G20 – Wieviel ist inszeniert, welche Bilder sind gewünscht?

Seit anderthalb Tagen gibt es Bilder aus Hamburg, die um die Welt gehen. Das waren zuerst vor allem Bilder von einer enthemmten Polizei, von der übereinstimmend wirklich alle Medien sagten, dass alle Gewalt von ihr ausging. Dann gestern brennende Autos, geplünderte Supermärkte und Polizisten mit automatischen Gewehren. Die ersten Kommentatoren sprachen von Bürgerkrieg und relativierten damit alles, was in Syrien vor sich geht, und alles ist nun sauer auf die „linken Chaoten“. Es funktioniert also alles so, wie die Polizeitaktik es ganz offenbar wollte.
Die Indizien sind ja eigentlich eindeutig. Die Demo „Welcome to hell“ vom Donnerstagabend wurde mit fast keinen Auflagen genehmigt, und schon vorher sagten viele, dass es dafür nur einen Grund geben konnte, diese Demo sollte niemals losmarschieren. So kam es auch. Man konnte lesen, dass sich die Organisatoren mit der Polizei abgesprochen hatte, dass Sonnenbrillen und Mützen erlaubt seien, nur die Mundpartie nicht verhüllt werden dürfe, alles wegen des Vermummungsverbotes, das seit Mitte der 80er das Grundrecht der Versammlungsfreiheit stark relativiert. Der überwiegende Teil der Demonstranten legte nun also Schals und Tücher ab, und ohne jede Verhältnismäßigkeit zu wahren, ging die Polizei trotzdem in den Nahkampf. Das Vermummungsverbot ist nichts anderes als ein Feigenblatt, mit der von staatlicher Seite jegliche Eskalationsstrategie begründet werden kann.
Nun hat man also die friedliche Demonstration der Menschen, von denen man weiß, dass sie durchaus auch unfriedlichen Demonstrationen nicht abgeneigt sind, mit brutaler Gewalt auseinandergetrieben. Mit Wasserwerfern, mit chemischen Kampfstoffen, mit Schlagstöcken – und ich weiß nicht wie viele Videos ich gesehen habe, wo Polizisten auf wehrlose, unbewaffnete Menschen einschlagen, die ihre Hände zum Zeichen der Gewaltlosigkeit erhoben haben, es waren auf jeden Fall einige. Die Gewalt der Polizei, unprovoziert und nicht zu rechtfertigen, erzeugte Gegengewalt. Natürlich waren die, die nicht nur am Demonstrieren gehindert worden waren, sondern auch noch oftmals verletzt und mit gereizten Atemwegen geschlagen, nun wütend. Das entschuldigt nichts, was dann passierte, war aber folgerichtig und sicherlich auch von der Einsatzleitung so zumindest einkalkuliert.
Die brennenden Autos sind ein Zeichen, aber nicht für eine völlig enthemmte Demonstrantenschar, sondern dafür, dass die Polizei Bilder wollte. Die Menschen aus dem schwarzen Block, die aus ganz Europa angereist waren, um zu demonstrieren und damit gegen das System zu kämpfen, sind für eine gewisse Gewaltaffinität bekannt und obwohl man ihnen nicht erlaubt hatte, auch nur fünf Meter weit friedlich demonstrierend zu ziehen, war es offenbar für die Polizei völlig in Ordnung, sie randalieren und Autos anzünden zu lassen. Über Stunden waren da Menschen unterwegs, die Spaß daran hatten, Sachen anzuzünden und zu zerstören, und die Polizei, die mit vielen tausend Einsatzkräften in der Stadt ist, interessierte sich dafür offenbar einen Scheiß – naja, entweder das, oder das muss der hoffnungslos inkompetenteste Haufen der Polizeigeschichte sein.

