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Wir sollten eine Diskussion führen …

… und die sollte sich mal nicht um irgendwelche rechten Spinner drehen – auch wenn die mich kotzen lassen -, die sollte sich auch nicht um unsere Kernthemen drehen, da kümmert sich ja die Gruppe 42 schon drum, oder so.

Nein, ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster, ich möchte mich um die Frage der Wirtschaftspolitik kümmern. Das hat auch einen Hintergrund, denn ich habe etwas erklärt bekommen, was ich sehr spannend finde. Es sei auch eingeschoben, dass ich prinzipiell keine Ahnung von Wirtschaft habe. Ich versuche es zu verstehen, der geneigte Leser kann selbst entscheiden, wie weit ich damit gekommen bin.

Es gibt ein wirtschaftliches Dilemma. Es ist das Dilemma zwischen Volks- und Betriebswirtschaft. Diese beiden Zweige stehen sich konträr gegenüber. Die Volkswirtschaft sagt etwas ganz spannendes. Je mehr Menschen ein Gehalt haben, je mehr Geld im Flusse ist, desto besser geht es einer ganzen Volkswirtschaft. Klingt auch prinzipiell logisch. Je mehr Geld ausgegeben wird, desto mehr wird konsumiert, desto mehr wird also auch produziert – also gehen die Geschäfte aller besser. Klingt für mich sehr einleuchtend.

Die Betriebswirtschaft sagt etwas sehr menschenfeindliches: Je weniger Menschen in einem Betrieb arbeiten, desto mehr Gewinn kann der Betrieb machen. Das ist genauso kurzsichtig, wie es klingt, denn es führt ja automatisch dazu, dass weniger Menschen Geld in den Händen halten, also weniger ausgegeben wird. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass das Geld ja nicht verschwindet. Auch wenn inzwischen gegen ganze Länder gewettet wird, das Geld wird nicht verbrannt, das stecken sich irgendwelche Zocker in die Taschen. Bei jedem Börsencrash gibt es auch viele Menschen, die mit einem breiten Grinsen aus der Sache rauskommen – weil sie den Gewinn ihres Lebens gemacht haben. Also existiert das Geld irgendwo und die können es ja auch ausgeben – aber wie viel  Geld kann man ausgeben?

Die Rechnung ist ja ganz einfach – hat ein Mensch im Monat zweitausend Euro, wird er sie größtenteils ausgeben, hat jemand fünfzigtausend Euro im Monat, dann kann er vielleicht im Schnitt die Hälfte davon ausgeben, aber dazu muss man sich schon anstrengen. Mehr Geld verdienen ist dann eh schon pornös. Irgendwann kommt man aber sicher inBereiche, in denen Vermögen nur noch wächst, egal was man macht – und das ist der Punkt, an dem jemand volkswirtschaftlich zur Katastrophe wird.

Nun, halten wir fest: Die Volkswirtschaftler gehen davon aus, dass Wirtschaften am besten funktionieren, wenn alle Geld in den Händen halten. Dafür gibt es auch Beispiele. Nach Katastrophen und Kriegen gibt es regelmäßig wirtschaftlich unglaublich gut funktionierende Zeiten – es gibt dann weniger Menschen, alle haben Arbeit, weil wieder aufgebaut werden muss, und so haben alle Geld in den Händen – Zeiten kommen automatisch, die später legendär werden. Von Barock bis Babyboomers.

Jetzt ist das Herbeiführen von großen Katastrophen wie dem Zweiten Weltkrieg durchaus auch unter kräftiger Mitwirkung der Industrie passiert, aber  man schreckt doch von Wirtschaftsseite eher davor zurück. Wie also könnte man sonst in solch paradiesische Zeiten kommen? Es gibt eine Gruppe von Menschen, die auf dieser Seite erzählen, wie es gehen könnte: http://www.bandbreitenmodell.de

Der Grundgedanke ist so einfach, dass sogar ich ihn verstanden habe. Den größten Teil der Steuern, so wie es sie heute gibt, wird einfach abgeschafft, man arbeitet in Zukunft nur noch mit einer Steuer, und das wäre eine Umsatzsteuer. Die wird auf alles erhoben und ist nicht wie die Mehrwertsteuer  – erst mal das Wort googlen – vorsteuerabzugsfähig. Ist das jetzt das richtige Wort? Egal, es meint: Die Umsatzsteuer wird auf alles erhoben und die Steuer, die der Lieferant zahlt, hat keinen Einfluss auf die Steuer, die der Verarbeiter auf seinen Umsatz zahlt.

