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Patriarchat ist Abfall! … #menaretrash

(ich mag den Hashtag nicht besonders. 1. bin ich links, und ich weiß, dass kein Mensch Abfall ist – seine Taten und Gedanken mögen Abfall sein, aber keinem Menschen sollte man versuchen, seine Würde zu nehmen, in dem man ihn als Müll bezeichnet. 2. ich bin damit aufgewachsen, dass ich mich als männlich identifiziere, fühle mich also als Mann angesprochen, und ich finde nicht, dass ich Müll bin. Hey, ich bin kein Engel, aber ich versuche aktiv die Arschlochanteile in mir zu bekämpfen, ich bin manchmal ein Arsch, aber kein totaler Müll.)

#menaretrash ist eine Provokation, ein Hilfeschrei, ein Versuch, durch Aggression auf Dinge aufmerksam zu machen. Viele Reaktionen darauf lassen vermuten, dass es nötig ist.

Meine Sicht:

Nein, Männer sind nicht pauschal Abfall, und ich glaube auch nicht, dass das die Aussage sein soll. Aber:

Toxische Männlichkeit ist Abfall, jedes „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“, jedes „Jungs sind halt so.“ Abfall!

Rapeculture ist Abfall.

Männerrunden, die sich gegenseitig die besten Jobs und Geschäfte zuschustern, sind Abfall.

Genderpaygap ist Abfall.

Slutshaming ist Abfall.

Männerrechtlerei ist Abfall.

Krawatten sind Abfall.

Frauen nicht ernst nehmen ist Abfall.

„Schwul“, „Mädchen“, „F-Wort“ oder „Pussy“ als Schimpfworte, sind Abfall.

Kurz: Patriarchat ist Abfall. Is halt so …

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Twitterbeef und Identität und so …

Ich möchte es ja eigentlich immer nur verstehen. Also eigentlich möglichst alles, in diesem Fall aber die Streitereien, die in den letzten Tagen auf Twitter so unterwegs waren. Grob gesagt, ging es dabei um „weiße Linke“ vs. „PoMo-Bubble“. Wobei ich den zweiten Begriff nicht wirklich verstehe. PoMo soll irgendwas mit „postmodern“ zu tun haben, und mit irgendwelchen Theorien, aber letztlich sehe ich da Menschen, die in irgendeiner Weise zu marginalisierten Gruppen gehören, und sich speziell auch auf Twitter provokant Gehör schaffen.

Jo, und die „weißen Linken“ sind halt die sozusagen alteingesessenen, vielfach Antifa-erfahrenen Menschen, die meist deutlich privilegierter sind. Beide Gruppe, so viel sollte eigentlich allen klar sein, sind prinzipiell Verbündete. Oder sollten Verbündete sein.

Jetzt wird den „weißen Linken“ – zu denen ich ja sicherlich auch irgendwie gehören soll, da weiß, links, Mann, also wie ich im letzten Blogpost schrieb, schwermehrfachprivilegiert – eine Menge Rassismus, Transphobie und so weiter vorgeworfen, und die fühlen sich dadurch schwer getroffen und reagieren emotional, und schon ist das wieder alles doof.

Auf der anderen Seite wird das oft provokante Auftreten der Marginalisierten als unkonstruktiv und unhöflich empfunden, manche fühlen sich vom Begriff „Alman“ oder „Kartoffel“ angegriffen – wobei ich mir da immer denke, wer sich vom Begriff Kartoffel angegriffen fühlt, ist vermutlich eine. Der Begriff „Alman“ hat mich auch getroffen, aber das war als der rechte Sifftwittermob den Begriff auf alles bezog, was er sonst Gutmenschen nannte. Aber wenn Menschen aus marginalisierten Gruppen diesen Begriff benutzen, finde ich ihn in Ordnung. Ich bemühe mich möglichst wenig almanlike zu sein, auf meine eigenen Vorurteile aufzupassen und sie in die Schranken zu weisen, halt die antirassistische Arbeit zu machen, die man so tun muss, wenn man antifaschistisch denkt. Ich kann ja nichts tun, um plötzlich nicht mehr weiß und damit privilegiert zu sein, also ist Reflexion Queen und ich halt auch weitgehend die Klappe.

