Archiv der Kategorie: Politik

Quick – Das Narrativ „Silvester in Köln“

Warum lassen wir uns eigentlich dieses Narrativ von „nordafrikanischen jungen Männern, die sich organisiert nach Köln begeben, um deutsche Frauen anzufallen“ aufschwatzen? Warum reflektieren wir sowas nicht?

Silvester 2015: Menschen feiern in Köln, sie sprechen diverse Sprachen, eine davon ist arabisch und vermutlich schlägt hier Feierlaune irgendwann in eine Stimmung aus Aggressivität und Machotum um. Das ist kacke, liegt natürlich auch daran, dass vielen der Beteiligten durch ihre Religion – also in diesem Fall der Islam – das Frauenbild der CSU eingeimpft wurde. Gruppendynamiken entwickeln sich und es passiert in etwas größerem Ausmaß, was wir von deutschen jungen Männern auf dem Oktoberfest, dem örtlichen Schützenfest und ähnlichen Situationen zu Genüge kennen. Frauen werden blöd angemacht, angefasst, Dinge passieren, von denen wahrscheinlich annähernd jede Frau das eine oder andere Liedchen singen kann.

Dass das kacke ist, darüber stellt sich keine Frage. Im Nachhinein werden einige der Mitmacher die Nummer cool gefunden haben, viele werden auch verschämt in die Gegend geschaut haben, weil sie wussten, dass sie da in Gruppe Dinge getan haben, die sie allein nie tun würden – Gruppenzwang ist ein Arschloch, kann jeder bestätigen, der mal beim Bund war. Aber natürlich war das, was da abging, widerlich. Allein, es hatte nicht so viel damit zu tun, dass die jungen Männer etwas dunklere Hautfarbe hatten, als in diesem Land die Norm ist, es hatte viele Gründe, die mit Hormonen und Gruppe in erster Linie zusammenhingen.

Eine wirklich problematische Sache wurde Silvester 2015, weil die Polizei nicht eingriff. Reihenweise bekam die Polizei Meldungen, dass es ein nicht zu unterschätzendes Problem gab. Menschen wollten den Schutz der Freunde und Helfer – aber die Polizei blieb untätig. Beherztes Eingreifen hätte 2015 sicherlich geholfen, aber offenbar hatten die Beamten vor Ort nicht den Mumm etwas zu tun, Verstärkung fand sich auch nicht, eine hochnotpeinliche Nummer, die unbedingt in andere Richtung hätte interpretiert werden müssen. Hier ging es nicht um einen „Sexmob“, wie die rassistischen Teile der Presse schrieben, hier ging es um die Polizei, die eine gar nicht so unübliche Situation nicht in den Griff bekam, oder genauer, die noch nicht mal versuchte, die Sicherheit der Feiernden zu garantieren.

Silvester 2016: Menschen wollen in Köln Silvester feiern. Und wie diese Stadt bunt ist, und wie so viele Sprachen am Rhein gesprochen werden, sind auch wieder viele Menschen dabei, deren Hautfarbe dunkler ist, als zum Beispiel jetzt meine. Dieses Jahr möchte die Polizei allerdings ihr Versagen aus dem Vorjahr wieder gut machen. Aber weil man das mit dem beherzten Eingreifen ja immer noch nicht kann, wird nicht einfach die Personalstärke etwas erhöht und Präsenz gezeigt, was sicherlich ausgereicht hätte, um zu signalisieren: „feiert liebe Leute, aber macht keinen Scheiß, wir sind da und unterbinden das.“

Stattdessen wurden Menschen abgefangen, und die männlichen mit schwarzen Haaren dunklem Teint wurden raussortiert und eingekesselt. Also jetzt nicht die Leute, die sich aggressiv verhalten haben, oder die Leute, von denen man aus dem Vorjahr wusste, dass sie gerne ihre Hände dahin ausstrecken, wo sie wirklich nur auf ausdrückliche Einladung hindürften, sondern alle, die ein gewisses Aussehen hatten. Diese Menschen wurden eingeschüchtert und ihnen wurde die Feier verdorben. Warum? Weil sie eben phänotypische Ähnlichkeiten mit Leuten hatten, an die sich die Polizei im Vorjahr nicht herangetraut hatte.

