Archiv der Kategorie: Theaterpädagogik

Eisblumen – Vom Widerstand in kalter Zeit

Nach langer Zeit habe ich wieder mal ein altes Theaterstück von mir auf archive.org hochgeladen. ich hatte das ja mal mit allen Stücken vor, bin aber in dieser Hinsicht stark gehemmt, da ich grundsätzlich recht depressiv werden, wenn ich im Moment über das Thema Theater nachdenke.

Eisblumen, das man jetzt als pdf runterladen kann, ist nun schon bald acht Jahre alt und wurde einmal stark überarbeitet, weil ich es vor zwei Jahren noch mal neu inszeniert habe. Trotzdem ist es immer noch eine eher kurze Theatercollage, deren Formatierung grausig ist und das an vielen Ecken merken lässt, dass ich damals eine sehr knappe und fragmentarische Arbeitsweise hatte. Ich habe mich seitdem einige Mal verändert, würde heute sicher einiges anders machen, aber trotzdem halte ich es nicht für Unfug, die Collage öffentlich zu machen.

Es stecken einige spannende kleine Szenen drin, es gibt ein bisschen was unterhaltendes, bevor ich gegen Ende den Vorschlaghammer nehme und auf jede Tränendrüse einschlage, die ich finden kann. Der damalige Hauptdarsteller, mit dem ich heute zusammen podcaste, sagt da immer, dass ich ja ein alter Schaubudenbesitzer bin, der da gerne mal mit der Keule kommt.

Eisblumen ist übrigens kein Geschichtsstück, dass die Betroffenheitsnummer durchziehen will, mich interessierten die Geschichten derjenigen, die damals gegen den Faschismus gekämpft haben, und ich erzähle Geschichte gerne mit Geschichten. Also gute Unterhaltung beim Lesen … und vielleicht mag es ja auch noch mal jemand aufführen. Dann bitte bescheid sagen, die Aufführungsrechte sind in der CC-Lizenz nicht drin .

Steinbruch – Ich mache mich wieder ins Theater auf

In gewisser Weise geht es mir im Moment besser als seit anderthalb Jahren. Ich arbeite wieder daran, Theater zu machen.  Zur Erinnerung. Ich habe das sehr lange schon gemacht, vor etwa zehn Jahren habe ich damit angefangen, habe mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Theater gemacht, und so, dass Leute, die mal bei mir angefangen haben, Wege und Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben, auch weiter zu machen, wenn sie nicht mehr im beschaulichen Oberbergischen wohnten. So, dass ich in zehn Jahren aus zwei regelmäßigen Teilnehmern etwa dreißig gemacht habe, so, dass ich mit vielen Darstellern auch gut befreundet war.

Das alles endete als ich von den Eltern einer Schülerin angezeigt wurde. Die Vorwürfe, die mir nachgesagt wurden, gingen bis Kindesmissbrauch – auch wenn dieser Straftatbestand juristisch gar nicht zutreffen konnte – und letztlich, nach vielen bürokratischen Verzögerungen stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, Freispruch, es gab keinen Missbrauch.

Das bedeutete auf der einen Seite, dass ich wieder als Nachhilfelehrer arbeitete, sogar schon, bevor die Staatsanwaltschaft endlich die ersehnte Nachricht schickte, aber für das Haus, in dem ich vorher Theater gemacht habe, war dieser Freispruch offenbar uninteressant. Mir wurde in einem persönlichen Gespräch eine Menge vorgeworfen, es ging so weit, dass angedeutet wurde, was ich alles mit der Schülerin wohl getan hätte. Da wurde absichtlich ein Tischtuch durchgeschnitten, es war einfach nicht mehr opportun, jemanden arbeiten zu lassen, der in zehn Jahren eine kleine lokale Schauspielschule allein aufgebaut hatte. Nein, genauer, es war einfach nicht opportun, jemanden arbeiten zu lassen, dem einmal solche Vorwürfe gemacht worden waren – egal, was die Staatsanwaltschaft davon hielt – und nebenbei war es ja auch ganz praktisch, einem aktiven und manchmal auch lautstarken Piraten die Existenz zu verhageln.

