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Quick – Begriffsklärung „Amoklauf“ vs. „Massaker“

In der Diskussion, die im Moment zwischen Waffenfreunden und Waffengegnern in der Piratenpartei läuft, gibt es immer wieder die Rückverweise auf die – ich sage es mal anders – Bluttaten von Erfurt und Winnenden. Und meiner Meinung nach sehr falsch wird da immer wieder von „Amokläufen“ gesprochen. Das hat sich eingebürgert, ist aber falsch, ja, ich finde das Wort sogar euphemistisch.
„Amok“ kommt aus dem Malaiischen, wie jeder weiß, und es bedeutet, dass jemand ausrastet und in höchster Erregung versucht, sehr viel Schaden anzurichten.
Die Taten von Erfurt und Winnenden waren genau das nicht. Es ist niemand in eine unglaubliche Wut geraten und hat wild um sich geschossen, die Täter, die sich beide selbst am Ende umbrachten, haben da ihren großen Abgang über lange Zeit geplant, haben sehr genau gewusst, was sie da vor hatten – und sie haben willentlich und absurd kaltblütig gemordet. Btw. Utoya war auch kein Amoklauf, das war ein rechter Terrorangriff, und es sagt viel über unsere Medien aus, dass er so nicht genannt wurde.
Jetzt könnte man sagen, gut, es gibt immer wieder Begriffsverschiebungen. Also ist Amoklauf inzwischen auch ein geplanter Mord an mehreren Menschen, am liebsten in Schulen. Aber das stimmt so dann auch nicht. Die Konnotation, das Mitgeklungene also, ist immer noch, dass da jemand ausrastet. Und ausrasten, naja, ich will nicht sagen, kann jeder mal, aber das Ausrasten an sich ist viel verständlicher, als ein geplanter Vielfachmord, oder?
Und genau deswegen ist Amoklauf ein Euphemismus, ein beschönigendes Wort an der falschen Stelle. Und wenn Menschen es richtig und in Ordnung finden, dass man privat eine Menge Waffen und Munition lagern kann, dann sehe ich es als problematisch an, wenn sie von vereinzelten Amokläufen sprechen. Speziell wenn es um die vereinzelten Amokläufe von Leuten geht, die aus Sportschützengründen ihre tödlichen Waffen hatten.
Nennen wir das Kind doch beim Namen, zwei Begriffe bieten sich an. Massaker, wenn man es schön bildlich haben will – schließlich kommt das Wort von einem französischen Wort für „Schlachthaus“, das trifft es ja schon ganz gut. Oder seien wir einfach ganz juristisch-nüchtern, es geht hier um „Massenmord“. Und beide Worte klingen irgendwie passender für einen kalt ausgeführten Mord an einer ganzen Reihe von Menschen.

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Quick – Keine Inkarnation des Bösen

Nein, Anders B. Breivik ist keine Inkarnation des Bösen, er ist auch nicht wahnsinnig – es mag sein, dass er ein Problem mit Gefühlen hat und anz sicher auch einen gewissen Narzissmus, aber ich glaube kaum, dass diese leichten psychischen Störungen bei ihm ausgeprägter sind, als bei Millionen anderen.

Breivik ist von seinem Weltbild getrieben, er ist nicht der erste und wird sicherlich auch nicht der letzte sein, der aufgeputscht von rechten Brandstiftern – die er ja auch in seinem Manifest nennt – zu ähnlichen Schlüssen gelangt ist und gelangen wird. Wenn er geistig krank ist, dann hat er die gleiche geistige Krankheit wie jeder islamistische Terrorist, denn da ist das Weltbild nur um Nuancen verschieden – gut, statt fundamental-christlich sind die halt fundamental-islamisch – das tut sich nichts.

Auch bei uns kann ein solcher Anschlag täglich passieren, auch bei uns kann jemand die Broders und Sarrazins, die Bildzeitung irgendwann ernst nehmen, und die Rüttgers und Kochs, die mit ausländerfeindlichen Parolen Wahlkampf machten. Auch bei uns kann jemand den Papst und Kardinal Meißner plötzlich ernst nehmen – wem auch immer es zu danken sei, normalerweise macht das ja keiner. Und wenn dann junge Christen, frisch evangelikalisiert und in Besitz der absoluten Wahrheit, beginnen, das Wort Gottes mit Molotowcocktails und Baseballschlägern, mit Bomben und Gewehren zu predigen, kann das genauso bei uns in Deutschland passieren, wie in Norwegen. Und dann kann man noch so oft von Einzeltätern sprechen oder die Mär vom Amoklauf auspacken – so lange menschenfeindliche Weltbilder mit innewohnender Absolutwahrheit verharmlost werden, werden immer wieder Menschen unschuldig sterben.

