Archiv der Kategorie: Oper

Es ist ein Kulturkampf und wir können ihn verlieren

Der aktuelle Anlass für diesen Blogpost ist ein Artikel über die Ideen der AfD in Sachen Kulturpolitik. Die ist natürlich so rückwärtsgewandt, wie man es sich nur vorstellen kann, und ja, aus aufgeklärter Sicht sind sie strunzdoof und einfach lächerlich, und doch bin ich ins Grübeln gekommen.

Die AfD will in völkischer Tradition eine Form der Kultur, die das Deutsch-Sein befördert. Sie wollen am nationalen Kitsch der Romantik anschließen, sie wollen ein Theater, das gefällige Beispiele für deutsche Werte bringt, irgendwie sowas. Das ist alles hanebüchen. Natürlich. Die haben Brecht nicht verstanden. Natürlich. Die haben das absurde Theater nicht verstanden. Natürlich. – Nein, die wollen all das, was seit irgendwann im 19. Jahrhundert passiert ist, gar nicht verstehen.

Und da ist das Problem, dass die Kultur von heute so wehrlos macht. Da sind Millionen Menschen, die von der Hochkultur schon lange verlassen ist, und die dann, während Helene Fischer und Xavier Naidoo im Hintergrund laufen, davon sprechen, dass im Theater nur Nackte multikulti machen und in den Konzerthäusern vertontes Zahnweh geboten wird und in den Museen „irgendson Quatsch hängt, den ich dir auch in fünf Minuten besoffen auf die Leinwand huste!“ Und wenn dann die Theater und Museen große Plakate hängen, in denen sie sich mit Flüchtlingen solidarisch erklären, dann sind die Fronten geklärt. Dann sagen diese Menschen: „Wir gegen die!“

Wenn sich Menschen von den Eliten abgehängt und unverstanden fühlen, dann trägt, so  traurig das ist, die Kulturkaste daran einen gar nicht so kleinen Anteil. Denn Kultur in Deutschland ist viel zu oft eine Sache für Besserverdienende, so bürgerlich und spießig, wie man es sich nur denken kann. Die ganze Kulturlandschaft wirkt viel zu oft wie ein ewiges Jazzkonzert, also wie musikalische Onanie, die keinem weh tut.

So, wie das Bildungssystem die Schotten dicht gemacht hat und heute nur noch Kinder von Akademikern problemlos Akademiker werden können, so hat die subventionierte Kultur vor die gleichen Schotts dicke Vorhängeschlösser gemacht. Der Prozentsatz von Menschen, die mit zweihundert Euronen und mehr subventionierte Opernkarten erwerben und keine Aktienpakete besitzen, ist verschwindend gering. Und viel anders sieht das in anderen Bereichen auch nicht aus. Gerade für die Hochkultur braucht man meistens auch einen hohen Kontostand – denn Kultur wird als Statussymbol gesehen. Und die Betuchten sehen sich dann auch gern mal eine kleine Kritik hier und da an ihrem Lebensstil an – man darf nicht vergessen, die allermeisten Künstler sind politisch schon irgendwo links – aber zu kritisch darf es nicht werden. Selbst ein Genie wie Schlingensief war in der Hochkultur nur geduldet. Und die Rezensenten der Zeitungen, die Opernpremieren beseprechen, haben sicherlich schon ein paar Textbausteine, die ausdrücken, dass das Publikum von der Musik begeistert war, aber traditionell die Regie ausbuhte. Es sind ja alles Rituale …

Ja, ich mecker ja nur, und ich habe noch nicht so recht klar gemacht, wie das mit der AfD jetzt zusammenhängt – ja, ich bin mir meiner Geschwätzigkeit bewusst. Aber man darf mein Gemecker nicht falsch verstehen. Ich bin kein Feind der Hochkultur, ich steh auf gut gemachtes modernes Theater, geh gern in die Oper oder auch mal ins Konzert. Ich kann mich sogar von moderner Kunst berühren lassen, auch wenn bildende Kunst für mich keine Herzensangelegenheit ist. Und ich bin davon überzeugt, dass man viel mehr Menschen mit dem, was man heute in der Hochkultur so macht, begeistern kann. Ja, ich bin überzeugt, dass man etwa achtzig Prozent der Menschen mit dem heutigen Theater, mit Musik mit zwölf Tönen, mit Choreographie oder moderner bildender Kunst erreichen kann – nur wenige mit allem davon, aber wir wollen ja ruhig mal klein anfangen. Ja, es gibt zwanzig Prozent Menschen ohne irgendeine Ader für Kunst. Es gibt Menschen, die jede Musik für Quatsch halten, ja, gibt es alle, aber die Reserve derer, die man erreichen könnte, ist unglaublich groß.