Ich kann falsch liegen, ich versuch hier mein Glück, aber vermutlich ist der ganze Beef eigentlich eine Art Missverständnis. Man geht nämlich nicht nur von sehr verschiedenen persönlichen Erfahrungen aus, man hat auch eine völlig verschiedene politische Sozialisation. Und das große Stichwort ist wohl „Identität“. Für marginalisierte Gruppen ist es fast so etwas wie die einzige Chance, ihre Identität zu suchen, herauszustellen, zusammenzuarbeiten und sich ihre Rechte zu erkämpfen. Wer das nicht glaubt, schaue sich einfach mal die Bewegung an, die unter den Labeln „Queer“ oder „LGBTQI“ (waren das jetzt genug Buchstaben? Welche habe ich vergessen?) viel erreicht haben, auch wenn diese Gruppen immer noch marginalisiert sind. Es gäbe keinen CSD, wenn mensch sich nicht auf die eigene Identität besonnen und sich gegenüber heterosexuellen Menschen abgegrenzt hätte. Letztlich ist zwischen Begriffen wie „Hete“, „Cis“ und „Alman“ kein großer Unterschied, es sind die Begriffe, die Menschen für die anderen entwickeln, die nicht sie selbst sind.

Und das trifft auf die „weißen Linken“, deren Sozialisation immer die Ablehnung von Identität ist. Wenn ich mich auf meine Identität besinne, also darauf, dass ich deutsch bin und Mann und Hetero und Cis – also ziemlich -, dann lande ich bei der AfD, und da habe ich nun wirklich keinen Bock drauf. Als weißer Linker aufzuwachsen, heißt, mit der eigenen Identität zu brechen, sich der Verbrechen der Vorfahren zu schämen, alles abzulehnen, was deutsch ist, und als Mann natürlich, toxische Männlichkeit zu bekämpfen und so weiter.

Wo jetzt also die Identität der Marginalisierten auf die Ablehnung jeder Identität der weißen Linken trifft, wird es schwierig. Für mich ist zum Beispiel das Konzept „cultural appropriation“ als ich anfangs davon hörte, unglaublich kontraintuitiv gewesen. Warum sollte es für irgendwen ein Problem sein, wenn Weiße – ja, ist jetzt das am Häufigsten benutzte Beispiel vermutlich – Dreadlocks haben? Ich habe mit der Zeit verstanden, dass es hier quasi darum geht,dass die Privilegierten den Marginalisierten einen Teil ihrer Identität stehlen. Andere sagen, es ist dann ein Problem, wenn es nur Mode ist. Wenn eine weiße Reggaeverrückte Dreadlocks hat, weil sie diese Kultur und Musik verehrt, also nicht stiehlt, sondern sich davor verbeugt, dann ist es okay. Wieder andere … ach, seht selbst: https://www.youtube.com/watch?v=lHYls9e4mVM

Als jemand, der sich in der Kunst einigermaßen zu Hause fühlt, klingt es schrecklich, wenn ich nichts benutzen kann, was nicht meiner eigenen Kultur entsprungen ist. Wo fängt es an, wo hört es auf? Keine Posaunen im Orchester, weil die von den Türken übernommen wurden, als die vor Wien standen? (jep, ist polemisch, weiß ich, sry)

Ich habe in der Schule in mindestens fünf verschiedenen Sprachen gesungen, weil mein Musiklehrer sich wohl dachte, dass mensch anderen Menschen offener entgegen tritt, wenn mensch die Musik dieser Menschen kennt. Ich singe bis heute noch gerne „Dos Kelbl“, weil ich jiddisch wunderschön finde, und weil dieses traurige, schmerzhaft lebenslustige Lied immer wieder mein Herz berührt. Nach dem Konzept „Cultural appropriation“ sollte ich das besser nicht tun, da ich mir jüdische Kultur aneigne.

Man merkt, wie ich hier an diesem Punkt schwer ins Straucheln gerate. Ja, ich kann verstehen, dass es verletzend ist, wenn ich hingehe, mir ein fremdes Motiv, das anderen Menschen viel bedeutet, auf mein Shirt drucken lasse, ohne mich damit zu beschäftigen, ohne die Bedeutung zu kennen. Und das wäre auch nichts, was ich tun würde.