Unter anderem wurden mir abstruse Dinge vorgeworfen. Zum Beispiel die Tatsache, dass ehemalige Schüler mich unbedingt zurück haben wollten. Ich hätte Schüler auf mich geprägt, statt aufs Theater. Ich hätte lachen sollen, aber es war mir gerade nicht nach Lachen zu Mute. Ich hatte sie auf gutes Theater geprägt, und nicht auf den Laienspielkram, den meine Nachfolgerin mit ihnen unternahm. Das war alles. Ich sagte damals, dass, wenn Schüler auf mich zu kämen, ich wieder eine Gruppe aufmachen würde, dass ich niemandem versprechen würde, keine Konkurrenzveranstaltung zu dem anzugehen, was ja eh mein Werk gewesen war.

Jetzt kamen in den letzten Wochen mehrere ehemalige Schülerinnen auf mich zu – wohlgemerkt: Schülerinnen -, und fragten mich, ob ich nicht wieder mit ihnen arbeiten möchte. Sie haben alle aufgehört, von den dreißig jungen Darstellern, die vor anderthalb Jahren noch da waren, sind heute gerade mal eine Hand voll noch aktiv. Die Arbeit von zehn Jahren …  Aber sie haben ja nicht aufgehört, weil sie plötzlich keinen Bock mehr auf Theater hatten. Die Anfragen kamen quasi zeitgleich aus mehreren Richtungen, eine Schülerin hat an ihrer Schule nach einem Raum gefragt, und jetzt bin ich fast wieder im Einsatz. Der erste Termin steht schon fest. Ich mache mir schon Notizen für das erste neue Stück. Und ich bin ja Pirat, einen Blog dafür habe ich auch schon aufgesetzt.

Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt ganz und gar zuversichtlich bin. Gerade, dass ich hierüber blogge, die ganze Sache öffentlich mache, bedeutet ja auch, dass ich mich wieder angreifbar mache. Wer weiß, wer versucht, irgendwo Druck auszuüben, damit ich keinesfalls wieder arbeiten darf. Ich muss auch zugeben, ich habe Respekt vor einer Aufgabe, die ich mir vor anderthalb Jahren noch im Schlaf zugetraut hätte. Eine neue Gruppe aufbauen, kein Problem.

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich zu viel vertraut habe. Natürlich habe ich auch einfach Angst davor, dass sich Gerüchte halten, dass irgendwann wieder jemand meint, mehr Aufmerksamkeit durch das Erzählen spannender Geschichten zu bekommen. Und ich habe einiges durch, ich weiß jetzt, was Panikattacken sind, tiefe depressive Phasen und Suizidgedanken.

Wie locker und authentisch kann ich jetzt sein? Wie sehr vertrauen? Ich meine, das ist kein Erklären von binomischen Formeln, Theaterpädagogik hat so viel mit Gefühl zu tun, mit der eigenen Persönlichkeit, ist letztlich immer wieder Pädagogik am offenen Herzen. Das muss man sich auch einfach trauen, wenn man es gut machen will.

Ich bin gespannt, ich freue mich wie doof, und ich habe Angst, mehr als Lampenfieber. Uh, es kribbelt so, ich mach wieder Theater …

Was macht eigentlich gute Lehrende aus?

Das ist der zweite Versuch, diesen Blogpost zu schreiben, ich könnte jetzt zugeben, dass ich den ersten Versuch wohl nicht gespeichert habe, ich könnte auch sagen, dass ich den wohl in einem halben Traum geschrieben haben muss, oder dass ich jetzt eh eine bessere Idee habe, aber das ist eigentlich ja auch egal. Ganz ursächlich für den Blogpostist die Hattie-Studie, die bestätigte, was wir eigentlich schon immer wissen: Ich könnt so viel reformieren und machen und tun, letztlich hängt es immer an den Lehrenden, nicht an Systemen. Hattie hat auch einiges geschrieben, was Lehrer besser machen soll, aber ich habe kein Interesse an mehr Theorie, ich versuche es eher aus der Praxis geboren. Im ersten Versuch habe ich gute Lehrer beschrieben, die ich hatte, viel weiter war ich noch nicht. Aber das ist letztlich nicht wirklich aussagekräftig. Beispiele sind ja erst dann empirisch interessant, wenn man davon eine ganze Menge beisammen hat. Also mach ich es ganz unwissenschaftlich.

