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Eisblumen – Vom Widerstand in kalter Zeit

Nach langer Zeit habe ich wieder mal ein altes Theaterstück von mir auf archive.org hochgeladen. ich hatte das ja mal mit allen Stücken vor, bin aber in dieser Hinsicht stark gehemmt, da ich grundsätzlich recht depressiv werden, wenn ich im Moment über das Thema Theater nachdenke.

Eisblumen, das man jetzt als pdf runterladen kann, ist nun schon bald acht Jahre alt und wurde einmal stark überarbeitet, weil ich es vor zwei Jahren noch mal neu inszeniert habe. Trotzdem ist es immer noch eine eher kurze Theatercollage, deren Formatierung grausig ist und das an vielen Ecken merken lässt, dass ich damals eine sehr knappe und fragmentarische Arbeitsweise hatte. Ich habe mich seitdem einige Mal verändert, würde heute sicher einiges anders machen, aber trotzdem halte ich es nicht für Unfug, die Collage öffentlich zu machen.

Es stecken einige spannende kleine Szenen drin, es gibt ein bisschen was unterhaltendes, bevor ich gegen Ende den Vorschlaghammer nehme und auf jede Tränendrüse einschlage, die ich finden kann. Der damalige Hauptdarsteller, mit dem ich heute zusammen podcaste, sagt da immer, dass ich ja ein alter Schaubudenbesitzer bin, der da gerne mal mit der Keule kommt.

Eisblumen ist übrigens kein Geschichtsstück, dass die Betroffenheitsnummer durchziehen will, mich interessierten die Geschichten derjenigen, die damals gegen den Faschismus gekämpft haben, und ich erzähle Geschichte gerne mit Geschichten. Also gute Unterhaltung beim Lesen … und vielleicht mag es ja auch noch mal jemand aufführen. Dann bitte bescheid sagen, die Aufführungsrechte sind in der CC-Lizenz nicht drin .

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Quick – ELDE-Haus

Da ich gerade mein Stück „Eisblumen“ über Widerstand im Dritten Reich neuinszeniere, war ich heute mit meinem Schülerensemble in Köln und habe eine Stadtteilführung geordert, die vom NS-Dokumentationszentrum im titelgebenden ELDE-Haus angeboten wurde.
Ein netter und kundiger Herumführer erzählte viele interessante Geschichten aus der Geschichte, wir haben gesehen, wo der Bunker war, an dem sich die Edelweißpiraten trafen, haben die Stelle gesehen, wo der Galgen stand, die Bilder und die Bronzetafel, die an die Jugendlichen erinnern, die auf offender Straße in Köln-Ehrenfeld gehenkt wurden. Wir haben ein bisschen vom Leben vor siebzig Jahren imaginieren können, und das ist schon wichtig, wenn man die Menschen von damals spielen will.
Und dann das ELDE-Haus, das Gestapo-Hauptquartier in Köln. Und dann steht man da im Keller schaut in die winzigen Zellen, in denen man kaum zu zweit sein möchte, und in denen bis zu zwanzig standen, dicht gedrängt, ohne Möglichkeit sich zu setzen, legen oder was auch immer. In dem es als Toilette nur einen Eimer gab. Und langsam werden alle still und ein bisschen bleich. Und es geht ein Fenster zur Straße raus, jeder in Köln-Zenrtum hat die Schreie hören können – und man fragt sich ein bisschen, ob man Köln immer noch so mag.
Es kommt wieder mal der Moment, in dem man fassungslos davor steht, dass das Nazi-Regime ja nicht irgendwo war, sondern direkt hier bei uns. Dass es unsere Vorfahren waren, die so unmenschlich waren, dass man schreien könnte, wenn man es sich nur kurzzeitig vor Augen hält. Das man jetzt einfach so eine Straße entlang geht, wo vor zwei Generationen noch Jugendliche aufgehängt wurden, wo man einen Teil der Bevölkerung in Gaskammern trieb.
Und wir haben nichts daraus gelernt. Die Rassisten ersetzen einfach Juden durch Muslime und fangen genauso an, die Nachfolger der Nazis reden davon, dass Links und Rechts gleich schlimm sind – und es fehlt einfach an den Beate Klarsfelds dieser Welt, die alle Ohrfeigen könnten, die auf diese Art so gedankenlos den Holocaust verharmlosen.
Wir müssen uns langsam aber sicher darüber klar werden, dass Leute wie Marcel Reich-Ranicki nicht mehr lange da sein werden, um so richtig zu dem Thema zu sprechen, wie er es gerade getan hat. Wir haben bald niemanden mehr, der dabei war. Wir müssen jetzt selbst den Arsch hoch kriegen und das Vergessen bekämpfen. Wenn wir es nicht tun, dann haben wir nichts gelernt, dann sind wir verantwortlich für die Taten unserer Kinder.

