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#wennGuteswenigerwird II

Da es schon einige Zeit her ist, dass ich über meine Abnahme gebloggt habe, sind es inzwischen auch schon ein paar Kilo mehr, die weg sind, heute Morgen waren es 22,9.

Am Ende der Zeit, in der ich das erste Mal über das Thema gebloggt habe, kam der erste Hammer. Zweieinhalb Wochen Plateau, keine Abnahme in Sicht. Ich habe den Sport erhöht, habe so weiter gegessen, wie zuvor, und es passierte nichts. Ein Phänomen, das glücklicherweise verbreitet ist und das man überall beschrieben sieht. Tun kann man daran nichts. Einfach weitermachen und winken, mehr ist nicht drin. Die Gründe für Plateaus sind vielfältig, Aber man muss gar keine Muskeln aufbauen oder sich viele Inkonsequenzen leisten, um solche Phasen zu haben. Wie mein Doc sagte, der Körper ist bei so einer massiven Abnahme stark damit beschäftigt, Hormone zu ändern und sich anzupassen, da kann vieles passieren.

Es gibt jede Menge Tipps im Internet, wie man aus den Plateau-Phasen wieder rauskommt. Sie sind ungefähr so hilfreich wie die Medikamente, mit denen Erkältungen nur eine Woche dauern, und wenn man sie nicht nimmt, sieben Tage. Der Körper nimmt sich diese Phasen, und man kann nur konsequent weitermachen, dann hören sie auch irgendwann auf. Ich habe es dann irgendwann mit dem Brecheisen versucht, habe zwei Tage lang mindestens eine Mahlzeit ausfallen lassen und mir auch sonst total auf die Finger geklopft, und plötzlich purzelten die Pfunde wieder. Ob die Ernährungsmaßnahme damit direkt zu tun hat, keine Ahnung. Seitdem sind knapp sieben Kilo weg und ich esse nicht anders, als während des Plateaus.

Recht schräg finde ich im Moment, dass es Menschen gibt, die mir sagen, dass ich sie irgendwie anrege, mehr Sport zu machen. Freunde, mit denen ich ein bis zweimal die Woche deren Hund ausführe, meinen, dass sie ohne mich weniger lang mit dem Hund gehen würden, ein Bekannter hat mich gefragt, ob wir uns mal zusammensetzen könnten, um über das Abnehmen zu sprechen, andere Freunde, bei denen ich momentan zweimal die Woche vorbeischaue, weil sie einen Folterkeller haben – ich dort also ein wenig Krafttraining machen kann – fühlen sich angesteckt und wir planen gemeinsame Walking-Runden. Wenn ich jetzt Menschen dazu inspiriere, mehr Sport zu machen oder abzunehmen, dann klingt das irgendwie paradox, ist aber auch irgendwie witzig.

Ich werde immer wieder darauf angesprochen, wie ich es schaffe, die ganze Sache durchzuhalten. Werde für meinen Enthusiasmus gelobt. Ganz ehrlich, ich wünschte mir, ich würde diesen Enthusiasmus auch öfter mal spüren. Ich erzähle schon jedem, den ich treffe, dass ich jetzt knapp 23 Kilo abgenommen habe – das beeindruckt so ziemlich jeden, ist cool. Warum erzähle ich es jedem? Weil ich von überall Zuspruch holen muss. Weil ich so oft keine Lust mehr habe. Weil mein Durchhaltevermögen eigentlich schon seit zwei Monaten aufgebraucht ist.

Ich zehre schon lange nicht mehr von dem Enthusiasmus des Anfangs, von meinem Durchhaltevermögen, und selbst die Erfolge – die nicht zu leugnen sind – oder der Zuspruch von allen Seiten kann mich wirklich durch die vielen blöden Momente bringen. Und es gibt wirklich viele. (Hey, ich bin zuckersüchtig, und es ist recht kompliziert, den Suchtstoff ganz zu vermeiden.) Das einzige, was mich wirklich dran bleiben lässt, ist eine Entscheidung. Die Entscheidung zu leben. Ich kann nicht aufhören, bevor ich fünfzig Kilo abgenommen habe, ich sollte nicht aufhören, bevor ich mindestens 65 Kilo abgenommen habe – und selbst dann werde ich noch als übergewichtig gelten. Wollte ich gut ins Normalgewicht kommen, müsste ich mein Anfangsgewicht glatt halbieren. Daran bin ich nicht interessiert. Wenn ich es schaffe, unter die Adipositas-Schwelle zu kommen, dann wäre ich schon mehr als zufrieden und von mir selbst überrascht.

Warum will ich nicht normalgewichtig werden, oder vielleicht sogar idealgewichtig? Weil es nicht zu meinem Selbstbild passt, weil es nicht zu meiner Persönlichkeit passt. Dann eher möglichst viel Gewicht in Muskeln umbauen, zu spargelig möchte ich gar nicht werden. Mir geht es darum, gesünder zu werden. Aber die Gesundheit muss auch mit Zufriedenheit zusammen kommen. Ein Leben mit dauerhaft 1500 Kalorien pro Tag, das ist eher nicht spannend, auch nicht so richtig glücksverheißend, zumindest für mich. Ich mag mich heute nicht, an Tagen, an denen es nur 1500 Kalorien sind, ich möchte so nicht mein ganzes Leben essen. Askese interessiert mich nicht.

23,1 kg Abnahme

Ich bin auf einem kleinen Plateau gefangen, aber das war eigentlich klar. Immer, wenn man den Sport intensiviert, bleibt die Abnahme erstmal stehen. Warum? Wegen Muskelaufbau und zusätzlichem Wassereinlagern der Muskeln. Nebenbei ist es im Moment auch noch recht warm, auch das bringt ja zusätzliche Wassereinlagerung. Wenn ich also im Moment nicht vorwärts komme, so ist das kein Zufall.

