Archiv der Kategorie: Schule

Mathematikunterricht oder Wie Kindern systematisch die Mathematik ausgetrieben wird

Früher war nicht alles besser, aber so schlecht wie es früher war, heute ist es unglaublich schlecht. Ich rede vom Mathematikunterricht. Ich beziehe mich im folgenden Blogpost auf Mathematikunterricht in Gymnasien, aber auch Gesamt- und Realschulen, ich kenn mich damit aus, weil ich Schüler durchs Abitur bringe, ja, ich bin einer dieser prekär bezahlten Nachhilfelehrer, also ganz nah dran. Ach ja, und ich bin in NRW beheimatet, und da wir in Deutschland 16 Schulsysteme haben, können meine Erfahrung und mein Bild von Schule sich beim Blick in andere Bundesländer als in Kleinigkeiten abweichend erweisen.

Das, was in den Schulen gemacht wird, ist eigentlich gar keine Mathematik. Und eigentlich sollte das auch alle Mathelehrenden wissen. Eigentlich muss man hier schon danach fragen, warum die nicht alle streiken und sagen, sie arbeiten erst wieder, wenn sie Kindern Mathematik nahe bringen dürfen. Ich versteh gar nicht, warum das nicht passiert …

Aber fangen wir an, wo es anfängt. Mathematik ist kein Rechnen, Mathematik ist auch nicht irgendeine Anwendung und was Mathematik als letztes wäre, wäre das Auswendiglernen von Formeln – auch wenn die schon mal weiterhelfen können. Mathematik ist das Lösen von Problemen. Mathematik ist die Strukturierung von Räumen. Mathematik ist das Spiel mit Zahlen, das Verständnis von Mengen. Mathematik ist logisches Schließen, Beweisen, das Nutzen von vorhandenen Kenntnissen, um neue zu erwerben.

Mathematik ist ein Abenteuer, das unsere Schüler nicht erleben dürfen.

Schulmathematik heute ist – speziell natürlich auf den G8-Gymnasien – ein Stolpern durch zu viel Stoff, von dem man trotzdem nur die Hälfte mitbekommt, weil ja keine Zeit ist. Schulmathematik bedeutet heute eigentlich nur noch, dass man für die nächste Klausur eine Anzahl an Matheaufgabentypen und ihre Lösung auswendig lernt, und sie in schönster Bildungsbulimie bei Klassenarbeit oder Klausur auskotzt – um alles umgehend vergessen zu haben, wenn das nächste Thema beginnt.  Schülerinnen und Schüler erzählen heute, dass sie schon wieder zwei neue Themen haben, wenn sie nur von Sinus auf Cosinus und Tangens weitergehen. Warum ist das so? Weil sie gar nicht mehr den Zusammenhang verstehen, weil das für sie einfach verschiedene Dinge sind. Dabei ist Mathematik doch ein Gebäude, das sich in den Köpfen der Schüler aufbauen sollte. Heute kommen davon nur noch ein paar Träger und hier und da mal eine Tür im Kopf an, durch die sich aber dann niemand zu gehen traut.

Ich zeichne mal ein Gegenbild. Stellen wir uns vor, Mathematikunterricht würde so geplant, dass die Probleme vorliegen, und Lernende da sanft hingeführt würden, das Problem selbst zu lösen? Jeder für sich! Nichts da mit Schnelligkeit, nur weil die Erste die Lösung kennt, muss sie die nicht gleich an die Tafel schreiben und der Rest pinnt nur ab. Jedes hat ein Recht darauf, den Satz des Pythagoras selbst zu beweisen, auch wenn das hier und da mal ein paar Wochen dauert. Lerngeschwindigkeit ist doch wirklich nur eine alberne Illusion. Kommen Lernende selbst auf eine Lösung, so haben sie wirklich etwas gelernt. Sagt das Lehrende, wie es geht, dann ist das ein auswendigzulernendes Faktum, dass spätestens drei Tage nach der Klausur in der Rundablage des Gehirns seinen Platz findet.

Mathematik ist eine eigene Welt, mit eigenen Schreibweisen und einer eigenen Sprache. Und auch an dieser Front versagt die heutige Schulmathematik total. Es wird zwar durchaus mit Fremdworten um sich geworfen, aber diese werden nicht verankert. Die starke Versprachlichung, die auch mal mit dem Auswendiglernen von Definitionen und Regeln einherging, gibt es heute nicht mehr. Aber die Versprachlichung von Mathematik ist elementar. Wenn ich etwas nicht in eigene Worte fassen kann, dann habe ich auch nicht begriffen, was ich da mache. „Begreifen“ ist doch so ein schönes Wort dafür. Ich muss mit den Händen, mit den Sinnen, mit meinen Gehirnwindungen einen festen Griff um Probleme und ihre Lösungen erlangen. Und das stärkste Werkzeug dafür ist eben die Sprache.

