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Ein paar Gedanken über Herrschaft

Eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben, aber das Thema, an dem ich die letzten Tage rumdenke, ist noch nicht fertig, und wirft hier den zweiten Ableger, die Sache mit den Todsünden kam auch daher.

Nun also Herrschaft. Ein Thema, über das wir meiner Meinung nach zu wenig nachdenken. Wen wir Herrschaft vom Beginn an denken, dann sind wir irgendwo im Bereich der Gewaltherrschaft. Ich glaube, die muss sich in grauer Vorzeit mal entwickelt haben. Ein charismatischer Mensch mit Kraft, Intelligenz und weiteren Vorzügen, hat mal ein Stück Macht übertragen bekommen, und Strukturen geschaffen. Und vielleicht folgten alle freiwillig, vielleicht hat er oder sie alle immer überzeugen können, in einer eher kleinen Gruppe ist so was machbar. Aber irgendwann braucht man einen Nachfolger, irgendwann werden die Strukturen größer, und wie beherrscht man dann? In dem man anderen sagt, dass sie furchtbar in die Fresse bekommen, wenn sie nicht spuren. Ist bis heute ein mehr oder weniger gut funktionierender Ansatz in der Kinderaufzucht.

Nun wird Gewaltherrschaft allgemein als unzivilisiert angesehen. Diktaturen sind nicht gern gesehen, es sei denn, sie verkaufen zuverlässig Öl. Also hat man andere Wege gesucht und gefunden, wie man herrscht. Im Mittelalter vielfach praktiziert wurde Herrschen durch Religion. Eine Methode, die man im Altertum schon hier und da ausprobiert hatte, Pharaonen und Kaiser wurden vergöttlicht, aber das funktioniert nicht sehr gut. Denn wie göttlich sie auch sein mochten, manchmal hatten sie Fieber und flüssigen Stuhl, das kann man nicht immer verbergen, und dann ist religiöse Verehrung so eine Sache – obwohl ich mir nicht sicher bin, ob eine Exkrementprobe von Karol Wojtyla nicht unter der Hand manchem Katholiken eine Menge Geld wert wäre. Aber ich schweife ab.

So richtig gut funktionierte Herrschaft durch Religion erst mit dem Christentum, auch der Islam ist übrigens praktisch – aber ich bleibe erst mal in Europa, und so lange gehört der Islam ja noch nicht zu Deutschland, richtig? Das Christentum hat ein paar sehr gute Forderungen an den Menschen. Zum Beispiel Gewaltlosigkeit, Feindesliebe, Armutsgebot – und alles das ist sehr praktisch für die Machthaber, die sich an solche Sachen garantiert nicht halten. Das Überbleibsel davon ist das C, dass die Unionsparteien im Namen führen, und ganz in der Tradition verhaftet, sind die es auch, die die christlichen Werte, die sie nach außen hin vertreten, am gewissenlosesten mit Füßen treten. Spektakuläre Rücktritte und Rauswürfe der letzten Zeit haben das mal wieder eindrucksvoll uner Beweise gestellt.

Was machte das Christentum? Es indoktrinierte Bescheidenheit und Schwäche in die Menschen hinein. Es sprach von Sünde – und was könnte praktischer sein, als wenn die, die herrschen, erst alle Sünden gebeichtet bekommen, wegen derer sie später die Beherrschten von der Kanzel herab anherrschen können – ja, das schwache Wortspiel war gewollt. Besonders die Leib- und Sexualfeindlichkeit, die einige antike Religionen für exakt genauso hirnverbrannt gehalten hätten, wie sie denn sind, ist ein wenig subtiles Mittel der Herrschaft. Wenn man vieles, was Menschen Spaß macht, was Menschen Lust bereitet, verdammt – und das ist wörtlich gemeint -, wenn man also den Menschen erklärt, dass sie wegen dieser Lust und wegen diesem Spaß nach ihrem Tode in eine ewige Hölle kommen, dann erzeugt das Angst, es demütigt – und beides macht Menschen beherrschbar. Es ist nicht klar, ob die Erfinder des Christentums, also hauptsächlich Paulus, genau das vorhatte, aber man hat diese Religion sehr bald als Instrument zu nutzen gelernt, und wenn der gute Benedetto im Bundestag gegen Schwule predigt (hab ich drüber gebloggt, Erklärungen findet man da), dann funktioniert das immer noch bei einigen Menschen sehr gut.