Ja, warum denn jetzt auch noch Krafttraining? Reicht denn das Nordic Walking nicht mehr? Naja, es ist einerseits einfach die Einseitigkeit des Nordic Walkings, die ich auffangen will, und andererseits hat Ausdauersport ja eh den Nachteil, dass er Muskeln eher wegtrainiert. Also spiele ich ein bisschen mit Gewichten herum. Und ja, das ist schon recht anstrengend, aber auch spannend. Beim ersten Mal gab es natürlich brutale Muskelkatzenangriffe. Aber inzwischen komme ich einigermaßen klar. Es war ja auch gar nicht anders zu erwarten. Wenn Muskeln angesprochen werden, die man sonst kaum mal nutzt, dann führt das auch zu Schmerzen. Und es ist schön, wenn es zwischendurch mal Übungen gibt, die einem dann doch gar nicht so viel ausmachen.

Abnahme 25,1 kg

Jawohl, das Minimalziel für dieses Jahr ist erreicht, nach 134 Tagen ist es erreicht. (Dabei ist das noch nicht mal der genaue Wert, es sind 134 Tage seit dem Wiegen im Krankenhaus, von dem ich aus rechne, meine Ernährung habe ich allerdings erst etwa zehn Tage später umgestellt. Es dauerte aber danach noch ein paar Tage, bis ich eine Waage hatte, die mich aushält.)

Als ich das Minimalziel für dieses Jahr auf 25 Kilogramm setzte, hörte sich das für mich extrem ehrgeizig an. Klar kann man innerhalb weniger Wochen mal zehn Kilo abnehmen, aber das ist was anderes, als konstant und gesund größere Mengen abzunehmen. 25 Kilogramm waren als Zahl einfach recht massiv. Andererseits habe ich von Anfang an gesagt, wenn es mehr wird, umso besser.

Wie geht es jetzt weiter? Naja, fast genauso wie bisher. Allerdings mit ein wenig gelockerter Diätdisziplin. Groß will ich gar nichts ändern, hier und da eine Ausnahme mehr, aber dann ist es auch gut. Aber ich muss mich im nächsten Semester etwas mehr um mein Fernstudium kümmern, und wenn es geht, ein bisschen aufholen, was ich dieses Semester so alles nicht geschafft habe. Das kann ich nicht mit dem bisherigen Kaloriendefizit. Außerdem ist mir klar, dass ich die bisherige Sportdichte nicht halten kann. Da wird schlicht das Wetter vor sein.

Hab heute meine Statistik des letzten Monats in einen Tweet gepackt:“ Statistik August: 158km, 40h Sport, 4000 Höhenmeter, 24000 Kalorien. Abnahme (1.8.-3.9.) 6,9 kg, Gesamtabnahme 25,1 kg #wennGuteswenigerwird“ Wenn ich in den Herbst- und Wintermonaten so 100 bis 120 Kilometer schaffe, dazu noch zweimal die Woche Krafttraining einlege, dann wäre ich damit auch zufrieden. 40 Stunden Sport sind eine ziemliche Menge, diese Stunden fehlen halt auch häufig bei anderen Dingen. Auch die fast sieben Kilo in einem Monat, die ich im August geschafft habe, sind ein schönes Ergebnis, aber nichts, was ich jetzt auf Teufel komm raus auch in den nächsten Monaten jedes Mal schaffen muss.

Und hier ist der Weg natürlich nicht besonders breit. Ein paar mehr Ausnahmen, etwas weniger Sport, wie weit ist der Weg zur Stagnation? Wie weit zu Rückschritten? Gar zum Rückfallen in alte Muster? Aber ich hoffe einfach, dass so lange ich das reflektiere, das nicht unbedingt zu einem Problem wird. Bisher konnte ich kleine Ausfälle immer wieder kompensieren, beziehungsweise zur Disziplin zurückkehren.

Zum ersten Mal seit vermutlich vielen Jahren unter drei Zentner schwer …

Wieder so ein kleiner Triumph, und er nächste steht schon vor der Tür, ein Kilo weiter und ich habe 15 Prozent meines Ausgangsgewichtes abgenommen. Einerseits wird man natürlich ein bisschen süchtig nach diesen kleinen Triumphen, so ähnlich wie beim Krafttraining, wo man sich auch freut, dass heute fünf Kilo mehr gehen, als letzte Woche noch. Aber wie schon wahrscheinlich mehrfach gesagt, man muss sich ja auch seine Motivationen überall zusammenkratzen, wo man sie findet. Im Prinzip befinde ich mich in einer inzwischen 120tägigen Trainingsphase. Es wird einem mit der Zeit doch was lang …

Ein paar Wochen später, 28,6 kg Abnahme bisher.

Der September ist nun vorbei, und er war nicht so erquicklich, was die Fortschritte angeht. Gerade mal dreieihalb Kilo mehr abgenommen, das ist nach dem sehr erfolgreichen August natürlich eher so meh. Andererseits sagen mir Menschen, wie sehr ich mich verändert habe, mein Hausarzt fängt fast an zu tanzen, wenn ich ihm mein neues Gewicht nenne. Und ich bräuchte die nächsten Tage mal wieder ein neues Loch im Gürtel, ich habe mich daran gewöhnt, dass ich die Lochzange zumindest alle zwei Wochen hervorkramen muss.

Noch mal an das von oben angeknüpft: Mir wird gesagt, es sei bewunderungswürdig, was ich mache. Ich halte das für Unsinn. Das geht in eine ähnliche Ecke wie „Wie mutig sie ihr Leben angehen“ an jemanden im Rollstuhl, die Rückfrage ist doch immer: „Wie denn sonst?“ Ja, klar, ich kann auf Zeit spielen, ich kann auf mein Glück hoffen, ich kann auch sagen, wenn ich in nem Jahr morgens nicht mehr aufwache ist mir das egal. Isses aber nicht, also versuche ich das Problem zu lösen. Weil es eben nicht anders geht. Weil die Alternative eben gefährlich für mein Leben wäre.