Ja, gut, das löst natürlich noch gar kein Problem, aber der zweite viel interessantere Gedanke ist dieser: Die Umsatzsteuer richtet sich danach, wie viele Arbeitnehmer der Unternehmer beschäftigt, also relativ auf den Gesamtumsatz bezogen. Beschäftigt er zu wenige, dann macht die Umsatzsteuer seine Produkte so scheißeteuer, dass niemand mehr kauft.  Mehr Mitarbeiter wären also eine Möglichkeit, die Waren billiger zu machen. Die Betriebswirtschaftslehre würde genau auf den Kopf gestellt. Mitarbeiter als Steuerabschreibungsmodell und als positiver Kostenfaktor.

Und was machen die Unternehmer mit den ganzen Mitarbeitern? Na ja, da geht es dann mit den Gedanken weiter.  Es sollen Mindestlöhne für Vollzeit- und Teilzeitkräfte festgelegt werden, dazu noch ähnliches für Auszubildende und Abwesende. Abwesende? Richtig, wir gehen ja schon seit einigen Jahrzehnten davon aus, dass dank der Automatisierung vieler Prozesse immer weniger Arbeitskräfte gebraucht werden. Sieht man, wie sehr die Regierungen der letzten Jahre in die professionelle Beschönigung von Arbeitsmarktstatistiken eingestiegen sind, dann weiß man, dass das auch gar nicht so weit her geholt scheint. Der Ansatz des staatlichen BGE ist letztlich eine gute Grundidee, die an der Umsetzung scheitert – und wenn die Sozialpiraten jetzt von einem BGE kurz über H4-Satz reden, dann ist das letztlich nur ein Festschreiben der jetzigen sozialen Verhältnisse mit einem menschlicheren Umgang mit den Armen. Tut mir leid, mir reicht das nicht.

Die Idee des Bandbreitenmodells spricht von zweitausend Euro für jeden abwesenden Mitarbeiter – und natürlich deutlich mehr Geld für die, die arbeiten. Ich habe keine Ahnung, ob das geht. Ich erkläre hier das Modell so gut ich es kann, und ganz ehrlich, ich bin Mathematiker genug, dass ich nicht an ein Perpetuum Mobile glaube, und auch nicht an eine eierlegende Wollmilchsau – und deshalb suche ich noch nach den Fehlern, die das Bandbreitenmodell außer seines eher seltsamen – und sich nicht wirklich erklärenden – Namens noch so haben könnte. Ich möchte hier Diskussion, ich möchte, dass sich damit viele auseinandersetzen, vielleicht, damit alle überzeugt werden, vielleicht damit wir noch Verbesserungen anbringen können, vielleicht um mit dieser auf jeden Fall spannenden und neuartigen Idee im Hinterkopf auf ein noch besseres System zu kommen.

Also weiter: Alle anderen Steuern außer der Umsatzsteuer sollen wegfallen, auch Abgaben für Rente und Gesundheit und so weiter. Auch Rentner könnten ja durchaus abwesende Arbeitnehmer sein – und sonstige Erwerbsunfähige, und Eltern, die sich ein paar Jahre lieber um ihre Kinder als um Arbeit kümmern wollen, und und und … Das Gesundheitssystem wird laut Bandbreitenmodell eine Art staatlicher kostenloser Versicherung mit Selbstbeteiligung, die zehn Prozent des Jahresgehalts nicht überschreiten kann.