Gute Lehrende sind Lehrende aus Leidenschaft:

Nein, wer Kinder und Jugendliche unterrichtet, weil er sonst keinen Job kriegt, ist NIE ein guter Lehrer, wer keine Menschen mag, NIE eine gute Lehrerin. Aber es geht noch weiter. Du brauchst ein wirkliches Faible dafür, zu sehen, wie Menschen lernen und sich entwickeln. Du musst Freude daran haben.  Du musst nach den Überraschungen gieren, die Schüler dir täglich bringen. Immer Augen und Ohren maximal aufreißen, um nicht zu verpassen, was da für gewaltige Dinge ablaufen, wenn Schüler lernen. Du musst Menschen in der Altersklasse, die du unterrichtest, wirklich speziell mögen. Dann macht dir das Unterrichten Spaß, und nur wenn es dir Spaß macht, macht es auch den Lernenden Spaß.

Gute Lehrende sind nie arrogant:

Gebildeter könnte man sagen, du musst immer die Potenziale sehen. Es geht in die gleiche Richtung. Ich habe schon mit Leuten zusammenarbeiten müssen, die hinter den Kulissen für ihre Schüler offene Verachtung hatten. Ich meine, ich bin Theaterpädagoge, da gibt es jede Menge Leute, die Kunst unterrichten, weil sie es selbst als Künstler nicht geschafft haben. Die höhnisch über die Schauspielkünste ihrer Schauspieler sprechen, die von ihren Tänzern sagen: Die wird es nie zu irgendwas schaffen. Das ist widerliche Arroganz und ich bin oft verzweifelt. Ich erinnere mich aber auch an die gleiche Arroganz, speziell von dem einen oder anderen Mathe- oder Physiklehrer, gerade da ist es quasi epidemisch. Wenn ich Mathe kann, ja, wenn ich Mathe studiert habe – und ich habe das einige Semester lang – dann bin ich jedem Schüler, egal in welcher Klasse, mathematisch geradezu unglaublich überlegen. Lass ich sie das spüren, bin ich nicht nur ein Arschloch, sondern auch auf dem völlig falschen Dampfer. Wenn meine Liebe zum Unterrichten und zur Mathematik nicht ausreicht, um mich über jeden Erkenntnisschritt meiner Lernenden zu freuen, dann sollte ich was anderes machen.

Gute Lehrende scheuen keine Experimente:

Im Gegenteil, gute Lehrende wiederholen sich selten, probieren dauernd Neues aus, sind selbst immer auf der Suche nach einem neuen Weg, nach neuen Herausforderungen. Zum Teil hängt das mit den ersten Thesen direkt zusammen. Wenn ich in eine Erstarrung aus Routine gerate, dann ist mein eigener Spaß an meiner Arbeit nicht nur gering, er ist weg. Das Lehren kann eine ungemein frustrierende Sache sein, denn immer, wenn deine Schüler ein Niveau erreichen, mit dem es besonders viel Spaß macht, sind sie weg, weil sie irgendwelche Abschlüsse erreicht haben und dann fängt man mit den nächsten Schülern an, wieder bei quasi Null. Das kann dazu führen, dass man in eine Routine rutscht, dass man einfach durchzieht, was bisher auch gut geklappt hat – und plötzlich ist man nicht mehr gut, sondern nur noch ok. Lernende haben da ein unglaubliches Gespür für.