Das heißt natürlich nicht, dass ich verurteilen will, wer in einer ähnlichen Situation anders entscheidet. Wir alle haben unterschiedlich viel Wille zu leben, wir alle haben unterschiedlich viel Kraft – und glaubt mir, meine ist so oft nicht mehr da und ich mach nur weiter, weil ich echt stur sein kann – wir alle haben unterschiedliche Arten mit Risiko umzugehen. Abgesehen davon – für manche stellt sich die Frage nicht, die sind auch bei hohem Übergewicht ziemlich gesund, und nicht zuletzt: Niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie ihren Körper fördern oder schädigen. Ich halte es für verrückt und gesundheitlich sehr schädigend, siebzig und mehr Stunden pro Woche zu arbeiten, und ich schädige meinen Körper weder mit Alkohol noch mit Nikotin, aber wer solche Dinge tun will, darf das gerne tun, hier entlang geht es zur Kreuzigung, jeder nur sein Kreuz.

Noch eine Kleinigkeit: Ich habe inzwischen annähernd meine gesamte Kleidung der Größe 5XL aussortiert. Wenn jemand was davon braucht, ich hätte da jede Menge Shirts und Hemden, einige Cardigans. Es ist echt seltsam, diesen Punkt zu erreichen. Aber die Sachen, die zum größten Teil vor fünf Monaten eng an meinem Körper anlagen, sind mir inzwischen grotesk zu groß. Ich kann fast wieder in normalen Abteilungen Klamotten kaufen, Hosen gehen schon, bei Shirts und Jacken brauche ich noch 3XL, was es meistens nur in den Übergrößenabteilungen gibt. Außerdem werde ich diesen Winter einige Pullover tragen, die schon seit mindestens zehn Jahren aus der Mode sind … ich schmeiße selten was weg.

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#wennGuteswenigerwird – I – Abenteuer abnehmen

Dieser Text entstand über einen Zeitraum von etwa drei Wochen, das sei nur vorausgeschickt, falls die eine oder andere Zahl im Text verwundert.

Wenn man den großartigen Jochen Malmsheimer darauf anspricht, dass er zugenommen habe, antwortet er laut seinem Bühnenprogramm mit „Wenn Gutes mehr wird, kann ich da nichts Schlimmes dran finden.“ Die Wahl meines Hashtags möchte ich weniger als Arroganz – die da eh ironisiert wird – verstanden wissen, sondern als Hommage.

Ich nehme nun also ab. Inzwischen seit gut zwei Monaten und heute, da ich den ersten Teil dieses Blogsposts schreibe, stehe ich bei 12,3 kg weniger, als an dem Morgen, an dem ich im Krankenhaus gewogen wurde. Der Wert, den die Krankenschwester ablas, erschreckte mich – ich war mir sicher gewesen, dass mein Gewicht nicht gar so hoch sein würde, aber eine Waage hatte ich sicher über ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Die Zahl, die ich da hörte, ist der erste Grund, weshalb ich abnehmen wollte, der zweite ist natürlich der Grund, weshalb ich im Krankenhaus war. Eine eigentlich eher harmlose Herzrhythmusstörung, „unangenehm, aber nicht gefährlich“, wie die Stationsärztin meinte. Ich habe gute Blutwerte, mein Blutdruck ist trotz eines Gewichtes weit jenseits der drei Zentner geradezu vorbildlich, die Arterien sind frei.

Dennoch gab es einen Satz meines Hausarztes, der mich endgültig antrieb, was zu ändern. Er sagte was von Goggo-Motor und S-Klasse-Chassis, ich denke, man kann verstehen, was er meinte. Er befürchtete eine beginnende Herzinsuffizienz, und meinte auch, dass sowas dazu führen kann, dass man morgens aufwacht und nicht mehr lebt. Ich habe dann etwa eine Stunde darüber nachgedacht, ob es das ist, was ich will – es gab in den letzten Jahren durchaus einige Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob ich noch länger verweilen möchte – und dann habe ich mich zu leben entschieden.

Also habe ich angefangen, mit leichtem Training dafür zu sorgen, dass der Motor etwas kräftiger wird, und auch angefangen, erstmal den ganzen Kram aus dem Kofferraum rauszuwerfen. Die Untergrenzen, die ich mir gesetzt habe, sind 25 kg in diesem und genauso viel im nächsten Jahr – wenn ich in dem gleichen Tempo weiter abnehmen würde, in dem ich das gerade tu, würde ich diese fünfzig Kilo fast schon in diesem Jahr abnehmen können, aber mir ist klar, dass die Geschwindigkeit, in der ich momentan schmelze, sicher nicht über mehr als ein halbes Jahr zu halten ist.

Über lange Zeit war ich bei recht hohem Gewicht relativ leistungsfähig. Spielte manchmal Fußball mit Kollegen, war häufiger mal zu Fuß unterwegs und weil ich viel mit Theater machte und jede Woche einige Male Gruppen aufwärmte, blieb ich in brauchbarer Balance. Doch Dinge änderten sich, es gab existenzielle Niederschläge, die mit meiner Psyche einiges machten, was ich nie erfahren wollte – und aus Frust wurde mehr Gewicht und weniger Bewegung. Wenn ich früher Sport gemacht hatte, war es mir immer darum gegangen, meinen Fitnesslevel zu verbessern – über mein Gewicht hatte ich nie ernsthaft nachgedacht. Ich fand es nicht schlimm, fett zu sein, ich finde es auch heute nicht schlimm. Und das Letzte, was mich interessiert, ist mein Aussehen – es gibt daher von mir auch keine Vorher-Nachher-Bilder.

Aber jetzt habe ich die Aufgabe, ernsthaft abzunehmen, und als jemand, dessen Problemlösung eigentlich bis auf emotionale Beziehungsmomente, immer sehr rational und mathematisch strukturiert funktioniert, habe ich mich an diese Aufgabe gemacht.

