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Quick – Die Sache mit der Schulpflicht

In der Piratenpartei gibt es zwei Typen von Menschen, die sich mit Bildung beschäftigen – die Homeschooler und die Bildungspolitiker. So sagt es das Klischee, dass gar nicht so selten auch stimmt. Inzwischen prügelt man sich um die Schulpflicht, die einen wollen deren Abschaffung, dafür aber eine Bildungspflicht einführen, die anderen wollen sie beibehalten, die Schulen endlich zu echten Lernorten machen und so keinen Grund mehr für Homeschooling und Unschooling geben.
Ich finde einige Argumente beider Seiten nicht so übel und bedenkenswert.
Eigentlich ist es schon seltsam, dass eine Partei, in der es so viele Nerds gibt, die sich alles selbst beigebracht haben, diese Erkenntnis nicht mehr aufgreifen. Natürlich soll auch in Schulen viel mehr die Möglichkeit gegeben werden, mit selbständigem Lernen weiter zu kommen, aber die Anwesenheitspflicht in der Schule ist für viele erstmal festgeschrieben.
Begreift man Schulen als Sozialisierungs- und Lernorte, dann gibt es viele Gründe, warum man da hingehen sollte. Vor allem, wenn man bedenkt, was wir für einen Nachwuchs haben wollen: Selbstbewusst und selbstdenkend, kritisch und demokratisch – das lernt man nicht zu Hause – leider aber auch bisher kaum in der Schule, was die Diskussion nicht einfacher macht. Was wir auf jeden Fall verhindern müssen, sind die Homeschooler, die aus religiösen Gründen ihre Kinder zu Hause lassen wollen. aus gleichen Gründen bin ich allerdings auch gegen jede Bekenntnisschule, sogar gegen Religionsunterricht. Kreationisten haben in den Köpfen des Nachwuchses nichts zu suchen. Und Abmeldungen vom Schwimm- oder Sportunterricht gehen auch gar nicht – vor allem, weil ich mich auch nicht abmelden konnte, und ich hätte das bei jeder Turn- oder Leichtathletikeinheit gerne gemacht.
Aber zurück zum Ernst der Lage. Die andere Seite sind Kinder, die auf der Schule nicht klar kommen, die nicht nur rebellieren, sondern Angst und Depressionen bekommen, die wegen der Schule krank werden. Und wenn die dann schwänzen, sollen die echt von der Polizei abgeholt werden? Da stimmt doch etwas überhaupt nicht, oder? Da scheitert die Schule, wie sie jetzt ist, und mit einem sturen Bekenntnis zur Allgemeinen Schulpflicht unterstützen wir dieses Scheitern noch.
Es ist eine verzwickte Lage. Jeder Einzelfall ist anders. Manchen Schülern hilft schon eine andere Schulform, manche Schüler wollen auch einfach nicht mehr gemobbt oder von Lehrern diskriminiert werden – auch das ist ja eine Realität. Da braucht es viel eher Sozialarbeiter und Schulpsychologen, die eingreifen müssen. Das letzte, was man da braucht, ist Gerichtsbarkeit und Polizei.
Aber wie kann man das in Worte fassen, in Gesetze? Natürlich muss man auch weiterhin Eltern auf die Finger hauen, die gegen das Wohl ihrer eigenen Kinder handeln und sie mit Fundamentalismus voll stopfen, aber mit staatlicher Gewalt gegen Kinder vorgehen, die an der Schule verzweifeln? Sorry, das kann nicht der Weg sein.

