Didaktik running wild

Obiges Bild habe ich mal fröhlich aus Twitter geklaut, sry an den Urheber.

Ich habe das auf Twitter ziemlich rüde kommentiert. Aber schauen wir mal kurz, was da passiert ist. Für den Laien ist das erstmal völlig unverständlich. 5*4 ist doch 20? Was ist denn jetzt daran falsch? Nun, das Lehrende hatte folgendes vor: Da sind vier Hände, sie haben jeweils fünf Finger (nein, eigentlich jeweils vier Finger und zwei Daumen, aber das Fass wollte ich gar nicht aufmachen), also rechnet man vier mal fünf Finger, und das soll dann auch so da stehen. Damit das Kind – wir sind hier in der Grundschule, so zweite Klasse? – sich einen Begriff von der Multiplikation machen kann. Darunter gibt es dann die Additionsaufgabe, die quasi die Multiplikation auseinandernimmt.

Nun sieht das Lehrende es also als falsch an, dass da 5*4 steht. Etwas, was von vielen Pädagog*innen auch vehement verteidigt wurde. Denn es sei ja wichtig, dass die Kinder die Struktur der Multiplikation verstehen würden. Und das ginge ja nur, wenn sie den Zusammenhang zwischen den vier Händen und den fünf Fingern in genau der Reihenfolge schreiben würden. Und hier möchte ich jetzt, hoffentlich unemotional – es geht ja um Mathematik, die weltgewordene Logik – widersprechen. Ich halte das „f“ hinter der Multiplikation für kontraproduktiv und mir zeigt das nur, dass das Lehrende einiges nicht verstanden hat – nicht unbedingt über Mathematik, aber auch.

Erstens sagt der Mathematiker in mir: Das „F“ ist furchtbar, weil es falsch ist. Ich kann nicht an eine richtige Rechnung dran schreiben, dass sie falsch ist. Hierzu kommt der Pädagoge, der sagt: Na ja, so richtig sinnvoll ist das ja nicht, dass man einem Kind einprägt, dass 5*4 nicht 20 ist. Aber schön, dass wir drüber geredet haben. Ein Häkchen und trotzdem die Korrektur über der Aufgabe wäre in jedem Fall die bessere Wahl gewesen.

Zweitens zeigt die Addition, dass das Kind die Aufgabe exakt richtig verstanden hat. Es sind vier Fünfen, die da addiert werden, oder? Das Kind hat also verstanden: Vier Hände, fünf Finger. Warum hat es denn jetzt trotzdem die Zahlen andersherum multipliziert? Da kann es sehr viele Gründe für geben. Zum Beispiel, dass es einen einfachen Zahlendreher gemacht hat, aus dem gleichen Grund, aus dem manche Menschen 57 schreiben, wenn sie 75 meinen. Aber viel wahrscheinlicher finde ich, dass es hier zuerst nach der Ausprägung geschaut hat: Aha, da sind fünf Finger, und die an vier Händen. Also 5*4. Das kann nicht sein? Haha, doch! Wir rechnen nämlich alle anders. Und das auch noch je nach Tagesform. Die Idee, dass wir Gruppen von je fünf Fingern erkennen und diese mit vier multiplizieren, mag naheliegend sein. Aber je nach mathematischer Entwicklung kommen Menschen auf sehr verschiedene Weise auf Lösungen. (Hier sind vielleicht nur aus einer Bequemlichkeit vier linke Hände abgebildet, aber vielleicht auch – und der Gedanke wäre nicht übel – weil bei abwechselnden linken und rechten Händen garantiert ein kleiner Prozentsatz der Kinder auf die Multiplikation 2*10 käme, und vielleicht auch auf 10*2. Aber die wären natürlich auch beide richtig.)

Drittens haben wir ein ganz grundsätzliches Problem, wenn Didaktik nur auf Konformismus abzielt und nicht auf Verständnis. Wie oben ausgeführt, das Kind hat offensichtlich verstanden, was es verstehen soll, die zweite Zeile zeigt das. (Auch wenn eine zweite Zeile 4+4+4+4+4 kein „f“ verdienen würde. Ja, es mag weit hergeholt wirken, aber ja, es gibt Gehirne, die bei dem Bild der vier Hände andersherum zählen: Vier Daumen, vier Zeigefinger usw. Diese Kinder dafür bestrafen, dass sie auf ihre Weise richtig rechnen wäre auch sinnfrei.) Das „f“ hier hat also nur einen Sinn, nämlich Konformismus zu erzwingen. Und das ist in gewisser Weise verständlich. Denn natürlich ist es für alle Lehrenden einfacher, wenn die Lernenden brav das tun, was man ihnen sagt. Aber bei Bildung geht es nicht um die Bequemlichkeit der Lehrenden, sondern darum, den Lernenden grundlegende Fähigkeiten nahezubringen. Altmodisch hätte man Ertüchtigung gesagt, aber das Wort hat seltsame Konnotationen. Bildung für die Lernenden ermöglichen? Und Konformismus darf nice ein Bildungsziel sein, in keinem Fach, und in der Mathematik ist das auch noch fachimmanent.

