Archiv der Kategorie: Literatur

Reading King – Hier seyen Tiger/Here there be Tygres

Skeleton Crew, die Zweite. “Hier seyen Tiger” ist eine der frühesten veröffentlichten Geschichten Kings. Er war gerade mal zwanzig Jahre alt, als ein Magazin sie druckte.
Ein Junge, der Angst vor seiner Lehrerin hat, muss auf Toilette und findet auf dem Jungenklo seiner Grundschule einen Tiger vor. Der frisst auch gleich einen Mitschüler und vermutlich auch seine Lehrerin, die bald schaut, wo denn ihre Schüler bleiben. Das ist es aber auch schon.
Manchmal findet man in Kings Kurzgeschichten Momente, in denen man ihn kaum wiedererkennt. In „Hier seyen Tiger“ finden wir eine absurde Note, die in Kings Werk eher nur am Rande vorkommt. Die kleine Geschichte irritiert eher, als das sie spannend oder auch nur lustig ist. Aber, und das ist dann wieder typisch für King, es geht um den Einbruch des Übernatürlichen, oder hier zumindest des Abnormalen in eine ganz normale Welt.
Man könnte jetzt heruminterpretieren, ob der Junge das alles wirklich erlebt, ob es nicht vielleicht einfach nur eine Fantasie ist, aber das ist nicht der Kern. Es passiert hier etwas Unerklärliches, mit dem ein kleiner Junge umgehen muss. Und mit sechs Jahren ist manches noch viel einfacher zu erklären, als mit 35. Der Junge kommt damit klar, dass da ein Tiger ist. Ist schon okay.
In seinen frühen Geschichten geht es bei King ständig um Kinder, um Schule, um Jugendliche. Ist es ein Wunder, er war ja auch selbst noch jung. Man schreibt über das, was man kennt. In seinen Kurzgeschichten verarbeitet er sicher auch biografisches Material und zu dieser Geschichte hat er mal gesagt, dass er es gut gefunden hätte, wenn seine Lehrerin der ersten Klasse von einem Tiger gefressen worden wäre – er hat Angst vor ihr, so wie der Junge in der Geschichte Angst vor seiner Lehrerin hat. So mag diese Geschichte auch eine kleine Selbsttherapie sein.

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Warum ist der Film „Ronja Räubertochter“ so gut und warum wäre er heute nicht mehr möglich?

Ich stolperte heute Morgen über diesen YT-Clip und verdrückte ein Tränchen, weil es so schön ist, weil dieser Chor so großartig ist, weil die Dirigentin so eine Power hat und vor allem natürlich, weil da einer meiner Lieblingsfilme abgefeiert wird. Ja, Lieblingsfilm, seltsam, nicht? Ich werde in wenigen Tagen vierzig und gebe einen Kinderfilm als einen meiner Lieblingsfilme an. Vermutlich ist das sogar verdächtig.

Als ich dem lieben @ThoroughT per Chat den Link schickte, kamen wir ins Gespräch und ich meinte: „ich könnte dir viel erzählen, warum gerade der so gut ist, und warum man heute diesen Film nicht mehr so drehen würde^^“ Dann dachte ich mir, och, das kannste doch auch gleich bloggen. Mach ich doch mal. (Nebenbei, über das Buch habe ich schon mal kurz gebloggt, ist ein paar Jahre her, war auch eher oberflächlich – ich wollte es nur gesagt haben, falls jemand denkt, hey, da war doch was, das hat er doch schon mal geschrieben. Wird er langsam senil? – Ja!)

Nicht vergessen – Spoilerwarnung – aber wieso eigentlich, hat irgendwer diesen Film nicht gesehen? Und wenn dem so ist, WARUM?

Warum ist Ronja Räubertochter so gut? Na, erstmal ist die Grundlage großartig. Das alte Märchenmotiv der Räuberbande in den Wäldern hat Astrid Lindgren schlicht ernstgenommen und es mitsamt der Mattisburg als Sujet für ihre Geschichte genutzt. Hier geht es auch nicht um Robin Hood, Mattis und auch sein Erzfeind Borka sind zwar kindgerecht wenig brutal, aber dennoch echte Räuber, die von ihren Überfällen leben. Dazu kommen ein paar Fabelwesen, der Mattiswald ist nicht immer ungefährlich und ein bisschen verwunschen ist er auch.

