücke ergeben würden – aber die Bühnen erreichen meistens allenfalls die Musicals, die man aus den Filmen zimmert, auch schön, aber selten sehr ergiebig. Wo wird der „Club der toten Dichter“ auf die Bühne gebracht? Oder „Wie im Himmel“? – ups, das habe ich sogar auf einer Bühne gesehen, als Klassenspiel der hiesigen Waldorfschule, aber im Spielplan von Schauspielhäusern und Stadttheatern findet man so was nicht …

Und wie wunderbar kann man diese Stoffe mit den Mitteln des Theaters umsetzen, ihnen neue Dimensionen geben, die Zuschauer wahrhaftig an ihnen teilhaben lassen. Man könnte Menschen mit Umsetzungen großer Filme wahrhaftig beschenken – wie wäre es, vor Weihnachten „Ist das Leben nicht schön?“, geht es denn besser? – Richtig, „Besser geht es nicht“ wäre auch ein schöner Stoff … ich verfranse mich gerade … und wenn ich schon dabei bin – es muss nicht immer Hollywood sein, nein, wirklich nicht – wie wäre es mit „Kleine Haie“ oder „Barfuss“?

Natürlich geht es nicht nur um die Umsetzung von Filmstoffen, aber das wäre schon mal ein weites Feld – dazu kommt alles, was die Literatur hergibt und bitte, bitte auch neue, gut geschriebene Stücke – nicht von durchgeistigten Dramatikern, sondern von praktischen Geschichtenerzählern – und hier kommt natürlich Keims Kritikpunkt wieder hervor, dass man vom Schreiben von Theaterstücken nicht leben kann, wohl aber vom Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen – da stimmt also was nicht.

Die Themen fürs Theater liegen auf der Straße, von Fritzl über Spendenaffären, von Castingopfern bis zu Amokläufern oder was auch immer eine Geschichte hergibt – denn genau hier krankt es doch dran, an den Geschichten. Aus dem Theater ist ein Ort für intellektuelles Gelaber geworden, wortreich, sinnleer, langweilig. Aber Theater muss Handlung, Gefühl und Wirklichkeit sein – das unmittelbare Erleben ist doch der große Vorteil des Theaters, warum wird der ständig verschenkt? Oder gegen billige Provokation getauscht?

Aber Stefan Keim hat nicht nur Recht. Er möchte die Genre-Stücke zurück ins Spiel bringen. Das zielt aber auch wieder recht kurz, denn Genres sind schön, haben aber oft zu enge Grenzen. Krimis und Psychothriller sind nette Labels, aber das deutsche Schubladendenken ist so allumfassend, dass die Gerne-Stücke beim Feuilleton eh durchfallen werden, dass man sich schämen wird, „so was“ im Theater anzuschauen, selbst wenn man dabei großen Spaß hatte. Genres sind für Kritiker praktisch, aber sonst nicht viel. Es geht um Geschichten, wenn die erzählt werden, dann sind doch die Genres egal.

Und irgendwie stellt Keim auch Verfremdungen der straighten Genre-Erzählweise gegenüber – auch das ist Unsinn. Das Theater hat sich einen reichen Werkzeugsatz erarbeitet, mit dem sie Geschichten anders erzählen kann, als das der Film macht, da sind ganz viele Verfremdungen bei und die sind auch wichtig. Wo könnte man die Realität so schön brechen, poetische Momente hinzufügen, Ironie nutzen, wie im Theater – aber man darf das eben nicht gegen die Geschichte, man muss die Geschichte damit unterstützen! Bei Tarantino sagt auch keiner, dass er keine Geschichten erzählen kann, nur weil er ein paar nette Verfremdungen in seine Filme einbaut.

Ja, es muss wieder an einem populären Theater gebastelt werden, aber mal ganz konkret gesprochen, nur gutes Theater kann populäres Theater sein, und gutes Theater erzählt mit allen Mitteln dieser großartigen Kunst gute Geschichten!