Archiv der Kategorie: Theater

Niemand wird in der Schule besser durch kein Theater

Ich bin einigermaßen frustriert. Ich inszeniere gerade Woyzeck, eine semiprofessionelle Produktion, und weil ich eigentlich ziemlich begeistert bin, was für Jugendliche ich gerade in der entsprechenden Gruppe habe, habe ich einige junge Menschen angefragt, ob sie nicht kleine Rollen übernehmen können. Weil es zehn Vorstellungen an vier Wochenenden sind, und weil ich weiß, dass alle in vielen Terminen gebunden sind, habe ich diese Rollen noch mal geteilt, lasse jeweils zwei die gleiche Rolle lernen, so kommt man dann einzeln nur auf fünf Aufführungen an zwei Wochenenden, die dann im Mai und Juni verteilt sind.
Nun haben mir inzwischen schon drei Jugendliche, beziehungsweise ihre Eltern abgesagt, eine frühzeitig, die anderen beiden in den letzten Tage, eine Woche bevor es probentechnisch spannend wird, und natürlich so kurzfristig, dass es ernsthaft schwierig wird, noch Ersatz zu finden. Wie bei vielen, kenne ich die Eltern alle auch persönlich, komme mit allen auch gut aus. Und so ist es natürlich umso frustrierender, wenn diese doch so netten und aufgeschlossenen Eltern ihren Sprösslingen die Teilnahme untersagen. Die Gründe: „Es wird zu viel! Zu viele Termine, die Schule leidet.“
Ich frag mich eigentlich immer, wenn Leute mit dem Theater aufhören und mir sagen, es ist zu viel, ich krieg das mit der Schule nicht mehr hin, was da falsch läuft. Es hat sich natürlich seit der Einführung von G8 an unseren Gymnasien stark verschärft. Und ich kann auch ein wenig verstehen, dass das ein Problem ist – das Gymnasium ist auf funktionieren gedrillt. Interessanterweise sagen Lehrer, Schüler und Eltern übereinstimmend, dass die Situation mit G8 nahezu unerträglich geworden ist, niemand nutzt dieses Wissen – es gibt Schulen, die einem das Abitur ermöglichen, und auch die Zeit, seinen Hobbies nachzugehen. Wie kommt man denn da auf die Idee, dass es das Gymnasium sein muss?
Jetzt mal ernsthaft. Wenn es irgendetwas bringen würde, dass die Jugendlichen eine solche Produktion nicht machen, ich hätte deutlich mehr Verständnis. Sie holen sich in einer solchen Produktion nicht nur neues Selbstvertrauen, spielen mit ein paar der besten Amateure und Semiprofis zusammen, die ich kenne, und die unsere Arbeit hervorgebracht hat. Werden auf eine Art mit Büchner konfrontiert, die kein Deutschleistungskurs bieten kann. Sie reifen auch als Persönlichkeiten, haben Spaß und spüren das Glück des Applauses – aber sie sind besser in der Schule, wenn sie das nicht machen? Wie sagt eine Freundin gerne: Wollt ihr mich flachsen?
Und selbst wenn es stimmte, wenn kurzfristig hier und da noch eine Note verbessert werden kann – sie werden merken, wie ihre Kollegen davon profitieren, sie werden spüren, was ihnen verloren geht. Es ist wirklich kaum zu verstehen. Wäre ich in der Situation gewesen, als ich 13 oder 14 war, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dabei zu sein. Weil die Gelegenheit einfach faszinierend gut ist, weil es nicht die Produktion mit der zugegeben guten Gruppe ist, sondern mit guten Erwachsenen, mit Leuten, von denen man unglaublich viel lernen kann – solche Möglichkeiten gibt es alle zwei bis drei Jahre mal. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich damit umgehe, ob ich in Zukunft solche Gelegenheit überhaupt noch ermögliche, ob ich mir die Blöße gebe, oder nicht einfach auf Sicherheit gehe, die Leute aus den jüngeren Gruppen einfach im eigenen Saft schmoren lasse – ich muss das ja nicht tun, es ist ja nur Zusatz. Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich laufe ich auch in Zukunft wieder ins offene Messer. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr wieder hier sitzen und meinen Frust herunter bloggen. Immer dann, wenn die hochfliegenden Pläne durch das Denken an das kleine Heute gegen die eine oder andere Wand gehauen werden.