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Von der Inklusion

Hier in NRW wird in letzter Zeit die Inklusion forciert. Was ist darunter zu verstehen? Man möchte Menschen mit Behinderung mehr in die Gesellschaft integrieren – und weil ja alles mit Kindern anfängt, beginnt man mit der Inklusion in den Schulen. Die Grüne Jugend  fordert sogar eine Abschaffung aller Förderschulen, die noch vor kurzem Sonderschulen hießen.
Kleiner Disclaimer: vermutlich sind die Worte, die ich in diesem Artikel benutze, nicht immer die nach momentanem Sprachgebrauch richtigen. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich nicht so gut Bürokatisch spreche, und deshalb solche Worte erst mit Verzögerung in meinen Hinterkopf tröpfeln, und andererseits hat es auch ein wenig Vorsatz – ich finde, wir euphemisieren uns zu Tode, noch genauer, wir euphemisieren die Betroffenen aus der Gesellschaft heraus.
Ich habe mich umgehört, habe mit Lehrern gesprochen, einer Freundin, die als Heilerziehungspflegerin an einer Förderschule arbeitet. Und der Eindruck, den die Betroffenen aus der Praxis vermitteln, ist bedenklich. Ja, den prinzipiellen guten Willen kann man Rot-Grün ja nicht abreden, aber die Praxis sieht im Moment eher nach Einsparmaßnahme, denn nach einer Verbesserung für die Bildungssituation aus.
Die Idee ist ja nicht total falsch. Integriert man geistig und körperlich Behinderte, dann kann das für beide Seiten Vorteile haben. Die „Normalen“ lernen von klein auf, dass es auch andere Menschen gibt, Schwächere, denen man helfen kann und muss, und die auf der anderen Seite gar nicht mit Mitleid behandelt werden wollen, sondern so wie alle anderen auch. Und die Menschen, die sonst aussortiert werden, sind in der großen Gemeinschaft eingebunden – das wird ihr Selbstvertrauen verbessern, das wird auch ihre spätere Situation verbessern – so kann man zumindest hoffen. Als Theatermacher, der ständig mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, habe ich wenig mit denen zu tun, die auf Förderschulen gehen, aber oft mit den nicht so ganz „Normalen“, denen, die aus den normalen Rastern mehr oder weniger absichtlich herausfallen – und ich weiß, dass es für nicht wenige sehr wichtig ist, im Theater eine Gemeinschaft zu finden, die sie auf- und annimmt.  Ja, man sollte dringend die Menschen durchmischen, es sollte normal sein, auch mit Menschen umzugehen, die ungewöhnlich sind. Inklusion ist ein hehres Ziel – aber was passiert da jetzt eigentlich?
Wie Versuchsballons werden Kinder mit geistigen Behinderungen in die Schulen geschickt – und wenn man dann einen Fall erwähnt, der mir so erzählt wurde: ein autistisches Kind in einer großen Grundschulklasse – man sollte vielleicht wissen, dass selbst Autisten, die in der Welt sehr gut zurechtkommen, ein großes Problem mit Lautstärke haben – dann sagt mir jeder, der sich damit auskennt: „Wer kommt auf so eine hirnverbrannte Idee?“ Selbst in einer Klasse mit nur 15 Kindern wäre ein autistisches Kind wahrscheinlich oft überfordert – und, wie viele Klassen von dieser Größe gibt es so in NRW? (Ich rede hier übrigens von Sachen, von denen ich wenig verstehe, ist mir aber mehrfach bestätigt worden). In einem solchen Fall hat übrigens niemand was davon. Die anderen Kinder werden mit dem autistischen Kind ihre Schwierigkeiten haben, denn das braucht einen nicht unerheblichen Mehraufwand und hat noch einen zusätzlichen Lehrer, der sich um die anderen Kinder nicht kümmert – das kommt bei Achtjährigen nicht gut an, es separiert – und das ist ungefähr das Gegenteil von Inklusion, oder? Die Klasse kommt nicht so richtig voran, das autistische Kind ist ständig in einer Umgebung, mit der es nicht gut klar kommt – was soll das bringen?
Von einem anderen Kind mit einem Syndrom, dass ich mir nicht gemerkt habe, wurde mir erzählt. Und da bringt die Inklusion auch was – aber nur für die „normalen“ Kinder. Deren soziales Lernen ist ausgezeichnet, sie kümmern sich um das schwächere Kind. Aber das behinderte Kind verliert bei der Rechnung ungemein – das bekommt nämlich nur ein paar Stunden Förderung von einer Sonderpädagogin, den Rest der Zeit sitzt es mit den anderen Kindern gemeinsam in der Klasse und lernt einfach mal nichts.  Und dieses Problem ist nur auf eine Art lösbar:
Wie bei eigentlich jeder Reform, die in den letzten Jahrzehnten die Schulen getroffen haben, wird auch durch die Inklusion eher Geld eingespart wo es ausgegeben werden müsste. Man spart an den zugegeben teuren Förderschulen – die aber auch Möglichkeiten bieten, mit denen Kinder trotz ihrer Behinderungen auf die Welt vorbereitet werden. Die technischen Möglichkeiten, die es hier gibt, haben die Regelschulen nicht, man hat auch nicht so viele Betreuer, kein nichtlehrendes Personal, dass sich um die speziellen Probleme kümmert. Wem will man denn diese Aufgaben aufpfropfen? Den Mitschülern, den Lehrern, die eh schon in absurd großen Klassen unterrichten?
Den Idealismus der Grünen Jugend kann ich ja nachvollziehen, aber Förderschulen sind notwendig – einerseits sind sie es eh, weil man Schwerstmehrfachbehinderte kaum in eine Regelschule packen kann, andererseits können diese Schulen gerade geistig Behinderte, Gehörlose und Blinde viel besser auf ihr Leben vorbereiten, als man das so einfach an Regelschulen kann – die Dinger heißen nicht umsonst Förderschulen – diese Förderung funktioniert und hilft ja auch. Auch Inklusion ist eine wichtige Idee. Natürlich sollen Rollstuhlfahrer auch durch ganz normale Schulen rollen, und wenn man die Klassen endlich durch Einsatz von Geld, dass man nicht für die Rettung zockender Banken, sondern für Investitionen in die Zukunft nutzt, auf ein erträgliches Maß verkleinert, dann braucht man auch Kinder nicht aussortieren, weil sie Erziehungsprobleme haben, oder lernbehindert sind. Dann kann man auch Inklusion betreiben – aber bitte nicht auf dem Rücken der behinderten Kinder.
Ich mein, man denke mal nach. Müssen wir uns mit viel Energie um die Inklusion kümmern, wenn wir noch nicht mal eine Integration von Kindern unterschiedlicher Herkunft und elterlicher Vermögensverhältnisse hinbekommen?

