Archiv der Kategorie: stephen king

Reading King – Hier seyen Tiger/Here there be Tygres

Skeleton Crew, die Zweite. “Hier seyen Tiger” ist eine der frühesten veröffentlichten Geschichten Kings. Er war gerade mal zwanzig Jahre alt, als ein Magazin sie druckte.
Ein Junge, der Angst vor seiner Lehrerin hat, muss auf Toilette und findet auf dem Jungenklo seiner Grundschule einen Tiger vor. Der frisst auch gleich einen Mitschüler und vermutlich auch seine Lehrerin, die bald schaut, wo denn ihre Schüler bleiben. Das ist es aber auch schon.
Manchmal findet man in Kings Kurzgeschichten Momente, in denen man ihn kaum wiedererkennt. In „Hier seyen Tiger“ finden wir eine absurde Note, die in Kings Werk eher nur am Rande vorkommt. Die kleine Geschichte irritiert eher, als das sie spannend oder auch nur lustig ist. Aber, und das ist dann wieder typisch für King, es geht um den Einbruch des Übernatürlichen, oder hier zumindest des Abnormalen in eine ganz normale Welt.
Man könnte jetzt heruminterpretieren, ob der Junge das alles wirklich erlebt, ob es nicht vielleicht einfach nur eine Fantasie ist, aber das ist nicht der Kern. Es passiert hier etwas Unerklärliches, mit dem ein kleiner Junge umgehen muss. Und mit sechs Jahren ist manches noch viel einfacher zu erklären, als mit 35. Der Junge kommt damit klar, dass da ein Tiger ist. Ist schon okay.
In seinen frühen Geschichten geht es bei King ständig um Kinder, um Schule, um Jugendliche. Ist es ein Wunder, er war ja auch selbst noch jung. Man schreibt über das, was man kennt. In seinen Kurzgeschichten verarbeitet er sicher auch biografisches Material und zu dieser Geschichte hat er mal gesagt, dass er es gut gefunden hätte, wenn seine Lehrerin der ersten Klasse von einem Tiger gefressen worden wäre – er hat Angst vor ihr, so wie der Junge in der Geschichte Angst vor seiner Lehrerin hat. So mag diese Geschichte auch eine kleine Selbsttherapie sein.

Warum gibt es so schlechte deutsche Buchtitel?

Eine Forumsüberschrift mit Übersetzungen von Filmtiteln hat mich zu einem kleinen Beitrag inspiriert. Ich habe mich ganz auf die Buchtitel von Stephen King spezialisiert, weil die den Unsinn der Verlagspraxis schon allein so schön illustrieren:
Nachdem „It“ – „Es“ nicht nur richtig übersetzt, sondern auch ein riesiger Erfolg war, hat irgendwer in schwer bekifftem Zustand angefangen, möglichst alle Namen so zu vergewaltigen, das sie eine ähnliche Kürze bekamen: total passend wurde also aus „Misery“ kurz „Sie“ – was aufgrund des Vorgängers völliger Bullshit ist, da wird das Magnus Opus von 1100 dicht bedruckten Seiten mit einem Buch, dass nicht viel mehr als eine Fingerübung war, zu vergleichen … das Wortspiel, die Bedeutung des Namens … alles verspielt …
„The Dark Tower: The Gunslinger“ hieß vorher schon „Schwarz“, aus „The Drawing of the Three“ wurde „Drei“ … die nächsten Bände des Dunklen Turms hießen auf Deutsch „Tod“ und „Glas“ … ach, warum noch die Originaltitel nennen …
Es gab nebenbei auch einige kranke nicht so kurze Titel:
„Salem’s Lot“ (ja, ein Ortsname und ein Wortspiel, hübsch oder?) – „Brennen muss Salem“!
„Pet Sematary“ (ich würd mal übersetzen „Haustierfriedhof“ – dafür können wir im Deutschen ja so schön zusammenziehen) – „Friedhof der Kuscheltiere“
„Different Seasons“ – „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ – nein, keine dieser Novellen ist Horor, man brauchte es auch nicht künstlich reinbasteln.
So richtig schlimm ist aber erst in den letzten Jahren geworden: Aus dem wunderschönen „The Girl who loved Tom Gordon“ wurde  „Das Mädchen“ – bisschen platt, oder? Aus „Dreamcatcher“ wurde „Duddits“ …? Könnte mal jemand erklären? Was sprach gegen „Traumfänger“? Der Eso-Klang, den hat das Wort im englischen vermutlich aber auch …
Und weiter geht es mit Vergewaltigungen: Jeder King-Fan wusste seit Jahrzehnten, dass es einen unveröffentlichten Roman unter dem Titel Blaze gab. Dann überarbeitet King diesen Roman, ihm glückt ein wunderbares Buch, und auf Deutsch darf er nicht nach der Hauptfigur Blaze heißen, sondern muss „Qual“ genannt werden? Außer dem Titel gibt es da keine Qual bei! Oder der zwei Drittel geniale Roman „Duma Key“ – das Ende ist leider allenfalls durchschnittlich -, warum „Wahn“? WARUM?
Aber der beste Beweis für völlige IQ-Losigkeit der Titelübersetzer: „Love“ … ja, ist der „deutsche“ Titel! Halloho!! Das Original heißt „Lisey’s Story“ – „Liseys Geschichte hätte also wunderbar funktioniert, sogar die englische hätte man ohne großen Verlust stehen lassen können – auch wenn ich eigentlich sehr für das Übersetzen bin. Wir haben ja eigentlich eine der poetischsten Sprachen, warum können ausgerechnet die Übersetzer der Titel diese nicht beherrschen? (Kurz abschweif: Im neuen King, „Die Arena“ – „Under the Dome“ – na, merkt man was? – gibt es einen wunderbaren Übersetzungsfehler, als nämlich Jugendsprache vorkommt, und ein kleiner Skater „Alte Schule“ sagt … ich hab sehr gelacht)
Kleiner Aufruf: Wenn jemand eine Möglichkeit findet, diese Praxis so richtig lächerlich zu machen, bitte bescheid sagen, mache jeden Mist mit …