Warum ich Theater mache …

Durch die Mitgliedschaft bei den Piraten ist in meinem Blog ein bisschen zu kurz gekommen, was in meinem Leben noch ein bisschen wichtiger ist. Mein Leben, das Theater. (Und ich spreche hier absichtlich nicht von Beruf, ja, das Theater ist auch mein Beruf, aber auch viel mehr.)

Langsam bin ich alt genug für eine Midlifecrisis, ich sollte mir also langsam mal überlegen, warum ich das alles mache, und mich fragen, ob ich schon mal die Krise ausrufen soll. Ich mein, es gehört doch irgendwie dazu, wenn man auf die VIERZIG zugeht – nur noch drei Jahre … *schluck*

Als ich vor ein paar Jahren damit angefangen habe, mit Jugendlichen Theater zu machen, da war das neben dem Journalismus, da habe ich recht viel Nachhilfe gegeben, heute lebe ich fast vollständig davon, dass ich inszeniere, schreibe und Schauspielerei lehre. Ich habe das nie gelernt, also nie offiziell. Und wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, dann sage ich gern Theatermacher, und wenn es offiziell sein muss, dann Theaterpädagoge, weil es am Nächsten dran an dem, was ich mache, ist. Die Frage, ob man davon leben kann, beantworte ich mit einem wissenden Lächeln – nein, so richtig kann man das kaum.

Aber so richtig Theaterpädagoge bin ich nicht. Also so richtig Pädagoge. Natürlich habe ich ein bisschen was mitbekommen, als ich auf Lehramt studiert habe – das meiste allerdings nicht in Vorlesungen und Seminaren, sondern in den Praktika. Die theoretischen Erziehungswissenschaften waren mir immer ein bisschen suspekt. Neben Deutsch und Philosophie habe ich auch Mathematik studiert. Deren Klarheit war für mich immer der Inbegriff von Wissenschaft. Liest man erziehungswissenschaftliche Texte, dann ist es mit jeglicher Klarheit vorbei. Die Wissenschaft, die sich darum kümmern will, wie man anderen etwas beibringt, verbirgt sich ständig hinter pseudowissenschaftlichem Wortgeklingel. Das hat mir das Vorurteil eingepflanzt, dass Pädagogik keine Wissenschaft ist, sondern nur eine sein will – die Inhalte, die man hinter dem Wortgeklingel findet, sind nämlich allzu oft in sich recht einleuchtende Dinge, die man aber viel einfacher formulieren könnte.

Ich habe meine eigenen Gedanken zu vielen pädagogischen Themen, und die haben meistens damit zu tun, dass ich meine Schüler ernst nehmen will, egal ob sie fünf sind oder zwanzig. Dass es manchmal mit den Fünfjährigen einfacher ist als … ein guter Freund hat mir geraten, an dieser Stelle nicht weiterzuschreiben. Es ist so einfach, über Kinder und Jugendliche hinwegzugehen, ihre Anliegen zu relativieren, ihre Gefühle als Flausen zu bezeichnen – man ist ja als Erwachsener so viel reifer, hat alles schon gesehen, und natürlich weiß man, was für die jüngeren Menschen richtig ist: Alles Unsinn! Einen Scheiß weiß ich. Ich muss Kindern und Jugendlichen genauso zuhören, wie ich Freunden zuhöre, die mir ihre Probleme erzählen. Und ihre Probleme mögen für mich unerheblich klingen, sie sind aber deren Probleme, real und sauwichtig. Wer wäre ich, dass ich meine Probleme für wichtiger halten würde.