Wie wäre es also, wenn wir über das eigene Problemlösen in den Lernenden das Verständnis wecken würden, um dann sanft und ohne direkten Zwang die Problemlösungen der Lernenden in den Kontext der Wissenschaft zu führen? Zuerst müssen sie verstehen, warum man x und x² nicht addieren kann, und wie man damit umgeht, und dann kann man es „faktorisieren“ nennen und am Ende gerne auch in eine pq-Formel stecken, denn irgendwann ist das nur noch Handwerk und warum sollte man sich da mehr Arbeit machen, als nötig, Mathematikerinnen sind doch bekanntlich faul oder?

Achso, und Definitionen sind etwas Schickes. Etwas definieren können, ist eine der Grundkenntnisse für einen Naturwissenschaftler. Aber wer kann heute noch beim Erwerb eines Abiturs eine Kugel als Menge von Punkten mit einem gleichen Abstand zum Mittelpunkt definieren? Oder auch nur einen Vektor als gerichtete Strecke? Dabei sind kurze und knackige Definitionen äußerst sexy und machen nicht nur Spaß an Mathematik, sondern auch gleich noch an Sprache.

Mal ganz abgesehen davon, dass das System Mathematikunterricht einfach schlecht ist, wieso schaffen es die Lehrenden denn nicht, das zu ändern? Oder wenigstens etwas weniger Schlechtes draus zu machen? Das hat vermutlich mit der Lehrerausbildung zu tun, die zumindest in weiten Teilen eben auch überhaupt nicht funktioniert. Was ist die Idee? Mathematiklehrende sollen richtig gute Mathematiker sein, das mit der Didaktik machen wir allerhöchstens nebenbei. Mit Schulmathematik haben angehende Lehrende bis zum Abschluss ihres Studiums quasi nichts zu tun. Sie schweben mathematisch auf eine Wolke, die mit einer Primzahl gekennzeichnet ist, und dann kommen sie in die Schule … und dann sitzen da pubertierende 13jährige, deren einzige emotionale Bindung zu Zahlen dann spürbar ist, wenn sie ihre Pickel auf der Nase zählen. Entschuldigt, liebe 13jährige, das war jetzt ein bisschen gemein, aber es soll ja nur die Tatsache illustrieren, dass wir Raumfahrtingenieure ausbilden, um Menschen beizubringen, wie man Schrauben festdreht.

Wir investieren wahrhaftig in die Fachkenntnis von Mathelehrenden, nicht in deren Liebe zur Mathematik oder zu den Lernenden. Noch schlimmer, wir lassen sie von Professoren Mathematik lernen, die in den Grundlagevorlesungen aus den Büchern ihrer Doktorväter wörtlich vorlesen. Und dann erwarten wir, dass die Menschen, die selbst nie guten Mathematikunterricht erlebt haben, dann plötzlich selbst gut unterrichten. So dumm kann eine Gesellschaft halt sein.

Mathematik braucht kein Mensch, also wenn man sie unterrichtet, wie das heute passiert. Einen guten Teil dessen, was man in der Schule lernt, braucht man ja eh nie wieder. Das wissen auch alle Schüler und Schülerinnen, und sie hauen es den Lehrenden auch völlig zu Recht ständig um die Ohren. Weil man von Seiten des Schulsystems wirklich die blödsinnige Idee hatte, Mathematik wie alle anderen Fächer in den Katechismus der BWL einzupassen. Es geht um Nutzen, um die Frage, wofür ich was brauche? Nein, noch viel mehr: was braucht die Wirtschaft an Kenntnissen bei ihren Schulabsolventen?  Wenn sich das Schulsystem aber nur nach den quasireligiösen Regeln eines unmenschlichen Wirtschaftssystems richtet, kann da natürlich auch keine Bildung bei rumkommen.

Mathematik ist ein Wunder, ein noch größeres Wunder ist es, dass unser so sehr beschränkter Verstand, relativ weit in die Mathematik eindringen kann. Aber so lange Mathematik nicht um der Mathematik willen erlernt wird, so lange es nicht um die Fähigkeit des Problemlösens, sondern nur um das Abspulen von vorgefertigten Prozessen geht, so lange wird Mathematik den gesellschaftlichen Status haben, den sie heute unverdientermaßen einnimmt.