Als ich aufwuchs, war kein Mittelalter mehr, und obwohl die Gegend hier religiös infiziert ist, war das Christentum keine Möglichkeit mehr, die Menschen klein zu halten. Aber schon in der Grundschule habe ich verstanden, wie Atomwaffen so wirken, und wie viele es auf der Welt gibt und noch mehr gab. Und als der kalte Krieg keine Angst mehr einjagen konnte, da wurde Terror und die Angst vor dem Islam instrumentalisiert. Und dazwischen immer die Angst um Arbeitsplätze, die Angst vor Fremden, die Angst vor der Zukunft, vor der Zerstörung der Umwelt. ANGST!

„Angst essen Seele auf“, so heißt ein Film von Rainer Werner Fassbinder, und noch wichtiger ist die Erkenntnis, Angst macht beherrschbar. Und wenn man darüber nachdenkt, dann kommt man auch darauf, warum einige Sachen groß aufgebauscht werden, andere Sachen völlig egal sind. Es ist nicht nur so, dass tausende tote Kinder in Afrika eben in Afrika, also weit weg sind, und jeder Mord in Deutschland viel mehr zählt – also, wenn nicht gerade ein Dönerbudenbesitzer von Nazis erschossen wird -, weil es näher ist, nein, es geht auch immer um die Angst, die damit erzeugt werden kann.

Ja, das klingt gerade danach, als ob ich den Medien Absicht vorwerfe – nun, zum Teil mach ich genau das auch. Die Medienmacht wurde ein den letzten Jahren immer mehr auf einige wenige Konzerne konzentriert. Zweifel an manchen besonders wirtschaftlichen Dogmen, kommen überhaupt nicht mehr vor, obwohl namhafte Wissenschaftler anderes sagen. Ist irgendeinem etablierten Printmedium je aufgefallen, dass ESM grundgesetzfeindlich ist? Ist irgendwem aufgefallen, was man mit ACTA eventuell alles machen kann? Denkt irgendwer darüber nach, dass eine Schuldenbremse auch einen Investitionsstopp bedeutet? Welcher Redakteur schreibt denn so was freiwillig, und muss dann nicht befürchten, sein Hinterteil vor die Tür gesetzt zu bekommen?

Ja, ich bin mir relativ sicher, dass es eine Regierung neben der Regierung gibt – denn die regierende Koalition fragt doch nur danach, wie die Märkte reagieren. Es gibt Meinungsmacher in allen Medien, und und außerhalb der Bloggerszene gibt es wenige, die dagegen an schreiben. Und diese Meinungsmacher schüren immer wieder Angst, vor Krankheiten, vor wirtschaftlichem Niedergang, vor körperlicher Gewalt. Und man kann nur annehmen, dass das den Regierenden sehr gefällt.

Übrigens ist die Frage nach der Gewaltherrschaft auch nicht unspannend. Sieht man nämlich, wie teilweise maximal brutal „Sicherheits“-Kräfte zum Beispiel gegen Occupy vorgegangen sind, aber auch gegen S21-Aktivisten und viele mehr, dann weiß man, dass manche Demonstrationen mit staatlicher Gewalt so beendet werden sollen, dass auch hier Angst erzeugt wird. Ich wäre ja mal echt überrascht, wenn es ähnliche Einsätze gegen Nazidemonstrationen gäbe – aber die müssen ja immer vor den Gegendemonstranten geschützt werden.

