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Jojo Rabbit – Rezension

(Disclaimer: Das ist hier keine Spoilerkritik, aber manche Dinge lassen sich nicht erklären, ohne zumindest Dinge anzudeuten, die für die Handlung wichtig sind.)

Wie schade, wenn das eigene Filmerleben sich nicht ganz mit dem Nachdenken über den Film kombinieren möchte. „Jojo Rabbit“ von Regisseur Taika Waititi ist grotesk witzig und wunderbar, aber auch sehr amerikanisch, einigermaßen geschichtsklitternd und spielt mit ein paar Klischees, die im Zusammenhang mit dem Thema das Films dann doch eben schwierig sind. Aber worum geht es eigentlich?

Johannes, genannt Jojo, Betzler ist ein kleiner deutscher Junge in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Er ist fanatischer Nazi, steht total auf Hakenkreuze und sein imaginärer Freund ist eine durchgeknallte Version des Führers selbst.Seine Mutter allerdings versteckt eine jüdische Freundin seiner verstorbenen großen Schwester Inge in einer versteckten Kammer. Was Jojo irgendwann herausfindet. Was er nicht herausfinden sollte, weil die Mutter vermutet, dass er Elsa verraten könnte.

Was, wenn man den imaginären Hitler beiseite lässt, nach einem klassischen NS-Drama klingt, ist über weite Teile eine Satire mit vielen absurden, manchmal sogar grotesken Ideen und Gags, ein Film, der wirklich Spaß macht, sich über Nazis und ihre Ideologie lustig macht, und dabei mit Jojo und Elsa zwei starke junge Charaktere in den Mittelpunkt stellt, die nicht nur von Anfang an eine starke Chemie haben, sondern wirklich eine menschliche Tragik und Wärme in den Film bringen, sodass die Handlung nie unter die Räder der Absurditäten kommt. Das fein geschriebene Drehbuch wechselt mutig zwischen leisen und sanften Tönen und durchgeknallten Gags – das hätte extrem schief gehen können, funktioniert aber geradezu unverschämt gut.

Die Seele des Films ist Elsa, gespielt von der jungen Thomasin McKenzie, die wie Waititi aus Neuseelnad stammt. Ihre verhärmte Stärke, ihre Verletztlichkeit und ihre warme Ausstrahlung geben die Tiefe, die zu frühe Erfahrung von Flucht und Verstecken, von Trauer und verzweiflung und einem unbändigen verlangen nach Leben. Der junge Roman Griffin Davies kann als Jojo vielleicht nicht vollständig mithalten, ist aber ein gut geführter Jungdarsteller, der nie enttäuscht. Und Scarlett Johansson als Jojos Mutter Rosie ist charmant und unkonventionell und toll, ist halt Scarlet Johansson, sie ist hier immer auf sicherem Terrain.
Etwas knallchargig wirken dagegen Taika Waititi selbst als imaginierter Hitler und Rebel Wilson als Fräulein Rahm. Sie sind nur im letzten Drittel des Films etwas dunkler gezeichnet und zeigen durchaus hier und da die ganze Menschenfeindlichkeit, die Nazis nun mal zu Eigen ist. Wichtig ist noch Sam Rockwell als Hauptmann Klenzendorf, der den Volkssturm anführen soll und ein wichtiges Tier in der örtlichen Nazihierarchie ist.

Ein guter Cast mit großer Spielfreude, und er brennt ein Feuerwerk ab. Der Film ist wirklich witzig, der Film geht wirklich ans Herz und lässt das Publikum hochgestimmt zurück.

Und wenn dann das Nachdenken beginnt, ist dieser sehr gute Film dann nicht ganz ohne Probleme. Das Kino brüllt vor Lachen, wenn Hitler als Synchronschwimmer im Hallenbad unterwegs ist, und die Frage, ob man über einen der größten vorstellbaren Verbrecher der Menschheitsgeschichte lachen darf, bleibt eine, über die trefflich gestritten werden kann. Mich hat der Film sehr schnell entwaffnet und ich habe viel gelacht, aber ob das auch so für Menschen gilt, die durch Shoah und Porajmos ihre Vorfahren verloren, kann ich nicht beurteilen.