Hier hat ein Hamburger Gamingyoutuber ein Video gemacht, in dem man sieht, wie der Straßenverkehr Slalom durch brennende Autos fährt. Da ist kein gefährlicher schwarzer Block in der Nähe, da würde niemand Einsatzkräfte daran hindern, die Brände schlicht zu löschen – aber nichts passiert. Das Bild ist offenbar zu gut, um es zu beseitigen. Die Gefahr für den Straßenverkehr? Aber es brennt doch gerade so schön …
Die Wirkung ist kalkulierbar und natürlich werden am Anfang nächster Woche die ewiggestrigen Politiker noch mehr Einschnitte in die Grundrechte fordern. Heute gab es schon Forderungen, autonome Zentren wie die Rote Flora zu schließen. Dort wurden übrigens gestern verletzte Demonstranten behandelt, davon gab es ja genug. Versuche, das Grundrecht auf Versammlungs- und Demonstrationsrecht weiter zu kastrieren, werden kommen, Menschen-und Bürgerrechte sind nach brennenden Autos immer in Gefahr. Diese Angriffe gegen Sachen – so doof sie sind – werden jetzt schon vielfach höher gehängt, als die tausendfachen Angriffe auf die Gesundheit friedlicher Demonstranten in den letzten beiden Tagen durch die Polizei. Und irgendwas sagt in meinem Hinterkopf immer noch, dass Sachschäden weniger schwer wiegen, als verletzte Menschen. Aber schlimmer noch, die brennenden Autos werden medial mehr ausgeschlachtet werden, als NSU-Morde und brennende Heime für Geflüchtete. Weil es schon immer so war.
Von daher ist zumindest bisher, die politische Strategie der Polizei voll aufgegangen. Ich hoffe, das heute noch bessere Bilder die Proteste gegen G20 in ein vernünftiges Licht rücken.

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Verbot heißer Höschen?

Bin eben über ein Interview in der Zeit gestolpert (hier). Habe mich geärgert, und zwar hart geärgert. Weil da wieder so ein Erziehungsexperte spricht, der ganz offenbar absolut antiemanzipatorisch denkt.

Also, worum geht es? Da werden spezielle Kleidungsstücke verboten, und es sind natürlich nur knappe Höschen und tiefe Ausschnitte für Mädchen und junge Frauen. Ich bezweifel hart, dass irgendwer problematisiert, wenn an Tagen wie dem heutigen bei 32 Grad im Schatten Jungen und junge Männer oben Ohne im Unterricht sitzen. Aber es sind Ausschnitte und Hotpants, über die nicht nur gesprochen wird, sondern die gleich verboten werden. Von evangelikalen Privatschulen kennt man sowas – nun gut, dass eine solche Schule eigentlich in einem säkularen Staat nicht geduldet werden dürfte, sollte eh klar sein -, auf öffentlichen Schulen ist das eigentlich seit einigen Jahrzehnten nicht mehr üblich.

Aber es geht ja hier nicht nur um einen Rückschritt, hier kann mensch doch wirklich mal kurz darüber sinnieren, was solche Verbote ausdrücken, und was sie anrichten. Die Aussage ist eindeutig. Der weibliche Körper ist anders als der männliche, unbedingt zu verhüllen, zumindest einige Teile, weil der Anblick dieser Teile beim anderen Geschlecht dazu führt, dass man abgelenkt ist, wahrscheinlich werden auch Blutstau und feuchte Tagträume befürchtet – und natürlich könnte es sein, dass sich irgendwelche männlichen Wesen nicht beherrschen können.  Kurz, ein solches Verbot ist nichts anderes als ein klarer Beweis für die vorhandene Rape Culture.

