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Die Idee des Anspruchs in der Theaterpädagogik

Wieder mal eine Folge meiner kleinen Theaterpädagogikserie. Dieses Mal geht also um den Anspruch, und dabei nicht um den Anspruch, den man an sein Publikum hat, sondern um das, was man seinen Schülern abverlangt.

Aus der Sicht des Regisseurs ist das eine ganz einfache Sache, ich muss Schauspieler dahin bringen, dass sie ihre Rollen richtig spielen, und dabei gibt es kaum Grenzen. Muss ich einen Darsteller erst brechen, so werde ich das tun, wird jemand nur dann gut spielen, wenn er mich hasst, so nehme ich das in Kauf – klingt hart? Ist aber durchaus nicht so selten. Regisseure sind oft Diktatoren, und das in gewisser Weise auch zu Recht: Haben sie ein klare Vision dürfen sie nicht mehr zurückstecken, sondern müssen genau diese Vision auf der Bühne neu erschaffen.

Nun habe ich persönlich kaum mit solchen Regisseuren zusammengearbeitet, war aber selbst immer zu relativer Selbstaufgabe bereit – allerdings war schon früh klar, dass ich selbst auch gern inszeniere, und so habe ich immer alle Freiräume genutzt, die mir Regisseure zugestanden haben. Aber da ich eben hauptsächlich solche Exzesse, wie einen Abschnitt höher beschrieben, nur vom Hörensagen kenne, habe ich mir eine solche Art zu inszenieren auch nicht angewöhnt. Ich versuche eher, meinen Schauspielern eine Basis zu geben, ein Grundgerüst, in dem sie dann glänzen dürfen, leben dürfen. Diktatorisch werde ich erst, wenn jemand keinen Einsatz bringt, sich nicht mit seiner Rolle beschäftigt, nicht offen ist. Dann versuche ich, darauf einzuwirken, an den Wurzeln zu arbeiten, dann bin ich auch streng, und greife notfalls auch zu härteren Bandagen.

Aber eigentlich habe ich mich schon ein wenig von meinem Thema entfernt, nun also zurück zum Anspruch an die Kinder und Jugendlichen, die man im Bereich der Theaterpädagogik eher antrifft. Was kann ich von Kindern verlangen, was von Jugendlichen? Wie muss ich sie behandeln?

Meine These ist: Ich muss jeden Schüler ernst nehmen, letztlich kaum anders behandeln als Erwachsene. Das bedeutet unter anderem, dass ich Schülern, weder den Achtjährigen, und noch viel weniger den pubertierenden 15jährigen die Verantwortung für das abnehme, was sie auf der Bühne tun. Wer auf die Bühne will, und das sollte man wollen, wenn man in Musical- oder Schauspielkurse geht, dann muss man mit der Unsicherheit der Bühne leben. Der erste Schritt muss schwierig sein, das Lampenfieber muss da sein. Versuche ich das als Pädagoge abzufedern, werden nicht nur die Ergebnisse auf der Bühne schlechter sein, spannungsloser, ich nehme den Darstellern auch die Chancen das zu erfahren, was Bühne wirklich bedeutet.

Aber ist es denn dann nicht möglich, dass die Darsteller auf der Bühne versagen? Lasst mich mal kurz überlegen: Ja! Ist möglich! Aber das ist es auch, wenn ich ihnen vorbete, es könne ja nichts passieren – nur ist der Sturz schmerzhafter, wenn sie sich sicher fühlen.“ Schauspieler sind die Typen mit den Torten im Gesicht“, so heißt es in „Fame“, also dem originalen Film, nicht der neuen Version, Schauspieler lernen auch dadurch, dass sie mal gegen die Wand rennen, mal vom Seil stürzen – ohne die Narben wird keiner wirklich gut. Und genau das ist der Grund, weshalb ich auch im Unterricht etwas von meinen Schülern verlange, vielleicht sogar manchmal mehr, als sie schaffen können – ohne Frustrationsmomente lernt niemand, und wenn ich das jetzt gerade nicht hinbekomme, dann will ich das nächste Woche schaffen, oder übernächste. Das ist nicht immer schön, nein, es ist auch nicht immer nur Spaß, aber in reiner Harmonie kommt man nun mal nicht zu guten Ergebnissen.