Von der Inklusion

Hier in NRW wird in letzter Zeit die Inklusion forciert. Was ist darunter zu verstehen? Man möchte Menschen mit Behinderung mehr in die Gesellschaft integrieren – und weil ja alles mit Kindern anfängt, beginnt man mit der Inklusion in den Schulen. Die Grüne Jugend  fordert sogar eine Abschaffung aller Förderschulen, die noch vor kurzem Sonderschulen hießen.
Kleiner Disclaimer: vermutlich sind die Worte, die ich in diesem Artikel benutze, nicht immer die nach momentanem Sprachgebrauch richtigen. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich nicht so gut Bürokatisch spreche, und deshalb solche Worte erst mit Verzögerung in meinen Hinterkopf tröpfeln, und andererseits hat es auch ein wenig Vorsatz – ich finde, wir euphemisieren uns zu Tode, noch genauer, wir euphemisieren die Betroffenen aus der Gesellschaft heraus.
Ich habe mich umgehört, habe mit Lehrern gesprochen, einer Freundin, die als Heilerziehungspflegerin an einer Förderschule arbeitet. Und der Eindruck, den die Betroffenen aus der Praxis vermitteln, ist bedenklich. Ja, den prinzipiellen guten Willen kann man Rot-Grün ja nicht abreden, aber die Praxis sieht im Moment eher nach Einsparmaßnahme, denn nach einer Verbesserung für die Bildungssituation aus.
Die Idee ist ja nicht total falsch. Integriert man geistig und körperlich Behinderte, dann kann das für beide Seiten Vorteile haben. Die „Normalen“ lernen von klein auf, dass es auch andere Menschen gibt, Schwächere, denen man helfen kann und muss, und die auf der anderen Seite gar nicht mit Mitleid behandelt werden wollen, sondern so wie alle anderen auch. Und die Menschen, die sonst aussortiert werden, sind in der großen Gemeinschaft eingebunden – das wird ihr Selbstvertrauen verbessern, das wird auch ihre spätere Situation verbessern – so kann man zumindest hoffen. Als Theatermacher, der ständig mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, habe ich wenig mit denen zu tun, die auf Förderschulen gehen, aber oft mit den nicht so ganz „Normalen“, denen, die aus den normalen Rastern mehr oder weniger absichtlich herausfallen – und ich weiß, dass es für nicht wenige sehr wichtig ist, im Theater eine Gemeinschaft zu finden, die sie auf- und annimmt.  Ja, man sollte dringend die Menschen durchmischen, es sollte normal sein, auch mit Menschen umzugehen, die ungewöhnlich sind. Inklusion ist ein hehres Ziel – aber was passiert da jetzt eigentlich?
Wie Versuchsballons werden Kinder mit geistigen Behinderungen in die Schulen geschickt – und wenn man dann einen Fall erwähnt, der mir so erzählt wurde: ein autistisches Kind in einer großen Grundschulklasse – man sollte vielleicht wissen, dass selbst Autisten, die in der Welt sehr gut zurechtkommen, ein großes Problem mit Lautstärke haben – dann sagt mir jeder, der sich damit auskennt: „Wer kommt auf so eine hirnverbrannte Idee?“ Selbst in einer Klasse mit nur 15 Kindern wäre ein autistisches Kind wahrscheinlich oft überfordert – und, wie viele Klassen von dieser Größe gibt es so in NRW? (Ich rede hier übrigens von Sachen, von denen ich wenig verstehe, ist mir aber mehrfach bestätigt worden). In einem solchen Fall hat übrigens niemand was davon. Die anderen Kinder werden mit dem autistischen Kind ihre Schwierigkeiten haben, denn das braucht einen nicht unerheblichen Mehraufwand und hat noch einen zusätzlichen Lehrer, der sich um die anderen Kinder nicht kümmert – das kommt bei Achtjährigen nicht gut an, es separiert – und das ist ungefähr das Gegenteil von Inklusion, oder? Die Klasse kommt nicht so richtig voran, das autistische Kind ist ständig in einer Umgebung, mit der es nicht gut klar kommt – was soll das bringen?
Von einem anderen Kind mit einem Syndrom, dass ich mir nicht gemerkt habe, wurde mir erzählt. Und da bringt die Inklusion auch was – aber nur für die „normalen“ Kinder. Deren soziales Lernen ist ausgezeichnet, sie kümmern sich um das schwächere Kind. Aber das behinderte Kind verliert bei der Rechnung ungemein – das bekommt nämlich nur ein paar Stunden Förderung von einer Sonderpädagogin, den Rest der Zeit sitzt es mit den anderen Kindern gemeinsam in der Klasse und lernt einfach mal nichts.  Und dieses Problem ist nur auf eine Art lösbar:
Wie bei eigentlich jeder Reform, die in den letzten Jahrzehnten die Schulen getroffen haben, wird auch durch die Inklusion eher Geld eingespart wo es ausgegeben werden müsste. Man spart an den zugegeben teuren Förderschulen – die aber auch Möglichkeiten bieten, mit denen Kinder trotz ihrer Behinderungen auf die Welt vorbereitet werden. Die technischen Möglichkeiten, die es hier gibt, haben die Regelschulen nicht, man hat auch nicht so viele Betreuer, kein nichtlehrendes Personal, dass sich um die speziellen Probleme kümmert. Wem will man denn diese Aufgaben aufpfropfen? Den Mitschülern, den Lehrern, die eh schon in absurd großen Klassen unterrichten?
Den Idealismus der Grünen Jugend kann ich ja nachvollziehen, aber Förderschulen sind notwendig – einerseits sind sie es eh, weil man Schwerstmehrfachbehinderte kaum in eine Regelschule packen kann, andererseits können diese Schulen gerade geistig Behinderte, Gehörlose und Blinde viel besser auf ihr Leben vorbereiten, als man das so einfach an Regelschulen kann – die Dinger heißen nicht umsonst Förderschulen – diese Förderung funktioniert und hilft ja auch. Auch Inklusion ist eine wichtige Idee. Natürlich sollen Rollstuhlfahrer auch durch ganz normale Schulen rollen, und wenn man die Klassen endlich durch Einsatz von Geld, dass man nicht für die Rettung zockender Banken, sondern für Investitionen in die Zukunft nutzt, auf ein erträgliches Maß verkleinert, dann braucht man auch Kinder nicht aussortieren, weil sie Erziehungsprobleme haben, oder lernbehindert sind. Dann kann man auch Inklusion betreiben – aber bitte nicht auf dem Rücken der behinderten Kinder.
Ich mein, man denke mal nach. Müssen wir uns mit viel Energie um die Inklusion kümmern, wenn wir noch nicht mal eine Integration von Kindern unterschiedlicher Herkunft und elterlicher Vermögensverhältnisse hinbekommen?