Was richten solche Verbote an? Natürlich verstärken sie schon ohne tatsächliche Anwendung das Slutshaming – Mädchen, die gerne ein bisschen mehr frische Luft haben, werden problematisiert, weibliche Körper werden problematisiert. Ich finde ja, das Problem sind die Kerle, die ihre Augen oder gar ihre Hände nicht bei sich halten können. Wird das Verbot dann wirklich angewendet, dann muss die Lehrerschaft entweder Schülerinnen dazu zwingen, mehr anzuziehen – was peinlich ist und auch ein Temperaturproblem darstellen kann – oder sie müssen sie nach Hause schicken – und das ist nicht nur peinlich, sondern auch kompliziert wegen Versicherung und so weiter, und es fährt kein Schulbus und Eltern müssen ihre Kinder abholen, sind aber eigentlich arbeiten, welche Freude. Schülerinnen werden gebrandmarkt und bloßgestellt – also lieber Herr Experte, ich könnte das aus pädagogischer Sicht nicht unterstützen, ich halte das für alle Lernenden schlecht, und wenn es sich dann noch auf ein Geschlecht konzentriert, dann ist es sogar noch sexistische Diskriminierung.

Aber was ist denn jetzt mit den großartigen Argumenten für das Verbot: Mitschüler werden abgelenkt, und männliche Lehrer auch. Zum Ersten: In der Pubertät werden alle Lernenden ständig abgelenkt. Das ist ja auch der Grund, warum Beschulung in der Mittelstufe oft eh schon relativ sinnlos ist. Und da machen dann auch ein paar Zentimeter mehr oder weniger Stoff nicht viel aus. Allerdings wird durch das Verbot die Sexualisierung von Mädchenkörpern natürlich gesteigert – will sagen, so ein Verbot betont noch mal, wie spannend es zum Beispiel ist, wenn männchen ein bisschen Slip oder einen BH-Träger zu sehen bekommt. Wenn man die Ablenkung minimieren wollte, würde man die Schüler einfach von frühester Jugend an ein paar Mal im Jahr ins FKK schicken, dann wäre das alles gar nicht mehr so spannend und man könnte mit deutlich weniger Ablenkung unterrichten. Zum Zweiten: Oh, ich bin gerade jetzt, wo es so warm ist, quasi täglich damit konfrontiert. Ich weiß also, wie ich mich als männlicher heterosexueller Lehrer fühle, wenn ich in Dekolletés oder auf knappe Höschen blicke. Und ja, manchmal sieht man, egal ob man das will oder nicht, Dinge, die eine erotische Wirkung haben – denn keine Professionalität der Welt macht jemanden zu einem nichtsexuellen Wesen -, und wo ist jetzt das Problem? Dann habe ich halt gerade was Anregendes gesehen, und? Jetzt kommen Professionalität und Anstand ins Spiel. Die Professionalität, die Beruf und Freizeit trennt, und der Anstand, der auch sonst meinen Trieb so weit beherrscht, dass ich nicht im Park über Frauen herfalle. Kurz, es ist nicht schlimm, dass Lernende sexuelle Wesen sind und das auch Lehrende sexuelle Wesen sind, es ist eine Tatsache und jeder muss einen Weg finden, damit umzugehen – das schaffen eigentlich auch alle. Ist nicht so schwer. Braucht es keine Verbote für. Die machen es nur schwerer.

Jetzt heißt es im Interview, dass Schülerinnen vor sich selbst geschützt werden sollen. Richtig, das Argument muss natürlich auch noch kommen. Es sagt, dass Kinder und Jugendliche ja so unmündig und dumm sind, dass sie keine eigenen Entscheidungen treffen dürfen und sie brauchen ja immer unseren Schutz. Einen Scheiß brauchen die! Ja, es gibt diese Momente, in denen sich Pubertiere seltsam anziehen, sich Frisuren machen, die spektakulär hässlich sind und sich zu bunt anmalen. Deswegen sind sie ja Pubertiere. Die lernen daran. Das ist normal. Und richtig, es gibt im Leben von einigen Zwölfjährigen den Tag, an dem das neue Top doch luftiger ist, als gedacht und frau sich den ganzen Tag unwohl fühlt, weil sie darauf achten muss, dass ihr keiner von der Seite auf die Nippel sehen kann. Auch aus diesem Tag lernt frau, so vermute ich – auch wenn es sicherlich besser wäre, wenn weibliche Nippel die gleiche Beachtung und Aufregung verursachen würden, wie männliche Nippel, also keine. Junge Menschen lernen aus Fehlern, und auch wenn es für die Erziehenden und Lehrenden viel praktischer wäre, wenn sie sich nicht mit den Fehlern der jungen Menschen auseinandersetzen müssten, es geht hier nicht um Bequemlichkeit.