Was mein Problem ist: Es wird viel zu wenig versucht. Es gibt hier und da diese Leuchtturmprojekte, wo ChoreographInnen Menschen in Massen zum Tanzen bringen, es gibt TheaterpädagogInnen, die mit Hauptschülern Shakespeare spielen, es gibt Ansätze. Meistens übrigens aus der freien Szene, meistens von Menschen, die sich schrecklich selbst ausbeuten und verdammt selten von Seiten der hochsubventionierten Häuser. Solche Projekte sind auch nicht besonders interessant für Sponsoren, denn sie sind ja gern ein bisschen rau und eckig, keine professionelle Perfektion. Aber sie sind, was wir brauchen.

Wir brauchen Kultur von unten. Ernsthaftes künstlerisches Arbeiten mit Schülern und Senioren, mit Arbeitslosen und Geflüchteten, mit Menschen, die sonst nicht ins Theater, Museum oder die Oper kommen. Kein Selbsterfahrungskitsch, keine VHS-Aquarellkurse – ja, ist auch alles schön – sondern wirklich Kunst, wirklich Auseinandersetzung, wirklich Experiment – und vor allem auch wirklich für Publikum. Kein Wohlfühljazz, der keinem weh tut, sondern künstlerische Auseinandersetzung mit einem neuen Jahrtausend.

Warum? Na, ganz einfach, wer künstlerisch jemals tätig war, wer auf Bühnen gestanden, gesungen und getanzt hat, wer offen mit dem Neuen umgegangen ist, das die Kunst jeden Tag künstlerischer Arbeit für uns bereit hält, der ist für Faschismus nicht mehr wirklich leicht empfänglich. Allein wenn Menschen Harry Potter gelesen haben, wählen sie doch nicht AfD – ich mein, das sind Todesser, ist doch offensichtlich. Wie viel mehr wirkt es, wenn man selbst künstlerisch tätig ist. Das kann man nämlich kaum, wenn man keine Offenheit für Andere und Anderes hat. Und ganz nebenbei: Wer selbst hier und da auf einer Bühne gestanden hat, schaut sich auch andere Menschen auf Bühnen an, wer mit Farbe und Leinwand experimentiert hat, geht in Museen, es wäre auch eine Win-Win-Situation für alle subventionierten Häuser, wenn sie sich um ein breiteres Publikum bemühen würden.

Natürlich ist eine Kultur für die Breite nicht machbar. Dafür gibt es viel zu viele Politiker, die nicht neben Ali oder Kevin in der Oper sitzen wollen. Und es ginge nur mit Politik. Wer sonst soll entweder die subventionierten Häuser dazu zwingen, Kultur in die Breite zu bringen, oder selbst Kulturkontributoren bezahlen, die dorthin gehen, wo man noch nichts von Hochkultur gehört hat, und dort für Rabatz sorgen. Das geht nur über eine Politik, die vor der Kunst nicht zurück schreckt und das macht, was Politik und Staat immer tun sollten: Ermöglichen!

Als vor weit über achtzig Jahren die Faschisten in Deutschland die Macht übernahmen, war der Staat und die Politik schutzlos – und leider konnte auch die Kultur nicht gegenhalten. Und das, obwohl die 20er Jahre eine Kultur in Deutschland gesehen hatten, die Weltrang hatte – das letzte Mal übrigens. Aber schon damals war die Kultur in sich relativ abgeschlossen und wenig kämpferisch. Die großen Akteure der 20er retteten ihre Haut und emigrierten. (Auch ein Grund, heute Flüchtende aufzunehmen. Wir brauchen dringend neue kulturelle Impulse.) Und natürlich war es richtig, dass sie emigrierten – schließlich wurden viele umgebracht, die nicht fliehen konnten. Allerdings werden die Länder zum Flüchten langsam selten. Wir sollten lieber den Kampf aufnehmen. Mit allen Mitteln der Kunst gegen Faschismus, gegen Rassismus, gegen Supremacy an sich. Wir müssen allerdings dafür ein bisschen Bequemlichkeit aufgeben.