Ein Filmtag

Immer wenn es weihnachtet, dann verzichte ich darauf, Schauspielunterricht zu geben und mach es mir bequem. Da wir in unserem kleinen Theater einen Beamer und eine Dolby-fähige Lautsprecheranlage haben, kann man es quasi in ein kleines Kino verwandeln. Und dann schaut man mit allen drei Kursen Filme … insgesamt sogar vier, weil die Großen zu zwei Filmen zu begeistern waren.

Die Braut des Prinzen

Die gar nicht so bekannte Filmversion des Kultbuchs „Die Brautprinzessin“ war Film Nummer 1. Der Film für die kleinen Darsteller zwischen 10 und 13 Jahren. Die gruselten sich ganz nett bei den Ratten von außergewöhnlicher Größe. Haben viel gelacht, fanden die Geschichte ziemlich gut – und ich war wieder begeistert von den vielen kleinen guten Witzen, von dem Spiel mit den Ebenen, von der liebevollen Art, wie der Film mit seinen Helden umgeht. Ich mag den Keks, äähh, Film.

Stand By Me – Geheimnis eines Sommers

Hm, das war eine schnelle Entscheidung, die ich der Gruppe eigentlich aufoktroyiert habe, und siehe da, die coolen Jugendlichen schmelzen bei der Geschichte von vier Zwölfjährigen dahin … immer wieder interessant, was passiert, wenn man gute Filme mitbringt, egal ob die cool sind, oder nicht. Und ich bin natürlich wieder begeistert, zum wievielten Mal auch immer. Weil die Dialoge so cool sind, weil so viele Wahrheiten nebenbei gesagt werden, weil natürlich auch immer das Buch in meinem Hinterkopf die Hintergrundgeschichte erzählt – immer wieder ein angenehmer Filmgenuss.

Das Leben des Brian

Der Klassiker von Monty Python, selig sind die Skifahrer, und so weiter. Es sollte halt was lustiges sein, und da bin ich gar nicht so gut ausgerüstet. Der liebe Brian und seine tragische Geschichte ist immer wieder ein Kreischer an manchen Stellen, aber andererseits merkt man auch, dass der Film nun schon dreißig Jahre alt ist. Da wirken manche Gags sehr antiquiert. „Dogma“ ist sehr viel frecher mit der Geschichte eines gewissen Jesus von Nazareth umgegangen, auch wenn „Das Leben des Brian“ natürlich die Entstehung von Religionen so wunderbar karikiert, dass alle freidenkenden Menschen begeistert sein müssen. Und den Purchen, den man zu Poden werfen soll, den kann man natürlich nur lieben.