Problematischer ist aber, dass Nazis in diesem Film nur selten als nüchterne Mörder gezeigt werden, sondern eher als halb wahnsinnige oder schlicht dumme Menschen, die vor allem einer großen Verblendung hinterherlaufen. Bei dem zehnjährigen Jojo ist das verständlich – auch wenn vermutlich schon Zehnjährige fanatische Nazis einiges von der zerstörerischen Charakterformung des Nationalsozialismus abbekommen haben mussten und Jojo hauptsächlich ein niedlicher Knirps ist -, dass der ganze Nazirest eine gewisse Trotteligkeit und Dummheit mitbringt, durchaus bei gehöriger Fiesheit, ist zumindest schwierig. Wir wissen heute, dass Nazis sehr normal waren, geistig zumeist durchaus gesund und genau deshalb in der Lage das größte aller Menschheitsverbrechen zu begehen.

By the way: gegen Ende des Films verüben die amerikanischen Soldaten, die erwartungsgemäß siegen, ganz offenbar ein Kriegsverbrechen. Warum? Um die Härten des Krieges zu zeigen? Oder weil es gut ist, Nazis zu töten?

Hauptmann Klenzendorf stellt sich am Ende sogar als sehr nahe an dem Klischee des guten Nazis heraus. Was wohl hauptsächlich daran liegt, dass er eigentlich eine Figur des amerikanischen Westerns ist, ein an John Wayne erinnernden verbitterten Veteranen, der aber ein heimlicher Held ist. Wobei er von vornherein eher alter Soldat ist, als echter Nazi.

Taika Waititi, selbst jüdischer Abstammung, hat sicherlich nicht vorgehabt, Nazis zu verniedlichen. Aber seine Taktik, über sie zu lachen, weil ihre Ideologie so widersinnig und dumm erscheint, geht im Kampf gegen den Faschismus eigentlich selten auf.

Ein guter Film? Auf jeden Fall. Absurd witzig, melancholisch wunderbar. Aber nicht unproblematisch und sicherlich keine gute Geschichtsstunde.

#NoTannenbaum

Jedes Jahr werden knapp 30 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland verkauft. Im Jahr 2000 waren es noch etwa 24 Millionen. Dabei überwiegt schon lange die Nordmanntanne, die vor gut 30 Jahren ins Geschäft kam.

Weihnachtsbäume werden zum größten Teil in Plantagen gezogen, die Nordmanntanne ist hier nämlich nicht heimisch, sondern in Georgien. Dort kommen jährlich Menschen beim Ernten der Zapfen von diesen Tannen um, weil Nordmanntannensamen in Deutschland gut bezahlt werden.

Der Platz, den diese Plantagen verbrauchen, würde eigentlich für Wald gebraucht, für Bäume, die höher als zwei Meter werden dürfen und ohne Pestizide auskommen. Nordmanntannen wachsen nur dann so hübsch und kräftig, wenn da einiges an Dünger und Pestiziden zugegeben wird.
Kurz, Weihnachtsbäume sind in dieser Form des Anbaus ein Umweltproblem. Aber da kann man natürlich nichts machen, oder?

Vielleicht doch: Wie wäre es, wenn wir #NoTannenbaum trenden lassen würden. Wenn wir selbst auf den Weihnachtsbaum in diesem Jahr verzichten? Wenn wir Freunde und Freundinnen, Familie und Bekannte überzeugen, ebenfalls auf Weihnachtsbäume zu verzichten?
Stellt euch vor, wir schaffen es, dass 2019 zwei Millionen Weihnachtsbäume weniger verkauft werden? Stellt euch vor, es gibt einen Einbruch in den Verkäufen von mehr als sechs Prozent! Klingt nicht viel? Ist aber spürbar. Ist ein Trend!

Also weitersagen und fröhlich verzichten! Kreativ werden, Weihnachtsbäume müssen nicht aus dem Wald kommen. Wer baut den witzigsten #NoTannenbaum?

 

Hier noch ein paar Links: Der hier ist von Springer, ihhhh.  Und der hier von der SZ. Und schaut gerne auch in meinen letzten Beitrag!

 

 

Disclaimer: Liebe Weihnachtsfanatiker, nein, niemand bedroht euch, niemand wird euch angreifen, weil ihr einen Weihnachtsbaum aufstellt. Deutschland wird auch durch den Verzicht nicht islamischer und das Abendland geht nicht unter.