Reportage aus der Zukunft

Ich lese im Moment nebenbei mal wieder „Ökotopia“, einen Science Fiction-Roman aus dem Jahre 1978. Dort wird ein Reporter in ein utopisches Land geschickt und schickt seine Reportagen zurück.  Das Buch sollte man mal als Pflichtlektüre einführen, nicht weil alle Ideen des Ernest Callenbach, so heißt der Autor, so großartig sind – einige sind es -, sondern weil man die Möglichkeit bekommt, mal ein paar Sachen anders zu denken. Diese Fähigkeit ist zu wenig ausgeprägt, und das führt dazu, dass manche Menschen sogar der Politik glauben, wenn von „Alternativlosigkeit“ gesprochen wird.

Auf jeden Fall hat mich das Buch inspiriert, in kleinem Rahmen ähnliches zu tun. Ich werde keinen Roman schreiben, aber hin und wieder mal eine Reportage aus der Zukunft. Aus einer Zukunft, wie ich sie mir wünsche, nicht mehr, aber auch nicht weniger …

Achso, ja, ich schreibe so, als ob es in der Zukunft noch Zeitungen gibt. Keine Ahnung, ob Zeitungen sterben, keine Ahnung, ob sie irgendwann im Internet ankommen, aber wir werden sehen.

Noch eine kleine Warnung, erstens,d er Artikel ist lang, zweitens, es handelt sich um eine Vision. Wenn jemand glaubt, dass Visionen zu Arztbesuchen führen sollten, dann soll er sich davon machen!

Zehn Jahre neues Bildungssystem, ein Überblick

Aus der Region.  Was wurde gekämpft, was wurde diskutiert, wie oft wurde der Untergang des Abendlandes vorhergesagt? Vor zehn Jahren wurde das Bildungssystem ermordet oder vergewaltigt, sagten damals die einen, es wurde neu gedacht, sagten die anderen.

Nun hat man sich ja ein wenig an die Neuerungen gewöhnt, viele Kritiker sind verstummt, andere sehen immer noch viele Probleme in der Bildung, verweisen auf Zahlen. Wir wollten uns die Situation mal genauer anschauen.

Der Blick geht erst mal in die Kreisstadt, in der eines der beiden Gymnasien, die beide auf eine große Tradition zurückblickten, geschlossen wurde. Das andere lebt und gedeiht. Und geht man heute in dieses Gymnasium, dann muss man auch einigermaßen genau hinschauen, wenn man die Unterschiede sehen will, die sich ergeben haben.

Es ist lauter als früher, viele Türen stehen offen, Schüler sitzen in Grüppchen auf dem Flur und arbeiten offenbar an anderen Sachen, als ihre Mitschüler.

„Wir mussten vieles umstellen“, sagt die Rektorin Julia N. auf Nachfrage. „Das Kurssystem, dass es früher nur in der Oberstufe gab, hat inzwischen die ganze Schule erreicht. Im Klassenverband gibt es Sportunterricht und die Einführungen in neue Fächer, ansonsten werden Kunst- und Theaterprojekte so geplant, dass es immer ein bis zwei Klassen sind, die das gemeinsam machen. So kommen die Schüler auch mit ihren Gleichaltrigen zusammen, so werden soziale Strukturen geschaffen. Der Fachunterricht ist ganz im Kurssystem verteilt. Und die Kurse sind sehr gemischt – eben je nach Fähigkeit.“ Am Ende von Kurstrimestern treten die Gymnasiasten zu ihren Prüfungen an. „Das ist auch ganz in Ordnung so, meint Schülersprecherin Liane F., „natürlich könnte man die Prüfungen immer machen, aber so haben wir da ein bisschen Struktur drin. Und wir sind immer ganz scharf drauf, dass alle im Kurs ein Ziel erreichen, ist sozusagen Gymnasiastenehre.“