Wir sollten dieses Herrschaftsgefüge, die Herrschaftsstrukturen, unbedingt im Auge behalten, etwas dagegen tun, wo immer wir können. Alle Gewalt sollte doch irgendwann mal vom Volke ausgehen, oder? Bleiben wir dran!

Der WDR kuscht vor den Unaufgeklärten

Same Procedure as last year … Traditionell überträgt der WDR nicht nur den klassischen Büttenwahnsinn, sondern auch die Stunksitzung, Teil der intelligenten Form des Karnevals – sollte es intelligentes Leben im Karneval geben, wovon ich als Einwohner der Karnevalsdiaspora nicht so ganz überzeugt bin. Im letzten Jahr hat der WDR eine Passage aus der Stunksitzung rausgeschnitten, in denen zwei, die sich ganzjährig in alberne Gewänder werfen, Kardinal Meisner und Papst Benedikt XVI., als „frisch vermählte Schwuchteln“ karikiert wurden. Warum? Na, weil sich die Katholiken aufgeregt hatten. Hatten sie sich zu Recht aufgeregt? Nein, da ist ja nichts Schlimmes bei. Da werden zwei ältere Herren, deren sexuelle Ausrichtung nicht bekannt ist, in die Nähe der Homosexualität gerückt – und da an der ja nichts Schlimmes ist, ist da keinerlei Beleidigung bei. Nun gut, es sei denn sie sind homosexuell und möchten mit einem anderen Wort als dem politisch nicht wirklich korrekten „Schwuchtel“ bezeichnet werden. Das würde ich gelten lassen.

Auch in diesem Jahr haben die Stunker eine Szene eingebaut, mit der sie die öffentlichkeitswirksame Schelte der Katholiken und anderer religiöser Verbände routiniert provoziert haben – und wieder ist der WDR brav und zensiert: Dieses Mal gibt es eine Hommage an Monthy Python und ein Jesus-Darsteller fährt fröhlich mit dem Kreuz über der Schulter auf dem Segway über die Bühne.  (Hier der Link zum Bild: http://www.stunksitzung.de/fotos/2012/1/1/segway/b10.jpg)

Sieht hübsch aus, ist in Ordnung, aber es tut mir ja ein bisschen leid, sieht nach einer eher billigen Provokation aus. Das Schöne daran ist, dass die Fundamentalisten auf solche Kleinigkeiten immer reinfallen. Man möchte ja nicht auf die jährliche kostenlose Werbung verzichten.

Was mir aber unglaublich sauer aufstößt, ist weder die Provokation der Stunker – warum auch – noch die vermutlich einkalkulierte Reaktion der Kirchenvertreter und des unaufgeklärten Volkes. Ich krieg meinen klassischen dicken Hals, wenn ich lese, dass der WDR seine Ausstrahlung zensiert. Da könnte ich glatt mal kotzen. Haben die sie noch alle? Sind die noch im Mittelalter? Ich dachte immer, um beim WDR in entscheidender Stellung zu sein, müsste man ein intelligenter aufgeklärter Mensch sein. Da intelligente aufgeklärte Menschen die künstlerische Freiheit höher schätzen müssten, als die Bedenken von Kleingeistern, muss man eindeutig schließen, nein, beim WDR gibt es keine Entscheider, die aufgeklärt und intelligent sind.

Selbst wenn historisch bewiesen wäre, dass es Jesus gegeben hat, selbst wenn er ein toller Hecht war, warum darf er nicht dargestellt werden, wie er fröhlich auf einem Segway durch die Gegend fährt? Die Inszenierung, so viel kann man aus dem Bild herauslesen, markiert das Ganze doch als Klamauk. Historische Figuren anders zu zeichnen, zu überzeichnen, das sind doch ganz normale künstlerische Vorgehensweisen – warum darf man das mit Napoleon und Caesar, aber nicht mit Jesus? Soll das wirklich heißen, dass Jahrhunderte nach der Zeit der Aufklärung, Menschen, die daran glauben, dass Leute mal über Wasser gegangen sind, Stimmen aus Dornbüschen gehört oder von einer sprechenden Schlange mit Äpfeln gefüttert wurden, haben in Deutschland die Meinungshoheit, ja, die Macht, etwas zu zensieren? Ist das euer Ernst, WDR-Entscheider? Oder feiert ihr schon seit Wochen Karneval und die Nummer ist mit Kölsch-Delirium erklärbar?