Das Problem bei beiden Silvestern heißt Polizei. Wenn 2015 nur ein paar Streifenwagenbesatzungen klar eingeschritten wären, notfalls auch mit Gewalt, dann hätten wir uns ganz viel rassistische Äußerungen weniger anhören müssen. Und Silvester 2016 wäre viel weniger Menschen, die an der Gewalt von 2015 keinerlei Anteil hatten, der Spaß verdorben worden, wäre der Polizei ein bisschen Mut gewachsen.

Quick – Was ist an „Nafris“ denn so schlimm? – Oder: Warum Racial Profiling kacke ist!

Nein, „Nafris“ als interner polizeilicher Begriff geht nicht. Nein, es geht auch nicht, dass Menschen wegen ihres Aussehens gekesselt und in Gewahrsam genommen werden. Letzteres verstößt ganz einfach massiv gegen das Grundgesetz, und wem der Begriff „Rechtsstaat“ irgendwie wichtig ist, der sollte hier aber mal dringend die Lauscher aufsperren. Racial Profiling ist eine diskriminierende rassistische Praxis. Das kann und darf in einem Rechtsstaat, der sich auch nur irgendwie den Menschenrechten verpflichtet fühlt, nicht passieren. Unser Staat hat sich ein Grundgesetz gegeben, dass hier eindeutig ist. Das, was die Polizei am Silvesterabend 2016 in Köln abgezogen hat, verstößt vehement gegen die Artikel 1 und 3 des GG.

Der Begriff „Nafri“, der durch einen selbstentlarvenden Tweet der Polizei in die Öffentlichkeit gelangt ist, ist noch ein größeres Problem. Denn hier zeigt sich, dass die Polizei intern einen Begriff für Menschen aus einer bestimmten Ecke der Welt geprägt hat und damit arbeitet. Menschen auf diese Art in Schubladen zu stecken ist aber eben schon vom Kern her rassistisch. Will sagen: das ganze Denken hinter einem solchen Begriff ist rassistisch. Nebenbei gibt es hier auch noch eine klassische Entrechtung oder gar Entmenschlichung, denn für jeden Begriff braucht es ja einen Gegenbegriff. Und wie heißt der dann? Bürger? Oder gleich Menschen?

An eine Polizei, die auf das Grundgesetz schwört, müssen hohe Ansprüche gestellt werden. Die Aktionen vom Samstagabend könnte man prinzipiell mit Übereifer erklären, nachdem man im Vorjahr schlicht versagt hatte – denn da gab es eine echte Gefahrenlage und die vorhandene Polizei blieb untätig, obwohl es eine Menge Anzeigen gab – und Übereifer kann passieren. Aber der interne Begriff der „Nafris“ zeigt deutlich rassistisches Denken auf, und das darf nicht passieren, damit muss schnellstens aufgeräumt werden, und vor allem darf es jetzt nicht von der Politik und den Medien verharmlost und entschuldigt werden.

Wie ein Kaninchen vor der Schlange …

… sitzen wir hier in Europa und schauen auf Trump. Und schauen auf andere Faschisten, auf Orban und Erdogan, auf Autokraten wie Putin und auf die blaugefärbten Nazis von der AfD. Und wir reden und twittern und schreiben Blogposts – ja, ich weiß. Aber was müsste denn passieren, um diese Entwicklung nicht weiter zu befeuern?

Dafür muss man halt kurz mal schauen, warum die denn alle gewählt werden, warum die so einen Zulauf haben. Und wenn man dann genau schaut, dann sind da natürlich die ganzen widerlichen Supremacy-Einstellungen, von denen wir schon immer wussten, und gegen die wir als Gesellschaft nur halbherzig vorgehen. Und das Gefühl so vieler, abgehängt zu sein, zukunftslos zu sein, die Angst vor ALG II und Sanktionen, die Angst davor, die Welt nicht mehr zu verstehen.

Trump steht dafür ein, gegen das Establishment anzutreten – und die Demokraten waren so dämlich, ihm eine Kandidatin entgegen zu stellen, die quasi die Verkörperung dieses Establishments war. Ehemalige Außenministerin, ehemalige First Lady, da kann man ja wirklich Neuerungen erwarten, oder?