Im Gebäude des geschlossenen Gymnasiums ist nun die Freie Schule – ein wirkliches Experiment noch vor ein paar Jahren, inzwischen aber eigentlich ziemlich gut angenommen. Die Freie Schule sieht ihre Lehrer rein als Ansprechpartner. Von der Einschulung an lernen die Schüler hier was sie wollen, haben große Schätze an Lernmaterialien zur Verfügung und arbeiten frei. Die Lehrer sind für sie da, beantworten Fragen, erzählen Geschichten und regen immer wieder auch Projekte an. So erklärt Rainer B., einer Initiatoren: „Die Projekte sind wirklich wichtig. Wenn es zum Beispiel darum geht, einen Film zu drehen, dann macht das erst mal ein Lehrer mit einer Gruppe. Er leitet an und vermittelt die grundlegenden Fähigkeiten. Beim nächsten Mal fangen dann einige der Schüler des ersten Projektes mit einem eigenen Film an, nehmen sich eine Handvoll neue Leute mit ins Boot und der vorher leitende Lehrer ist nur noch so eine Art Supervisor.“

Die Erkenntnis, dass man vieles besonders gut lernt, wenn man es anderen beibringt liegt da zugrunde, und die ist auch sonst im Schulalltag häufig zu sehen. Achtjährige, die Fünf- bis Sechsjährigen mit dem Zahlenraum bis 10 weiterhelfen sind oft die, die selbst noch nicht so fit damit sind, und sich endlich mal das Herz nehmen, ihre Prüfung nachzuholen.

Und wie steht es mit der Motivation? „Naja, die ist natürlich nicht bei jedem Schüler gleich und vor allem auch nicht an jedem Tag. An manchen Tagen passiert in manchem Raum fast gar nichts, aber sehr bald wird es langweilig – und manches Kind müssen wir nachmittags um fünf geradezu herauskehren, weil es sich gerade in der Geschichte festgebissen hat, oder weil der Englischspielkreis einfach kein Ende findet.“ B. lacht, offenbar hat er das Bild gerade vor Augen – doch auf Gegenfrage wird er ernst: Aber kommt jedes Kind mit dieser Form der Schule klar? „Die meisten schon, aber das gilt nicht für alle. Manche Kinder können mit mehr Struktur einfach besser lernen – aber das ist ja auch kein Problem, es geht hier ja nicht um Ideologie, sondern um die Kinder!“ Und die, davon kann man sich hier schnell überzeugen, wirken glücklich und gar nicht chaotisch und rabaukig, wie man das bei der Einführung der Freischule aus manchen Kreisen prophezeite.

Wie sieht das mit den anderen Schulen aus? Auf der Freien Waldorfschule hat sich gar nicht so viel geändert. „Wir haben ja noch nie auf Noten gesetzt, deswegen hat es hier nicht viel geändert, als die Benotung ganz an die Prüfungsbehörde ging.“ Ute S.  ist die Leiterin der hiesigen Waldorfschule, sie fühlt sich bestätigt: „ Wir hatten ja schon das beste Abitur im Kreis, als hier das Zentralabitur eingeführt wurde, für uns war es schon immer normal, dass von außerhalb geprüft wurde.“

Der Gesamtschule kam die neue Struktur auch relativ gut entgegen. „Wir waren schon ziemlich am Schwanken, als wir nicht mehr selbst benoteten. Zensuren sind halt schon eine Möglichkeit, auch Disziplin zu behalten. Aber wir haben schnell begriffen, dass wir mit dem neuen System gut fahren.“ Mittelstufenkoordinator Stefan P.  zieht zufrieden Bilanz. Inzwischen haben die Stufen Acht und Neun jeweils halbjährige Praktika, die dadurch gewonnenen Räume und Lehrerstunden werden sinnvoll genutzt, auch hier wird Freiarbeit inzwischen groß geschrieben, und die Lerngruppen wurden so ein bisschen kleiner. „In den Praktika sind die Schüler oft viel motivierter, fühlen sich erwachsener und mehr ernst genommen. Und den Stoff haben sie mit ihren neugewonnen Kenntnissen und dem erhöhten Selbstvertrauen bisher immer ganz locker aufgeholt. Außerdem sind die nach ienem halben Jahr oft auch ganz froh wieder einfach nur zur Schule gehen zu können.“

