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Zwei Meldungen, eine Richtung: Die Schere geht auf!

Die erste Meldung heute Morgen in der Zeitung: Die NRW-Regierung halbiert das Geld für Vertretungsstunden. Zweite Meldung später im Radio: Trend zu privat gesicherten Siedlungen für Reiche.

Und wo ist da jetzt die Verbindung? Nun, es geht um Privatisierung, das, was die FDP so leicht bis zur Ekstase erregt. An der Bildung wird – man möchte sagen: wie immer! – mal wieder kräftig gespart. Das ist eine stetige Entwicklung seit vielen Jahren. Und weil die Bildung immer schlechter wird, weil immer mehr eingespart wird auf Kosten von Lernenden und Lehrenden, prosperieren Nachhilfeunternehmen. Wer es sich leisten kann, wird von gut ausgebildeten und prekär bezahlten Lehrkräften zum Abschluss gebracht.

Für Polizei ist auch nur noch Geld da, wenn sie eingesetzt werden kann, um Demonstranten zu verprügeln und unter Pfefferspray zu setzen. Rufe ich hier auf dem Land bei der Polizei an, weil ich verdächtige Geräusche gehört habe, kommt der Streifenwagen vermutlich pünktlich, um dem Bestatter zuzusehen, wie er mich mit den Füßen zuerst … ihr wisst schon, was ich meine. So soll es natürlich den Leuten, die wichtig sind, da sie Geld haben, nicht ergehen. Die kaufen sich also ihren eigenen Sicherheitsdienst, quasi ihre eigene Polizei. Das ist gleich mehrfach sinnvoll. Nicht nur ist das billiger, als genug Steuern zu bezahlen, dass mehr in Bildung und Polizei investiert werden kann,  man kann die Privatpolizei auch wunderbar nutzen, um bettelnde Unterschichtler zu vertreiben, oder gar Leute, die gegen solche Siedlungen protestieren.

Die Schere wird immer weiter geöffnet, das ist das Ergebnis aller Politik der letzten Jahrzehnte. Unser Ziel muss es sein, die regierende allzu große Koalition der etablierten Parteien unter fünfzig Prozent zu bringen. Sonst wird sich die Schere immer nur noch weiter öffnen.

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Keine Macht den Doofen!

Die Überschrift entspricht dem Titel einer Streitschrift von Michael Schmidt-Salomon, die ich in den letzten Tagen als Hörbuch gehört habe. Und auch wenn Schmidt-Salomon seinen Text mit Polemik durchtränkt, diese Streitschrift ist nicht nur empfehlenswert, sie sollte als Diskussionsgrundlage jedem Schüler und Studenten, und vor allem jedem politisch engagierten Menschen in die Hand gedrückt werden.

Michael Schmidt-Salomon verabschiedet sich von unsinniger Diplomatie und benennt Dummheit, wo er sie findet. Dass er sie zuerst bei den Religionen findet, ist bei dem Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung kein Wunder – merkste? Wortwitz! Kein Wunder! Haha! – aber er findet die Idiotie eben nicht nur bei den Religionen, sondern auch und vor allem in der Wirtschaft, in der Politik, in der Bildung. Und dass er genau dort ansetzt, damit sich ein paar mehr Menschen als Homo sapiens beweisen, und nicht wie im Moment als „Homo demens“, ist auch absolut folgerichtig. Nur durch Bildung kann es funktionieren, nur dadurch, dass wir all die irrationalen Geschichten hinterfragen, die Wissensfeindlichkeit.

Als Pirat fühlte ich mich oft sehr direkt bestätigt. Es ist schön, wenn ein Philosoph, der vieles durchdacht hat, sagt, dass Politik transparenter werden muss, dass Bildung der Kern von Politik sein muss, da spricht er mir und vermutlich den meisten Piraten aus dem Herzen. Bei anderen Sachen stößt Schmidt-Salomon in mir auch Denkprozesse an, und dafür möchte ich ihm danken.

Also kurz und gut, großartiger Text, sollte man millionenfach drucken und zur allgemeinen Aufklärung unter die Menschen bringen!

PS irgendwo auf der rechten Seite könnt ihr neben dem Blogpost den Feed von unserem Carpe Noctem-Podcast sehen. Nummer sechs, zu diesem Zeitpunkt der letzte Podcast, setzt sich mit dem Bildungsbegriff auseinander, und man wird dort auch viele Gemeinsamkeiten finden.

