Iain Banks – Das Spiel Azad (1988) – Klassische Phantastik III

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Jernau Morat Gurgeh ist in der KULTUR, einem spektakulär hedonistischen Menschenreich – einem der größten der Galaxis – einer der selten gewordenen Stars. Einer der besten Spieler von hochkomplexen Spielen, der kaum noch Gegner findet, die ihm überhaupt Kopfschmerzen bereiten. Er braucht eine neue Herausforderung und zwei befreundete Roboter bringen ihn auf die Idee, ob vielleicht KONTAKT etwas für ihn hätte – das ist der interstellare Geheimdienst, den sich die Kultur leistet.

Gurgeh ist ein Exot. Als Mann geboren hat er noch nie die Umwandlung in eine Frau mitgemacht – etwas, was fast alle Bewohner mal irgendwann in ihren über zweihundertjährigen Leben tun. Auch hat er weder ein Kind gezeugt, noch eines geboren. Dafür hat er ein spektakuläres Haus entworfen, in dem er auf einem Orbital wohnt – die meisten Bewohner der Kultur leben entweder in Systemschiffen, die oft viele Millionen Individuen beherbergen, oder auf Orbitalen – künstlichen Landschaften aus Platten, die wunder schöne Natur auf der Oberseite und praktische schnelle Bahnverbindungen unter der Oberfläche ermöglichen.

Nun bekommt er von Kontakt ein Angebot. Er muss sein Heimatorbital für Jahre verlassen, denn er soll eine ganze Galaxis weiter zu einem besonderen Spiel antreten, dass dem feindlichen Imperium „Azad“ den Namen gibt. Hier ist das Spiel der Mittelpunkt einer Regierungsstruktur, der Kaiser ist immer der Sieger des letzten großen Spiels.

Gurgeh darf in diesem Spiel mitspielen, auch wenn ihm natürlich niemand irgendwelche Chancen zugesteht.

Ein Jahr lang versucht er das ungalublich komplexe Spiel zu begreifen, während er durch den Weltraum rast, gegen den Schiffscomputer spielt und von dem jungen Diplomatroboter genervt wird, der seine einzige Begleitung ist. Und dann kommt er in einer Gesellschaft an, in der Besitz alles ist, in der Regeln wichtig sind und in der die Verlierer keine Gnade zu erwarten haben. Und dort gewinnt Gurgeh die ersten Spiele und entdeckt eine Menge neuer Wahrheiten.

Das Spiel Azad ist der zweite Einzelroman aus dem Kultur-Zyklus – man munkelt, es wäre auch der beste. Für mich als durchaus begeisterten Spieler – leider kein guter Spieler, aber man kann nun mal nicht alles haben – ist dieses Buch schon als ich es mit 16 Jahren entdeckte, ein absolutes Faszinosum geworden und ich habe es damals mehrfach aus der Stadtbücherei ausgeliehen.

Iain Banks baut eine kaum abgewandelte Heldenreise in sein utopisches Kultur-Universum ein – wobei die Kultur zwar einigermaßen paradiesisch ist, aber durchaus auch nicht immer die freundlichste aller interstellaren Großmächte. Die Kultur hat sich von Kategorien wie Arm und Reich getrennt, Wesen arbeiten, wenn sie arbeiten wollen, manche fröhnen auch hemmungslosem Hedonismus. Geschlecht ist keine Konstante mehr, fast alle wechseln teilweise mehrfach die Geschlechter. Im Mittel zeugt man ein Kind und trägt eines aus, damit man alles mal gemacht hat. Die Körper der Menschen sind verbessert, können auf verschiedene Schwerkraft genauso reagieren, wie sie mit jedem Virus fertig werden. Kultur-Menschen werden nicht krank. Man hat übrigens auch genetisch eine Batterie an Drogendrüsen implementiert und kann jederzeit selbst einen Drogencocktail zusammen stellen – ach ja, warum nicht.

Vieles von dem, was traditionell in unserer Gesellschaft zu Problemen führt, gibt es in der Kultur nicht und das macht Banks‘ Universum ein sehr reizvolles. Aber keine Frage, auch eine solche Utopie – und ich bin mir sicher, für viele ist es eine Dystopie – hat ihre Schwierigkeiten. Wäre sonst ja auch schade, könnte man ja keine Romane drüber schreiben.