Kultursubventionen / ein piratiger Blick

Vor ein paar Monaten hatte ich hier (https://hollarius.wordpress.com/2011/06/30/die-kultur-und-das-liebe-subventionierte-geld/) schon mal über Kultursubventionen geschrieben, aus einer Diskussion heraus, aus meiner persönlichen Sicht als Künstler heraus. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen bei den Piraten und finde in der für Neupiraten sehr verwirrenden Takelage aus Pads, Wiki, diversen Seiten, Forum und Mailinglisten zu dem Thema eher Unpräzises. Alle sollen irgendwie an Kultur teilnehmen können, freier Eintritt in Museen wird gefordert – aber das ist alles sehr ungefähr. Es ist ja auch ein Nischenthema, und außerdem ein Lokalthema, was die Bundespartei natürlich nicht so sehr interessiert. Aber auch Lokalpolitik muss ja besetzt werden, ist im Moment ja auch der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können, schließlich ist Berlin nicht nur ein Bundesland, sondern auch eine Stadt mit viel Kultur, wo das Thema wichtig ist.

Es gibt eigentlich zwei Blicke auf die Kultur, wenn man mit den Augen des Piraten sieht. Einerseits ist der freie Zugang natürlich von basaler Wichtigkeit. Freier Zugang ist das, was die Piraten zusammenhält. Also sollte es auch freien Zugang zu Theater und Oper, zu Museen und Konzertsälen geben, oder?

Andererseits soll sich der Staat ja nicht in alles einmischen, und dass jede Karte in der Oper mit durchschnittlich zweihundert Euro vom  Staat gesponsert wird, ist für mich persönlich, der ich zwei bis dreimal im Jahr die eine oder andere Oper besuche, eine tolle Sache,  aber eigentlich kaum zu rechtfertigen.  Warum wird eine Einrichtung, die nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht wird, so hoch subventioniert?

Alles umsonst, das ist eine hübsche Idee, aber auch nicht zu bezahlen. Die Städte sind eh mehr oder weniger pleite. Ein Streichen der Subventionen würde aber in die andere Richtung gehen, angloamerikanische Verhältnisse sind nicht die, die wir suchen. Dort ist die Hochkultur eine absolute Mangelware, und/oder von Mäzenen nicht nur bezahlt, sondern auch gesteuert. Also schauen wir mal etwas genauer an, was heute bezahlt wird.

Da gibt es sehr unterschiedliche Konzepte.  Die größte Ausgabe der großen Städte geht an Opern und Schauspielhäuser. Hier sind viele Menschen angestellt, hier werden Stars eingekauft, die für wenige Tage eingeflogen werden.  Relativ gesehen, werden Eintrittskarten fürs Museum sogar noch mehr subventioniert. Da wird auch sehr viel sehr gute Arbeit geleistet, da gibt es immer wieder sehr neue Inszenierungen, da gibt es Orchester auf höchstem Niveau, Künstler, die unglaublich intelligente und provokante Werke schaffen – es gibt aber auch viel Mittelmaß, man findet sogar recht häufig Mist, der gut bezahlt wird. Der festangestellte Künstler neigt zum Stillstand. Noch problematischer ist es allerdings, dass es erstens quasi eine Vollkasko gibt, dass es geradezu egal ist, was man macht, und wie viel Publikum man erreicht, und auf der anderen Seite steckt da ja auch eine Denkart hinter, die mit Kunstförderung gar nichts zu tun hat: Es geht hier eindeutig auch um Gallionsfiguren, um Aushängeschilder, in deren Rettung sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen.

Auch in der freien Szene gibt es eine Menge Subventionen, die auf verschiedenste Art ausgeschüttet werden – im Vergleich aber zu den Aushängeschildern, geht hier nur relativ wenig Geld hin. Das bewirkt trotzdem recht viel. Warum? Naja, weil es immer eine anteilige Finanzierung ist. Man stößt Projekte mit Geld an, man finanziert sie nicht vollständig. Oftmals heißt erfolgreiche Kulturförderung auch vor allem das Bereitstellen von Räumen, sowohl für die künstlerische Arbeit, als auch für Auftritte.

Soweit grob gesehen der Ist-Zustand. Wie kann man denn nun den freien Zugang damit kombinieren, dass eine Vollsubvention der Kunst nicht nur finanziell utopisch ist, sondern auch noch, ähnlich wie die Konzepte für eine Kulturflatrate,  daran kranken würden, dass es so schwierig zu entscheiden ist, was denn Kultur ist, und wer denn nun subventioniert werden muss.