Ein paar Tage später, 14,4 kg Abnahme bisher.

Ich habe mit dem Entschluss, die Aufgabe anzugehen, zwei Dinge für mich festgelegt. Ich habe unnötige Süßigkeiten aus dem Plan verbannt und festgelegt, dass ich abends keine Kohlenhydrate mehr zu mir nehme. Und damit habe ich schon die erste Krücke erwähnt, die mir hilft, so einigermaßen im Plan zu bleiben. Abends keine Kohlenhydrate bedeutet nicht, dass ich ein großer Fan von Low Carb bin. Es bedeutet auch nicht, dass ich sonst total auf Kohlenhydrate verzichte – gerade Frühstück ist bei mir immer eher süß – aber es bedeute, dass ich mir sehr genau überlegen muss, was abends geht, und dass alles, was man aus Langeweile isst, schon mal raus ist. Abends keine Schokolade, keine Gummibärchen, keine Chips – und mal ganz ehrlich, abends isst man doch genau davon am meisten, oder?

Aber Snacks habe ich mir gerade am Anfang immer viele für den Abend gemacht. Ein Teller voll kleinen Tomaten, Paprika-und Kohlrabistreifen, Gurken und Zwiebeln, teilweise ein bisschen Frischkäsedipp dazu, manchmal in einen Salat verwandelt. Dazu hin und wieder ein paar Nüsse oder ein paar Brocken Käse. Ich habe mir vorgenommen, abzunehmen und dabei satt zu sein, denn wenn ich irgendwas nicht will, dann ist das Heißhunger – und bisher habe ich den fast vollständig vermeiden können. Und wenn ich an den Kühlschrank gehe, dann für eine Scheibe Schinken oder mageren Bratenaufschnitt – nein, Vegetarier werde ich mit der Ernährungsumstellung auch nicht. Ich schaffe es in einem Bereich von 1500 bis 1800 Kalorien zu bleiben, annähernd jeden Tag. In den gut siebzig Tagen seit der Umstellung, habe ich an exakt vier Abenden überhaupt Kohlenhydrate zu mir genommen – also außer den kleinen Mengen, die auch in den Lebensmitteln drin sind, die ich so abends esse, aber die sind nicht der Rede wert. Zweimal war das ein kleines Eis im Kino, zweimal Einladungen zum Essen. Und da ich mich extrem bemühe, nicht in den hirnverbrannten Kategorien des Christentums zu denken – diese Kohlenhydrate also keine Sünden waren -, ist das auch kein Problem. Erstens hat sich mein Magen langsam daran gewöhnt, dass er nicht mehr so viel bekommt, was dazu führt, dass ich deutlich weniger auch bei Einladungen esse, als ich das vor gut zwei Monaten getan hätte, andererseits weiß ich ja was ich tu, ich kann dann halt auch mal ein Mittagessen ausfallen lassen. Abgesehen davon – mein andauerndes Kaloriendefizit ist so hoch, dass ich ein gutes Abendessen nicht fürchten muss.

Wenn man einmal so ein wenig hinter die Kulissen des Stoffwechsels geschaut hat, wird mir zumindest ein bisschen schwummrig bei der Überlegung, was ich alles gegessen haben muss, um überhaupt so schwer zu werden. Selbst an Tagen, an denen ich wenig körperliche Anstrengung auf mich nehme, habe ich weit über einen Kalorienverbrauch von weit über dreitausend, mit Sport schaffe ich immer die viertausend. Also laut der App, die meine Schritte zählt und die mein genaues Gewicht kennt. Mein Eindruck war, dass diese Zahl viel zu hoch sein muss, die App muss spinnen. Ich fragte eine Freundin, die zufällig ihres Zeichens Internistin ist, und die findet die Zahlen der App nicht unrealistisch.

Will heißen, dass ich um die zweitausend Kalorien weniger zu mir nehme, als ich verbrauche. Die habe ich früher zum größten Teil durch Süßkram aufgefüllt. Und wenn man jetzt völlig zu Recht fragt, ob ich das vermisse … nun, jein. Ich vermisse auf jeden Fall die Freude beim Einkaufen, wenn man sich ein paar schöne Dinge in den Wagen legt, ich vermisse immer mal wieder den einen oder anderen Geschmack. Aber wenn man ehrlich ist, vieles, was man so inhaliert, schmeckt man doch gar nicht wirklich. Vielleicht bei den ersten zwei Hand voll Gummibärchen, aber danach? Dafür habe ich ja auch kein Sodbrennen mehr. Hübsch oder? Der Körper schreit einen immer wieder an, dass man übertreibt, und die Reaktion ist eine Tablette, die das Sodbrennen mindert. Ja, es gibt Aspekte, über die man ruhig früher mal hätte nachdenken können.

Nein, die Masse an Süßkram vermisse ich nicht, und die kleinen Momente, wo es einfach Schoki sein muss? Oder die Chips total locken? Die sind auch kein Problem. Erstens, weil ich mir eine Tafel Schokolade pro Woche leiste, meistens herbe, die auch jetzt gerade vor mir im Schreibtisch liegt. Meistens reicht die sogar für mehr als eine Woche. Ich denke nicht jeden Tag daran, dass die da liegt. Und ich erlaube mir zweitens so jeden zweiten oder dritten Tag eine Kleinigkeit, die nicht auf der Liste für diätische Lebensmittel steht. Eine Cola (höchsten 0,5 Liter), oder ein Eis, einmal habe ich mir auch eine Packung Chips gekauft, diese vier mal 50-Gramm-Packung, sowas ist wunderbar. Weil eine 50-Gramm-Tüte so um die dreihundert Kalorien liegt (uh, habe ich das noch richtig im Kopf, es war auf jeden Fall nicht viel mehr) und gerade Chips dieses Problem haben, dass es extrem schwierig ist, aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat. Also öffne ich einmal alle paar Tage so ein Chipstütchen und vertilge den gesamten Inhalt und habe meine Lust auf Chips erstmal befriedigt. Das ist viel besser, als die üblichen Tüten mit mindestens zweihundert Gramm.