Das Besondere an dem Spiel Azad ist eben der dunkle Zwilling, das Imperium, dass einer Dystopie unserer Welt wirkt. Eine imperialistische Gesellschaft, rassistisch und bigott bis zum Ende. Hier ist Besitz alles, hier werden „Menschen“ – die Einwohner von Azad sind eher menschenähnlich – ausgepresst und misshandelt und wer die Terraner aus Star Trek Discovery kennt, kann sich dort ein ganz gutes Bild machen. Gurgeh wird von dieser Gesellschaft erst angezogen und dann abgestoßen und letztlich spielt er wirklich als Vertreter der Kultur und nutzt deren gesellschaftlichen Fortschritt in einem Spiel, dass bis hierhin eine konservative Gesellschaft gefestigt hat.

Banks hat hier übrigens eine dreigeschlechtliche Spezies geschaffen, Azad wird vom Mittelgeschlecht (Apex genannt) regiert, während Frauen nur Gebärmaschinen und Männer nur Kanonenfutter sind. Aber diese Konstruktion nutzt er nur halbherzig. Die Apices sind letztlich nur menschliche Männer mit einer biologischen Besonderheit. Tiefer in die Welt der drei Geschlechter schaut Banks nicht und vielleicht verschenkt er damit ein wenig Potential.

Ismen? Ja, es ist interessant. Einerseits scheint in der Kultur ja alles, was Geschlecht angeht, schon angenehmst entproblematisiert zu sein, andererseits spürt man dem Buch an, dass es nicht gerade aus einer aufgeklärten Gesellschaft kommt. Da kommt einfach unsere Sprache nicht mit – Banks erwähnt, dass es in der Sprache der Kultur keine männlichen oder weiblichen Pronomen gibt und dass diese Fakt schon zum Abbau von einigen Problemen geführt hat – die künstlichen Intelligenzen haben diese Sprache geschaffen, dnicht die Menschen. In dieser Hinsicht ist Banks dann nicht ganz so konsequent, aber auch sicher Kind seiner Zeit. Gurgeh ist männlich, die Roboter wirken männlich und werden männlich angesprochen und die Apices von Azad auch. Aber Banks zeigt auch anhand von Azad, was Rassismus, Sexismus und andere Marginalisierungen anrichten.

Ich glaube, es wurde oben schon mal klar, Das Spiel Azad ist immer noch einer meiner liebsten SF-Romane überhaupt. Leseempfehlung.

Gedanken zu „Das Erbe der Elfenmagierin“ von James A. Sullivan

Disclaimer: Ich schreibe hier im Blog insbesondere in letzter Zeit wieder öfter Rezensionen. In diesem Fall nicht. Ich wollte den Roman nicht mit der Brille eines Kritikers lesen, sondern eher aus der Sicht des Schreibenden. Erwartet also kein Urteil.

Fantasy, kennen wir, Chosen One, Heldenreise und so, Konflikt, Blut fließt, gezaubert wird auch, oh, und nicht vergessen, verschiedene Völker gibt es auch.

Das alles trifft auch Das Erbe der Elfenmagierin zu. Es gibt eine Reise, es gibt Rätsel, es gibt Kämpfe und Abenteuer, und trotzdem ist der Roman anders. Irgendwie netter. Wohlfühlfantasy.

Irgendwann habe ich gelernt: Nimm die Erwartung des Publikums und brich sie, oder erfülle sie über! Gut, da ging es um die Inszenierung von Theater, aber ich finde, das hat auch in Sachen Schreiben durchaus was für sich.

Und wenn darüber gesprochen wird, dass sich in der Phantastik mal ein paar Dinge ändern sollten, dann gehört da das Trope vom Chosen One zu, das irgendwie überkommen scheint. Und dann geht Sullivan hin und bastelt einfach einen Chosen One hoch fünf, nahezu biblisch, einen Fast-Messias aus einem in der Diaspora lebenden Elfenvolk. Eine Inkarnation einer berühmten Elfenmagierin – ja, daher kommt der Titel. Und der gute Ardoas wurde von klein auf darauf trainiert, Abenteuer gut überstehen zu können. Ein perfekter Kämpfer und Bogenschütze, nebenbei Heilzauberer, bei DnD mindestens Stufe zehn und kurz vorm Halbgott. Ich sag mal, das ist Übererfüllung.