Die Frage ist einfach, was ich erreichen will, ja, letztlich sogar, wofür die Schüler ihre Kursgebühr entrichten. Die gehen in einen Theaterkurs aus dem gleichen Grund, weshalb andere zum Fußball oder zum Judo gehen, um die Sache, also Schauspiel, zu betreiben, um darin besser zu werden, um in das herein zu wachsen, was Theater so bedeutet. Und so, wie sie im Fußball lernen, dass man auch mal verliert, so lernen Schauspieler diese feine Linie kennen, die zwischen grandiosem Theater und dem totalen Reinfall liegt. Der Schüler soll das erleben, was Theater bedeutet. Den Schritt ins Rampenlicht, das Lachen, die Stille, das Raunen, alle Reaktionen des Publikums. Dafür muss ich ihn immer wieder an seine Grenzen führen, damit er sie erweitert, damit er vollständiger wird, damit er diese Reaktionen hervorrufen kann.

Das soll nicht heißen, dass man alle harten Methoden der Regiekunst auch an Kindern ausprobieren sollte – aber man darf sie nicht in Watte packen, wer weiß, ob sie da je wieder rauskommen. Und manchmal kommt es dann auch zu Tränen, manchmal ist die Frustration sehr groß, und meistens sind die Schüler in solchen Momenten einfach tief von sich selbst enttäuscht, eine Stimmungslage, die nicht schön ist, aber auf der man aufbauen kann. Und ganz ehrlich, wenn so ein Weg zu einem Stück schwer ist, oftmals auch die körperlichen und psychischem Kräfte fast überfordern,  dann ist der Applaus noch viel süßer, der Lohn einfach mehr Wert, denn man weiß, wofür man ihn bekommen hat. Und das Ergebnis wird es auch immer lohnen.

Das Publikum besteht ja oft aus Verwandtschaft und Freunden, und wenn man dann hört, so hätte man „seine“ Darstellerin noch nie gesehen, dann ist das einfach der Punkt, an dem man als Theaterpädagoge seinen Erfolg messen kann. Höre ich hingegen: „Och, das war ja schön!“ – dann habe ich offenbar etwas falsch gemacht, denn dieses Urteil gibt es auch für die blödsinnigste Schulaufführung, und wenn ich nicht mehr auf die Bühne bekomme, als der durchschnittliche Lehrer, dann kann ich auch gleich aufhören.

Das da, direkt neben normal!

Wer meinen Blog hier und da mal liest, mag erkannt haben, dass ich Musicals mag und manchmal auch mach – und wer welche auf die Bühne bringen will, der sollte sich tunlichst auch mit ihnen auskennen, denk ich mir mal so, also versuch ich auf dem Laufenden zu bleiben. Die neueste Entdeckung, und einfach der neue Stern am Musical-Himmel ist „Next to normal“, das einige Tonys gewonnen und mein Herz innerhalb weniger damit verbrachter Minuten erobert hat.

Übrigens heißt der große Erfolg am Broadway nicht, dass wir in Europa da viel von mitbekommen werden, ähnlich phänomenal schlug einst „Ragtime“ ein, und davon hat in Deutschland kaum jemand gehört – okay, das Thema ist recht amerikanisch, aber es ist auch großartig, dass das niemand in Deutschland machen will, ist mir völlig unerklärlich … aber zurück zum Thema:

Soweit ich „Next to normal“ bisher verstanden habe – mein Englisch ist nicht großartig und man versteht bei Liedern ja nicht immer alles – baut sich folgendes Gemälde auf: Eine Familie wird gezeigt, eine augenscheinlich ganz normale amerikanische Familie – und schaut man ins Booklet sieht man, meine Herren, die sehen wirklich normal aus, weißer Durchschnitt – , aber mit der Normalität ist es nicht weit her. Vor allem, weil die Mutter das ist, was man landläufig manisch-depressiv nennt. Die Tochter ist nebenbei ein Genie, und der Sohn … im Alter von anderthalb Jahren gestorben – allerdings nicht so richtig tot, er lebt (und singt) in den Köpfen der Familie weiter.  Dann gibt es noch ein bis zwei Ärzte und den Freund der Tochter, der sie irgendwie nicht davon überzeugt bekommt, dass er sie so liebt wie sie ist.

