Archiv der Kategorie: Philosophie

So etwas wie Freiheit III – Tu, was du willst!

Menschen haben schier unglaublich viel Energie. Sie strotzen vor Entdeckergeist, sie wollen Probleme lösen, kreativ sein, sich wundern und Wunder erschaffen. Und dann werden sie eingeschult.

Nein, ich will ja gar nicht auf die Bildungspolitik raus, aber da fängt der Teil von Freiheit an, auf die ich gerade raus will. Oder besser, zu oft hört die Freiheit dort auf.

Aber um am Anfang anzufangen: „Tu, was du willst!“ ist ein Zitat aus der Unendlichen Geschichte, dem Magnus Opus von Michael Ende. Der Satz steht auf dem Aurin, dem Amulett, mit dem man in Phantasien die absolute Macht bekommt. Und wie die im zweiten Teil des Romans durchaus sperrige Geschichte zeigt, versteht unser kleiner Held Bastian die Worte erst mal falsch, weil er einfach irgendwas macht, wozu er gerade eine Verlockung verspürt. Darum geht es aber nicht. „Tu, was du willst!“ bedeutet: Schau tief in dein Innerstes, erkenne, was dich antreibt, was in dir steckt und was du wirklich tun willst, und dann lass alle Bedenken fahren, pfeif auf Begrenzungen und Behinderungen, die dir die Umwelt aufdrücken wollen, und tu verdammt noch mal, was du wirklich willst!

Ich rede hier von Freiheit! Ich rede nicht davon, dass ich irgendwem irgendwelche kleinen dummen Privilegien schützen will. Leute prügeln sich darum, ob in Kneipen geraucht werden darf oder nicht? Da geht es nicht um Freiheit! Da geht es nur darum, ob man sich seine Unfreiheit ein bisschen angenehmer machen kann, die einen wollen es angenehmer haben, dadurch, dass der Raum nicht verqualmt wird, die anderen wollen es sich angenehmer machen, indem sie darauf bestehen, dass sie möglichst überall ihrer Sucht nachgehen dürfen. Das ist keine Freiheit!

Freiheit wäre es, wenn wir schon mit den kleinen Menschen anfangen würden, ihre Begeisterung, ihre Leidenschaft ernst nehmen und sie stützen und schützen, auf dass sie einfach das tun, was in ihnen drin steckt, was sie wirklich tun wollen. Freiheit wäre es, dass Menschen nicht vierzig, fünfzig oder siebzig Stunden pro Woche in Jobs gezwungen werden, die ihnen keinen Spaß machen, die ihrer Natur nicht passt und die schlicht und einfach unglücklich und unproduktiv in dem sind, was man ihnen aufzwingt.

Wie dumm sind wir eigentlich? So als Menschheit? Wie blöd kann man eigentlich sein? Halten wir es wirklich für sinnvoll, dass wir in dieser kurzen kleinen Zeit unseres Lebens möglichst beschränkt und unglücklich sind? Wir haben heute so viele Möglichkeiten, mit den Ressourcen besser umzugehen, und sie besser zu verteilen. Wenn wir es wollten, dann könnten alle Menschen auf der Welt ohne den Gedanken an Hunger leben. Warum wollen wir das eigentlich nicht? Wenn wir es wollten, dann könnte jeder genug Geld haben, um zu leben, und genug Freizeit, um sein Leben zu genießen.  Warum wollen wir das nicht? Was man allein für ein Potenzial freisetzen würde, wenn man Menschen die Existenzängste nehmen würde, das ist nicht überschaubar.

Wir sollten uns um Freiheit kümmern, um die Freiheit aller Menschen. Über was reden wir eigentlich?

Gastbeitrag: Von Zeit und Geld

Das ist ein totales Novum, zum ersten Mal veröffentliche ich hier einen Artikel eines anderen Autoren. Der Autor ist Marcus Müller, genannt Dülla, den man auch auf Twitter unter @MarcusDMueller finden kann. Wir sitzen am gleichen Piratenstammtisch und Marcus denkt erfrischend radikal. Ich hatte ihn gebeten, mal seine Gedanken aufzuschreiben. Jetzt hat er es getan, und ich veröffentliche das gerne und ungefiltert.

