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Plotter oder Pantser – von meinem Schreiben

Ein Grund, warum ich hier fast nie was in den Blog schreibe, ist, dass ich ernsthaft schreibe. Also, zum ersten Mal in meinem Leben, obwohl ich schon so viel geschrieben habe. Zum Beispiel in diesem Blog, oder für mehrere Zeitungen oder Theaterstücke, sogar Bücher habe ich geschrieben, aber halt nie zuvor ensthaft.

Ende letzten Jahres war es glaub ich, als eine Freundin sagte: wenn du Schriftsteller sein willst, dann musst du halt schreiben. Es als deinen ganz normalen Job ansehen und einfach schreiben. Und sie empfahl mir Anfang diesen Jahres, dies Jahr 2020, was wir alle verfluchen, ein Schreibforum. Weil man da andere Menschen trifft, die auch schreiben.

Ich meldete mich an und schrieb hochmotiviert an einigen Kurzgeschichten herum, fing sogar ein Projekt an, ein Jugendbuch, aber es klickte nicht so richtig. Dann stolperte ich aufgrund eines YT-Videos über „Save the Cat“ / „Rette die Katze“, einem Drehbuchratgeber. Wie es heißt, dem letzten Ratgeber, den man fürs Schreiben von Drehbüchern braucht. Da ging es um Strukturen und um Plot und ich dachte mir, ey, cool, probier es halt mal aus. Das passiert mir beim Lesen vonsolchen Schreibratgebern ständig, dass ich anfange zu schrieben, aber wenn das Buch dann zu Ende ist, ist es die Schreibwut dann auch. Oder genauer, war es dann auch. Denn dieses Mal ist alles ein bisschen anders gekommen.

Das erste ist ein gewisser Erweckungsmoment gewesen. Für jemanden, der mit einer gewissen mathematischen Begabung geschlagen ist, sind Regeln etwas sehr praktisches – und ich habe auch schon genug künstlerischen Kram gemacht, um zu wissen, dass es in der Kunst keine festen Regeln gibt, dass Regeln in der Kunst immer dafür da sind, dass man sie auch bricht, wenn man da genug Gründe für hat -, und Save the Cat gab mir Regeln, eine Struktur vor, die ich verstand. Ich sah das Schreiben plötzlich von einer ganz anderen Seite. Das war sehr wichtig.

Und der andere Fakt war das Schreibforum, in das ich jeden Tag hineinschrieb, ob ich gestern was geschrieben hatte und was ich am Tag schaffen wollte. Und das pushte mich unheimlich. Bald gab es auch noch eine Gruppe mit Writings-Buddys, die ich sehr hilfreich finde, und für die ich hoffentlich auch hier und da hilfreich bin. Ohne das Forum wäre nichts davon passiert.

Dann hatte ich mit dem Jugendbuchprojekt, dass ich mal angefangen hatte, genau das richtige Ding vor mir, mit dem ich alle Regeln aus Save the Cat anwenden konnte. Ich schrieb über den Sommer ein 180seitiges Drehbuch – also ungefähr ein Drehbuch für zwei Filme, jede Seite entspricht grob einer Minute im Film. Das war so ziemlich das längste, was ich in meinem Leben geschrieben habe. Ich habe dabei vieles, was ich unbedingt machen wollte, reingeschrieben, und vieles, was Save the Cat von mir verlangte und ich habe keine Ahnung, ob ich es schaffen werde, bei einer Überarbeitung da etwas herauszubekommen, dass man anderen zum Lesen geben kann. Aber wenn das nicht klappt, hey, Lehrgeld und so. Ich habe dabei geplottet. Habe einen Entwurf gemacht, der aus vielen Kärtchen auf einer virtuellen Tafel besteht, habe dann ein Treatment geschrieben, dass dem ganzen mehr Struktur gab und habe dann die Szenen ausgearbeitet.