How dare we – warum ich mir drei Worte habe tätowieren lassen

Ich wollte schon seit langer Zeit ganz gern ein Tattoo, aber irgendwie war das Geld nicht da, ich hatte Angst vor dem Schmerz, ich habe mich nicht getraut. Gestern habe ich mein erstes Tattoo gestochen bekommen. Es sieht aus, als ob ich einen Edding genommen hätte, und „How dare we“ in meiner wenig attraktiven Handschrift auf meinen linken Innenarm geschrieben hätte. (Nun gut, ein Edding hätte wenigstens weniger weh getan.)

Auf der Haut verewigt, so sagt mensch. Geht nie wieder weg. Ganz ehrlich, im Moment ist as noch ein ziemlich wilder Gedanke, aber es ist auch absolut okay. Als es gestern fertig war, habe ich das Tattoo fotografiert und auf Twitter schlicht „All in“ dazu geschrieben. All in, ich setze meine Haut darauf.

Warum „How dare we“? Weil ich Mitte vierzig bin, mich seit einigen Jahren politisch engagiere und erst vor einem halben Jahr angefangen habe, Anträge zu schreiben, die helfen sollen, das Klima zu retten. (Ich arbeite politisch kommunal in einer kleinen Kreistagsfraktion der Linken, und das ist das, was ich kann, also politisch arbeiten. Ich bin kein Aktivist, demonstrieren ist nicht mein Ding, weil ich nicht so gut unter vielen Menschen sein kann – aber ich bin kreativ und kann mit Worten umgehen, das sind Dinge, mit denen mensch Politik machen kann.) Ich habe mich erst nachdem Fridays for Future ein Ding wurde, wirklich mit dem Klima beschäftigt. Vorher war es immer so ein Thema, das mir schon bewusst war, aber das ich lieber verdrängte, denn das ist nun mal bequemer. Es war schon ein Thema, als ich sechzehn war. Ich habe also keine Entschuldigung. „How dare you?“ – „Was erdreistet ihr euch?“ Das kann ich nicht sagen, ohne ein Heuchler zu sein. Also „How dare we“!

Greta Thunberg und die vielen anderen haben Recht, was fällt uns Erwachsenen eigentlich ein? Mit welchem Recht tun wir nichts? Mit welchem Recht verdrängen wir dieses Thema? Mit welchem Recht haben wir so vielen Menschen die Zukunft erschwert und genommen? Könnten wir endlich mal erwachsen werden, und das tun, was vernünftig und verantwortungsvoll wäre?

Deswegen habe ich mir diese drei Worte tätowieren lassen. Weil ich nicht vergessen will, worum ich mich zu kümmern habe. Ich will weiterhin Politik machen. Ich will das,was ich kann, nutzen, um dazu beizutragen, die Klimaerwärmung zumindest teilweise aufzuhalten. Ich bin ein bequemer Mensch. Ich brauche eine Erinnerung, die ich täglich sehe, damit ich das nicht vergesse. Damit ich mich nicht mehr zurücklehne und meine, ich könnte ja eh nichts tun.

How dare we?!

Einzeltäter? – Ein Essay

Hier ein Mord, da ein kleiner Massenmord, hier eine Mordreihe, und dann sind es natürlich Einzeltäter, oder eine kleine abgeschlossene Gruppe, klar der NSU, das waren drei Menschen. Der Täter von Halle, der Täter von Christchurch, der Täter von Utøya, alles Einzeltäter.

Aber diese Einzeltäter sind natürlich keine. Und das nicht nur, weil die Polizei und der Verfassungsschustz zum Beispiel in Sachen NSU mehr verschleiert als aufgeklärt haben. Weil Akten geschreddert werden, sobald wieder ein rechter Terrorakt passiert. An der Stelle zeigt sich halt nur, dass die Staatsgewalt vom rechten Mob allzu oft nicht zu unterscheiden ist.

Die Täter sind eben keine Einzeltäter, weil sie nur die aktive Spitze eines geifernden Eisbergs sind. Die, die nicht nur reden, sondern tun, was ihnen von rechten Vordenkern manchmal unverhohlen, noch öfter aber durch die Blume gesagt wird. Der durchschnittliche Nazi beleidigt anonym im Internet, oder keift unter seinem Atem Schmähungen, die die geschmähten nur dann hören sollen, wenn sie sich nicht wehren können. Die Gedankenwelt der Nazis ist aus Angst geboren. Ihr Hass ist ängstlich, sie marschieren, weil ihr Gleichtakt ihre Angstfürze übertönt. Sie suchen einen Führer, weil sie nicht selbst denken wollen, weil sie die Stärke, die ihnen selbst fehlt, bei anderen suchen. Es gibt keine mutigen Nazis.