Piraten und Bildungspolitik

Jetzt bin ich ja schon einige Wochen Pirat und so langsam habe ich mich eingearbeitet. Unter anderem abonniere ich die Mailingliste der AG Bildung und habe mich auch sonst ein bisschen reingelesen. Die Bildungspolitik ist eine der wichtigen Säulen unsere Programmes, die AG wurde schon auf dem Gründungsparteitag gegründet – und alle, die immer noch glauben, die Piraten wären eine Ein-Themen-Partei, dann sollen sie sich mal den Programmteil durchlesen – ich denke, wie bei manchen Themen, kann man hier sehen, dass unser Programm immer dann, wenn es „fertig“ ist – die Anführungszeichen sagen, dass es ja nie fertig ist, diskutiert wird ja immer -, wirklich durchdacht ist, viel diskutiert und meistens auch wild umstritten.

Und es gibt viele Punkte im Programm, die ich gut finde. Ganz piratig ist natürlich die Forderung nach einer freien Zugänglichkeit der Bildung für alle – seit vielen Jahren, eigentlich schon immer haben bei uns die bessere Karten, deren Eltern Geld haben. Das ist nichts anderes als ein Versagen der Bildungspolitik. Zumindest ein Versagen der Schulpolitik aus der Sicht derer, die gleiche Chancen für alle fordern. Es gibt sicherlich auch genug Menschen, die das momentane Schulsystem für richtig halten, weil sie die Selektion gut finden, den Besitzstand wahren wollen. Aber das Grundgesetz sagt, dass wir alle die gleichen Chancen haben sollen – ach ja, dieses Grundgesetz, dass das auch immer stören muss.

Jetzt muss man sich natürlich viele Gedanken machen, wie man diesen Ansatz verwirklichen kann – und da sind wir erst mal nicht so weit von den anderen Parteien im, sagen wir links angehauchten Spektrum, verschieden. Keine Studiengebühren, freie Kindergärten – ja, jetzt kommt wieder der Einwand, wir hätten ja kein Geld, aber wir haben wirklich ein viel größeres Problem auf der Einnahmenseite als auf der Ausgabenseite, und wenn wir irgendwo zu wenig Geld ausgeben, dann im Bereich der Bildung.

Aber es gibt auch noch viele andere Fragen, die beantwortet werden, es muss Reformen geben, warum müssen Schüler Jahre ihres Lebens verplempern, wenn sie in ein bis zwei Fächern irgendwelche geforderten Leistungen nicht erbringen. Jedem Lehramtsstudenten im ersten Semester wird beigebracht, dass Kinder in unterschiedlichen Tempi lernen, warum wirkt sich diese schon lange gemachte Erkenntnis nicht auf die Schulen aus?

Oder wie ist das eigentlich mit der Demokratie? Auf der einen Seite wird da viel von gesprochen, auf der anderen Seite bestimmet der Direktor über sehr viel – und es gibt noch nicht mal ernsthafte Demokratie in den Lehrerkollegien, die Mitbestimmung der Schüler ist meistens allenfalls alibihaft, die Elternschaft hat vielleicht noch ein bisschen Einfluss, letztlich ist aber Demokratie weder bisher existent, noch wirklich gewollt. Aber wie will man denn Schüler zu Demokraten heranziehen, wenn man sie nicht vorlebt?

Das sind wichtige Punkte und wir müssen da auch wirklich weiterkommen, allerdings muss ich zugeben, bin ich auch nicht mit allem zufrieden, was die AG Bildung so schafft – vor allem, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in dieser AG die Basisdemokratie, die sonst so wichtig ist, eher kleingeschrieben wird. Viel zu schnell werden Diskussionen abgeblockt, durchaus nicht ohne eine gehörige Spur von Arroganz, und es ist auch immer wieder Dogmatismus zu spüren, eine Sache, gegen die ich auch schon vor meiner Piratwerdung ziemlich allergisch war.