Zu Recht haben gestern viele gewarnt und davon gesprochen, dass wir uns nicht zu sehr über dämliche Amerikaner lustig machen sollten, weil die Bundestagswahl im nächsten Jahr durchaus bedeuten kann, dass die AfD mit über zwanzig Prozent in den Bundestag einzieht, und wie man die Konservativen kennt, werden sie keine Skrupel haben, die AfD mit ins Boot zu holen. Und dann sitzen wir hier wieder geschockt und haben Angst und sind wieder dieses verdammte Kaninchen.

Die Verantwortung liegt jetzt bei den Parteien, um eine Wende hinzubekommen. Wir leben in einer Parteiendemokratie, die Verantwortung liegt bei den Repräsentanten – aber natürlich auch bei jedem von uns, dass wir die Parteien in ihre Hinterteile treten. Von der CxU können wir nichts erwarten. Die CSU tönt ind er gleichen Liga herum, wie die AfD, da ist kaum noch ein Unterschied zu sehen, und die CDU zeigt sich als das Establishment pur – natürlich auch mit dem einen oder anderen rassistischen Ausbruch hier und da, und absolut menschenfeindlicher Politik, wo immer es geht.

Von SPD und Grünen nichts zu erwarten, hieße aufzugeben. Das habe ich noch nicht vor. Aber wenn die sich jetzt hinter einem Kanzlerkandidaten Gabriel versammeln, der eben auch Establishment pur ist, wenn die weiter die Agenda 2010 und den Neoliberalismus feiern, dann haben wir schon verloren. Gerade diese Parteien sind es jetzt, die umdenken müssen. Die sich auf alte Ideale und neue Ideen berufen müssen, die das Risiko eingehen müssen, endlich das Ruder rumzureißen oder mit fliegenden Fahnen unterzugehen. Liebe SPD, liebe Grüne, ihr habt nur eine Alternative dazu: Das endgültige Siechtum und das Aufwachen in einem von der AfD mitregierten Land.

Und die Linke muss natürlich auch mal ihren Arsch hochbekommen. Denn die hat sich so nett in ihrer Opposition eingerichtet, dass sie der AfD auch nichts entgegensetzt. Die muss auch mal aufhören, alten Marxismus wiederzukäuen und muss ihre Ideen weiterentwickeln und an die heutige Zeit anpassen. Und natürlich auch willens sein, Verantwortung zu übernehmen und Politik zu machen. Kämpferisch und bestimmt.

Und wenn diese drei Parteien das angehen, sich mit voller Kraft und mit vollem Risiko für eine offene und gerechte Welt einsetzen. Ihren Antifaschismus endlich ernst nehmen und den Neoliberalismus dahin packen, wohin er gehört – nämlich auf den Müllhaufen der Geschichte für misslungene politische Ideen -, dann werden wir kein Trump-Land, dann werden die armseligen Würstchen von der AfD schnell zeigen, dass sie argumentativ nichts entgegen setzen können. Dafür müssen wir Mungos sein, keine Kaninchen. (ja, ihr dürft jetzt Mungos googlen.)

Quick – Bildung digital

Die Bundesregierung will Geld für Computer in Schulen ausgeben, Lehrerverbände finden das doof. Jetzt finden wieder viele die Lehrerverbände doof. Wie kommen wir aus der Schleife raus?

Also erstmal würde ich ja begrüßen, dass überhaupt Geld für Bildung bereitgestellt wird. Das ist sehr selten und sehr nötig und wenn alle FDP-Wähler ihre Steuern zahlen würden und man davon die Bildungsetats endlich mal verdoppeln würde, dann wären wir schon ein bisschen weiter.

Dann müssen wir kurz zugeben, dass Computer nicht automatisch den Unterricht verbessern. Die schweineteuren Taschenrechner, die zum Beispiel für die Oberstufenschüler in NRW verpflichtend sind – und 120 Euronen kosten und nicht mehr können, als eine gute Handy-App für zehn Euro -, machen den Unterricht keineswegs besser, sondern Abiturienten zu mathematischen Analphabeten.