Überhaupt sind die Packungen echt so ein Problem, dreihundert Gramm Haribo-Zeugs, große Schokoladentafeln von zwei- oder dreihundert Gramm, dieser ganze Kram, der in Familienpackungen angeboten wird, und den du dann alleine frisst. Ich vertage mal und schreibe bald weiter.

Wieder ein paar Tage später, 15,2 Kilogramm Abnahme bisher.

Um den Gedanken zu Ende zu führen. Das Problem beim Süßkram sind die billigen Mengen, die aus dem leckeren Happen zwischendurch eine riesige Kalorienmenge machen. Und der Trick, mit dem ich abnehme, ist nun mal der, dass ich deutlich weniger zu mir nehme, als ich verbrauche – also muss ich von wirklich großen Kalorienmengen fern halten. Ich weiß, das klingt viel einfacher, als es dann wirklich ist. Kleine Mengen gibt es aber nur an der Kasse als Quengelware, also zumindest in Discountern, denn da geht es ja immer um die Menge. Die kleinen Packungen sind auch im Verhältnis deutlich teurer.

Überhaupt macht das Einkaufen einfach keinen Spaß mehr. Also speziell in Geschäften, bei denen man automatisch durch die Süßigkeitenregale geschleust wird. Seit ich meine Ernährung umgestellt habe, kann ich noch besser verstehen, welche Probleme es trockenen Alkoholikern macht, dass man in jedem Supermarkt, und speziell an der Kasse, harten Alkohol in allen möglichen Mengen angeboten bekommt. Warum eigentlich? Haben wir zu wenige Alkoholtote pro Jahr?

Back to topic: Ich persönlich nehme keine Drogen, also trinke und rauche ich nicht, und zu dem Rest bin ich auch nie gekommen. Meine einzige Droge, und das habe ich auch schon immer so artikuliert, ist Zucker. Ich bin jetzt auf Entzug. (also mal mehr und mal weniger) Ich umgehe größere Zuckermengen. Nehme Kohlenhydrate möglichst nicht in ihrer puren raffinierten Form zu mir – ja, das halte ich nicht immer durch – aber vor allem halte ich die Menge gering. Und man glaubt gar nicht, wie geil der Inhalt einer Dose Cola schmeckt, wenn man seit Tagen kaum etwas wirklich Süßes zu sich genommen hat. Aber eben auch hier die Menge! Die Menge ist so wichtig. Ja, diese Flaschen mit 1,5 Litern sind total praktisch. Aber nicht, wenn du die allein wegschlürfst. Die Angebote, die du in jedem Supermarkt hinterhergeworfen kriegst, sagen: Hier, noch mal tausend Kalorien für nen Euro, du willst doch billige Kalorien, oder? ODER? – ja, eigentlich will ich schon, oder zumindest ein Teil von mir will das.

Ein paar Tage später, 16,4 Kilogramm.

Ohne Sport geht es übrigens aus zwei Gründen für mich nicht. Ich habe im letzten Monat ein paar Tage nicht viel gemacht, weil es mörderisch warm war und weil meine Schulter das eine oder andere Desaster auslöst. Ja, ich habe in der Zeit auch abgenommen, und gar nicht mal so unfassbar langsamer. Aber mit Sport ist es besser, erstens weil es schneller geht, zweitens weil ich mein Herz trainieren will, drittens weil ich nicht zu viel Muskelmasse mit weghungern will. Ich bin mit meinem Gewicht ja immer einigermaßen gut klar gekommen. Dafür braucht es auch nicht unbeträchtliche Muskeln, die ich gerne auch dann erhalten möchte, wenn sie nicht mehr so viel Gewicht bewegen müssen.

Momentan bin ich allerdings sehr einseitig, ich mach Nordic Walking, oder wie mal jemand witzelte, Betreutes Gehen. Da ich es meinen Gelenken kaum zumuten kann, wieder zu joggen – was ich früher durchaus gemacht habe, wie oben schon geschrieben, ich habe immer wieder mal relativ regelmäßig Sport gemacht, um meine Fitness auf einen brauchbaren Level zu bringen – bin ich auf die Stöcke angewiesen, um einerseits auch etwas längere Strecken angehen zu können, und damit ich nicht gar so langsam unterwegs bin. Mit Nordic Walking komme ich kaum aus der Puste – was mir auch annähernd verboten ist – aber ich komme zumindest ab leichten Steigungen so einigermaßen an die anaerobe Grenze heran, grüße sie wenigstens von Weitem, was fürs Herz halt ganz gut ist. Jetzt, nach gut zwei Monaten Training, steige ich Treppen, wie seit wahrscheinlich zehn Jahren nicht mehr, mein Schritt hat sich auch beim normalen Gehen deutlich vergrößert, und Strecken über fünf Kilometer Länge können mich im Moment nicht schrecken. Dabei bin ich noch dabei, Streckenlängen und Geschwindigkeiten zu erhöhen, ich weiß, dass letzteres beim Nordic Walking irgendwann schwierig wird, aber noch habe ich vor allem am Berg gute Ausbaumöglichkeiten.

Ja, die Steigungen. Ich wohne im Bergischen, hier gibt es kaum Strecken ohne ordentlich Höhenmeter, und um mal ein paar Zahlen in den Raum zu werfen, in den letzten elf Tagen bin ich knapp vierzig Kilometer unterwegs gewesen, habe dafür gut neun Stunden gebraucht und bin 920 Höhenmeter bergauf gelaufen. Dazu gehören neben einigen Einheiten Nordic Walking auch ein paar Spaziergänge, ich tracke jede Strecke von mehr als einem Kilometer, wenn ich daran denke. Noch ein paar weitere Zahlen, für 6,5 Kilometer mit 150 Höhenmetern habe ich heute Morgen eine Stunde und 23 Minuten gebraucht – mein Doc meint, sowas wäre in meiner Gewichtsklasse ziemlich gut. Ich möchte ja gerne im nächsten Jahr die Fitness erreicht haben, um mal wieder ne richtige Bergwanderung angehen zu können. Mal schauen, ob das was wird.