Klingt nach einem eher drögen Thema, ist aber ein sensationelles Stück. Ironisch witzig, aber auch von einer kathartischen Schonungslosigkeit, was für ein Tragödie und was für eine Komödie in einem Stück. Dialoge und Textzeilen, die zum stärksten gehören, was ich überhaupt je in einem Musical gehört hab, und das eben sowohl in Humor als auch all ihrer Ernsthaftigkeit. Aufgrund der natürlich enormen Fallhöhe sind die Gags natürlich auch besonders heftig. Und musikalisch? Sehr abwechslungsreich, sehr eingängig, endlich mal wieder ein Musical, in dem es eigentlich kein schlechtes Stück gibt, in dem man sich oft in diese tolle Musik reinlegen kann – wie jetzt gerade, das ist toll, wenn man ein Musical hört, während man darüber schreibt. Weder in der Musik, noch im Gesang oder in der Instrumentierung gibt es irgendwelche Schnörkel, irgendwelche unsinnigen Phrasierungen, irgendwelche hohen Töne, die nur das unglaubliche Ego der Darsteller bedient, nicht aber die Geschichte, das Stück. Trotz aller Komplexität und obwohl es so abwechslungsreich ist, wirkt die Musik immer einfach und richtig – ein, wie ich finde, unglaubliches Lob, und dennoch muss man es so sagen.

Ja, ich habe mein Herz an „Next to normal“ verloren, so liebe Leser, jetzt seid Ihr dran!

Wie viel muss der Zuschauer verstehen?

Ich versuch gerade nach Kräften einer Schulproduktion zu helfen, einem kleinen von Schülern selbstgeschriebenen Musical mit ABBA-Songs, das schauspielerisch ein wenig gecoacht werden muss. Dabei unterhält man sich natürlich mit den Kollegen über diverse Dinge und dabei kam die Frage auf, was die Zuschauer verstehen müssen, und was nicht.

So eine Frage führt bei mir ja schon mal zu Meditationen – ich hab mir diese Frage noch nie gestellt, obwohl ich nun schon einige Jahre die Position des Autoren und Regisseurs gerne inne hab. Natürlich hab ich eine impulsive Meinung, die ich nicht geäußert habe, weil ich mir im fast gleichen Moment dachte, dass das eine Meditation verdient.

Das eine Extrem: Ich versteh nix!

Es kommt selten vor, aber es passiert. Das Stück beginnt, ich sehe Bilder, ich höre Sprache und frage mich die ganze Zeit, was denn da los sei. Da ist die Inszenierung nur rudimentär mit dem Text verknüpft, der Regisseur hat vor lauter Ideen vergessen, dass er gefälligst eine Geschichte zu erzählen hat, oder zumindest Mini-Dramaturgien ausspielen muss. Inszenatorische Onanie! Find ich ätzend.

Das andere Extrem: Alles wird erklärt!

Bei manchem Klassiker ist es sogar stückimmanent – die ganze Zeit wird jedes Detail herausgeplärrt, auf das der „doofe“  Zuschauer auch wirklich keinen Zusammenhang verpasst, also gar keinen. Deswegen hat es ja oftmals auch Sinn, Klassiker zusammenzustreichen, aber das nur nebenbei. Auch passieren nur Sachen, die angekündigt und reflektiert werden, alles wird erklärt, es gibt kein Geheimnis mehr – auch furchtbar. Das ist einfach kitschig und noch viel schlimmer, es ist langweilig. Die Zuschauer brauchen nicht mitdenken, das ist nur für die ganz hartgesottenen RTL-Zuschauer erträglich, und die gehen nicht ins Theater. Macht man es dem Zuschauer zu leicht, schläft er ein.

Der Mix macht es – natürlich!

Ach  ja, wie so oft in der Kunst, es dürfen einfach nicht die Extreme sein. Es muss Geheimnisse geben, es muss Sachen geben, die man nicht im ersten Moment versteht. Ja, es ist sogar erlaubt, dass man einzelne Details als Zuschauer übersieht, dass man ein paar Sachen gar nicht so einfach verstehen kann. Wie wunderbar, wenn man ein Stück dreimal sehen muss, bis man alles verstanden hat. In einem Stück über Widerstand im dritten Reich gab es mal den legendären Satz „Ich war gerade beim „T“ von Arschloch“ – ein junger Mann war beim Malen von Parolen überrascht worden. Der junge Mann, der diesen Satz sagte, hat den Gag dahinter erst beim dritten Proben nach Erklärung verstanden – und das, obwohl er meistens ein cleveres Bürschchen ist. Natürlich meinte seine Rolle, dass er gerade das „T“ in Hitler geschrieben habe – damit die Leser den Gag auch erklärt bekommen, Entschuldigung, ich will nur mit offenen Karten spielen. Ich persönlich habe mich beim Schreiben des Gags schon mal kräftig amüsiert, ich fand ihn auch im Stück noch recht lustig. Von den gut zweihundert Zuschauern, die das Stück damals gesehen haben, haben da nicht so viele gelacht, nein, das haben nicht viele verstanden, wer denkt auch um so eine Ecke? Aber die, die es nicht verstanden haben, verpassten nichts Wichtiges, und die, die es verstanden haben, hatten einen kleinen Extrakick. Fand ich super, find ich auch heute noch super.