Denn viertens gibt es ein paar wichtige Dinge in der Mathematik, die mit dem „f“ nicht vereinbar sind. Mathematik ist kein Einstudieren von regelhaften Abläufen, sondern kreatives Problemlösen. Das wusstet ihr nicht? Nun, daran erkennt ihr, wie schlecht euer Matheunterricht war. Und es gibt einen Grundsatz in der Mathematik, dass jeder nachvollziehbare und allgemein richtige Lösungsweg, der zu einem richtigen Ergebnis führt, mit jedem anderen solchen gleichwertig ist. Für die unter euch, die sich an die Mathematik der Mittelstufe zurückerinnern wollen: Habe ich in einem rechtwinkligen Dreieck eine Seite und einen zusätzlichen Winkel gegeben, sagen wir a und α (mit dem rechten Winkel bei C), dann kann ich mir aussuchen, ob ich zuerst mit dem Tangens b oder mit dem Sinus c ausrechnen will, vielleicht will ich auch lieber erst mit dem Innenwinkelsummensatz ß ausrechnen und dann c über den Cosinus von ß. Und habe ich zwei Seiten, will ich dann noch mal trigonometrisch vorgehen, oder nutze ich einfach den Pythagoras für die dritte Seite? Es ist schlicht egal, womit ich löse. Das interessiert niemanden, so lange meine Methode immer anwendbar ist. (Sonst könnte glückliches Raten auch eine Methode sein, ich möchte das nicht propagieren) Viele Schüler sind heute an der Stelle leicht überlastet, wenn es um die Trigonometrie geht. Sie kommen kaum gedanklich damit klar, dass es diverse Wege zum gleichen Ziel gibt. Die Vorstellung, dass es später in der Vektorrechnung unendliche viele Möglichkeiten gibt, die gleiche Gerade durch Vektoren darzustellen sprengt ihnen dann glatt das Hirn. Warum? Weil sie von klein auf gelernt haben, dass es nur einen Weg gibt. Dass Mathematik etwas konformistisches ist.

Und hier merkt man, dass eine sicherlich gut gemeinte Didaktik, die darauf aus ist, den Lernenden die Strukturen der Grundrechenarten begreifbar zu machen, eher dazu führt, dass den eigentlich lernbegierigen jungen Köpfen durch Konformismus die Mathematik verleidet wird. Das gehört zu den Auswüchsen der Didaktik, die den Lernenden alles vereinfachen will. Vereinfachung ist aber kein Vorteil. Gehe ich ins Fitnessstudio und stelle alle Geräte auf zehn Prozent der Gewichte, mit denen ich sonst trainiere, werden die Trainingseffekte nicht nur gering sein, ich werde auch wenig Spaß am Training haben.

Von der Eigenverantwortung

Ja, ein Hohelied der Eigenverantwortung ich singen will! Was ist sie für ein wunderbares Werkzeug dabei, Kindern dabei zu helfen, mit der Welt klar zu kommen. Kleine Kinder fordern das ein: „Ich will selbst!“ Und das ist wirklich wichtig. Gebt Kindern mehr Verantwortung für sich selbst, vertraut ihnen und kommuniziert dieses Vertrauen auch – bitte nicht per Kontrollanrufen a la „Ich wollte dir nur sagen, wie sehr ich dir vertraue, mein Kind!“ Kinder durchschauen den Bluff.

Aber was den meisten Eltern vermutlich klar ist, es gibt Grenzen der Selbstverantwortung und man sollte sie in kleinen Schritten einüben. Natürlich könnte man einem Kind das gesamte Taschengeld eines Jahres in die Hand drücken und ihm sagen: „Bitte, dein Taschengeld, heute in einem Jahr gibt es das nächste.“ Und es gäbe, je nachdem wie gut das eingeübt ist, schon Zwölfjährige, die damit umgehen könnten. Aber die meisten Sechzehnjährigen hätten noch Schwierigkeiten – ja verdammt, es könnte für viele Erwachsene ein echtes Problem sein, wenn sie auf solche Art ihr Einkommen bekämen. Gebe ich einer unvorbereiteten Achtjährigen ihr Jahrestaschengeld, mache ich damit ziemlich sicher nur einen Ramsch- oder Süßigkeitenhändler sehr glücklich und das Kind sehr unglücklich.

Die Grenze der Eigenverantwortung ist nämlich da, wo das Kind selbst überschauen kann, was es tut. Sag einem Sechsjährigen, das mit dem eigenen Meerschweinchen geht in Ordnung, wenn er sich drum kümmert, so ist jedes „Ja klar!“ ziemlich wertlos. Der Sechsjährige schaut halt nicht weiter als bis nächsten Samstag. Der Samstag in anderthalb Jahren, an dem das Vieh immer noch was zu fressen braucht und neue Streu, der existiert einfach nicht.

Also kurz und gut: Eigenverantwortung ist überall da gut, wo ein Mensch überschauen kann, was es bewirkt.

Aber es gibt auch Dinge, bei denen Eigenverantwortung nicht wirklich funktioniert. Das sind meistens Dinge, bei denen es um Konsequenzen geht, die man nicht selbst zu tragen hat. Oder Dinge, deren Probleme sie nicht aus eigener Anschauung verstehen können.