Holen wir ein bisschen länger aus. Hier in NRW – und vermutlich nicht nur hier – krankt das Schulsystem an den Folgen diverser mehr oder weniger gut durchdachter Reformen. Schüler wurden über Jahrzehnte immer mal wieder gerne als Versuchskaninchen missbraucht, und heute ist das System uneinheitlich. Es gibt nebeneinander her das dreizügige Schulsystem mit einer langsam aber sicher versterbenden Hauptschule und daneben die Gesamtschulen, die alle Funktionen der anderen drei Schulformen eigentlich in eine packt. Und eigentlich funktionieren beide Systeme nicht wirklich. Die Gesamtschule ist zwar ein bisschen zu der Schule geworden, auf der auch Schüler, die nicht sozial besser gestellt sind, ein Abitur machen können, aber die heißt ja nicht umsonst so, also Gesamtschule – die ist eigentlich dafür konzipiert, dass da alle Schüler hingehen. Den Gymnasien wurde mit einer dilettantisch durchgeführte Verkürzung der Schulzeit richtig übel mitgespielt, die anderen Schulen bangen im Moment um ihre Existenz, wissen nicht, ob sie morgen nun Sekundarschulen, stadtteilschulen oder sonstwie heißen werden. Das Niveau sinkt seit Jahren rapide, das Zentralabitur hat zum Beispiel bei uns in der Region gezeigt, dass die Waldorfschule die besten Schnitte zustande bekommt. Die Situation ist verworren. Und woran liegt es?

Neben der chronischen Lehrerknappheit, die dazu führt, dass die Klassen absurde Größen haben, ist es vor allem das ständige Reinregieren, die ständigen ideologischen Grabenkämpfe, die um die Schulen geführt werden, die den Schulen selbst einfach die Luft zum Atmen nimmt. Es geht um Ideologien, um Dogmen – und das auf dem Rücken der Schüler. Achso, in den Hochschulen sieht es bekanntermaßen kaum anders aus, und Bologna  ist der Untergang des Abendlandes, ich denke, das ist so weit allen klar, wollte deswegen da gar nicht weiter drauf eingehen – mich interessiert die Schulpolitik auch einfach ein Stück weit mehr.

Apropos Reinregieren, ich habe ja ein wenig Einblick in den Schulalltag, arbeite mit Schulen zusammen, habe Praktika an Schulen gemacht, bin mit Lehrern befreundet – und ich weiß, wie viele Lehrer versuchen, das Beste aus den sich ständig wandelnden Verhältnissen zu machen. Aber ich weiß auch, dass die Kraft, die sie dafür brauchen, schlicht und einfach unnötig verschwendete Energie ist. Warum wird immer allen von oben vorgeschrieben, wie sie arbeiten sollen? Ich meine, sorry, aber da sind in jeder Schule akademisch ausgebildete Leute, oft mit einer riesigen Erfahrung, und da kommt irgendeine Regierung und erzählt ihnen, wie sie gefälligst zu arbeiten haben? Das macht die Schule ja zu einem unglaublich attraktiven Arbeitsplatz. Ganz nebenbei sind die Reformen von oben immer Sachen, die von manchen nicht verstanden, von anderen nicht akzeptiert und von fast allen nicht mit dem Herzen vertreten werden, das ist eine beschissene Grundlage für gutes Arbeiten.

Das Problem ist nun, dass wir als Piraten beginnen, die gleichen Fehler zu machen. Dogmatisch wird eine einzügige Schule gefordert, ein Kurssystem, Abschaffung von Noten ist im Moment groß in der Diskussion – alles keine dummen Sachen, aber warum zum Teufel sollte man so was den Schulen vorschreiben? Wir reden von Basisdemokratie, wir reden von pluralistischer Gesellschaft, und dann wollen wir den Schulen vorschreiben, wie sie sich zu demokratisieren haben? Wie sie Unterricht gestalten sollen? Wir wollen also mit genauso viel Dogmatismus und Ideologie an die Schulpolitik herangehen, wie die Etablierten, deren Fehler wunderbar kopieren? Manchmal hackt es echt.

Was wir tun sollten, ist etwas anderes. Wir sollten die Schulen befreien! Wir sollten bundesweit gleiche Rahmenbedingungen schaffen, die unsere Grundsätze von Gleichheit und Freiheit, von freiem Zugang und Basisdemokratie den Schulen zugänglich macht. Und wenn es in diesem Rahmen fünfzig verschiedene Schulformen gibt – Menschen sind einfallsreich, wir sollten das eigentlich wissen – dann gibt es halt fünfzig verschiedene Schulformen, die Kindern und Jugendlichen Bildung ermöglichen. Aber wir sollten NICHT in die Schulen reinregieren, wir sollten NICHT die heutigen Erkenntnisse in Marmor gießen und sie dogmatisch den Schulen aufoktroyieren – in spätestens zehn Jahren wird es neue Erkenntnisse geben und die nächsten Reformen werden wieder Schüler zu den Leidtragenden machen.