Es gibt zwei wichtige Ansätze:

Erstens der freie Zugang dazu, Kunst betreiben zu können. Jeder soll die Möglichkeit haben, selbst tätig zu werden. Deswegen sollten Subventionen mehr in die Breite gehen, als in die Leuchttürme der Hochkultur.  Ein Instrument zu lernen, ist schon ein kleiner Luxus, auch andere kulturpädagogische Angebote müssen meistens recht teuer sein, weil die Kulturpädagogen – unter denen ich jetzt mal die Klavierlehrer, Kunst- und Theaterpädagogen und alle anderen subsummiere, die anderen Menschen etwas beibringen, dass ihnen ermöglicht, an der Schaffung von Kultur teilzunehmen. Hier sollte investiert werden, und natürlich braucht diese Kunst von unten auch Proben- und Aufführungsräume.  Hier einen freien Zugang zu schaffen, wäre ein Ideal. Wenigstens ernsthaft die zu unterstützen, die es sich nicht selbst finanzieren können, wäre das erste kleine Ziel. (Habe letztens selbst mit einer H4-Mutter gesprochen, die sagte, dass es einfach nicht drin wäre, ihrem Sohn Gitarrenunterricht zu bezahlen. Die H4-Gutscheine eines Jahres würden für zwei Monate reichen. Der Junge übt stundenlang ohne Unterricht – eine Schande, wo so viele, die es sich leisten können, nur unter Druck ihr Instrument anfassen …)

Aber nicht nur freier Unterricht wäre anzustreben, sondern eben auch eine Unterstützung von freien Gruppen. Probenräume und Aufführungsorte müssen für örtliche Gruppen kostenlos sein, die Amateure, die Liebhaber müssen unterstützt werden. Es braucht Möglichkeiten für junge Bands, sich vor Publikum zu zeigen, und je professioneller Bühne und Technik dafür ist, desto mehr kann der Nachwuchs davon profitieren. Subventionen, die Projekte anschieben, die der halbprofessionellen und professionellen lokalen Szene helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, sind viel besser, als das Einkaufen von fremdem Mittelmaß. Etabliert sich eine starke lokale Szene, dann wird das Interesse an guten fremden Kräften auch von selbst wachsen. Auch Veranstalter können auf einem solchen Fundament gut aufbauen und die Szene wiederum bereichern.

Zweitens sollen die hochsubventionierten Häuser, die Museen und Opern, die Konzertsäle immer auch eine Bringschuld haben. Wenn es darum geht, wie die Subventionen weiterfließen, muss jedes dieser Häuser zeigen, wie man sich darum bemüht, einen Zugang zu schaffen. Und dabei geht es nicht darum, dass man seinen Abonnenten irgendwelche Rabatte gewährt, es geht darum, dass Kulturferne an die Kultur herangebracht werden. Das können Kooperationen mit Stadtteilprojekten sein, dass können freie öffentliche Generalproben sein, für die Karten in Schulen verteilt werden. Das können Kunstprojekte sein, in die Menschen aus den – ich sags mal provokant – Slums eingebunden werden. Die Theater haben Dramaturgen, die Museen Kuratoren,  und denen wird vieles einfallen, ebensolche Projekte anzukurbeln, die Menschen an die Kultur heranbringen. Man muss sie nur dazu zwingen, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen. Es geht nicht darum, in die künstlerische Freiheit einzugreifen, es geht auch nicht darum, pädagogische Arbeit den Künstlern aufzuzwingen. Aber wenn diese Häuser viele Millionen im Jahr verschlingen, dann sollen sie sich auch darum kümmern, dass sie das nicht nur für einen winzigen Teil der Gesellschaft tun. Es geht hier darum, dass Menschen an die Hand genommen werden müssen – die glauben nämlich, RTL2 würde ihnen reichen, sie wissen es nicht besser, es hat ihnen noch keiner gezeigt. Wenn die Opernhäuser und Stadttheater das nicht leisten können, die Orchester und Ensembles, dann sind die Subventionen offenkundig falsch angelegt.

Mehr Subventionen in den künstlerischen Breitensport, mehr Öffnung der subventionierten Kulturtempel, das wären doch schon mal zwei schöne piratige Forderungen, oder?