Aber es gibt welche, bei denen der Hass so groß ist, dass sie kurzzeitig ihre Angst überwinden. Gut geplant, gut gerüstet, wie der Täter von Halle, der dann los geht, um Juden zu töten, oder halt Kanaken im Dönerladen, wenn er bei den Juden nicht reinkommt. Ist kein großer Unterschied fürs hasszersetzte Hirn. Sie sind anders. Sie bedrohen ihn einfach dadurch, dass sie da sind. Denn er hat ja Angst, er weiß darum, wie schwach er ist, welch erbärmlich kleines Menschlein, nur vom Hass getrieben, nur von Angst getrieben, so klein und schwach.

Seine Schwäche ist keine, die Mitleid verdient. Hilfe ja, hätte er darum gefragt, Mitleid nein. Niemand muss ein Nazi sein. Niemand muss seine Angst in Hass umschlagen lassen. Jeder entscheidet selbst, ob er Menschen verachtet, ob er sich von seiner Angst überwinden lässt. Aber Hilfe hätte er gebraucht. Menschen, die ihm zeigen, dass man kein Arschloch sein muss, und schon gar kein Mörder.

Aber sie sind keine Einzeltäter. Denn so viele haben mit dem Täter von Halle mitgemordet, mit dem Schützen von München, mit dem NSU. Sogenannte Politiker von NPD und AfD. Gauland hat zur Jagd aufgerufen, das Arschloch von Halle hat zugehört. Erika Steinbach hat gerufen und das Arschloch von Kassel griff zur Waffe. Mörderische Arschlöcher. Arschlöcher mit Auftraggebern.

Die Medien haben mitgemordet, die sich seit Jahren auf jeden rassistischen Furz stürzen und ihn klickgeil, zuschauergeil, zu einer Meinung adeln. Egal ob er von den Blaufaschisten der AfD kommt, oder von Vertretern von im Grunde demokratischen Parteien, von Seehofer, Sarrazin oder einem grünen Provinzbürgermeister, dessen Name mir gerade echt nicht wichtig genug ist.

Die Polizei mordet mit – nicht nur wörtlich gemeint, wenn mal wieder ein Flüchtling leider erschossen wird, oder in einer Zelle verbrennt, sondern auch damit, dass sie Nazis bei Demonstrationen nicht nur abschirmen, sondern auch brav zusehen, wie sie Händchen heben, wie sie Galgen tragen und Menschen mit Morden drohen. Nazis dürfen sich vermummen, dürfen Naziabzeichen tragen, dürfen Hitlergruß zeigen – nicht, weil es das Gesetz nicht verböte, sondern weil die Polizei nicht eingreift. Aber Kinder die sich fürs Klima auf die Straße setzen, die werden mit Schmerzgriffen gefoltert. Auch Polizisten sind halt selten mutig.

Besserer Schutz für Synagogen wird nun gefordert. Aber die sind schon ständig geschützt. Keine Synagoge ohne Sicherheitsmenschen, ohne Sicherheitsmaßnahmen, wir sind doch in Deutschland. Und jede Sicherheitsmaßnahme, die für jüdische Mitmenschen nötig ist, ist eine Schande für das Land der Mörder. Dafür,dass wir es nicht geschafft haben, unsere Gesellschaft auf eine neue Stufe zu stellen, den Hass auszutreiben, Solidarität zu einem Wert zu machen, Akzeptanz und Freundschaft.

Die Debatte um rechten Terror und um das Klima haben einen großen gemeinsamen Nenner. Das völlige Versagen der Politik. Jedes Jahr werden Menschen von Nazis ermordet. Nazis ermorden mehr Menschen, als je an der Mauer gestorben sind, als je die RAF erschoss oder in die Luft sprengte. Und die Politik macht viel zu wenig. Kein Politiker, der irgendeine Verantwortung übernimmt, keine umfassende Umstrukturierung in den Sicherheitsbehörden die mit oder ohne Absicht in Sachen rechtem Terror ständig versagen.