Reportage aus der Zukunft

Ich lese im Moment nebenbei mal wieder „Ökotopia“, einen Science Fiction-Roman aus dem Jahre 1978. Dort wird ein Reporter in ein utopisches Land geschickt und schickt seine Reportagen zurück.  Das Buch sollte man mal als Pflichtlektüre einführen, nicht weil alle Ideen des Ernest Callenbach, so heißt der Autor, so großartig sind – einige sind es -, sondern weil man die Möglichkeit bekommt, mal ein paar Sachen anders zu denken. Diese Fähigkeit ist zu wenig ausgeprägt, und das führt dazu, dass manche Menschen sogar der Politik glauben, wenn von „Alternativlosigkeit“ gesprochen wird.

Auf jeden Fall hat mich das Buch inspiriert, in kleinem Rahmen ähnliches zu tun. Ich werde keinen Roman schreiben, aber hin und wieder mal eine Reportage aus der Zukunft. Aus einer Zukunft, wie ich sie mir wünsche, nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Achso, ja, ich schreibe so, als ob es in der Zukunft noch Zeitungen gibt. Keine Ahnung, ob Zeitungen sterben, keine Ahnung, ob sie irgendwann im Internet ankommen, aber wir werden sehen.

Noch eine kleine Warnung, erstens,d er Artikel ist lang, zweitens, es handelt sich um eine Vision. Wenn jemand glaubt, dass Visionen zu Arztbesuchen führen sollten, dann soll er sich davon machen!

Zehn Jahre neues Bildungssystem, ein Überblick

Aus der Region.  Was wurde gekämpft, was wurde diskutiert, wie oft wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt? Vor zehn Jahren wurde das Bildungssystem ermordet oder vergewaltigt, sagten damals die einen, es wurde neu gedacht, sagten die anderen.

Nun hat man sich ja ein wenig an die Neuerungen gewöhnt, viele Kritiker sind verstummt, andere sehen immer noch viele Probleme in der Bildung, verweisen auf Zahlen. Wir wollten uns die Situation mal genauer anschauen.

Der Blick geht erst mal in die Kreisstadt, in der eines der beiden Gymnasien, die beide auf eine große Tradition zurückblickten, geschlossen wurde. Das andere lebt und gedeiht. Und geht man heute in dieses Gymnasium, dann muss man auch einigermaßen genau hinschauen, wenn man die Unterschiede sehen will, die sich ergeben haben.

Es ist lauter als früher, viele Türen stehen offen, Schüler sitzen in Grüppchen auf dem Flur und arbeiten offenbar an anderen Sachen, als ihre Mitschüler.