Dann steckt da dramaturgisch ja das klassische Romeo-und-Julia-Motiv hinter. Ronja und Birk kommen quasi aus verfeindeten Familien, und auch wenn sie sich nur als Geschwister sehen, steckt in ihrer Beziehung natürlich der Keim einer auch späteren Zweisamkeit. Hier ist ein sehr starkes Geschichtenmotiv, dass aber auch ganz neu gedacht wird, denn hier ist es nicht der Kern für echte Tragödie, sondern eher ein zusätzlicher Grund, warum sich die Geschichte entwickeln kann. Käme Birk aus befreundetem Haus, wäre die ganze Nummer einfach nicht dramatisch genug.

Kurz zur Umsetzung: Die Tricks sind der damaligen Zeit angemessen, die Rumpelwichte niedlich, die Grausedruden grausig, die Musik toll und schauspielerisch ist da keine Niete bei. Schwedische Landschaften gehen ja irgendwie auch immer und fotografiert ist der gesamt Film auch gut.

Die Themen des Films sind der nächste Punkt. Es gibt gleich mehrere Themen, und sie haben alle genug Platz in diesem Film. Freundschaft ist das eine. Birk und Ronja sind nicht sofort wie Bruder und Schwester, sie müssen sich erst gegenseitig das Leben retten, um zu merken, dass der jeweils andere doch kein Hosenschisser ist, und dass man sich mag. Und auch wenn das klar ist, dann wird ihre Freundschaft mehrfach auf die Probe gestellt, denn Freundschaft klappt halt auch nicht immer unbelastet.

Ein weiteres Thema sind die Bindungen zu Vater und Mutter. Dieses Problem bezieht sich fast vollständig auf die Titelheldin, Birks Beziehung zu seinen Eltern wird nur nebenbei beleuchtet und ist nicht so gut, wie das von Ronja zu Mattis und Lovis – kommt nur nebenbei vor, wird aber auch nicht ausgeklammert. Ronja hat mit Lovis eine resolute Mutter, wie man sie nur erträumen kann. Sie lässt Ronja nämlich viel Platz und unterstützt ihren Freiheitsdrang. Mattis ist eher besorgt um Ronja und einmal rettet er sie auch, ist der wunderbare Heldenvater, der die Graugnome verscheucht, die Ronja umzingelt haben. Aber er kann natürlich nicht akzeptieren, dass sie mit Birk, dem Sohn seines Erzfeindes befreundet ist. Und als er sie daraufhin verstößt, leiden Vater wie Tochter sehr daran. Mattis ist ein Vulkan, ein Emotionsbündel, aus dem alles sofort rausfließt, der seinen Kummer irgendwann eben auch nicht mehr aushält, und letztlich – wie wunderbar – seine Tochter um Verzeihung bittet.

Und der Tod, dieses gemeine Arschloch, kommt auch im Film vor. Denn Glatzen-Peer, der alte Räuber, den man unbedingt lieben muss, überlebt den Film nicht. Und seltener Segen für Räuber, er stirbt im Bett. Die Trauer, die Mattis natürlich herausschreit, kommt garantiert auch bei den Zuschauern an, auch bei den kleinen, und warum sollten die eben nicht auch mit diesem Thema konfrontiert werden?

„Ronja Räubertochter“ nimmt seine Zuschauer ernst, egal wie alt sie sind. Das ist der eigentliche Kern, warum dieser Film so gut ist. Bei allen niedlichen Rumpelwichten, bei allen Graugnomen und Grausedruden, dieses Märchen ist auch eine so positive Utopie. Aber niemals lügt der Film da, wo es wichtig ist. Ja, er klammert Gewalt größtenteils aus. Als Mattis und Borka sich darum prügeln, wer von beiden der Hauptmann einer gemeinsamen Räuberbande wird, dann ist das ein eher lustiger Showkampf – der manchmal recht kindlich wirkt -, der für blaue Augen sorgt und für Kreuzschmerzen, aber es fließt kein Blut. (Gilt nicht für den ganzen Film. Es fließt das Blut eines Wildpferdchens, das von einem Bären verwundet wurde.) Aber dieses Umgehen mit Gewalt ist die einzige „Lüge“, die dieser Film erzählt. Der Film lässt Angst und Schmerz zu, Trauer und natürlich eine Menge Gelächter.