Sehr geehrte Energie-, Kommunikations-, Lebens- & Luxusmittel (Versorger / Produzenten), liebe Mitmenschen & Piraten (Politiker),
mir liegt schon länger etwas auf dem Herzen, welches ich hiermit endlich & endgültig loswerden will. Verzeiht mir bitte vorab meine kommunikativ begrenzten Möglichkeiten.

… Wo fange ich nur an? …

Okay, erst mal ein paar paar Worte zu meiner Person:
Ich bin gelernter Elektroinstallateur aus Leidenschaft. Strom, also der direkte Transport von Arbeit, bzw. das durchdachte Verlegen von Leitungen um dadurch einen möglichst großen Nutzen zu erzielen, hat mich schon von klein auf fasziniert.(Ebenso wie Licht & Farben, Sport & Musik & noch viele andere, an dieser Stelle, irrelevante Dinge.) Unabhängig davon, ob ich für meine Leistung eine entsprechende Gegenleistung erhalte. Ich finde es einfach zu wichtig, Dinge zu tun, um die Menschheit (also mein Umfeld & meine eigenen Fähigkeiten) weiter zu entwickeln & zu verbessern, statt NICHTS* zu tun. … Obwohl dies ja gar nicht möglich ist, schließlich ist ständige Produktion von Kohlendioxid ja auch „Arbeit“, genauso wie das Verdauen von Lebensmitteln & die Erzeugung von „Scheiße“! (Verzeiht mir meine Ausdrucksweise) xD

ABER: „Jedem das seine!“ ^^

Es ist mir relativ egal, wer sich mit welchen Statistiken seine Zeit vertreibt, solange man mich damit nicht belästigt. Es gibt da aber eine, die mir gewaltig auf die Nerven geht & die quasi allgegenwärtig ist. Geld. Also die Schuld von anderen. Unausweichlich wird man von fast allen Seiten dazu gezwungen an die verbriefte Schuld zu glauben & damit zu handeln.
Glaubensfreiheit, so wie mal mindestens eine offizielle Alternative? Fehlanzeige!

Einerseits glaube ich nicht an Schuld, schon gar nicht in Briefform & vor allem nicht, wenn diese so willkürlich beziffert wird. Wenn wenigstens jeder den(/die) gleichen Lohn(/Schuld) für seine Lebenszeit gutgeschrieben bekommen würde, könnte ich mich ja noch mit dieser Idee anfreunden, aber ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum z.B. der Kloputzer viel mehr Lebenszeit aufbringen muss, als z.B. ein Bankangestellter, um sich die gleichen Möglichkeiten zu verdienen.  Durchaus Verständlich, wenn sich dieser Geringverdiener als schlechterer Mensch vorkommt, aber ist er es auch? Wer gibt dem Bankangestellten denn das Recht, mehr konsumieren zu dürfen als der Kloputzer, obwohl dieser einen entscheidenden Beitrag zur Hygiene der Gesellschaft leistet, während der andere nur sinnlose Statistik betreibt. Ich begreife einfach nicht, warum ich etwas besseres oder schlechteres sein soll, als jemand anderes. Warum könnte ich einen Stundenlohn von 19€ verlangen, & andere hingegen können froh sein, wenn ihnen jemand 7 gibt. Ich habe mir doch nicht ausgesucht, woran ich Interesse habe & wofür Talent.

(Ich kann durch dieses Wissen dieses Finanzsystem nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren, weshalb ich jeden bitten möchte über eine Alternative zu diskutieren. Ich bin bereit meine Zeit mit euch zu teilen & zu helfen wo ich kann, wenn ihr das überhaupt wollt.)

