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Elisabeth – Düsseldorf – Capitol – Derniere

Ja, da war ich – weil ich endlich mal Elisabeth on stage und nicht on DVD erleben wollte, wo man ja nur die Hälfte mitbekommt. Und ja, endlich war es mal wieder ein Erweckungserlebnis, eine Regie die grandios ist, ein Musical, das Schwächen, aber auch große Stärken hat, ein Bilderreigen, der wieder für ein paar Wochen die Begeisterung fürs Theater auf 150 Prozent bringt.

Elisabeth hat keine Schwächen? Oh doch, klar, vor allem musikalische. Leitmotivik mag eine schöne Sache sein, doch so ganz ohne große Variation die immer gleichen Melodien auf Publikum loszulassen, ist manchmal auch anstrengend – zumal die Kernmelodie, Elisabeths „Ich gehör nur mir“ eine überaus kitschige ist, die an Fernsehmusik aus den 80ern erinnert. Überhaupt gibt es eine zu große Menge Balladengeschwafel, einige davon sind auch wirklich ganz gut, aber dann irgendwann in der Menge und im Reprisenreichtum anstrengend. Daneben ist Kaiser Franz-Josef leider eine völlig untheatrale Rolle, ein Waschlappen, der keine Kraft hat, der kein Charisma haben darf, der dann aber eben auch das Publikum nur peripher tangiert.

Aber es gibt ja auch die boshaften Nummern, die tollen Ensembles, die großartige dramaturgische Idee, den Tod als Liebhaber Elisabethens einzubauen – und in diesem Fall auch eine ziemlich coole Sau, die den Lucheni spielt, großartige Leistung. Aber vor allem muss man dankbar sein, dass die ursprüngliche Inszenierung von Harry Kupfer gespielt wurde, düster romantisch, mit vielen witzigen Momenten und Ideen gespickt, mit einer Choreographie, die mich zum Tanzfan macht – natürlich hat das eine starke Künstlichkeit, aber die ist quasi in die Dramaturgie der Stückes ja schon eingebaut und wirkt daher völlig richtig. Das Pferdeballett, dass die (wunderbare) Erzherzogin Sophie mit ihren Truppen aufführt, ist so nah an der Lächerlichkeit, und dennoch schlicht großartig – was für ein schmaler Pfad, wie großartig beschritten! Hier kann man Regie sehen, wie sie sein soll, einfallsreich, dem Stück dienend, und doch anspruchsvoll und sich der Sprache des Theaters virtuos bedienend.

Das Personal an diesem Dernierenabend ist zu einem sehr großen Teil sehr gut – allein, der Tod kann nicht überzeugen – zu weich die Stimme, zu sehr Milchbubi – leider setzen sich überall diese jungen Sänger durch – ich musste mir auch schon mal einen sehr ähnlich mädchenhaften Helden im Starlight Express anschauen – aber so einer wird nie zum Helden, sorry. Elisabeth hingegen, wirklich gut! Und da stört auch ein vergeigter Ton nicht, diese Elisabeth, die auch richtig aussich raus kommen kann, ist wirklich überzeugend.

Was mich als halbwegs klassisch ausgebildeten Sänger ein wenig anstrengt, ist die völlige Hinwendung zum Shouting, einer Gesangsart, in der eben hauptsächlich geschrien wird, kontrolliert zwar, aber doch eben geschrien – da gibt es dann doch einige Momente, in denen der Gesang einfach zu hart wird, nicht mehr gut klingt, eigentlich gar nicht klingt.

Trotz der Kritikpunkte, Elisabeth war ein Erlebnis, ein starker Theaterabend, einer dieser Momente, in denen man wieder wo wirklich weiß, warum man sein Herz an das Theater verloren hat.

Marie Antoinette – Musical … oder so …

Michael Kunze und Sylvester Levay waren als Texter und Komponist ja schon erfolgreich, als sie noch keine Musicals schrieben, aber man muss ihnen einen großen Verdienst zuschreiben, mit Elisabeth zeigten sie, dass Musicals auch dann erfolgreich sein können, wenn ihre Originalsprache Deutsch ist.

Ich bin vor ein paar Tagen über ihr neuestes Musical gestolpert, und habe mir die CD gekauft, konnte mal wieder einfach nicht dran vorbei. Ich bin seit vielen Jahren schon ein großer Liebhaber des Musiktheaters und meine Wurzeln liegen beim Musical – meine Sammlung an Musical-CDs ist dementsprechend sehr groß – und nun kam also Marie Antoinette dazu.

Und gleich ab damit in den Giftschrank!!

Machen wir mal eine kleine Umleitung: Ich kann nicht sagen, dass ich je ein riesiger Fan der Kunze/Levay-Musicals war, am ehesten noch von Mozart, und natürlich war ich von Elisabeth auch beeindruckt. Sowohl bei Mozert als auch bei Elisabeth gab es einen wirklich cleveren dramaturgischen Clou – bei Elisabeth war es der Tod, der personifiziert eine Liebesaffäre mit der lieben Sisi haben darf – das bedingt zwar, dass ihr Gemahl, der Kaiser, zu einer der schwächsten Musicalrollen aller Zeiten wird – der totale Waschlappen – aber da geht einiges ab, was wirklich interessant ist, da gibt es gute dialogische Songs, eine Menge derben Humors und viele weitere Bosheiten – lustvoll wird mit der Sissi-Seligkeit aufgeräumt – und auch musikalisch steckt da eine Menge drin. Auch, nun ja, wenn ich zugeben muss, es gibt ein paar Stellen, die ich nicht mehr hören kann, und es gibt auch ein paar Texte, die wiederum selbst hart am Kitsch sind.

Bei Mozart gab es auf der Bühne einen kleinen Mozart, das Idealbild Amadé, der mit dem quasi erwachsenen Wolfgang kontrastiert – der Clou kommt zwar bei der Musik – und ich gebe ja gerne zu, ich habe es nicht gesehen – eigentlich gar nicht vor, aber auch hier haben wir wieder tolle Dialoge, die einfach gut in die Musik hineinspielen, hier gibt es Witz und auch mal was schönes.

Danach kam Rebecca, was mich schon deutlich weniger faszinieren konnte – und nun Marie Antoinette – das Grauen, schlechter deutscher Schlager, der sich als Musical tarnt. Nicht nur, dass die Texte von größter dichterischer Schlichtheit sind, die Rollen plärren auch noch die ganze Zeit offen heraus, was sie gerade fühlen, denken, und auch noch, welche Funktion sie im Stück haben und was der kommende Konflikt ist – nichts davon wird irgendwie verschlüsselt, nichts durch die Blume gesagt, meine Güte, ist das platt. Und ich rede nicht von einem oder zwei Ausrutschern, nein, das geht von vorn bis hinten so. Dazu dann die Musik – genauso belanglos. Das ist ein kitschiger uninspirierter Musikbrei, grauenhaft.

Kunze und Levy sind nicht mehr die jüngsten, und vermutlich wollten sie noch so lange ein bisschen Geld zusammen verdienen, wie sie es können – aber wie schade, dass so ein Machwerk in einem Musicaltheater aufgeführt wird, während sich begabtere Texter und Komponisten über ähnliche Möglichkeiten ein Loch in den Bauch freuen würden.