zauber geflötet

Ach ja, am letzten Donnerstag war ich nicht nur im Schnee unterwegs, sondern auch in der Oper. Naja, nicht wirklich in der Oper, sondern eher in der Aula der Universität zu Köln, in der man nicht ganz so bequem sitzt, wie im Operngestühl – die Oper zieht nun mal im Moment von Ort zu Ort, weil das eigentliche Gebäude ja in diesem Jahr schon renoviert werden sollte – was allerdings noch gar nicht passiert – ja, mer sin in Kölle.
Nun gut, die Zauberflöte stand nun also auf dem Spielplan – und da sind natürlich die unsterblichen Mozartmelodien, die Bravourarie der Königin der Nacht – vor der vermutlich jede Sängerin fürchterliche Angst hat, weil man es im Zweifel ja immer schon mal besser gehört hat – und da sind die witzigen Einlagen des Papageno, die ziemlich verrückte Märchenhandlung – es ist keine Frage, dass man eine Zauberflöte sehen sollte, so man es kann, und wenn man nur die Augen schließt und die Musik genießt.
Das war dann leider in diesem Fall auch so, ja, ich möchte fast sagen, nötig. Nicht nur, weil die Bühne sinnlos nach vorne ausgeweitet war, was bei der relativ geringen Schräge der Ränge dazu führte, dass man mehr Hinterköpfe sah, als die Handlung auf der Bühne, sondern vor allem, weil die Inszenierung von René Zisterer gleichermaßen einfalls-, wie mutlos ist. In seinem Ursprung ist der Text von Schikaneder natürlich für eine so genannte Maschinenkomödie geschrieben – will heißen, in seiner ursprünglichen Form wird es in der Zauberflöte vermutlich eine Unmenge an Bühnentricks, an Spiel mit der Theatermaschine gegeben haben – es gab also jede Menge zu sehen. Zisterer hatte wenig Maschine zur Verfügung, die Aula der Universität gibt da nicht so viel her, aber er entschied sich auch nicht, jetzt den ganz spröden Weg zu gehen, die minimalistische Variante, die, im Verein mit ein wenig Psychologisierung, ja durchaus auch einen gewissen Charme gehabt hätte – nein, René Zisterers Inszenierung bleibt irgendwo dazwischen stecken, es gibt Versatzstücke aus einer klassischen Richtung, anderes modernisiert – und insgesamt gibt es weder Kopf noch Hinterteil.
Die Königin der Nacht – die musikalisch kein Reinfall war, was mir genügt, so schwer wie die Partie nun mal ist, man kombiniere die Dramatik einer Rachearie mit der Leichtigkeit der Koloratur, na herzlichen Glückwunsch – kommt zu ihrem ersten Auftritt in rauschenden Roben, verliert diesen sehr klassischen Anblick dann aber im Stück; die Schlange ist natürlich der übliche Schlauch, in dem drei Menschen versuchen, Tamino so ungefährlich wie möglich zu bedrohen – eine Lachnummer, aber Tamino sang wenigstens schön; und, das absolute Geht Nicht, Monostatos ist ein „Schuhcreme-Neger“, will heißen, da wird ein weißer Darsteller mit brauner Schminke angemalt – ah, sind wir nicht langsam über diese Form des rassistischen Theaters raus? Da haben nur noch die rotgemalten dicken Lippen gefehlt – wie rückwärtsgewandt ist das denn?
Jetzt mal im Ernst, der Monostatos singt davon, dass er so hässlich schwarz ist – das ist heute nicht mehr so richtig politisch korrekt, aber man kann es ja nicht einfach rauslassen – nun gut, aber entweder, man sucht sich dafür einen Sänger, der schon mit der dafür notwendigen Hautfarbe geboren wurde, oder man nimmt den Text von Schikaneder einfach mal ernst, und gibt dem Kerl ein schönes Blauschwarz zur Gesichtsfarbe, oder Dalmatinertupfen, oder ein Schwarz, dass grünlich schimmert – von Braun ist da nicht die Rede, im ganzen Text nicht, da steht schwarz, darf man gern nachlesen – braun ist da allenfalls die Aufführungspraxis.
Und dann der Rest der Kostüme, der bunteste Mix, und alles eher unspannend – Papageno klassisch gefiedert, Papagena dafür im 20er Jahre Kleidchen, die drei Damen mit viel Ausschnitt im kurzen Kleid, ziemlich modern – Sarastro und seine Priester in … ach, kaum zu beschreiben, vielleicht reicht es einfach zu sagen: da passte nichts zusammen, das hatte alles kein Konzept, außer vielleicht eine Art Rumfort – man kennt das, haben Köche noch viele Reste zu verarbeiten, machen sie auch eine Rumfort-Pfanne, liegt rum, muss fort … ach so, fast vergessen, unser Held Tamino kommt im Pullunder da her – so wird er allerdings nicht Pamina erringen, sondern allenfalls einen Platz in einem langweiligen Büro eines Kleinstadtrathauses.
Das Einzige, was an dieser Inszenierung funktioniert, sind die komischen Momente mit Papageno, die sind gut herausgearbeitet. Nun gut, das ist Handwerk, ansonsten funktionieren die Bilder nur selten, und überraschen kann gar nichts – Note? Fünf minus, knapp an der Sechs vorbei. Die Musik musste es herausreißen.
Natürlich überlegt man, wenn man eine so schlechte Inszenierung sieht, wie man es selbst machen würde. Und eine kurze Zeit lang habe ich wirklich gedacht, dem eher spröden Uniambiente entsprechend, könnte man auch die Inszenierung spröde gestalten, minimalistisch, keine Farben, geradezu expressionistisch geschminkte Darsteller – den totalen Kontrast mit der Musik suchen. Das mag auch ein spannendes Konzept für eine Zauberflöte sein, allein, es wäre mir gerade in Bezug auf die Umgebung einfach als zu hart erschienen, das kann ich mir im klassischen Opernsaal interessanter vorstellen. In diesem Saal, der nicht nur viele Vorlesungen gehört hat, sondern in den Nachkriegsjahren auch Ausweichquartier für Oper, Schauspiel und Orchester war, hätte ich auf Farben und Magie gesetzt, nicht das betulich-charmante 50er Jahre-Design, aus dem die Kostüme für Papageno und die Königin der Nacht stammten, sondern zeitlose Eleganz in edlen Farben, sichtbare Magie, Lichteffekte, Feuerwerk – gerade in der nüchternen Aula einer Universität. Die Handlung der Zauberflöte ist nicht gerade tiefsinnig, da kann es nur von Vorteil sein, wenn man mit einiger Theatermagie die Sache aufpeppt. Hach, was für vergebene Chancen …