Andererseits gibt es einfach keinen gemeinsamen Nenner, um die Brüche der vielen verschiedenen Kulturen auf unserem Planeten addieren zu können. Außer die Zeit vielleicht, auch wenn Zeit, wie Geld (bzw. Schuld) auch nur ein Konstrukt unserer Fantasie ist. Was allerdings nicht heißen soll, das solchen Konstrukte nicht auch richtig (&) gut sein können. Organisation ist ja bekanntlich schon wichtig, damit komplexe Arbeiten möglichst effektiv ablaufen können, & das wäre ohne das Konstrukt der Zeit äußerst schwierig. Dazu kommt, dass eine Stunde überall auf dem Planeten auch eine Stunde lang dauert, bzw. eine Stunde auch eine Stunde wert ist, & nicht wie das beim Geld der Fall ist, dass jedes Land andere Preise hat, sogar trotz selber Währung. Zeit wäre eine Möglichkeit einem Produkt einen Wert zu geben. Arbeits-, bzw Lebenszeit ist nämlich immer, überall & für jeden unbezahlbar, womit ich diesen Wert als Tauschmittel eher als geeignet betrachte, als z.B. Geld. Obwohl ich eigentlich denke das wir Menschen überhaupt kein Tauschmittel bräuchten, wenn wir nicht zu dumm zum teilen wären, dennoch könnte ich mich auf den Zeit-Tauschen-Kompromiss zumindest übergangsweise & mit reinem Gewissen einlassen.

Ich danke euch erst mal, dass ich eure Zeit in Anspruch nehmen durfte. Des weiteren würde ich mich sehr freuen, wenn sich möglichst viele dazu durchringen könnten sich mal ernsthaft Gedanken über die Zukunft unseres Wirtschafts- & Finanzsystems zu machen (es sei denn ihr wollt das ALLES* so ungerecht bleibt, dann macht einfach so weiter). 😉

LG, Dülla (Prophet des Lichts)

*NICHTS gibt es nicht! / Wahnvorstellung! / Nie wieder HASS! / NIE WIEDER KRIEG!

*ALLES ist 1 / & du bist ein Teil davon! / sei LIEB(E)! 😉

Quick – Carpe Noctem Podcast 8 – Krieg und Frieden

Gestern haben wir gepodgecastet, heute sind wir in der Lage es zu veröffentlichen. Hier kommt man zum Carpe Noctem Podcast-Blog!

Ein paar Gedanken über Herrschaft

Eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben, aber das Thema, an dem ich die letzten Tage rumdenke, ist noch nicht fertig, und wirft hier den zweiten Ableger, die Sache mit den Todsünden kam auch daher.

Nun also Herrschaft. Ein Thema, über das wir meiner Meinung nach zu wenig nachdenken. Wen wir Herrschaft vom Beginn an denken, dann sind wir irgendwo im Bereich der Gewaltherrschaft. Ich glaube, die muss sich in grauer Vorzeit mal entwickelt haben. Ein charismatischer Mensch mit Kraft, Intelligenz und weiteren Vorzügen, hat mal ein Stück Macht übertragen bekommen, und Strukturen geschaffen. Und vielleicht folgten alle freiwillig, vielleicht hat er oder sie alle immer überzeugen können, in einer eher kleinen Gruppe ist so was machbar. Aber irgendwann braucht man einen Nachfolger, irgendwann werden die Strukturen größer, und wie beherrscht man dann? In dem man anderen sagt, dass sie furchtbar in die Fresse bekommen, wenn sie nicht spuren. Ist bis heute ein mehr oder weniger gut funktionierender Ansatz in der Kinderaufzucht.

Nun wird Gewaltherrschaft allgemein als unzivilisiert angesehen. Diktaturen sind nicht gern gesehen, es sei denn, sie verkaufen zuverlässig Öl. Also hat man andere Wege gesucht und gefunden, wie man herrscht. Im Mittelalter vielfach praktiziert wurde Herrschen durch Religion. Eine Methode, die man im Altertum schon hier und da ausprobiert hatte, Pharaonen und Kaiser wurden vergöttlicht, aber das funktioniert nicht sehr gut. Denn wie göttlich sie auch sein mochten, manchmal hatten sie Fieber und flüssigen Stuhl, das kann man nicht immer verbergen, und dann ist religiöse Verehrung so eine Sache – obwohl ich mir nicht sicher bin, ob eine Exkrementprobe von Karol Wojtyla nicht unter der Hand manchem Katholiken eine Menge Geld wert wäre. Aber ich schweife ab.