In den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es aus heutiger Sicht unfassbar viele Verkehrstote. Mehr als das fünffache der heutigen Zahlen. Das hat ganz sicher mit der Technik zu tun. Kein Sicherheitsgurt, von Airbags ganz zu schweigen, passive Sicherheit war noch nicht so richtig erfunden. Daneben wurden aber Geschwindigkeitsbegrenzungen innerorts erst 1957, die außerorts Anfang der 70er eingeführt. Die Gurtpflicht Anfang der 80er.

Das hat alles sehr viel geholfen. Und warum? Weil Menschen für Risiken blind sind. Und weil sie die Risiken des Autofahrens meistens erst verstehen, wenn es zu spät ist, weil schon etwas passiert ist. Selbst gefährliche Situationen geben so lange sogar den Reiz ab, so lange man jedes Mal unbeschadet überlebt. Fragt mal Extremsportler.

Letztere gefährden sich aber hauptsächlich selbst, und da kommt die zweite Komponente ins Spiel. Geschwindigkeit musste gedrosselt werden, weil meistens nicht nur der Raser stirbt. Übrigens sind über dreitausend Tote in einem durchschnittlichen Jahr immer noch ein Grund, über die Sicherheit im Straßenverkehr nachzudenken. Und vermutlich gäbe es jedes Jahr eine signifikant niedrigere Zahl von Verkehrstoten, wenn man die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen auf 120 Stundenkilometer beschränken würde. Aber ich schweife ab.

Es gibt Dinge, da macht Eigenverantwortung schlicht keinen Sinn. Wenn das Kind einen giftigen Pilz in der Hand hat und da reinbeißen will, sag ich nicht: „Lass das mal, das ist keine gute Idee, aber letztlich ist es deine eigene Verantwortung!“ Stattdessen verhindere ich, notfalls auch mit Zwang, dass es happa happa macht.

Und politisch ist es die gleiche Geschichte. sprechen wir kurz über den Dickhäuter, der den Raum einnimmt:

In einer Pandemie funktioniert Eigenverantwortung nicht. Erstens, weil es wissenschaftsferne Menschen gibt, die Yotube und Telegram glauben, aber niemandem, der Ahnung hat. Auch diese Menschen haben ein Recht darauf, dass man ihr Leben rettet. Selbst wenn sie mit dem Giftpilz da stehen und happa happa machen wollen. Die muss man auch dazu zwingen, eine Maske zu tragen, sich impfen zu lassen und auf Partys zu verzichten. Zu ihrem Schutz und zum Schutz der Gesellschaft.

Zweitens gibt es Menschen, und da gehören sehr viele von uns zu, die die Gefahren nicht überschauen können. Seien wir ehrlich, wie gut verstehen wir die Ansteckungswege? Wie oft denken wir, wir hätten die Masken richtig aufgesetzt, uns an alles gehalten und Hygieneprofis machen uns die Augen auf? Und wie sehr verstehen wir die Wahrscheinlichkeitsrechnung und das exponentielle Wachstum der Chance der Ansteckung mit jedem Kontakt mehr den wir haben? (letzteres kann ich gerne erklären) – Wir sind also fast alle absolute Laien. Wir können es nicht wirklich selbst verstehen. Und deswegen braucht es Experten, die uns sagen, was wir machen müssen, und eine Politik, die das klar und manchmal auch schmerzhaft durchsetzt.

Und drittens gibt es die Menschen, denen andere schlicht egal sind. Zum Beispiel jeder Unternehmer, der seine Mitarbeitenden in Werkshallen und Büros zusammen kommen lässt, dabei keine Luftfilter verbaut hat, nicht auf Maskenpflicht pocht und Tests verweigert. Und natürlich Homeoffice nicht ermöglicht, wenn es eigentlich geht. Ach ja, das gleiche gilt für Verantwortliche für Schulen und Kitas. Aber das Wort Politikversagen ist ja für diese Menschen wie geschaffen.

Eigenverantwortung ist toll, funktioniert aber bei einer Pandemie nicht. Und auch wenn ich manchmal denke – jo, da gibt es wieder einen großen Ausbruch in einer fanatischen Sekte, sind ja selbst schuld – dann reflektiere ich das kurz und hau mir selbst auf die Finger. Denn auch dort gibt es Kinder und Abhängige, die nicht einfach gehen können und die nicht selbst schuld sind, sondern geschützt werden müssen. Und ganz nebenbei, diese Menschen können offenbar nicht rational mit der Situation umgehen.

Ein anderer Punkt, an dem Eigenverantwortung keinen Sinn macht, ist alles, was mit Umwelt und Klima zu tun hat. Hier ein kurzer Blick in die Geschichte.

Ich wohne in einem prinzipiell waldreichen Gebiet, man bekommt hier sehr lebendig mit, wie wenig Eigenverantwortung funktioniert. Hier in der Gegend sah man noch vor zwanzig Jahren kaum Landschaft, weil alles mit hohen dunklen Fichten vollgestellt waren. Ich habe schon vor dreißig Jahren in der Schule gelenrt, dass Fichten hier eigentlich nicht hingehören, dass sie den Boden versauern, und für höhere Temperaturen nicht geeignet sind. Außerdem sind sie Flachwurzler und kippen in Stürmen schneller um. Ach ja, und schon in den 80er Jahren gab es große Probleme mit Borkenkäfern.