Ganz nebenbei, Astrid Lindgren hat da rollentechnisch etwas gebaut, was schlicht klasse ist. Ohne Frage sind die beiden Elternfamilien eher traditionell in ihren Rollen. Mattis und Borka sind die Räuberhauptmänner, ihre Frauen machen den Haushalt. Beide Frauen, Lovis und Undis, sind allerdings alles andere als brave Hausweibchen, beide haben nicht unbeträchtliche Macht über und durch ihre Männer. Aber trotz diesem traditionellen Familienbild wird Ronja im gesamten Film nicht anders behandelt, weil sie ein Mädchen ist. Sie läuft frei durch den Wald, unbeschützt und selbstbewusst. Und natürlich ist der Plan, dass sie einmal Räuberhauptmann wird – was sie aber nicht will, weil die Leute wütend werden oder weinen, wenn man ihnen Sachen wegnimmt, und das ist jetzt auch keine Haltung weiblicher Schwäche, Birk sieht das genauso. Vielleicht ist die Art, in der Ronja aufwächst, ohne hübsch sein zu müssen, ohne schwach oder nett sein zu müssen, der märchenhafteste Zug des Films. Hier werden Kinder einfach als Kinder begriffen, nicht als Mädchen oder Jungs. Es wird über Erbschaft und Nachfolge gesprochen, ohne das unsägliche Stammhalter-Motiv auszupacken.

Und noch was. Es gibt keinen Erwachsenen in diesem Film – doch, Birks unsympathische Mutter Undis hier und da -, der die Kinder nicht als quasi gleichberechtigt behandelt. Wenn die miteinander sprechen, reden die einfach wie Menschen. Keine erwachsene Überheblichkeit, keine Überbesorgtheit, kein Herabsetzen, weil Kinder ja Kinder sind und man sie nicht ernst nehmen muss. Und so, wie die Erwachsenen hier mit den Kindern umgehen, so geht der Film mit seinem kindlichen Publikum um, und das ist groß.

Und warum ist der Film heute so nicht mehr möglich? Vielleicht ist es ja nur eine Spekulation von mir, aber ich sehe die heutige Art, wie man mit Kinderkultur umgeht, als recht problematisch. Ich glaube nicht, dass man heute mit einer Geschichte, in der es unter anderem um den Tod geht, freundliche Produzenten fände. Ich glaube, dass ein so emanzipatorischer Ansatz heute nicht gewünscht ist, in einer Zeit, in der in jedem siebten Mädchen-Überraschungs-Ei eine Fee sitzt. Aber vor allem sehe ich nicht, dass es heute modern ist, Kinder und Jugendliche überhaupt ernst zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film, in dem eine Zehnjährige allein durch den Wald läuft, mit ihrem gleichaltrigen Freund den kurzen Schwedensommer lang ohne Erwachsene in einer Bärenhöhle wohnt und auch noch mit ihm nackig baden geht, heute gedreht werden könnte. Vor dreißig Jahren ging das.

Ich glaube, dass Astrid Lindgren eine der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts war und für immer unter den Großen der Kinderliteratur bleiben wird. Dass wieder Bücher und Filme gemacht werden, die Kinder auf diese Art ernst nahmen, wie Lindgren es getan hat, ist mein Wunsch.

Reading King – Der Nebel / The Mist

Ich wollte meine kleine King-Serie mal fortsetzen und vermutlich kommen jetzt einige Blogposts flott hintereinander weg, denn es ist Zeit für eine Kurzgeschichtensammlung. Ich lese „Skeleton Crew“, die Sammlung, die ursprünglich in drei Büchern in Deutschland veröffentlicht wurde. Heute bekommt man sie unter dem selten dämlichen Namen „Blut“ als Gesamtausgabe.