So richtig gut funktionierte Herrschaft durch Religion erst mit dem Christentum, auch der Islam ist übrigens praktisch – aber ich bleibe erst mal in Europa, und so lange gehört der Islam ja noch nicht zu Deutschland, richtig? Das Christentum hat ein paar sehr gute Forderungen an den Menschen. Zum Beispiel Gewaltlosigkeit, Feindesliebe, Armutsgebot – und alles das ist sehr praktisch für die Machthaber, die sich an solche Sachen garantiert nicht halten. Das Überbleibsel davon ist das C, dass die Unionsparteien im Namen führen, und ganz in der Tradition verhaftet, sind die es auch, die die christlichen Werte, die sie nach außen hin vertreten, am gewissenlosesten mit Füßen treten. Spektakuläre Rücktritte und Rauswürfe der letzten Zeit haben das mal wieder eindrucksvoll uner Beweise gestellt.

Was machte das Christentum? Es indoktrinierte Bescheidenheit und Schwäche in die Menschen hinein. Es sprach von Sünde – und was könnte praktischer sein, als wenn die, die herrschen, erst alle Sünden gebeichtet bekommen, wegen derer sie später die Beherrschten von der Kanzel herab anherrschen können – ja, das schwache Wortspiel war gewollt. Besonders die Leib- und Sexualfeindlichkeit, die einige antike Religionen für exakt genauso hirnverbrannt gehalten hätten, wie sie denn sind, ist ein wenig subtiles Mittel der Herrschaft. Wenn man vieles, was Menschen Spaß macht, was Menschen Lust bereitet, verdammt – und das ist wörtlich gemeint -, wenn man also den Menschen erklärt, dass sie wegen dieser Lust und wegen diesem Spaß nach ihrem Tode in eine ewige Hölle kommen, dann erzeugt das Angst, es demütigt – und beides macht Menschen beherrschbar. Es ist nicht klar, ob die Erfinder des Christentums, also hauptsächlich Paulus, genau das vorhatte, aber man hat diese Religion sehr bald als Instrument zu nutzen gelernt, und wenn der gute Benedetto im Bundestag gegen Schwule predigt (hab ich drüber gebloggt, Erklärungen findet man da), dann funktioniert das immer noch bei einigen Menschen sehr gut.

Als ich aufwuchs, war kein Mittelalter mehr, und obwohl die Gegend hier religiös infiziert ist, war das Christentum keine Möglichkeit mehr, die Menschen klein zu halten. Aber schon in der Grundschule habe ich verstanden, wie Atomwaffen so wirken, und wie viele es auf der Welt gibt und noch mehr gab. Und als der kalte Krieg keine Angst mehr einjagen konnte, da wurde Terror und die Angst vor dem Islam instrumentalisiert. Und dazwischen immer die Angst um Arbeitsplätze, die Angst vor Fremden, die Angst vor der Zukunft, vor der Zerstörung der Umwelt. ANGST!

„Angst essen Seele auf“, so heißt ein Film von Rainer Werner Fassbinder, und noch wichtiger ist die Erkenntnis, Angst macht beherrschbar. Und wenn man darüber nachdenkt, dann kommt man auch darauf, warum einige Sachen groß aufgebauscht werden, andere Sachen völlig egal sind. Es ist nicht nur so, dass tausende tote Kinder in Afrika eben in Afrika, also weit weg sind, und jeder Mord in Deutschland viel mehr zählt – also, wenn nicht gerade ein Dönerbudenbesitzer von Nazis erschossen wird -, weil es näher ist, nein, es geht auch immer um die Angst, die damit erzeugt werden kann.