Breivink ist keine Inkarnation des Bösen, wenn sich in ihm etwas inkarniert, dann der paneuropäische Rassismus. Aber Inkarnation heißt doch Wiedergeburt – nein, das ist Unsinn, der paneuropäische Rassismus muss nicht wiedergeboren werden, der war niemals weg. Der zeigte sein hässliches Gesicht in Rostock und Solingen, der marschierte auch in Afghanistan ein. Der Rassismus wird aus Angst geboren, und seit vielen Jahren werden wir über die Angst regiert. Zehn Jahre 9/11 bedeutet zehn Jahre Panikmache und medialer Islamhass – und was ist der anderes, als verbrämter Rassismus. Wer braucht denn da eine Inkarnation?

Quick – Prügelmörder und Amokläufer

Uh, ja, da passiert wieder was, Leute werden umgebracht, weil sie Kinder beschützen wollen – und die Polizei kommt immerhin noch früh genug um die Täter zu verhaften, war sicher ein beruhigender letzter Gedanke … und es gab wieder einen Amoklauf, wieder Süddeutschland, haben wir da eine Serie?
Die Gebetsmühle der Konservativen ist natürlich wieder angesprungen und man hört: „Härtere Strafen!!!!“ – Jo, deswegen gibt es ja in den USA so wenig Straftaten – immerhin droht da die Todesstrafe – ja, ich find das jetzt auch total witzig. Könnten wir uns auf etwas einigen? Immer dann, wenn jemand von Abschreckung in Sachen Verbrechen spricht, dann Lachen wir mal alle halbherzig und setzen ihn auf die Wuttreppe.
Wenn wir eine kleine Serie von schlimmen Gewaltausbrüchen bei Jugendlichen in Süddeutschland haben, dann gibt es da offenkundig ein Versagen des Bildungssystems – da muss angesetzt werden … härtere Strafen … oh man!
Aber zumindest der Amoklauf hat uns doch auch eine positive Nachricht gebracht. Der Typ war nicht im Schützenverein, sein Papa auch nicht (und sein Papa hat ihm auch nicht vorsorglich eine Menge Munition gekauft) – und schon gab es keine Todesopfer … ist ja nur so eine Tatsache … wollte ich nur mal so angemerkt haben …

Quick – Ich hab dich! Gotcha wird also verboten …

Ah, das Waffenrecht wird verschärft, und? Bekommen die Schützen endlich ihre Waffen abgenommen? Wäre doch eine sinnvolle Konsequenz nach Winnenden und Erfurt, wo es Waffen von Schützen waren, die quasi dutzendweise Opfer forderten.
Nein, es gibt weitere Auflagen und mehr Kontrollen – Bürokratie ist ja immer schön – und Paintball bzw. Gotcha wird verboten. Nun, ich habe solche Spiele noch nicht gespielt, es wäre wohl auch zu einfach, mich zu treffen, aber von allen, die mir vom Gotcha erzählt haben, habe ich nie gehört, dass sie nach dem Spielen den dringenden Wunsch gehabt hätten, Amok zu laufen. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Gotcha ein relativ normaler Sport, ein bisschen wie Völkerball, wo man halt Leute mit Farbe abschießt, statt mit einem Ball. Das zu verbieten, ist ungefähr so nachvollziehbar wie ein Verbot von Supersoakern, diesen Radikalwasserpistolen, die sind sicherlich ähnlich aggressionsfördernd.
Die Möglichkeit, mit großkalibrigen Waffen zu schießen, die Macht der Waffe zu fühlen, das ist sicherlich viel gefährlicher als mit Farbkügelchen um sich zu ballern. Aber werden diese echten Waffen verboten? Nein, da gibt es ja auch genug Lobby für. Ein Sport wird also kriminalisiert, der ungefährlicher ist als Boxen oder Fußball – warum? Doch nur, weil es hier keine Lobby gibt, weil hier junge Leute Spaß haben, und nicht Rechtsanwälte und Politiker ihren Traditionen nachgehen – und damit auch schön in die Lokalzeitung kommen, sich feiern lassen. Schützenfeste sind halt wichtiger, und das Bauernopfer ist ja schon gefunden. Na, dann herzlichen Glückwunsch und schön, dass die Politik wieder nichts tut – der nächste Amoklauf kommt, auch ohne Gotcha.