Aber ich tu mich, wie wahrscheinlich viele „weiße Linke“, mit Identität schwer. Denn das Konzept „Identität“ heißt ja immer Abgrenzung. Wir verachten Nazis, Konservative und den ganzen Rest dafür, dass sie andere Menschen ausschließen, wir haben damit Schwierigkeiten, dass Marginalisierte genau das auch tun wollen, andere ausschließen. Keine Frage, sie haben das Recht darauf, wir haben kein Recht darauf, von ihnen nicht ausgeschlossen zu werden, aber das wird immer ein Reibungspunkt sein.

Es mündet halt – und das vermutlich nicht nur gerade weil es sauwarm ist und eh alle kochendes Blut haben – sehr schnell in Aggressionen, weil es noch einen zweiten Punkt gibt, an dem die Sozialisation der „weißen Linken“ echt von Nachteil ist. Wir sind gewohnt, dass wir diskutieren. Meine Fresse, was haben wir alle mit unserem persönlichen Umfeld diskutiert, was diskutieren wir untereinander, versuchen andere dazu zu bringen zu differenzieren und zu akzeptieren. Wir sind ja auch ein bisschen arrogant mit unserer rationalen Art – also wir sind zumindest immer davon überzeugt, dass wir rational sind. Und wenn jetzt irgendwer aus einer marginalisierten Gruppe auf Provokation aus, oder vielleicht, auch das soll ja mal vorkommen, einfach mal ein bisschen pöbelt – ist das das gleiche? – , dann werden wir das gerne ausdiskutieren wollen.

Wenn ich als Mann bei einem feministischen Thema irgendwas ausdiskutieren will, dann nennt man das aber meistens zu Recht mansplainen und ich krieg dafür auf die Fresse. Und so geht es den „weißen Linken“ halt auch in der jetzigen Diskussion oft. Die eine Seite möchte auf Augenhöhe diskutieren, die andere Seite sagt: Es gibt keine Augenhöhe, ihr schaut immer auf uns herab, und deswegen ist jegliche Kritik an uns rassistisch. Klingt nach einem Teufelskreis? Ist es wahrscheinlich auch.

So, jetzt veröffentlich ich das, und bin mal gespannt, wie viele Menschen mich jetzt blocken … es ist ja auch heiß …

Diskriminierung, Fatshaming, wirre Gedanken

Ich bin schwermehrfachprivilegiert, weiß und Mann, und cis und hetero, also zumindest größtenteils. Und da ich ein bisschen verstanden habe, wie Diskriminierung funktioniert, red ich, wenn ich über sie rede, nicht über Rassismus oder Sexismus oder Homohass, nicht weil ich nichts dazu zu sagen hätte, im Sinn von, ich habe durchaus Meinungen zu allem Möglichen, sondern weil ich dazu nichts zu sagen habe, weil es sich für mich verbietet.

Als vor einigen Monaten mal wieder über Abtreibungen gesprochen wurde, habe ich mal geschrieben, dass ich nicht sehe, dass Männer da irgendwas mitzureden haben. Da bekam ich verständlicherweise Gegenwind, weil meine Unterstützung eingefordert wurde. Ja, ist ja richtig. Aber prinzipiell sehe ich das so, dass da kein Mann irgendwas mitreden sollte – so lange das nicht passiert, ist es schon sinnvoll, zu unterstützen und Menschen mit Uterus in ihrem Kampf um die Herrschaft über dieses Organ beizustehen. Und das eben ohne selbst irgendwelche Ansprüche zu haben. Meine private Meinung? Interessiert nicht. Meine Meinung als politischer Mensch: Die Paragraphen 218 und 219 sollte man aus dem Strafgesetzbuch löschen. Und danach können wir dann noch mal von vorne anfangen, und diese Diskussion vollständig Menschen mit Uterus überlassen …

Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Sorry, es sind über dreißig Grad hier und mein Hirn ist ein bisschen weich.

Also, wenn ich über Diskriminierung schreiben will, dann kann ich das nur in einem Bereich: Beim Fatshaming, also bei der Diskriminierung gegen dicke Menschen. Mein BMI ist zwar nicht mehr im Bereich von 50, wie er mal war, aber immer noch der 40 näher als der 30. Ich bin also immer noch hochadipös, und ich kann dazu was sagen, was es heißt, als Mensch zweiter Klasse angesehen zu werden, weil ich nicht der Norm entspreche.