Ja, das klingt gerade danach, als ob ich den Medien Absicht vorwerfe – nun, zum Teil mach ich genau das auch. Die Medienmacht wurde ein den letzten Jahren immer mehr auf einige wenige Konzerne konzentriert. Zweifel an manchen besonders wirtschaftlichen Dogmen, kommen überhaupt nicht mehr vor, obwohl namhafte Wissenschaftler anderes sagen. Ist irgendeinem etablierten Printmedium je aufgefallen, dass ESM grundgesetzfeindlich ist? Ist irgendwem aufgefallen, was man mit ACTA eventuell alles machen kann? Denkt irgendwer darüber nach, dass eine Schuldenbremse auch einen Investitionsstopp bedeutet? Welcher Redakteur schreibt denn so was freiwillig, und muss dann nicht befürchten, sein Hinterteil vor die Tür gesetzt zu bekommen?

Ja, ich bin mir relativ sicher, dass es eine Regierung neben der Regierung gibt – denn die regierende Koalition fragt doch nur danach, wie die Märkte reagieren. Es gibt Meinungsmacher in allen Medien, und und außerhalb der Bloggerszene gibt es wenige, die dagegen an schreiben. Und diese Meinungsmacher schüren immer wieder Angst, vor Krankheiten, vor wirtschaftlichem Niedergang, vor körperlicher Gewalt. Und man kann nur annehmen, dass das den Regierenden sehr gefällt.

Übrigens ist die Frage nach der Gewaltherrschaft auch nicht unspannend. Sieht man nämlich, wie teilweise maximal brutal „Sicherheits“-Kräfte zum Beispiel gegen Occupy vorgegangen sind, aber auch gegen S21-Aktivisten und viele mehr, dann weiß man, dass manche Demonstrationen mit staatlicher Gewalt so beendet werden sollen, dass auch hier Angst erzeugt wird. Ich wäre ja mal echt überrascht, wenn es ähnliche Einsätze gegen Nazidemonstrationen gäbe – aber die müssen ja immer vor den Gegendemonstranten geschützt werden.

Wir sollten dieses Herrschaftsgefüge, die Herrschaftsstrukturen, unbedingt im Auge behalten, etwas dagegen tun, wo immer wir können. Alle Gewalt sollte doch irgendwann mal vom Volke ausgehen, oder? Bleiben wir dran!

Christliche Werte, heute: die Sieben Todsünden

Die Hauptlaster der christlichen Religion sind Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Faulheit. Man nennt sie die Sieben Todsünden, was laut Wikipedia theologisch falsch ist. Aber es geht hier um ganz wichtige christliche Werte – natürlich in der Abgrenzung. Ein guter Christ ist all das nicht, nicht geizig, nicht stolz, wollüstig schon gar nicht, zornig höchstens auf Ungläubige, neidisch natürlich nur ganz im Geheimen, und faul, nein, faul sind nur die ausländischen Mitbürger, die nach dem Krieg den Deutschen geholfen haben, dieses Land wieder aufzubauen – aber ich schweife ab.

Eigentlich wollte ich mir mal anschauen, was diese Todsünden heute bedeuten, wie sie umgedeutet sind, ob sie immer noch Sünden sind. Denn eines muss klar sein, die religiösen Dogmen müssen heute immer noch in unserer Gesellschaft nachwirken – die werden nämlich durch Erziehung weitergegeben, die sind tief in unserer Psyche verankert, so tief, dass da auch ein paar Jahrhunderte Aufklärung noch nicht so viel dran geändert haben. Jetzt könnte ich Todsünde für Todsünde durchgehen, aber ich glaube, es gibt zwei Gruppen und einen seltsamen Außenseiter.

Der eine seltsame Außenseiter ist der Zorn. Der ist seit Georg Schramm bei denen, die dem politischen Kabarett zugetan sind, positiv besetzt, hier der Grund:

Ansonsten sind Zorn und Wut eher totgeschwiegen. Zorn und Wut sind sehr starke Gefühle, vielleicht die stärksten. Und sie sind unfein, werden an den Rand gestellt, gehören nicht zur Zivilisation. Andererseits muss man ihre  Stärke natürlich respektieren. Wer ausrastet, dem kann man deswegen nicht so richtig böse sein, das kann jedem passieren – auch wenn es uns, den Zivilisierten, natürlich nicht passiert, wäre ja unfein. Ich drehe mich im Kreise.