Der Nebel ist die längste Geschichte, kommt von der Länge her annähernd an die Novellen der Jahreszeitensammlung heran, wurde von Frank Darabont genial verfilmt und ich weiß, dass ich beim erstens Lesen, das allerdings auch mehr als 25 Jahre zurückliegt, völlig gefesselt und gepackt war.

Die Geschichte ist eigentlich nicht sehr schwer zu erzählen. Nach einem heftigen Sturm ist der Strom ausgefallen und jede Menge Bäume umgestürzt. David, der mit Frau und Sohn am Ufer eines Sees wohnt, beseitigt erst einiges an Holz, das unter anderem sein Bootshaus völlig zerstört hat, dann fährt er mit dem fünfjährigen Billy einkaufen, nimmt auch noch den nervigen Nachbarn Brenton mit. Bevor sie fahren, sehen sie über dem See einen ungewöhnlich dichten Nebel, der irgendwie unnatürlich aussieht.

Im Supermarkt holt der Nebel sie dann ein. Es wird dunkel und jemand stürzt blutend in den Laden und ist voller Entsetzen. Nun will niemand mehr hinaus und es kommt auch niemand mehr herein. Bald wird deutlich, dass es im Nebel sehr unheimliche und immer tödliche Kreaturen gibt. Kreaturen, die teilweise wirken, als wären sie aus prähistorischer Zeit übrig geblieben, oft aber auch Wesen, die es nie auf der Erde gegeben haben kann. Ein Teenager,d er versucht, das Abgasrohr des Notstromaggregats wieder frei zu bekommen, wird von einem unheimlichen Tentakel geschnappt und sehr wirkungsvoll umgebracht. Als Nachbar Brenton mit vier Mitstreitern versucht, aus dem Supermarkt zu entkommen, kommt er keine hundert Meter weit. Die Wäscheleine, mit der David einen der Mitstreiter ausgerüstet hat, ist am Ende ausgerissen und blutverschmiert, als er sie wieder einzieht.

Allerdings ist es im Supermarkt auch bald nicht mehr sicher, denn eine fanatische Ladenbesitzerin aus der Nachbarschaft sammelt eine religiöse Gefolgschaft, die ausgerechnet Billy als Blutopfer ihrem Gott darbringen wollen. Also fliehen ein paar halbwegs geistig gesunde rund um David aus dem Supermarkt. Aber ein hoffnungsfrohes Ende gibt es nicht. Fünf Menschen sind in einem Allradler unterwegs, von den Bestien meistens unbelästigt, aber der Nebel ist überall.

King sagt immer wieder, dass seine Hauptmethode beim Schreiben das „was wäre wenn?“ ist. Der Nebel ist eine Geschichte, die das par excellence durchexerziert. Was wäre wenn die Forschungen der  Army zu einem Loch im Gefüge der Dimensionen führen und eine andere Dimension wie ein Nebel in unsere Welt vordringt? Die Eingeschlossenheit und die völlig die geistige Gesundheit zerstörende Bedrohungslage im Supermarkt ist eine der extremsten Lagen, in die King seine Protagonisten jemals schickt. Diese kleine Geschichte ist in dieser Hinsicht eine seiner radikalsten.

Seine große Skepsis gegenüber diversen staatlichen Einrichtungen, die King in vielen Romanen und Geschichten auch gerne mal feiert, wird hier einerseits fast en passant bedient, andererseits sind die Folgen so gravierend, wie sonst nur in The Stand. Hier gibt es keine öffentliche Hand, die noch irgendwas regeln kann, die einzigen zwei Soldaten, die zufällig mit im Supermarkt gefangen sind, begehen schnell Selbstmord – und selten war Suizid so sehr Ausdruck von Schuldeingeständnis. Die Menschen im Supermarkt sind auf sich selbst angewiesen, und nein, es gibt keine große amerikanische Gemeinschaftsanstrengung, die man vielleicht erwarten würde, vielmehr eskaliert hier die menschliche Natur, und die Tünche der Zivilisation bröckelt im Angesicht von tödlichen Monstern erschreckend schnell ab.