Viel zu viele „Pädagogen“ wollen Kindern und Jugendlichen das Leben einfacher machen. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Fast im Gegenteil. Meine Stücke kommen seltenst mit so viel Niedlichkeit daher, dass man allein deswegen klatschen würde. Ich mach auch mit Grundschülern richtiges Theater – Komödien vielleicht, aber mit Hintersinn, mit allen Tricks, denen man sich auf der Bühne bedienen kann – ich brauche keine Ausstattung, keine Kostüme, mir reicht Fantasie. Und das ist schwerer zu spielen, als die Märchenstücke und kitschigen Klassiker, die man allzu oft im Kinder- und Jugendtheater sieht. Ich sehe auch die jüngsten Schauspieler als genau solche: als Schauspieler, nicht als Kinder, nicht als Jugendliche, nicht als Wesen, die ich vor dem Leben behüten muss – ich werfe sie rein! Ich lasse ihnen die Angst vor der Bühne, den Respekt vor dem Versprecher – und damit gebe ich ihnen die Freude beim Applaus, die einfach grenzenlos sein darf. Und was ich immer wieder sage:

„Leute, Applaus bekommt ihr auf alle Fälle. Niemand, der im Publikum sitzt, ist gegen euch. Alle werden höflich ihre Händchen zusammenpappen – aber das reicht nicht. Wenn alle es nur schön und nett finden, dann habt ihr noch nichts geschafft, dass sagen sie nämlich immer! Ich will nicht, dass sie ein bisschen klatschen, sie sollen sich die Hände wund klatschen, sie sollen überrascht sein, was ihr schafft, sie sollen berührt sein!“

Das ist das Wichtigste, Menschen berühren. Ich mag Tränen beim Publikum, ich mag sie vor Rührung und Trauer, aber auch vor Lachen. Ich bemühe mich gerne um beides. Die Voraussetzungen sind gegeben. Das Theater ist das Medium, in dem es so einfach ist, wie sonst kaum irgendwo. Nirgends ist man so nah bei der Kunst, nirgends ist sie so lebendig, so immer wieder neu. Mit meiner Kunst kann ich Menschen berühren, und nicht nur die im Publikum. Natürlich auch ganz besonders die, die auf der Bühne stehen.

Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ein paar Sachen glaube ich doch. Zum Beispiel, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Kinder mindestens einmal im Leben auf der Bühne gestanden hätten und stehen würden. Und dabei ist erst mal egal, ob mit dem Instrument, ob singend, ob spielend, ob tanzend. Sie dürfen auch gerne ihre Werke ausstellen oder vorlesen – Kunst ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Applaus mach stark, Applaus macht groß. Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir alle ein bisschen größer wären?

Alles gute Gründe, die Arbeit zu machen, die ich mache. Gute Gründe dafür, auf Urlaube zu verzichten, auf das gute Gehalt und die sichere Zukunft. Ich mach Theater, weil ich damit glücklich bin, weil die Momente da sind, in denen Menschen mir sagen, wie sehr das Theater sie geprägt hat, mir einfach „Danke“ sagen. Ich mach Theater, weil ich nirgends mehr zu lachen habe, weil ich nirgends auf spannendere Menschen treffe. Ich mach Theater, weil es etwas Besonderes ist, ein magischer Ort. Ich mach Theater, weil da immer Vollmond ist … was für eine Nacht!