Schon während ich die Szenen ausgearbeitet habe, schrieb ich den Entwurf für mein zweites Drehbuch. Ich nutzte einfach einen alten Stoff, das erste Theaterstück, dass ich je schrieb und nie aufführte und brachte das in die heutige Zeit – ja, so muss man das sagen, das ursprüngliche Stück war fünfzehn Jahre alt – und ich schrieb den Entwurf in sechzehn Tagen, arbeitete dann wiederum ein Treatment aus und schrieb dann das Stück, quatsch, den Film, also das Drehbuch für einen Film. Das ist nur unwesentlich zu lang – so 130 Seiten – und ich schrieb es von vorne nach hinten, während ich beim ersten Projekt stark gepuzzelt habe. Hier hatte ich die Struktur schon deutlich stärker verinnerlicht. Und das Schreiben war fast ein Spaziergang. Ich merkte schon hier, dass ich anders an den Entwurf heran ging. Ich schrieb die Dialoge zum größten Teil schon aus, nahm diese Dialoge dann bei der Ausarbeitung und schrieb sie neu. Oftmals nah an dem, was ich beim ersten Schreiben heruntergetippert hatte.

Und dann hing ich da. Ich hatte zwei drehbücher geschrieben, die lagen damit in der Schublade und da gehörten sie auch hin. Bald werde ich mich ans Überarbeiten geben, aber dafür waren sie noch nicht reif. Ich spielte mit zwei anderen Ideen herum, fand da auch einiges Schönes dran, aber keine richtige Begeisterung. Aber ich schrieb jeden Tag weiter. Es war inzwischen Oktober und ich hatte seit Juli jeden Monate so knapp 30K Wörter geschrieben. Unfassbare Zahlen für mein eigenes Gefühl. Ich habe mich einfach jeden Tag dran gesetzt. Das war nicht immer gut, das war auch manchmal ziemlich schlecht, aber ich habe jeden Tag geschrieben.

Und dann stolperte ich über eine alte Idee. Also, über eine erste Seite, über eine halbe Seite einer Szene und ein paar weitere Details, die ich festgelegt hatte. Eine Geschichte, die im Sommer 1981 spielt und ich hatte keine Ahnung mehr, was ich mir 2014 für eine Grundgeschichte dazu überlegt hatte. Ich hatte nur noch einen Ort im Sinn, der dabei in irgendeiner Weise eine Rolle spielte – und genau dieser Ort fiel als erstes raus. Inzwischen war ich ja in einer Writing-Buddy-Gruppe und ich zeigte den anderen diese alte Szene und sie fanden sie wirklich gut und waren gespannt, was daraus werden könnte. Und ich plottete nicht. Außer der alten Seite von 2014 gibt es bis heute keinerlei Notizen zu dem, was sich inzwischen als ein Roman entpuppt hat. Ich hatte gerade gelernt, wie das Leben so als Plotter ist, wie es so ist, erst einen Entwurf auf einer virtuellen Tafel zu verteilen und sich dann ans ausarbeiten zu machen – und dann schrieb ich einfach drauf los. Extreme Pantsing – (Pantser sind die Leute, die sich auf ihre vier Buchstaben – die vielleicht von Hosen, also Pants bedeckt sind – setzen und einfach machen.) Im Sommer war ich extrem zufrieden, als ich nach 180 Seiten endlich ein Fin schrieben konnte – aber das waren Drehbuchseiten, das waren in Worten gar nicht soo viele. Jetzt bin ich bei über 170 Normseiten und knapp 40 K Wörtern in einer einzigen Datei – weit über dem, was ich bisher je geschrieben habe. (das erste zu lange Drehbuch lag am Ende bei etwa 30K)

Ich fühle mich eigentlich wohler, wenn ich dramatisch schreibe. Ich habe immer das Gefühl, dass ich besonders gut Dialoge schreiben kann. Keine Ahnung, ob man mir da zustimmt, aber das ist ja immer schwierig. Und jetzt schreibe ich einfach einen Roman – als Ich-Erzähler, was vermutlich dazu führt, dass ich meistens dieses Gefühl von mündlicher Erzählung habe, das mir besser gefällt. Und ja, ich pantse und brauche gar keine Plot. Zum Teil, weil ich oft am Morgen noch keine große Ahnung habe, was ich am Tag so schrieben will, ich plane nicht sehr viel vor. Zum Anderen habe ich aber die Struktur aus Save the Cat inzwischen schon einigermaßen gut internalisiert. Wenn ich also gar nicht weiterkomme, dann hilft es, sich daran zu erinnern, wo ich ungefähr in der Struktur bin und plötzlich fließt es wieder.