Seit über dreißig Jahren haben alle, die da was von verstanden, gesagt, wir müssen die Fichtenwälder so schnell wie möglich in Mischwälder umbauen. Seit spätestens vor ungefähr zwanzig Jahren wussten wir alle, dass sich das Klima erhitzt, und Fichten eine noch miesere Idee waren, als vorher.

In den 2010ern kamen dann Stürme, die riesige Schneisen in die hiesigen Fichten schlugen. Ganze Parzellen verwandelten sich in Mikadospiele. Kranke Bäume, die ein übler Orkan erwischt hat. Und natürlich wurden an vielen Stellen diese Parzellen wieder mit Fichten aufgeforstet. Weil man hat nicht lernt und Fichten den schnellsten Gewinn erwarten lassen.

Und dann kam vor gerade mal zwei Jahren der Borkenkäfer und heute gibt es keine nennenswerten Fichtenparzellen mehr. Das trockene Jahr 2018 und die nicht viel feuchteren Jahre 19 und 20 haben dazu geführt, dass die hiesigen Wälder – oder genauer Holzplantagen – verstorben sind. und das nicht nur so ein bisschen. wenn noch fünf Prozent der Fichten da sind, die hier vor fünf Jahren standen, dann würde mich das wundern. (Also noch da sind und noch Nadeln haben, es stehen eine Menge Skelette herum)

Die Waldbesitzer haben also dreißig Jahre lang nicht reagiert und sich nicht darum gekümmert, ihre Parzellen umzubauen. Sie haben sogar auf die Orkane noch vielfach völlig unsinnig reagiert. Das ist es, was bei Eigenverantwortung heraus kommt. Und wenn ich eh schon so eine lange Geschichte erzähle, kann ich nicht vergessen, dass ein Sprecher der hiesigen Waldbauern letztens in einem Brief an die Zeitung (oder einem Interview?) sich darüber echauffierte, dass es zwar Zuschüsse vom Staat fürs Aufforsten gäbe, die aber zurückgezahlt werden müssten, wenn man nicht die Bäume setzen würde, die der Staat vorgibt. Die Waldbauern haben viel Geld aufgrund ihrer völligen Untätigkeit verloren, aufgrund ihrer Unverantwortlichkeit. Und jetzt ist die Gesellschaft so freundlich, ihnen nicht den Grundbesitz zu enteignen, wie es aufgrund der Unverantwortlichkeit absolut sinnvoll wäre, sondern knüpft nur eine Bedingung an Hilfen, die die Waldbauern definitiv nicht verdient haben. Und dann heult man noch rum, weil man mit dem geschenkten Geld nicht machen kann, was man will.

Hier sieht man wunderbar, dass Eigenverantwortung immer dann völlig nutzlos ist, wo auf der anderen Seite die Gier steht. Wir brauchen übrigens alle ganz dringend mehr Wald. Jeder Baum, der gesetzt wird, ist jetzt wichtig. Das ist eine Mammutaufgabe, die wir keinesfalls den döseligen Waldbesitzern überlassen dürfen.

Klima schützen geht nicht mit Eigenverantwortung. Niemand sieht nämlich, was er mit seinem Verhalten anrichtet. Und das ist ein erster wichtiger Punkt. Zweitens geht es darum, was mit den Menschen der Zukunft ist. Und auch wenn ich vermute, dass die meisten Menschen ihren Kindern Enkeln und sonstigen Nachkommen prinzipiell das Beste wünschen, so sind Konsequenzen, die mich schon allein aus Altersgründen nicht betreffen, jetzt nicht so nah an meinem Leben. Und die Probleme werden natürlich zuerst in den eh schon armen Ländern größer sein, warum sollte man sie hier darum kümmern? Und ich kann allein doch eh nichts ändern mit meinem Verhalten, oder? Genau deswegen hilft Eigenverantwortung nichts, man macht allenfalls Menschen ein schlechtes Gewissen, weil sie kaum eine Chance haben, sich so zu verhalten, dass sie nicht zur Klimaerhitzung beitragen.

Die Menschen der dritten Kategorie, die Menschen, die den größten CO2-Abdruck haben und sich eh nicht um andere Menschen kümmern, kurz die Reichen, haben eh keinen Grund, ihren Verbrauch einzuschränken. Und ein Gewissen haben die auch nicht. Sonst wären sie ja nicht so reich.

Ja, es gibt auch in der Politik Bereiche, in denen Eigenverantwortung eine sinnvolle Sache ist. Eine Drogenpolitik zum Beispiel, die auf Information und Eigenverantwortung basiert, würde durchaus Sinn machen. Und eine empowernde Politik in Sachen Sexwork, die Sexworker*innen schützt und sie ihren Beruf eigenverantwortlich ausüben lässt, das klingt nach einer ganz guten Idee.

Aber Macht und Geld funktioniert nie eigenverantwortlich, da muss kontrolliert werden. Und in Eigenverantwortung zerstören wir die Lebensbereiche unserer Nachfahren, und in Eigenverantwortung bringen wir jede Menge Menschen um. Da braucht es keine Eigenverantwortung mehr, da braucht es verantwortliche Politik.

Das Problem mit den Talkshows

Seit locker fünf Jahren, vielleicht auch schon länger, sind die politischen Talkshows ein echtes Problem. Und nicht nur so ein kleines Ärgernis, oder so, sondern ein echtes Problem für unsere Demokratie. Sie sind gefährlich.