Und wie fühle ich mich so? Eigentlich nicht viel anders als vorher auch. Ja, ist jetzt unspektakulär, aber auch wenn ich im Moment etwas andere Prioritäten als sonst pflege, hat sich mein Leben nicht sehr stark geändert. Ich brauche relativ viel Zeit für Sport und ich investiere auch mehr in die Zubereitung von den Speisen, die ich dann doch esse. Ach so, ja eine Kleidungsgröße habe ich auch eingebüßt – das ist ganz nett, ich kann wieder Sachen tragen, die eigentlich schon ausrangiert waren. Und der Gürtel hat drei neue Löcher, braucht bald ein viertes. Aber so wirklich verändert hat sich nicht viel. Ich bin halt auch nach über 16 Kilo Abnahme noch fett. Da helfen ein paar Punkte weniger im BMI auch nicht. Vielleicht sieht das anders aus, wenn da noch ein paar Punkte mehr weg sind, vielleicht braucht es die 20 Kilo, vielleicht die 30, bis ich weniger das Gefühl habe, dass ich nur eine Version meiner selbst bin, die etwas fitter ist.

Momentan hadere ich eher damit, dass ich mich mit Medikamenten und dem ständigen Kaloriendefizit geistig auf jeden Fall weniger leistungsfähig bin. Oft müde, nicht sehr konzentrationsfähig – und nebenbei kommen natürlich die Wehwehchen, die damit zusammenhängen, dass ich vier bis fünfmal in der Woche Sport mache – was ja leicht ungewohnt ist. Ich kann also gar nicht sagen, dass ich mich im Moment sagenhaft besser fühle, als meinetwegen vor einem halben Jahr. Was aber an der Absicht, dass recht lange durchzuziehen, ja meine Ernährung im Großen und Ganzen so für immer weiterzuführen, nichts ändert. Ich brauche deswegen wahrscheinlich länger für mein Fernstudium, gleich mehrfach Selbstdisziplin zu zeigen ist halt auch besonders schwierig. Aber Gesundheit geht an dieser Stelle auch einfach vor, also ist das okay so.

Zehn Dinge, die eine linke Partei sagen müsste, damit wir sie ernst nehmen können

  1. Wir koalieren nicht mit Konservativen, Neoliberalen und schon gar nicht mit Faschisten.
  2. Links ist die Zukunft. Wir fragen neue Fragen und beantworten sie nicht mit alten Antworten. Die Gesellschaft verändert sich, und nur mit linker Politik verändert sie sich zum Guten.
  3. Jeder Mensch braucht ein Einkommen, von dem sich leben lässt. Die menschenverachtende Praxis von Hartz 4 und Agenda 2010 muss abgeschafft werden.
  4. Der Kapitalismus hat gezeigt, dass er außer Destruktion nicht viele Talente hat. Selbstverständlich diskutieren wir, wie das momentane Wirtschaftssystem reformiert und letztlich überwunden werden kann.
  5. Links ist international. Wir wollen bessere Politik nicht nur für das Land, in dem wir leben, sondern für die ganze Welt.
  6. Wenn das Klima für nachfolgende Generationen noch lebenswert und überlebbar sein soll, dann müssen wir jetzt radikal umschwenken. Da darf es keine Kompromisse und keine Rücksicht geben.
  7. Wir müssen aufhören, Kinder und Jugendliche zu braven Konsumenten auszubilden, wir brauchen große Investitionen in eine echte Bildung, in der nicht Geschwindigkeit und Scheinkompetenz zählt, sondern die Fähigkeit zu kritischem und kreativen Denken, damit sie mit den Fehlern unserer Generationen erfolgreich umgehen können.
  8. Von uns geht Frieden aus. Bewaffnete Einsätze der Bundeswehr müssen die absolute Ausnahme sein, humanitäre Einsätze ohne Waffen sind unsere Pflicht. Nur wenn wieder ein Auschwitz oder Treblinka zu verhindern ist, müssen Waffen sprechen. Ansonsten darf die Bundeswehr nur Verteidigungsarmee sein.
  9. Vielfalt ist unsere Stärke. Woher ein Mensch stammt, sagt nichts über ihn aus. Wir treten dem Hass entgegen, wir treten der Angst entgegen, beteiligen uns nicht an Abschiebungen und Schikanen gegen Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Wir wollen den Asylparagrafen im Grundgesetz wieder so umfassend gültig machen, wie er einst war.
  10. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber allen, die unsere Vorfahren so barbarisch verfolgten und ermordeten. Egal ob Juden, ob Sinti oder Roma, wenn wir als deutsche Gesellschaft etwas tun können, damit die Nachfahren derer, an denen unsere Vorfahren so schreckliche Verbrechen begangen, heute weniger Leid erfahren, dann ist das unsere Pflicht.

Antwort auf: Süßes Gift

Bin quasi beim Aufstehen über diesen Artikel gestolpert: http://www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-suesses-gift-1.3367355 Ich habe ihn gelesen und verstanden und konnte deshalb nicht anders, als mich aufregen. Es werden drei Punkte gegen das BGE aufgezählt, und ich möchte kurz über diese Punkte sprechen:

  1. Das Grundeinkommen wird die Gesellschaft weiter spalten und soziale Mobilität verhindern.

Das ist auf gleichen mehreren Ebenen Mist. Wir reden hier von einem Einkommen, dass Menschen, die in die H4-Falle geraten sind, so deutlich besser stellen würde, dass sie zumindest in kleinem Rahmen wieder an der Gesellschaft teilhaben könnten. Wie sollte das die Gesellschaft weiter spalten. Kann irgendwas die Gesellschaft mehr spalten, als die momentanen Gesetze, die Menschen zu niedergedrückten Bittstellern bei den Tafeln machen?