Ich habe keine Ahnung, ob jemals jemand irgendwas davon veröffentlichen will, was ich da schreibe. Aber ich fasziniere mich selbst damit, dass ich es alles schreibe. Und ich verstehe langsam, dass ich die Struktur brauche, aber dass ich sie vor allem lernen musste. Und jetzt mit den Regeln immer besser spielen kann.

#männerwelten #ichauch

Fast jede Frau – fast jeder weiblich gelesene Mensch – weiß von sexueller Belästigung zu erzählen, von Übergriffigkeit, von Händen an Brüsten oder Genitalien, oder gar von Nötigung und Vergewaltigung.

Das liegt daran, dass sehr viele Männer -männlich gelesene Menschen – Täter sind. Nein, nicht alle. Wenn ich so rumfrage – vorsichtig, man spricht ja unter Männern nicht über sowas -, dann ist es, ja, keine Ahnung, ähm, keiner? Also gehe ich davon aus, dass es dann doch so ziemlich jeder ist.

Bin ich Täter? Ich bemühe mich sehr, keiner zu sein. Also im Präsens. Ich reflektiere. Schaue weg, wenn ich merke, dass meine Blicke nicht respektvoll sind, versuche, alle blöden sexistischen Witze zu vergessen, von denen ich so viele gehört habe. Denke über Machtpositionen nach, über Machtgefälle. Ärgere mich, wenn es Zweideutigkeiten gibt, die ich vorher nicht bemerkt habe, weil ich nicht creepy sein will. Ist der Sexismus, mit dem ich sozialisiert wurde, deswegen weg? Nein, genauso wenig, wie ich kein Rassist mehr bin, nur weil ich gelernt habe, wo ich alles rassistische Muster in meinem Kopf hatte. Ich versuche es zu reflektieren, ich versuche jeden Tag, kein Arschloch zu sein.

War ich Täter? Ja. Nicht zu beschönigen, ja.

Nein, ich habe nicht vergewaltigt, nein, auch nicht genötigt oder missbraucht. Aber gestarrt, ja klar, unangemessene Scherze gemacht? Ja, auch das. Menschen angefasst, von denen ich kein klares Signal hatte, dass das in Ordnung war? Ich befürchte, auch das. Als Kind, als Jugendlicher eh, wir alle lernen auch und gerade in diesen Dingen durch trial and error – wie gut wäre es gewesen, schon früh klare Regeln zu lernen, was geht und was nicht. Was consent ist, und wie wenig man diesen diskutieren kann. Und so wird man früh zum Täter und weil ja Boys immer Boys bleiben und weil wir über SOWAS nicht reden und und und, reflektiert man irgendwann, was man im Leben alles gemacht hat, und denkt sich: Warum hat mir denn da keiner auf den Deckel gegeben? Warum bin ich hiermit oder damit durchgekommen?

Und dann war man erwachsen, und die Kameraden bei der Bundeswehr fuhren „Titten gucken“ in die Stadt, und erzählten Witze, über die man manchmal lachte, und die man manchmal verabscheute, denn ein bisschen aufgeklärt war man ja damals schon, und irgendwie links und so. Und die Männerrunden beim Sport, die Männerclübchen hier und dort, und wie lange man den ganzen Mist irgendwie schluckt und mitmacht.

Es hat mich so viele Jahre gekostet, in denen ich lernen musste, wie privilegiert ich bin, und wie viel ich als selbstverständlich hinnahm, bis ich darüber reflektiert habe, wie viel ich selbst von diesen Sexisten hatte, die ich doch eigentlich verabscheute. Vor allem dann, wenn es mir bequem war.

Ja, ich war Täter. Und ich bemühe mich heute, keiner mehr zu sein.