Der Nebel wirkt ein wenig wie eine Fingerübung für einen noch recht jungen Stephen King, der eine kleine radikale Geschichte erzählt. Er opfert verschwenderisch Figuren der Geschichte, er spielt zu einem dreckigen kleinen Apokalypso auf. Hier und da wirkt er ein wenig ungeschliffen und dramaturgisch gibt das alles eher wenig her. Aber dieser Nebel ist kraftvoll und zieht immer noch in seinen Bann. Die nächste Nebelschwade wird mir wahrscheinlich ein flaues Gefühl im Magen bescheren.

Eisblumen – Vom Widerstand in kalter Zeit

Nach langer Zeit habe ich wieder mal ein altes Theaterstück von mir auf archive.org hochgeladen. ich hatte das ja mal mit allen Stücken vor, bin aber in dieser Hinsicht stark gehemmt, da ich grundsätzlich recht depressiv werden, wenn ich im Moment über das Thema Theater nachdenke.

Eisblumen, das man jetzt als pdf runterladen kann, ist nun schon bald acht Jahre alt und wurde einmal stark überarbeitet, weil ich es vor zwei Jahren noch mal neu inszeniert habe. Trotzdem ist es immer noch eine eher kurze Theatercollage, deren Formatierung grausig ist und das an vielen Ecken merken lässt, dass ich damals eine sehr knappe und fragmentarische Arbeitsweise hatte. Ich habe mich seitdem einige Mal verändert, würde heute sicher einiges anders machen, aber trotzdem halte ich es nicht für Unfug, die Collage öffentlich zu machen.

Es stecken einige spannende kleine Szenen drin, es gibt ein bisschen was unterhaltendes, bevor ich gegen Ende den Vorschlaghammer nehme und auf jede Tränendrüse einschlage, die ich finden kann. Der damalige Hauptdarsteller, mit dem ich heute zusammen podcaste, sagt da immer, dass ich ja ein alter Schaubudenbesitzer bin, der da gerne mal mit der Keule kommt.

Eisblumen ist übrigens kein Geschichtsstück, dass die Betroffenheitsnummer durchziehen will, mich interessierten die Geschichten derjenigen, die damals gegen den Faschismus gekämpft haben, und ich erzähle Geschichte gerne mit Geschichten. Also gute Unterhaltung beim Lesen … und vielleicht mag es ja auch noch mal jemand aufführen. Dann bitte bescheid sagen, die Aufführungsrechte sind in der CC-Lizenz nicht drin .

Reading King: Doctor Sleep/Doctor Sleep

Ups, da bin ich doch glatt mal aktuell. „Doctor Sleep“ ist der aktuelle King, und eine Reise zurück, eine Reise durch die Zeit und eine lange Reise. Schaute schon in „Joyland“ der Tod selbst gar nicht so selten um die Ecke, in diesem Buch wird er das Hauptthema.

Einer Reise in die Vergangenheit? Ja, wir sind zurück  bei Danny Torrance, dem kleinen Jungen aus  The Shining, wir schauen in die Zeit nach dem Overlook Hotel, wir sehen ihn dann wieder, als er seinem Vater in die Alkoholsucht folgt. Wir sehen seinen Tiefpunkt, als er einer alleinerziehenden Mutter das letzte Geld klaut und einem Obdachlosen die Decke klaut. Wir schauen zu, wie er in Frazier ein neues Zuhause findet, gar nicht weit von Castle Rock entfernt, aber ausnahmsweise nicht in Maine.

Er macht die harte Geschichte mit, geht zu den Anonymen Alkoholikern, arbeitet in einem Hospiz und sein Shining, das er immer versucht hat, stumm zu trinken, kommt wieder. Er kann damit Sterbenden sogar helfen. Gleichzeitig lernen wir die kleine Abra Stone kennen, ein Mädchen, das noch mehr Shining hat, als sogar Dan es als Kind hatte. Sie ist für einiges an Poltergeistphänomen zuständig, und früh nimmt es Kontakt zu Tony auf, dem imaginären Freund aus Dans Kindheit. Eines Tages wird Dan ihr Lehrer sein, so wie es Dick Hallorann für ihn war.