Ich finde den Zorn wichtig, kenne aber andererseits auch meinen Jähzorn, und bin recht froh, dass ich den ganz gut unter Kontrolle habe. Nur durch Zorn wird etwas geändert. Man muss sich aufregen, damit man sich engagiert, damit man verbessern und verändern will. Wenn Tausende gegen Atomkraft, ACTA und ungezügelte Selbstbedienung der Reichen auf die Straße gehen, dann hat das mit Zorn zu tun. Und das ist alles richtig und wichtig.

Kommen wir zu den ehemaligen Todsünden. Stolz, Geiz, Neid – ja, Geiz ist geil, wie sollte ich hier um das Zitat herumkommen – sind heute akzeptiert. Manche glauben, es sei etwas wichtiges, stolz auf seine Herkunft, seine Religion oder sein Geld zu sein, Stolz ist auch Eitelkeit – und wie eitel ist diese Zeit? Nur schöne Menschen im Fernsehen, nur tolle Talente, großartige Menschen, ja, da muss Fett abgesaugt werden, dort die Brüste neu gemacht, hier die Zähne gerichtet. Der Stolz ist einer der Mittelpunkte unserer Zeit. Und was ist mit denen, die all dem nicht entsprechen? Die werden bei Frauentausch oder als einsame Bauern vorgeführt. Und Schäfer Heinrich tingelt über Schützenfeste … Fremdschämen ist zur Dauerbeschäftigung geworden, und das ist voll gesellschaftlich akzeptiert. „Nee, „Bauer sucht Frau schau“ ich nicht, aber das Dschungelcamp …“

Geiz und Gier sind eine weitere Triebfeder unserer Welt. Kapitalismus ist ja, so glaubt es der größte Teil der Bevölkerung, die einzige Möglichkeit einer Gesellschaft, warum? Weil es den Geiz, die Gier gibt, die den Kapitalismus antreibt. Hier merkt man, wie manche einstigen Todsünden weggedeutet wurden. Ups, den Neid wollen wir nicht vergessen – der ist allerdings der Gier so nahe, dass alles schon gesagt ist.

Geiz, Stolz und Neid sind heute nicht nur hoffähig, sie sind so wichtig in dieser Welt, dass das Dogma des Wachstums größer ist, als jedes kirchliche Dogma jeweils war. Jetzt ist natürlich die Frage nicht geklärt, ob sie Sünden sind? (Ich glaube nicht an Sünden, ich versuche das mal von seinem religiösen Überbau zu befreien: ) Sind diese drei ethisch problematisch? Nun, der Neid, gepaart mit der Eifersucht, das sind unangenehme Gefühle, falsche Antriebe. Wenn sie zu Taten führen – jeder kann ja Gefühle auch bei sich lassen -, dann sind diese Taten oft ethisch problematisch. Neide ich jemandem sein Leben, sein Auto, seine Frau, dann kann ich höchstens versuchen, all das auf ethisch vertretbarem Weg zu bekommen – was schon richtig schwierig ist. Neid ist doof, Eifersucht noch schlimmer – sie entstehen aus zu geringem Selbstvertrauen, sollten klein gehalten werden.

Der Stolz ist ethisch so lange kein Problem, wie er sich narzisstisch ganz auf sich selbst richtet. Dass die Wirtschaftswelt den Stolz und die Eitelkeit stärkt und eine konsumierende Oberflächlichkeit zur Norm erhebt, ist das größere Problem. Kinder und Jugendliche werden regelrecht zu stolz und Eitelkeit erzogen – und alle, die dem Bild nicht entsprechen, werden abgehängt, und das ist das größte Problem. Es werden Unterschiede zwischen Menschen künstlich aufgebaut – aber wir alle haben das gleiche Recht auf ein vernünftiges Leben, niemand ist besser, weil er irgendwas hat, auf das er stolz sein kann. Wenn man stolz sein will, dann soll man stolz auf das sein, was man erreicht hat, was man aufgebaut hat, wo man konstruktiv gewesen ist, wo man geholfen hat, wo man die Welt ein kleines bisschen besser gemacht hat.