Quick – Zwei Premieren an einem Tag

Double feature – was ich mir damit angetan habe, hatte ich schon fast vermutet. ich bin leer, aber davor:
Die Kindheit des Dr. Mabuse
Mein Kinderstück war sowohl in Sachen Publikumsandrang, wie auch Publikumsbegeisterung ein echter Erfolg. Dass der junge Hauptdarsteller richtiggehend gefeiert wurde, hatte er sich verdient. Viele Gags sind ziemlich gut gekommen, es passte annähernd alles, ein paar Kleinigkeiten können noch verbessert werden, aber die Darsteller sind zwischen 9 und 13 Jahren alt, das ist sehr angenehm, denen würde auch verziehen, wenn es mal eine halbe Minute hakt.
Den Erfolg, den ich wollte, habe ich wohl erreicht. Die Eltern und Freunde, die natürlich den Hauptteil des Publikums stellten, waren mehrfach überrascht, applaudierten nicht aus Freundschaft.
Nichtschwimmerseite
Keine Ahnung, ob das sein musste. Ein Stück über Suizid einer Jugendlichen, ein Jugenddrama. Ich, wir meinen, es war nötig. Und die Stille, die wir zeitweise hatten, war tief und berührt. Wenn Zuschauer einen hinterher loben, ist okay, man freut sich, und man merkt, wenn es nicht nur höflich ist. Heute kam unter anderem ein „Danke für das Stück“. Das ist etwas mehr … wir haben Menschen berührt, wir sind ihnen nah gekommen. Mission accomplished.
Die andere Seite ist die Leere, die jetzt in mir ist, die Anspannung hinterläßt eine Lücke, ich sitze vor dem PC, einschlafen ist die nächsten Stunden nicht und dabei bin ich so müde wie die Welt.

Piraten und Kultur – Der Versuch eines piratigen Kulturbegriffs

Hatte vor kurzem eine kleine Mumblesitzung mit anderen Kreativpiraten, die es durchaus gibt, auch wenn sie sicherlich nicht im Mittelpunkt der Piraten stehen. Dabei kam die Frage auf, ob die Piraten gegenwärtig einen eigenen Kulturbegriff haben.

Nun, wir sind eine Partei, unser Denken ist also politisch, und so muss der Begriff von Kultur auch politisch sein. Speziell muss er sich an unseren politischen Kernzielen orientieren. Zum Beispiel an unserer libertären Einstellung: Kunst und Kultur sind frei, eine Einmischung durch Staat, Religionen, Parteien und Wirtschaft ist auszuschließen. Ich hab das mal fett gedruckt, weil, ist wichtig – ganz im Gegensatz zu richtiger Grammatik. Vielleicht fällt ja noch jemandem etwas ein, was sich auch nicht einmischen darf?

Piraten glauben an Gleichheit, daran, dass niemand diskriminiert werden darf. Das muss für Kultur genauso gelten: Geschmäcker sind verschieden, aber aus politischer Sicht ist jede Kultur gleich viel wert. Kein Werk ist besser oder schlechter zu behandeln, weil es  subventioniert wurde, oder eben nicht, weil es eine spezielle Veröffentlichungsform einhält oder nicht, weil es gesellschaftliche Tabus bricht oder nicht, weil es von Amateuren oder Profis geschöpft wurde. Ausnahmen gibt es nur dann, wenn eindeutig gegen die Verfassung gearbeitet wird.

Das bedeutet natürlich, dass Schranken im Kopf beseitigt werden müssen. Willkürliche Unterteilungen in E- und U-Kultur sind überholt und sollten unbedingt der Vergangenheit angehören, aus der sie überdauern.  Davon könnten übrigens auch Kulturjournalisten lernen, die diese Schranken in großer Zahl immer wieder flicken und ausbessern, aber das wirklich nur nebenbei.