Rocky Horror Picture Show

Ja, als die Süchtigen noch ihre Drogen inhalierten, warf ich schnellentschlossen den großen Kultfilm nach, der dem Ensemble gar nicht so bekannt war. Ich kann natürlich den größeren Teil des Films auswendig mitsingen und -sprechen. Und habe mich sehr zurückhalten müssen. Und ich habe die Hälfte der Zeit gedacht: Meine Herren, waren die damals frech, waren die damals frei, als sie diesen Film gemacht haben, und dabei so sexy. Ich würde gern Theater machen, das so frei und frech und sexy ist … und so anarchistisch lustig … und die andere Hälfte habe ich einfach nur genossen, dass es so gute Musik und einen so schrägen Film gibt.

They call it „Wahn“ – Über Stephen King und sein neues Buch

Ich steh auf Stephen King, ich lese ihn seit ich zwölf war und habe fast alles gelesen, was er je geschrieben hat. Dann ist es natürlich immer eine Freude, wenn es einen neuen King gibt – und den neuesten, der den seltsamen und sinnlosen Namen „Wahn“ trägt, habe ich inzwischen gelesen, und ganz nebenbei auch rezensiert: http://www.media-mania.de/index.php?action=rezi&id=8486. Von hier ab werde ich das Buch „Duma Key“ nennen, also den Originaltitel verwenden. Allerdings werde ich weniger zum Buch selbst sagen, denn dafür kann man problemlos die Rezension lesen, als eine dieser kleinen schönen Entdeckungen erzählen, die man in diesem Buch machen kann.

Wie das durchaus nicht selten zu lesen ist, gibt es auch bei diesem Roman ein vorangestelltes Zitat. In diesem Fall von einer Band namens Shark Puppy, die im Jahre 1986 ein Lied veröffentlichten, ein Lied mit dem Titel „Dig“, geschrieben von W. Denbrough und R. Tozier. Shark Puppy gibt es allerdings nicht, und hat es auch nie gegeben. Die Herren Denbrough und Tozier sind Figuren aus dem King-Klassiker „Es“, und da William „Stotter-Bill“ Denbrough Schriftsteller ist, und  Richie „Vierauge“ Tozier DJ passt das sogar irgendwie. Der schöne Gag für den erfahrenen King-Leser ist allerdings nicht nur die höchst offiziell aussehende Urheberrechtsvermerk, es gibt noch eine kleine weitere Verbidung, allerdings zu einem anderen Roman. Im anderen ganz großen Werk von King, nämlich „The Stand“, hat Larry Underwood einen kleinen Hit bevor Captain Trips alle Hitparaden beendet, und dieses Lied heißt „Baby can you dig your man?“ – man kann da von Zufall reden, ich mach das mal nicht.

King ist bekannt für seine Querverbindungen, die oft gar nicht so sehr motiviert scheinen, aber einfach für viele King-Leser auch das Salz in der Suppe. Ein paar Beispiele gefällig?

Dick Hallorann, der Koch aus „The Shining“, kommt auch in einer Nebenepisode aus „Es“ vor. Ds Städtchen Castle Rock, nicht weit von Derry („Es“/“Schlaflos“/“Dreamcatcher“) gelegen, ist Ort von etwa zehn weiteren Romanen und Geschichten, unter anderem vom wunderbar bösen „Needful Things“ und „The Body“, dessen meisterhafte Verfilmung von Rob Reiner unter dem Titel „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“ bekannt wurde. Natürlich kommt auch der ewige Feind Randall Flagg in mehreren Romanen vor, alles nette Beispiele.

Und in „Duma Key“? – Na ja, die üblichen wiederkehrenden Charaktere und Orte sind erst mal weit weg, denn Duma Key ist eine Insel vor Florida, und der Großteil von Kings Geschichten spielt sonst in Maine, was leicht nördlich liegt. Aber schau an, der Hauptcharakter heißt Freemantle, genau wie Mutter Abagail aus „The Stand“. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, wenn er sich einen „Revolvermann der Kunst“ nennt – das deutet ja fast gar nicht auf den „Dark Tower“-Zyklus hin.

Stephen King sorgt mal mehr und mal weniger dafür, dass seine Romane miteinander verbunden sind. Und für den langjährigen Leser sind diese Verbindungen oft nichts anderes als zufällige – na ja, so zufällig ja jetzt eigentlich nicht – Begegnungen mit guten alten Freunden. Natürlich sucht man auch danach, freut sich über jeden Fund. Auf der anderen Seite ist das natürlich ein Nebenschauplatz, die Geschichte ist wichtig, und man kann sagen was man will, King gehört zu den Autoren, die meisterhaft ihren Geschichten dienen. Die Querverbindungen dienen den Geschichten nicht, sondern den Lesern – ist ja auch nicht das Schlechteste.

Zu Stephen King ist noch lange nicht alles geschrieben, ein weiteres Häppchen bald hier.