Quick – Der Papst ist fertig

Herr Ratzinger ist nun wieder auf dem Weg nach Rom. Und wir fragen uns, was er nun gemacht hat? Ob er irgendetwas Neues erzählt hat? – Nein. Ob er eine Lösung für irgendein Problem hat? – Nein. Oder ob er sich wenigstens menschenfreundlich gezeigt hat? – Noch nicht mal das.
Der hochintelligente Fundamentaltheologe hat sich als nett lächelnder alter Herr gezeigt, und mit seinem dünnen Stimmchen erzählt, dass sich die deutschen Katholiken weniger beschweren sollen, sie dürfen aber gefälligst mehr beten.
Er hat sich mit ein paar Opfern seiner Hirtenschar getroffen, hat aber nichts gesagt oder getan, was zukünftige Opfer verhindert, er verharmlost die Geschehnisse, weil ja schließlich überall schwarze Schafe seien – eventuelle Systemimmanenz wird ausgeschlossen. Ist ja klar, wenn man sein Leben lang unter schwerem Sexualdruck steht, weil man weder mit sich selbst noch mit anderen zum Vollzug schreiten kann, ist das ja sicherlich kein Grund dafür, dass reihenweise Hirten ihre Schafe von hinten … ach, was red ich.
Er hat im Bundestag gesagt, dass die Gesetze der katholischen Kirche letztlich wichtiger sind, als die demokratisch beschlossenen – ja, er hat es gut verklausuliert, aber wer ihn verstehen will, der kann -, er hat weiterhin ausgesagt, dass die katholische Kirche und der christliche Glaube ein Bollwerk gegen die Mächte des muselmanischen Bösen sind. Er hat gesagt, ohne die Kirche sei Europa kulturlos. Er hat gesagt, Menschen müssen sich an ihre Natur halten, nehmt dies, ihr Homos! Und alles das sagt er ganz vorsichtig und schön intellektuell verbämt, damit keiner darauf kommt, dass dieser Papst antidemokratisch und mit einem pervers-leibfeindlichen Weltbild gesegnet ist. Und alle so: „Yeah!“ – Ich könnte mich in einem armdicken Strahl … ach lassen wir das.
Aber wieso die gesamte Medienlandschaft dermaßen „papstbesoffen“ vor dem alten Mann gekuscht ist, ist mir jetzt mal echt nicht klar. Wer hat denn da schon wieder für bezahlt?
Achso, da war noch die Sache mit der Ökumene … ja … da hatten sich einige was von erwartet … die Protestanten haben ganz vorsichtig so eine große Pforte ganz langsam aufgedrückt, und als sie gerade um die Ecke schauen wollten, hat der Papst ihnen ebendiese gesamte Pforte mit aller vatikanischen Macht in die Fresse gehauen. Woraufhin die Protestanten noch nicht viel gesagt haben, weil sie immer noch die andere Wange hinhalten.
Also was war jetzt das Resultat dieses Besuchs? Richtig … nichts …

Die Papstrede, ein paar Gedanken …

Ich schau mir doch mal die Rede an, die il Papa da gestern im Bundestag gehalten hat. Soll ja sehr philosophisch und intellektuell sein, wollen mal sehen, wieviel ich davon verstehe. Bin ja nur ein unintellektueller Künstler … ja, Achtung Polemik … ich weiß das auch selbst 😉

Als erstes fällt mir diese kleine Passage auf:

Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Äh, Moment? Hab ich das jetzt falsch verstanden, oder der Herr Ratzinger? Ich dachte er könnte nur deshalb vor dem Bundestag sprechen, weil er als Staatsoberhaupt des Vatikan vorbei kommt? Also doch als Glaubensoberhaupt? Was kommt denn als nächstes? Der Obermormone oder –scientologe? Okay … schauen wir mal weiter …

Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.