Prinzipiell sollte das anders sein. Journalismus sollte immer gefährlich für unfähige und korrupte Regierungen sein, aber nie für die Demokratie selbst. Aber gerade die Talkshows sind in Richtung Korruption und Unfähigkeit – wovon wir im Moment ja wirklich genug sehen – zahnlos, aber auf der anderen Seite demokratiegefährdend.

Das fing in meinem Empfinden damit an, dass 2015, als wir eine Humanitätskrise hatten, als wir ein paar Menschen aufnahmen, die in Not waren, plötzlich in jeder Sendung Rassisten und Faschisten von der AfD saßen. Deren Unsinn, deren Menschenfeindlichkeit und deren Demokratiefeindlichkeit wurden und werden bis heute wie ganz normale Meinungsäußerungen behandelt, von den journalistischen Kräften im Raum nicht eingeordnet und zurückgewiesen.

Als dann Corona kam, saßen plötzlich Menschen wie Kekulé und Streeck in den Talkshows und sorgten für eine Menge Desinformation und zeigten wiederum ein sehr problematisches, nämlich ein sozialdarwinistisches Menschenbild. Dass Mediziner:innen um jedes Leben kämpfen sollten, war und ist den Herren nicht bekannt. Sie halten eine Durchseuchung für okay und nehmen damit hunderttausende Tote in Kauf. Dass die aber alle noch gar nicht sterben wollen, das kommt schon gar nicht mehr vor.

Ja, es sitzen immer wieder auch Menschen in Talkshows, die auf dem Boden der Wissenschaft unterwegs sind. Keine Frage. Aber die müssen halt immer gegen so einen Dummschwätzer diskutieren, oder gegen Schlimmeres. Gegen irgendwelche Esos, Impfverweigerer und sonstige Schwurbler. Und genau da liegen die Probleme.

Die Talkshows haben da zwei Stück von. Das eine heißt „Kontroverse“, das andere „Hufeisentheorie“.

Was passiert, wenn man sämtliche journalistischen Grundsätze über Bord wirft, weil die einzige Währung Kontroverse ist? Man lädt Menschen so ein, dass man möglichst immer Kontroverse bekommt. Was ist denn einfacher, um zu Emotionen zu kommen, als wenn ich Menschen einlade, die anderen Menschen den Tod wünschen und dafür arbeiten? Und auf der anderen Seite Menschen habe, die davon betroffen sind, oder die ehrlich dagegen arbeiten? Menschen, die davon sprechen, dass sie Demokraten jagen wollen wie Herr Gauland, werden eingeladen. Oder wie Frau von Storch, die auf Geflüchtete schießen lassen wollte. Natürlich gibt das Kontroverse im Studio, falls auch nur ein Mensch dazu eingeladen wird, der nicht Vollfaschist ist.

Menschen, deren journalistischer Kompass noch funktioniert, würden sagen: Okay, die AfD hat wieder was faschistisches gesagt, und wir müssen da auch drüber reden: Gut dann laden wir Menschen ein, die das einordnen, die sagen, was man gegen die Faschisten machen kann und vor allem lassen wir Betroffene zu Wort kommen. Wen wir selbstverständlich nicht einladen, sind die Faschisten selbst. Das wäre überall auf der Welt die sinnvolle Art, damit umzugehen. In Deutschland ist das nicht nur sinnvoll, sondern aus Verantwortung alternativlos. (ja, es gibt gute Momente für das Wort. Allerdings nur für Menschen mit Prinzipien.)

Warum ist die Hufeisentheorie auch so ein Problem? Nun ja, dieses Konstrukt, dass davon ausgeht, dass auf den rechten und linken Seiten des politischen Spektrums ungefähr die gleichen Potentiale gibt, die Verfassung zu überwerfen, ist zwar wissenschaftlich nicht haltbar und vielfach zurückgewiesen, bestimmt aber immer noch das politische Weltbild.

(Linkes Denken hat ein kommunistisch-versponnenes Ideal zum Ziel, rechtes Denken Auschwitz – wer zum Fick kann diesen Hufeisenquatsch eigentlich ernsthaft vertreten? Hufeisentheorie ist immer NS-Verharmlosung – ich bin so müde …)

Ach ja, zum Thema zurück: die Hufeisentheorie zusammen mit dem Laissez-faire-Liberalismus führen dazu, dass die Redaktionen offenbar intellektuell gegen Demokratiefeindlichkeit, Wissenschaftsfeindlichkeit und Menschenfeindlichkeit absolut wehrlos sind. Progressiv denkende Menschen, die ein linkes Label haben, werden nur seltenst in Talkshows eingeladen, weil sie ja genauso schlimm wie Faschisten sind, die man ständig einlädt. Und wenn sie eingeladen werden, sitzt auf der anderen Seite halt eine geballte Ladung rechter Demagogen, Scheinjournalisten und Hetzer.

Und dieses Problem, dass die Redaktionen offenbar mit substanziell linken Positionen haben, führt nicht nur zu sehr wenigen Einladungen und zu oft sehr aggressiven Fragen – weil sogar ein Lanz glaubt, er müsse zum Journalisten mutieren, wenn da jemand mit linken Ideen sitzt – sondern auch dazu, dass Menschen aus den linken Parteien hochgejazzt werden, die möglichst wenig links sind. SPD-Mitglied und Hardcore-Rassist Sarrazin wurde so berühmt, Grünen-Rechtsausleger Palmer auch und die linksnationale und viel zu oft querfontlerischeWagenknecht wird auch viel häufiger eingeladen als Katja Kipping oder andere Linkenpolitiker:innen.