Der Zugang zu Kultur sollte jedem möglich sein. Ja, das kann immer nur ein Ziel sein, so lange wir uns nicht in einer idealen Gesellschaftsform befinden, die ohne Geld auskommt. Ansonsten wird immer das Problem bestehen, dass Kultur Geld kostet. Kultur hat zwar einen Unkrautcharakter, sie ist kaum auszurotten, aber das darf nicht weiter ausgenutzt werden – in den letzten Jahrzehnten wurde die Kultur immer weiter heruntergespart, Gagen sind nur für die Stars in erträglicher Höhe, alle anderen leben am Existenzminimum, es wird schlicht und einfach ausgenutzt, dass Künstler ihre Arbeit tun, weil sie gar nicht anders können, weil sie in anderen Berufen unglücklich werden. Diese Ausbeutung muss aufhören. Auf der anderen Seite dürfen die finanziellen Zugangsschranken auch nicht zu weit erhöht werden – weshalb eine gewisse Kultursubvention wohl unausweichlich ist. Hier ist die Einschränkung, dass jede Kunst ihre Rezipienten für diese Kunstform begeistern muss. Können das gewisse Formen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt, werden sie von anderen Formen verdrängt werden. Das ist ein natürlicher Prozess, und der darf in einer Demokratie auch nicht durch übermäßige Subvention in eine bestimmte Richtung künstlich aufgehalten werden.

Der Zugang zur Kultur muss immer in aktiver und passiver Form gleichermaßen jedem möglich sein. Nein, nicht jeder ist ein Künstler, da gehört schon etwas zu, Leidenschaft und Liebe zum Beispiel, auch Talent oder Ausbildung sind nicht zu verachten. Die wichtigste Kulturförderung ist die Ermöglichung eigenen künstlerischen Ausdrucks. Wenn Städte, Kreise oder Schulen Kulturpädagogen der verschiedensten Richtungen einstellen würden, und ihnen Projekte ermöglichen, die möglichst viele Kinder und Jugendliche mit Kultur ganz praktisch in Kontakt bringen, dann könnte Kultur keine soziale Unterscheidung mehr sein. Subventionierte Kultureinrichtungen sollten auf jeden Fall einen Teil ihrer Subventionen für diese Form der Jugendarbeit reservieren. Gerne auch für eine Form der Sozial- und Altenarbeit, das muss ja nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt sein, auch wenn es da natürlich den größten Hebelpunkt hat.

Politik muss Kultur ermöglichen, darf ihr keine Barrikaden in den Weg legen! Ein bisschen weniger Bürokratie da, wo Kultur sich einen Weg bahnen will, das wäre noch ein schönes Ziel. Behörden, die Festivals ermöglichen wollen und es nicht möglichst unmöglich machen. Hier und da einfach ein bisschen mehr Service-Gedanken bei Behörden, ach ja, das wäre auch schön.

An dieser Stelle kommt nur noch eine Bitte um Diskussion. Dieser Artikel ist nur ein Anfang. Wir brauchen einen piratigen Kulturbegriff, wer sollte denn mehr Kultur mitbringen, als wir? Also freue ich mich über jede Diskussion!

Kultursubventionen / ein piratiger Blick

Vor ein paar Monaten hatte ich hier (https://hollarius.wordpress.com/2011/06/30/die-kultur-und-das-liebe-subventionierte-geld/) schon mal über Kultursubventionen geschrieben, aus einer Diskussion heraus, aus meiner persönlichen Sicht als Künstler heraus. Jetzt bin ich seit ein paar Wochen bei den Piraten und finde in der für Neupiraten sehr verwirrenden Takelage aus Pads, Wiki, diversen Seiten, Forum und Mailinglisten zu dem Thema eher Unpräzises. Alle sollen irgendwie an Kultur teilnehmen können, freier Eintritt in Museen wird gefordert – aber das ist alles sehr ungefähr. Es ist ja auch ein Nischenthema, und außerdem ein Lokalthema, was die Bundespartei natürlich nicht so sehr interessiert. Aber auch Lokalpolitik muss ja besetzt werden, ist im Moment ja auch der einzige Punkt, an dem wir ansetzen können, schließlich ist Berlin nicht nur ein Bundesland, sondern auch eine Stadt mit viel Kultur, wo das Thema wichtig ist.