Wenn Politik wirklich regieren würde, und nicht nur aussitzen, dann hätte es nicht nur schon lange viel mehr Bewegung fürs Klima gegeben, dann hätte die Polizei schon lange rechte Netzwerke zerschlagen, eine Menge Beamter und Soldaten wären keine mehr. Nie vergessen, es gibt keine mutigen Nazis. Bei genug Gegenwehr verkriechen sie sich und sind keine Gefahr. Aber die Politik bewegt sich nicht, bewegt nichts, schaut nur zu und zeigt sich dann und wann betroffen von rechten Morden. Als ob dagegen nichts zu tun wäre. Es wäre so viel zu tun, es macht halt nur keiner. Die Verantwortung liegt bei der Politik.

Quick: Greta Thunbergs Körpersprache

Menschen reden über Greta Thunberg, und darüber, dass sie immer so aggressiv rüberkommt. Aber auch verschlossen, unsicher, alles mögliche …

Jetzt kenne ich mich ein bisschen mit Körpersprache aus, und es wäre hier an der Zeit, das ein bisschen aufzuklären. Aber erstmal müssen wir ein bisschen was über Körpersprache im Allgemeinen wissen.

Körpersprache lügt nicht. der Körper verrät immer das Gefühl, die Stimmung des Menschen. Es gibt allerdings die Möglichkeit, den Körper nahezu verstummen zu lassen. In gewisser Weise lernen wir das alle. Irgendwann in der Pubertät werden in unendlichen Hackordnungskämpfen fast alle Menschen ihren Körper so weit in den Griff bekommen, dass sie nicht maximal angreifbar und manchmal auch maximal unhöflich werden. Zumindest bei den Neurotypischen klappt das ziemlich gut. Das heißt immer noch nicht, dass die Körpersprache lügt, aber sie wird unterdrückt. Wir nehmen Haltungen ein, die wir trotz emotionaler Regungen gut durchhalten können. Wenn ihr ein besonders prominentes Beispiel für eine solche Haltung wissen wollt: Bundeskanzlerin Merkel und ihre Raute. Die eingeübte Handhaltung unterbindet verräterische Handbewegungen und hält den ganzen Körper ruhig. Ob sie diese Handhaltung selbst entwickelt hat, oder ob sie daraufhin gecoached wurde, wäre eine spannende Frage – aber ich glaube, Angela Merkel ist in Sachen Körpersprache eh ein interessantes Studienobjekt. In ähnlicher Weise wie Greta Thunberg.

Bei Neurodivergenten sieht das alles anders aus. Menschen aus dem autistischen Spektrum zum Beispiel haben oft kleinere und größere Problem, die Signale überhaupt zu entschlüsseln. Also ist die Kontrolle der eigenen Körpersprache für sie deutlich weniger wichtig. Große Emotionen werden bei ihnen vermutlich eher durchkommen – was ganz sicher auch noch eine Frage der Verortung im Spektrum sein wird.

Noch eine Sache ist interessant: Diverse Seminare, in denen ich Menschen über Körpersprache und Auftreten unterrichtet habe, zeigten immer wieder, dass weiblich gelesene Menschen anders wahrgenommen werden, wenn sie die gleichen körperlichen Ausdrücke annahmen. Was bei männlich gelesenen Menschen als stark und souverän wahrgenommen wird, wirkt auf der anderen Seite schnell als aggressiv und arrogant. Die gleichen Haltungen!

So, jetzt schauen wir mal auf Greta Thunberg. Eine junge neurodivergente Frau mit hochfunktionalem Asperger – was sich ungefähr so übersetzen lässt: Thunberg denkt anders als neurotypische Menschen, ist aber absolut in der Lage, quasi „normal“ – was immer das auch heißen mag – in der Gesellschaft zu leben. Wie viele Menschen ihres Spektrums ist sie hochintelligent, wirkt aber nach außen hin etwas ungewöhnlich. (Das „hochintelligent“ beziehe ich auf die Fähigkeiten, die sie zeigt. Zum Beispiel darauf, in US-Talkshows aufzutreten und sich dort schlagfertig in einer Fremdsprache mit dem Host zu unterhalten. Reden könnten von anderen geschrieben sein, aber wie sie sich in Interviews zeigt, spricht eigentlich auch schon eine sehr deutliche Sprache.)