Kann nicht funktionieren? Ach doch, auf der anderen Seite ist er halt noch nie aus dem Elfendorf raus gewesen, alle wollen, dass er auch bloß nie in die Außenwelt geht, weil seine früheren Inkarnationen halt immer irgendwie in der Ferne gestorben sind. Jetzt haben alle Angst um den armen Ardoas, und es braucht schon ein bisschen Hilfe von der rebellischen Tante, dass er doch auf Abenteuerfahrt geht – und er darf durchaus ein bisschen weltfremd durch die Städte der Menschen streifen.

Die Heldenreise erfordert eigentlich Schwellenwächter, die sich zumindest pro forma dem Helden entgegen stellen, aber Ardoas trifft überall, wo er hinkommt erst mal nur auf Freunde. Es gibt auch noch überall Erinnerungen an seine Schwester, die auch seine letzte Inkarnation war. Alle wollen ihm helfen – na ja, bis auf die komischen dunkelgewandeten Meuchler, die sich hier und da auf ihn stürzen – und eigentlich sollte das alles langweiliger sein, als es dann tatsächlich ist. Ist es die Tiefe, die fesselt? Die vielen Erwartungen, die nicht übererfüllt, sondern gebrochen werden? Ach, man kommt gar nicht immer am besten mit Gewalt und Härte voran? Man muss Feinde auch nicht immer gleich umbringen? Freundschaft und Solidarität funktionieren auch?

James A. Sullivan hat selbst das eine oder andere Mal gesagt, dass seine Beskadur-Bücher wholesome sein sollen, halt gemütlich, kuschelig. Und dabei gibt es Dinge, die bestimmt manche Menschen aufregen. Ardoas ist ein schwarzer Elf. Ja, und? Ja, er hat halt dunkle Haut. Ja? Und?

Auch gibt es zwei Polyküle, also polyarmore Gemeinschaften.Da gibt es auch Menschen bei, die nicht binär sind. Ja … und? Alles das gehört zu der Welt, alles das ist halt da, queere Elfen, queere Menschen, Wesen, die gemischte Abstammung haben. Nun gut, ich hätte mich gewundert, wenn mich irgendwas davon provoziert hätte, aber ich hatte auch das Gefühl, dass niemand sonst davon provoziert werden könnte, weil das so natürlich wächst und alles so zusammengehört.

Dazwischen geschoben: Das mit der Hautfarbe finde ich besonders spannend. Wie beispielsweise N.K. Jemisin benutzt Sullivan nie eine „schwarz“-Markierung, ja, Ardoas hat dunkle Haut, wie sein Vater … war es sein Vater? (der Nachteil des Hörbuchs, man kann nicht einfach nachblättern). Aber wenn mir niemand sagt, der ist schwarz, dann werde ich seine Hautfarbe viel weniger wahrnehmen, als das vermutlich ein Mensch tut, der selbst eine dunkle Hautfarbe hat. Ich war aber auch überrascht, als mir jemand sagte, dass alle Figuren bei Jemisin schwarz sind. Hatte mir ja vorher niemand gesagt.

Natürlich werden Menschen, die Angst vor Diversität haben, herumheulen, dass viel zu viele Wesen auf dem Weg nach Beskadur queer sind, zu viel Wert auf Marginalisierungen gelegt werden – es gibt sogar eine wichtige Figur, die ständig Angst hat … in einem Fantasyroman! Aber das geht doch nicht, Herr Sullivan! Okay, es geht wohl doch, hab das Hörbuch ja gerade gehört.

Auf Ardoas‘ Weg gibt es übrigens ein Motiv von Tolkien, allerdings andersherum genutzt. Wer den Herrn der Ringe kennt, der weiß um Samweis‘ Faszination für die Elben. Eine solche Faszination gibt es in weiten Kreise der menschlichen und nicht ganz so menschlichen Gesellschaften, durch die Ardoas und seine Freunde ziehen. Kaum zeigt Ardoas seine spitzen Öhrchen, schon gibt es Menschen und Hornträger, die total fasziniert sind, begeistert, dass sie wirklich mal einen echten Elfen sehen. Und bräuchte es diese Begeisterung nicht öfter mal? Wollten wir nicht alle mal mit Samweis zusammen Elben sehen? Auch gerne queere und schwarze Elfen?