Gute Lehrende machen Spaß:

So blöd das klingt, ohne Spaß lernt man nicht gut. Und immer da, wo es keine intrinsische Motivation gibt, also Menschen nicht von sich aus Lernen wollen – und ich kann jedem versichern, dass Menschen mit intrinsischer Motivation ein Traum sind, ein seltener Segen für jeden Lehrenden -, muss man eine Atmosphäre schaffen, in der gerne gelernt wird, und da braucht es unbedingt Humor für. Also ohne Scheiß, wer keinen Humor mitbringt, sollte Buchhaltung oder so was machen – obwohl, kann man das ohne Humor ertragen? – und es muss der eigene Humor sein, nichts Aufgesetztes.

Gute Lehrende sind als Personen greifbar:

Hier passt es ganz gut hin. Wo ich doch gerade gesagt habe, dass es der eigene Humor sein muss. Selbst Grundschulkinder können mit fast bösartigem Sarkasmus umgehen, wenn es von Lehrenden kommt, die ganz sie selbst sind. Authentizität ist ein Schlagwort, das in allen möglichen Kontexten herumposaunt wird, es ist kaum irgendwo so wirklich wichtig, wie im Vorgang des Lehrens. Gute Lehrende sind nie unnahbar, sie sind im Gegenteil für die Lernenden erreich- und greifbar. Natürlich muss ich in der Unterrichtssituation auf Struktur und eine Grunddisziplin achten, natürlich kann ich bei Gruppen nicht immer für alle da sein. Aber ich muss Schülern auch immer meine Persönlichkeit zur Verfügung stellen. Baue ich künstlich Distanz auf, dann verhindert das Vertrauen, dann verhindert das Identifikation – nun ist es aber einfach so, dass man lieber lernt, wenn es auch mit einer Bezugsperson verbunden ist. Der Triumph über den ersten Schritt eines Babys ist viel größer, wenn Mama oder Papa zuschauen, und am besten auch noch Oma, Opa und alle verfügbaren sonstigen Verwandten und so weiter. Und das ist eben nicht nur bei Babys so. Auch mit annähernd vierzig freue ich mich über das Lob von jemandem, der für mich eine Autorität ist, oder auch einfach ein Freund. Ach, wo wir da gerade sind. Seid ehrlich mit eurem Lob. Leute loben, die nichts machen, was man gut ist, wird dazu führen, dass sie sich nicht mehr darüber freuen, wenn sie etwas machen, was wirklich gut ist. Aber ich habe junge Menschen schon fünf Zentimeter über dem Boden schweben gesehen, weil ich sie ehrlich gelobt habe. Ist für beide Seiten ein gutes Gefühl. Aber zurück zum Thema Persönlichkeit: Letztlich muss es zwischen jedem Lehrenden und jedem Lernenden eine Verbindung geben. Persönlich und vertrauensvoll wäre das ideal. Natürlich darf das Vertrauen nicht missbraucht werden, ich schreibe es nur hier der Vollständigkeit halber mit rein, es ist selbstverständlich und gilt für beide Seiten. Und die Sache mit der Distanz ist natürlich auch ein schmaler Pfad. Auf der einen Seite muss das Lehrende greifbar, erreichbar sein. Aber das ist immer eine Einbahnstraße. Während die Lernenden mit ihren Problemen und ihren Freuden beim Lehrenden einen Anlaufpunkt haben müssen, sollte das Lehrende sich den Lehrenden nie aufzwingen. Also in kurz: das gute Lehrende baut keine unnötige Distanz auf, ist als Persönlichkeit greifbar, durchbricht aber nicht von sich aus irgendwelche Grenzen. Das Verhältnis, dass zwischen Lehrenden und Lernenden bestehen sollte, ist auf poetische Art im „Kleinen Prinzen“ erklärt. Man macht sich vertraut.

Gute Lehrende sind ehrlich

Pädagogische Lügen sind etwas hinterhältig Dunkles und eigentlich nah an der schwarzen Pädagogik. Wenn Kinder Fragen haben, dann sind die zu beantworten, und das durchaus wahrheitsgemäß. Natürlich muss man kindgerecht erklären, natürlich muss man darauf achten, dass man nicht unnötig hart formuliert, aber Lügen sind ein No-Go. Auch die Notlügen, jede Idee von: Ach, das sind ja noch Kinder, die müssen das noch nicht wissen. Die Folge ist nämlich unausweichlich: Kinder spüren oder merken, dass sie belogen werden, das Vertrauen schwindet – und es gibt nicht umsonst die Redewendung: Wer einmal lügt, dem traut man nicht. Selbstverständlich ist niemand immer ehrlich, aber es ist auch niemand immer ein gutes Lehrendes, ich skizziere hier die ganze Zeit eine Utopie, die es wert ist, dass man ihr nachfolgt.