PS Lieber Herr Dehnert, es gibt einen großen Unterschied zwischen Nazi-Shirts und einem tiefen Ausschnitt, sowas sollte man nicht der billigen Provokation wegen gleichsetzen.

Zehn Dinge, die eine linke Partei sagen müsste, damit wir sie ernst nehmen können

  1. Wir koalieren nicht mit Konservativen, Neoliberalen und schon gar nicht mit Faschisten.
  2. Links ist die Zukunft. Wir fragen neue Fragen und beantworten sie nicht mit alten Antworten. Die Gesellschaft verändert sich, und nur mit linker Politik verändert sie sich zum Guten.
  3. Jeder Mensch braucht ein Einkommen, von dem sich leben lässt. Die menschenverachtende Praxis von Hartz 4 und Agenda 2010 muss abgeschafft werden.
  4. Der Kapitalismus hat gezeigt, dass er außer Destruktion nicht viele Talente hat. Selbstverständlich diskutieren wir, wie das momentane Wirtschaftssystem reformiert und letztlich überwunden werden kann.
  5. Links ist international. Wir wollen bessere Politik nicht nur für das Land, in dem wir leben, sondern für die ganze Welt.
  6. Wenn das Klima für nachfolgende Generationen noch lebenswert und überlebbar sein soll, dann müssen wir jetzt radikal umschwenken. Da darf es keine Kompromisse und keine Rücksicht geben.
  7. Wir müssen aufhören, Kinder und Jugendliche zu braven Konsumenten auszubilden, wir brauchen große Investitionen in eine echte Bildung, in der nicht Geschwindigkeit und Scheinkompetenz zählt, sondern die Fähigkeit zu kritischem und kreativen Denken, damit sie mit den Fehlern unserer Generationen erfolgreich umgehen können.
  8. Von uns geht Frieden aus. Bewaffnete Einsätze der Bundeswehr müssen die absolute Ausnahme sein, humanitäre Einsätze ohne Waffen sind unsere Pflicht. Nur wenn wieder ein Auschwitz oder Treblinka zu verhindern ist, müssen Waffen sprechen. Ansonsten darf die Bundeswehr nur Verteidigungsarmee sein.
  9. Vielfalt ist unsere Stärke. Woher ein Mensch stammt, sagt nichts über ihn aus. Wir treten dem Hass entgegen, wir treten der Angst entgegen, beteiligen uns nicht an Abschiebungen und Schikanen gegen Menschen, die bei uns Hilfe suchen. Wir wollen den Asylparagrafen im Grundgesetz wieder so umfassend gültig machen, wie er einst war.
  10. Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber allen, die unsere Vorfahren so barbarisch verfolgten und ermordeten. Egal ob Juden, ob Sinti oder Roma, wenn wir als deutsche Gesellschaft etwas tun können, damit die Nachfahren derer, an denen unsere Vorfahren so schreckliche Verbrechen begangen, heute weniger Leid erfahren, dann ist das unsere Pflicht.

Antwort auf: Süßes Gift

Bin quasi beim Aufstehen über diesen Artikel gestolpert: http://www.sueddeutsche.de/politik/aussenansicht-suesses-gift-1.3367355 Ich habe ihn gelesen und verstanden und konnte deshalb nicht anders, als mich aufregen. Es werden drei Punkte gegen das BGE aufgezählt, und ich möchte kurz über diese Punkte sprechen:

  1. Das Grundeinkommen wird die Gesellschaft weiter spalten und soziale Mobilität verhindern.

Das ist auf gleichen mehreren Ebenen Mist. Wir reden hier von einem Einkommen, dass Menschen, die in die H4-Falle geraten sind, so deutlich besser stellen würde, dass sie zumindest in kleinem Rahmen wieder an der Gesellschaft teilhaben könnten. Wie sollte das die Gesellschaft weiter spalten. Kann irgendwas die Gesellschaft mehr spalten, als die momentanen Gesetze, die Menschen zu niedergedrückten Bittstellern bei den Tafeln machen?