Was sie allerdings nicht wirklich ist, ist beherrscht. Fast ständig wirkt ihr Körper sehr expressiv bei ihren Auftritten mit. Deutlich zeigt sie Anspannung bis hin zu Angst, wenn sie in großen Menschenmengen – also zum Beispiel in Demonstrationen, unterwegs ist. Ähnlich wirkt sie oft auch bei ihren Reden, speziell, wenn sie vor einem erwachsenen, ihr nicht unbedingt gewogenen Publikum steht. Bei ihrer „Wutrede“, der „How dare you“-Rede, zeigt sie etwas anderes. Und es ist eigentlich gar nicht so sehr Wut, es ist Verzweiflung. Verzweiflung offenbar darüber, dass sie die größte Protestaktion des Planeten angestoßen hat, die immer noch zum allergrößten Teil der Politik völlig ignoriert wird. Ja, da steckt auch Wut drin, aber sie kämpft offensichtlich gegen Tränen an, kämpft gegen Überforderung und Verzweiflung, und legt damit eine ikonische Rede hin.

Das, was in einer Medienwelt, die durch Instagram und Youtube dominiert wird – ja, ich rede um die Medienwelt der unter 30jährigen -, das absolut Wichtigste ist, nämlich Authentizität, das zeigt diese Rede besser, als es jede gut einstudierte Rede eines gut schauspielenden Menschen je könnte. Und das werden die meisten Menschen über 30 gar nicht verstehen. Die Konservativen eh nicht. Vergleicht mal Rezo und den Typen von CSYOU, und ihr wisst, was Authentizität ist und was heute auf Youtube zählt.

Habt ihr Greta Thunberg schon mal lächeln gesehen? Wir bringen Kindern von klein auf bei, dass sie auf Fotos zu lächeln haben, und Thunberg lächelt fast nie. Wir bringen speziell Mädchen bei, doch viel zu lächeln. Thunberg lächelt nicht. Das wirkt ungewohnt, damit fällt sie aus der Reihe. (Es gibt übrigens durchaus Fotos, auf denen sie lächelt. aber das sind nie Fotos in größerem sozialen Umfeld. Auf dem Segelschiff, oder zusammen mit Tieren, da lächelt sie, da ist sie entspannt.) So lange alle Beteiligten noch Lächeln, so lange die Höflichkeiten noch gewahrt werden, so lange sind auch alle in Sicherheit. Thunberg lächelt nicht, denn bei ihr ist niemand in Sicherheit. Wir sollen ja auch Panik bekommen, weil das nun mal die Wissenschaft sagt. Und wenn wir keine Panik aufbringen können, dann liegt das daran, dass wir noch nicht um unser Leben kämpfen, aber das wird schon noch kommen.

Das Greta Thunberg nicht lächelt, passt dazu, dass sie sich zum Beispiel nicht mit Trump trifft. Warum Zeit an einen Idioten verschwenden, der die Wissenschaft ignoriert? Sie kuscht nicht vor der Macht. Sie kuscht auch nicht vor den Regeln der Medien. Sie lächelt nicht, oder allenfalls sehr gequält, wenn man ihr das sagt. Sie lächelt, wenn sie entspannt ist. Und wie soll sie in Gesellschaft entspannen? Umgeben von Menschen, die darauf warten, dass sie etwas macht, was gegen sie verwendet werden kann?

In vielen Büchern steht, dass die Macht am besten in den Händen derer ist, die es hassen, diese Macht zu besitzen. Könnte sein, dass Greta Thunberg deshalb genau die richtige ist, um die Medienmacht zu haben, die sie inzwischen hat.

 

Kleiner Nachtrag: Während ich über Merkels Raute und ihr früheres, weniger trainierteres Auftreten nachgedacht habe – und auch darüber, wie häufig früher über sie gewitzelt wurde, weil sie irgendwie falsch gesellschaftlich agiert hat – kam mir die Frage, ob Angela Merkel nicht auf eine ähnliche Weise neurodivergent sein könnte, wie Greta Thunberg. Bilder von Merkel und Trump werden ja nicht umsonst zu Memes, weil jeder Mensch sehen kann, wie sehr Merkel Trump verabscheut. Sie kann ihre Körpersprache trotz Training und Raute nicht gut unterbinden. Und früher lächelte sie auch sehr selten. Allein, da wo es Greta Thunberg ziemlich sicher nur um ihr Ziel einer Zukunft für die Menschheit geht, so ging es Merkel immer nur um die Macht – beide wirken darin recht effizient.