„Wir mussten vieles umstellen“, sagt die Rektorin Julia N. auf Nachfrage. „Das Kurssystem, dass es früher nur in der Oberstufe gab, hat inzwischen die ganze Schule erreicht. Im Klassenverband gibt es Sportunterricht und die Einführungen in neue Fächer, ansonsten werden Kunst- und Theaterprojekte so geplant, dass es immer ein bis zwei Klassen sind, die das gemeinsam machen. So kommen die Schüler auch mit ihren Gleichaltrigen zusammen, so werden soziale Strukturen geschaffen. Der Fachunterricht ist ganz im Kurssystem verteilt. Und die Kurse sind sehr gemischt – eben je nach Fähigkeit.“ Am Ende von Kurstrimestern treten die Gymnasiasten zu ihren Prüfungen an. „Das ist auch ganz in Ordnung so, meint Schülersprecherin Liane F., „natürlich könnte man die Prüfungen immer machen, aber so haben wir da ein bisschen Struktur drin. Und wir sind immer ganz scharf drauf, dass alle im Kurs ein Ziel erreichen, ist sozusagen Gymnasiastenehre.“

Im Gebäude des geschlossenen Gymnasiums ist nun die Freie Schule – ein wirkliches Experiment noch vor ein paar Jahren, inzwischen aber eigentlich ziemlich gut angenommen. Die Freie Schule sieht ihre Lehrer rein als Ansprechpartner. Von der Einschulung an lernen die Schüler hier was sie wollen, haben große Schätze an Lernmaterialien zur Verfügung und arbeiten frei. Die Lehrer sind für sie da, beantworten Fragen, erzählen Geschichten und regen immer wieder auch Projekte an. So erklärt Rainer B., einer Initiatoren: „Die Projekte sind wirklich wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, einen Film zu drehen, dann macht das erst mal ein Lehrer mit einer Gruppe. Er leitet an und vermittelt die grundlegenden Fähigkeiten. Beim nächsten Mal fangen dann einige der Schüler des ersten Projektes mit einem eigenen Film an, nehmen sich eine Handvoll neue Leute mit ins Boot und der vorher leitende Lehrer ist nur noch so eine Art Supervisor.“

Die Erkenntnis, dass man vieles besonders gut lernt, wenn man es anderen beibringt liegt da zugrunde, und die ist auch sonst im Schulalltag häufig zu sehen. Achtjährige, die Fünf- bis Sechsjährigen mit dem Zahlenraum bis 10 weiterhelfen sind oft die, die selbst noch nicht so fit damit sind, und sich endlich mal das Herz nehmen, ihre Prüfung nachzuholen.

Und wie steht es mit der Motivation? „Naja, die ist natürlich nicht bei jedem Schüler gleich und vor allem auch nicht an jedem Tag. An manchen Tagen passiert in manchem Raum fast gar nichts, aber sehr bald wird es langweilig – und manches Kind müssen wir nachmittags um fünf geradezu herauskehren, weil es sich gerade in der Geschichte festgebissen hat, oder weil der Englischspielkreis einfach kein Ende findet.“ B. lacht, offenbar hat er das Bild gerade vor Augen – doch auf Gegenfrage wird er ernst: Aber kommt jedes Kind mit dieser Form der Schule klar? „Die meisten schon, aber das gilt nicht für alle. Manche Kinder können mit mehr Struktur einfach besser lernen – aber das ist ja auch kein Problem, es geht hier ja nicht um Ideologie, sondern um die Kinder!“ Und die, davon kann man sich hier schnell überzeugen, wirken glücklich und gar nicht chaotisch und rabaukig, wie man das bei der Einführung der Freischule aus manchen Kreisen prophezeite.

Wie sieht das mit den anderen Schulen aus? Auf der Freien Waldorfschule hat sich gar nicht so viel geändert. „Wir haben ja noch nie auf Noten gesetzt, deswegen hat es hier nicht viel geändert, als die Benotung ganz an die Prüfungsbehörde ging.“ Ute S.  ist die Leiterin der hiesigen Waldorfschule, sie fühlt sich bestätigt: „ Wir hatten ja schon das beste Abitur im Kreis, als hier das Zentralabitur eingeführt wurde, für uns war es schon immer normal, dass von außerhalb geprüft wurde.“

Der Gesamtschule kam die neue Struktur auch relativ gut entgegen. „Wir waren schon ziemlich am Schwanken, als wir nicht mehr selbst benoteten. Zensuren sind halt schon eine Möglichkeit, auch Disziplin zu behalten. Aber wir haben schnell begriffen, dass wir mit dem neuen System gut fahren.“ Mittelstufenkoordinator Stefan P.  zieht zufrieden Bilanz. Inzwischen haben die Stufen Acht und Neun jeweils halbjährige Praktika, die dadurch gewonnenen Räume und Lehrerstunden werden sinnvoll genutzt, auch hier wird Freiarbeit inzwischen groß geschrieben, und die Lerngruppen wurden so ein bisschen kleiner. „In den Praktika sind die Schüler oft viel motivierter, fühlen sich erwachsener und mehr ernst genommen. Und den Stoff haben sie mit ihren neugewonnen Kenntnissen und dem erhöhten Selbstvertrauen bisher immer ganz locker aufgeholt. Außerdem sind die nach ienem halben Jahr oft auch ganz froh wieder einfach nur zur Schule gehen zu können.“