Eine klassische Schule mit den alten Strukturen gibt es ja in der Kreisstadt auch noch. Die Freie Christliche Bekenntnisschule mit ihrem Gymnasial- und Realschulzweig. Vor fünfzehn bis zwanzig Jahren war das die Schule, die am schnellsten wuchs. Heute mag man uns kein Interview geben. Wir sprachen mit der Elternvertreterin Luise H., und die gibt zu, dass es Probleme gibt: „Vor der Prüfungsbehörde war man stolz darauf, dass man gut erzogene Kinder hatte, dass wenigstens auf dieser Schule Disziplin noch etwas galt. Daher hatten wir auch viele Schüler, die gar nicht aus christlichen Elternhäusern stammten. Das ist nicht mehr so. Wir werden auch von der Prüfungsbehörde stark benachteiligt. Unsere Schüler erreichen bei weitem nicht mehr die Werte, die sie vorher in den zentralen Prüfungen erreichten. Ich vermute Politik dahinter.“

Eine besondere Form der schulischen Bildung sollte nun zuletzt auch noch erwähnt werden – nämlich die ohne Schule. Simon T. ist so ein „Schüler“. „Ich habe mir schon das Lesen selbst beigebracht, als ich fünf war. Seitdem habe ich genug Mathe gelernt, um die mittlere Reife angehen zu können, in den Naturwissenschaften bin ich fast auf Abiturniveau!“ Der 13jährige ist nicht unbedingt bescheiden, wenn er von seinen Fähigkeiten spricht. „Englisch kann er ziemlich gut, aber es hapert mit einer zweiten Fremdsprache und mit Politik und Geschichte beschäftigt er sich auch erst, seit er öfter bei seinem Ersatzopa ist.“ Der Ersatzopa ist ein Nachbar, dem Simon hilft, mit der neuen Technologie schrittzuhalten, und der mit ein paar einfachen Fragen bei dem Jungen Interesse geweckt hat. „Man muss ja wissen, wie die Politik funktioniert, sonst kann man ja auch nichts ändern!“ Inzwischen ist Simon da ganz anderer Ansicht, als er es noch vor ein paar Monaten war. Und was ist mit den sozialen Kontakten? „Simon geht in die Kunstwerkstatt für Kinder und Jugendliche, und ins Karatetraining. Das ist ein guter Ausgleich, und daher hat er seine Freunde. Auch wenn die auf die verschiedensten Schulen gehen.“ Simons Mutter ist mit ihrem Sohn, und der Bildungswelt offenbar ganz zufrieden. „Wenn ich bedenke, wie viele Stunden ich mich mit manchen Sachen rumgeschlagen habe, da hat Simon es schon viel einfacher.“

Eine Sache bleibt dann doch noch. Vor der großen Reform gab es eine Unmenge an Nachhilfeinstituten, was ist denn aus diesem Markt geworden? Bei der Recherche fanden wir nur noch eines. Leiter Klaus B. : „Klassische Nachhilfe machen wir fast gar nicht mehr. Hier und da für ein paar Gymnasiasten, wenn sie in einem Kurs partout nicht mitkommen, oder wenn sie länger gefehlt haben, dann noch ein paar Schüler von der Bekenntnisschule. Wir haben dafür öfter mit den Homeschoolern zu tun, den Kindern, die gar nicht zu einer Schule gehen – denen können wir dann in Fächern helfen, für die sie kein großes Interesse aufbringen können. Und dann muss halt immer noch ein bisschen gepaukt werden.“ Ansonsten scheint der Markt ausgetrocknet, seit die Prüfungen sich sehr stark geändert haben. B. erinnert sich an die Zeiten ohne Wehmut: „Als das Zentralabitur regierte, traf das Wort Lernbulimie voll zu. Es wurde nur für die nächste Prüfung gelernt. Heute müssen echte Fertigkeiten und Verständnis nachgewiesen werden, mit einem auskotzen von Wissen kommt man da gar nicht mehr weit. Aber das macht auch bei der Nachhilfe viel mehr Spaß!“

Piraten und Bildungspolitik

Jetzt bin ich ja schon einige Wochen Pirat und so langsam habe ich mich eingearbeitet. Unter anderem abonniere ich die Mailingliste der AG Bildung und habe mich auch sonst ein bisschen reingelesen. Die Bildungspolitik ist eine der wichtigen Säulen unsere Programmes, die AG wurde schon auf dem Gründungsparteitag gegründet – und alle, die immer noch glauben, die Piraten wären eine Ein-Themen-Partei, dann sollen sie sich mal den Programmteil durchlesen – ich denke, wie bei manchen Themen, kann man hier sehen, dass unser Programm immer dann, wenn es „fertig“ ist – die Anführungszeichen sagen, dass es ja nie fertig ist, diskutiert wird ja immer -, wirklich durchdacht ist, viel diskutiert und meistens auch wild umstritten.