Ich glaube, das geht, in dem man alle offiziellen Prüfungen aus den Schulen herausholt, Lehrern die Benotung nimmt, den Benotungsdruck nimmt. In dem man externe Prüfungsbehörden installiert, die allerdings bitte deutlich intelligenter prüfen sollten, als das mit den heutigen zentralen Prüfungen und Zentralbituren geht. Erstens dürfen die eigenen Lehrer einfach nicht korrigieren, zweitens muss es auch möglich sein, Prüfungen anders abzulegen, als durch Klausuren, die immer mehr zu einer Reproduktion schnell auswendig gelernten Wissens wird – Stichwort Lernbulimie. Auch da hoffe ich auf Kreativität. Man muss Schüler ganzheitlich und nachhaltig bilden, oder besser noch, ihnen alle Hilfen geben, sich selbst ganzheitlich und nachhaltig zu bilden. Ich bin mir sicher, dass das möglich ist, und dass der größte Teil der momentanen Lehrerschaft nichts lieber angehen würde, als genau das. Wir sollten ihnen genau die Freiheit geben, die sie den Schülern geben sollen, die Möglichkeiten zur Demokratie, zur Kreativität, zu eigenen Wegen. Weg vom Dogmatismus!

Quick – Bildung im Streik

Wenn ich heute in die Zeitung schaue und von den Studenten- und Schülerprotesten lese, dann werde ich ja fast wehmütig – in meiner eigenen Studentenzeit gab es Ende der Neunziger schon mal einen Studentenstreik und ich war mittendrin.
Und das Schlimme ist, es ist seitdem nichts besser geworden, eher im Gegenteil. Heute bin ich immer noch mit Bildung beschäftigt, und auch wenn ich als Nachhilfelehrer von den eklatanten Schwächen der Schulen lebe, stellt sich bei mir kein gutes Gefühl ein. Dass das G8 – zumindest so, wie es hier in NRW verwirklicht wird – ziemlich krank ist, schlecht geplant, schlecht durchgeführt – habe ich schon mal in diesem Blog beschrieben. Dass die Bachelor- und Master-Studiengänge die Uni auch nicht gerade bereichern, ist absolut nachvollziehbar. Wenn ich im Moment von Bekannten aus der Lehrerausbildung höre, graust es mir.
Die Bildung ist am Abgrund. Und die Politik schiebt immer noch ein Stückchen weiter. Es will keiner mehr Lehrer werden – weil die Arbeit unzumutbar ist, weil Klassenstärken über 24 Kindern schon nicht mehr gehen und meistens 30 unterrichtet werden müssen. Weil Elternhäuser nicht mehr erziehen, weil Schulen schlecht ausgestattet und teilweise abbruchreif sind. Weil Bürokratie bestimmt, weil immer mehr vorgeschrieben wird, weil Bildung kleingeschrieben und Funktionieren groß. Humanistische Bildung – nun machen sie sich aber mal nicht lächerlich!
Sechs Jahre Grundschule, ein einiges Schulsystem (hier in NRW gibt es nebeneinander Gesamtschule und Haupt/Real/Gym – und beide Systeme gehen gerade kaputt – mehr Lehrer in die Klassen, an jede Schule einen Psychologen, der Probleme anpackt – und bitte auch wieder wirklich fördern und fordern – denn das Niveau ist mit dem Zentralabitur keinen Deut gestiegen, eher ist das Gegenteil der Fall – das alles wären Beiträge zur Verbesserung. Lebenswichtige Fächer sind nicht nur Mathe und Englisch – Kunst und Musik sind es auch, und auch Sport – aber da wird immer weiter gekürzt.
Bildung ist unserer Gesellschaft nichts wert, zumindest dem Staat nicht. Viele Eltern geben viel Geld für Unterrichte aus – und die, die dieses Geld nicht haben? Die fallen runter, auf das die Schicht der ängstlichen Bildleser, Pocher-Fans und sonstigen ungebildeten Leichtregierbaren immer größer wird.
Wenn heute Studenten und Schüler Privatbanken besetzen und hier und da auch mal was kaputt machen, ist das sicherlich nicht die feine englische Art – aber wenn mit den Mitteln der Demokratie nichts mehr machbar ist, weil man in Parteien unter 30 nichts ist, und unter 40 immer noch die Deppenarbeiten machen darf, weil sich die wohlhabenden Politiker doch nicht für die einfache Schulpolitik interessieren, weil da einfach keiner die Augen aufmacht und sich lieber in wohlfeile Parolen vom Turbo-Abi flüchtet, und in Exellenz-Unis und so einen elitären Blödsinn – ja, es ist völlig in Ordnung, wenn es all das gibt, aber wichtig wäre erstmal was anderes.