Eine klassische Schule mit den alten Strukturen gibt es ja in der Kreisstadt auch noch. Die Freie Christliche Bekenntnisschule mit ihrem Gymnasial- und Realschulzweig. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren war das die Schule, die am schnellsten wuchs. Heute mag man uns kein Interview geben. Wir sprachen mit der Elternvertreterin Luise H., und die gibt zu, dass es Probleme gibt: „Vor der Prüfungsbehörde war man stolz darauf, dass man gut erzogene Kinder hatte, dass wenigstens auf dieser Schule Disziplin noch etwas galt. Daher hatten wir auch viele Schüler, die gar nicht aus christlichen Elternhäusern stammten. Das ist nicht mehr so. Wir werden auch von der Prüfungsbehörde stark benachteiligt. Unsere Schüler erreichen bei weitem nicht mehr die Werte, die sie vorher in den zentralen Prüfungen erreichten. Ich vermute Politik dahinter.“

Eine besondere Form der schulischen Bildung sollte nun zuletzt auch noch erwähnt werden – nämlich die ohne Schule. Simon T. ist so ein „Schüler“. „Ich habe mir schon das Lesen selbst beigebracht, als ich fünf war. Seitdem habe ich genug Mathe gelernt, um die mittlere Reife angehen zu können, in den Naturwissenschaften bin ich fast auf Abiturniveau!“ Der 13jährige ist nicht unbedingt bescheiden, wenn er von seinen Fähigkeiten spricht. „Englisch kann er ziemlich gut, aber es hapert mit einer zweiten Fremdsprache und mit Politik und Geschichte beschäftigt er sich auch erst, seit er öfter bei seinem Ersatzopa ist.“ Der Ersatzopa ist ein Nachbar, dem Simon hilft, mit der neuen Technologie schrittzuhalten, und der mit ein paar einfachen Fragen bei dem Jungen Interesse geweckt hat. „Man muss ja wissen, wie die Politik funktioniert, sonst kann man ja auch nichts ändern!“ Inzwischen ist Simon da ganz anderer Ansicht, als er es noch vor ein paar Monaten war. Und was ist mit den sozialen Kontakten? „Simon geht in die Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche, und ins Karatetraining. Das ist ein guter Ausgleich, und daher hat er seine Freunde. Auch wenn die auf die verschiedensten Schulen gehen.“ Simons Mutter ist mit ihrem Sohn, und der Bildungswelt offenbar ganz zufrieden. „Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich mich mit manchen Sachen rumgeschlagen habe, da hat Simon es schon viel einfacher.“

Eine Sache bleibt dann doch noch. Vor der großen Reform gab es eine Unmenge an Nachhilfeinstituten, was ist denn aus diesem Markt geworden? Bei der Recherche fanden wir nur noch eines. Leiter Klaus B. : „Klassische Nachhilfe machen wir fast gar nicht mehr. Hier und da für ein paar Gymnasiasten, wenn sie in einem Kurs partout nicht mitkommen, oder wenn sie länger gefehlt haben, dann noch ein paar Schüler von der Bekenntnisschule. Wir haben dafür öfter mit den Homeschoolern zu tun, den Kindern, die gar nicht zu einer Schule gehen – denen können wir dann in Fächern helfen, für die sie kein großes Interesse aufbringen können. Und dann muss halt immer noch ein bisschen gepaukt werden.“ Ansonsten scheint der Markt ausgetrocknet, seit die Prüfungen sich sehr stark geändert haben. B. erinnert sich an die Zeiten ohne Wehmut: „Als das Zentralabitur regierte, traf das Wort Lernbulimie voll zu. Es wurde nur für die nächste Prüfung gelernt. Heute müssen echte Fertigkeiten und Verständnis nachgewiesen werden, mit einem auskotzen von Wissen kommt man da gar nicht mehr weit. Aber das macht auch bei der Nachhilfe viel mehr Spaß!“

Kultur und Schule – die Basisworkshops

Da ich ja in diesem Jahr zum ersten Mal ein „Kultur und Schule“-Projekt mache – in der Grundschule, in der ich schon seit anderthalb Jahren als Schauspiellehrer arbeite – musste ich die letzten beiden Tag nach Neuss ins Rheinische Landestheater, um dort das Grundsätzliche zu lernen, was man so über die Projekte wissen muss. Wenn ich ehrlich sein soll, ich hatte vorher ein unbehagliches Gefühl. Das einzige Mal, dass ich vorher mit irgendwelchen Institutionen zu tun hatte, die Theaterpädagogen ausbilden, war ich auf große Arroganz getroffen, hatte selbst dann sicherlich auch etwas arrogant reagiert – es war kein gutes Gespräch. (um es zu erklären: alles, was ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht hatte, war völlig uninteressant für die Person gegenüber, das Curriculum, dass diese mir auf der anderen Seite verkündete, war für mich völlig uninteressant, weil ich das alles schon in der einen oder anderen Weise gemacht hatte)