Ist das alles Absicht? Wollen die Redaktionen faschistische Ideen nach vorne bringen? Über Corona desinformieren?

Nicht direkt. Ich vermute, sie sind einerseits halt intellektuell wehrlos, haben Null Rückgrat und schon gar keine eigene politische Haltung. Und dann kommt der Wunsch nach Kontroverse hinzu. Der ist so wichtig, dass Schäden an der Demokratie und Desinformation einfach hingenommen werden. Weil Einschaltquoten wichtig sind, und Folgen egal.

Jeden Tag schreiben?

Gestern schrieb ein Twitteraccount mit guten Ratschlägen für Schreibende, dass nur die, die jeden Tag schreiben, Autor:innen sind. Und natürlich gab es Gegenwind, und den speziell auch von Menschen, denen man das Autor:in sein kaum absprechen kann – schließlich zeigen Veröffentlichungen diesen Status recht gut an. Daraufhin habe ich mir das für mich überlegt.

Wie ich auch schon mal auf diesem völlig vernachlässigten Blog erzählt habe, bin ich im letzten Jahr das Schreiben noch mal mit einer neuen Ernsthaftigkeit angegangen. Und ich bin produktiv, habe zweieinhalb Drehbücher und einen (zugegeben eher kurzen) Roman seit letztem Juni geschrieben. Das klingt mehr, als es in Wörtern ist, aber das wichtigste daran: ich habe drei Dinge beendet, vom neuen Drehbuch ist der Zerodraft, also eine Art Entwurf, auch schon fertig. Ich arbeite das gerade in Ruhe aus, jeden Tag kommt eine Szene hinzu, manchmal sogar zwei.

Bin ich Autor? Ähm, nun, ich habe keine offizielle Veröffentlichung seit Juni, Dinge, die ich früher mal bei Amazon selbst veröffentlich habe, halte ich auch nur für eher wenig aussagekräftig, aber trotzdem: Ja, ich bin Autor. Und dieses Selbstverständnis nehme ich mir erstens aus der Arroganz, zu der ich als männlich gelesener Mensch erzogen wurde – wieso sollte ich ernsthaft an meiner Wichtigkeit zweifeln, so bin ich nun mal sozialisiert – und die ich auch weiblich gelesenen Menschen anrate, wenn es um Kunst geht. Nennt euch Künstler:innen, Autor:innen, Musiker:innen, wenn ihr die Leidenschaft dafür habt. Zweifel sind da nicht angebracht! Und zweitens habe ich das Selbstverständnis, weil ich Dinge zu Ende geschrieben habe. Ich habe ein Drehbuch, dass von meiner Seite fertig ist, dass so gut ist, wie ich es alleine – und mit der Hilfe von sehr lieben Testleser:innen – hinbekomme, ein weiteres, von dem ich gerade langsam aber sicher einen Rewrite mache, weil es sehr verquast ist und halt der erste Versuch in einem neuen Betätigungsfeld, und einen Roman von knapp 60 Tausend Wörtern, der in einer virtuellen Schublade herumliegt und darauf wartet, dass ich ihn mal irgendwann lese und anfange, ihn zu überarbeiten.

Das alles hat gar nichts damit zu tun, dass ich jeden Tag schreibe. Ja, ich mach das. Ich habe seit letztem Juni an zwei Tagen nicht geschrieben. Ansonsten habe ich jeden Tag geschrieben. Nicht jeden Tag viel, es gibt Tage, da schreibe ich weniger, als dieser Blogpost an Wörtern zählen wird. Und es gibt keine Tage, wo ich ausgesprochen viel schreibe. Manche hauen an einem Tag 5K raus, und das über längere Zeiträume, gestern las ich von 50 K an drei Tagen. Heilige Scheiße, für meinen Roman von knapp 60 K habe ich etwas über zwei Monate gebraucht. Aber das ist ein ganz wichtiger Punkt: Jedes Schreibende muss sich selbst überlegen, wie die eigene Methode ist.

Melanie Raabe plädiert in ihrem Buch „Kreativität“ für Deadlines, die man sich selbst setzt. Funktioniert für mich nicht. Mag für andere super sein. Ich würde bei einer Deadline in einem Monat die nächsten drei Wochen nichts machen und dann in einer Woche sehr viel – und vermutlich würde es nicht ganz so gut sein, wie das, was ich in meinem Tempo schaffen kann. So funktioniert mein Hirn.

Ich plane zwar durchaus, was ich im nächsten Monat schaffen will, und das klappt manchmal und manchmal schieß ich auch kilometerweit dran vorbei. Aber ich weiß, dass ich weiterkommen werde, ich weiß das, weil ich weiß, dass ich brav weiterschreiben werde. An guten Tagen was mehr, an schlechten weniger. Aber ich werde schreiben. Ohne die Entscheidung, da eine Regelmäßigkeit aufzubauen, hätte ich im letzten Jahr hier und da mal ein bisschen was geschrieben. Vielleicht hätte mich sogar der Roman so überfallen, wie er mich überfallen hat, aber die Tage Anfang Dezember, als er fertig wurde, die waren wirklich schwer. Ich mochte nicht, dass am Ende nicht alles gut ausgeht. Und ich habe herausgezögert, das Ende zu schreiben. Aber ich schreibe halt jeden Tag und irgendwann gab es keine Ausreden mehr und dann wurde das Ding halt fertig.