Soziale Mobilität, das ist die Möglichkeit, zwischen sozialen Schichten hin und her zu wechseln. In einer Hinsicht hat die Autorin natürlich Recht, das BGE würde verhindern, dass Menschen in die Schicht der totalen Armut rutschen. Aber sie versteht unter sozialer Mobilität nur den Aufstieg, denn in der Sicht vieler Wirtschaftswissenschaftler kommt sowas wie sozialer Abstieg doch allenfalls als Schreckgespenst am Rande vor. Das BGE soll nun also sozialen Aufstieg gerade von Menschen an den sozialen Rändern verhindern. Weil es süßes Gift ist und den Menschen das Interesse an Arbeit nimmt. Ich vermute, dass die Autorin noch nie mit dem Geld auskommen musste, das die Befürworter des BGE als solches vorsehen. Denn sonst wüsste sie, dass man weder mit 1000 noch mit 1200 Euro – die Summen, die sie im Text nennt – große Sprünge machen kann. Auch ohne jedes „Arbeitsethos“ werden die allermeisten Menschen im BGE kein süßes Gift sehen, keine Hängematte, von der so gerne gesprochen wird, sondern viel mehr ein Sprungtuch, dass sie rettet, wenn ihre sonstigen Aktivitäten schief gehen.

Der eigentliche Skandal in der Argumentation des Artikels ist, dass es natürlich die Armen und die Migranten sind, die kein Interesse mehr daran haben werden zu arbeiten. Wenn es heute Menschen gibt – und natürlich gibt es die – die als Jugendliche keine andere Zukunft sehen, als ALG 2, dann liegt das daran, dass unser katastrophales Bildungssystem diesen Jugendlichen keine Chance lässt – etwas, was fast jedes andere Schulsystem auf der Welt besser macht. Und natürlich sind es Migranten, die ja nur hier hinkommen, damit sie nicht mehr arbeiten brauchen, oder was? Was für eine rassistische Scheiße. Ich habe zufällig in den letzten Wochen Kontakt mit zwei jungen Migrantinnen gehabt – wer nach „deutschem Fleiß“ sucht, der kann sie bei diesen Jugendlichen finden. Eine davon, Kind albanischer Eltern, die als Geflüchtete nach Deutschland kam, will Jura studieren und lässt sich auch nicht davon abhalten, dass ihr ein Schuljahr von einer rassistischen Lehrerin geklaut wurde – und natürlich hat sie keine Dienstaufsichtsbeschwerde gestartet, natürlich erträgt sie den ganzen Scheiß und arbeitet daran, es dieser Lehrerin mit einem guten Abi zu zeigen. Zeigt mir doch bitte mal die deutschen Jugendlichen, die genauso arbeiten?

Gibt es auch Migranten, die ein BGE ausnutzen würden? Klar. Wie überall sonst auch. Sind doch Menschen, nicht besser und nicht schlechter als alle anderen. Als wissenschaftliche Direktorin eines wirtschaftswissenschaftlichen Instituts wird die Autorin ja sicher einige Menschen kennen, die vor sich hin privatieren und keinerlei positiven Beitrag zur Gesellschaft bringen, gibt ja genug reiche Erben.

2. Dem BGE fehlt die gesellschaftliche Legitimation.

Eigentlich müsste man hier gar nicht antworten, da die Autorin nur relativ inhaltsleer vor sich hin schwurbelt und ihre Argumente nicht klar abgrenzt, sondern sie ineinander diffundieren lässt, zu einem Brei, der nach „Wollen die Menschen eh nicht, weil wir ihnen schon lange genug eingeredet haben, dass Umverteilung doof ist“ klingt. Aber ich versuche doch mal, was aus dem Brei herauszudestillieren:

Die Autorin postuliert, dass „wahrscheinlich“ die Mitte das BGE finanzieren muss, was nicht gerecht sein kann. Hm, niemand, den ich kenne, käme auf die Idee, nicht bei den höchsten vermögen zuerst nach der Finanzierung zu schauen. Die Reichen und speziell die Superreichen kommen ihrer Verantwortung seit Jahrzehnten nicht mehr nach. Wer wäre also prädestinierter? Die Frage, warum etwas anderes „wahrscheinlich“er ist, beantwortet mir sicher auch niemand.

Darein wird Legitimierung über Gerechtigkeit gemischt. Nun, jetzt mag jedem anderes gerecht erscheinen, ich finde ein Anrecht auf ein sicheres Auskommen total gerecht, denn es würde ja jeder haben. Warum es ungerecht sein soll, ein solches Recht zu haben, weil man per Vermögen privilegiert ist, es nicht zu brauchen, erschließt sich mir auch nicht. Ich finde ja übrigens die Begründung für ein BGE in der liberalen Idee von der Befreiung von Geldherrschaft. So lange mich Menschen zu Dingen zwingen können, weil ich sonst kein Geld habe, kann ich ja kaum als frei gelten, oder? Und Freiheit findet ja sogar der scheidende Bundespastor toll.

Alles, was da mit „voraussichtlich“ und „wahrscheinlich“ begründet wird, ist eh nur Wirtschaftsesoterik. Da werden Thesen aufgestellt, die keinerlei sachliche Begründung haben, allenfalls ein vages „Ich kann mir das nicht anders denken“ – naja, und ich zum Beispiel kann es mir anders denken und mach das auch. Es ist natürlich naiv, wenn Menschen daran glauben, dass alle Probleme gelöst sind, wenn das BGE kommt, aber Gegenargumente aus düsteren Vorhersagen heraus stricken, ist ungefähr so seriös wie eine Wettervorhersage für den 5. April 2075.