Und das bringt mich zu einer These: Das Wichtige muss einfach zu verstehen sein. Aber je mehr kleine Gags im Hintergrund liegen, je mehr Geheimnisse und gut durchdachte Anspielungen die Zuschauer bereichern, desto besser. Das grundsätzliche Stück sollte da nicht drunter leiden, man kann auch mit Gags an der falschen Stelle und Anspielungen und Zitaten an Stellen, an denen einfach Wichtigeres stehen müsste, ein Stück kaputt machen. Es gibt Momente, in denen die Zuschauer nicht mehr denken dürfen, sondern fühlen müssen.

Also noch mal eindeutig, die Zuschauer müssen nicht alles verstehen. Das Wichtige müssen sie aber verstehen, sonst fühlen sie sich völlig zu Recht betrogen.

Zwei Fragen bleiben:

Muss alles logisch sein?

Klare Antwort: NEIN! Nein, es muss nicht alles logisch sein, aber auch das ist eine zweischneidige Sache. Es gibt eine Bühnenwirklichkeit, der Typ, der zwanzig Zentimeter am Kollegen vorbeigeht, ihn aber nicht sieht, weil es gerade so sein muss, oder die klassische Haushälterin, die immer mal wieder über die Schulter ihre wirkliche Meinung über die Herrschaften in Richtung Publikum laut flüstert – was die Herrschaften natürlich nicht hören. Ich mag es gern auch noch ein bisschen anarchistischer und ironischer, ich hab einen großen Spaß daran, wenn die Rollen in wiederum nicht gerade den emotionalsten Momenten bemerken, dass sie in einem Theaterstück mitspielen, wenn an einer Stelle, an der sie nicht da sein kann, die Gouvernante hereinschaut und um Ordnung bittet, weil das ja nun mal ihr Job ist. So kleine Cracks in der stückimmanenten Logik sollten in Komödien immer erlaubt sein – wie gesagt, nicht an Stellen, die wirklich wichtig für die Handlung sind. Man sollte Logik nicht zu ernst nehmen – die Geschichte schon, die Logik, och nö …

Muss alles durchdacht sein?

Auch nicht. Wie oft passiert es: Man probt eine Szene zum ersten Mal, die Darsteller gehen auf die Bühne und machen etwas, und man sagt: „Das ist gut, machen wir so.“ – Und irgendwann fragt ein Zuschauer, warum hat er denn das so gemacht, warum kam sie von dort, und bietet gerne auch noch eine Interpretationsmöglichkeit an. Und dann steht man da, nickt wissend und denkt sich – ähm, Interpretation, nun, es sah gut aus … Instinkt oder so … manchmal hat Kunst vielleicht einfach was mit Können zu tun, und nicht mit Denken. Und es gibt ja oft auch den Moment, in dem man diesen kleinen unsicheren Schritt geht, von dem man weiß, dass er irgendwie richtig ist, dessen Begründung oft erst deutlich später nachkommt, vielleicht aber auch nie, und der eben trotzdem richtig ist. Es ist eben doch Kunst, und die ist nicht immer plausibel, rational und durchdacht.

Elisabeth – Düsseldorf – Capitol – Derniere

Ja, da war ich – weil ich endlich mal Elisabeth on stage und nicht on DVD erleben wollte, wo man ja nur die Hälfte mitbekommt. Und ja, endlich war es mal wieder ein Erweckungserlebnis, eine Regie die grandios ist, ein Musical, das Schwächen, aber auch große Stärken hat, ein Bilderreigen, der wieder für ein paar Wochen die Begeisterung fürs Theater auf 150 Prozent bringt.

Elisabeth hat keine Schwächen? Oh doch, klar, vor allem musikalische. Leitmotivik mag eine schöne Sache sein, doch so ganz ohne große Variation die immer gleichen Melodien auf Publikum loszulassen, ist manchmal auch anstrengend – zumal die Kernmelodie, Elisabeths „Ich gehör nur mir“ eine überaus kitschige ist, die an Fernsehmusik aus den 80ern erinnert. Überhaupt gibt es eine zu große Menge Balladengeschwafel, einige davon sind auch wirklich ganz gut, aber dann irgendwann in der Menge und im Reprisenreichtum anstrengend. Daneben ist Kaiser Franz-Josef leider eine völlig untheatrale Rolle, ein Waschlappen, der keine Kraft hat, der kein Charisma haben darf, der dann aber eben auch das Publikum nur peripher tangiert.