Ich habe keinen Verlag und keine Agentur, die auf das wartet, was ich schreibe. Sollte ich den Punkt mal irgendwann erreichen, mag das alles noch mal anders sein. Ich befürchte, man muss seine Arbeitsweisen immer ein bisschen den Verhältnissen anpassen. Für mich passt Regelmäßigkeit im Moment super – ohne, dass ich eine klare Routine hätte, ich schreibe irgendwann am Tag, wo ich es halt einbauen kann. Für manche macht Regelmäßigkeit einen unangenehmen Druck, mir nimmt sie den Druck weg, weil ich ja weiß, dass ich schreibe und dadurch irgendwann auch fertig werde. (Abgesehen davon ist Durck ja sowohl etwas Gutes, wie auch der absolute Kreativitätskiller. Auch das ist eine Frage der Persönlichkeit. Ein bisschen druck mag ich, 50 K im November ist mir ein bisschen viel.)

Also wann darf ich mich Autor;in nennen? Wenn ich entscheide, dass mir das wichtig ist. Die Tatsache, dass man etwas zu Ende geschrieben hat, unterstützt das aber sehr schön. Wie man schreibt, wie der Prozess ist, das ist nicht wichtig. Wichtig ist das, was dabei herauskommt.

Plotter oder Pantser – von meinem Schreiben

Ein Grund, warum ich hier fast nie was in den Blog schreibe, ist, dass ich ernsthaft schreibe. Also, zum ersten Mal in meinem Leben, obwohl ich schon so viel geschrieben habe. Zum Beispiel in diesem Blog, oder für mehrere Zeitungen oder Theaterstücke, sogar Bücher habe ich geschrieben, aber halt nie zuvor ensthaft.

Ende letzten Jahres war es glaub ich, als eine Freundin sagte: wenn du Schriftsteller sein willst, dann musst du halt schreiben. Es als deinen ganz normalen Job ansehen und einfach schreiben. Und sie empfahl mir Anfang diesen Jahres, dies Jahr 2020, was wir alle verfluchen, ein Schreibforum. Weil man da andere Menschen trifft, die auch schreiben.

Ich meldete mich an und schrieb hochmotiviert an einigen Kurzgeschichten herum, fing sogar ein Projekt an, ein Jugendbuch, aber es klickte nicht so richtig. Dann stolperte ich aufgrund eines YT-Videos über „Save the Cat“ / „Rette die Katze“, einem Drehbuchratgeber. Wie es heißt, dem letzten Ratgeber, den man fürs Schreiben von Drehbüchern braucht. Da ging es um Strukturen und um Plot und ich dachte mir, ey, cool, probier es halt mal aus. Das passiert mir beim Lesen vonsolchen Schreibratgebern ständig, dass ich anfange zu schrieben, aber wenn das Buch dann zu Ende ist, ist es die Schreibwut dann auch. Oder genauer, war es dann auch. Denn dieses Mal ist alles ein bisschen anders gekommen.

Das erste ist ein gewisser Erweckungsmoment gewesen. Für jemanden, der mit einer gewissen mathematischen Begabung geschlagen ist, sind Regeln etwas sehr praktisches – und ich habe auch schon genug künstlerischen Kram gemacht, um zu wissen, dass es in der Kunst keine festen Regeln gibt, dass Regeln in der Kunst immer dafür da sind, dass man sie auch bricht, wenn man da genug Gründe für hat -, und Save the Cat gab mir Regeln, eine Struktur vor, die ich verstand. Ich sah das Schreiben plötzlich von einer ganz anderen Seite. Das war sehr wichtig.

Und der andere Fakt war das Schreibforum, in das ich jeden Tag hineinschrieb, ob ich gestern was geschrieben hatte und was ich am Tag schaffen wollte. Und das pushte mich unheimlich. Bald gab es auch noch eine Gruppe mit Writings-Buddys, die ich sehr hilfreich finde, und für die ich hoffentlich auch hier und da hilfreich bin. Ohne das Forum wäre nichts davon passiert.

Dann hatte ich mit dem Jugendbuchprojekt, dass ich mal angefangen hatte, genau das richtige Ding vor mir, mit dem ich alle Regeln aus Save the Cat anwenden konnte. Ich schrieb über den Sommer ein 180seitiges Drehbuch – also ungefähr ein Drehbuch für zwei Filme, jede Seite entspricht grob einer Minute im Film. Das war so ziemlich das längste, was ich in meinem Leben geschrieben habe. Ich habe dabei vieles, was ich unbedingt machen wollte, reingeschrieben, und vieles, was Save the Cat von mir verlangte und ich habe keine Ahnung, ob ich es schaffen werde, bei einer Überarbeitung da etwas herauszubekommen, dass man anderen zum Lesen geben kann. Aber wenn das nicht klappt, hey, Lehrgeld und so. Ich habe dabei geplottet. Habe einen Entwurf gemacht, der aus vielen Kärtchen auf einer virtuellen Tafel besteht, habe dann ein Treatment geschrieben, dass dem ganzen mehr Struktur gab und habe dann die Szenen ausgearbeitet.