Es gibt eigentlich zwei Blicke auf die Kultur, wenn man mit den Augen des Piraten sieht. Einerseits ist der freie Zugang natürlich von basaler Wichtigkeit. Freier Zugang ist das, was die Piraten zusammenhält. Also sollte es auch freien Zugang zu Theater und Oper, zu Museen und Konzertsälen geben, oder?

Andererseits soll sich der Staat ja nicht in alles einmischen, und dass jede Karte in der Oper mit durchschnittlich zweihundert Euro vom  Staat gesponsert wird, ist für mich persönlich, der ich zwei bis dreimal im Jahr die eine oder andere Oper besuche, eine tolle Sache,  aber eigentlich kaum zu rechtfertigen.  Warum wird eine Einrichtung, die nur von einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft besucht wird, so hoch subventioniert?

Alles umsonst, das ist eine hübsche Idee, aber auch nicht zu bezahlen. Die Städte sind eh mehr oder weniger pleite. Ein Streichen der Subventionen würde aber in die andere Richtung gehen, angloamerikanische Verhältnisse sind nicht die, die wir suchen. Dort ist die Hochkultur eine absolute Mangelware, und/oder von Mäzenen nicht nur bezahlt, sondern auch gesteuert. Also schauen wir mal etwas genauer an, was heute bezahlt wird.

Da gibt es sehr unterschiedliche Konzepte.  Die größte Ausgabe der großen Städte geht an Opern und Schauspielhäuser. Hier sind viele Menschen angestellt, hier werden Stars eingekauft, die für wenige Tage eingeflogen werden.  Relativ gesehen, werden Eintrittskarten fürs Museum sogar noch mehr subventioniert. Da wird auch sehr viel sehr gute Arbeit geleistet, da gibt es immer wieder sehr neue Inszenierungen, da gibt es Orchester auf höchstem Niveau, Künstler, die unglaublich intelligente und provokante Werke schaffen – es gibt aber auch viel Mittelmaß, man findet sogar recht häufig Mist, der gut bezahlt wird. Der festangestellte Künstler neigt zum Stillstand. Noch problematischer ist es allerdings, dass es erstens quasi eine Vollkasko gibt, dass es geradezu egal ist, was man macht, und wie viel Publikum man erreicht, und auf der anderen Seite steckt da ja auch eine Denkart hinter, die mit Kunstförderung gar nichts zu tun hat: Es geht hier eindeutig auch um Gallionsfiguren, um Aushängeschilder, in deren Rettung sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen.

Auch in der freien Szene gibt es eine Menge Subventionen, die auf verschiedenste Art ausgeschüttet werden – im Vergleich aber zu den Aushängeschildern, geht hier nur relativ wenig Geld hin. Das bewirkt trotzdem recht viel. Warum? Naja, weil es immer eine anteilige Finanzierung ist. Man stößt Projekte mit Geld an, man finanziert sie nicht vollständig. Oftmals heißt erfolgreiche Kulturförderung auch vor allem das Bereitstellen von Räumen, sowohl für die künstlerische Arbeit, als auch für Auftritte.

Soweit grob gesehen der Ist-Zustand. Wie kann man denn nun den freien Zugang damit kombinieren, dass eine Vollsubvention der Kunst nicht nur finanziell utopisch ist, sondern auch noch, ähnlich wie die Konzepte für eine Kulturflatrate,  daran kranken würden, dass es so schwierig zu entscheiden ist, was denn Kultur ist, und wer denn nun subventioniert werden muss.