Soziale Mobilität, das ist die Möglichkeit, zwischen sozialen Schichten hin und her zu wechseln. In einer Hinsicht hat die Autorin natürlich Recht, das BGE würde verhindern, dass Menschen in die Schicht der totalen Armut rutschen. Aber sie versteht unter sozialer Mobilität nur den Aufstieg, denn in der Sicht vieler Wirtschaftswissenschaftler kommt sowas wie sozialer Abstieg doch allenfalls als Schreckgespenst am Rande vor. Das BGE soll nun also sozialen Aufstieg gerade von Menschen an den sozialen Rändern verhindern. Weil es süßes Gift ist und den Menschen das Interesse an Arbeit nimmt. Ich vermute, dass die Autorin noch nie mit dem Geld auskommen musste, das die Befürworter des BGE als solches vorsehen. Denn sonst wüsste sie, dass man weder mit 1000 noch mit 1200 Euro – die Summen, die sie im Text nennt – große Sprünge machen kann. Auch ohne jedes „Arbeitsethos“ werden die allermeisten Menschen im BGE kein süßes Gift sehen, keine Hängematte, von der so gerne gesprochen wird, sondern viel mehr ein Sprungtuch, dass sie rettet, wenn ihre sonstigen Aktivitäten schief gehen.

Der eigentliche Skandal in der Argumentation des Artikels ist, dass es natürlich die Armen und die Migranten sind, die kein Interesse mehr daran haben werden zu arbeiten. Wenn es heute Menschen gibt – und natürlich gibt es die – die als Jugendliche keine andere Zukunft sehen, als ALG 2, dann liegt das daran, dass unser katastrophales Bildungssystem diesen Jugendlichen keine Chance lässt – etwas, was fast jedes andere Schulsystem auf der Welt besser macht. Und natürlich sind es Migranten, die ja nur hier hinkommen, damit sie nicht mehr arbeiten brauchen, oder was? Was für eine rassistische Scheiße. Ich habe zufällig in den letzten Wochen Kontakt mit zwei jungen Migrantinnen gehabt – wer nach „deutschem Fleiß“ sucht, der kann sie bei diesen Jugendlichen finden. Eine davon, Kind albanischer Eltern, die als Geflüchtete nach Deutschland kam, will Jura studieren und lässt sich auch nicht davon abhalten, dass ihr ein Schuljahr von einer rassistischen Lehrerin geklaut wurde – und natürlich hat sie keine Dienstaufsichtsbeschwerde gestartet, natürlich erträgt sie den ganzen Scheiß und arbeitet daran, es dieser Lehrerin mit einem guten Abi zu zeigen. Zeigt mir doch bitte mal die deutschen Jugendlichen, die genauso arbeiten?

Gibt es auch Migranten, die ein BGE ausnutzen würden? Klar. Wie überall sonst auch. Sind doch Menschen, nicht besser und nicht schlechter als alle anderen. Als wissenschaftliche Direktorin eines wirtschaftswissenschaftlichen Instituts wird die Autorin ja sicher einige Menschen kennen, die vor sich hin privatieren und keinerlei positiven Beitrag zur Gesellschaft bringen, gibt ja genug reiche Erben.