Und der dritte Mitspieler, in diesem Fall der Antagonist, denn ohne geht es nun mal nicht, ist Rose, die Anführerin des Wahren Knotens, einer Gemeinschaft von vampirischen Wesen, die man einst aus Menschen mit Shining umwandelte. Sie ernähren sich von Steam, der natürlichen Kraft des Shinings, am liebsten hart durch Schmerz gereinigt. Manchmal, wen sie starke Vorahnungen haben, ernähren sie sich auch von Unglücken und der erquicklichen Atmosphäre einer mörderischen Gegend, aber zu Tode gequälte Kinder mit Shining sind der Knüller, die Delikatesse für sie.

Eines Tages, Abra ist zehn, wird sie telepathisch Zeuge von einem dieser Morde, und nun gibt es eine Verknüpfung, die eines Tages zu einer spektakulären Endabrechnung ausgerechnet in den Bergen Colorados stattfinden muss, dort, wo einst das Overlook explodierte.

Hm, ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, erst über „The Shining“ zu schreiben, dass ich vor weniger als einem Jahr gelesen habe, was also noch recht frisch ist. Dann habe ich aber jede freie Minute in Doctor Sleep gesteckt, weil es nun mal so verdammt spannend ist, und bin noch nicht dazu gekommen.

Jetzt würde ich gerne von Doctor Sleep genauso schwärmen, wie ich das bei Joyland getan habe, Meisterwerk und so, ihr kennt das. Aber es tut mir leid. So spannend Doctor Sleep ist, so sympathisch Abra und so vieles in diesem Buch wirklich gelungen ist, so richtig von innen hat es mich nicht gepackt. Vielleicht, weil die Beschäftigung mit dem Tod durch Doctor Sleep, also Dan Torrance ein bisschen arg optimistisch scheint, vielleicht, weil das „Kreisen“ der Mitglieder des Wahren Knotens so arg schräg wirkt. Weil die Geister aus Shining nicht so richtig mit den Wahren harmonieren – wir haben hier quasi zwei leicht verschiedene parapsychologische Erklärungswesen nebeneinander, eben die von Shining und die des neuen Buches. Das passt einfach nicht ganz zusammen.

Und es geht auch alles ein bisschen zu glatt und einfach – und eine Wendung relativ spät im Buch, knackt ein bisschen, kein Deus-ex-Machina, aber zumindest sein Schatten. Das Ende ein bisschen zu harmonisch, ein bisschen zu zerfasert.

Jetzt habe ich so viel gemeckert, das ist alles Folge des Schlusses, der mich halt auch ein bisschen geärgert hat. Aber es gibt eine Sache in diesem Buch, die äußerst gelungen ist, und das sollte ich hier dann auch nicht verschwiegen. Die Mitglieder des Wahren Knotens, diese Halbvampire sind sehr sozial untereinander, freundlich und mitfühlend. Eine große harmonische Familie, die nur halt dann und wann ein Kind schlachtet. Eine so menschliche Form von Ungeheuern schaffen nicht viele Schriftsteller des Genres – hier zeigt King, dass er das Handwerk des Horrors nicht verlernt hat, auch wenn dieser Teil seines Werks gefühlt schon ein paar Jahre zurück liegt. In diesem Buch geht es ein Stück weit zurück in die Zeiten von Christine, Feuerkind und natürlich Shining – und diese Bösewichte sind noch mal ein Stück seltsamer und in ihrer Einstellung widerlicher. Aber, wie sagt Rose The Hat so schön: „Was tun wir anderes, als ihr, wenn ihre Tiere schlachtet?“

Lesenswert? Ja klar, es gibt kaum einen King, der nicht wenigstens lesenswert ist. Aber ich gebe zu, meine Erwartungen steigen nach einem Buch wie Joyland natürlich noch, wenn das möglich ist, und Doctor Sleep ist eben nur ein gutes Buch, kein Meisterwerk.