Aber digitalisieren müssten wir den Unterricht natürlich, wenn wir auch nur irgendwie Schüler für dieses Zeitalter fit machen wollten. Aber eben digitalisieren mit Köpfchen. Denn es gibt eine Menge Sachen, über die wir heute bescheid wissen sollten. Zum Beispiel darüber, wie Programme funktionieren, was Suchalgorithmen sind – ja, überhaupt, was Algorithmen sind -, wie Vernetzung funktioniert und warum mir Google Anzeigen für das Hörbuch zeigt, dass ich gerade bei Audible erworben hab. Und ja, wir müssen mit der Arbeit mit digitalen Geräten schon in der Grundschule anfangen, und wir sollten dringend Menschen, die wirklich was von Digitalisierung verstehen – und das werden kaum Lehrer sein -, fragen, was Lernende für Fähigkeiten braucht und was sie verstehen sollten, damit sie zu Menschen werden, die mitreden, die selbstbewusst mit allen Möglichkeiten der digitalen Welt umgehen, die Maschinen wertfrei als Werkzeug nutzen können. Menschen können lernen, sinnvoll und selbstverantwortlich mit Technik umzugehen. Technik zu verteufeln bringt dabei gar nichts.

Aber neben den digitalen Fertigkeiten brauchen Lernende auch viele andere Fertigkeiten. Handschrift mag nicht mehr so oft gebraucht werden wie früher, bleibt aber eine hervorragende Übung der Feinmotorik. Kopfrechnen ist genauso wenig böse und ja, einfach Gleichungen darf man auch weiterhin rechnen können dürfen. So mit Stift und Papier. Digitalisierung muss ja nicht heißen, dass kein Unterricht mehr ohne digitale Geräte machbar ist.

Die Investition in Geräte ist gut, die Investition in die Frage, was wir damit wollen, ist auch wichtig. Und nicht zuletzt – vielleicht zeigt mal jemand den greisen Lehrervertretern, was heute alles mit Technik möglich ist.

Eine sehr ungehaltene Rede …

Bitte, halte diese Rede, wer immer sich berufen fühlt:

Wir stehen nicht fassungslos vor dem Erstarken der AfD, wir hören nicht erschreckt die rassistischen Thesen der CSU, wir wussten es schon. Rassistisch ist ein großer Teil der Gesellschaft, chauvinistisch und sexistisch, ableistisch und natürlich auch antisemitisch, weil diese Prägung aus tausend Jahren nie wirklich bekämpft wurde.

Aber das ist kein Grund, die Augen zu schließen und den Kopf zu senken. Im Gegenteil! Jetzt ist es an allen Kräften, die politisch auf der Seite der Menschen stehen, den Kopf zu heben und das Projekt Antifaschismus von Grund auf neu und ernsthaft anzugehen. Menschenfeindlichkeit, Supremacy, also jedes Denken, dass sich über andere Menschen stellt, ist das, was wir bekämpfen müssen. Wir ganz besonders, weil unsere Vorfahren es nicht geschafft haben, weil unsere Vorfahren millionenfachen Mord betrieben oder doch zumindest zugelassen haben.

Wir bekämpfen den Hass. Sie nennen uns dafür Gutmenschen. Ja, das ist richtig. Wir sind die guten Menschen, weil wir uns nicht über andere erheben, weil wir lieben, wo sie hassen, weil wir keine einfachen Wege gehen, sondern denken, differenzieren und  Argumenten mehr Macht über unser Denken zugestehen, als Parolen.

Und an alle, die das jetzt naiv finden. Lieber naiv, als zynisch und hoffnungslos. Auch ihr könnt euch jetzt überlegen, auf welcher Seite ihr steht, ironisches Beiseitestehen geht auch nur so lange, bis morgens die Gestapo klopft.

Lasst uns Gutmenschen sein. Lasst uns die Köpfe heben und laut rausschreien, dass Menschenfeindlichkeit mit uns nicht geht. Das kann schwer sein, denn es geht nicht zusammen mit neoliberalen Lebenslügen, mit Scheiß-egal-Liberalismus und der bräsigen Bequemlichkeit der Männerbünde. Wir gehen nicht den einfachen Weg. Es war noch nie das einfachste, das Gute zu tun.

Hebt den Kopf, seit laut und wappnet euch, denn sie werden uns dafür hassen und bekämpfen. Sie fürchten nichts so sehr, wie Menschen, die den Kopf heben. Sie wollen unsere Kompromisse, sie wollen uns schwach und eingeschüchtert. Verabschiedet euch von Kompromissen, es gibt keine Kompromisse mit Rassisten, steht auf und seid kompromisslos für Menschen. Lasst uns ein neues Projekt angehen: echte antifaschistische Politik. Hebt den Kopf!