3. Menschen integrieren sich nicht, wenn sie ein BGE haben

Es gibt ja Momente, in denen man so ein bisschen Hals bekommt, wie man in einigen westlichen Teilen dieses Landes so sagt. Hier wird der Artikel endgültig so barbarisch populistisch, dass er eigentlich keine Erwiderung verdient. Die Autorin meint, wir wären „eine rasch wachsende Einwanderungsgesellschaft“. Wo lebt sie? Von wem hat sie das Argument? Sarrazin? Faktencheck bitte! Wir sind kein rasch wachsendes Land, und ein Einwanderungsland auch nicht. Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft schon ewig, und die paar Flüchtlinge, die viel zu viele Politiker am liebsten schnell wieder wegschicken wollen, können allenfalls ausgleichen, was in den letzten Jahrzehnten durch geringe Geburtenrate abgebaut wurde.

Und dann klappt Integration nur am Arbeitsplatz und da ja alle Migranten stinkefaul sind, werden die als erste aufhören zu arbeiten, wenn es BGE gibt. Also sagt die Autorin nur in etwas anderen Worten. Der ganze letzte Abschnitt ist Rassismus und AfD-Sprech pur. Und diese hübsch verpackte Ressentiment-Packung soll dann ein Diskussionsbeitrag rund um das BGE sein? Es ist dunkle Propaganda gegen das BGE, argumentativ sind das nur Ressentiments und ein bisschen Glaskugelguckerei. Das beste am Artikel ist, dass sein Name relativ deutlich sagt, wozu der Artikel geschrieben wurde. Um die Diskussion zu vergiften …

Ein Buchenwald

Es ist Oktober und es ist kalt, fünf Grad vielleicht. Als ich aus dem Auto steige, mich nach einigen Stunden Fahrt strecke, spüre ich schon, dass ein bisschen Kälte auch in mein Inneres strömt. Es ist die strenge Architektur der SS-Häuser. Aus welcher Zeit diese Häuser stammen, ist nicht zu übersehen.

Ich stehe vor der Gedenkstätte des KZ Buchenwald. ich schließe mich einer Gruppe an. Ein rüstiger Mittachtziger versammelt einige Besucher um sich, präsentiert Fakten, Dimensionen erstehen. Der alte Mann erzählt, dass er die Häftlinge als Kind selbst durch die Orte ziehen sah, ja, natürlich wusste jeder in Weimar bescheid. Wie hätten sie es übersehen können.

Die Struktur wird klarer. Ja, das meiste weiß ich, aber wissen ist nicht gleich wissen. Ich gehe den Weg, den sie rennen mussten. Sie, die vielen tausend Häftlinge, die hier eingesperrt wurden, und von denen so viele hier ihr Grab in den Lüften fanden. Mehr Tote als Einwohner in meiner Heimatstadt, zweimal, dreimal. Und wir reden nicht über die Züge, die von hier nach Auschwitz fuhren.Es ist so kalt.

Das Tor. Jedem das Seine. Jedem. Das. Seine. ich mache Fotos, die ich mir hinterher nicht mehr anschaue. Fotos, um mich abzulenken. Um irgendwie klar zu kommen. Und dann durchs Tor hindurch und dort stehen, wo sie standen, stundenlang im Appell, kaum bekleidet. Der Wind zieht hier brutal. Ich friere in meiner Winterjacke. Nordhang, wohl dem, der winddichte Kleidung hat. Also wohl mir. Wie lange hätte ich das ausgehalten? wie schnell wäre ich durch den Schornstein gegangen, der von hier aus schon zu sehen ist?

Momente des Gedenkens, ja, klar, irgendwie schon, aber mehr des Begreifens. Die Weimarer spazierten fünfzig Meter von hier vorbei, während hier Menschen verhungerten, erfroren, zu Tode gequält wurden. Ein Schornstein, der nie ohne Rauch war. Und was muss Lager samt Schornstein für einen Gestank über Weimar hinziehen lassen haben? Hätte ich noch irgendwelche Illusionen gehabt, hier würde ich sie verlieren. Der alte Herr schneidet sie mit seinen Fakten aus den Menschen heraus. Mein tief empfundener Dank!

Das Krematorium. Der Hof, den man von Bildern mit Leichenbergen kennt. Ich gehe darüber hin, ich gehe in das Gebäude und stehe vor einem solchen Foto. Vergrößert, eine ganze Wand. Das ist da, wo ich eben noch stand, Boden, über den ich eben ging. Mein Inneres gefriert. Dann Öfen, so viel deutsche Wertarbeit. Vielleicht wäre es gut, wenn man sich erbrechen könnte, seinem Abscheu Ausdruck geben. Die Treppe die in den Leichenkeller geht. Und ich stehe davor und ich will nicht mehr. Ich will nicht noch mehr spüren, begreifen, nachfühlen. Ich bleibe oben.

Die nachgebaute Ermordungsanlage dann, fast eine Wohltat, denn die ist nicht so echt. Und sie macht wieder mehr wütend, weniger fassungslos. Wie tiefgreifend böse. Wie zynisch. Und alle Worte reichen nie so ganz. Ein Text muss hier immer mager bleiben. Verdünnt.

Es dauert vier Monate, bis ich das hier in Worte fasse. Weil der 27. Januar ist. Weil die Befreiung von Auschwitz ein Moment ist, in dem ich mich dazu zwingen kann. wenigstens diese dürftigen Worte zu suchen. Die Kälte steckt noch in mir. Die Kälte und die kalte Wut.

Ich spüre keine Scham und keine Schuld, ich weiß, auf welcher Seite des Zauns ich gestanden hätte.

Ich spüre kalte Wut auf jeden, der den Buchenwald vergessen will, auf jeden, der seine jämmerliche Identität auf Blut und Abstammung gründet, auf jeden, der sein Leben wichtiger erachtet als das der Anderen.

Alerta!