Aber es gibt ja auch die boshaften Nummern, die tollen Ensembles, die großartige dramaturgische Idee, den Tod als Liebhaber Elisabethens einzubauen – und in diesem Fall auch eine ziemlich coole Sau, die den Lucheni spielt, großartige Leistung. Aber vor allem muss man dankbar sein, dass die ursprüngliche Inszenierung von Harry Kupfer gespielt wurde, düster romantisch, mit vielen witzigen Momenten und Ideen gespickt, mit einer Choreographie, die mich zum Tanzfan macht – natürlich hat das eine starke Künstlichkeit, aber die ist quasi in die Dramaturgie der Stückes ja schon eingebaut und wirkt daher völlig richtig. Das Pferdeballett, dass die (wunderbare) Erzherzogin Sophie mit ihren Truppen aufführt, ist so nah an der Lächerlichkeit, und dennoch schlicht großartig – was für ein schmaler Pfad, wie großartig beschritten! Hier kann man Regie sehen, wie sie sein soll, einfallsreich, dem Stück dienend, und doch anspruchsvoll und sich der Sprache des Theaters virtuos bedienend.

Das Personal an diesem Dernierenabend ist zu einem sehr großen Teil sehr gut – allein, der Tod kann nicht überzeugen – zu weich die Stimme, zu sehr Milchbubi – leider setzen sich überall diese jungen Sänger durch – ich musste mir auch schon mal einen sehr ähnlich mädchenhaften Helden im Starlight Express anschauen – aber so einer wird nie zum Helden, sorry. Elisabeth hingegen, wirklich gut! Und da stört auch ein vergeigter Ton nicht, diese Elisabeth, die auch richtig aussich raus kommen kann, ist wirklich überzeugend.

Was mich als halbwegs klassisch ausgebildeten Sänger ein wenig anstrengt, ist die völlige Hinwendung zum Shouting, einer Gesangsart, in der eben hauptsächlich geschrien wird, kontrolliert zwar, aber doch eben geschrien – da gibt es dann doch einige Momente, in denen der Gesang einfach zu hart wird, nicht mehr gut klingt, eigentlich gar nicht klingt.

Trotz der Kritikpunkte, Elisabeth war ein Erlebnis, ein starker Theaterabend, einer dieser Momente, in denen man wieder wo wirklich weiß, warum man sein Herz an das Theater verloren hat.

Für ein populäres Theater!? – ein paar Gedanken …

Dankenswerterweise wurde mir dieser Artikel in die Hand gegeben: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=712&Itemid=84. Sehr lesenswert. Autor Stefan Keim bringt das Theater endlich mal auf eine intellektuelle Ebene mit den anderen dramatischen Künsten, mit dem Fernsehfilm, mit dem Kino. Jetzt könnte man natürlich sagen, er bringt es auf eine niedrigere Ebene, aber was heißt das eigentlich?

Keim spricht von dem Contergan-Fernsehfilm, und warum sich das Theater nicht einem solchen Thema auf eine ähnliche Art und Weise annähern kann, wie der Film – ja, niemand in den Feuilletons käme laut Keim darauf, ein solches Thema im Theater zu vermuten. Das Theater ist nicht mehr in der Mitte der Kultur, sondern nur noch eine Randerscheinung – eine relativ eindeutige Einordnung, wenn Keim sie auch nicht gerade schonungslos vorbringt. Natürlich hat er Recht, das Theater hat sich genauso von seinem Publikum entfernt, wie es die E-Musik getan hat, die Bildende Kunst und viele andere mehr. Und wenn Keim anklingen lässt, dass die Länder, in denen das Theater wenige bis keine Subventionen bekommen, ein spannenderes Theater machen, als das in Deutschland geschieht, dann stimmt auch das ohne Zweifel – unter dieser Prämisse könnte die schwarz-gelbe Regierungszeit eine unfreiwillige Qualitätssteigerung im Theater herbeiführen. Woran liegt das? Warum ist das Theater in Deutschland verkopft, und so weit außerhalb der Gesellschaft, wenn doch der einstige kleine Bruder Film immer noch und trotz weitläufigem weiteren Medienangebot die Nummer 1 ist? – Wenn auch mehr auf Bildschirmen als im Kino – aber auch Kinos gibt es ja und es geht ihnen trotz vieler Klagen ziemlich gut.