Äh, schon … ja … Politiker sollen also Erfolg suchen, sich aber auch ans Gesetz halten. Gut, so viel Philosophie war das jetzt noch nicht, bis hierhin nur Allgemeinplätze – allerdings ist die Passage mit dem Recht schon wieder so eine Sache, wenn man bedenkt, wie oft die Kirche schon verhindert, dass ihre päderastischen Hirten zur Verantwortung gezogen wurden. Recht und Gesetz ist halt eher was für Politiker als für Kleriker, richtig?

Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, dass diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde, dass Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und dass der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte.

Richtig, es gibt diverse Beispiele dafür. Herr Ratzinger spielt vermutlich auf die Nazizeit an, nicht auf die Hexenverfolgung, aber er hat natürlich Recht.

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was Recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?

Mit Ethik Herr Professor Ratzinger, ganz einfach, wir sind nämlich vernunftbegabt. Allerdings mit den Entitäten Gut und Böse herumzuspielen, ist jetzt wenig philosophisch, so eine ungenaue Denkart. Die Kategorien könnten auch ein bisschen weniger aufgeladen sein, zum Beispiel „ethisch richtig“ und „ethisch falsch“. Einfaches Beispiel: Wenn ein homosexuelles Paar extrem viel Spaß im Bett hat ist das ethisch richtig, wenn man Kinder befummelt und vergewaltigt, seine Macht zur eigenen Befriedigung nutzt, dann ist das ethisch falsch.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.

Moment, da versteh ich schon wieder was nicht, „Mehrheitsprinzip nicht ausreicht“? Also die Fälle, in denen Demokratie doof ist?

Dann zitiert Herr Ratzinger Origenes, kommt darauf, dass man „gottlose“ Gesetze nicht befolgen sollte.

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident.

Das „Gesetz der Wahrheit“ … gibt es nur eine? Ach, Herr Ratzinger, bitte, wir wissen doch, dass es Millionen verschiedene Wahrheiten gibt, jeder hat seine. Ich versuche mal, ihre hochphilosophische Rede hier zu übersetzen: Sie als Demokraten können ja alles Mögliche beschließen, aber es gibt ein wahres Gesetz, an dass sie sich besser halten würden.

Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden. Wie erkennt man, was Recht ist?

Nur, indem man dem wahren Gesetz folgt, richtig, Herr Ratzinger? Gut, man könnte einfach auch nachdenken, aber damit würde man ihre Anbeter in den Reihen der CDU/CSU auch überfordern, richtig?

In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.

Ja, da kommt es: Das wahre Gesetz ist natürlich das, was der Herr Ratzinger in Rom ex cathedra verkündet, und, na, den kleinen Seitenhieb auf den Islam verstanden? Ja, da gibt es ein religiöses Gesetz und es ist genauso hinterwäldlerisch, wie das, was der Herr Ratzinger so verkündet. Ist ja auch nicht so, als ob die Kirche sich irgendwann in die Gesetze der Menschen gemischt hätte … *hüstel* … über Jahrhunderte hat Rom die Gesetze diktiert, und neben dem weltlichen Gericht die Inquisition auf die Menschen losgelassen, eine Abteilung, die Herr Ratzinger gut kennt, war er doch lange genug der Chef ebendieser Abteilung.