Es gibt zwei wichtige Ansätze:

Erstens der freie Zugang dazu, Kunst betreiben zu können. Jeder soll die Möglichkeit haben, selbst tätig zu werden. Deswegen sollten Subventionen mehr in die Breite gehen, als in die Leuchttürme der Hochkultur.  Ein Instrument zu lernen, ist schon ein kleiner Luxus, auch andere kulturpädagogische Angebote müssen meistens recht teuer sein, weil die Kulturpädagogen – unter denen ich jetzt mal die Klavierlehrer, Kunst- und Theaterpädagogen und alle anderen subsummiere, die anderen Menschen etwas beibringen, dass ihnen ermöglicht, an der Schaffung von Kultur teilzunehmen. Hier sollte investiert werden, und natürlich braucht diese Kunst von unten auch Proben- und Aufführungsräume.  Hier einen freien Zugang zu schaffen, wäre ein Ideal. Wenigstens ernsthaft die zu unterstützen, die es sich nicht selbst finanzieren können, wäre das erste kleine Ziel. (Habe letztens selbst mit einer H4-Mutter gesprochen, die sagte, dass es einfach nicht drin wäre, ihrem Sohn Gitarrenunterricht zu bezahlen. Die H4-Gutscheine eines Jahres würden für zwei Monate reichen. Der Junge übt stundenlang ohne Unterricht – eine Schande, wo so viele, die es sich leisten können, nur unter Druck ihr Instrument anfassen …)

Aber nicht nur freier Unterricht wäre anzustreben, sondern eben auch eine Unterstützung von freien Gruppen. Probenräume und Aufführungsorte müssen für örtliche Gruppen kostenlos sein, die Amateure, die Liebhaber müssen unterstützt werden. Es braucht Möglichkeiten für junge Bands, sich vor Publikum zu zeigen, und je professioneller Bühne und Technik dafür ist, desto mehr kann der Nachwuchs davon profitieren. Subventionen, die Projekte anschieben, die der halbprofessionellen und professionellen lokalen Szene helfen, auf eigenen Beinen zu stehen, sind viel besser, als das Einkaufen von fremdem Mittelmaß. Etabliert sich eine starke lokale Szene, dann wird das Interesse an guten fremden Kräften auch von selbst wachsen. Auch Veranstalter können auf einem solchen Fundament gut aufbauen und die Szene wiederum bereichern.

Zweitens sollen die hochsubventionierten Häuser, die Museen und Opern, die Konzertsäle immer auch eine Bringschuld haben. Wenn es darum geht, wie die Subventionen weiterfließen, muss jedes dieser Häuser zeigen, wie man sich darum bemüht, einen Zugang zu schaffen. Und dabei geht es nicht darum, dass man seinen Abonnenten irgendwelche Rabatte gewährt, es geht darum, dass Kulturferne an die Kultur herangebracht werden. Das können Kooperationen mit Stadtteilprojekten sein, dass können freie öffentliche Generalproben sein, für die Karten in Schulen verteilt werden. Das können Kunstprojekte sein, in die Menschen aus den – ich sags mal provokant – Slums eingebunden werden. Die Theater haben Dramaturgen, die Museen Kuratoren,  und denen wird vieles einfallen, ebensolche Projekte anzukurbeln, die Menschen an die Kultur heranbringen. Man muss sie nur dazu zwingen, aus ihrem Elfenbeinturm herauszukommen. Es geht nicht darum, in die künstlerische Freiheit einzugreifen, es geht auch nicht darum, pädagogische Arbeit den Künstlern aufzuzwingen. Aber wenn diese Häuser viele Millionen im Jahr verschlingen, dann sollen sie sich auch darum kümmern, dass sie das nicht nur für einen winzigen Teil der Gesellschaft tun. Es geht hier darum, dass Menschen an die Hand genommen werden müssen – die glauben nämlich, RTL2 würde ihnen reichen, sie wissen es nicht besser, es hat ihnen noch keiner gezeigt. Wenn die Opernhäuser und Stadttheater das nicht leisten können, die Orchester und Ensembles, dann sind die Subventionen offenkundig falsch angelegt.

Mehr Subventionen in den künstlerischen Breitensport, mehr Öffnung der subventionierten Kulturtempel, das wären doch schon mal zwei schöne piratige Forderungen, oder?