Anne McCaffrey – Die Welt der Drachen (1968) – Klassische Phantastik

Disclaimer: Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Lessa ist eigentlich eine Ruatha, sollte eigentlich die Baronin sein, aber der räuberische Emporkömmling Fax hält ihre Burg wie auch sechs andere. Ein Verbrechen gegen die Traditionen, denn auf Pern darf eigentlich je ein Baron, eine Baronin nur eine Burg halten und muss dafür sorgen, dass dort kein Grünzeug wächst. So sagen es die Traditionen.

Alles ändert sich, als eine Suche beginnt. Die Drachenreiter des Weyr Benden, des einzigen Weyrs, der noch bewohnt ist, suchen nach einer Partnerin für die bald schlüpfende Drachenkönigin.

Bronzereiter F’ler kommt mit seinem Geschwader und auf seinem Bronzedrachen Mnementh nach Ruatha und er entdeckt Lessa – und sie schafft es, Fax so zu provozieren, dass F’ler sich mit ihm duellieren muss – und der Drachenreiter siegt. Aber Lessa bekommt Ruatha nicht. Sie muss mit nach Benden und wird dort die neue Weyrherrin, denn Ramoth schlüpft und bindet sich an Lessa, es gibt eine neue goldene Drachenkönigin.

Das wird aber auch Zeit, denn der rote Wanderer ist zurück. Ein Himmelskörper, der nahe an Pern vorbei zieht und mörderische Sporen aussendet. Und nur Drachen können Pern vor den Sporen retten. Aber nur ein Weyr ist zu wenig. Lessa und F’ler müssen sich etwas einfallen lassen.

Also, eigentlich klingt alles an dieser Geschichte nach Fantasy, oder? Eine feudale Gesellschaft, Drachenreiter – aber auf der anderen Seite, wo ist die Magie und warum wissen die Menschen von Pern, dass sie auf einem Planeten leben und das ein anderer Himmelskörper für die Sporen verantwortlich ist? Da muss es doch mal großes Wissen gegeben haben. Andererseits, eine Gesellschaft, die über einigermaßen intelligente fliegende Reittiere von Elefantengröße verfügen, die auch durch das Dazwischen reisen können – was quasi einer Teleportation gleich kommt – kann sich den Planeten ja durchaus aus großer Höhe anschauen.

Aber ganz im Vertrauen, eigentlich ist der Pern-Zyklus Science Fiction, denn die Menschen von Pern sind die Nachkommen einer vergessenen Kolonisierung. Ist jetzt ein kleiner Spoiler, aber andererseits, das hier vorgestellte Buch ist über fünfzig Jahre alt.

Der Roman ist dementsprechend auch einigermaßen altmodisch erzählt. Anne McCaffrey lässt in einzelnen Szenen, die oft weite Zeitsprünge zwischen sich haben, stärker die Ereignisse Revue passieren, als dass sie uns wirklich an die Figuren bindet. Trotzdem sind die Hauptfiguren Lessa und F’ler schon interessante und sympathische Charaktere. Aber der Grund, warum man dieses Buch liest, ist der Weltenbau, der eine große Tiefe hat. Ein kompliziertes Gesellschaftssystem. Ein Überbau an Traditionen, Lehrgesängen und ein starkes Spannungsfeld zwischen Figuren, die mit Traditionen brechen und denen, die sie bewahren – und auf beiden Seiten gibt es Unsympathen und Held*innen. Usurpator Fax bricht mit den Traditionen und ist auf jeden Fall ein Arschloch, der ursprüngliche Weyrherr R’gul ist auch nicht besonders sympathisch, hält aber wenn möglich an allen Traditionen fest.