Werde ich persönlich beleidigt? Ja, das kommt vor, aber zugegeben nicht sehr häufig – hey, ich bin ein weißer Mann Mitte vierzig – aua, die Altersangabe tut immer noch weh – so schnell werde ich nicht blöd angemacht. Außerdem bin ich knapp einsneunzig, das bringt einem schnell eine Ausstrahlung die sagt, hey, ich diskriminier lieber andere, die nach leichterer Beute aussehen. Aber es kommt vor. Klar.

Viel stärker ist aber die strukturelle Diskriminierung. Und damit meine ich noch nicht mal die Toiletten, in denen ich mich nicht drehen kann, die Stühle, auf die ich mich kaum wage zu setzen – boah, kennt ihr diese scheiß Korbstühle, die es meistens ausgerechnet in Eiscafés gibt? Ich meine in Eiscafés, die ja davon leben, dass sie uns dick machen! Und dann setzt du dich in so einen Stuhl und denkst dir, scheiße, wie komm ich hier wieder raus? Und wenn du dann aufstehst, muss dir erst mal wer diesen scheiß Stuhl ausziehen!

Ich red auch nicht davon, wie schwierig es ist, Klamotten zu finden, die nicht total langweilig sind. Man verbeiget noch lange vor der sechzig …

Das schlimmste sind die Bilder, die jedem in den Kopf gesetzt werden. Die Bilder, die ich natürlich auch selbst im Kopf habe. Jetzt mal ehrlich, in wie vielen Filmen und Serien und was man halt so sieht, sind denn dicke Menschen, die mehr sind, als der vielleicht nette humorvolle Sidekick, gerne mit viel Selbstironie – also jemand, der sich und alle anderen Dicken so richtig selbst in Fresse haut!

Kleiner Disclaimer zwischendurch, ich bringe hier eine eindeutig männliche Sicht, als Frau dick zu sein, fordert natürlich mehr Diskriminierung heraus, und wenn da noch eine nichtweiße Hautfarbe, eine Behinderung oder eine nicht heterosexuele Neigung dazu kommt, dann ist es alles schwieriger, als für mich – das ist mir klar. Ich jammer auf hohem Niveau und so.

Überlegt mal kurz, wie viel dicke Menschen ihr aus den Reihen der A-, B- oder meinetwegen auch C-Promis ihr kennt? Jo, und jetzt zieht davon mal alle ab, deren Job es ist, ständig für ihre Fettleibigkeit zu Kreuze zu kriechen. So, jetzt sind wir vermutlich auf zwei PolitikerInnen und einen Schriftsteller runter, oder?

Überlegt mal, wie oft ihr in Filmen schon gesehen habt, dass dicke Menschen Sex haben – nein, nicht die Fetischfilme auf Youporn, ich habe von denen gehört -, okay, habt ihr in eurer Erinnerung solche Szenen gefunden? Dann ist das schon viel. Und jetzt nur solcher Sex, der nicht durch Bezahlung oder durch Missbrauch zu Stande gekommen ist? Das wird schon schwierig, oder? Und jetzt noch alle Male rausnehmen, die den Sex mit dicken Menschen ins Komische zogen? Genau, dicke Menschen haben gar keinen Sex, richtig?

Sie können, natürlich bis auf wenigste Ausnahmen, keine Hauptrollen spielen, keine Leistung erbringen, und wie könnte mensch sich mit dicken Menschen identifizieren?

Jo, so funktioniert halt Diskriminierung auch. Und das, ohne die Horrorgeschichten aus den Arztpraxen – wenn du fett bist, hassen dich alle Internisten und Orthopäden mal ganz prinzipiell – oder zumindest kommt es einem so vor. Ohne einen Blick auf die Werbung, die mich so bleiben lassen will, wie ich bin.