Geht es dir ähnlich? Vielleicht nicht ganz so ein Arschloch wie ich, aber doch so ein bisschen? Dann sag das. Erst wenn wir uns klar machen, zu den Tätern zu gehören, können wir darüber reden, wie wir es verhindern, weiter Täter zu sein. Und wie wir den Jungs von heute die Chance geben, keine Täter mehr zu werden. #ichauch

Kurzessay – Eine Zeit der Veränderung

Eine echte Pandemie, wir Geeks hatten ja eher auf eine Zombieapokalypse gehofft, aber es ist zumindest ein Anfang. Klingt zynisch? Ja, ist es auch und es ist eine typische Art, auf die momentane Situation zu reagieren, sie zu verarbeiten. Es ist eine Notsituation, so echt und dennoch unwirklich, wie die meisten von uns sie noch nicht erlebt haben.

Einige machen sich große Sorgen um Menschen in Isolation, um Menschen in schwierigen Beziehungen, um Lagerkoller und Suizide – und diese Sorgen sind natürlich berechtigt, vor allem, wenn es Mai wird und wir immer noch in dieser seltsamen leeren Welt leben. Aber dennoch werden die meisten Menschen mit der Krise verhältnismäßig gut klar kommen. Sie werden solidarisch sein. Sie werden geduldig sein und so manches mit Humor nehmen. (Ich bin Rheinländer, ich bin mir relativ sicher, dass wir das hier so hinbekommen. Und ich hoffe, dass die ganzen Vorurteile über den fehlenden Humor der Nicht-Rheinländer einfach nicht stimmen.)

Warum ist das so? Warum werden die allermeisten Menschen hieran nicht kaputt gehen? Weil wir so gebaut sind. Wir kommen mit extremen Situationen verdammt gut klar und viele funktionieren unter Druck sogar besser als sonst. (Soll kein Angriff auf die sein, wo das anders ist. Ihr müsst nicht funktionieren!) Es gibt eine Menge Notschalter in unseren Hirnen, die in solchen Situationen von selbst einrasten und euch über schwierige Situationen weghelfen.

Heute ging auf Twitter so ein Autovervollständigungsmeme herum: „Wenn die Pandemie vorbei ist, werde ich als erstes“ – den Rest soll das Smart Phone ergänzen. Aber ganz so smart sind die Phones nicht. Und deswegen stand da ganz selten: …werde ich als erstes zusammenbrechen. Oder … werde ich als erstes meine Partnerschaft beenden. Oder … werde ich als erstes meinen Job kündigen. Aber genau das wird passieren.

Wir werden den Scheiß zusammen durchstehen, und dann wird jeder einen Moment nehmen müssen, um sich zu überlegen, wie kann ich diese Krise verarbeiten? Und für viele wird der Moment danach ein Moment der Veränderung sein. Ist doch auch ganz logisch. Wir haben gerade erlebt, wie innerhalb von Tagen das ganze Land heruntergefahren wurde. Sind damit aus unseren Gewohnheiten geworfen, und oft auch mit Dingen konfrontiert, die wir sonst nicht so sehen oder sehen wollen. Wir haben auch die Möglichkeit mal zu schauen, wie ein anderes Leben so aussehen könnte.

Und deswegen wird die Zeit nach der Pandemie für viele eine Zeit der Veränderung sein. Wir haben jetzt genug Zeit, um darüber nachzudenken, wie diese Veränderungen aussehen könnten. Wir sind entschleunigt – etwas, was eigentlich schon lange nötig war. Wir werden dieser Pandemie gesellschaftlich irgendwann dankbar sein, oder sie noch viel mehr verfluchen, als wir es uns heute vorstellen können.

Regieren, nicht Reagieren

Wir sehen in Italien, wie sich die Corona-Pandemie auswirkt, wenn zu spät gehandelt wird. Und weil wir in Deutschland ja auf keinen Fall in den Ruf kommen wollen, von den Fehlern anderer lernen zu wollen, wird es in hier also in drei Wochen genauso aussehen. Italien ist inzwischen bei über tausend Toten, und die Zahlen steigen. Ach ja, und Italien hat weniger Einwohner als Deutschland, wir können also auch von höheren Zahlen in ungefähr drei Wochen rechnen.

Ich habe mir gestern angehört (als Besucher des Kreisausschusses), wie der hiesige Landrat davon gesprochen hat, was gerade alles getan wird. Und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass er und seine Mitarbeiter gerade meinen, die Krise so gut anzugehen, wie es ihnen möglich ist. Noch weniger zweifele ich daran, dass wirklich viel Arbeitszeit investiert wird. Der Landrat und seine Mitarbeiter sind unter großem Druck, sie sind sichtlich mitgenommen und ich zweifel auch nicht daran, dass sie die Situation ernst nehmen. Keiner sagte „flatten the curve“, aber sie zeigten, dass sie genau dieses Konzept immerhin auch verstanden haben.