Der Roman besteht aus ursprünglich zwei längeren Erzählungen und das ist auch spürbar. Die zwei Geschichten sind in insgesamt vier Teile unterteils, der zweite endet damit, dass Lessas Königin Ramoth zum Paarungsflug abhebt und F’lers Drache Mnementh sie einholt und für den vielfarbigen Nachwuchs sorgt – wodurch F’ler Weyrherr wird. Ja, das ist eine recht zufällige Form der Qualifikation. Der zweite Teil handelt dann davon, wie der rote Wanderer näher kommt und die Drachen zum ersten Mal nach knapp fünfhundert Jahren wieder in den Einsatz müssen.

Wie sieht es hier mit Gleichberechtigung … ach, das ist wirklich schwer. Immerhin schafft der Roman so knapp den Bechdeltest, aber das ist bei einer weiblichen Hauptfigur ja machbar. Aber außer der goldenen Königin verbinden sich Drachen nur mit Kerlen, normalerweise fliegen Weyrherrinnen noch nicht mal – Lessa natürlich schon und das gegen den Willen von R’gul – und die Gilden, die auch einen Stellenwert haben, bestehen eigentlich auch nur aus Kerlen. Na ja, und Beziehungen gibt es natürlich auch nur hetero – tja.

Der Pern-Zyklus besteht wie die meisten Zyklen dieser Zeit aus Einzelromanen, die in der gleichen Welt spielen aber unterschiedliche Protagonist*innen haben. Die Welt der Drachen ist bei weitem nicht der stärkste dieser Romane, sondern der Erstling, der uns in diese Welt katapultiert, die gut ausgedacht und gezeichnet ist. Die symbiotische und telepathische Verbindung zwischen Drachen und ihren Reiter*innen hat Christopher Paolini sehr hübsch für Eragon kopiert – allerdings eher aus einem der späteren Romane. Der Pern-Zyklus ist heute leider einigermaßen vergessen, war aber einflussreich und ist gehört zu den modernen Klassikern der Phantastik.

Sterling E. Lanier – Hieros Reise (1973) – Klassische Phantastik I

Ich lese gerade Dinge, die ich mal irgendwann vor vielen – zu vielen – Jahren gelesen habe. Wenn man sonst so von klassischer Phantastik spricht, wird meistens auf J.R.R. Tolkien und früheres verwiesen. Vielleicht E. A. Poe und H.P. Lovecraft, vielleicht Mary Shelley oder Bram Stoker und nicht zu vergessen Jules Verne. Meine Güte, hatten früher viele Menschen Abkürzungen statt Vornamen.

Für mich gibt es da noch eine andere Form von klassischer Phantastik. Nämlich alles, was zwischen 1960 und 1990 so geschrieben wurde. Dinge die heute natürlich vielfach vergessen sind, mit denen aber die Schreibenden, von denen wir heute oft lernen, stark beeinflusst wurden. Woher kommen diese Einflüsse? Wer setzte dieses oder jenes Klischee als erstes ein? Und wie ordnen sich diese Bücher heute in die Geschichte ein? Sind sie heute noch lesbar? Und vor welchen Ismen muss ich mich in Acht nehmen? (Spoiler, es sind eine Menge!)

Die Erde fünftausend Jahre nach dem heißen Tod aka Drittem Weltkrieg. Per Hiero Desteen ist Vollkämpfer und Priester der Universalkirche der Ottwah-Liga in Kanda aus der Republik Metz und ist von seinem Abt auf eine Queste geschickt worden. Zusammen mit seinem treuen Reittier Klootz – einem vier Meter hohen Ellk-Stier – und bald auch dem jungen Abgesandten einer intelligenten Bärenrasse namens Gorm kämpft er gegen die unheimlichen Unreinen mit ihren Verbündeten, den Lemut – eine Verballhornung von lethale Mutationen.

Das ist zwar eigentlich SF – mehr Post von der Apokalypse geht ja kaum – ist aber die abgedrehteste Fantasy, die man sich damals vorstellen konnte. Das Buch ist von 1973. Jede Menge wildester Mutationen, eine Menge davon von unfassbarer Größe – bärgroße Frösche, hausgroße Schwäne und vieles mehr – dazu noch Psi-Kräfte und eine Geschichte, die gar nicht so weit weg von James Bond ist. Schließlich ist Hiero in geheimer Mission unterwegs und ja, hin und wieder muss er auch Gewalt anwenden.