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Daniel Kehlmann vs. Regietheater

Ich habe mich gerade eine halbe Stunde mit dem beschäftigt, was Romancier Daniel Kehlmann in seiner Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele gegen das Regietheater gesagt hat … und da ich ja nun selbst Regisseur bin, wenn auch nur ein kleiner in der Provinz, so muss ich doch mal meine Gedanken hierzu sammeln.

Kehlmann hat über seinen Vater gesprochen, den Regisseur Michael Kehlmann, der irgendwann aus der Mode kam, weil er nicht dem Regietheaterhype hinterherlief. Er hat davon gesprochen, dass sein Vater sich als „Diener des Autors“ sah – und damit hat er mir sehr gut getan.

Bei mir ist es so, dass ich, einerseits weil mir selten Stücke wirklich gefallen, andererseits weil sie oft nicht so einfach aufführbar sind, wenn man seine Ensembles aus Jugendlichen zusammensetzt, oft eigene Stücke auf die Bühne bringe, quasi das gleiche mache, wie Autorenfilmer das im Filmbereich tun. Ich schreibe Stücke auf meine Bühne hin, ich schreibe Charaktere oft auch auf Schauspieler hin – so kann man hier und da auch Schwächen umgehen oder solide spielende Jugendliche wie Stars aussehen lassen. Schreibe ich nicht für meine Bühne, bin ich deutlich abstrakter in Regieanweisungen, habe aber genauso meine Vorstellungen. Und ich wäre wenig begeistert, wenn jemand mein Stück nur zum Anlass nähme, und daraus was ganz anderes machen würde.

Als Regisseur kann ich natürlich darauf bauen, dass das, was ich schreibe, schon das ist, was ich auch sehen will – dennoch gibt es genug Momente, in denen ich beim Inszenieren wieder abweiche, Text ändere, Ideen einfließen lasse, die aus dem Ensemble kommen, oder auch Momente, in denen ich frage, wer den Quatsch geschrieben hat, so oder so wäre es doch viel sinnvoller. Inszeniere ich Texte von anderen, so sind das üblicherweise Texte, die mir sehr gut gefallen – Stücke, die ich nicht mag, werde ich allenfalls persiflieren, niemals aber ernsthaft inszenieren. Wenn mir aber ein stück sehr gut gefällt, MUSS ich doch diesem Stück dienen, alles andere wäre doch großer Mist – was gewinne ich denn, wenn ich ein Stück, dass ich mag, destruktiv angehe?

Wer sich nicht als Diener des Autors fühlt, wer meint, seine eigenen Gedanken wären wichtiger, als das, was der Autor geschrieben hat, der soll eigene Stücke schreiben und sie auf die Bühne bringen. Letztlich ist es ja auch immer das, was ich meinen Schauspielern auf den Weg gebe: Diene dem Stück und diene dem Publikum!! Macht man das in angemessener Weise, so wird das Publikum einem schon so sehr den Bauch pinseln, dass das eigene Ego befriedigt wird, das garantiere ich.

Damit meine ich keine reaktionären Kitschinszenierungen, an wen auch immer man glaubt, der bewahre … Ja, ich diene dem Publikum, aber nicht dadurch, dass ich mich anbiedere, dass ich jeglicher Provokation aus dem Wege gehe. Ich diene dem Publikum, in dem ich die Geschichte erzähle, die der Autor erzählen wollte, und das ist oft provokant genug.