Schon während ich die Szenen ausgearbeitet habe, schrieb ich den Entwurf für mein zweites Drehbuch. Ich nutzte einfach einen alten Stoff, das erste Theaterstück, dass ich je schrieb und nie aufführte und brachte das in die heutige Zeit – ja, so muss man das sagen, das ursprüngliche Stück war fünfzehn Jahre alt – und ich schrieb den Entwurf in sechzehn Tagen, arbeitete dann wiederum ein Treatment aus und schrieb dann das Stück, quatsch, den Film, also das Drehbuch für einen Film. Das ist nur unwesentlich zu lang – so 130 Seiten – und ich schrieb es von vorne nach hinten, während ich beim ersten Projekt stark gepuzzelt habe. Hier hatte ich die Struktur schon deutlich stärker verinnerlicht. Und das Schreiben war fast ein Spaziergang. Ich merkte schon hier, dass ich anders an den Entwurf heran ging. Ich schrieb die Dialoge zum größten Teil schon aus, nahm diese Dialoge dann bei der Ausarbeitung und schrieb sie neu. Oftmals nah an dem, was ich beim ersten Schreiben heruntergetippert hatte.

Und dann hing ich da. Ich hatte zwei drehbücher geschrieben, die lagen damit in der Schublade und da gehörten sie auch hin. Bald werde ich mich ans Überarbeiten geben, aber dafür waren sie noch nicht reif. Ich spielte mit zwei anderen Ideen herum, fand da auch einiges Schönes dran, aber keine richtige Begeisterung. Aber ich schrieb jeden Tag weiter. Es war inzwischen Oktober und ich hatte seit Juli jeden Monate so knapp 30K Wörter geschrieben. Unfassbare Zahlen für mein eigenes Gefühl. Ich habe mich einfach jeden Tag dran gesetzt. Das war nicht immer gut, das war auch manchmal ziemlich schlecht, aber ich habe jeden Tag geschrieben.

Und dann stolperte ich über eine alte Idee. Also, über eine erste Seite, über eine halbe Seite einer Szene und ein paar weitere Details, die ich festgelegt hatte. Eine Geschichte, die im Sommer 1981 spielt und ich hatte keine Ahnung mehr, was ich mir 2014 für eine Grundgeschichte dazu überlegt hatte. Ich hatte nur noch einen Ort im Sinn, der dabei in irgendeiner Weise eine Rolle spielte – und genau dieser Ort fiel als erstes raus. Inzwischen war ich ja in einer Writing-Buddy-Gruppe und ich zeigte den anderen diese alte Szene und sie fanden sie wirklich gut und waren gespannt, was daraus werden könnte. Und ich plottete nicht. Außer der alten Seite von 2014 gibt es bis heute keinerlei Notizen zu dem, was sich inzwischen als ein Roman entpuppt hat. Ich hatte gerade gelernt, wie das Leben so als Plotter ist, wie es so ist, erst einen Entwurf auf einer virtuellen Tafel zu verteilen und sich dann ans ausarbeiten zu machen – und dann schrieb ich einfach drauf los. Extreme Pantsing – (Pantser sind die Leute, die sich auf ihre vier Buchstaben – die vielleicht von Hosen, also Pants bedeckt sind – setzen und einfach machen.) Im Sommer war ich extrem zufrieden, als ich nach 180 Seiten endlich ein Fin schrieben konnte – aber das waren Drehbuchseiten, das waren in Worten gar nicht soo viele. Jetzt bin ich bei über 170 Normseiten und knapp 40 K Wörtern in einer einzigen Datei – weit über dem, was ich bisher je geschrieben habe. (das erste zu lange Drehbuch lag am Ende bei etwa 30K)

Ich fühle mich eigentlich wohler, wenn ich dramatisch schreibe. Ich habe immer das Gefühl, dass ich besonders gut Dialoge schreiben kann. Keine Ahnung, ob man mir da zustimmt, aber das ist ja immer schwierig. Und jetzt schreibe ich einfach einen Roman – als Ich-Erzähler, was vermutlich dazu führt, dass ich meistens dieses Gefühl von mündlicher Erzählung habe, das mir besser gefällt. Und ja, ich pantse und brauche gar keine Plot. Zum Teil, weil ich oft am Morgen noch keine große Ahnung habe, was ich am Tag so schrieben will, ich plane nicht sehr viel vor. Zum Anderen habe ich aber die Struktur aus Save the Cat inzwischen schon einigermaßen gut internalisiert. Wenn ich also gar nicht weiterkomme, dann hilft es, sich daran zu erinnern, wo ich ungefähr in der Struktur bin und plötzlich fließt es wieder.

Ich habe keine Ahnung, ob jemals jemand irgendwas davon veröffentlichen will, was ich da schreibe. Aber ich fasziniere mich selbst damit, dass ich es alles schreibe. Und ich verstehe langsam, dass ich die Struktur brauche, aber dass ich sie vor allem lernen musste. Und jetzt mit den Regeln immer besser spielen kann.