Wo sind wir eigentlich?

Hm, also manchmal hört man Geschichten, und fragt sich, was in unserem Land so los ist. Es geht um die Geschichte einer Freundin, die sich gerade auf Ausbildungsstellen für Heil-/Erziehungspflege bewirbt. Da sie künstlerisch aktiv ist, und auch in meinem Theaterstück „Eisblumen“ mitgewirkt hat, hat sie seltsame Interessen, zum Beispiel interessiert sie sich für das Thema „Edelweißpiraten“, was ich gut verstehe, da ich nicht nur ein Theaterstück zum Thema geschrieben habe, sondern auch einen Blogeintrag.

Nun wurde diese Freundin morgens um acht Uhr von einer dieser Schulen – wo sie sich beworben hat –  angerufen, und ihr wurde mitgeteilt, dass sie gar nicht zum Vorstellungsgespräch erscheinen müsste. Die Gründe seien erstens ihre Vergangenheit als Pflegekind, und zweitens ihr Interesse eben für die Edelweißpiraten.

HALLO! GEHT ES NOCH?!?!?

Sind die eigentlich völlig krank im Hirn? Ohne Scheiß, es geht hier um eine Einrichtung der evangelischen Kirche, nicht um eine der NPD. Aber das scheint sich in diesem Fall nur marginal zu unterscheiden.

Also erstens sollte eine Schule für Heilerziehung eigentlich wissen, dass ehemalige Pflegekinder nicht per se schlechtere Menschen sind, auch wenn die diversen Jugendämter gerne an so was arbeiten. Das ist Diskriminierung … und zweitens ist das Interesse an einem geschichtlichen Thema wie den Edelweißpiraten ja wohl kaum ein Nachteil. Und eine gedankliche Nähe an eine Gruppe Widerständler gegen Nazis ist auch eigentlich eher ein Vorteil für eine pädagogische Ausbildung als ein Hinderungsgrund – das ist politische Repression, sagt zumindest der ehemalige Jurist der gerade durch das Zimmer hier tigert.

Sorry, aber ich kann definitiv null Verständnis aufbringen, gar keines, noch weniger … der Verantwortliche gehört fristlos gekündigt, sonst nix …

Edelweißpiraten – der jugendliche Widerstand im Dritten Reich

Schließ Aug und Ohr für eine Weil vor dem Getös der Zeit

Du heilst es nicht und hast kein Heil, als wo dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehn im Tag die Ewigkeit.

Du bist schon so im Weltgeschehen befangen und befreit.

Die Stunde kommt da man dich braucht. Dann sei du ganz bereit.

Und in das Feuer, das verraucht, wirf dich als letztes Scheit

(Friedrich Gundolf)

Ich hab eben irgendwo mitbekommen, dass der Film „Edelweißpiraten“ die Tage auch mal im Fernsehen kommt. Ist für mich ein Grund, mal etwas darüber in meinen Blog zu schrieben, denn ich kenn mich ein bisschen mit dem Thema aus, und ich finde, dass es viel zu wenig im Netz darüber zu lesen gibt.

Der Name „Edelweißpiraten“ ist einer von vielen Namen für eine Bewegung, die sich in den Großstädten der Nazizeit gegen die Obrigkeit wandten. Mehrere „Generationen“ – die ja in Jugendbewegungen sehr kurz sind, also bestenfalls vier Jahre – sogenannter bündischer Jugendlicher kämpften gegen die Vereinnahmung durch die HJ – die teilweise die gleichen Lieder sangen – und wurden im Krieg so politisch, dass sie Juden versteckten, Zwangsarbeiter mit Essen versorgten und jede Menge Parolen und Flugblätter den Menschen zum Lesen gaben, die leider nur zu selten lesen wollten. Als es hart auf hart ging, kamen auch ein paar Nazischergen um, von jungen Edelweißpiraten erschossen. Das Regime schlug zurück und henkte eine ganze Gruppe junger Leute, deren jüngste Mitglieder gerade mal sechzehn Jahre alt waren. Tatort war Köln-Ehrenfeld.