Die ästhetische Frage, ob man Leute in Originalkostümen auf die Bühne schickt, oder in modernen, oder in zeitlosen, oder einen Designer sich austoben lässt, die ist wirklich nur ein ästhetische – in manchem Stück wird eine zeitlich passende Klamotte einfach die Illusion verstärken, und das ist selten ein Nachteil – es ist aber auch keiner, wenn Romeo in Jeans und T-Shirt daherkommt – allenfalls dann, wenn die Jeans eine Baggy ist, der Darsteller sie nicht authentisch tragen kann und der Regisseur sich damit nur einem Zeitgeschmäckle anpassen will.

In manchen Momenten kann und soll man modernisieren, ein gutes Beispiel ist die „Samson et Dalila“-Inszenierung von Tilman Knabe in Köln, die ja schon im Vorfeld für jede Menge Skandälchen gesorgt hat. Knabe hat zu Recht geschaut, wo die Geschichte spielt, nämlich im Krieg – und da wir heute wohl wenig mit ein paar Speerträgern anfangen können, die in biblischer Zeit metzelten, hat er moderne Soldaten genommen – und hat den Krieg, von dem das Stück spricht, wörtlich genommen, dem Stück, den Autoren also gedient. Eine großartige Inszenierung. Ob es auf der anderen Seite Sinn macht, Wagners mythisch-magische Geschichten in Konzernzentralen zu verlegen? Wahrscheinlich nicht, Wagner spricht nämlich nicht von Konzernzentralen. Ob es Sinn macht, ständig mit Videoinstallationen, mit Nacktheit und verschmierten Körpern zu arbeiten? Nein, macht es nicht – es sei denn, es steckt im Stück drin. Schnitzlers Reigen vollständig angezogen zu spielen, kann nur ein Experiment sein, schlimmes Regietheater, da geht es die ganze Zeit um Sex, wer hat denn angezogen Sex? Habe ich eine gelungene Allegorie, die ich mit Videotechnik ins Stück bringen kann, und die dem Text dient, dann sollte ich sie machen – Großaufnahmen von Darstellern, nur weil ich sie bringen kann, halte ich für lecker sinnlos.

Regisseure müssen alles nutzen, was sie nutzen können, sollen jede Idee des Regietheaters nutzen, aber zu dem Zweck, den Daniel Kehlmann ihnen einzuimpfen versucht: Dient dem Stück, dient dem Autoren – aber, in einer Sache muss natürlich auch widersprochen werden: Ein Regisseur kann keine gute Arbeit abliefern, wenn er geknebelt wird, und oft wird eine Regieanweisung des Autors umgangen werden müssen, weil die nicht passt, weil die Geschichte besser wird, ohne sie … und hier muss präzisiert werden: Dient dem Stück, dient der Geschichte!! Der Autor ist selbst nur ein Medium, durch die die Geschichte zu uns gekommen ist.

Als Autor freue ich mich über jeden, der die Geschichte, die ich aufgeschrieben habe, weitertragen will, aber ich möchte auch, dass es die gleiche Geschichte bleibt, dass der Geist der Geschichte nicht verändert wird, als Regisseur will ich eine Geschichte erzählen die mir gefällt, dazu nutze ich alles, was mir einfällt, wenn es denn der Geschichte dient, denn ich bin nur der Regisseur, der Spielleiter, wichtig darf ich mich nicht nehmen.

Skandaloper? – Ja, gerne …

Vor einiger Zeit schrieb ich meine Meinung zum Opernstreit in Köln, wo sich ein Teil des Chores und zwei Solisten Atteste besorgten um nicht bei „Samson et Dalila“ mitmachen zu müssen. Am Samstag habe ich dann die dritte Vorstellung gesehen, ich hatte für die Premiere Karten, aber da die verschoben wurde, war das alles ein bisschen chaotisch.

Nun also, mit letztem Atem den Rang gefunden und die Plätze besetzt, es kann losgehen, und das passiert auch gleich. Ein Knall, das Licht erlischt blitzartig, und wenn jetzt das Orchester nicht einen Moment zu lange brauchte, um endlich mit der Ouvertüre anzufangen, wäre das noch ein Stück überzeugender. Aber wenn dann die Musik spielt – nun ja, man kann sich über die musikalische Qualität der Oper sicher streiten, nicht aber darüber, dass Camille Saint-Saëns in seiner orchestralen Musik die größten Stärken hat, also auch in der Ouvertüre – erscheint langsam, fast wie auf einer Leinwand das Bild eines Schlachtfeldes, immer mehr von der Bühne wird sichtbar und dieses Bild ist wie aus einem großen Gemälde der Romantik geschnitten, nur kräftig aktualisiert – Schutt liegt da, umgestürzte Tische, eine Waschmaschine wird von zwei Bränden illuminiert, und dazwischen menschliche Körper. Was für ein Bild! Tilman Knabe zeigt hier gleich mal, in welche Richtung es geht. Der Konflikt ist irgendwie heute, und vermutlich im Nahen Osten, aber darauf kommt es gar nicht an, Knabe zeigt mit diesem Anfangsbild, dass er den kriegerischen Stoff absolut ernst nimmt, dass er gewillt ist, dem Publikum Bilder hinzuknallen, die es nicht vergessen wird, und dass er das in keinem Moment nur halbherzig betreibt.