Die Gier, der Geiz, die sind ethisch recht widerwärtig, weil sie darauf basieren, dass man anderen etwas wegnimmt, dass man etwas für sich behält – offenbar war den alten Religionsbastlern etwas Volkswirtschaftliches klar, was irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Alle leben besser, wenn Geld und Gut möglichst vielen gehört, wenn alles fließt und keiner alles für sich haben will. Warum ist die Gier die auch ethisch schlimmste Todsünde? Na, weil die Gier aktiv die schädigt, denen man wegnimmt. Aktiv andere schädigen, ist schlicht unethisch.

Kommen wir zu den Todsünden, die noch nachwirken. Wollust, Völlerei, Faulheit, die gehen auch heute gar nicht. Die sind mehr als unfein, die sind gesellschaftlich geächtet. Interessanterweise sind das die „Sünden“, die ethisch alle drei eigentlich unproblematisch sind. enn ich davon ausgehe, dass niemand dabei geschädigt wird, dann ist an der Wollust doch nichts falsches, oder? Egal ob einer mit sich selbst, zwei oder auch mehr miteinander Lust ausleben, dann ist daran überhaupt nichts auszusetzen. Aber die gesellschaftliche Ächtung ist groß, auch wenn das Strafrecht da zum größten Teil aus der Moralfrage heraus ist. Die Religionen, die Konservativen, die haben alle mit zu viel ausgelebter Lust ihre Probleme. Egal ob der schwule Schützenkönig seinen Lebensgefährten neben sich marschieren haben will, oder ob ein CDU-Politiker eine Sechzehnjährige liebt – so was geht nicht.

Die Verteufelung der Lust ist ein geradezu geniales Herrschaftsmittel, das in unsere Zeit nachwirkt. Nicht umsonst spricht man davon, dass etwas „versaut“ ist. Sexualität wird tabuisiert, an den Rand gedrängt, lustvolle Menschen als „Schlampen“ beschimpft. Jeder fühlt sich „sündig“, „unrein“ oder „böse“, weil wir nun mal alle, oder doch zumindest fast alle, sexuelle Geschöpfe sind. Wie wunderbar kann man Menschen darüber klein kriegen.

Ja, die Völlerei wirkt auch nach. Glaubste nicht? Dann hör dir mal mit ein bisschen Aufmerksamkeit die Witze an, die über Reiner Calmund gemacht werden. Und dann überlege noch kurz, wie viele Prominente es noch gibt, die in etwa seine Gewichtsklasse haben, merkste selbst, wa?

Und die Faulheit? „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen!“ – ja, das klingt fast wie „Arbeit macht frei!“, ist aber von Müntefering, einem „linken“ Politiker. Wer einmal selbst keine Arbeit gehabt hat, der weiß, wie frustrierendes ist, wie problematisch – und er wird von der Gesellschaft auch noch eindeutig dafür geächtet. Dabei ist Faulheit unglaublich relativ. Die meisten Menschen sind manchmal faul, und manchmal fleißig. Fleiß ist ja auch eigentlich nur die Fähigkeit, sich zu unangenehmen Aufgaben zu überwinden. Was aber so richtig wichtig ist: Die Stunden der Muße, die faulen Zeiten, sind die Zeiten, in denen man zum Überlegen kommt. Gute Ideen entspringen oft der Faulheit – weil kein Mensch es aushält, über längere Zeit nichts zu tun, passiert der Antrieb irgendwann von selbst – zumindest, wenn man kein Fernsehen hat, um sich davon weg zu verblöden. Der Vorwurf der Faulheit, ist eben auch so ein Herrschaftsmoment. Weil die „Faulen“ eventuell mehr und bessere Ideen entwickeln, kann man sie von vornherein als faul diffamieren und muss nicht auf ihre Gedanken hören. Ich kenne übrigens keine fleißigen Philosophen … nur mal so am Rande.

Also was ist passiert? Die „Sünden“ die niemanden schädigen, sind immer noch höchst negativ konnotiert, die ethisch wirklich problematischen Verhaltensweisen sind heute kaum noch einer Sonntagsrede der Anklage wert. Ich gebe zu, das macht mich ein bisschen zornig.