Aber natürlich stehen ihnen ihre Prioritäten im Weg. Denn ihre Priorität ist, das Leben in normalen Bahnen weiter laufen zu lassen. Sie reagieren mit der gleichen Engstirnigkeit, aus der heraus sie mit der Klimaerhitzung nicht klar kommen. Sie denken nicht darüber nach, was man tun muss, um die Katastrophe wirklich zu bekämpfen, sie überlegen nur, was man tun kann, ohne die Wirtschaft zu belasten, oder die öffentliche Meinung zu sehr gegen sich aufzubringen. Sie denken also nicht vom Problem her, sondern von daher, wie man eventuell das Problem mit ihren normalen Prioritäten bestmöglich vereinbaren kann.

Und genau das geht nicht. Weder bei Corona, noch bei der Klimaerhitzung. Das Denken „out of the box“, eine Phrase, die zumindest mal geläufig war, ist heute absolut nicht gefragt, und deswegen kann das auch niemand mehr. Das Wort „Notstand“, von vielen politischen Diskussionen vergiftet, ist dann halt auch irgendwann vergessen worden. Es gab ja seit Jahrzehnten keinen wirklichen Notstand mehr und jetzt weiß halt auch niemand mehr, wie man sich in einem solchen verhält.

Sinnvoll wäre es, sowohl in Sachen Corona, als auch in Sachen Klima, klar den Willen zum Regieren zu zeigen und das zu tun, was die Wissenschaft vorschlägt. Das kann ja gerne mit Erfahrungen und Ideen kombiniert werden, aber was nicht funktioniert, ist das Rückzugsgefecht, denn das wird immer dazu führen, dass die wichtigen Maßnahmen immer zu spät kommen. Eine Zeit des Notstands ist kein Zeitpunkt für Kompromisse, sondern für konsequente und mutige Entscheidungen. Die werden wir nicht bekommen, oder wir bekommen sie zu spät.

Jojo Rabbit – Rezension

(Disclaimer: Das ist hier keine Spoilerkritik, aber manche Dinge lassen sich nicht erklären, ohne zumindest Dinge anzudeuten, die für die Handlung wichtig sind.)

Wie schade, wenn das eigene Filmerleben sich nicht ganz mit dem Nachdenken über den Film kombinieren möchte. „Jojo Rabbit“ von Regisseur Taika Waititi ist grotesk witzig und wunderbar, aber auch sehr amerikanisch, einigermaßen geschichtsklitternd und spielt mit ein paar Klischees, die im Zusammenhang mit dem Thema das Films dann doch eben schwierig sind. Aber worum geht es eigentlich?

Johannes, genannt Jojo, Betzler ist ein kleiner deutscher Junge in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Er ist fanatischer Nazi, steht total auf Hakenkreuze und sein imaginärer Freund ist eine durchgeknallte Version des Führers selbst. Seine Mutter allerdings versteckt eine jüdische Freundin seiner verstorbenen großen Schwester Inge in einer versteckten Kammer. Was Jojo irgendwann herausfindet. Was er nicht herausfinden sollte, weil die Mutter vermutet, dass er Elsa verraten könnte.

Was, wenn man den imaginären Hitler beiseite lässt, nach einem klassischen NS-Drama klingt, ist über weite Teile eine Satire mit vielen absurden, manchmal sogar grotesken Ideen und Gags, ein Film, der wirklich Spaß macht, sich über Nazis und ihre Ideologie lustig macht, und dabei mit Jojo und Elsa zwei starke junge Charaktere in den Mittelpunkt stellt, die nicht nur von Anfang an eine starke Chemie haben, sondern wirklich eine menschliche Tragik und Wärme in den Film bringen, sodass die Handlung nie unter die Räder der Absurditäten kommt. Das fein geschriebene Drehbuch wechselt mutig zwischen leisen und sanften Tönen und durchgeknallten Gags – das hätte extrem schief gehen können, funktioniert aber geradezu unverschämt gut.

