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Vom Fatshaming und dem Beleidigen von Nazis

Twitter ist mal wieder eskaliert und es wird über seltsame Sachen diskutiert. Ich unternehme einen Versuch, das alles einzuordnen.

Christopher @schmidtlepp Lauer twitterte vorgestern in Anlehnung an ein NPD-Wahlplakat, dass eine mollige Frau mit lustigen Haaren und den Spruch „Jung, frech, national!“ zeigt, eine Abwandlung in „Jung, frech, adipös!“ Fand er in dem Moment sicher einen lustigen Spruch, passiert. Wie einige andere, machte auch ich ihn darauf aufmerksam, dass Fatshaming nicht gegen Nazis hilft. Er antwortete zwar nicht mir, aber anderen mit vehementer Verteidigung seines Tweets. Später eskalierte die Diskussion noch kräftig und, ojeh, sie eskalierte schnell.

Erstmal, ich hasse Fatshaming. Ich bin selbst recht voluminös und weiß, wie es ist, aufgrund seiner Figur diskriminiert zu werden. Desweiteren: Ich mag Christopher Lauer, ich mag auch seinen aggressiven Stil mit politischen Gegnern umzugehen, und daran hat sich auch nichts geändert. Ich gehe stark davon aus, dass jedes, und ich meine damit alles und jedes, Fehler macht und nicht immer total aufmerksam ist. Bin ich auch nicht. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man alles zu ernst nehmen sollte. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass Christopher die Kritik angenommen hätte. Aber ich weiß auch, dass das schwer ist.

Desweiteren: Ich habe kein Interesse und keinen Grund, die NPD-Kandidatin in irgendeiner Weise zu verteidigen. Würde ich nie tun. Es geht nämlich gar nicht um diese Nazi – wie dekliniert man eigentlich Nazis? Der Nazi, die Nazi, das Nazi? -, es geht mir um unsere eigenen Methoden. Die Frau ist in der NPD und kandidiert für solche. Das ist eine menschenfeindliche Entscheidung, denn die NPD ist eine menschenfeindliche Partei. Natürlich gibt es keine Verteidigung für diese Frau, denn sie stellt sich außerhalb eines menschlichen Wertekanons. Wenn sie für diese Partei kandidiert, dann führt ihr Menschen- und Weltbild klar in Richtung Auschwitz.

Sie ist eine Vertreterin des ausufernden Supremacy-Gedankens. Irgendwer ist besser als andere Menschen, weil irgendwas ist. Diese Supremacy-Ideologie äußert sich in Rassismus und Homohass, in Antisemitismus und Nationalismus, aber eben auch in Sexismus und Fatshaming. Irgendeine Frau wegen ihres rundlichen Äußeren anzugreifen ist letztlich Supremacy – also genau das, was diese spezielle Frau und ihre Partei selbst verkörpert.

Klar kann man jetzt sagen, hey, wir schlagen sie dann halt mit ihren eigenen Waffen. Ich seh das anders. Ich möchte nicht, dass wir deren Waffen benutzen. Ich möchte nicht, dass wir menschenfeindlich werden, weil sie menschenfeindlich sind. Das Opfer wäre zu groß.

Bevor das jetzt wieder ausufert. Ich werfe Christopher jetzt nicht vor, ein „Schlankheitsnazi“ zu sein, und Frauen sollen entscheiden, ob sie ihm vorwerfen wollen, ein Sexist zu sein. In unserer Gesellschaft ist es Usus, über dicke Menschen zu lachen und sie zu diskriminieren, das ist tief verankert und wird medial ständig transportiert. Ebenso wird uns unser ganzes Leben lang eingeprügelt, Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren. Da fällt jedes mal drauf rein. Und wenn ich sofort darauf geantwortet habe, dann war das einfach sachliche Kritik, kein persönlicher Angriff. Man geht da automatisch in Verteidigungshaltung, und das ist auch normal. Also: ich halte den Tweet für ein falsches Signal, aber weder entfolge ich @schmidtlepp deswegen, noch halte ich ihn jetzt für einen bösen Menschen.

Aber eine Sache sollte eigentlich klar sein. Nicht, wie die Frau aussieht, ist das Problem, was sie denkt, ist das Problem. Und jeder Versuch, sie lächerlich zu machen – gilt übrigens ähnlich für jeden Versuch, sich über Nazis mit ableistischem Gelächter und „Boah, sind die doof!“-Schreien zu erheben – lenkt davon ab, dass sie menschenfeindlichen Scheiß vertritt. Das ist das Problem!