In den nächsten Absätzen, die ich hier mal unterschlage, schlägt Herr Ratzinger eine Brücke von vorchristlichen Philosophen über spätrömisches und mittelalterliches Recht hin zu Aufklärung und unserem Grundgesetz. Er erwähnt dabei nicht, dass die Aufklärung den Vatikan noch nicht erreicht hat. Bagatellen … Herr Ratzinger vergisst, vermutlich seinem hohen Alter geschuldet, die Inquisition, die antisemitischen Gesetze des christlichen Mittelalters, und die vielen anderen direkten Einmischungen der Kirche in die weltlichen Gesetze und erzählt ein Märchen davon, dass die die Kirche sich schon immer auf die Seite der Philosophie gestellt hätte, dass es ein weltliches Gesetz geben müsste, dass quasi säkular ist. Recht fantasievoll.

Dann wird es mir natürlich zu hoch, habe keine Lust mir da einiges an Background anzulesen. Interessant ist der Schluss, den Herr Ratzinger zieht:

Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.

Über viele Umwege ist der alte Herr also dazu gekommen, dass Ethik und Religion quasi das gleiche ist, und dass man sie nicht mit Vernunft fassen kann. Das stimmt nicht. Die Ethik fußt auf wenige Axiome, quasi wie die Mathematik, und die Religion darauf, dass man an sprechende Schlangen und Leute glauben muss, die über Wasser laufen und von den Toten auferstehen – na, merkste was?

Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden.

Ah, wie scheinen dem Kern näher zu kommen. Versuchen wir noch mal eine kleine Übersetzung: Da, wo man die Vernunft in den Mittelpunkt stellt und andere Strömungen, zum Beispiel mittelalterliche Moralvorstellungen, an den Rand, da wird man kulturlos, da ich ja als Papst die „wahre“ Kultur verkörpere. Und weil in anderen Ländern fundamentalistische geglaubt wird, werden die Ungläubigen kulturlos untergehen. Noch konkreter: Rüstet euch zum Kreuzzug, die Muselmanen kommen. Ja, ich vereinfache, aber was glaubt ihr, soll mit dieser Rede gemacht werden?

Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Ach so, und dazu sollen wir uns in die katholische Enge begeben? Ich geh dann doch lieber spazieren, da krieg ich echte frische Luft und muss mein Gehirn nicht abgeben.

Dann kommt das Lob an die Grünen, wie süß, und die sind ja auch drauf reingefallen, wie man hört. Herr Ratzinger kommt nämlich über die richtige Einsicht, dass Ökologie nicht unwichtig ist – immerhin, seine Kollegen aus dem evangelikalen Bereich berufen sich auf „Macht euch die Erde untertan“ und sind eh davon überzeugt, dass das Ende der Welt so nahe bevor steht, dass es sich nicht mehr lohnt, die Umwelt zu schützen, gut, so dumm ist Herr Ratzinger nicht – zu der etwas seltsamen weiteren Einsicht, dass es eine Ökologie der Menschen geben muss:

Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Na, hört doch mal, was er sagt! Der Mensch muss seine Natur achten, Ratzingers Anhänger auf kreuz.net sagen das gleiche, nur ein wenig undiplomatischer, da heißt es dann: „Verreckt, ihr gottverdammten Homos!“ Ja, der Ratzinger ist ein Intellektueller, der kann seine Phobien viel differenzierter ausdrücken und ein ganzes Parlament klatscht.

Ich springe jetzt etwas großzügiger, meine Aufmerksamkeit schwindet und ich habe auch noch anderes zu tun.

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Euphemismus ick hör dir trapsen … ach nein, das ist einfach gelogen. Die unantastbare Würde des Menschen hat die Kirche noch nie interessiert. Das sagt ein Papst, der Exorzisten ausbilden lässt! Der lieber Menschen millionenfach an AIDS krepieren lässt, als dass sie sich ein Tütchen über den … ach, komm, das ist einfach widerlich.

Diese Rede hat nicht viel versöhnliches, eher einiges verführerisches. Man kann auf die Dialektik des Herrn Professors reinfallen, man kann es aber auch lassen. Also lassen wir es doch einfach.