Dafür ist er von einer Heldenreise – trotz der Reise – recht weit weg. Als wir ihn treffen, ist er schon unterwegs und ganz nebenbei ist er auch fast ein Superheld. Geschulter Kämpfer, hervorragend seine Geisteskräfte nutzend und darin sogar ziemlich erfinderisch – ihm gelingt schon das meiste, was er sich vornimmt – andererseits schafft er es trotzdem, sich so weit in Schwierigektien zu bringen, dass es sogar an einer Stelle einen kleinen Gott aus der Maschine braucht, dass Hiero gut aus einer Klemme wieder herauskommt.

Also ist es gar nicht so richtig spannend? Nun, es gibt sicher viele Bücher mit einem besseren, clevereren Plot. Aber kaum eines mit so viel Phantasie. Natürlich basiert das alles auf den Horrorfilmen der Sechziger, in dem ständig irgendein Tier mutierte und dadurch zur Gefahr wurde – Lanier treibt es viel wilder, lässt schrecklich und gefährliche Mutationen nicht aus, spielt aber auch mit grandiosen Wundern der Natur, die eben auch durch die Mutationen ins Spiel der Welt gekommen sind. Wir sind ja auch fünftausend Jahre weiter, da kann ja auch viel passieren.

Lanier war in einigen Bereichen durchaus fortschrittlich. Hiero kommt aus einer Republik, das Zölibat ist lange abgeschafft, die Metz sind Nachkommen von sogenannten „Mestiken“ und die einzigen Weißen, die im Buch vorkommen, gehören zu einem Stamm von barbarischen Wilden.

Love Interest Lucare kommt dafür aus einem neofeudalistischen Kleinstaat, in dem etwas rückständige Christen in Harmonie mit den „Davids“ und den „Mumanen“ leben – und alle Einwohner sind schwarz.

Wichtig sind auch die „Elfer“, eine Art ökologischer Bruderschaft, die das elfte Gebot, nämlich die Erde und allem Leben auf ihr zu dienen, mit großer Konsequenz durchsetzen wollen.

Aber das alles ist ziemlich heteronormativ und sehr männlich. Es gibt quasi nur eine weibliche Figur und die ist der Love Interest. Der Bechdeltest geht hier richtig schief. Selbst die tierischen Begleiter sind alles Kerle.

Hieros Reise ist übrigens der erste Band einer Duologie, die als Trilogie geplant war. Es hatte mal eine gewisse Prominenz – schade eigentlich, dass es damals niemanden gab, der das Buch hätte verfilmen können und heute kennt es kaum noch jemand. Ich würde ja gerne mal sehen, wie ein Ellk durch eine Horde von bösartigen intelligenten Froschwesen pflügt.

West Side Story – Spielberg zeigt, wie es geht

What a ride! Okay, West Side Story ist – sorry an alle anderen Komponisten – musikalisch die absolute Veredelung des Genres Musical, im Musiktheater allenfalls noch von Carmen oder Don Giovanni eingefangen. Schlicht, eines der besten Stücke Musiktheater, die es je gegeben hat. Und dann kommt Steven Spielberg daher, ohne Zweifel einer der großen Regisseur*innen der letzten fünfzig Jahre, und macht zum ersten Mal Musiktheater in einer Verfilmung und sucht sich das Meisterwerk heraus – von dem es auch schon eine meisterliche Verfilmung gab, die freaking zehn Oscars abgeräumt hat, in Worten ZEHN, was den originalen Film von 1961 zu einem derhöchstbepreisten Filmen aller Zeiten macht. Wie viel Chuzpe muss man haben, sich da an einer neuen Verfilmung zu versuchen. Andererseits, wenn Spielberg nicht machen kann, was er will, wer dann?

Jetzt kenn ich das Stück einigermaßen … also, nein, ich kenne es in und auswendig, habe es mehrfach auf der Bühne gesehen, kenne den alten Film natürlich, habe vermutlich vier bis sechs verschiedene Aufnahmen auf CD und selbst mal auf einem Konzert die Hymne „Maria“ gesungen. Und dann war die erste Rezension, die ich auf YouTube sah, gar nicht mal überschwänglich. Und ich habe mit mir gerungen. Natürlich wollte ich den Film sehen, aber andererseits, wenn die Verfilmung nichts Neues gebracht hätte, den Stoff nicht getroffen hätte, oder gar die Gesangsleistungen mies gewesen wären, wie sehr hätte es mir das Herz gebrochen?