Ganz nebenbei, die anerkannte Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“, die so gerne von Konservativen, von Gebildeten und der medialen Öffentlichkeit in den Vordergrund gespielt werden, kamen auch aus der bündischen Jugend, Hans Scholl war Mitglied von d.j.1.11, einer großen bündischen Jungenschaft, die wie viele andere auch bei der Gleichschaltung verboten wurde. Allerdings waren die Scholls und ihre Freunde Studenten, gebildete junge Leute, und ein Professor wurde ebenfalls vom Regime hingerichtet. Das kommt natürlich gut. Die jungen Edelweißpiraten kamen aus der Arbeiterschicht, waren nicht gebildet und wurden von der Gestapo zu Kriminellen gemacht. Nach dem Krieg waren die gleichen Leute in den Ämtern verantwortlich, die es auch während des Krieges waren. Und man glaubte natürlich den Beamten eher, als den jungen Leuten, die ja schon mal rechtskräftig verurteilt waren. Einer der hingerichteten Jungen – Bartholomäus „Barthel“ Schink, sechzehn Jahre – bekam früher seinen Stein in Yad Vashem, wurde einer der Gerechten unter den Völkern – was verdammt noch mal zu wenige Deutsche verdienten – als das er vom deutschen Staat als Verfolgter des Naziregimes anerkannt wurde, als das Todesurteil offiziell zurückgenommen wurde.

Die Jugendlichen, deren größte Zentren die Rhein-Ruhr-Region und Berlin waren, und deren Taten in Köln am bekanntesten wurden, gehörten also der bündischen Jugend an, lasen Karl May, sangen zur Klampfe ihre Lieder, zogen sich bunt an und waren streng gemischt unterwegs – ganz im Gegensatz zur Hitlerjugend, wo es ganz strikte Geschlechtertrennung gab. Schon in den dreißiger Jahren hatten die bündischen Gruppen, die sich Latscher nannten, oder Navajos oder Nerother, viel Stress mit den HJ-lern, und oft gab es gegenseitig kräftige Prügel. Richtig politisch war das nicht, die Bündischen wollten vor allem in Ruhe gelassen werden. Ein bis zwei „Generationen“ später wurde das anders. Als Zwangsarbeiter überall in den Industrieregionen verhungerten, als die Juden deportiert wurden, als die Jugendlichen das Ausmaß der Verbrechen – und ich meine hier allein die Verbrechen, die jeder hätte sehen können, die haben ja prinzipiell schon gereicht – da versuchten diese Jugendlichen, die von irgendwoher den übergreifenden Namen „Edelweißpiraten“ bekamen, etwas zu unternehmen. In Köln gab es unter anderem ein paar spektakuläre Aktionen, zum Beispiel entgleiste einmal ein Zug, zum Beispiel flogen mal Flugblätter aus der Kuppel des Hauptbahnhofs.

Die Jugendlichen haben damals ihre Hinterteile aufgerissen, um für die Freiheit zu kämpfen. Sie haben abenteuerlich gelebt, dieses Leben geliebt und sind reihenweise in Strafkompanien an der Front verreckt. Und die Überlebenden haben nach dem Krieg keinen Dank gehört, sie wurden verschrieen und viele von ihnen haben sich verleugnen müssen. Nur wenige haben ihre Fahrtennamen stolz getragen, nur wenige haben ihre Geschichte erzählt. Jede Geschichte, die heute noch erzählt werden kann – auch die jüngsten Edelweißpiraten sind nun an die Achtzig – muss erzählt werden, muss aufgeschrieben werden, muss gelesen werden. Es gab eine Menge junger Leute, die was gegen die Nazis getan haben, und die waren oft Helden im Kleinen. Wir müssen dieser Helden gedenken, und das laut, denn wie heißt es? Der Schoß ist fruchtbar noch …

Hier habe ich mal für Media-Mania.de über das gleiche Thema geschrieben, da gibt es auch viele Literaturangaben: http://www.media-mania.de/index.php?action=artikel&id=33&title=Edelweisspiraten_-_der_andere_Widerstand



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