Die Seele des Films ist Elsa, gespielt von der jungen Thomasin McKenzie, die wie Waititi aus Neuseeland stammt. Ihre verhärmte Stärke, ihre Verletzlichkeit und ihre warme Ausstrahlung geben die Tiefe, die zu frühe Erfahrung von Flucht und Verstecken, von Trauer und Verzweiflung und einem unbändigen Verlangen nach Leben. Der junge Roman Griffin Davies kann als Jojo vielleicht nicht vollständig mithalten, ist aber ein gut geführter Jungdarsteller, der nie enttäuscht. Und Scarlett Johansson als Jojos Mutter Rosie ist charmant und unkonventionell und toll, ist halt Scarlet Johansson, sie ist hier immer auf sicherem Terrain.
Etwas knallchargig wirken dagegen Taika Waititi selbst als imaginierter Hitler und Rebel Wilson als Fräulein Rahm. Sie sind nur im letzten Drittel des Films etwas dunkler gezeichnet und zeigen durchaus hier und da die ganze Menschenfeindlichkeit, die Nazis nun mal zu Eigen ist. Wichtig ist noch Sam Rockwell als Hauptmann Klenzendorf, der den Volkssturm anführen soll und ein wichtiges Tier in der örtlichen Nazihierarchie ist.

Ein guter Cast mit großer Spielfreude, und er brennt ein Feuerwerk ab. Der Film ist wirklich witzig, der Film geht wirklich ans Herz und lässt das Publikum hochgestimmt zurück.

Und wenn dann das Nachdenken beginnt, ist dieser sehr gute Film dann nicht ganz ohne Probleme. Das Kino brüllt vor Lachen, wenn Hitler als Synchronschwimmer im Hallenbad unterwegs ist, und die Frage, ob man über einen der größten vorstellbaren Verbrecher der Menschheitsgeschichte lachen darf, bleibt eine, über die trefflich gestritten werden kann. Mich hat der Film sehr schnell entwaffnet und ich habe viel gelacht, aber ob das auch so für Menschen gilt, die durch Shoah und Porajmos ihre Vorfahren verloren, kann ich nicht beurteilen.

Problematischer ist aber, dass Nazis in diesem Film nur selten als nüchterne Mörder gezeigt werden, sondern eher als halb wahnsinnige oder schlicht dumme Menschen, die vor allem einer großen Verblendung hinterherlaufen. Bei dem zehnjährigen Jojo ist das verständlich – auch wenn vermutlich schon Zehnjährige fanatische Nazis einiges von der zerstörerischen Charakterformung des Nationalsozialismus abbekommen haben mussten und Jojo hauptsächlich ein niedlicher Knirps ist -, dass der ganze Nazirest eine gewisse Trotteligkeit und Dummheit mitbringt, durchaus bei gehöriger Fiesheit, ist zumindest schwierig. Wir wissen heute, dass Nazis sehr normal waren, geistig zumeist durchaus gesund und genau deshalb in der Lage das größte aller Menschheitsverbrechen zu begehen.

By the way: gegen Ende des Films verüben die amerikanischen Soldaten, die erwartungsgemäß siegen, ganz offenbar ein Kriegsverbrechen. Warum? Um die Härten des Krieges zu zeigen? Oder weil es gut ist, Nazis zu töten?

Hauptmann Klenzendorf stellt sich am Ende sogar als sehr nahe an dem Klischee des guten Nazis heraus. Was wohl hauptsächlich daran liegt, dass er eigentlich eine Figur des amerikanischen Westerns ist, ein an John Wayne erinnernder verbitterter Veteran, der aber ein heimlicher Held ist. Wobei er von vornherein eher alter Soldat ist, als echter Nazi.

Taika Waititi, selbst jüdischer Abstammung, hat sicherlich nicht vorgehabt, Nazis zu verniedlichen. Aber seine Taktik, über sie zu lachen, weil ihre Ideologie so widersinnig und dumm erscheint, geht im Kampf gegen den Faschismus eigentlich selten auf.

Ein guter Film? Auf jeden Fall. Absurd witzig, melancholisch wunderbar. Aber nicht unproblematisch und sicherlich keine gute Geschichtsstunde.