Gute Lehrende nehmen ernst

Ja, ich wiederhole mich, im Prinzip haben die vorherigen Abschnitte das hier schon gesagt. Aber es soll noch mal ganz deutlich werden. Es gibt keine wichtigen Erwachsenensorgen und unwichtigen Kinder- oder Jugendlichensorgen. Es gibt auch keine heilige Kindheit, in der die Realitäten des Lebens auszuklammern wären. Es gibt schlicht und einfach keinen Grund, Kinder und Jugendliche nicht absolut ernst zu nehmen. Es gibt auch keinen Grund, ihnen keine Verantwortung zu überlassen. Selbstverantwortliches Lernen ist hilfreich und bleibt meistens besser im Kopf, Verantwortungen klar machen ist ein Kern von gutem Lehren – denn an Verantwortung können junge Menschen wachsen. Als Lehrendes sollte man sich immer klar machen, wir sind Wegbegleiter und -bereiter, wir halten den Steigbügel, wir halten niemanden künstlich klein, wir sollen Selbstbewusstsein ermöglichen, nicht Selbstvertrauen vernichten.

Gute Lehrende haben Autorität …

… sind aber nicht autoritär. Das mag widersinnig klingen, ist aber einfach zu erklären. Autorität sollte sich immer aus der fachlichen und persönlichen Autorität ergeben. Autorität, die darauf fußt, dass man irgendwelche Macht über Menschen hat, dass sie abhängig sind, ist aus Blech, und wer sich darauf beruft, sollte sich beruflich irgendwas suchen, wo er nichts, aber auch gar nichts mit Menschen zu tun hat. Autorität zeigt man, in dem man seine Persönlichkeit zeigt, in dem man fachlich zeigt, dass man weiß, wovon man spricht, und es ist auch völlig in Ordnung, wenn man ein bisschen was an Disziplin einfordert – aber wie gesagt, nicht durch Drohungen und Abhängigkeiten erzwungen, oder gar durch Angst – sondern durch Echtheit und echte Autorität.

Gute Lehrende machen auch Fehler

Die Anforderungen, die ich hier an gute Lehrende gestellt habe, sind massiv, und natürlich kann man die nicht immer alle erfüllen. Wie oben geschrieben, es geht hier um eine Utopie, der man nachfolgen sollte. Und ja, jeder macht Fehler, und nein, Lehrende sind nicht unfehlbar und allwissend, beides ist nun mal gar nicht möglich. Und genau deswegen ist es wichtig, dass man mit Fehlern auch umzugehen lernt, dass man Fehler auch vor den Lernenden zugibt und sich entschuldigt, wenn etwas schief gelaufen ist. Das macht nicht nur menschlich und so, also was man so sagt, nein, es gibt Vertrauen, es macht es den Lernenden leichter zu wissen, woran sie mit den Lehrenden sind. Ich könnte auch ganz esoterisch schreiben, es fördert die Harmonie. Egal: Ja, jüngere und junge Menschen suchen Vorbilder, suchen Identifikationsmaterial, keine Frage. Aber das mit dem Identifizieren klappt auch besser, wenn Lehrende Ecken und Kanten haben und vor allem Fehler – sonst würden ja auch unsere guten Seiten gar nicht so zur Geltung kommen. (Stellt euch ein Zwinkersmiley vor!)

Ich bin für gute Lehrende, ich wünsche mir welche, die mit Verve und Liebe unterrichten, mit  dem Wunsch, die Welt besser zu machen, junge Menschen kritisch und rebellisch aufwachsen zu lassen. Das ist natürlich anstrengender, aber auch erfüllender. Wer selbst einer vorsichtigen Konformität huldigt, kann natürlich auch nur angepasste Lernende haben, oder zumindest nur mit denen klar kommen. Also werft Konventionen auf den Müllhaufen der Geschichte, weil sie dort hingehören, und werdet gute Lehrende, ich verspreche Euch eine Menge Spaß!