Nun führt Samson seine Hebräer aus der Sklaverei und besiegt Abimelech, einen bis dahin wunderbar spielenden Bass, böse bis dorthinaus, ein arrogantes Aas, so mag ich mein Theater. Im Siegesjubel wird gut gebechert und ein bisschen in Zeitlupe und angezogen gevögelt – ist das alles, muss man sich hier fragen, nein, das ist es noch nicht. Aber auch hier funktioniert jeder Moment der Inszenierung. Die Zeitlupenfeier bringt eine gute Brechung.

Im zweiten Akt sind wir dann bei Dalila im Hotelzimmer, wo sie erst ihren Hohepriester empfängt und danach Samson verführt. Auch hier gibt es ein bisschen ziemlich angezogenen Sex, bei dem man auf einmal weiß, warum Dalila da in solche Höhen kommt – Effekthascherei? Nicht wirklich, eher logisch, wenn man die Verbindung zwischen den „Bösen“ im Stück darstellen will. Am Ende des ersten Aktes wird Samson nun also skalpiert und verliert seine Macht – die Geschichte ist ja biblisch und wird daher als bekannt vorrausgesetzt.

Danach, im dritten und letzten Akt, feiern die Philister eine dicke Party, dekadent bis zum Erbrechen und eben nicht nur mit Verhöhnung des Samson sondern auch mit dem Vergnügen an besiegten Hebräern, die man nach dem Vergnügen auch gleich entsorgt. Da nun, kommt wirklich eine Szene mit Schockmoment, da nun setzt Knabe auf ein bisschen Kunstblut und auch auf nackte Haut – allerdings muss man schon eine gehörige sadistische Ader haben, um davon erregt zu werden. Menschen werden gedemütigt, geschlagen, vergewaltigt und ermordet – das geht allerdings nicht in quälender Langsamkeit voran, sondern in schlichter und roher Geschwindigkeit. Natürlich werden keine Bühnenregeln gebrochen, die Oper wird hier natürlich nie auch nur ansatzweise pornografisch und die Selbsteinschätzung der Kölner Oper, diese Inszenierung ab sechzehn Jahre zu empfehlen finde ich recht vorsichtig – ich würd da auch Zwölfjährige reinschicken, wenn sie hinterher die eine oder andere Möglichkeit haben, nach Sachen zu fragen und Sachen erklärt zu bekommen. So eindeutig und drastisch die Bilder sind, die Tilman Knabe da gefunden hat, sie sind noch lange nicht grenzwertig. Aus dem Film und auch durchaus aus dem Sprechtheater kennt man weitaus heftigere Mittel.

Der Applaus am Samstag war groß und intensiv, intensiver, als ich das bisher in der Oper gehört habe. Ein strahlendes Ensemble zeigte, dass man offenbar einen Heidenspaß dabei hatte, eine Geschichte gut zu erzählen. Schade, dass nur bei der Premiere der Regisseur sich zeigt, ich hätte gerne jedem Buhrufer ein Bravo entgegengesungen.

Bei uns hier in der Provinz liest man einen Ableger der Kölnischen Rundschau, in der sich natürlich eine große Gruppe konservativer Leserbriefschreiber solidarisch mit den Arbeitsverweigerern aus dem Ensemble erklärt haben. Hier gibt es große Anhänger einer unkünstlerischen ästhetisch schönen Oper, die am liebsten konzertante Aufführungen hätten, bei denen sie keine Geschichte erzählt bekommen, sonder die Klassiker aus dem Wunschkonzert zu hören kriegen. Zwei Sachen fand ich sehr bemerkenswert. Erstens die sehr positive Rezension, deren Schreiber sich darüber lustig machte, dass die Buhs sich sehr nach ausgebildeten Stimme angehört hätten, und zweitens ein Leserbrief zwei Tage später, der sich bei Tilman Knabe und der Kölner Oper für einen wirklich herausragenden Abend bedankte. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich da einfach mal anzuschließen.