2. Dem BGE fehlt die gesellschaftliche Legitimation.

Eigentlich müsste man hier gar nicht antworten, da die Autorin nur relativ inhaltsleer vor sich hin schwurbelt und ihre Argumente nicht klar abgrenzt, sondern sie ineinander diffundieren lässt, zu einem Brei, der nach „Wollen die Menschen eh nicht, weil wir ihnen schon lange genug eingeredet haben, dass Umverteilung doof ist“ klingt. Aber ich versuche doch mal, was aus dem Brei herauszudestillieren:

Die Autorin postuliert, dass „wahrscheinlich“ die Mitte das BGE finanzieren muss, was nicht gerecht sein kann. Hm, niemand, den ich kenne, käme auf die Idee, nicht bei den höchsten vermögen zuerst nach der Finanzierung zu schauen. Die Reichen und speziell die Superreichen kommen ihrer Verantwortung seit Jahrzehnten nicht mehr nach. Wer wäre also prädestinierter? Die Frage, warum etwas anderes „wahrscheinlich“er ist, beantwortet mir sicher auch niemand.

Darein wird Legitimierung über Gerechtigkeit gemischt. Nun, jetzt mag jedem anderes gerecht erscheinen, ich finde ein Anrecht auf ein sicheres Auskommen total gerecht, denn es würde ja jeder haben. Warum es ungerecht sein soll, ein solches Recht zu haben, weil man per Vermögen privilegiert ist, es nicht zu brauchen, erschließt sich mir auch nicht. Ich finde ja übrigens die Begründung für ein BGE in der liberalen Idee von der Befreiung von Geldherrschaft. So lange mich Menschen zu Dingen zwingen können, weil ich sonst kein Geld habe, kann ich ja kaum als frei gelten, oder? Und Freiheit findet ja sogar der scheidende Bundespastor toll.

Alles, was da mit „voraussichtlich“ und „wahrscheinlich“ begründet wird, ist eh nur Wirtschaftsesoterik. Da werden Thesen aufgestellt, die keinerlei sachliche Begründung haben, allenfalls ein vages „Ich kann mir das nicht anders denken“ – naja, und ich zum Beispiel kann es mir anders denken und mach das auch. Es ist natürlich naiv, wenn Menschen daran glauben, dass alle Probleme gelöst sind, wenn das BGE kommt, aber Gegenargumente aus düsteren Vorhersagen heraus stricken, ist ungefähr so seriös wie eine Wettervorhersage für den 5. April 2075.

3. Menschen integrieren sich nicht, wenn sie ein BGE haben

Es gibt ja Momente, in denen man so ein bisschen Hals bekommt, wie man in einigen westlichen Teilen dieses Landes so sagt. Hier wird der Artikel endgültig so barbarisch populistisch, dass er eigentlich keine Erwiderung verdient. Die Autorin meint, wir wären „eine rasch wachsende Einwanderungsgesellschaft“. Wo lebt sie? Von wem hat sie das Argument? Sarrazin? Faktencheck bitte! Wir sind kein rasch wachsendes Land, und ein Einwanderungsland auch nicht. Die Bevölkerung in Deutschland schrumpft schon ewig, und die paar Flüchtlinge, die viel zu viele Politiker am liebsten schnell wieder wegschicken wollen, können allenfalls ausgleichen, was in den letzten Jahrzehnten durch geringe Geburtenrate abgebaut wurde.

Und dann klappt Integration nur am Arbeitsplatz und da ja alle Migranten stinkefaul sind, werden die als erste aufhören zu arbeiten, wenn es BGE gibt. Also sagt die Autorin nur in etwas anderen Worten. Der ganze letzte Abschnitt ist Rassismus und AfD-Sprech pur. Und diese hübsch verpackte Ressentiment-Packung soll dann ein Diskussionsbeitrag rund um das BGE sein? Es ist dunkle Propaganda gegen das BGE, argumentativ sind das nur Ressentiments und ein bisschen Glaskugelguckerei. Das beste am Artikel ist, dass sein Name relativ deutlich sagt, wozu der Artikel geschrieben wurde. Um die Diskussion zu vergiften …

Ein Buchenwald

Es ist Oktober und es ist kalt, fünf Grad vielleicht. Als ich aus dem Auto steige, mich nach einigen Stunden Fahrt strecke, spüre ich schon, dass ein bisschen Kälte auch in mein Inneres strömt. Es ist die strenge Architektur der SS-Häuser. Aus welcher Zeit diese Häuser stammen, ist nicht zu übersehen.