Denn das hier soll nicht soo lang werden und eine Kleinigkeit wäre noch zu erzählen. Seit Anfang Mai letzten Jahres habe ich relativ viel abgenommen. Es ist inzwischen nicht mehr so weit von vierzig Kilo entfernt. Und ich rechne mir echt große Chancen aus, nächstes Jahr ohne allzu große Probleme das Sportabzeichen zu machen. Dann vielleicht nur noch übergewichtig und nicht mehr adipös. Man hat ja noch Ziele.

Und egal wie gut das Lob tut – ja, lobt mich, es ist wirklich gut! – manchmal denk ich mir schon, dass ich offenbar erst durch das Abnehmen für viele, auch aus meinem Umfeld, erst wirklich zu einem Menschen werde. Und das ist schon nicht immer nur lustig.

Aber das Schlimmste am Abnehmen ist was anderes. Ich muss ständig an mir arbeiten, um nicht mitzumachen. Fatshaming ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass ich mich selbst ständig dabei erwische, wie ich auf Menschen, deren Form ich mal übertraf, und inzwischen unterbiete, runterschauen will. Wie ich quasi den Wettbewerb im Kopf aufmache, wie ich anfange zu fragen, was gesund ist und was nicht, und ich bin kaum ein Jahr davon entfernt. Ich bin immer noch fett. Wir sind zum Verachten erzogen …

Tage, an denen man sich erinnert …

Ich muss hier gerade mal etwas in die Tastatur heulen. Ist ja eigentlich nicht meine Art, aber ich habe gestern Abend eine Mail bekommen, die mich stolz, traurig und eigentlich sogar total fertig macht. Ich mein, es ist toll, aber ich halte es kaum aus. Die Mail liest sich so:

Wollte mich kurz melden und mich einfach bedanken für deine Unterstützung und Inspiration. Sollte jetzt 8 Jahre her sein das ich dich kennen gelernt habe und ich hätte nie gedacht das für mich die ganze Schauspiel Geschichte mal ernst wird. Letztendlich hab ich’s einfach versucht, Recht spontan bei ner privaten Schauspielschule in Köln vorgesprochen, Glück gehabt und diese Woche den Ausbildungsvertrag unterschrieben. Also, danke das du mich in gewisser Weise dahin gebracht hast !“

Lieber F. es ist eher zehn Jahre her, du warst in der vierten Klasse, ein Clown und absolut bezaubernd. Und du machst das jetzt richtig, ziehst das durch. Meine Fresse, ist das gut.

Für die Leser, die hier einfach nur so reingeschlittert sind, ich habe etwa zehn Jahre lang Theater gemacht, mit Kindern und Jugendlichen und natürlich auch Erwachsenen. Das ist jetzt sechs Jahre her. Und es fehlt mir jeden Tag. Jeden verdammten Tag. Vor sechs Jahren hatte ich das Unglück, dass sich eine minderjährigen Schülerin in mich verliebte, und ich zu doof und zu geschmeichelt und auch ein bisschen zurückverliebt war, und auch wenn nichts passierte, und ich mir nur vorzuwerfen habe, mich nicht zurückgezogen zu haben – irgendwann, als ich ihr eine Rolle nicht geben wollte in einem Stück, dass ich schreiben wollte, erzählte sie dann Geschichten, die ein bisschen Wahrheit und viel Fantasie enthielten, ihre Eltern zeigten mich an. Die Sache verlief, wie sie verlaufen musste, die Staatsanwaltschaft stellte die Sache ein. Für Juristen die klarste Form eines Freispruchs, aber es half mir nichts.

Wo ich vorher eine kleine Schauspielschule quasi allein aufgebaut hatte, durfte ich nicht mehr arbeiten. Menschen, die ich als Freunde betrachtet hatte, schafften es nicht, zu mir zu stehen. Mir zu helfen, mich zurückzuholen, gegen die Geschichten, die kursierten, dafür hätte es auch von deren Seite Kraft gebraucht, und Mut, und das kann man ja auch irgendwie nicht von anderen erwarten, oder?