Dem Theater geht es ja eigentlich auch gut, schließlich leben da immer noch viele Menschen von, und es gibt ja auch immer wieder Sachen, zu denen die Zuschauer strömen – aber im Großen und Ganzen ist einfach der Kontakt vom Theater zur Wirklichkeit abgerissen. Und wenn Stefan Keim ein populäres Theater fordert, dann hat er recht, ganz einfach und schlicht recht. Es gibt so großartige Filmstoffe, die auch wunderbare Theaterstücke ergeben würden – aber die Bühnen erreichen meistens allenfalls die Musicals, die man aus den Filmen zimmert, auch schön, aber selten sehr ergiebig. Wo wird der „Club der toten Dichter“ auf die Bühne gebracht? Oder „Wie im Himmel“? – ups, das habe ich sogar auf einer Bühne gesehen, als Klassenspiel der hiesigen Waldorfschule, aber im Spielplan von Schauspielhäusern und Stadttheatern findet man so was nicht …

Und wie wunderbar kann man diese Stoffe mit den Mitteln des Theaters umsetzen, ihnen neue Dimensionen geben, die Zuschauer wahrhaftig an ihnen teilhaben lassen. Man könnte Menschen mit Umsetzungen großer Filme wahrhaftig beschenken – wie wäre es, vor Weihnachten „Ist das Leben nicht schön?“, geht es denn besser? – Richtig, „Besser geht es nicht“ wäre auch ein schöner Stoff … ich verfranse mich gerade … und wenn ich schon dabei bin – es muss nicht immer Hollywood sein, nein, wirklich nicht – wie wäre es mit „Kleine Haie“ oder „Barfuss“?

Natürlich geht es nicht nur um die Umsetzung von Filmstoffen, aber das wäre schon mal ein weites Feld – dazu kommt alles, was die Literatur hergibt und bitte, bitte auch neue, gut geschriebene Stücke – nicht von durchgeistigten Dramatikern, sondern von praktischen Geschichtenerzählern – und hier kommt natürlich Keims Kritikpunkt wieder hervor, dass man vom Schreiben von Theaterstücken nicht leben kann, wohl aber vom Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen – da stimmt also was nicht.

Die Themen fürs Theater liegen auf der Straße, von Fritzl über Spendenaffären, von Castingopfern bis zu Amokläufern oder was auch immer eine Geschichte hergibt – denn genau hier krankt es doch dran, an den Geschichten. Aus dem Theater ist ein Ort für intellektuelles Gelaber geworden, wortreich, sinnleer, langweilig. Aber Theater muss Handlung, Gefühl und Wirklichkeit sein – das unmittelbare Erleben ist doch der große Vorteil des Theaters, warum wird der ständig verschenkt? Oder gegen billige Provokation getauscht?

Aber Stefan Keim hat nicht nur Recht. Er möchte die Genre-Stücke zurück ins Spiel bringen. Das zielt aber auch wieder recht kurz, denn Genres sind schön, haben aber oft zu enge Grenzen. Krimis und Psychothriller sind nette Labels, aber das deutsche Schubladendenken ist so allumfassend, dass die Gerne-Stücke beim Feuilleton eh durchfallen werden, dass man sich schämen wird, „so was“ im Theater anzuschauen, selbst wenn man dabei großen Spaß hatte. Genres sind für Kritiker praktisch, aber sonst nicht viel. Es geht um Geschichten, wenn die erzählt werden, dann sind doch die Genres egal.

Und irgendwie stellt Keim auch Verfremdungen der straighten Genre-Erzählweise gegenüber – auch das ist Unsinn. Das Theater hat sich einen reichen Werkzeugsatz erarbeitet, mit dem sie Geschichten anders erzählen kann, als das der Film macht, da sind ganz viele Verfremdungen bei und die sind auch wichtig. Wo könnte man die Realität so schön brechen, poetische Momente hinzufügen, Ironie nutzen, wie im Theater – aber man darf das eben nicht gegen die Geschichte, man muss die Geschichte damit unterstützen! Bei Tarantino sagt auch keiner, dass er keine Geschichten erzählen kann, nur weil er ein paar nette Verfremdungen in seine Filme einbaut.

Ja, es muss wieder an einem populären Theater gebastelt werden, aber mal ganz konkret gesprochen, nur gutes Theater kann populäres Theater sein, und gutes Theater erzählt mit allen Mitteln dieser großartigen Kunst gute Geschichten!