Ich stehe vor der Gedenkstätte des KZ Buchenwald. ich schließe mich einer Gruppe an. Ein rüstiger Mittachtziger versammelt einige Besucher um sich, präsentiert Fakten, Dimensionen erstehen. Der alte Mann erzählt, dass er die Häftlinge als Kind selbst durch die Orte ziehen sah, ja, natürlich wusste jeder in Weimar bescheid. Wie hätten sie es übersehen können.

Die Struktur wird klarer. Ja, das meiste weiß ich, aber wissen ist nicht gleich wissen. Ich gehe den Weg, den sie rennen mussten. Sie, die vielen tausend Häftlinge, die hier eingesperrt wurden, und von denen so viele hier ihr Grab in den Lüften fanden. Mehr Tote als Einwohner in meiner Heimatstadt, zweimal, dreimal. Und wir reden nicht über die Züge, die von hier nach Auschwitz fuhren.Es ist so kalt.

Das Tor. Jedem das Seine. Jedem. Das. Seine. ich mache Fotos, die ich mir hinterher nicht mehr anschaue. Fotos, um mich abzulenken. Um irgendwie klar zu kommen. Und dann durchs Tor hindurch und dort stehen, wo sie standen, stundenlang im Appell, kaum bekleidet. Der Wind zieht hier brutal. Ich friere in meiner Winterjacke. Nordhang, wohl dem, der winddichte Kleidung hat. Also wohl mir. Wie lange hätte ich das ausgehalten? wie schnell wäre ich durch den Schornstein gegangen, der von hier aus schon zu sehen ist?

Momente des Gedenkens, ja, klar, irgendwie schon, aber mehr des Begreifens. Die Weimarer spazierten fünfzig Meter von hier vorbei, während hier Menschen verhungerten, erfroren, zu Tode gequält wurden. Ein Schornstein, der nie ohne Rauch war. Und was muss Lager samt Schornstein für einen Gestank über Weimar hinziehen lassen haben? Hätte ich noch irgendwelche Illusionen gehabt, hier würde ich sie verlieren. Der alte Herr schneidet sie mit seinen Fakten aus den Menschen heraus. Mein tief empfundener Dank!

Das Krematorium. Der Hof, den man von Bildern mit Leichenbergen kennt. Ich gehe darüber hin, ich gehe in das Gebäude und stehe vor einem solchen Foto. Vergrößert, eine ganze Wand. Das ist da, wo ich eben noch stand, Boden, über den ich eben ging. Mein Inneres gefriert. Dann Öfen, so viel deutsche Wertarbeit. Vielleicht wäre es gut, wenn man sich erbrechen könnte, seinem Abscheu Ausdruck geben. Die Treppe die in den Leichenkeller geht. Und ich stehe davor und ich will nicht mehr. Ich will nicht noch mehr spüren, begreifen, nachfühlen. Ich bleibe oben.

Die nachgebaute Ermordungsanlage dann, fast eine Wohltat, denn die ist nicht so echt. Und sie macht wieder mehr wütend, weniger fassungslos. Wie tiefgreifend böse. Wie zynisch. Und alle Worte reichen nie so ganz. Ein Text muss hier immer mager bleiben. Verdünnt.

Es dauert vier Monate, bis ich das hier in Worte fasse. Weil der 27. Januar ist. Weil die Befreiung von Auschwitz ein Moment ist, in dem ich mich dazu zwingen kann. wenigstens diese dürftigen Worte zu suchen. Die Kälte steckt noch in mir. Die Kälte und die kalte Wut.

Ich spüre keine Scham und keine Schuld, ich weiß, auf welcher Seite des Zauns ich gestanden hätte.

Ich spüre kalte Wut auf jeden, der den Buchenwald vergessen will, auf jeden, der seine jämmerliche Identität auf Blut und Abstammung gründet, auf jeden, der sein Leben wichtiger erachtet als das der Anderen.

Alerta!