Auf Twitter bekam ich einen Tritt, dass ich das sehen müsse. Nun, dann habe ich das mal getan. Und ich war begeistert.

Ich halte mich nicht mit einer Inhaltsangabe auf, wer dieses Musical nicht kennt, soll halt die Bildungslücke aufholen. Und wer keine Musicals mag, ja, dann lies das hier halt nicht! Okay, wo fangen wir an?

Damit, dass das Viertel abgerissen werden soll, in dem Jets und Sharks sich so gern prügeln. Wir fangen mit Abrissbirnen an. Und warum ist das so großartig? Weil es den Konflikt zwischen den Jugendlichen noch mal anders unterfüttert. Weil es mehr Politik in die Geschichte bringt, weil das alles weniger beliebig klingt. Und weil es so eine tolle Idee ist, dass die Jets nicht nur wunderschön durch die Häuserschluchten tanzen, sondern mit einem Farbangriff ein Wandgemälde zerstören, dass den Sharks wichtig ist. Auch ein klares Signal: Die Jets sind die Aggressoren – ja, das wissen wir eigentlich schon aus der Musik heraus, aber das kommt bei den Inszenierungen oft gar nicht so genau raus. Schon in dieser ersten Sequenz bekommt die Geschichte viel mehr Tiefe. Hier und in so vielen anderen Momenten bleibt zu konstatieren: Spielberg nimmt das gute, ja teilweise grandiose Ausgangsmaterial und bringt es noch mal auf einen neuen Level.

Und diese Jets um ihren Anführer Riff – großartig Mike Faist! – sind etwas, was im Original auch nicht so richtig heraus kommt: Harte Jungs. Wirklich harte Jungs. Denen steht das Nasenbluten, dass sie sich holen, wenn sie sich mit den Sharks prügeln. Denen glaubt man jederzeit, dass sie auch anderen die Knochen brechen, wenn ihnen das was bringt. Und trotzdem – ja, es ist wirklich ein Musical für die Freunde des Musicals! – brechen sie in Tanz aus und so gut sie tanzen, so elegant sie sich drehen, sie haben immer das animalische und brutale in ihren Bewegungen. Tanz in einem Musicalfilm, und zwar der böse Tanz, der, bei dem Menschen einfach auf der Straßen anfangen zu tanzen, weil halt aus einer unsichtbaren Quelle diese großartige Musik spielt, so ziemlich das künstlichste, was es gibt – und die Übergänge sind so natürlich und es hat einen verrückten Hauch von Realität. Was ich sagen will: Es funktioniert! Es wirkt nie ironisch, oh ja, das ist überhaupt so eine besondere Qualität. Spielberg hat es einfach nicht mehr nötig, auch nur irgendwo dieser feigen Ironie zu fröhnen.

Das bedeutet Melodrama? Nein, aber der Film kratzt hier und da dran. Maria – Rachel Zegler, unfassbar süß und doch kraftvoll und was für eine Sängerin und so hübsch und verdammt, ich bin verliebt – und Tony – Ansel Elgort mit seinem schiefen Lächeln, mit diesem Blick, von dem man nie so ganz weiß, auf welchem Planeten der gerade lebt, und ja, der den Gesang auch wirklich ordentlich hinbekommt – dürfen sich so richtig ineinander verlieben. Wie magisch ist ihr erster Tanz denn bitte? Es gibt die volle Ladung Gefühle, also mit dem deutlich überladenen Vierzigtonner, und wer sich nicht auf Gefühle einlassen möchte oder wer einfach keine hat, sollte es halt lassen.