Die Kindheit des Dr. M – Theaterstück

Ich habe in der Vergangenheit ein paar Theaterstücke geschrieben, ich werde die nach und nach hier veröffentlichen, will heißen, das Stück selbst ist als PDF bei Archive.org hochgeladen, hier rede ich ein bisschen drüber, und natürlich verlinke ich auch. Also HIER.

Manche, die alte Krimis mögen, die können schon drauf gekommen sein, hinter dem Kindertheaterstück steckt eine sehr freie Interpretation des „Dr. Mabuse“ von Norbert Jaques, unsterblich gemacht durch Fritz Lang.

Irgendwann erinnerte ich mich an die fast schon mythisch überhöhten Filme der Sechziger zum Thema, die ich selbst als Kind gesehen hatte. Ziemlich gruseliger Stoff, und etwas, was ich als Kind ziemlich stark fand. Nun, heute find ich die Filme nicht mehr stark, und auch mit dem Buch konnte ich gar nicht so viel anfangen. Aber andererseits war der Mythos in meinem Hinterkopf, und ich wollte damit mal irgendwas machen. Und dann kam es, dass ich für eine Kindergruppe ein Stück brauchte, und plötzlich hatte ich eine Verbindung.

Also begann ich zu recherchieren, merkte, dass ich nur ein paar Motive wirklich spannend fand, benutzte die aber, um darauf eine kleine Geschichte aufzubauen. Dr. M, mit dem schönen Vornamen Marcus-Max versehen – oder doch Max-Marcus? Die Rollen verwechseln das im Stück immer mal wieder – hat eine kleine Untergrundorganisation aufgebaut. Allerdings ist erst zwölf, und auch seine Handlanger sind so in dem Alter. Allerdings kommt ihm eine Gruppe um die leicht snobistische Geraldine hier und da in die Quere. Dabei hat Marcus-Max bei seinen durchaus skrupellosen Machenschaften ja sogar ein gar nicht so verbrecherisches Ziel: Eine Schule nur für Kinder, ganz ohne Lehrer. Und es gibt noch ein paar andere Ideen, die gar nicht so übel klingen. Aber ich will ja neugierig machen, also erzähl ich mal nicht so viel mehr.

Es handelt sich um ein Kinderstück, in dem es auch um Kinder geht – denn die Kinder spielen und streiten wie Kinder, auch wenn die Zusammenhänge manchmal etwas märchenhaft werden. Es gibt auch einige recht witzige Momente, sowohl die humoristisch etwas gröbere Kelle, die von Kindern allgemein bevorzugt wird, als auch ein paar kleinere Ironien, damit auch Eltern und Großeltern was zu schmunzeln haben. Idealer Einsatzort sind Kindertheatergruppen und Schulklassen, so irgendwo zwischen neun und dreizehn Jahren. Ein paar der Rollen, speziell in den Reihen der M-Anhänger, können auch von weiblich auf männlich umgeschrieben werden – die Verteilung entspricht schlicht der Gruppe, für die ich das Stück geschrieben habe.

Das Stück dauert eine gute halbe Stunde, auch eine Dreiviertelstunde ist machbar, kommt auf die Inszenierung an. Das ist auch eine Zeit, die Schauspieler in dem Alter problemlos hinbekommen. 13 Rollen, der Schreibung nach elf Mädchen und zwei Jungen, aber das ist anpassbar. Viel Spaß beim Lesen, und wenn es jemand spielen will, einfach mal anfunken, Danke!