Und es gibt viele Punkte im Programm, die ich gut finde. Ganz piratig ist natürlich die Forderung nach einer freien Zugänglichkeit der Bildung für alle – seit vielen Jahren, eigentlich schon immer haben bei uns die bessere Karten, deren Eltern Geld haben. Das ist nichts anderes als ein Versagen der Bildungspolitik. Zumindest ein Versagen der Schulpolitik aus der Sicht derer, die gleiche Chancen für alle fordern. Es gibt sicherlich auch genug Menschen, die das momentane Schulsystem für richtig halten, weil sie die Selektion gut finden, den Besitzstand wahren wollen. Aber das Grundgesetz sagt, dass wir alle die gleichen Chancen haben sollen – ach ja, dieses Grundgesetz, dass das auch immer stören muss.

Jetzt muss man sich natürlich viele Gedanken machen, wie man diesen Ansatz verwirklichen kann – und da sind wir erst mal nicht so weit von den anderen Parteien im, sagen wir links angehauchten Spektrum, verschieden. Keine Studiengebühren, freie Kindergärten – ja, jetzt kommt wieder der Einwand, wir hätten ja kein Geld, aber wir haben wirklich ein viel größeres Problem auf der Einnahmenseite als auf der Ausgabenseite, und wenn wir irgendwo zu wenig Geld ausgeben, dann im Bereich der Bildung.

Aber es gibt auch noch viele andere Fragen, die beantwortet werden, es muss Reformen geben, warum müssen Schüler Jahre ihres Lebens verplempern, wenn sie in ein bis zwei Fächern irgendwelche geforderten Leistungen nicht erbringen. Jedem Lehramtsstudenten im ersten Semester wird beigebracht, dass Kinder in unterschiedlichen Tempi lernen, warum wirkt sich diese schon lange gemachte Erkenntnis nicht auf die Schulen aus?

Oder wie ist das eigentlich mit der Demokratie? Auf der einen Seite wird da viel von gesprochen, auf der anderen Seite bestimmet der Direktor über sehr viel – und es gibt noch nicht mal ernsthafte Demokratie in den Lehrerkollegien, die Mitbestimmung der Schüler ist meistens allenfalls alibihaft, die Elternschaft hat vielleicht noch ein bisschen Einfluss, letztlich ist aber Demokratie weder bisher existent, noch wirklich gewollt. Aber wie will man denn Schüler zu Demokraten heranziehen, wenn man sie nicht vorlebt?

Das sind wichtige Punkte und wir müssen da auch wirklich weiterkommen, allerdings muss ich zugeben, bin ich auch nicht mit allem zufrieden, was die AG Bildung so schafft – vor allem, weil ich oft das Gefühl habe, dass auch in dieser AG die Basisdemokratie, die sonst so wichtig ist, eher kleingeschrieben wird. Viel zu schnell werden Diskussionen abgeblockt, durchaus nicht ohne eine gehörige Spur von Arroganz, und es ist auch immer wieder Dogmatismus zu spüren, eine Sache, gegen die ich auch schon vor meiner Piratwerdung ziemlich allergisch war.

Holen wir ein bisschen länger aus. Hier in NRW – und vermutlich nicht nur hier – krankt das Schulsystem an den Folgen diverser mehr oder weniger gut durchdachter Reformen. Schüler wurden über Jahrzehnte immer mal wieder gerne als Versuchskaninchen missbraucht, und heute ist das System uneinheitlich. Es gibt nebeneinander her das dreizügige Schulsystem mit einer langsam aber sicher versterbenden Hauptschule und daneben die Gesamtschulen, die alle Funktionen der anderen drei Schulformen eigentlich in eine packt. Und eigentlich funktionieren beide Systeme nicht wirklich. Die Gesamtschule ist zwar ein bisschen zu der Schule geworden, auf der auch Schüler, die nicht sozial besser gestellt sind, ein Abitur machen können, aber die heißt ja nicht umsonst so, also Gesamtschule – die ist eigentlich dafür konzipiert, dass da alle Schüler hingehen. Den Gymnasien wurde mit einer dilettantisch durchgeführte Verkürzung der Schulzeit richtig übel mitgespielt, die anderen Schulen bangen im Moment um ihre Existenz, wissen nicht, ob sie morgen nun Sekundarschulen, stadtteilschulen oder sonstwie heißen werden. Das Niveau sinkt seit Jahren rapide, das Zentralabitur hat zum Beispiel bei uns in der Region gezeigt, dass die Waldorfschule die besten Schnitte zustande bekommt. Die Situation ist verworren. Und woran liegt es?