Nun befürchtete ich zwei Sachen – erstens, dass man mir Sachen erzählen würde, die gegen meine tiefen Überzeugungen verstoßen (meine Leser haben hier ja schon einiges über meine Gedanken und Ideen zum Thema Theater und Theaterpädagogik lesen können), zweitens, dass ich als Autodidakt unter den gelernten Schauspielern und Theaterpädagogen mit ähnlicher Arroganz behandelt würde, wie damals. Und dann wurden diese beiden Tage zu zweien der besten, die ich seit langer Zeit hatte.

Da ich die beiden Seminare in der falschen Reihenfolge bestritt, war gestern erst mal Basisworkshop II dran. Mit einem recht simplen Trick schaffte es die eine Hälfte des Dozententeams uns sehr schnell mit dem größeren Teil der Gesellschaft sehr schnell in Kontakt zu bringen, und man war auch gleich im Fachsimpeln, erzählte mit dieser typischen Mischung aus Frust („… ich hab da diesen Jungen, der die ganze Zeit …“) und Lust („… und dann wacht die auf einmal auf, wird richtig selbstbewusst …“) aus dem Alltag der Theaterverrückten – und sehr schnell war man ziemlich warm mit dem größten Teil der Truppe. Thematisch ging es hauptsächlich darum, wie man mit Störungen umgeht – ganz sicher ein Thema, zu dem ich noch viel lernen kann – und ich brauche keinen Kommentar, der mich darin bestätigt – und da war es dann die andere Hälfte des Gespannes, die uns wirklich weiterhelfen konnte, uns einige Prinzipien an die Hand gab.

Aber neben einigen wirklich interessanten Gedanken waren es vor allem zwei Zeiten, an die ich mich von gestern noch einige Zeit erinnern werde. Das Mittagessen, bei dem so viel erzählt und geblödelt wurde, das man das Gefühl hatte, man wäre unter alten Freunden – so viel zu lachen hatte ich seit Wochen nicht mehr, und ich lache oft – aber dieses Mittagessen wurde noch getoppt. Zum Abschluss haben wir Spiele und Übungen aus unserem Unterrichtsalltag mit den Kollegen gespielt. Es gab dabei etwa drei eher ernste Theaterspiele und –übungen, der Rest führte extrem ausdauernd zu seeeehr guter Laune. Mörderspiele, Huddeliihuddelli, Schnickschnackschnuck-Evolution und jede Menge seltsamer Sachen mehr, die müde aber absolut glücklich machten. Und aus den angepeilten 45 wurden gut 90 Minuten wilder Spiele, jedem fiel noch etwas ein, so viel Energie habe ich selten gefühlt. Natürlich ist zu befürchten, dass diese Spiele mit den Schülern dann nicht so einfach und gut funktionieren – alle Beteiligten haben mit aller Kraft mitgemacht, haben sich sofort auch in die seltsamsten Ideen gefügt. Aber gut, wenn so eine Gesellschaft nicht locker und offen für alles ist, welche dann? (allerdings unterhielt ich mich heute Morgen mit den Dozenten und die meinten, so sei es absolut nicht jedes Mal, es wäre eine außergewöhnliche Einheit gewesen)

Und heute Morgen dachte ich dann, gut, gestern war wohl ein Glücksfall, die Dozenten meinten ja schon, dass es heute nicht ganz so lebendig zugehen würde – und als ich dann die Gruppe sah, hatte ich wirklich wieder so ein bisschen Angst, dass es kein so intensiver Tag werden würde – und dann wurde es kaum weniger spannend und intensiv. Natürlich musste einiges an bürokratischem Kram geklärt werden, das ist klar, und das war vielleicht nicht besonders spannend, aber nötig. Aber wir wurden eben auch wieder in die Position versetzt, die sonst unsere Schüler einnehmen und da wurde schon das eine oder andere Auge geöffnet – nebenbei waren wir so kreativ und selbstbewusst, dass wir ein wenig die Dozentin an die Grenzen ihrer Geduld brachten, hat schon auch Spaß gemacht. Aber wichtig war einfach zu sehen, wie viele Gefühle geweckt werden, was man in der Lehrsituation öfter vergisst.