Naja, ich bin Autodidakt. Womit kann ich mich irgendwo bewerben? Ich weiß, wie schwer es ist, von Null aufzubauen, denn ich habe es gemacht. Jetzt, nach der ganzen Sache von Depressionen und Panikattacken ganz klein, habe ich diese Kraft nicht mehr. Also kann ich auch nicht einfach woanders hingehen und alles noch mal durchmachen, mit zwei jungen Menschen anfangen, und zehn Jahre später mehr als dreißig Darsteller in drei Kursen haben. Ja klar, versucht habe ich das. Aber wo kommst du mit so einem Ding mal eben so an? Und den Beruf zum Hobby machen?Einfach mal so neben der Arbeit (ja, ich arbeite auch heute hauptsächlich mit Jugendlichen, ich gebe Nachhilfe. Nein, das ist nicht, was ich tun will, aber irgendwovon muss man ja leben) sich im Amateurtheater engagieren, wo ich vor knapp zwanzig Jahren die erste Regie führte? Ja, ich denke immer mal wieder drüber nach. Aber es fehlt so sehr die Kraft.

F. ist nicht der erste, von meinen ganzen SchauspielerInnen, der das beruflich machen will. Eine studiert in Frankfurt, wenn mich nicht alles irrt, eine anderen, eine der ersten, ist heute Theaterpädagogin, und im Gegensatz zu mir ist sie das sogar ausgebildet. Liebe R., auch das macht mich stolz – auch wenn ich mir manchmal denke, du hast das angefangen, weil du es besser machen wolltest, als ich.

Das Herz, das vor Stolz bersten will, das bricht vorher. Und es bricht eigentlich jedes Mal, wenn das Theater mich berührt. Ich hatte da keinen Beruf gefunden, sondern eine Berufung, ja, manchmal muss es eben das Klischee sein, wenn es nun mal stimmt.

Hey F. Du hast das hier mal geschrieben: „Mit zitternden Händen schreibe ich diese Zeilen und muss und die alten Zeiten denken,wo mein liebstes Hobby,Theater spielen,noch mit dir war…Ich hab das gerade gelesen und heule wieder, wie ich damals geheult habe, als ich das las. Eine andere – Hallo J.! – schrieb damals: “Ich hoffe du kommst bald wieder und bringst diesen besonderen Zauber mit, sonst gehen wir alle noch ein!!“ Kann ich mich damit irgendwo bewerben? Mit meinem Zauber?

Es gibt Tage, die sind echt schwer zu ertragen … vor allem die, an denen man sich erinnert …

Gedanken zu #metoo

#metoo ist eine Anklage. Und diese Anklage wird zu Recht in die Welt geschrien.

#metoo baut Fronten auf. Das ist verständlich, wie auch unumgänglich. Und doch ist die vermutlich einzige Möglichkeit, dass #metoo wirklich etwas bewegt, eine, die diese Fronten überwindet.

#metoo ist eine Anklage, aber wir müssen diese Anklage zu einer Anklage an die ganze Gesellschaft machen. Es ist nicht eine Gruppe, es ist die ganze Gesellschaft.

Übergriffiges Verhalten ist erlerntes Verhalten. Wir lernen früh, dass übergriffiges Verhalten richtig ist, weil wir als Kinder alle übergriffig behandelt werden. Aus der Erfahrung heraus, so behandelt zu werden, werden wir selbst zu Tätern. Und das fast ohne Ausnahme.

#metoo, ja natürlich „ich auch“. Ja, ich wurde auch selbst übergriffig behandelt, ja, ich habe auch selbst übergriffig gehandelt. Ich habe es so gelernt. #metoo

Wir können aus dem Kreis heraus. Wir können reflektieren, verstehen, was anderen weh tut, wir können unterlassen, was anderen weh tut. Wir können uns wehren, wenn uns jemand weh tut, hoffentlich können wir das.

Aber vor allem müssen wir lehren, nicht zu übergreifen. Wir können jedem Menschen, und sei er noch so jung, zugestehen, dass sein Körper sein Körper ist, seine Sexualität seine Sexualität. Und das es immer sein Recht ist, „Nein“ zu sagen, und wir sollten auch jedem Menschen das Selbstvertrauen geben, ein klares Nein zu sagen, und auch ein klares Ja.

Besitzrechte dürfen nicht mehr romantisiert werden, denn es gibt keine. Missbrauch von Macht muss artikuliert werden, wo immer er auftritt.

#metoo  ist eine Anklage.

#metoo ist eine Aufforderung.

Wir müssen so viel ändern, damit irgendwann #metoo verstummen kann.

#metoo