Und jetzt kommt die große Frage: Wie soll sich der Staat denn das leisten? Ganz einfach, er nimmt über die Umsatzsteuer ungefähr das Doppelte ein, was er heute einnimmt. Die Verfechter des Bandbreitenmodells, das von Jörg Gastmann erdacht wurde – Ehre, wem Ehre gebührt -, wollen gerne auch hohe Vermögen besteuern – das wäre allerdings kein Muss. Durch die deutlich höheren Einnahmen, die auch noch mit dem Wegfall eines großen Teils der Steuerbürokratie  einhergehen würden, wären Investitionen möglich,  wie man sie seit den 70ern nicht mehr gesehen hat – und öffentliche Investitionen in großer Höhe treiben ja die Wirtschaft immer gleich auch noch mal kräftig an.

Warum kann das denn funktionieren? Wenn so kräftige Umsatzsteuern bezahlt werden müssen, wird dann nicht alles unglaublich teuer? Ja und nein – ich vermute auch, dass es ohne Preissteigerungen nicht geht. Aber die würden mit deutlich gestärkter allgemeiner Kaufkraft einhergehen – die Schätzungen gehen unter anderem auch davon aus, dass sich die Umsätze der Unternehmer noch mal deutlich erhöhen. Gewinne würden vermutlich sinken – aber da es keine Steuern mehr gibt, die unabhängig vom Umsatz sind, könnten die auch niemanden ruinieren.

Der wichtige Gedanke ist, dass der Inlandsumsatz für alle Unternehmen nicht nur dann großartig würde, sondern dass er schon heute viel wichtiger als der immer gepriesene Export ist. Wenn ein Konzern in Deutschland Geschäfte machen möchte, dann muss er hier auch Menschen beschäftigen – und zwar richtig viele. Aber das schöne ist eben, dass große Konzerne auch nicht auf Deutschland als Markt verzichten können.  Es wäre vermutlich eher so, dass eine Menge Konzerne ihre Zentralen nach Deutschland verschieben – da sie hier ja eben nur die Umsatzsteuer bezahlen, die sie eh bezahlen müssen. Vielleicht hätte Deutschland sogar die Macht, die ganze EU in das gleiche System hineinzuzwingen, einfach aufgrund des Erfolges. Aber jetzt versteige ich mich – ich versuche das Modell zu Ende zu denken, ohne alles verstanden zu haben.

Noch mal in kurz: Wer sich am Markt Deutschland beteiligen möchte, muss hier Menschen beschäftigen. Dadurch steigt die Beschäftigung auf voll – auch wenn viele Menschen dabei abwesend sind. Rentner und Arbeitslose, Studenten und Erwerbsunfähige werden durch die Wirtschaft alimentiert – und zwar auf einem Niveau, von dem man leben kann. Dafür gibt es nur noch eine Umsatzsteuer, einen verhältnismäßig reichen Staat, der vernünftig in Infrastruktur investieren kann und damit Unternehmen auch die besten Verhältnisse anbieten kann.

Ich möchte jeden, der bis hierhin durchgehalten hat, bitten, sich die Internetseite die oben verlinkt ist, durchzulesen. Ich möchte vor allem die, die meinen, dieses System wäre völliger Schwachsinn, bitten, ihre Gegenargumente zu bringen, zu sagen, warum das nicht ginge. (Mal davon abgesehen, dass da einige Lobbys aus Prinzip gegen sein werden) Bitte schreibt Jörg Gastmann an und fragt, diskutiert hier in den Kommentaren, diskutiert auf Mailinglisten und sonst wo.  Ich bin Pirat, ich bin gern Pirat, und ich habe keinen Bock mehr darauf, dass wir in diesem wichtigen Feld keine neue Idee haben, die wir den Etablierten um die Ohren hauen können – die letzten Jahre und die hilflosen Herumbasteleien an der Wirtschaft haben vor allem gezeigt, dass die kein Programm haben, keine Antworten, sie wissen doch ehrlich gesagt noch nicht mal, wie die Fragen sind. Wie großartig wäre es, wenn wir mit diesem Modell, mit einer Modifizierung, wie auch immer, ein überzeugendes Gegenmodell hätten?