Niemand wird in der Schule besser durch kein Theater

Ich bin einigermaßen frustriert. Ich inszeniere gerade Woyzeck, eine semiprofessionelle Produktion, und weil ich eigentlich ziemlich begeistert bin, was für Jugendliche ich gerade in der entsprechenden Gruppe habe, habe ich einige junge Menschen angefragt, ob sie nicht kleine Rollen übernehmen können. Weil es zehn Vorstellungen an vier Wochenenden sind, und weil ich weiß, dass alle in vielen Terminen gebunden sind, habe ich diese Rollen noch mal geteilt, lasse jeweils zwei die gleiche Rolle lernen, so kommt man dann einzeln nur auf fünf Aufführungen an zwei Wochenenden, die dann im Mai und Juni verteilt sind.
Nun haben mir inzwischen schon drei Jugendliche, beziehungsweise ihre Eltern abgesagt, eine frühzeitig, die anderen beiden in den letzten Tage, eine Woche bevor es probentechnisch spannend wird, und natürlich so kurzfristig, dass es ernsthaft schwierig wird, noch Ersatz zu finden. Wie bei vielen, kenne ich die Eltern alle auch persönlich, komme mit allen auch gut aus. Und so ist es natürlich umso frustrierender, wenn diese doch so netten und aufgeschlossenen Eltern ihren Sprösslingen die Teilnahme untersagen. Die Gründe: „Es wird zu viel! Zu viele Termine, die Schule leidet.“
Ich frag mich eigentlich immer, wenn Leute mit dem Theater aufhören und mir sagen, es ist zu viel, ich krieg das mit der Schule nicht mehr hin, was da falsch läuft. Es hat sich natürlich seit der Einführung von G8 an unseren Gymnasien stark verschärft. Und ich kann auch ein wenig verstehen, dass das ein Problem ist – das Gymnasium ist auf funktionieren gedrillt. Interessanterweise sagen Lehrer, Schüler und Eltern übereinstimmend, dass die Situation mit G8 nahezu unerträglich geworden ist, niemand nutzt dieses Wissen – es gibt Schulen, die einem das Abitur ermöglichen, und auch die Zeit, seinen Hobbies nachzugehen. Wie kommt man denn da auf die Idee, dass es das Gymnasium sein muss?
Jetzt mal ernsthaft. Wenn es irgendetwas bringen würde, dass die Jugendlichen eine solche Produktion nicht machen, ich hätte deutlich mehr Verständnis. Sie holen sich in einer solchen Produktion nicht nur neues Selbstvertrauen, spielen mit ein paar der besten Amateure und Semiprofis zusammen, die ich kenne, und die unsere Arbeit hervorgebracht hat. Werden auf eine Art mit Büchner konfrontiert, die kein Deutschleistungskurs bieten kann. Sie reifen auch als Persönlichkeiten, haben Spaß und spüren das Glück des Applauses – aber sie sind besser in der Schule, wenn sie das nicht machen? Wie sagt eine Freundin gerne: Wollt ihr mich flachsen?
Und selbst wenn es stimmte, wenn kurzfristig hier und da noch eine Note verbessert werden kann – sie werden merken, wie ihre Kollegen davon profitieren, sie werden spüren, was ihnen verloren geht. Es ist wirklich kaum zu verstehen. Wäre ich in der Situation gewesen, als ich 13 oder 14 war, ich hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dabei zu sein. Weil die Gelegenheit einfach faszinierend gut ist, weil es nicht die Produktion mit der zugegeben guten Gruppe ist, sondern mit guten Erwachsenen, mit Leuten, von denen man unglaublich viel lernen kann – solche Möglichkeiten gibt es alle zwei bis drei Jahre mal. Für mich ist es jetzt die Frage, wie ich damit umgehe, ob ich in Zukunft solche Gelegenheit überhaupt noch ermögliche, ob ich mir die Blöße gebe, oder nicht einfach auf Sicherheit gehe, die Leute aus den jüngeren Gruppen einfach im eigenen Saft schmoren lasse – ich muss das ja nicht tun, es ist ja nur Zusatz. Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich laufe ich auch in Zukunft wieder ins offene Messer. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Monaten oder einem Jahr wieder hier sitzen und meinen Frust herunter bloggen. Immer dann, wenn die hochfliegenden Pläne durch das Denken an das kleine Heute gegen die eine oder andere Wand gehauen werden.