Und dann ging es um ein paar Sachen, die ich einfach nur unterschreiben wollte: Schüler müssen wahr und ernst genommen werden, man muss sich für Menschen und ihre Gefühle interessieren. Man muss ehrlich in seinen Gefühlen sein – ja, alles richtig, Manche Sachen habe ich sehr ähnlich in meinen Überlegungen zur Theaterpädagogik hier im Blog sehr ähnlich geschrieben – yeah, hat mir das gut getan. Volle Bestätigung! Davon hätte ich gern noch mehr gehabt, also noch mehr Tage, noch mehr vertiefende Diskussionen, mehr von dieser Energie.

Bei Facebook wurde nun eine Gruppe gegründet, wo man mit den Kollegen in Kontakt bleiben kann. Und ich war gestern wirklich so euphorisiert, dass ich, der ich mich dem immer verweigert habe, nun bei Facebook angemeldet bin. Na, das sagt doch alles …


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Sechs Jahre Grundschule

Tja, jetzt hatten wir in letzter Zeit zwei Plebiszite, und so, wie mich das Ergebnis des ersten erfreut hat, so hat mich das des zweiten geärgert. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum so viele Volksabstimmungen als eine großartige Sache anpreisen, die in Hamburg zeigt ja, dass man mit Panikmache gegen jedes sinnvolle Argument gewinnen kann – von Minarettverboten in der Schweiz ganz abgesehen – wer hat’s erfunden?

Aber eigentlich wollte ich mal kurz auf die Idee der Grundschule eingehen, die sechs Jahre dauern sollte, wenn man in Hamburg nicht lieber einen kräftigen Schritt nach hinten gegangen wäre. Die Grundschule, so, wie ich sie in meiner Arbeit als Theaterpädagoge erlebe, und da mein bester Freund auch noch ein engagierter Grundschullehrer ist, bekomme ich auch hier ein Bild, die Grundschule also ist ein Schonraum im Bildungssystem. Über Jahre arbeiten die Pädagogen hier daran, dass Schüler selbstständig lernen, dass sie Sozialkompetenzen erwerben, dass sie die Grundlagen bekommen, mit denen sie bald durchstarten können. Das Problem ist nur, dass die Kinder nach nur vier Jahren schon aus diesem Paradies in die Schulen geschickt werden, die eher mit der Hölle des guten alten Frontalunterrichts punkten wollen. Die Kinder, die die Grundschule verlassen, müssen viel zu früh Jugendliche werden, weil sie nun in die Welt der Jugendlichen, der Bravo und der schlechten Vampirfilme geraten – und je nach Schule gibt es auch noch viel schlimmere Verhältnisse, an die sich Kinder gewöhnen müssen, die dafür aber eigentlich mindestens zwei Jahre zu jung sind. Überall auf der Welt unterrichtet man die jungen Schüler anders und länger, nur im deutschen Sprachraum macht man so einen Quatsch.

Hier könnte man übrigens auch von der Walddorfschule lernen, die ihre Schüler die ersten sieben Jahre in festen Klassen mit einem Klassenlehrer und ohne das eh meistens sinnfreie Sitzenbleiben unterrichten, in diesen sieben Jahren werden die Kinder vielfach praktisch angeleitet, es wird ein Fundament gelegt, auch wenn das wissenschaftliche Arbeiten noch gar nicht so sehr vorangetrieben wird – die Schüler sind am Anfang der achten Klasse hinter dem Gymnasium zurück, haben aber ein so gutes Fundament, dass sie – ich seh das am Beispiel der örtlichen Walddorfschule in meinem Landkreis – im Abiturschnitt vor den Gymnasien liegen – von den Gesamtschulen reden wir lieber nicht, die sind in der Parallelexistenz mit dem dreigliedrigen Schulsystem eh nicht konkurrenzfähig, da sie eigentlich nur Schüler abbekommen, bei denen es nicht fürs Gymnasium reicht – eigentlich erstaunlich, dass trotzdem noch so viele Gesamtschüler Abitur machen. Ein ähnlich gutes Fundament könnten mit ein bisschen finanziellem Wohlwollen der Schulministerien auch die Grundschule bieten – nicht mit dreißig Schülern und mehr in den Klassen, wer das verantwortet, gehört wegen Veruntreuung der vorhandenen geistigen Potentiale der Schülerschaft aus dem Land gepeitscht. Mit einem solchen Fundament und einer sinnvollen Reform der weiterführenden Schulen wäre auch das Abitur nach zwölf Jahren problemlos möglich und nicht der Hauptgrund, weshalb ich als Nachhilfelehrer immer Überstunden schieben muss.

Leider wird die sechsjährige Grundschule auch bei uns in NRW und wahrscheinlich großflächig in der wüsten Schullandschaft Deutschlands eine Fata Morgana bleiben – sie wäre ein sinnvoller Schritt in Richtung einer besseren Schulsituation.


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