Neben der chronischen Lehrerknappheit, die dazu führt, dass die Klassen absurde Größen haben, ist es vor allem das ständige Reinregieren, die ständigen ideologischen Grabenkämpfe, die um die Schulen geführt werden, die den Schulen selbst einfach die Luft zum Atmen nimmt. Es geht um Ideologien, um Dogmen – und das auf dem Rücken der Schüler. Achso, in den Hochschulen sieht es bekanntermaßen kaum anders aus, und Bologna  ist der Untergang des Abendlandes, ich denke, das ist so weit allen klar, wollte deswegen da gar nicht weiter drauf eingehen – mich interessiert die Schulpolitik auch einfach ein Stück weit mehr.

Apropos Reinregieren, ich habe ja ein wenig Einblick in den Schulalltag, arbeite mit Schulen zusammen, habe Praktika an Schulen gemacht, bin mit Lehrern befreundet – und ich weiß, wie viele Lehrer versuchen, das Beste aus den sich ständig wandelnden Verhältnissen zu machen. Aber ich weiß auch, dass die Kraft, die sie dafür brauchen, schlicht und einfach unnötig verschwendete Energie ist. Warum wird immer allen von oben vorgeschrieben, wie sie arbeiten sollen? Ich meine, sorry, aber da sind in jeder Schule akademisch ausgebildete Leute, oft mit einer riesigen Erfahrung, und da kommt irgendeine Regierung und erzählt ihnen, wie sie gefälligst zu arbeiten haben? Das macht die Schule ja zu einem unglaublich attraktiven Arbeitsplatz. Ganz nebenbei sind die Reformen von oben immer Sachen, die von manchen nicht verstanden, von anderen nicht akzeptiert und von fast allen nicht mit dem Herzen vertreten werden, das ist eine beschissene Grundlage für gutes Arbeiten.

Das Problem ist nun, dass wir als Piraten beginnen, die gleichen Fehler zu machen. Dogmatisch wird eine einzügige Schule gefordert, ein Kurssystem, Abschaffung von Noten ist im Moment groß in der Diskussion – alles keine dummen Sachen, aber warum zum Teufel sollte man so was den Schulen vorschreiben? Wir reden von Basisdemokratie, wir reden von pluralistischer Gesellschaft, und dann wollen wir den Schulen vorschreiben, wie sie sich zu demokratisieren haben? Wie sie Unterricht gestalten sollen? Wir wollen also mit genauso viel Dogmatismus und Ideologie an die Schulpolitik herangehen, wie die Etablierten, deren Fehler wunderbar kopieren? Manchmal hackt es echt.

Was wir tun sollten, ist etwas anderes. Wir sollten die Schulen befreien! Wir sollten bundesweit gleiche Rahmenbedingungen schaffen, die unsere Grundsätze von Gleichheit und Freiheit, von freiem Zugang und Basisdemokratie den Schulen zugänglich macht. Und wenn es in diesem Rahmen fünfzig verschiedene Schulformen gibt – Menschen sind einfallsreich, wir sollten das eigentlich wissen – dann gibt es halt fünfzig verschiedene Schulformen, die Kindern und Jugendlichen Bildung ermöglichen. Aber wir sollten NICHT in die Schulen reinregieren, wir sollten NICHT die heutigen Erkenntnisse in Marmor gießen und sie dogmatisch den Schulen aufoktroyieren – in spätestens zehn Jahren wird es neue Erkenntnisse geben und die nächsten Reformen werden wieder Schüler zu den Leidtragenden machen.

Ich glaube, das geht, in dem man alle offiziellen Prüfungen aus den Schulen herausholt, Lehrern die Benotung nimmt, den Benotungsdruck nimmt. In dem man externe Prüfungsbehörden installiert, die allerdings bitte deutlich intelligenter prüfen sollten, als das mit den heutigen zentralen Prüfungen und Zentralbituren geht. Erstens dürfen die eigenen Lehrer einfach nicht korrigieren, zweitens muss es auch möglich sein, Prüfungen anders abzulegen, als durch Klausuren, die immer mehr zu einer Reproduktion schnell auswendig gelernten Wissens wird – Stichwort Lernbulimie. Auch da hoffe ich auf Kreativität. Man muss Schüler ganzheitlich und nachhaltig bilden, oder besser noch, ihnen alle Hilfen geben, sich selbst ganzheitlich und nachhaltig zu bilden. Ich bin mir sicher, dass das möglich ist, und dass der größte Teil der momentanen Lehrerschaft nichts lieber angehen würde, als genau das. Wir sollten ihnen genau die Freiheit geben, die sie den Schülern geben sollen, die Möglichkeiten zur Demokratie, zur Kreativität, zu eigenen Wegen. Weg vom Dogmatismus!