Ach ja, der Gesang, nur kurz: West Side Story ist dafür geschrieben, von Schauspieler*innen gesungen zu werden. Und selbst wenn man sich prinzipiell in Konzerten gerne daran erfreuen kann, wenn ein Tenor bei „Maria“ diesen unfassbar hohen Ton raushaut, der nicht in den ursprünglichen Noten steht (den da!), der hätte hier nicht hingehört. Was es hier an Gesang gibt, ist gut, musikalisch einwandfrei, aber es ist weder klassisch ausgebildet, noch das typische Belting des Musicals. Stimmen, die mit Reinhard Mey gesprochen, so klingen, als ob da jemand singt. Das ist nicht besonders aufregend, aber auch keine musikalischen Trainwrecks, wie die teilweise bei Cats und Les Miserables zu hören waren, hier muss sich kein Orchester den Singenden anpassen. Es ist völlig unprätentiös einfach gut gesungen.

Nee, das reicht noch nicht. Rita Moreno. Vor einer guten Woche neunzig Jahre alt geworden. War einst die Anita im Klassiker von 1961 – in diesem Film wird Anita von Ariana DeBose gespielt, und die ist auch eine Wucht! – und wie genial, spielt in der Neuauflage Valentina, die puertoricanische Witwe des Doc, der üblicherweise den Laden führt, in dem Tony arbeitet. Ihre Präsens zeigt den jüngeren Darstellenden, wo man so einen Hammer denn herholen kann und sie, die einst einen „Gringo“ heiratete, ist natürlich auch wieder ein Punkt, der die Geschichte wieder so einen bis drei Schritte tiefer macht. Also noch mal: Rita Moreno.

So, jetzt ein kurzer Rundumschlag: Die Ballszene ist quasi die aus dem alten Film, da kannst du ja auch nicht viel besser machen – und dann zaubert Spielberg das erste Aufeinandertreffen von Maria und Tony und es ist zerbrechlich und magisch! „Cool“ als rasante Kampfsequenz! „America“ fängt in der Wohnung von Anita und Maria an und wird zu einer riesigen Ensemblenummer, bei der die Straße zum Schauplatz wird und ein paar Kinder superniedlich die Choreo mittanzen – hier wird wirklich an allen Strippen gezogen. „One Hand, One Heart“ kriegt mich ja immer, es sind so viele gute Melodien, aber dieses schlichte Stückchen Musik verzaubert einfach – und wie clever, das hier in einer zum Museum gemachten Kirche spielen zu lassen. „I feel pretty“ im Warenhaus, in dem Maria putzt mit der ganzen Gegenüberstellung von der weißen Warenhauswelt und den puertoricanischen Arbeiterinnen – so deutlich , aber ohne Zeigefinger. Wir wissen, dass fast alles schon verloren ist, aber Maria darf noch mal glücklich sein und ihr Glück teilen. Und noch ein kleines Highlight: „Gee Officer Krupke“ passiert wirklich im Büro des gerade entnervt herausgelaufenen Officers. So viel stärker, als wenn es nur die Straße wäre.

Ach, und was für eine wunderbare Idee ist es, Anybodys als Rolle größer zu machen? Im Original ist das eine burschikose junge Frau, die auch ein Jet sein will – hier wird die Rolle von Iris Menas gespielt, und they ist selbst nonbinary. Damit bekommt die Rolle viel mehr Ernsthaftigkeit. Natürlich ist es in den 50ern erst recht schwierig für Menschen, die trans sind. Und diese Rolle darf heute einfach nicht mehr comic relief sein, weil auch hier einfach mehr Tiefe möglich ist. Ja, das ist ein Muster.

Und jetzt ganz ohne irgendwas zu spoilern – wenn man ein über sechzig Jahre altes Musical wirklich spoilern kann – muss ich noch etwas zum Schluss sagen. Ich habe oben schon gesagt, wie gut ich das Stück kenne. Und keine Frage, ich liebe das Musical und wer das bisher nicht gemerkt hat, muss das mit dem sinnentnehmenden Lesen noch mal üben. Aber was für mich noch nie funktioniert hat, ist der Schluss. Ja, das große tragische Ende, jada jada jada. Hat mich noch nie wirklich gepackt. Und dann saß ich im Kino und hatte einen Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Und ich wusste exakt, was kommen musste. Und dann kommt Spielberg halt trotzdem daher und packt ganz tief und drückt zu. Er weiß halt genau, was er tut, und in Sachen Gefühle gibt es vielleicht niemanden, der das wirklich noch besser kann.

Ja, muss ich noch mal sehen und nochmal und so …