Archiv der Kategorie: Philosophie

Quick – 200 Opfer …

James Richard Perry, Governor von Texas, hat den Rekord seines unseligen Vorgängers George W. gebrochen, er hat nun schon zweihundert Menschen hinrichten lassen. Die Rachejustiz der USA funktioniert hier immer noch wunderbar, und auch wenn ich keine genauen Zahlen habe, vermute ich doch, dass mindestens zwei Drittel dieser Hingerichteten Schwarze waren, verurteilt von weißen Richtern.
Wenn es normal ist, dass man in Texas Recht spricht, wie das in einem Fall ist, den ich ein bisschen kenne (http://en.wikipedia.org/wiki/Anthony_Graves), dann wird ein gewisser Anteil völlig unschuldig hingerichtet worden sein – doch auch bei denen, bei denen die Schuld fest steht, halte ich die Todesstrafe für unverzeihlich.
Geht man von einem christlichen Weltbild aus, das in Texas vermutlich kaum jemand hat, so mischt man sich in Gottes Entscheidungen ein, spielt selbst Gott – das ist wohl nicht so ganz erlaubt.
Geht man einfach vom gesunden Menschenverstand aus, dann weiß man, dass jedes Leben ein Recht auf selbiges hat, und ein Recht auf Menschenwürde auch, und da passt irgendwie die Todesstrafe nicht rein. Wer einen Mörder zum Tode verurteilt, teilt mit ihm die Tat. Und damit auch die Schuld … na, herzlichen Glückwunsch, Mr. Perry!

Zwischenruf: Öffentliches Sterben

Der Künstler Gregor Schneider – den ich, Kunstbanause, der ich bin, bis heute morgen nicht kannte – will jemanden in einem öffentlichen Raum, zum Beispiel in einem Museum sterben lassen. Also jemanden, der gerade dabei ist, auf natürliche Art und Weise diese Erde zu verlassen. Das habe ich heute morgen in unserer etwas konservativer Zeitung gelesen – und natürlich war gleich ein Kommentar dabei, der aufzeigte, wie geschmacklos das sei.

Nun lässt sich ja über Geschmack streiten. Allerdings hat Schneider vor, wie die gleiche Zeitung das ganz neutral berichtete, das Sterbezimmer ganz so einzurichten, wie der Sterbende das wolle. Außerdem soll es hell und freundlich sein, und es geht darum, das Sterben wieder aus den kalten Krankenhauszimmern herauszuholen, aus den Verstecken, aus der Anonymität.

Als mein Opa lange vor meiner Geburt starb, wurde er noch für Tage aufgebahrt, und das im eigenen Wohnzimmer. Als mein Vater starb, habe ich ihn nicht mehr gesehen – ich war dreizehn und wollte mich nicht konfrontieren lassen …

Schneiders Anliegen ist sinnvoll und gut, dennoch darf man das öffentliche Sterben hinterfragen. Und ob Kunst nicht da aufhört, wo die Wirklichkeit anfängt – auch das kann man hinterfragen. Aber ehrlich gesagt ist mir dieses öffentliche Sterben irgendwie näher und besser verständlich, als das öffentliche Sterben in den täglichen Nachrichten. Man sieht doch als Kind schon Bombeneinschläge und Unfälle, Anschläge und Hinrichtungen, das Fernsehen ist voll davon – und alles in echt – die künstlichen in Film und Serie kommen noch hinzu. Wäre es denn da nicht interessant, mal einen sanften und natürlichen Tod in der Öffentlichkeit zu zeigen? Nur so als Kontrastprogramm … die Kunst braucht die Freiheit dazu … ich würde vermutlich nicht zu einem solchen Happening des Gregor Schneider gehen, aber ich unterstütze ganz klar sein Recht darauf, solches zu tun.

Zwischenruf – Judas ist eine arme Sau

Okay, ich hab Fieber, man nehme nicht zu ernst, was ich in diesem Zustand schreibe. Aber als ich mir gerade einen netten heißen Tee mit Milch gemacht habe, habe ich mich dabei erwischt, ein bisschen „Jesus Christ Superstar“ zu singen, und prompt kam mir die Philosophie …

Judas ist eine arme Sau, die vielleicht tragischste Figur der Weltliteratur. Den nehmen wir mal die Story ernst – das fällt vielen schwer, ich halte die Auferstehung auch für eine Blüte orientalischer Dichtkunst -, so muss doch klar sein, dass Jesus gekreuzigt werden musste, dass er von einem Jünger verraten werden musste, dass es ausgerechnet der enge Freund Judas Ischariot sein musste, denn der hatte nun mal so viel Vertrauen in seinen Messias, dass er sich sicher war, die Revolution würde jetzt losbrechen, wenn sein Herr bedroht sei. Und nun will also der liebe Judas das beste tun, was er sich vorstellen kann, sieht die moralisch bedenkliche Lage, will aber das Geld nicht, denkt ganz idealistisch, opfert gerne auch seine Integrität.

Und dann muss er sich anschauen, wie sich die Leute von Jesus abwenden, wie der keine Anstalten macht, einen auf Che Guevara zu machen, dass er sich auspeitschen und kreuzigen lässt – hey, so hatte der Judas nicht gewettet. Und dann wird ihm so langsam klar, dass Jesus nun irgendwie zum Märtyrer werden wird, dass er so richtig in die Sch… gepackt hat. Frustrierend, oder? Na ja, dann hängt man sich auch schon mal auf.

Und da kann man von Kreon über Hamlet und Macbeth mal die tragischen Helden der Literatur durchforsten, gegen Judas kommt in dieser Wertung eigentlich keiner an … übrigens auch nicht Romeo und Julia – die sind waren nämlich schlicht dämlich, na ja, sie waren fünfzehn … wer ist da nicht irgendwie auch dämlich?