Sechs Jahre Grundschule

Tja, jetzt hatten wir in letzter Zeit zwei Plebiszite, und so, wie mich das Ergebnis des ersten erfreut hat, so hat mich das des zweiten geärgert. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, warum so viele Volksabstimmungen als eine großartige Sache anpreisen, die in Hamburg zeigt ja, dass man mit Panikmache gegen jedes sinnvolle Argument gewinnen kann – von Minarettverboten in der Schweiz ganz abgesehen – wer hat’s erfunden?

Aber eigentlich wollte ich mal kurz auf die Idee der Grundschule eingehen, die sechs Jahre dauern sollte, wenn man in Hamburg nicht lieber einen kräftigen Schritt nach hinten gegangen wäre. Die Grundschule, so, wie ich sie in meiner Arbeit als Theaterpädagoge erlebe, und da mein bester Freund auch noch ein engagierter Grundschullehrer ist, bekomme ich auch hier ein Bild, die Grundschule also ist ein Schonraum im Bildungssystem. Über Jahre arbeiten die Pädagogen hier daran, dass Schüler selbstständig lernen, dass sie Sozialkompetenzen erwerben, dass sie die Grundlagen bekommen, mit denen sie bald durchstarten können. Das Problem ist nur, dass die Kinder nach nur vier Jahren schon aus diesem Paradies in die Schulen geschickt werden, die eher mit der Hölle des guten alten Frontalunterrichts punkten wollen. Die Kinder, die die Grundschule verlassen, müssen viel zu früh Jugendliche werden, weil sie nun in die Welt der Jugendlichen, der Bravo und der schlechten Vampirfilme geraten – und je nach Schule gibt es auch noch viel schlimmere Verhältnisse, an die sich Kinder gewöhnen müssen, die dafür aber eigentlich mindestens zwei Jahre zu jung sind. Überall auf der Welt unterrichtet man die jungen Schüler anders und länger, nur im deutschen Sprachraum macht man so einen Quatsch.

Hier könnte man übrigens auch von der Walddorfschule lernen, die ihre Schüler die ersten sieben Jahre in festen Klassen mit einem Klassenlehrer und ohne das eh meistens sinnfreie Sitzenbleiben unterrichten, in diesen sieben Jahren werden die Kinder vielfach praktisch angeleitet, es wird ein Fundament gelegt, auch wenn das wissenschaftliche Arbeiten noch gar nicht so sehr vorangetrieben wird – die Schüler sind am Anfang der achten Klasse hinter dem Gymnasium zurück, haben aber ein so gutes Fundament, dass sie – ich seh das am Beispiel der örtlichen Walddorfschule in meinem Landkreis – im Abiturschnitt vor den Gymnasien liegen – von den Gesamtschulen reden wir lieber nicht, die sind in der Parallelexistenz mit dem dreigliedrigen Schulsystem eh nicht konkurrenzfähig, da sie eigentlich nur Schüler abbekommen, bei denen es nicht fürs Gymnasium reicht – eigentlich erstaunlich, dass trotzdem noch so viele Gesamtschüler Abitur machen. Ein ähnlich gutes Fundament könnten mit ein bisschen finanziellem Wohlwollen der Schulministerien auch die Grundschule bieten – nicht mit dreißig Schülern und mehr in den Klassen, wer das verantwortet, gehört wegen Veruntreuung der vorhandenen geistigen Potentiale der Schülerschaft aus dem Land gepeitscht. Mit einem solchen Fundament und einer sinnvollen Reform der weiterführenden Schulen wäre auch das Abitur nach zwölf Jahren problemlos möglich und nicht der Hauptgrund, weshalb ich als Nachhilfelehrer immer Überstunden schieben muss.

Leider wird die sechsjährige Grundschule auch bei uns in NRW und wahrscheinlich großflächig in der wüsten Schullandschaft Deutschlands eine Fata Morgana bleiben – sie wäre ein sinnvoller Schritt in Richtung einer besseren Schulsituation.


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